Bild: © Erzbistum Berlin/Jörg Farys

Predigt zur Einführung von P. Felix Meckl OSA

© P. Felix M. Meckl OSA
Es gilt das am 4. Januar 2026 in St. Augustinus Berlin gesprochene Wort.

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben,

jetzt darf ich das Wort Gottes, das wir eben in Lesung und Evangelium gehört haben, auslegen. Darin sehe ich einer meiner zentralsten Aufgaben als Pfarrer der Studierendengemeinde: Ich leite die verschiedenen Formen der Liturgie, in der wir zusammen Gottesdienst feiern und Gottes Dienst annehmen. Gerne werde ich dieses Privileg mal abgeben resp. teilen, denn wir alle sind Suchende. Tastend unterwegs, dem einen wahren Gott entgegen. Jeder Impuls, jeder Hinweis auf diesem Weg ist wichtig; wird wirksam und heilsam sein, tröstend und bereichernd, alles neumachend und dabei ewig gleich sein.

Heute, da ich in meinen neuen Dienst eingeführt wurde, will aber ich auf die heiligen Texte schauen und versuchen, mit Euch zu teilen, was ich darin gelesen und verstanden habe – für mich und für uns. Als rote Linien im Meer von Gottes Worten dienen mir die Stichworte: Demut und Dauer.

Gottes Wort, wie wir es heute gehört haben, bietet Umfängliches: Rat und Richtung, Warnung und Lob, ewige Gültigkeit und bestechende Aktualität.

Kirche ist für mich eine Gemeinschaft von Heiligen, die auf Zeit miteinander unterwegs sind. Mal dauert dies ein Leben lang. Wenn man in eine Gemeinde hineingetauft und durch Kindheit und die darin gefeierten kirchlichen Momente verwurzelt ist. Gleichzeitig aber, brechen viele immer auf, verlassen ihre Heimatgemeinden – freiwillig oder sogar gezwungen durch wirtschaftliche oder gar politische Not. Sie finden Anschluss in anderen Gemeinden, denn wir sind eine weltweite Gemeinschaft und in allen Kirchen wird mehr oder weniger dasselbe gefeiert. Damit erzähle ich nichts Neues, aber es geht mir hier um die Wahrnehmung! Es gibt eine lebenslange Verwurzelung und zeitgleich eine Pilgerschaft.

Im Idealfall verstehen wir Kirche im altbewährten Bild: Kirche als Gottes Zelt auf Erden. Immer gleich und doch mobil, mal leicht, mal schwer zu errichten, aber vertraut und heimelig, manchmal schwer zu ertragen oder komplex im Mit-aufbauen. Kirche der Ewigkeit in der Zeit.

Für die KSG Berlin sehe ich – auf den ersten vier Wochen – viele Fragen und Herausforderungen in diesem Themenfeld: wie lange gehört jemand zur Gemeinde? Wie fängt es an? Wie hört es auf, damit es woanders weitergehen kann? Wer gestaltet was mit? Wo sind Grenzen, Ressourcen und wo sind nicht genutzte Potenziale? Diesen Fragen müssen wir – Hauptamtliche wie Ehrenamtliche – uns stellen, damit wir als pilgerndes Gottesvolk unterwegs bleiben.

Im Rahmen meiner Einarbeitung habe ich mich durch 60-70 Ordner gewühlt, habe in verstaubten Akten geblättert und versucht Geschichte und Geschichten zu erfahren und zu verstehen. Viel Wertvolles, manch profanes, einiges was sich selbst überlebt hat und wirkliche Schätze, quasi Sternstunden der Gottesnähe. So einiges kann weg, manches muss bleiben.

Nach Papier und Vergangenheit sollen jetzt mit dem neuen Jahr Zukunft und Menschen mehr in den Mittelpunkt rücken: Wen finden wir in der schillernden Dunkelheit der Großstadt Berlin als wichtige Kooperationspartner? Wer hilft uns, die rechten Worte zu finden in den anstehenden Aufgaben? Ganz konkret: Wer stellt sich zum Dienst bei der anstehenden Wahl zum Gemeinderat? Wann und wo brechen wir Gottes Zelt ab, um anderorts etwas aufzubauen?

Bei all diesen Herausforderungen bin ich mir bewusst, dass ich die in der Lesung besungene Weisheit nicht mit Löffeln gegessen habe. Gott ist die Weisheit und ER wird sie uns mitteilen. Mit dieser Demut trete ich meinen Dienst an und bitte euch alle um wohlwollende Unterstützung.

Das Licht ist in der Welt: seit dem ersten Schöpfungstag, seit der Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth und jetzt wieder neu in uns allen, durch dieses Weihnachtsfest. Lasst uns dieses Licht und aus Gottes Wort jeden Funken teilen, den wir von IHM verstanden haben. Licht wird mehr, wenn man es teilt. So sei es auch in der KSG Edith Stein Berlin, mit Glauben, Hoffnung und Liebe als Gemeinschaft der Suchenden unterwegs zu sein, auf Gott hin.

Und wie schon Augustinus sagte (Primizspruch): Was du in anderen entzünden willst, muss brennen in dir. Amen.

Glaube im Spiegel der Zeit

Glaube im Spiegel der Zeit

TikTok, Instagram und co. Entführen uns zumeist in eine andere Welt. Wir können der realen Welt entfliehen, den Alltag vergessen. Doch ist daran nicht immer nur alles positiv zu sehen. Wir sind in der sog. „digitalen Welt“, genauso wie in der realen, vielen Eindrücken ausgesetzt, was wir zum Teil vielleicht gar nicht mal mehr so bemerken, hinsichtlich der Algorhythmen, welche diese Welt auf unsere ureigenen Interessen auslegen. Doch was, wenn neue Eindrücke oder besonders Trends sich den Weg in unser Bewusstsein bahnen? Das kann nicht nur der Fall sein mit Shopping Halls oder diversen Challenges, sondern auch mit christlichen Content.
Der christliche Glaube wird dort zumeist gerne instrumentalisiert, um dem Fortschritt der Gesellschaft, wie es den Anschein hat, irgendwie entgegenzuwirken oder zu verlangsamen. Fakt ist, wir leben in einer Gesellschaft, die sich rasant verändert hat und noch immer tut, unter anderem eben auch im Blick auf die Rollenbilder, die uns vielleicht noch in der Kindheit vermittelt wurden. Feminismus, Transaktivisten und co. Setzen sich für die gleichen Rechte aller Menschen ein. Doch, inwiefern hängt das mit dem zuvor angesprochenen christlichen Social Media zusammen? Ganz einfach, wie schon erwähnt wirken viele Trends in der christlichen Social Media Bubble gerne entgegen der gesellschaftlichen Entwicklung. Um ein Beispiel zu nennen: Der Trend der sogenannten Tradwifes, der momentan auf TikTok und Instagram einen großen Wirbel veranstaltet und durch die Decke geht.
Lasst mich das Phänomen kurz erklären, auch für diejenigen, die vielleicht noch nichts davon mitbekommen haben. Tradwifes, eine abgekürzte Form für „traditional wifes“ – „traditionelle Ehefrauen“, sind ein Abbild dessen, was Frauen in der westlichen Welt besonders in den 1950er und 1960er verkörpert haben. Vorweg möchte ich sagen, dass es per Se aber gar nichts schlechtes ist, wenn eine Frau sich bewusst dafür entscheidet, eine solche traditionelle Rolle einzunehmen. Das große ABER dabei ist jedoch, wenn sie aufgrund des gesellschaftlichen Zwangs dort hineingetrieben worden ist, um die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Was tragen aber nun virale Trends wie der der Tradwifes zu unserer realen Welt bei und warum kann dies gefährlich werden? Nun ja, sie vermitteln ein absolut romantisiertes Bild dieser doch zumeist harten Realität und wir als Konsumierende dieser Inhalte, dieses total romantisierten zumeist unwirklich perfekten Bildes bekommen keinen Aufschluss darüber, warum eben ein solches doch stark cliché-haftes Rollenbild heutzutage vielleicht schwieriger sein könnte, als viele vielleicht zunächst annehmen. Und da wären wir wieder im Spiegel der Gesellschaft. Viele greifen dieses Narrativ des Bildes der Tradwifes auf und wollen dieses der doch soweit emanzipierten Frau wieder überstülpen – ob diese es nun will oder eben nicht.
Warum erzähle ich jetzt aber davon? Die einfache Antwort befindet sich schon in der Einleitung dieser Predigt. Der christliche Glaube wird gerne für bestimmte Zwecke instrumentalisiert – nämlich gerne von Rechten, die sich christlicher Narrative bedienen, die zumeist nicht hinterfragt werden – wir kennen die (von Rechten stammenden) Argumente von wegen „das christliche Abendland und seine Werte müssen geschützt werden“. So schreibt die Zeit dagegen bspw. Dass es das Phänomen der Tradwifes gar nicht im politisch linken Kontext zu finden ist. Warum? Da patriarchale Strukturen dort zumeist weniger vertreten sind, als es nun einmal im rechten politischen Kontext der Fall ist. Anders gesagt, die Frau ist dem Mann weniger untergeordnet. Hinsichtlich einer solchen Einordnung, bei der man sich beim Konsum auf Tiktok und co. Gar nicht recht konzentriert, da das eigentliche Anliegen ja einfach nur abschalten sein soll. Doch immer muss der Kontext des Contents den wir verfolgen beachtet werden. Die Berliner Morgenpost spricht, um bei unserem Beispiel zu bleiben, in Bezug auf diesen Trend der „traditionellen Ehefrau“ von einer „Gefahr für die Demokratie“, denn „Das Propagieren dieses weiblichen Rollenbildes befeuert den aktuellen Rechtsruck in Deutschland. „Ich muss hier an die Gegenüberstellung einer ‚modernen, befreiten Feministin‘ gegenüber der ‚traditionellen Frau‘ der AfD Sachsen denken“, schreibt eine Userin und dies wird auch von Experten, wie Margreth Lüneburg, Professorin für Kommunikationswissenschaften, bestätigt. Solche Trends dienen der politischen Indoktrinierung. „Hinter diesen Videos verbirgt sich eine klare, strategische Kommunikation der Rechten“, sagt die Expertin. Noch weitaus verbreiteter als in Deutschland seien diese Mechanismen in den USA.
Manche von euch mögen sich dennoch die Frage stellen – Was ist denn nun so schlimm daran, wenn ich diese Videos konsumiere, sie unterhalten mich doch? Dann kann nur darauf hingewiesen werden, dass so ein Content immer ein wenig hinterfragt werden muss, auch hinsichtlich des politischen Kontextes, für welchen er ausgenutzt werden kann. Wie schon erwähnt, solche Eindrücke prägen uns, ob bewusst oder unbewusst, und es kann daher gefährlich für unsere gemeinsam geteilte reale Welt werden, in der eben nicht nur jeder für sich ist, wenn wir nicht anfangen solche Dinge zu hinterfragen. Gott gab uns allen immerhin den freien Willen, damit wir uns selbst ein Bild machen und für uns entscheiden können. Wir müssen aus unseren eigenen online aufgebauten Parallelwelt austreten können, in der wir Unterhaltung erfahren und anfangen uns die Frage zu stellen – Was machen diese Eindrücke eigentlich mit mir selbst? Meinem Umgang mit meinen Mitmenschen? Stehe ich wirklich hinter dem, was ich da gerade schaue?
Wissen wir eigentlich, wer uns da was vermitteln möchte? Die Frage ist tatsächlich wichtig, denn: oft gehören diese, zum Teil auch als Vorbilder oder Inspiration dienenden Personen, wie heute Nara Smith oder in den 80ern vllt. auch Tom Cruise, ganz bestimmten Richtungen des Christentums, oder vermeidlich des Christentums an. Doch sind gerade sie es, die in Strukturen von Freikirchen oder Sekten ihren Glauben leben, in denen es immer strikte Regeln und Rollenbilder gibt, zumeist mit einer strengen Hierarchie. Möchten wir das auch? Unsere Freiheit in Leben und Glauben so abhängig machen? Oder diesen Formen des gelebten Glaubens vielleicht auch zustimmen dabei nicht realisierend, in welche instrumentalisierte Falle man dabei vielleicht gerade tappt? Denn Fakt ist, dass viele solcher vermeidlich christlichen Glaubensausrichtungen von einer ganz bestimmten politischen Richtung ausgenutzt werden. Sie stimmen stark in ihrem gesellschaftlichen Verständnis überein, das zumeist menschenverachtend aufgebaut ist. Sie picken sich sozusagen das aus dem Christentum und seinen Werten das raus, was sie selbst gut für ihre eigenen Zwecke benutzen können. Tatsächliche christliche Werte spielen heute für viele dabei aber keine übergeordnete Rolle mehr, doch wenn man sie für seine Zwecke nutzen kann, ganz im Sinne „des Schutzes unseres Landes mit seinen Werten und Traditionen“ – dann, warum nicht darauf zurückgreifen?
Es soll aber auch gesagt sein, dass es natürlich auch anders herum geht. So gibt es auch Creator*innen, die darüber aufklären, was wirklich in der Bibel wörtlich steht oder wie es auch ausgelegt werden kann, um eben nicht nur einem ganz bestimmten Narrativ zu entsprechen. Auch gibt es viele, die darüber aufklären aus solchen fundamentalistischen Gemeinden oder zumindest doch sehr radikalen, wie den Mormonen, auszusteigen, was es für das eigene Leben bedeutet und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, immer mit dem Hintergedanken, dass sie es geschafft haben, andere aber in diesen Strukturen, die nun zumeist von der Gegenseite romantisiert werden, gefangen sind.
Anhand der Social Media Trends lässt sich erkennen, dass es gerade wieder einen Aufschwung des Glaubens und der Narrative dessen gibt, doch können sie in vielerlei Richtung ausgelegt und diskutiert werden. Doch sollte dich dein eigenes Glaubensleben nicht in deinem Alltagsleben einschränken, wie es vielleicht bei so manchen Trends den Anschein haben könnte. Man muss für sich eine klare Linie ziehen und sich von diesen, doch leicht fundamentalistisch anmutenden Trends, abgrenzen können, denn der Glaube darf und muss in Freiheit ausgelebt werden und das sollte ein jeder von uns auch tun und dürfen. Genauso kann ein jeder seinen eigenen Glauben festigen und stark machen, um nicht auf solche Strategien hineinzufallen oder gar den Erwartungen anderer zu entsprechen.
Papst Franziskus sprach mal davon, dass unsere Welt von Gurus, Hexen und Hexern – anders gesagt von „falschen Rettern, die versuchen Christus Platz einzunehmen“ bedroht sei – von Personen, die dem Christentum evtl. gar nicht mal so nahe stehen. Doch vielleicht hat sich in den fast 15 Jahren, seit Franziskus diese Worte veröffentlichte, eine Menge getan. Vielleicht hat sich das Blatt gewendet und es sind eben solche ernannten christlichen Influencer, die heute die Welt ins Wanken bringen und den Glauben, sowie die Weltsicht vieler erschüttern können. Es gibt viele Arten Christ-Sein zu leben und jeder kann dies auf seine Weise auch tun, doch sollten dabei nie die Rechte und Grenzen anderer verletzt werden. Wo meine Freiheit endet, beginnt die eines anderen. „Es werden Tage kommen, an denen von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleibt, der nicht niedergerissen wird.“ Ist das so? Bewegen wir uns gerade darauf zu? Oder bauen wir den schon halb eingerissen Tempel gerade Stein für Stein wieder auf? Dass wir nicht Acht geben und doch wieder in die Irre geführt werden?
Denn: Trends, Algorithmen und glänzende Bilder auf Social Media versprechen Identität und Richtung – doch sie können sich rasch ändern und Sicherheit nur oberflächlich geben.

 

Social Media whisk us away into another world. We can escape reality and forget our everyday lives for a while. But not everything about this is positive. In the so-called “digital world,” just as in the real one, we are exposed to countless impressions—many of which we hardly even notice anymore because algorithms tailor this world to our personal interests. But what happens when new impressions or particular trends make their way into our consciousness? This doesn’t happen only with shopping hauls or various challenges—it also happens with Christian content.
Christian faith is often instrumentalized there, seemingly to slow down or counteract societal progress. The fact is: we live in a society that has rapidly changed—and still is changing—especially regarding gender roles we may have learned in childhood. Feminism, trans activists, and others advocate for equal rights for all people. But how does this connect to Christian social media? Quite simply: as mentioned, many trends within the Christian social-media bubble seem to work against societal development. One example is the so-called “tradwife” trend that is currently causing quite a stir on TikTok and Instagram.
Let me briefly explain the phenomenon for those who haven’t encountered it yet. “Tradwives,” short for “traditional wives,” are an image of the role women in the Western world often held in the 1950s and 1960s. I want to make clear: there is nothing inherently wrong if a woman freely chooses such a traditional role. The big BUT is when she is pushed into it by social pressure, expected to fulfill the standards of others.
But what do viral trends like the tradwife movement contribute to our real world—and why can they be dangerous? They promote a highly romanticized picture of a reality that was often harsh. As consumers of these idealized, dreamy images, we usually receive no explanation of why a cliché-laden role model like this might be more difficult today than it seems. And this brings us back to society at large: many people adopt the tradwife narrative and try to impose it on women—even if the women themselves do not want it.
Why am I talking about this? The answer lies in the introduction: Christian faith is often used for specific purposes—particularly by right-wing groups that rely on Christian narratives, which are frequently accepted without question. We know the arguments claiming that “the Christian Occident and its values must be protected.” According to Die Zeit, the tradwife phenomenon does not appear in left-wing contexts. Why? Because patriarchal structures are far less present there than in right-wing politics—simply put, women are less subordinated to men. It is difficult to notice such dynamics when scrolling TikTok where the main goal is to “just switch off.” But context always matters.
Berliner Morgenpost, for instance, describes the tradwife trend as a “danger to democracy” because “promoting this female role model fuels the current shift to the right in Germany.” One user writes: “I can’t help but think of the contrast between a ‘modern, liberated feminist’ and the ‘traditional woman’ of AfD Saxony.” Experts, such as communications professor Margreth Lüneburg, confirm this. Such trends serve political indoctrination. “Behind these videos lies a clear strategic communication of the right,” she explains. These mechanisms are even more widespread in the United States than in Germany.
Some of you might still ask: “What’s so bad about watching these videos? They’re entertaining!” But it must be said: this kind of content should always be questioned—especially regarding the political context it can be used to support. As mentioned, such impressions shape us, consciously or unconsciously, and this can become dangerous for the real world we share—because no one lives in isolation. We must ask ourselves: What do these impressions do to me? To my interactions with others? Do I truly agree with what I’m watching?
Do we even know who is trying to convey what to us? This question is crucial. Many of these seemingly inspirational figures—whether today’s Nara Smith or, in the 1980s, Tom Cruise—belong to particular branches of Christianity, or claim to. Often, they are part of free churches or sect-like groups characterized by strict rules and rigid role hierarchies. Do we want that? Do we want our freedom in life and faith to depend on such structures? Or do we accidentally endorse these forms of faith without realizing that we are falling into an instrumentalized trap? The fact is: many of these supposedly Christian movements are used by specific political groups because they share a similar worldview—one that is often built on exclusion. They pick selectively from Christian values whatever suits their purposes. Genuine Christian values no longer play a major role—unless they can be weaponized “to protect our country, its values, and its traditions.”
But it should also be said: the opposite exists as well. There are creators who explain what the Bible actually says—or how it can be interpreted in ways that do not simply affirm a narrow narrative. Many speak openly about leaving fundamentalist or highly restrictive groups, such as the Mormons, and share what this means for their lives, always mindful that while they were able to free themselves, others remain trapped in structures that are now being romanticized by the opposite side.
These social-media trends show that narratives of faith are making a comeback—but they can be interpreted and discussed in many different ways. Your own spiritual life should never restrict your everyday life, as some trends might imply. We must draw clear boundaries and distance ourselves from content that seems even slightly fundamentalist—for faith must be lived in freedom. Everyone should be able to strengthen their own beliefs so as not to fall for such strategies or feel compelled to meet others’ expectations.
Pope Francis once said that our world is threatened by gurus, witches, and sorcerers—“false saviors who try to take Christ’s place”—people who may not even be close to Christianity. But perhaps, in the nearly fifteen years since he said this, things have changed. Perhaps the tide has turned, and it is now these self-appointed Christian influencers who shake the world and unsettle the faith and worldview of many. There are many ways to live as a Christian, and everyone may do so in their own way—but never at the expense of others. Where my freedom ends, another’s begins.
“There will come days when not one stone will be left upon another; all will be thrown down.” Is that what is happening? Are we moving toward that? Or are we rebuilding a half-destroyed temple stone by stone—unaware that we are being led astray again?
Because: trends, algorithms, and glossy images on social media promise identity and direction—but they can change quickly and offer only a superficial sense of security.

 

[Predigt von Marina von Brechan]

Bild: Anette Jones pixabay

Predigt zum Patronatsfest des Katholisches Schulzentrum Edith Stein

„Frieden schaffen“

Liebe Schulgemeinschaft,
„das Leben ist es wert, gelebt zu werden“. So lautet ein Tagebucheintrag von Etty Hillesum. Ich finde diesen Satz sehr bemerkenswert. Nicht nur, wenn man beachtet, dass Etty diesen Satz im Durchgangslager Westerbork in ihr Tagebuch schrieb im Wissen um all die Gräueltaten, sondern auch in Anbetracht unserer heutigen Zeit.
Der Satz spricht für mich von Kraft, Hoffnung und Mut. Und auch von der Zuversicht, dass es gut werden kann. So wie Etty auch schreibt, dass Frieden möglich ist, für sich hat sie diese Hoffnung nicht mehr, aber für zukünftige Generationen, und damit auch für uns heute.
Um diesen Frieden zu erreichen, so schreibt Etty, müssen wir Menschen Gott dabei helfen.
Wie kann das gelingen?
Da finde in der Lesung aus dem Kolosserbrief zwei gute Ratschläge.
Paulus hat den Brief an die ihm unbekannte Gemeinde in Kolossä geschrieben, da in der Gemeinde Irrlehren kursierten und er sich um den Glauben der Menschen sorgte. Der Abschnitt, aus dem die Lesung stammt, handelt von den praktischen Konsequenzen für das Leben als Christ und die gelten auch für uns hier und heute.
Liebt einander vollkommen
Einander lieben, gut miteinander umgehen- das hört sich erstmal leicht an. Doch wie sieht es mit der Umsetzung im Alltag aus? Wie schnell sind wir sauer auf unsere Mitmenschen, wenn sich im Supermarkt jemand an der Kasse vordrängelt, bei der S-Bahn beim einsteigen drängelt und mir die Tasche dabei in die Seite haut oder wie sieht es in der Politik aus? Freundlicher Umgang ist da eher selten zu sehen.
Als Christ*innen sollen wir ein Vorbild und unsere Mitmenschen gut behandeln, Nächstenliebe zeigen, das muss nicht die riesengroße Geste sein, es reicht manchmal schon ein Lächeln, das Zurückhalten meines Ärgers, ein freundliches Wort, oder das Einstehen für andere.
Friede wohne bei euch
Frieden ist ein wichtiges Gut, das wusste Etty Hillesum und das spüren auch wir heute. Wo fängt man an beim Frieden?
Bei mir, meiner Familie und Freund*innen, Arbeit, Schule und Freizeit. Ich kann für mich überlegen, wo ich in meinem Umfeld die Welt ein wenig friedlicher gestalten kann, wo ich Zeichen des Friedens setzen kann. Auch das reicht oft ein Lächeln, eine ausgestreckte, hilfsbereite Hand und der konkrete Einsatz für Frieden, indem ich mich stark mache für ein gutes Miteinander und Versöhnung.
Frieden fängt bei mir an und ich kann ihn weitergeben.
So können wir, kann jeder einzelne von uns im Sinne von Etty Hillesum Gotte beim Schaffen von Frieden helfen.
Denn Frieden ist möglich und wir können ihn mitgestalten. Lasst uns zu Werkzeugen des Friedens werden. Amen.

Bild: Sunguk Kim

Semestereröffnung

Aufbruch

Predigt Bruder Johannes

[english below ]

  1. Leben heißt aufbrechen, wer nicht aufbricht verpasst das Leben.
    Wegen des Studiums haben viele Studierende ihre Heimat verlassen. Machen fällt das schwer vertraute familiäre Bindungen und Freundschaften nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu haben, andere stoßen einen Freudenschrei aus und sagen: „Endlich nach Berlin“
  2. Lesung hat auch mit Aufbruch zu tun, es fügt sich für das Volk Israel endlich der Ägyptischen Unterdrückung zu entkommen, sie deuten dies als Gottes Fügung und fühlen sich von Gott getragen.
    Das Glück hält aber nur kurz an, dann warten neue Herausforderungen auf sie: Hunger und Durst in der Wüste, bedrohende Gefahren durch andere Völker, wie im Text die Amalekiter erwähnt werden.

Ähnlich wird es manchem Studenten gehen, er kommt mit Freude nach Berlin, erlebt dann aber auch bald Hunger nach Beziehungen, weil eine Stadt auch sehr einsam machen kann, Durst nach Leben, weil das Leben mehr ist als Studieren und jobben um  die Wohnung zu bezahlen.
Oder da schwebt der dauernde Zweifel über dem Studium: „Schaffe ich das???“. Wenn dann noch Konflikte mit Mitstudierenden dazu kommen, kann es eng werden.

 

  1. Lesung und Evangelium sind eine Ermutigung sich bei all dem an Gott zu wenden. Er sieht und erhört unseren Hilfeschrei wie der der Witwe im Evangelium.

Die Israeliten greifen in dieser Situation auch auf Gott zurück, denn sie hatten seine Hilfe ja schon erfahren. Mose der Anführer des Volkes betet für sie und wird dabei von Aaron und Hur unterstützt. Solange Mose die Hände zum gebet erhoben behält siegen sie, sobald sie sinken verlieren sie. So konnten sie die Gefahren abwehren. Gott hat ein Herz für den Menschen.

  1. In solchen Situationen ist aber auch Gemeinschaft wichtig, Aaron und Hur unterstützen Mose.
    Deshalb ist eine Katholische Hochschulgemeinde so wichtig für die Stadt. Hier sollte der aus der Fremde kommende Beheimatung erfahren, andere Studierende finden, die ein Ohr für seine Nöte haben und sehen was jemand braucht. Die KSG sollte dann aber auch ein Ort sein, wo man gemeinsam seinen Glauben vertieft und in zeitgemäßen Gottesdiensten feiert.
    Und darüber hinaus geht es dann auch darum ein gemeinsames Engagement für Benachteiligte Menschen in Berlin mitzutragen, um die Stadt etwas heller zu machen.
  2. Das Semestermotto lautet:  „Frieden geht. Hoffnung oder schon zu spät?“
    Nein, es ist nicht zu spät, denn du und die KSG können ihn anfangen heute zu leben und ein Leuchtturm in dieser Stadt Berlin sein. Bist du bereit diesen Ort dafür mitzugestalten und Zeit dafür einzusetzen? Trägst du verlässlich Engagements mit durch auch wenn es mal schwierig wird?
    Darauf wird es ankommen. Möglich ist der Frieden.

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First semester opening service KSG Berlin 19 October 2025

  1. Life means setting out, those who do not set out miss out on life.

Many students have left home to study. Some find it difficult to no longer have familiar family ties and friendships in their immediate vicinity, others let out a cry of joy and say: ‘To Berlin at last’

  1. 2nd reading also has to do with departure, it is fitting for the people of Israel to finally escape Egyptian oppression, they interpret this as God’s providence and feel carried by God.

But the happiness only lasts for a short time, then new challenges await them: Hunger and thirst in the desert, threatening dangers from other peoples, as the Amalekites are mentioned in the text.

Some students will feel the same way, coming to Berlin with joy, but then soon experiencing hunger for relationships, because a city can also be very lonely, thirst for life, because life is more than just studying and working to pay for a flat.

Or there is the constant doubt hovering over your studies: „Can I do it? When conflicts with fellow students are added to this, things can get tight.

3 The reading and the Gospel are an encouragement to turn to God in all of this. He sees and hears our cry for help, like that of the widow in the Gospel.

The Israelites also turn to God in this situation because they had already experienced his help. Moses, the leader of the people, prays for them and is supported by Aaron and Hur. As long as Moses keeps his hands raised in prayer, they win; as soon as they fall, they lose. This is how they were able to ward off the dangers. God has a heart for mankind.

4 But community is also important in such situations, Aaron and Hur support Moses.

That is why a Catholic university community is so important for the city. Here, those coming from abroad should feel at home, find other students who listen to their needs and see what someone needs. The KSG should also be a place where people can deepen their faith together and celebrate it in contemporary church services.

And beyond that, it is also about sharing a common commitment to disadvantaged people in Berlin in order to make the city a little brighter.

5 The motto for the semester is: „Peace is possible. Hope or already too late?“

No, it’s not too late, because you and KSG can start living it today and be a beacon in this city of Berlin. Are you ready to help shape this place and dedicate your time to it? Are you reliably committed, even when things get difficult?

That’s what it will come down to. Peace is possible.

Predigt Bruder Johannes

Bild: Jesuiten.org

Dankbarkeit und Zynismus

Liebe Studierende!

1. Willkommen im Zeitalter des Zynismus
Ihr kommt aus verschiedenen Ländern, studiert unterschiedliche Fächer, habt verschiedene
Perspektiven auf die Welt. Aber vermutlich teilt Ihr alle etwas: Ihr scrollt tagtäglich durch
Social Media und seht eine Welt voller Krisen: Klimawandel. Kriege. Politische Polarisierung.
Wirtschaftliche Unsicherheit.
Die Probleme scheinen kaum lösbar, und wer konkrete Verbesserungsvorschläge macht, wird
in den Kommentaren oft zerrissen. Da können sich Enttäuschung und Resignation
breitmachen: der Eindruck, die Welt sei schlecht, die Menschen egoistisch. – Willkommen im
Zeitalter des Zynismus.

2. Eine alte Geschichte mit aktueller Relevanz
Aus dem Lukasevangelium haben wir gerade eine bemerkenswerte Geschichte gehört: Zehn
Menschen mit Aussatz begegnen Jesus. Aussatz bedeutete damals nicht nur Krankheit,
sondern den völligen Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben.
Jesus heilt alle zehn. Doch nur einer kommt zurück, um zu danken. Und dieser eine ist ein
Samariter, ein Ausländer. Von ihm können wir lernen für unsere Gegenwart.
3. Was wir vom Samariter lernen können
Der Stanford-Psychologe Jamil Zaki hat letztes Jahr ein Buch veröffentlicht: „Hope for Cynics“
– Hoffnung für zynische Menschen. Seine zentrale These: Zynismus – die Überzeugung, dass
Menschen grundsätzlich egoistisch sind – macht uns krank und unglücklich. Zynische
Menschen sind im Durchschnitt depressiver, verdienen weniger, haben schlechtere soziale
Beziehungen und sterben früher.
Und überraschend: Sie sind nicht klüger. Sie schneiden bei kognitiven Tests sogar schlechter
ab. Warum? Weil Zynismus zu einer falschen Wahrnehmung führt. Wir sehen nur noch das
Negative.

Durch diesen negativen Blick werden wir passiv. Diese Passivität verschlimmert genau die
Probleme, die wir beklagen. Und das wiederum bestärkt uns in unserem Zynismus… Ein
Teufelskreis.
Dankbarkeit, wie der Samariter sie zeigt, durchbricht diesen Teufelskreis. Auf drei Punkte will
ich besonders hinweisen.

3.1. Dankbarkeit weitet den Blick
Dem Samariter geht auf, dass ein neues Leben vor ihm liegt – voll ungeahnter Möglichkeiten.
Dankbarkeit bedeutet nicht, Probleme zu ignorieren. Sie bedeutet, ein vollständigeres Bild
der Wirklichkeit zu sehen. Ja, die Welt steht vor gewaltigen Herausforderungen. Aber:
Extreme Armut wurde in den letzten Jahrzehnten drastisch reduziert. Die Kindersterblichkeit
ist gesunken. Mehr Menschen als je zuvor haben Zugang zu Bildung.
Hans, Anna und Ola Rosling haben in ihrem Buch „Factfulness“ gezeigt: Menschen
unterschätzen systematisch, wie sehr sich die Welt verbessert hat. Nicht weil alles perfekt ist,
sondern weil Fortschritt oft langsam und unsichtbar geschieht, während Krisen häufig
plötzlich und grell auftreten.
Zynismus verengt unseren Blick auf Negatives. Dankbarkeit korrigiert diese Verzerrung. Sie
zeigt uns: Positive Veränderung ist möglich, weil sie bereits stattgefunden hat.

3.2 Dankbarkeit verbindet Menschen
Der Samariter kam zurück und trat in Beziehung zu Jesus.
Zynismus macht uns misstrauisch. Wir isolieren uns. Das Ergebnis? Einsamkeit – eine große
Krise unserer Zeit.
Dankbarkeit durchbricht Isolation. Wenn wir danken, entstehen Beziehungen. Und diese
Verbindungen können die Basis für kollektives Handeln werden.
An den Berliner Unis seid Ihr eine internationale Studierendenschaft. Ihr baut jeden Tag
Brücken zwischen Kulturen. Ihr könntet zynisch sein wegen nationaler Grenzen, kultureller
Differenzen, politischer Konflikte. Stattdessen lernt Ihr miteinander. Ihr arbeitet an der Uni
und in der KSG zusammen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist Hoffnung in Aktion.

3.3 Dankbarkeit motiviert zum Handeln
Der Samariter wurde aktiv: Er kehrte um, lobte Gott, dankte Jesus, brach in eine neue
Zukunft auf.
Zynismus lähmt uns. Dankbarkeit setzt uns in Bewegung.
Jamil Zaki schreibt: „Es ist tatsächlich Hoffnung – das Gefühl, dass sich Dinge verbessern
können – gemischt mit Empörung, die Menschen motiviert, für Fortschritt zu kämpfen.“ Nicht
Zynismus bringt Veränderung, sondern Hoffnung. Die sich wiederum speist aus Dankbarkeit.

Wenn Ihr erkennt, was bereits erreicht wurde – medizinischer Fortschritt, technologische
Innovationen, soziale Bewegungen, die Rechte erkämpft haben – dann seht Ihr: Engagement
wirkt.
Dankbarkeit für diese Errungenschaften heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Im
Gegenteil: Sie gibt uns die Kraft zu sagen: „Wenn das möglich war, dann können wir
weitermachen.“

4. „Hopeful Skepticism“
Zaki schlägt eine Alternative zu Zynismus vor: „Hopeful Skepticism“ – hoffnungsvolle Skepsis.
Das bedeutet: Kritisch denken, Fragen stellen, Evidenz prüfen. Und dann feststellen: Die
Evidenz rechtfertigt eine grundlegend positive Erwartung: Aktiv werden – besonders
gemeinsam mit anderen – bringt mehr, als manche uns weismachen wollen.
Der Samariter könnte ein „hopeful skeptic“ gewesen sein. Er kam aus einer marginalisierten
Gruppe und hatte viel Schlimmes erlebt – nicht nur seine Krankheit. Er hätte allen Grund zum
Zynismus gehabt. Durch die Heilung ermöglichte Jesus ihm Dankbarkeit, Verbundenheit,
Aktion.

5. Was das für Euch bedeuten kann
Ihr steht am Anfang Eurer Karrieren. Die Probleme der Welt können überwältigend wirken. Es
wäre leicht, zynisch zu werden, sich zurückzuziehen, zu resignieren.
Aber Ihr habt eine Wahl. Ihr könnt umkehren wie der Samariter. Innehalten. Erkennen, was
möglich ist. Verbindungen aufbauen. Aktiv werden. Aus Dankbarkeit.
Ich lade Euch zu einer konkreten Übung ein: Nehmt Euch jeden Tag ein paar Minuten und
reflektiert: „Wofür bin ich heute dankbar?“
Studien zeigen: Regelmäßige Einübung von Dankbarkeit verbessert mentale Gesundheit,
stärkt Beziehungen, erhöht Lebenszufriedenheit und fördert prosoziales Verhalten.
Macht es konkret. Schreibt es auf. Teilt es mit Freund*innen. Lasst es zu einer Grundhaltung
werden.

6. Der Weg nach vorn
Jesus sagte zum Samariter: „Steh auf und geh!“ Dankbarkeit ist kein Endpunkt. Sie ist ein
Startpunkt für Engagement.
Unsere Gesellschaft braucht nicht mehr zynische Menschen. Sie braucht „hopeful skeptics“:
Menschen, die kritisch denken und gerade deswegen hoffen, weil sie zynische
Schwarzmalerei hinterfragen; Menschen, die Probleme klar sehen und angehen. Die dankbar
sind für das Erreichte und deshalb für das Mögliche kämpfen.
Ihr könnt diese Menschen sein.

Berlin, 12. Oktober 2025 P. Jan Korditschke SJ

Flüchtlingsseelsorger des Erzbistums Berlin

Nicht weniger Last – mehr Rücken: Was Beten im Glauben wirklich bedeutet

Ein bisschen so wie der Prophet Habakuk hat sich vielleicht jeder schon mal gefühlt; jeder, der zu Gott in einem bestimmten Anliegen gebetet hat: Wie lange soll ich noch rufen und du hörst nicht? Es kann unter Umständen sehr frustrierend sein, immer wieder in denselben Anliegen zu beten und keine Wirkung zu sehen – im Kleinen, wenn ich um Gesundheit bete, aber trotzdem krank bleibe; oder im Großen, wenn wir immer wieder die schrecklichen Kriege dieser Welt vor Gott bringen, aber die Gewalt geht weiter.

Und wie als Antwort darauf hören wir am heutigen Sonntag Jesus, der seinen Jüngern sagt: Tja, wenn ihr mal ein bisschen Glauben hättet, dann würde das schon funktionieren mit dem Beten! Na vielen Dank. Erst werde ich nicht erhört, und dann ist es auch noch meine eigene Schuld? Das ist erst mal nicht sehr ermutigend. Aber wie immer lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was Jesus sagt. Wenn er von einem Senfkorn spricht, meint er nicht nur etwas sehr Kleines. In einem anderen Gleichnis steht das Senfkorn für das Reich Gottes. Es erscheint im Anfang klein, wächst aber über alle Erwartungen über sich hinaus. Man kann also auch verstehen: Wenn ihr Glauben hättet, der den Keim des Gottesreiches in sich trägt, wenn ihr solchen Glauben hättet, der das Potenzial hat, das Reich Gottes zu verwirklichen.

Das ist zumindest mal eine Rückfrage an mein persönliches Beten: Steckt darin eigentlich die Hoffnung auf das Reich Gottes – und nicht nur darauf, was mir selbst praktisch und tröstlich erscheint? Und vielleicht kann man auch dieses etwas kuriose Wort vom Maulbeerbaum, der im Meer wurzelt, in diese Richtung deuten. Ich weiß natürlich nicht, worum Sie im Gebet bitten, aber bei mir hat es praktisch nie mit Bäumen zu tun, die wundersam den Standort wechseln. Ich denke auch nicht, dass wir im Wortsinn darum bitten sollten. Aber womöglich meint Jesus doch: Wenn ihr Glauben hättet, dann würdet ihr um Dinge bitten, die euch jetzt noch gar nicht einfallen. Und dann wärt ihr erstaunt, was auf einmal alles möglich wird.

Von der heiligen Teresa von Ávila ist der Rat überliefert: Bete nicht um eine leichtere Last, sondern um einen stärkeren Rücken! Das klingt erst mal etwas bonmot-haft, aber es steckt schon etwas sehr Bedenkenswertes darin. Wenn es Probleme gibt, dann ist mein erster Impuls als gläubiger Mensch, Gott zu bitten: Bitte nimm diese Probleme weg. Und das ist ja auch erst mal nicht verwerflich. Aber es mag ja auch sein, dass Gott etwas anderes im Sinn hat. Manchmal liegt vielleicht tatsächlich ein eigener Wert darin, dass ich eine schwierige Situation im Glauben aushalte – so wie Paulus an Timotheus schreibt: Leide mit mir für das Evangelium! Gott gibt dazu die Kraft. Oder so, wie der Prophet seine Klage auf große Tafeln schreiben soll, damit alle sehen, was gerade falsch läuft.

Aber auch dann, wenn Gott in unser Leben eingreift und Hilfe bringt, wird er das womöglich so tun, dass er uns die Weisheit und die Kraft gibt, die Dinge um uns herum zu ändern.

International Mass

Liebe Brüder und Schwestern,

im Evangelium heute haben wir von einem reichen Mann gehört. Er hat gut gelebt und nur an sich selbst gedacht. Er hat aber die armen und leidenden Menschen um sich herum nicht beachtet. Am Ende kam er in die Hölle.

Abraham sagte zu ihm: „Du hast dein Leben lang das Gute bekommen. Lazarus hat das Schlechte bekommen. Jetzt wird Lazarus getröstet, und du leidest.“

Wir kennen diese Geschichte schon und haben sie vielleicht schon oft gehört. Aber heute möchte ich euch von jemandem erzählen, der ganz anders ist als dieser reiche Mann.

Ich kenne eine Frau, sie ist eine gute Freundin von mir. Sie ist freundlich und schön, außerdem gesund und in guter Form. Sie ist mit einem klugen und gutaussehenden Mann verheiratet. Er hat ein sehr erfolgreiches Geschäft, und auch sie selbst hat ein eigenes Einkommen aus ihrer Arbeit. Sie sind also reich. Sie haben Kinder, alle sind hübsch, klug und gesund.

Von außen sieht alles perfekt aus. Aber dann kam ein großes Unglück. Ihr Mann hatte eine Affäre – und nicht mit irgendeiner Frau, sondern mit ihrer besten Freundin. Dieser Betrug war ein sehr großer Schmerz für sie.

Seit Jahren leidet sie darunter. Ihr Mann ist mit einer anderen Frau zusammen, obwohl sie offiziell noch verheiratet sind. Der Mann und die Geliebte zeigen sich sogar offen bei Veranstaltungen.

Aber hier kommt der interessante Teil:

Diese Frau könnte sich scheiden lassen und sehr viel Geld bekommen. Sie könnte auch leicht einen anderen Mann finden, denn sie ist eine attraktive Frau. Aber wisst ihr was? Sie hat sich entschieden, in ihrer Ehe treu zu bleiben, auch wenn es schmerzlich ist.

Ja, ihr Mann gibt ihr Geld und sie könnte ein Luxusleben führen. Aber sie lebt bewusst einfach. Sie ist nicht gierig und nimmt nicht alles Geld. Sie betet, geht in die Kirche und hilft mit ihrem Geld den Armen.

Brüder und Schwestern, warum erzähle ich euch diese Geschichte?

Weil ich in meinem ganzen Leben noch nie jemanden gesehen habe, der ein völlig perfektes Leben hat.

Jemand ist vielleicht reich, aber wird krank.

Jemand ist gesund und hat viele Freunde, aber wenig Geld.

Oder jemand ist reich, berühmt, hat eine schöne Familie, aber trägt innerlich viel Schmerz.

Schaut euch berühmte Menschen an wie Chester von Linkin Park oder Justin Bieber. Was wie ein Leben aussieht, in dem jemand alles hat, zeigt sich oft voller Kämpfe.

 

Was ich sagen will, ist: niemand hat ein perfektes Leben. Jeder trägt sein eigenes Kreuz.

Der reiche Mann aus dem Evangelium wollte sein Kreuz nicht tragen. Er wollte nicht lieben und nicht helfen – den Hungrigen kein Brot geben und den Nackten keine Kleidung.

Die Frau aus meiner Geschichte hingegen – sie hat sich entschieden, ihr Kreuz zu tragen.

Denn ein Nachfolger Christi soll treu bleiben, auch in der Ehe, in guten wie in schlechten Zeiten.

Möge der Heilige Geist uns helfen, treu zu bleiben und unser eigenes Kreuz zu tragen.

Amen.

Bild: @meninadasart auf Instagram

Heiliger Influencer? Der Fall Carlo Acutis und was Heiligkeit bedeutet

English below

Liebe Schwestern und Brüder,

heute hat in Rom ein großer Gottesdienst mit über 100.000 Menschen stattgefunden, bei dem zwei junge Italiener heiliggesprochen worden sind. Der bekanntere von den beiden ist Carlo Acutis. Die Medien haben ihn den Influencer Gottes genannt. Es gab einen ziemlichen Medienhype um ihn. Verständlich, denn hat anders als sonst bei Heiligen nicht vor hunderten Jahren gelebt, sondern ist erst 2006 gestorben. Seine Mutter lebt noch und sein Bruder hat heute Morgen eine Lesung im Gottesdienst vorgetragen. Man nennt ihn auch den ersten Millenial, der heiliggesprochen wurde.

Die Medien haben sich auf ihn gestürzt und meist positiv über ihn berichtet. Heute Morgen muss bei NTV ein Bericht über den Sender gegangen sein – ein Freund hat mich vom Bildschirm abfotografiert –, in dem  auch ich mich über Carlo Acutis äußere. Das war vor einem Jahr, als seine Heiligsprechung beschlossen wurde; aber offensichtlich hat den Leuten von RTL gefallen, dass ich damals gesagt habe: Um „heilig“ zu werden, müsse man kein „alter Sack“ sein!

Inzwischen sehe ich die Heiligsprechung dieses 15-jährigen ziemlich kritisch. Er war sicher ein frommer und auch liebenswürdiger Mensch; aber es wird deutlich, dass vieles doch sehr stilisiert ist. Er ist zu einer Projektionsfläche geworden für das, was sich bestimmte Menschen von einer zeitgemäßen Heiligenfigur wünschen.

Aber ist er wirklich so zeitgemäß? Ohne im Einzelnen darauf einzugehen, sind bei Carlo Acutis einige Fragezeichen angebracht. Ist es wirklich eine zeitgemäße Form des Glaubens, eine Webseite über Marienerscheinungen in der ganzen Welt oder eucharistische Wunder zu erstellen? Es kam dann raus, dass nicht wenige dieser Wunder antisemitischen Hintergrund haben, was man wohl kaum einen 15-jährigen Internet-Nerd vorwerfen kann. Trotzdem hat das alles ein Geschmäckle. Wenn man dann so liest, was er getan und gelassen haben soll, dann werde ich den Eindruck nicht los, als wolle man einerseits einen jungen, sympathisch aussehenden 15-jährigen als Vorbild darstellen, der einerseits eben ganz normal ist – wie du und ich –, der aber andererseits Frömmigkeitsformen und Überzeugungen von vorgestern pflegt. Fragt man Klassenkameraden von Carlo Acutis können die jedenfalls nicht bestätigen, was offiziell von seiner Frömmigkeit kolportiert wird.

Ich will euch und uns die Heiligsprechung von Carlo Acutis nicht madig machen, aber ich will unseren kritischen Geist schärfen dafür, dass solche Heiligsprechungen auch kirchenpolitisch vereinnahmt werden können!

Es ist gut, dass noch ein zweiter junger Mensch heiliggesprochen wurde, der 1901 in Turin geboren wurde und schon mit 24 Jahren starb. Er stammt aus dem Bildungsmilieu und obwohl seine Eltern agnostisch eingestellt waren, entwickelte er einen tiefen Glauben, der sich in vor allem sozialem Engagement zeigte.

Ohne dass seine Familie es bemerkte, engagierte er sich z.B. in den Elendsvierteln Turins. Auf der Suche nach einer Spiritualität, die das Leben prägt, trat er 1922 dem Dritten Orden der Dominikaner bei, weswegen er mir natürlich besonders sympathisch ist.

Er war übrigens Student des Bauingenieurwesens und starb einen Tag vor seinem Abschlussexamen an Kinderlähmung. Er hatte sich bei seinen Besuchen in den Armenvierteln angesteckt. Er ist dann später u.a. zum Patron der Weltjugendtage erklärt worden!

Pier Giorgio Frassati war übrigens während seines Studiums in Berlin, da sein Vater hier als Botschafter arbeitete… Wir können also davon ausgehen, dass er auch in der KSG war, die damals natürlich nicht so hieß! Bezeugt ist, dass er an einem Kongress eines Internationale Studierendenverbands (Pax Romana) teilgenommen hat, den es bis heute gibt! Ein Beweis, dass man seine Heiligkeit nicht aufs Spiel setzt, wenn man sich in der Verbandsarbeit engagiert!

Was ihn auch anschlussfähig für junge Leute macht ist seine Leidenschaft für Sport. Er wanderte gerne in den Bergen und gründete 1924 eine Gruppe die ihre Spiritualität auf Bergwanderungen pflegte  und den lustigen Namen „Gesellschaft undurchsichtiger Typen“ trägt-

Ihr merkt: ich finde Pier Giorgio Frassati irgendwie interessanter als Carlo Acutis! Aber was für uns entscheidend ist: Heiligkeit ist – wie ich in RTL gesagt habe – tatsächlich nicht allein was für „alte Säcke“.

Wenn einzelne Persönlichkeiten heiliggesprochen werden, dann nicht um sie herauszuheben und zu sagen: An das Ideal kommt ihr eh nicht dran, sondern um deutlich zu machen: Heiligkeit ist für alle da – so blöd das auch klingt.

Was bedeutet „heilig“? Anders als es oft dargestellt wird, bedeutet Heiligkeit eben nicht moralische Überlegenheit, sondern ein Erfülltsein von Gott. Und das ist keine außerordentliche Gabe, sondern trifft für uns alle zu!

Ich habe an dieser Stelle schon einmal darüber gesprochen. Wie wird man heilig? Ganz einfach! Durch die Taufe! Wir treten in die Gemeinschaft mit Gott, der allein „heilig“ ist! In dem Wort Heilig steckt das Wort „heil“ im Sinne von „gesund“, „glücklich“ und „erfüllt“! Übrigens erinnert das Kreuz mit dem Weihwasser nicht nur an eure Taufe, sondern in diesem Sinne an eure Heiligkeit

Wenn wir im Credo beten, dass wir an die Gemeinschaft der Heiligen beten, dann meint das nicht allein die Tugendhelden Carlo Acutis, Frassati oder Mutter Teresa, sondern du und ich! Wir sind die Gemeinschaft der Heiligen! Und dass unter uns nicht immer alles heilig abgeht – und wir alle können ein Lied davon singen – das tut der Heiligkeit insgesamt keinen Abbruch. Wir bleiben trotzdem in der Gemeinschaft der Heiligen. Das ist Auftrag und Zuspruch zugleich.

Vielleicht haben einige diese Geschichte schon einmal gehört, aber mir hat in dieser Hinsicht ein italienischer Mitbruder aus Rom, Riccardo Lufrani, die Augen geöffnet. Wir schrieben per Facebook und er sprach mich immer mit „Fratello Santo“ an. Irgendwann habe ich ihn dann gefragt, was das soll. Denn ich sei ja wohl alles andere als heilig. Er möge mich bitte nicht weiter verarschen. Woraufhin der mir erklärte, dass er das ganz ernst meine. Wir seien doch beide getauft und damit geheiligt in Christus! Also Heilige!

Ich weiß, dass mich das damals ziemlich getroffen hat und mir einen neuen Zugang zum Begriff der Heiligkeit eröffnet hat. Natürlich darf das dann nicht zum Vorwand für Überheblichkeit werden. Wer sich selbst für was Besseres hält, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht!

Aber dass es beim Thema Heiligkeit in erster Linie um ein Geschenk, um eine Gnade geht und nicht um eine Leistung: Das ist glaube ich ganz nah dran an der Botschaft Jesu!

Die Heiligen, die von der Kirche offiziell zu solchen erklärt werden, sind Menschen, die von vielen als solche geisterfüllten Menschen erkannt wurden, selbst wenn manchmal auch kirchenpolitische Interessen dahinterstehen!

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Heilige 😉!

Es gibt tausend Formen der Heiligkeit: Letztlich so viele wie es Getaufte gibt; Und wir alle sind eingeladen, unsere persönliche Form des Heiligseins zu entdecken und zu leben! Amen!

 

Holy Influencer? The Case of Carlo Acutis and What Holiness Means

Dear Sisters and Brothers,

Today in Rome, a large service took place with over 100,000 people, during which two young Italians were canonized. The more well-known of the two is Carlo Acutis. The media have called him the „Influencer of God.“ There was quite a media hype around him. Understandable, because unlike saints of centuries past, he only died in 2006. His mother is still alive, and his brother gave a reading this morning during the service. He is also called the first Millennial to be canonized.

The media has pounced on him and mostly reported positively about him. This morning, there must have been a report on NTV – a friend took a photo of me from the screen – in which I also comment on Carlo Acutis. That was a year ago when his canonization was decided; but apparently, the people at RTL liked that I said back then: To become „holy,“ you don’t have to be an „old fart“!

In the meantime, I see the canonization of this 15-year-old quite critically. He was certainly a devout and also lovable person; but it becomes clear that much is very stylized. He has become a projection screen for what certain people want from a contemporary saintly figure.

But is he really that contemporary? Without going into details, there are some question marks regarding Carlo Acutis. Is it really a contemporary form of faith to create a website about Marian apparitions around the world or Eucharistic miracles? It then turned out that quite a few of these miracles have anti-Semitic backgrounds, which one would hardly expect from a 15-year-old internet nerd.

You can’t blame him for that. Nevertheless, it all has a bit of an aftertaste. When you read what he is supposed to have done and not done, I get the impression that on the one hand, they want to present a young, good-looking 15-year-old as a role model, who on the one hand is just normal – like you and me – but on the other hand, cultivates forms of piety and convictions from 19th Century. If you ask classmates of Carlo Acutis, they certainly cannot confirm what is officially peddled about his piety.

I don’t want to spoil the canonization of Carlo Acutis for you and us, but I want to sharpen our critical minds so that such canonizations can also be exploited for church-political purposes!

It is good that a second young man was canonized, who was born in Turin in 1901 and died at the young age of 24. He came from an educated background, and although his parents were agnostic, he developed a deep faith, which was mainly shown in social engagement.

Without his family noticing, he was involved, for example, in the slums of Turin. In search of a spirituality that shapes life, he joined the Third Order of Dominicans in 1922, which is why he is naturally particularly likeable to me.

He was also a student of civil engineering and died of polio one day before his final exam. He had contracted it during his visits to the poor quarters. He was later declared the patron saint of World Youth Day, among other things!

Pier Giorgio Frassati was studying in Berlin because his father worked here as an ambassador… So we can assume that he was also in our KSG Berlin, which of course wasn’t called that way back then! It is attested that he participated in a congress of an international student association (Pax Romana), which still exists today! Proof that you don’t gamble away your holiness when you are involved in association work!

What also makes him appealing to young people is his passion for sports. He liked to hike in the mountains and founded a group in 1924 that cultivated their spirituality on mountain hikes and bears the funny name „Society of Opaque Types.“ (Società dei Tipi Loschi)

You notice: I find Pier Giorgio Frassati somehow more interesting than Carlo Acutis! But what is crucial for us is: Holiness is – as I said on RTL – not just for „old bags“.

When individual personalities are canonized, it is not to single them out and say: You can’t reach that ideal anyway, but to make it clear: Holiness is for everyone – as silly as that sounds.

What does „holy“ mean? Unlike what is often portrayed, holiness does not mean moral superiority, but being filled with God. And that is not an extraordinary gift, but applies to all of us!

I have spoken about this before. How do you become holy? Very simple! Through baptism! We enter into the community with God, who alone is „holy“! In the word holy is the word „hale“ in the sense of „healthy“, „happy“ and „fulfilled“! By the way, the cross with holy water reminds not only of your baptism but in this sense of your holiness.

When we pray in the Creed that we believe in the communion of saints, it does not only mean the virtuous heroes like Carlo Acutis, Frassati or Mother Teresa, but you and me! We are the communion of saints! And that not everything holy always goes smoothly with us – and we can all sing a song about it – does not detract from holiness as a whole. We remain nevertheless in the community of saints. That is both commission and encouragement.

Perhaps some have already heard this story, but in this regard, an Italian fellow brother from Rome , Fr. Ricardo Lufrani OP, opened my eyes. We wrote via Facebook, and he always addressed me as „Fratello Santo.“ At some point, I asked him what that was all about. Because I’m anything but holy. He should please stop kidding me. Whereupon he explained to me that he meant it quite seriously. We are both baptized and thus sanctified in Christ! So: holy!

I know that this struck me back then and opened up a new approach to the concept of holiness. Of course, this should not become an excuse for arrogance. Anyone who thinks being something better is most likely not!

But that holiness is primarily about a gift, about grace and not about performance: That, I believe, is very close to the message of Jesus!

The saints, who are officially declared as such by the Church, are people who have been recognized by many as such spirit-filled people, even if church-political interests are sometimes behind it!

Dear Sisters and Brothers, dear Saints! 😉

There are a thousand forms of holiness: Ultimately as many as there are baptized; And we are all invited to discover and live our personal form of holiness! Amen.

Bild: https://pixabay.com/users/pexels-2286921

Ehrlich beten: Wenn Gebet mehr ist als Wunschdenken

Predigt von P. Max Cappabianca in der KSG Berlin

Liebe Gemeinde,

Ich werde oft gefragt, wie man denn beten solle! Viele denken, sie könnten es nicht richtig oder kommen sich dabei blöd dabei vor, wenn man so vor sich hinredet. Manche wenige haben es noch zu Hause gelernt: Sei es, dass die Eltern ein Gebet beim Schlafengehen gesprochen haben. Oder dass es üblich war, ein Tischgebet zu sprechen. Aber selbst in christlichen Familien ist das immer weniger üblich, so auch in meiner Familie! Bei uns wurde am Tisch nicht gebetet!

Dann gibt es das Phänomen, dass manche vielleicht das Beten gewöhnt waren, sich aber die Art des Betens über die Jahre hinweg verändert hat: Kindergebete sind anders als die Gebete von Erwachsenen. Das Evangelium heute suggeriert ja, dass man nur beten müsse, um zu kriegen, was man will. Es wird ein interessantes Gottesbild gezeichnet: Gott als ein Freund, der leicht genervt ist, weil ein Freund auf der Hilfe insistiert! Verstanden als Ermutigung, genau das zu tun: Gott nerven, damit er sozusagen in die Puschen kommt…

Manche behaupten ja, dass sei kindgerecht, wenn man ihnen weismacht, dass Gott die Macht habe, alles zu erfüllen. Ein Kind setzt dann natürlich alles auf diesen Supermann-Gott, der macht, was man will. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert: Wenn rauskommt, dass Gott nicht alle Bitten erfüllt, dann ist Gott entweder nicht allmächtig, oder er ist böse, weil er mir meine kindlichen Allmachtsphantasien nicht erfüllt.

Das hört sich durchaus manchmal süß an, wenn Kinder davon sprechen, was sie sich vom lieben Gott sich wünschen: dass das Wetter gut wird oder der Wellensittich wieder zum Leben erweckt wird…

Aber es ist gar nicht so selten, dass Erwachsenwerden sich diese Enttäuschung wegen der Nichterfüllung von Gebeten zu einem Gift für den Glauben selbst entwickelt. Ich kenne nicht wenige Menschen, die das in ihrer religiösen Biografie so erlebt haben: Was ist das für ein Gott, der mir in meinen existenziellen Nöten erst in mir die Hoffnung weckt, um sich dann doch wieder „totzustellen“. Das Gefühl schleicht sich ein, dass es keinen Unterschied macht, ob es Gott gibt oder nicht!

In der Theologie ist die Frage nach der Wirksamkeit des Bittgebets ein großer Streitpunkt. Je nach philosophischem Hintergrund gibt es unterschiedliche Meinungen. P. Thomas Eggensperger aus meiner Kommunität zum Beispiel vertritt mit guten Gründen die Meinung, dass das Bittgebet keinen Sinn mache, denn Gott handele nicht, nur weil man ihn darum bittet. Ohne in die Details dieser Diskussion einsteigen zu wollen, kann ich nur sagen, dass ich eine nicht so radikale Meinung vertrete!

Ich glaube auch nicht, dass Gott durch unser Gebet veranlasst handelt und zum Beispiel ein Unglück verhindert, weil wir dafür gebetet haben! Das würde ja bedeuten, dass Gott Unglücke zulässt, weil wir nicht gebetet haben oder gar, weil er uns für etwas strafen wolle! Eine Vorstellung, die sich auch in der Bibel findet! Aber nicht dem Kern des christlichen Gottesbildes entspricht!

Ich glaube allerdings auch nicht, dass das Gebet nur eine besondere Form der Autosuggestion ist, in der wir uns von etwas überzeugen, was eh schon da ist und existiert. Das ist mir zu verkopft und entspricht auch nicht dem biblischen Zeugnis: Wenn man sich die Psalmen anschaut, dann sind das schon existenzielle Kämpfe, die da ausgefochten werden. Daher kann ich euch versichern: wenn es in unserm Gebet ums „Eingemachte“ geht, dann kann man sicher sein, dass man spirituell auf dem richtigen Weg ist!

Handelt also Gott, wenn ich zu ihm bete? Ja ich glaube, dass das Gebet etwas bewirkt! Und das hängt mit dem christlichen Gottesbild zusammen: Wir sehen Gott als Beziehung – schon in sich selbst ist Gott Beziehung, wie die Trinitätslehre ausdrückt. In christlicher Beziehung ist das Gebet daher  vor allem eine Realisierung und Aktualisierung einer Beziehung, die zuallererst von Gott selbst ausgeht und auf die wir antworten!

Diese Beziehung nimmt ihren Anfang in der Schöpfung, in der Gott den Menschen ins Dasein ruft („Und Gott sah dass es gut war.“) und geht weiter über die Jahrtausende, in denen Gott – wie es in der Bibel heißt – durch die Prophet:innen zu den Menschen gesprochen hat! Und indem wir „beten“, treten wir mit Gott in Verbindung. Wir realisieren die Liebe Gottes, die die Grundlage alles Daseins, und letztlicher unserer Existenz ist! Mit realisieren meine ich im doppelten Sinne von wahrnehmen und Wirklichkeit werden lassen. Das ist vergleichbar, wenn Liebende einander sagen: Ich liebe dich! Das realisiert eine Beziehung. Die beiden nehmen sie wahr; und zugleich verändert sie zugleich diese Beziehung, denn sie gewinnt eine neue Tiefe!

Übrigens ein interessanter Aspekt, den wir an dieser Stelle nicht vertiefen können ist: Diese Kommunikation ist nicht nur durch Worte möglich: Im Gegenteil! Sie geschieht ganzheitlich, denn wir Menschen sind geistig und körperlich! „Ich liebe dich“ sagen, ist  das eine! Ein Kuss ist aber etwas anderes! Das ist noch einmal eine ganz andere Art wirksamer, wirkender Kommunikation. Und Sex, und zwar wohlgemerkt, wenn man die Person liebt!, ist eine Weise der Kommunikation, die meiner Meinung nach von nichts übertroffen werden kann! Es sage keiner, es verändere einen nicht, wenn man einen Menschen küsst oder anders sexuell miteinander kommuniziert!

Aber das wollen wir jetzt nicht vertiefen: Ich will nur darauf hinweisen, dass die Kommunikation mit Gott ebenso ganzheitlich sein kann und muss, und dass sie einen verändert. Das ist übrigens auch der Grund, der die Eucharistie so wertvoll macht: Seht die Eucharistie mal als Gebetsakt: Indem ihr das gewandelte Brot esst – ein wahrlich körperlicher Vorgang – vereint ihr euch mit Jesus, bzw. Jesus mit euch! Auch das verändert einen – wenn man das mit den Augen des Glaubens wahrnimmt!

Und genau auf diesen Aspekt möchte ich heute den Akzent setzen: Das Gebet ändert mich und damit auch die Wirklichkeit um mich herum. Das ist die Weise, in der Gott handelt. Ich werde zu einem Instrument, durch das Gott seine Liebe in dieser Welt realisiert: Wirklichkeit werden lässt.

Das ist etwas anderes als die kindliche Vorstellung, dass Gott „meine Gebete erfüllt“. Dieser Gott ist oft unverständlich und dunkel, weil das die andere Seite der Realität ist: die Gemeinschaft mit Gott ist unvollkommen, und wir sehen uns nach voller Gemeinschaft!

Die Frage bleibt nämlich bestehen, warum Gott das Leid zulässt, warum es Krieg, Tod und Hunger in der Welt gibt, warum er es zulässt, dass der Staat Israel wegen des Terrorangriffs im Herbst 2023 ein Vielfaches an Palästinensern umbringt und wie jetzt gerade sie brutal verhungern lässt: Ausgerechnet ein Staat, der entstanden ist aus den Trümmern der Shoah, in de unser Land Deutschland die Vernichtung von Menschen zur industriellen Perfektion geführt hat… Das ist alles dunkel und bleibt für immer unverständlich! Wie kann das sein?  Was für Sinn macht da noch Beten?

Ich glaube fest: Immer dann, wenn Menschen sich durch das Gebet in Verbindung setzen mit Gott, der die Liebe ist, bricht eine Kraft auf, durch die wir Widerstand leisten gegen alles Menschenverachtende in dieser Welt. Gebet führt ins Handeln, Gebet öffnet die Augen für das Leid, Gebet schenkt Hoffnung, dass das letzte Wort über diese Wirklichkeit noch nicht gesprochen ist! Gebet und unsere brutale Wirklichkeit stehen in einem Wechselverhältnis. Gebet also ganz sicher keine Weltflucht, sondern die Weise, in der Gott sein Reich Gottes verwirklicht!

Ein letztes Wort zu den Fürbitten: Wir haben hier die Tradition, dass die Fürbitten frei gesprochen werden! Ich finde das sehr schön. Oft sind sie sehr persönlich, man spürt genau diese existentielle Betroffenheit und das ist gut so. Es ist auch nicht schlimm, wenn mal nicht viel kommt, denn jede:r kann auch still für sich beten! Die manchmal peinliche Stille ist für mich völlig ok: Sie ist ein Raum, den wir für Gott offenhalten! Also denkt nicht darüber nach, ob sich jemand erbarmen könnte, endlich mal nach vorne zu kommen. Wenn jemand was sagen will, dann geschieht das einfach! Auch ist es völlig ok, für einfache Dinge zu beten, wie zum Beispiel, dass die Prüfungen gut gelingen! Wir verbinden uns durch diese Bitte mit Gott und allen Studierenden, die grad im Prüfungsstress und auf diese Weise realisieren wir die Solidarität, zu der uns Gottes Liebe drängt!

Was NICHT geht, sind moralinsaure Fürbitten. Wenn man implizit andere Menschen damit korrigiert oder ausdrückt, was diese tun und lassen sollen. Ein paar Beispiele – nicht aus der KSG! – seien genannt:

Lieber Gott, öffne allen Rassisten die Augen, dass sie von ihrem Tun ablassen und nicht mehr diskriminieren!

Lieber Gott, lass uns endlich aufhören, die Schöpfung zu zerstören, sondern lass uns umweltfreundlich leben!

Lieber Gott, mach dass die Bischöfe sich für mehr Demokratie in der Kirche einsetzen!

Oder aktuell bei einem Priester aus Bayern: Für alle, die den Namen Gottes entheiligen, indem sie ihn für ihre Zwecke missbrauchen!

Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine: Ich finde auch, dass Rassisten nicht mehr diskriminieren sollen, dass die Schöpfung bewahrt werden muss und dass sich die Bischöfe für mehr Demokratie einsetzen könnten! Und ich bin gegen die Entheiligung des Namens Gottes. Aber Fürbitten sind nicht dazu da, andere zu korrigieren und meine Interessen zu vertreten!

Ich möchte euch Mut machen, in den Fürbitten im Gottesdienst, aber vor allem im privaten Gebet, eure Anliegen vor Gott zu tragen, im Vertrauen darauf, dass Gott auf seine Weise antworten wird! Und dafür ist das Vaterunser ein guter Leitfaden! Es geht um unsere Bedürfnisse, um Schuld und Vergebung und um Gottes Willen, den wir Liebe nennen!

Wenn wir darauf vertrauen, sehen wir die Möglichkeiten, die Gott hat, uns zu verändern und durch uns die Welt und die Mitmenschen in ihr!

Und wir sehen dann auch, dass Gott vielleicht doch unsere Gebete „erhört“ und doch gehandelt hat. Vielleicht anders als gedacht, aber viel größer und mit noch viel mehr Liebe, als wir je hätten uns träumen lassen!

Bild: privat

Von Wüstenmomenten und faulen Maden: Die Kunst der Semesterferien

Predigt von Karen Siebert in der KHSB 

Liebe Studierende, lieber Mitarbeiter*innen der KHSB,

Herzlich Willkommen zu dieser Andacht, mit dem wir den Abschluss der Vorlesungszeit feiern.

Mein Name ist Karen Siebert und ich bin Referentin an der KSG, der Katholischen Studierendengemeinde in Berlin. Ich freue mich, dass ich diese kleine Feier zusammen mit Ihnen und mit Roman Akuratnov an der Orgel mit begehen darf.

Wir tun das in interreligiöser Aufgeschlossenheit. Die KHSB ist eine katholische Hochschule, aber in ihr studieren viele, die nicht an Gott glauben oder einer anderen Religion angehören und auch bei den Mitarbeitenden sieht das sicher vielfältiger aus als man denkt.

Jede*r möge auf seine Weise diese Andacht nutzen, um das vergangene Semester mit all seinen Erfolgen, Herausforderungen und Schwierigkeiten zu verabschieden und die Semesterferien oder besser die vorlesungsfreie Zeit und die hoffentlich damit einhergehende Pause zu begrüßen.

„Pause – nicht nur eine biblische Erfindung“, so habe ich diese kleine Feier überschrieben. Und anstelle einer langen Lesung, habe ich mich in der Bibel mal umgesehen, was diese zum Thema Pause so sagt:

Gen: Gott sah auf alles was er gemacht hatte und siehe es war gut. Das war der sechste Tag. Am siebten Tag aber ruhte Gott von seiner Arbeit aus. Er hatte sein Schöpfungswerk vollendet. Er segnete diesen Tag und sagte: „An diesem Tag sollen wir uns von der Arbeit ausruhen!“ Das war der siebte Tag.

Ex: „Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; am siebten Tag sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ruhen und der Sohn deiner Magd und der Fremdling sich erholen.“

Psalm 127,2: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät niedersetzt und euer Brot mit Sorgen esst; denn seinen Geliebten gibt er es im Schlaf.“

1, Könige 19: Er (Elija) streckte sich unter dem Ginsterstrauch aus und schlief ein. Plötzlich wurde er von einer Berührung geweckt. Ein Engel stand bei ihm und forderte ihn auf: »Elia, steh auf und iss!« 6 Als Elia sich umblickte, entdeckte er neben seinem Kopf ein Fladenbrot, das auf heißen Steinen gebacken war, und einen Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder schlafen. 7 Doch der Engel des HERRN kam wieder und weckte ihn zum zweiten Mal auf.

»Steh auf, Elia, und iss!«, befahl er ihm noch einmal. »Sonst schaffst du den langen Weg nicht, der vor dir liegt.« 8 Da stand Elia auf, aß und trank. Die Speise gab ihm so viel Kraft, dass er vierzig Tage und Nächte hindurch wandern konnte, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb, kam.

Lukas 5,16: In Scharen strömten sie zusammen. Sie wollten ihn hören und von ihren Krankheiten geheilt werden.  Jesus aber zog sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, um zu beten. 

Markus 6,31: Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

In der Bibel ist also alles zu finden.

Ein strenger Wechsel von Arbeiten und Ruhen / von Schaffen und Pause. Aber auch der Aufruf zur Sorglosigkeit, zum Ausschlafen und zum ausreichend essen.

Vor allem das Neue Testament zeugt auch von kleinen Fluchten, kleinen Rückzügen aus dem stressigen Alltag. Jesus empfiehlt das seinen Jüngern und nutzt das selbst auch ganz explizit. Auch vom Propheten Mohammed wird berichtet, dass er sich regelmäßig in eine Höhle zurückzog oder die ruhigen Stunden der Nacht nutzte, um allein zu sein und zu beten.

In der katholischen Studierendengemeinde veranstalten wir seit 2 Wochen „Ora et Labora“. Bete und Arbeite. Co-Working für Studierende gerahmt von Impulsen und natürlich leckerem Essen.

Die Benediktiner Klöster haben sich Ora et labora zum Leitspruch gemacht. Deswegen zitiere ich hier auch Benediktiner Pater Albert Altenähr OSB:

„Das benediktinische Motto-Wort „Ora et labora – Bete und arbeite“ kündet von einem Rhythmus, aus dem heraus Leben gelingen kann. Es spricht von einem Spannungsbogen, der beides kennt: Die Anspannung und die Entspannung. Zugleich lädt das Motto ein, den Spannungsrythmus als wirklichen Rhythmus zu leben. Es ist nicht gut, bis zum Geht-nicht- Mehr der Erschöpfung die Anspannung zu praktizieren, um dann – weil nichts mehr geht – die Entspannung zu suchen. Wer erschöpft ist, wird sich nicht entspannen können. Er ist erschlafft, – hängt durch und herum. Erschöpfung ist nicht schöpferisch, – Entspannung dagegen sehr.“ (Albert Altenähr OSB)

Ich finde es spannend, diese Idee, nicht bis zur Erschöpfung zu arbeiten, sondern vorher aufzuhören. Die Pause rechtzeitig einzulegen. Jeden Tag so zu gestalten wie das Ora et Labora in der KSG: Morgens ein gemeinsames Frühstück mit Croissants und frischer Marmelade. Einen geistlichen Impuls, dann 2-3 Stündchen arbeiten. Ein Mittagessen vorgesetzt bekommen und eine schöne Mittagspause genießen, um dann mit einem Impuls in die nächste Arbeitseinheit geschickt zu werden. Um 16 Uhr ist dann Feierabend und ich kann den Rest des Tages genießen.

Ich finde die Idee so schön, mein Leben so zu gestalten, um damit auch zu verhindern, dass mich am 1. Urlaubstag die typische Erkältung oder der befürchtete Migräneanfall einholt.

Bei Ihnen und mir stehen nun die Semesterferien vor der Tür. Und auch wenn diese Ferien für Sie als Studierende und als Mitarbeitende hier an der Hochschule sicher keine komplett freie

Zeit bedeuten, so steht doch eine große Pause an. Eine Pause vom Lehrbetrieb und von den Anfragen der Studierenden. Eine Pause von Vorlesungen und Seminaren, von Pflichtveranstaltungen und Referaten, vom häufigen Pendeln zur Hochschule, vom eng getakteten Hochschulalltag. Vielleicht auch vom Kampf mit ihren Kindern, um diese rechtzeitig zur Schule, zum Fußballverein oder zum Ballett zu bringen.

Wie haben Sie es denn diesmal gehalten? Ich jedenfalls habe es dieses Semester natürlich geschafft, einen wunderbaren Rhythmus aus Spannung und Entspannung zu leben – nicht.

Ich habe es natürlich geschafft, mir in diesem Semester meine Kraft so einzuteilen, dass ich nun nicht erschöpft in die Ferien gehe – nicht.

Ehrlich gesagt, pfeife ich aus dem letzten Loch. Morgen Nachmittag (nachdem ich gegen 13 Uhr mit der Arbeit fertig bin) fahren wir für 3 Wochen in den Urlaub und ich habe noch nicht mal eine Packliste geschrieben.

Jetzt könnte ich mich deswegen ärgern – oder nicht.

Denn ich bin schließlich weder Jesus noch der Prophet noch ein Mönch. Ich weiß jetzt schon, dass ich das auch nächstes Jahr nicht schaffen werde, auch wenn ich es mir wieder vornehme.

Mein Plan ist ein anderer: Ich habe vor, nach Ankunft am Urlaubsort die Kinder in den Pool zu schicken oder auf den Fußballplatz und zum Abendbrot maximal die Sandwichmaschine anzuschmeißen. Ich werde mich dann nicht erschöpft unter einen Ginsterstrauch legen, aber ich werde mich auszuruhen und überhaupt nicht schöpferisch sein, sondern darauf vertrauen, dass Gott oder mein Mann oder der Kiosk auf dem Campingplatz mich schon mit Eiscreme und Frappé füttern wird. Ich werde leben, wie eine Made im Speck, bis es mir zu den Ohren rauskommt.

Meiner Erfahrung nach tut es dies spätestens an Tag 3.

Denn, das ist auch meine Erfahrung: wenn ich mich nicht ärgere über meine Erschöpfung, sondern diese zelebriere (etwas, was ich früher Blinner-Tage nannte =Breakfast-Lunch-Dinner verschwimmen zu einer Einheit, während ich im Schlafanzug Tour de France schaue). Dann stehe ich spätestens am Tag drei wieder auf der Matte. Und dann kann es schöpferisch werden und mir sehr sehr gut tun.

Jetzt ist es so, dass sich weder Jesus noch der Prophet Mohammed in ein schickes Urlaubsresort  zurückgezogen  haben.  Sie  haben  auch  nicht  geblinnert  oder  den

Campingplatzkiosk heimgesucht, sondern gefastet. Sie gehen in die Wüste oder in die Berge oder eine Höhle. Mit seinen Jüngern fährt Jesus an einen einsamen (in manchen Übersetzungen heißt es öden) Ort. Ich werde jetzt meinen Urlaub nicht auf Askese umbuchen oder in ein Yoga-Ashram verschieben. Aber ich denke, es ist wichtig, mir kleine Wüstenmomente zu schaffen. Warum? Damit ich den Bogen entspannen kann, damit ich mit mir – und wenn ich will – auch mit Gott in Kontakt kommen kann. Damit ich zur Ruhe komme, Abstand schaffen kann, den Überblick bekomme. Damit ich mir überlegen kann – wenn ich den Bogen wieder Spanne – welches Ziel ich anvisieren werde.

Ich brauche Wüstenmomente, damit meine Pause weder schlaffes Herumhängen wird noch sich schon wieder wie Arbeit anfühlt vor lauter Sport- und Besichtigungsprogramm und Familienspaß.

Ich brauche Wüstenmomente, damit die Pause schöpferisch bleibt. Ein kurzer Allein- Spaziergang im Park oder am Strand, einen Kaffee nur mit mir in einem Bistro genießen. Auf dem Balkon sitzen und den Vögeln lauschen, vielleicht eine Halbtageswanderung für mich, wenn es hochkommt. Ein gutes Buch lesen. Lachen sie mich nicht aus, für diese Momente habe eine Liste! Denn ohne, auch das lehrt mich die Erfahrung, zücke ich in den kleinen Pausen, die sich bieten, einfach nur mein Handy.

Ich weiß nicht, ob Gott da seine Finger im Spiel hatte, aber wer auch immer die Semesterferien geschaffen hat, so sind sie doch recht lang. Lang genug, um von allem etwas unterzubringen, wenn ich nur will.

Und so werde ich die Semesterferien gestalten: arbeitsam, faul, sportelnd, feiernd, in Gemeinschaft aber auf jeden Fall auch mit ein paar Wüstenmomenten.

Denn, so sagt die Bibel ebenfalls: Alles hat seine Zeit. Willkommen in der großen Pause.