Bild: Jesuiten.org

Dankbarkeit und Zynismus

Liebe Studierende!

1. Willkommen im Zeitalter des Zynismus
Ihr kommt aus verschiedenen Ländern, studiert unterschiedliche Fächer, habt verschiedene
Perspektiven auf die Welt. Aber vermutlich teilt Ihr alle etwas: Ihr scrollt tagtäglich durch
Social Media und seht eine Welt voller Krisen: Klimawandel. Kriege. Politische Polarisierung.
Wirtschaftliche Unsicherheit.
Die Probleme scheinen kaum lösbar, und wer konkrete Verbesserungsvorschläge macht, wird
in den Kommentaren oft zerrissen. Da können sich Enttäuschung und Resignation
breitmachen: der Eindruck, die Welt sei schlecht, die Menschen egoistisch. – Willkommen im
Zeitalter des Zynismus.

2. Eine alte Geschichte mit aktueller Relevanz
Aus dem Lukasevangelium haben wir gerade eine bemerkenswerte Geschichte gehört: Zehn
Menschen mit Aussatz begegnen Jesus. Aussatz bedeutete damals nicht nur Krankheit,
sondern den völligen Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben.
Jesus heilt alle zehn. Doch nur einer kommt zurück, um zu danken. Und dieser eine ist ein
Samariter, ein Ausländer. Von ihm können wir lernen für unsere Gegenwart.
3. Was wir vom Samariter lernen können
Der Stanford-Psychologe Jamil Zaki hat letztes Jahr ein Buch veröffentlicht: „Hope for Cynics“
– Hoffnung für zynische Menschen. Seine zentrale These: Zynismus – die Überzeugung, dass
Menschen grundsätzlich egoistisch sind – macht uns krank und unglücklich. Zynische
Menschen sind im Durchschnitt depressiver, verdienen weniger, haben schlechtere soziale
Beziehungen und sterben früher.
Und überraschend: Sie sind nicht klüger. Sie schneiden bei kognitiven Tests sogar schlechter
ab. Warum? Weil Zynismus zu einer falschen Wahrnehmung führt. Wir sehen nur noch das
Negative.

Durch diesen negativen Blick werden wir passiv. Diese Passivität verschlimmert genau die
Probleme, die wir beklagen. Und das wiederum bestärkt uns in unserem Zynismus… Ein
Teufelskreis.
Dankbarkeit, wie der Samariter sie zeigt, durchbricht diesen Teufelskreis. Auf drei Punkte will
ich besonders hinweisen.

3.1. Dankbarkeit weitet den Blick
Dem Samariter geht auf, dass ein neues Leben vor ihm liegt – voll ungeahnter Möglichkeiten.
Dankbarkeit bedeutet nicht, Probleme zu ignorieren. Sie bedeutet, ein vollständigeres Bild
der Wirklichkeit zu sehen. Ja, die Welt steht vor gewaltigen Herausforderungen. Aber:
Extreme Armut wurde in den letzten Jahrzehnten drastisch reduziert. Die Kindersterblichkeit
ist gesunken. Mehr Menschen als je zuvor haben Zugang zu Bildung.
Hans, Anna und Ola Rosling haben in ihrem Buch „Factfulness“ gezeigt: Menschen
unterschätzen systematisch, wie sehr sich die Welt verbessert hat. Nicht weil alles perfekt ist,
sondern weil Fortschritt oft langsam und unsichtbar geschieht, während Krisen häufig
plötzlich und grell auftreten.
Zynismus verengt unseren Blick auf Negatives. Dankbarkeit korrigiert diese Verzerrung. Sie
zeigt uns: Positive Veränderung ist möglich, weil sie bereits stattgefunden hat.

3.2 Dankbarkeit verbindet Menschen
Der Samariter kam zurück und trat in Beziehung zu Jesus.
Zynismus macht uns misstrauisch. Wir isolieren uns. Das Ergebnis? Einsamkeit – eine große
Krise unserer Zeit.
Dankbarkeit durchbricht Isolation. Wenn wir danken, entstehen Beziehungen. Und diese
Verbindungen können die Basis für kollektives Handeln werden.
An den Berliner Unis seid Ihr eine internationale Studierendenschaft. Ihr baut jeden Tag
Brücken zwischen Kulturen. Ihr könntet zynisch sein wegen nationaler Grenzen, kultureller
Differenzen, politischer Konflikte. Stattdessen lernt Ihr miteinander. Ihr arbeitet an der Uni
und in der KSG zusammen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist Hoffnung in Aktion.

3.3 Dankbarkeit motiviert zum Handeln
Der Samariter wurde aktiv: Er kehrte um, lobte Gott, dankte Jesus, brach in eine neue
Zukunft auf.
Zynismus lähmt uns. Dankbarkeit setzt uns in Bewegung.
Jamil Zaki schreibt: „Es ist tatsächlich Hoffnung – das Gefühl, dass sich Dinge verbessern
können – gemischt mit Empörung, die Menschen motiviert, für Fortschritt zu kämpfen.“ Nicht
Zynismus bringt Veränderung, sondern Hoffnung. Die sich wiederum speist aus Dankbarkeit.

Wenn Ihr erkennt, was bereits erreicht wurde – medizinischer Fortschritt, technologische
Innovationen, soziale Bewegungen, die Rechte erkämpft haben – dann seht Ihr: Engagement
wirkt.
Dankbarkeit für diese Errungenschaften heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Im
Gegenteil: Sie gibt uns die Kraft zu sagen: „Wenn das möglich war, dann können wir
weitermachen.“

4. „Hopeful Skepticism“
Zaki schlägt eine Alternative zu Zynismus vor: „Hopeful Skepticism“ – hoffnungsvolle Skepsis.
Das bedeutet: Kritisch denken, Fragen stellen, Evidenz prüfen. Und dann feststellen: Die
Evidenz rechtfertigt eine grundlegend positive Erwartung: Aktiv werden – besonders
gemeinsam mit anderen – bringt mehr, als manche uns weismachen wollen.
Der Samariter könnte ein „hopeful skeptic“ gewesen sein. Er kam aus einer marginalisierten
Gruppe und hatte viel Schlimmes erlebt – nicht nur seine Krankheit. Er hätte allen Grund zum
Zynismus gehabt. Durch die Heilung ermöglichte Jesus ihm Dankbarkeit, Verbundenheit,
Aktion.

5. Was das für Euch bedeuten kann
Ihr steht am Anfang Eurer Karrieren. Die Probleme der Welt können überwältigend wirken. Es
wäre leicht, zynisch zu werden, sich zurückzuziehen, zu resignieren.
Aber Ihr habt eine Wahl. Ihr könnt umkehren wie der Samariter. Innehalten. Erkennen, was
möglich ist. Verbindungen aufbauen. Aktiv werden. Aus Dankbarkeit.
Ich lade Euch zu einer konkreten Übung ein: Nehmt Euch jeden Tag ein paar Minuten und
reflektiert: „Wofür bin ich heute dankbar?“
Studien zeigen: Regelmäßige Einübung von Dankbarkeit verbessert mentale Gesundheit,
stärkt Beziehungen, erhöht Lebenszufriedenheit und fördert prosoziales Verhalten.
Macht es konkret. Schreibt es auf. Teilt es mit Freund*innen. Lasst es zu einer Grundhaltung
werden.

6. Der Weg nach vorn
Jesus sagte zum Samariter: „Steh auf und geh!“ Dankbarkeit ist kein Endpunkt. Sie ist ein
Startpunkt für Engagement.
Unsere Gesellschaft braucht nicht mehr zynische Menschen. Sie braucht „hopeful skeptics“:
Menschen, die kritisch denken und gerade deswegen hoffen, weil sie zynische
Schwarzmalerei hinterfragen; Menschen, die Probleme klar sehen und angehen. Die dankbar
sind für das Erreichte und deshalb für das Mögliche kämpfen.
Ihr könnt diese Menschen sein.

Berlin, 12. Oktober 2025 P. Jan Korditschke SJ

Flüchtlingsseelsorger des Erzbistums Berlin

Nicht weniger Last – mehr Rücken: Was Beten im Glauben wirklich bedeutet

Ein bisschen so wie der Prophet Habakuk hat sich vielleicht jeder schon mal gefühlt; jeder, der zu Gott in einem bestimmten Anliegen gebetet hat: Wie lange soll ich noch rufen und du hörst nicht? Es kann unter Umständen sehr frustrierend sein, immer wieder in denselben Anliegen zu beten und keine Wirkung zu sehen – im Kleinen, wenn ich um Gesundheit bete, aber trotzdem krank bleibe; oder im Großen, wenn wir immer wieder die schrecklichen Kriege dieser Welt vor Gott bringen, aber die Gewalt geht weiter.

Und wie als Antwort darauf hören wir am heutigen Sonntag Jesus, der seinen Jüngern sagt: Tja, wenn ihr mal ein bisschen Glauben hättet, dann würde das schon funktionieren mit dem Beten! Na vielen Dank. Erst werde ich nicht erhört, und dann ist es auch noch meine eigene Schuld? Das ist erst mal nicht sehr ermutigend. Aber wie immer lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was Jesus sagt. Wenn er von einem Senfkorn spricht, meint er nicht nur etwas sehr Kleines. In einem anderen Gleichnis steht das Senfkorn für das Reich Gottes. Es erscheint im Anfang klein, wächst aber über alle Erwartungen über sich hinaus. Man kann also auch verstehen: Wenn ihr Glauben hättet, der den Keim des Gottesreiches in sich trägt, wenn ihr solchen Glauben hättet, der das Potenzial hat, das Reich Gottes zu verwirklichen.

Das ist zumindest mal eine Rückfrage an mein persönliches Beten: Steckt darin eigentlich die Hoffnung auf das Reich Gottes – und nicht nur darauf, was mir selbst praktisch und tröstlich erscheint? Und vielleicht kann man auch dieses etwas kuriose Wort vom Maulbeerbaum, der im Meer wurzelt, in diese Richtung deuten. Ich weiß natürlich nicht, worum Sie im Gebet bitten, aber bei mir hat es praktisch nie mit Bäumen zu tun, die wundersam den Standort wechseln. Ich denke auch nicht, dass wir im Wortsinn darum bitten sollten. Aber womöglich meint Jesus doch: Wenn ihr Glauben hättet, dann würdet ihr um Dinge bitten, die euch jetzt noch gar nicht einfallen. Und dann wärt ihr erstaunt, was auf einmal alles möglich wird.

Von der heiligen Teresa von Ávila ist der Rat überliefert: Bete nicht um eine leichtere Last, sondern um einen stärkeren Rücken! Das klingt erst mal etwas bonmot-haft, aber es steckt schon etwas sehr Bedenkenswertes darin. Wenn es Probleme gibt, dann ist mein erster Impuls als gläubiger Mensch, Gott zu bitten: Bitte nimm diese Probleme weg. Und das ist ja auch erst mal nicht verwerflich. Aber es mag ja auch sein, dass Gott etwas anderes im Sinn hat. Manchmal liegt vielleicht tatsächlich ein eigener Wert darin, dass ich eine schwierige Situation im Glauben aushalte – so wie Paulus an Timotheus schreibt: Leide mit mir für das Evangelium! Gott gibt dazu die Kraft. Oder so, wie der Prophet seine Klage auf große Tafeln schreiben soll, damit alle sehen, was gerade falsch läuft.

Aber auch dann, wenn Gott in unser Leben eingreift und Hilfe bringt, wird er das womöglich so tun, dass er uns die Weisheit und die Kraft gibt, die Dinge um uns herum zu ändern.

International Mass

Liebe Brüder und Schwestern,

im Evangelium heute haben wir von einem reichen Mann gehört. Er hat gut gelebt und nur an sich selbst gedacht. Er hat aber die armen und leidenden Menschen um sich herum nicht beachtet. Am Ende kam er in die Hölle.

Abraham sagte zu ihm: „Du hast dein Leben lang das Gute bekommen. Lazarus hat das Schlechte bekommen. Jetzt wird Lazarus getröstet, und du leidest.“

Wir kennen diese Geschichte schon und haben sie vielleicht schon oft gehört. Aber heute möchte ich euch von jemandem erzählen, der ganz anders ist als dieser reiche Mann.

Ich kenne eine Frau, sie ist eine gute Freundin von mir. Sie ist freundlich und schön, außerdem gesund und in guter Form. Sie ist mit einem klugen und gutaussehenden Mann verheiratet. Er hat ein sehr erfolgreiches Geschäft, und auch sie selbst hat ein eigenes Einkommen aus ihrer Arbeit. Sie sind also reich. Sie haben Kinder, alle sind hübsch, klug und gesund.

Von außen sieht alles perfekt aus. Aber dann kam ein großes Unglück. Ihr Mann hatte eine Affäre – und nicht mit irgendeiner Frau, sondern mit ihrer besten Freundin. Dieser Betrug war ein sehr großer Schmerz für sie.

Seit Jahren leidet sie darunter. Ihr Mann ist mit einer anderen Frau zusammen, obwohl sie offiziell noch verheiratet sind. Der Mann und die Geliebte zeigen sich sogar offen bei Veranstaltungen.

Aber hier kommt der interessante Teil:

Diese Frau könnte sich scheiden lassen und sehr viel Geld bekommen. Sie könnte auch leicht einen anderen Mann finden, denn sie ist eine attraktive Frau. Aber wisst ihr was? Sie hat sich entschieden, in ihrer Ehe treu zu bleiben, auch wenn es schmerzlich ist.

Ja, ihr Mann gibt ihr Geld und sie könnte ein Luxusleben führen. Aber sie lebt bewusst einfach. Sie ist nicht gierig und nimmt nicht alles Geld. Sie betet, geht in die Kirche und hilft mit ihrem Geld den Armen.

Brüder und Schwestern, warum erzähle ich euch diese Geschichte?

Weil ich in meinem ganzen Leben noch nie jemanden gesehen habe, der ein völlig perfektes Leben hat.

Jemand ist vielleicht reich, aber wird krank.

Jemand ist gesund und hat viele Freunde, aber wenig Geld.

Oder jemand ist reich, berühmt, hat eine schöne Familie, aber trägt innerlich viel Schmerz.

Schaut euch berühmte Menschen an wie Chester von Linkin Park oder Justin Bieber. Was wie ein Leben aussieht, in dem jemand alles hat, zeigt sich oft voller Kämpfe.

 

Was ich sagen will, ist: niemand hat ein perfektes Leben. Jeder trägt sein eigenes Kreuz.

Der reiche Mann aus dem Evangelium wollte sein Kreuz nicht tragen. Er wollte nicht lieben und nicht helfen – den Hungrigen kein Brot geben und den Nackten keine Kleidung.

Die Frau aus meiner Geschichte hingegen – sie hat sich entschieden, ihr Kreuz zu tragen.

Denn ein Nachfolger Christi soll treu bleiben, auch in der Ehe, in guten wie in schlechten Zeiten.

Möge der Heilige Geist uns helfen, treu zu bleiben und unser eigenes Kreuz zu tragen.

Amen.

Bild: @meninadasart auf Instagram

Heiliger Influencer? Der Fall Carlo Acutis und was Heiligkeit bedeutet

English below

Liebe Schwestern und Brüder,

heute hat in Rom ein großer Gottesdienst mit über 100.000 Menschen stattgefunden, bei dem zwei junge Italiener heiliggesprochen worden sind. Der bekanntere von den beiden ist Carlo Acutis. Die Medien haben ihn den Influencer Gottes genannt. Es gab einen ziemlichen Medienhype um ihn. Verständlich, denn hat anders als sonst bei Heiligen nicht vor hunderten Jahren gelebt, sondern ist erst 2006 gestorben. Seine Mutter lebt noch und sein Bruder hat heute Morgen eine Lesung im Gottesdienst vorgetragen. Man nennt ihn auch den ersten Millenial, der heiliggesprochen wurde.

Die Medien haben sich auf ihn gestürzt und meist positiv über ihn berichtet. Heute Morgen muss bei NTV ein Bericht über den Sender gegangen sein – ein Freund hat mich vom Bildschirm abfotografiert –, in dem  auch ich mich über Carlo Acutis äußere. Das war vor einem Jahr, als seine Heiligsprechung beschlossen wurde; aber offensichtlich hat den Leuten von RTL gefallen, dass ich damals gesagt habe: Um „heilig“ zu werden, müsse man kein „alter Sack“ sein!

Inzwischen sehe ich die Heiligsprechung dieses 15-jährigen ziemlich kritisch. Er war sicher ein frommer und auch liebenswürdiger Mensch; aber es wird deutlich, dass vieles doch sehr stilisiert ist. Er ist zu einer Projektionsfläche geworden für das, was sich bestimmte Menschen von einer zeitgemäßen Heiligenfigur wünschen.

Aber ist er wirklich so zeitgemäß? Ohne im Einzelnen darauf einzugehen, sind bei Carlo Acutis einige Fragezeichen angebracht. Ist es wirklich eine zeitgemäße Form des Glaubens, eine Webseite über Marienerscheinungen in der ganzen Welt oder eucharistische Wunder zu erstellen? Es kam dann raus, dass nicht wenige dieser Wunder antisemitischen Hintergrund haben, was man wohl kaum einen 15-jährigen Internet-Nerd vorwerfen kann. Trotzdem hat das alles ein Geschmäckle. Wenn man dann so liest, was er getan und gelassen haben soll, dann werde ich den Eindruck nicht los, als wolle man einerseits einen jungen, sympathisch aussehenden 15-jährigen als Vorbild darstellen, der einerseits eben ganz normal ist – wie du und ich –, der aber andererseits Frömmigkeitsformen und Überzeugungen von vorgestern pflegt. Fragt man Klassenkameraden von Carlo Acutis können die jedenfalls nicht bestätigen, was offiziell von seiner Frömmigkeit kolportiert wird.

Ich will euch und uns die Heiligsprechung von Carlo Acutis nicht madig machen, aber ich will unseren kritischen Geist schärfen dafür, dass solche Heiligsprechungen auch kirchenpolitisch vereinnahmt werden können!

Es ist gut, dass noch ein zweiter junger Mensch heiliggesprochen wurde, der 1901 in Turin geboren wurde und schon mit 24 Jahren starb. Er stammt aus dem Bildungsmilieu und obwohl seine Eltern agnostisch eingestellt waren, entwickelte er einen tiefen Glauben, der sich in vor allem sozialem Engagement zeigte.

Ohne dass seine Familie es bemerkte, engagierte er sich z.B. in den Elendsvierteln Turins. Auf der Suche nach einer Spiritualität, die das Leben prägt, trat er 1922 dem Dritten Orden der Dominikaner bei, weswegen er mir natürlich besonders sympathisch ist.

Er war übrigens Student des Bauingenieurwesens und starb einen Tag vor seinem Abschlussexamen an Kinderlähmung. Er hatte sich bei seinen Besuchen in den Armenvierteln angesteckt. Er ist dann später u.a. zum Patron der Weltjugendtage erklärt worden!

Pier Giorgio Frassati war übrigens während seines Studiums in Berlin, da sein Vater hier als Botschafter arbeitete… Wir können also davon ausgehen, dass er auch in der KSG war, die damals natürlich nicht so hieß! Bezeugt ist, dass er an einem Kongress eines Internationale Studierendenverbands (Pax Romana) teilgenommen hat, den es bis heute gibt! Ein Beweis, dass man seine Heiligkeit nicht aufs Spiel setzt, wenn man sich in der Verbandsarbeit engagiert!

Was ihn auch anschlussfähig für junge Leute macht ist seine Leidenschaft für Sport. Er wanderte gerne in den Bergen und gründete 1924 eine Gruppe die ihre Spiritualität auf Bergwanderungen pflegte  und den lustigen Namen „Gesellschaft undurchsichtiger Typen“ trägt-

Ihr merkt: ich finde Pier Giorgio Frassati irgendwie interessanter als Carlo Acutis! Aber was für uns entscheidend ist: Heiligkeit ist – wie ich in RTL gesagt habe – tatsächlich nicht allein was für „alte Säcke“.

Wenn einzelne Persönlichkeiten heiliggesprochen werden, dann nicht um sie herauszuheben und zu sagen: An das Ideal kommt ihr eh nicht dran, sondern um deutlich zu machen: Heiligkeit ist für alle da – so blöd das auch klingt.

Was bedeutet „heilig“? Anders als es oft dargestellt wird, bedeutet Heiligkeit eben nicht moralische Überlegenheit, sondern ein Erfülltsein von Gott. Und das ist keine außerordentliche Gabe, sondern trifft für uns alle zu!

Ich habe an dieser Stelle schon einmal darüber gesprochen. Wie wird man heilig? Ganz einfach! Durch die Taufe! Wir treten in die Gemeinschaft mit Gott, der allein „heilig“ ist! In dem Wort Heilig steckt das Wort „heil“ im Sinne von „gesund“, „glücklich“ und „erfüllt“! Übrigens erinnert das Kreuz mit dem Weihwasser nicht nur an eure Taufe, sondern in diesem Sinne an eure Heiligkeit

Wenn wir im Credo beten, dass wir an die Gemeinschaft der Heiligen beten, dann meint das nicht allein die Tugendhelden Carlo Acutis, Frassati oder Mutter Teresa, sondern du und ich! Wir sind die Gemeinschaft der Heiligen! Und dass unter uns nicht immer alles heilig abgeht – und wir alle können ein Lied davon singen – das tut der Heiligkeit insgesamt keinen Abbruch. Wir bleiben trotzdem in der Gemeinschaft der Heiligen. Das ist Auftrag und Zuspruch zugleich.

Vielleicht haben einige diese Geschichte schon einmal gehört, aber mir hat in dieser Hinsicht ein italienischer Mitbruder aus Rom, Riccardo Lufrani, die Augen geöffnet. Wir schrieben per Facebook und er sprach mich immer mit „Fratello Santo“ an. Irgendwann habe ich ihn dann gefragt, was das soll. Denn ich sei ja wohl alles andere als heilig. Er möge mich bitte nicht weiter verarschen. Woraufhin der mir erklärte, dass er das ganz ernst meine. Wir seien doch beide getauft und damit geheiligt in Christus! Also Heilige!

Ich weiß, dass mich das damals ziemlich getroffen hat und mir einen neuen Zugang zum Begriff der Heiligkeit eröffnet hat. Natürlich darf das dann nicht zum Vorwand für Überheblichkeit werden. Wer sich selbst für was Besseres hält, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht!

Aber dass es beim Thema Heiligkeit in erster Linie um ein Geschenk, um eine Gnade geht und nicht um eine Leistung: Das ist glaube ich ganz nah dran an der Botschaft Jesu!

Die Heiligen, die von der Kirche offiziell zu solchen erklärt werden, sind Menschen, die von vielen als solche geisterfüllten Menschen erkannt wurden, selbst wenn manchmal auch kirchenpolitische Interessen dahinterstehen!

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Heilige 😉!

Es gibt tausend Formen der Heiligkeit: Letztlich so viele wie es Getaufte gibt; Und wir alle sind eingeladen, unsere persönliche Form des Heiligseins zu entdecken und zu leben! Amen!

 

Holy Influencer? The Case of Carlo Acutis and What Holiness Means

Dear Sisters and Brothers,

Today in Rome, a large service took place with over 100,000 people, during which two young Italians were canonized. The more well-known of the two is Carlo Acutis. The media have called him the „Influencer of God.“ There was quite a media hype around him. Understandable, because unlike saints of centuries past, he only died in 2006. His mother is still alive, and his brother gave a reading this morning during the service. He is also called the first Millennial to be canonized.

The media has pounced on him and mostly reported positively about him. This morning, there must have been a report on NTV – a friend took a photo of me from the screen – in which I also comment on Carlo Acutis. That was a year ago when his canonization was decided; but apparently, the people at RTL liked that I said back then: To become „holy,“ you don’t have to be an „old fart“!

In the meantime, I see the canonization of this 15-year-old quite critically. He was certainly a devout and also lovable person; but it becomes clear that much is very stylized. He has become a projection screen for what certain people want from a contemporary saintly figure.

But is he really that contemporary? Without going into details, there are some question marks regarding Carlo Acutis. Is it really a contemporary form of faith to create a website about Marian apparitions around the world or Eucharistic miracles? It then turned out that quite a few of these miracles have anti-Semitic backgrounds, which one would hardly expect from a 15-year-old internet nerd.

You can’t blame him for that. Nevertheless, it all has a bit of an aftertaste. When you read what he is supposed to have done and not done, I get the impression that on the one hand, they want to present a young, good-looking 15-year-old as a role model, who on the one hand is just normal – like you and me – but on the other hand, cultivates forms of piety and convictions from 19th Century. If you ask classmates of Carlo Acutis, they certainly cannot confirm what is officially peddled about his piety.

I don’t want to spoil the canonization of Carlo Acutis for you and us, but I want to sharpen our critical minds so that such canonizations can also be exploited for church-political purposes!

It is good that a second young man was canonized, who was born in Turin in 1901 and died at the young age of 24. He came from an educated background, and although his parents were agnostic, he developed a deep faith, which was mainly shown in social engagement.

Without his family noticing, he was involved, for example, in the slums of Turin. In search of a spirituality that shapes life, he joined the Third Order of Dominicans in 1922, which is why he is naturally particularly likeable to me.

He was also a student of civil engineering and died of polio one day before his final exam. He had contracted it during his visits to the poor quarters. He was later declared the patron saint of World Youth Day, among other things!

Pier Giorgio Frassati was studying in Berlin because his father worked here as an ambassador… So we can assume that he was also in our KSG Berlin, which of course wasn’t called that way back then! It is attested that he participated in a congress of an international student association (Pax Romana), which still exists today! Proof that you don’t gamble away your holiness when you are involved in association work!

What also makes him appealing to young people is his passion for sports. He liked to hike in the mountains and founded a group in 1924 that cultivated their spirituality on mountain hikes and bears the funny name „Society of Opaque Types.“ (Società dei Tipi Loschi)

You notice: I find Pier Giorgio Frassati somehow more interesting than Carlo Acutis! But what is crucial for us is: Holiness is – as I said on RTL – not just for „old bags“.

When individual personalities are canonized, it is not to single them out and say: You can’t reach that ideal anyway, but to make it clear: Holiness is for everyone – as silly as that sounds.

What does „holy“ mean? Unlike what is often portrayed, holiness does not mean moral superiority, but being filled with God. And that is not an extraordinary gift, but applies to all of us!

I have spoken about this before. How do you become holy? Very simple! Through baptism! We enter into the community with God, who alone is „holy“! In the word holy is the word „hale“ in the sense of „healthy“, „happy“ and „fulfilled“! By the way, the cross with holy water reminds not only of your baptism but in this sense of your holiness.

When we pray in the Creed that we believe in the communion of saints, it does not only mean the virtuous heroes like Carlo Acutis, Frassati or Mother Teresa, but you and me! We are the communion of saints! And that not everything holy always goes smoothly with us – and we can all sing a song about it – does not detract from holiness as a whole. We remain nevertheless in the community of saints. That is both commission and encouragement.

Perhaps some have already heard this story, but in this regard, an Italian fellow brother from Rome , Fr. Ricardo Lufrani OP, opened my eyes. We wrote via Facebook, and he always addressed me as „Fratello Santo.“ At some point, I asked him what that was all about. Because I’m anything but holy. He should please stop kidding me. Whereupon he explained to me that he meant it quite seriously. We are both baptized and thus sanctified in Christ! So: holy!

I know that this struck me back then and opened up a new approach to the concept of holiness. Of course, this should not become an excuse for arrogance. Anyone who thinks being something better is most likely not!

But that holiness is primarily about a gift, about grace and not about performance: That, I believe, is very close to the message of Jesus!

The saints, who are officially declared as such by the Church, are people who have been recognized by many as such spirit-filled people, even if church-political interests are sometimes behind it!

Dear Sisters and Brothers, dear Saints! 😉

There are a thousand forms of holiness: Ultimately as many as there are baptized; And we are all invited to discover and live our personal form of holiness! Amen.

Bild: https://pixabay.com/users/pexels-2286921

Ehrlich beten: Wenn Gebet mehr ist als Wunschdenken

Predigt von P. Max Cappabianca in der KSG Berlin

Liebe Gemeinde,

Ich werde oft gefragt, wie man denn beten solle! Viele denken, sie könnten es nicht richtig oder kommen sich dabei blöd dabei vor, wenn man so vor sich hinredet. Manche wenige haben es noch zu Hause gelernt: Sei es, dass die Eltern ein Gebet beim Schlafengehen gesprochen haben. Oder dass es üblich war, ein Tischgebet zu sprechen. Aber selbst in christlichen Familien ist das immer weniger üblich, so auch in meiner Familie! Bei uns wurde am Tisch nicht gebetet!

Dann gibt es das Phänomen, dass manche vielleicht das Beten gewöhnt waren, sich aber die Art des Betens über die Jahre hinweg verändert hat: Kindergebete sind anders als die Gebete von Erwachsenen. Das Evangelium heute suggeriert ja, dass man nur beten müsse, um zu kriegen, was man will. Es wird ein interessantes Gottesbild gezeichnet: Gott als ein Freund, der leicht genervt ist, weil ein Freund auf der Hilfe insistiert! Verstanden als Ermutigung, genau das zu tun: Gott nerven, damit er sozusagen in die Puschen kommt…

Manche behaupten ja, dass sei kindgerecht, wenn man ihnen weismacht, dass Gott die Macht habe, alles zu erfüllen. Ein Kind setzt dann natürlich alles auf diesen Supermann-Gott, der macht, was man will. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert: Wenn rauskommt, dass Gott nicht alle Bitten erfüllt, dann ist Gott entweder nicht allmächtig, oder er ist böse, weil er mir meine kindlichen Allmachtsphantasien nicht erfüllt.

Das hört sich durchaus manchmal süß an, wenn Kinder davon sprechen, was sie sich vom lieben Gott sich wünschen: dass das Wetter gut wird oder der Wellensittich wieder zum Leben erweckt wird…

Aber es ist gar nicht so selten, dass Erwachsenwerden sich diese Enttäuschung wegen der Nichterfüllung von Gebeten zu einem Gift für den Glauben selbst entwickelt. Ich kenne nicht wenige Menschen, die das in ihrer religiösen Biografie so erlebt haben: Was ist das für ein Gott, der mir in meinen existenziellen Nöten erst in mir die Hoffnung weckt, um sich dann doch wieder „totzustellen“. Das Gefühl schleicht sich ein, dass es keinen Unterschied macht, ob es Gott gibt oder nicht!

In der Theologie ist die Frage nach der Wirksamkeit des Bittgebets ein großer Streitpunkt. Je nach philosophischem Hintergrund gibt es unterschiedliche Meinungen. P. Thomas Eggensperger aus meiner Kommunität zum Beispiel vertritt mit guten Gründen die Meinung, dass das Bittgebet keinen Sinn mache, denn Gott handele nicht, nur weil man ihn darum bittet. Ohne in die Details dieser Diskussion einsteigen zu wollen, kann ich nur sagen, dass ich eine nicht so radikale Meinung vertrete!

Ich glaube auch nicht, dass Gott durch unser Gebet veranlasst handelt und zum Beispiel ein Unglück verhindert, weil wir dafür gebetet haben! Das würde ja bedeuten, dass Gott Unglücke zulässt, weil wir nicht gebetet haben oder gar, weil er uns für etwas strafen wolle! Eine Vorstellung, die sich auch in der Bibel findet! Aber nicht dem Kern des christlichen Gottesbildes entspricht!

Ich glaube allerdings auch nicht, dass das Gebet nur eine besondere Form der Autosuggestion ist, in der wir uns von etwas überzeugen, was eh schon da ist und existiert. Das ist mir zu verkopft und entspricht auch nicht dem biblischen Zeugnis: Wenn man sich die Psalmen anschaut, dann sind das schon existenzielle Kämpfe, die da ausgefochten werden. Daher kann ich euch versichern: wenn es in unserm Gebet ums „Eingemachte“ geht, dann kann man sicher sein, dass man spirituell auf dem richtigen Weg ist!

Handelt also Gott, wenn ich zu ihm bete? Ja ich glaube, dass das Gebet etwas bewirkt! Und das hängt mit dem christlichen Gottesbild zusammen: Wir sehen Gott als Beziehung – schon in sich selbst ist Gott Beziehung, wie die Trinitätslehre ausdrückt. In christlicher Beziehung ist das Gebet daher  vor allem eine Realisierung und Aktualisierung einer Beziehung, die zuallererst von Gott selbst ausgeht und auf die wir antworten!

Diese Beziehung nimmt ihren Anfang in der Schöpfung, in der Gott den Menschen ins Dasein ruft („Und Gott sah dass es gut war.“) und geht weiter über die Jahrtausende, in denen Gott – wie es in der Bibel heißt – durch die Prophet:innen zu den Menschen gesprochen hat! Und indem wir „beten“, treten wir mit Gott in Verbindung. Wir realisieren die Liebe Gottes, die die Grundlage alles Daseins, und letztlicher unserer Existenz ist! Mit realisieren meine ich im doppelten Sinne von wahrnehmen und Wirklichkeit werden lassen. Das ist vergleichbar, wenn Liebende einander sagen: Ich liebe dich! Das realisiert eine Beziehung. Die beiden nehmen sie wahr; und zugleich verändert sie zugleich diese Beziehung, denn sie gewinnt eine neue Tiefe!

Übrigens ein interessanter Aspekt, den wir an dieser Stelle nicht vertiefen können ist: Diese Kommunikation ist nicht nur durch Worte möglich: Im Gegenteil! Sie geschieht ganzheitlich, denn wir Menschen sind geistig und körperlich! „Ich liebe dich“ sagen, ist  das eine! Ein Kuss ist aber etwas anderes! Das ist noch einmal eine ganz andere Art wirksamer, wirkender Kommunikation. Und Sex, und zwar wohlgemerkt, wenn man die Person liebt!, ist eine Weise der Kommunikation, die meiner Meinung nach von nichts übertroffen werden kann! Es sage keiner, es verändere einen nicht, wenn man einen Menschen küsst oder anders sexuell miteinander kommuniziert!

Aber das wollen wir jetzt nicht vertiefen: Ich will nur darauf hinweisen, dass die Kommunikation mit Gott ebenso ganzheitlich sein kann und muss, und dass sie einen verändert. Das ist übrigens auch der Grund, der die Eucharistie so wertvoll macht: Seht die Eucharistie mal als Gebetsakt: Indem ihr das gewandelte Brot esst – ein wahrlich körperlicher Vorgang – vereint ihr euch mit Jesus, bzw. Jesus mit euch! Auch das verändert einen – wenn man das mit den Augen des Glaubens wahrnimmt!

Und genau auf diesen Aspekt möchte ich heute den Akzent setzen: Das Gebet ändert mich und damit auch die Wirklichkeit um mich herum. Das ist die Weise, in der Gott handelt. Ich werde zu einem Instrument, durch das Gott seine Liebe in dieser Welt realisiert: Wirklichkeit werden lässt.

Das ist etwas anderes als die kindliche Vorstellung, dass Gott „meine Gebete erfüllt“. Dieser Gott ist oft unverständlich und dunkel, weil das die andere Seite der Realität ist: die Gemeinschaft mit Gott ist unvollkommen, und wir sehen uns nach voller Gemeinschaft!

Die Frage bleibt nämlich bestehen, warum Gott das Leid zulässt, warum es Krieg, Tod und Hunger in der Welt gibt, warum er es zulässt, dass der Staat Israel wegen des Terrorangriffs im Herbst 2023 ein Vielfaches an Palästinensern umbringt und wie jetzt gerade sie brutal verhungern lässt: Ausgerechnet ein Staat, der entstanden ist aus den Trümmern der Shoah, in de unser Land Deutschland die Vernichtung von Menschen zur industriellen Perfektion geführt hat… Das ist alles dunkel und bleibt für immer unverständlich! Wie kann das sein?  Was für Sinn macht da noch Beten?

Ich glaube fest: Immer dann, wenn Menschen sich durch das Gebet in Verbindung setzen mit Gott, der die Liebe ist, bricht eine Kraft auf, durch die wir Widerstand leisten gegen alles Menschenverachtende in dieser Welt. Gebet führt ins Handeln, Gebet öffnet die Augen für das Leid, Gebet schenkt Hoffnung, dass das letzte Wort über diese Wirklichkeit noch nicht gesprochen ist! Gebet und unsere brutale Wirklichkeit stehen in einem Wechselverhältnis. Gebet also ganz sicher keine Weltflucht, sondern die Weise, in der Gott sein Reich Gottes verwirklicht!

Ein letztes Wort zu den Fürbitten: Wir haben hier die Tradition, dass die Fürbitten frei gesprochen werden! Ich finde das sehr schön. Oft sind sie sehr persönlich, man spürt genau diese existentielle Betroffenheit und das ist gut so. Es ist auch nicht schlimm, wenn mal nicht viel kommt, denn jede:r kann auch still für sich beten! Die manchmal peinliche Stille ist für mich völlig ok: Sie ist ein Raum, den wir für Gott offenhalten! Also denkt nicht darüber nach, ob sich jemand erbarmen könnte, endlich mal nach vorne zu kommen. Wenn jemand was sagen will, dann geschieht das einfach! Auch ist es völlig ok, für einfache Dinge zu beten, wie zum Beispiel, dass die Prüfungen gut gelingen! Wir verbinden uns durch diese Bitte mit Gott und allen Studierenden, die grad im Prüfungsstress und auf diese Weise realisieren wir die Solidarität, zu der uns Gottes Liebe drängt!

Was NICHT geht, sind moralinsaure Fürbitten. Wenn man implizit andere Menschen damit korrigiert oder ausdrückt, was diese tun und lassen sollen. Ein paar Beispiele – nicht aus der KSG! – seien genannt:

Lieber Gott, öffne allen Rassisten die Augen, dass sie von ihrem Tun ablassen und nicht mehr diskriminieren!

Lieber Gott, lass uns endlich aufhören, die Schöpfung zu zerstören, sondern lass uns umweltfreundlich leben!

Lieber Gott, mach dass die Bischöfe sich für mehr Demokratie in der Kirche einsetzen!

Oder aktuell bei einem Priester aus Bayern: Für alle, die den Namen Gottes entheiligen, indem sie ihn für ihre Zwecke missbrauchen!

Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine: Ich finde auch, dass Rassisten nicht mehr diskriminieren sollen, dass die Schöpfung bewahrt werden muss und dass sich die Bischöfe für mehr Demokratie einsetzen könnten! Und ich bin gegen die Entheiligung des Namens Gottes. Aber Fürbitten sind nicht dazu da, andere zu korrigieren und meine Interessen zu vertreten!

Ich möchte euch Mut machen, in den Fürbitten im Gottesdienst, aber vor allem im privaten Gebet, eure Anliegen vor Gott zu tragen, im Vertrauen darauf, dass Gott auf seine Weise antworten wird! Und dafür ist das Vaterunser ein guter Leitfaden! Es geht um unsere Bedürfnisse, um Schuld und Vergebung und um Gottes Willen, den wir Liebe nennen!

Wenn wir darauf vertrauen, sehen wir die Möglichkeiten, die Gott hat, uns zu verändern und durch uns die Welt und die Mitmenschen in ihr!

Und wir sehen dann auch, dass Gott vielleicht doch unsere Gebete „erhört“ und doch gehandelt hat. Vielleicht anders als gedacht, aber viel größer und mit noch viel mehr Liebe, als wir je hätten uns träumen lassen!

Bild: privat

Von Wüstenmomenten und faulen Maden: Die Kunst der Semesterferien

Predigt von Karen Siebert in der KHSB 

Liebe Studierende, lieber Mitarbeiter*innen der KHSB,

Herzlich Willkommen zu dieser Andacht, mit dem wir den Abschluss der Vorlesungszeit feiern.

Mein Name ist Karen Siebert und ich bin Referentin an der KSG, der Katholischen Studierendengemeinde in Berlin. Ich freue mich, dass ich diese kleine Feier zusammen mit Ihnen und mit Roman Akuratnov an der Orgel mit begehen darf.

Wir tun das in interreligiöser Aufgeschlossenheit. Die KHSB ist eine katholische Hochschule, aber in ihr studieren viele, die nicht an Gott glauben oder einer anderen Religion angehören und auch bei den Mitarbeitenden sieht das sicher vielfältiger aus als man denkt.

Jede*r möge auf seine Weise diese Andacht nutzen, um das vergangene Semester mit all seinen Erfolgen, Herausforderungen und Schwierigkeiten zu verabschieden und die Semesterferien oder besser die vorlesungsfreie Zeit und die hoffentlich damit einhergehende Pause zu begrüßen.

„Pause – nicht nur eine biblische Erfindung“, so habe ich diese kleine Feier überschrieben. Und anstelle einer langen Lesung, habe ich mich in der Bibel mal umgesehen, was diese zum Thema Pause so sagt:

Gen: Gott sah auf alles was er gemacht hatte und siehe es war gut. Das war der sechste Tag. Am siebten Tag aber ruhte Gott von seiner Arbeit aus. Er hatte sein Schöpfungswerk vollendet. Er segnete diesen Tag und sagte: „An diesem Tag sollen wir uns von der Arbeit ausruhen!“ Das war der siebte Tag.

Ex: „Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; am siebten Tag sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ruhen und der Sohn deiner Magd und der Fremdling sich erholen.“

Psalm 127,2: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät niedersetzt und euer Brot mit Sorgen esst; denn seinen Geliebten gibt er es im Schlaf.“

1, Könige 19: Er (Elija) streckte sich unter dem Ginsterstrauch aus und schlief ein. Plötzlich wurde er von einer Berührung geweckt. Ein Engel stand bei ihm und forderte ihn auf: »Elia, steh auf und iss!« 6 Als Elia sich umblickte, entdeckte er neben seinem Kopf ein Fladenbrot, das auf heißen Steinen gebacken war, und einen Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder schlafen. 7 Doch der Engel des HERRN kam wieder und weckte ihn zum zweiten Mal auf.

»Steh auf, Elia, und iss!«, befahl er ihm noch einmal. »Sonst schaffst du den langen Weg nicht, der vor dir liegt.« 8 Da stand Elia auf, aß und trank. Die Speise gab ihm so viel Kraft, dass er vierzig Tage und Nächte hindurch wandern konnte, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb, kam.

Lukas 5,16: In Scharen strömten sie zusammen. Sie wollten ihn hören und von ihren Krankheiten geheilt werden.  Jesus aber zog sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, um zu beten. 

Markus 6,31: Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

In der Bibel ist also alles zu finden.

Ein strenger Wechsel von Arbeiten und Ruhen / von Schaffen und Pause. Aber auch der Aufruf zur Sorglosigkeit, zum Ausschlafen und zum ausreichend essen.

Vor allem das Neue Testament zeugt auch von kleinen Fluchten, kleinen Rückzügen aus dem stressigen Alltag. Jesus empfiehlt das seinen Jüngern und nutzt das selbst auch ganz explizit. Auch vom Propheten Mohammed wird berichtet, dass er sich regelmäßig in eine Höhle zurückzog oder die ruhigen Stunden der Nacht nutzte, um allein zu sein und zu beten.

In der katholischen Studierendengemeinde veranstalten wir seit 2 Wochen „Ora et Labora“. Bete und Arbeite. Co-Working für Studierende gerahmt von Impulsen und natürlich leckerem Essen.

Die Benediktiner Klöster haben sich Ora et labora zum Leitspruch gemacht. Deswegen zitiere ich hier auch Benediktiner Pater Albert Altenähr OSB:

„Das benediktinische Motto-Wort „Ora et labora – Bete und arbeite“ kündet von einem Rhythmus, aus dem heraus Leben gelingen kann. Es spricht von einem Spannungsbogen, der beides kennt: Die Anspannung und die Entspannung. Zugleich lädt das Motto ein, den Spannungsrythmus als wirklichen Rhythmus zu leben. Es ist nicht gut, bis zum Geht-nicht- Mehr der Erschöpfung die Anspannung zu praktizieren, um dann – weil nichts mehr geht – die Entspannung zu suchen. Wer erschöpft ist, wird sich nicht entspannen können. Er ist erschlafft, – hängt durch und herum. Erschöpfung ist nicht schöpferisch, – Entspannung dagegen sehr.“ (Albert Altenähr OSB)

Ich finde es spannend, diese Idee, nicht bis zur Erschöpfung zu arbeiten, sondern vorher aufzuhören. Die Pause rechtzeitig einzulegen. Jeden Tag so zu gestalten wie das Ora et Labora in der KSG: Morgens ein gemeinsames Frühstück mit Croissants und frischer Marmelade. Einen geistlichen Impuls, dann 2-3 Stündchen arbeiten. Ein Mittagessen vorgesetzt bekommen und eine schöne Mittagspause genießen, um dann mit einem Impuls in die nächste Arbeitseinheit geschickt zu werden. Um 16 Uhr ist dann Feierabend und ich kann den Rest des Tages genießen.

Ich finde die Idee so schön, mein Leben so zu gestalten, um damit auch zu verhindern, dass mich am 1. Urlaubstag die typische Erkältung oder der befürchtete Migräneanfall einholt.

Bei Ihnen und mir stehen nun die Semesterferien vor der Tür. Und auch wenn diese Ferien für Sie als Studierende und als Mitarbeitende hier an der Hochschule sicher keine komplett freie

Zeit bedeuten, so steht doch eine große Pause an. Eine Pause vom Lehrbetrieb und von den Anfragen der Studierenden. Eine Pause von Vorlesungen und Seminaren, von Pflichtveranstaltungen und Referaten, vom häufigen Pendeln zur Hochschule, vom eng getakteten Hochschulalltag. Vielleicht auch vom Kampf mit ihren Kindern, um diese rechtzeitig zur Schule, zum Fußballverein oder zum Ballett zu bringen.

Wie haben Sie es denn diesmal gehalten? Ich jedenfalls habe es dieses Semester natürlich geschafft, einen wunderbaren Rhythmus aus Spannung und Entspannung zu leben – nicht.

Ich habe es natürlich geschafft, mir in diesem Semester meine Kraft so einzuteilen, dass ich nun nicht erschöpft in die Ferien gehe – nicht.

Ehrlich gesagt, pfeife ich aus dem letzten Loch. Morgen Nachmittag (nachdem ich gegen 13 Uhr mit der Arbeit fertig bin) fahren wir für 3 Wochen in den Urlaub und ich habe noch nicht mal eine Packliste geschrieben.

Jetzt könnte ich mich deswegen ärgern – oder nicht.

Denn ich bin schließlich weder Jesus noch der Prophet noch ein Mönch. Ich weiß jetzt schon, dass ich das auch nächstes Jahr nicht schaffen werde, auch wenn ich es mir wieder vornehme.

Mein Plan ist ein anderer: Ich habe vor, nach Ankunft am Urlaubsort die Kinder in den Pool zu schicken oder auf den Fußballplatz und zum Abendbrot maximal die Sandwichmaschine anzuschmeißen. Ich werde mich dann nicht erschöpft unter einen Ginsterstrauch legen, aber ich werde mich auszuruhen und überhaupt nicht schöpferisch sein, sondern darauf vertrauen, dass Gott oder mein Mann oder der Kiosk auf dem Campingplatz mich schon mit Eiscreme und Frappé füttern wird. Ich werde leben, wie eine Made im Speck, bis es mir zu den Ohren rauskommt.

Meiner Erfahrung nach tut es dies spätestens an Tag 3.

Denn, das ist auch meine Erfahrung: wenn ich mich nicht ärgere über meine Erschöpfung, sondern diese zelebriere (etwas, was ich früher Blinner-Tage nannte =Breakfast-Lunch-Dinner verschwimmen zu einer Einheit, während ich im Schlafanzug Tour de France schaue). Dann stehe ich spätestens am Tag drei wieder auf der Matte. Und dann kann es schöpferisch werden und mir sehr sehr gut tun.

Jetzt ist es so, dass sich weder Jesus noch der Prophet Mohammed in ein schickes Urlaubsresort  zurückgezogen  haben.  Sie  haben  auch  nicht  geblinnert  oder  den

Campingplatzkiosk heimgesucht, sondern gefastet. Sie gehen in die Wüste oder in die Berge oder eine Höhle. Mit seinen Jüngern fährt Jesus an einen einsamen (in manchen Übersetzungen heißt es öden) Ort. Ich werde jetzt meinen Urlaub nicht auf Askese umbuchen oder in ein Yoga-Ashram verschieben. Aber ich denke, es ist wichtig, mir kleine Wüstenmomente zu schaffen. Warum? Damit ich den Bogen entspannen kann, damit ich mit mir – und wenn ich will – auch mit Gott in Kontakt kommen kann. Damit ich zur Ruhe komme, Abstand schaffen kann, den Überblick bekomme. Damit ich mir überlegen kann – wenn ich den Bogen wieder Spanne – welches Ziel ich anvisieren werde.

Ich brauche Wüstenmomente, damit meine Pause weder schlaffes Herumhängen wird noch sich schon wieder wie Arbeit anfühlt vor lauter Sport- und Besichtigungsprogramm und Familienspaß.

Ich brauche Wüstenmomente, damit die Pause schöpferisch bleibt. Ein kurzer Allein- Spaziergang im Park oder am Strand, einen Kaffee nur mit mir in einem Bistro genießen. Auf dem Balkon sitzen und den Vögeln lauschen, vielleicht eine Halbtageswanderung für mich, wenn es hochkommt. Ein gutes Buch lesen. Lachen sie mich nicht aus, für diese Momente habe eine Liste! Denn ohne, auch das lehrt mich die Erfahrung, zücke ich in den kleinen Pausen, die sich bieten, einfach nur mein Handy.

Ich weiß nicht, ob Gott da seine Finger im Spiel hatte, aber wer auch immer die Semesterferien geschaffen hat, so sind sie doch recht lang. Lang genug, um von allem etwas unterzubringen, wenn ich nur will.

Und so werde ich die Semesterferien gestalten: arbeitsam, faul, sportelnd, feiernd, in Gemeinschaft aber auf jeden Fall auch mit ein paar Wüstenmomenten.

Denn, so sagt die Bibel ebenfalls: Alles hat seine Zeit. Willkommen in der großen Pause.

Bild: Privat

Spiritualität vs. Aktivität?

Predigt von P. Max Cappabianca OP

Liebe Geschwister im Glauben,

heute haben wir die Geschichte von Martha und Maria gehört. Zwei Frauen, die Jesus bei sich zuhause empfangen: Martha ist beschäftigt und eifrig im Dienst, während Maria sich an den Fuß Jesu setzt und zuhört. Auf den ersten Blick scheint es, als ob Jesus Maria lobt und Marta tadelt. Aber stimmt das?

In der christlichen Tradition ist daraus der Unterschied zwischen aktivem und kontemplativem Leben konstruiert worden. Die Ordensleute waren „besser“, weil sie mehr Zeit dem Gebet widmen können als Normalsterbliche. Aber stimmt das? Meister Eckhart, ein mittelalterlicher Dominikanermystiker hat diese Deutung schon im 12. Jahrhundert in Frage gestellt und darauf hingewiesen, dass es nicht um ein Besser oder Schlechter geht, sondern um das Gleichgewicht zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir in unserem Inneren erfahren. In der christlichen Spiritualität ist beides gleichermaßen wichtig. Das zeigt die Geschichte von Marta und Maria.

Schauen wir zuerst Maria an: Sie sitzt am Fuß Jesu und hört zu. Das ist kein passives Zuhören, sondern ein tiefes, inneres Lauschen auf Gottes Wort. Meister Eckhart beschreibt dieses Lauschen als das „Stillwerden des Herzens“. Wenn wir uns bewusst Zeit nehmen, um Gott zuzuhören, öffnen wir unser Herz für ihn. Unsere Kraft im Leben speist sich daraus, dass wir immer wieder still werden und in Verbindung treten mit dem Urgrund, den wir Gott nennen.

Und dann Martha: Sie ist im Einsatz, sorgt für das Wohl der Gäste und tut, was getan werden muss. Und das ist gut so! Der Dienst ist ihr Ausdruck der Liebe für Jesus. Jesus scheint Martha zu tadeln: „Maria hat das gute Teil erwählt.“ Das bedeutet aber nicht, dass Martha falsch gehandelt hätte. Es zeigt nur: Unser Tun, unser Engagement und Wirken darf nie das Innere des Herzens verdrängen. Es ist wichtig, aus einer tiefen Verbindung mit Gott zu leben, damit unsere Taten echt und fruchtbar werden.

Was heißt das für uns im Alltag? Ganz einfach: Beides braucht es – das Zuhören im Gebet und das konkrete Tun. Ich glaube, das ist es, worauf Meister Eckhart mit seiner Kritik an der traditionellen Interpretation dieser biblischen Erzählung hinweisen wollte. Die Stille des Gebets ist notwendig, aber dieses Gebet wird nur fruchtbar, wenn wir dann nicht passiv bleiben, sondern es umsetzen im Leben. Wenn du aktiv bist, dann tue es aus der Kraft und Liebe, die du aus der Verbindung mit Gott schöpfst.

Dazu möchte ich euch heutige ermutigen: Lebt beides! Nehmt euch regelmäßig Zeit, um still zu werden und die Spuren Gottes im eigenen Leben zu entdecken. Das ist ein kontemplativer Akt, und aus dieser Kontemplation strömt die Kraft für die Aktion! Das Problem ist, wenn das auseinanderfällt! Dann versinken wir entweder in weltfremdem Spiritualismus oder wir verfallen in blinden Aktionismus und verlieren unsere innere Mitte!

Nun spreche ich aus eigener Erfahrung: Das ist alles nicht so einfach! Denn es gibt Lebensphasen, da steht das eine im Mittelpunkt, dann buttert man rein arbeitet und schafft und gibt alles, was man kann; und andere Phasen, in denen man wieder entgegensteuert, und manches wieder loslässt, weil man merkt: Es bringt einen innerlich nicht weiter und man muss sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist manchmal ein ganz schönes Herumeiern, ihr kennt das vielleicht! Aber habt keine Angst: Ich bin davon überzeugt, dass dieses „Herumeiern“ ein Zeichen von Vitalität ist und kein Fehler!

Jesus selbst macht es vor: Wenn wir in den Evangelien lesen, dann gibt es Passagen, in den deutlich wird, dass er aktiv war: Dass er predigte, die Menschen heilte und das Gewühl suchte (Die Speisung der 5000!) Aber es gibt andere Zeiten, in denen er sich zum Gebet zurückzieht und sich noch mal in einer anderen Weise mit Gott verbindet!

Noch einmal: Ist Spiritualität und Aktivität ein Widerspruch? Nein in christlicher Perspektive überhaupt nicht, sondern zwei Seiten einer Medaille! Mich hat in dieser Hinsicht immer das Diktum eines Jesuitenpaters (Michael Schneider SJ) beeindruckt, der mit Bezug auf das Stundengebet eine ganz originelle Sicht uns vermittelt hat.

Ihr wisst ja, dass die Ordensleute und Priester zum Stundengebet verpflichtet sind. Er sagte: Es gibt ein kleines Gebet und ein großes Gebet! Und als wir gefragt haben, was der Unterschied ist, sagte er: Das Stundengebet, die Meditation, die Messe und alle anderen frommen Übungen sind das kleine Gebet! Und das große Gebet: Das ist das Leben! Unser Leben wird zum Gebet, wenn alles, was wir tun, in innerer Verbindung mit Gott geschieht; was nicht heißt, dass man ständig an Gott denken muss, sondern dass wir aus dieser Kraft leben: Gott du bist meine Stärke!

Von daher: Pflegt das kleine Gebet – und gönnt euch Zeiten, in denen ihr zur Ruhe kommt und in euch hineinhorcht und dieser Stimme zuhört, die zu euch spricht: Wie bei Maria im heutigen Evangelium! Aber lasst euch auch wie Martha in den Dienst nehmen und werdet mit dem, was ihr tut und wirkt, zu Werkzeugen, mit denen Gott den Menschen seine Liebe zeigt.

Segen – Gott berührt dich!

Liebe Schwestern und Brüder,

Das Evangelium vom Barmherzigen Samariter, das wir heute gehört haben, ist DAS Evangelium schlchthin, um den Kern des christlichen Ethos klarzumachen! Die Priester und Leviten, die wegschauen und den Menschen halbtot auf der Straße liegen lassen beschämen bis heute all diejenigen die vorgeben, fromm zu sein und Gottes Wille zu tun, aber völlig versagen, wenn es um konkretes Leid geht! Und der, der es richtig macht, ist ein Samariter, einer, der in der damaligen Gesellschaft nicht „dazugehört“ und auf den „normale Leute“ herabschauen.

Was bedeutet dieses Gleichnis heute für unsern Großstadt-Jungle?Ich kann nur sagen: Es ist nicht so einfach! Ich stehe auch nicht immer auf „richtigen Seite“ – so wie der Barmherzige Samariter – was mir das Recht gäbe, mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die  wie die Priester und Leviten im Gleichnis die Nase rümpfen und wegschauen!

Ich könnte aus dem Stand einige Situationen berichten, wo ich das Gefühl habe, menschlich falsch gehandelt habe. Ganz konkret erst letzte Woche: Ein farbiger Mensch lief vor unserer KSG vorbei und frug durch das Fenster, ob er denn sein Handy bei uns aufladen könne. Eine einfache, schlichte Bitte, wo Menschen einander helfen können. Ich hab‘ ihn weggeschickt! Ich bin im Nachhinein immer noch geschockt, wie schnell mein „Nein“ geschossen kam, ohne die Situation zu bedenken. Natürlich bedeutet, einen Fremden in die KSG zu lassen, immer potentiell Gefahr, und wir haben schon ein paar Mal erlebt, dass Menschen durch das Fenster Gewalt ausfällig wurden, sodass mein erster Impuls die Verteidigung unseres Schutzraumes war, den die KSG ja darstellen soll. Aber war dieser Mann wirklich eine Gefahr?

Liebe Schwestern und Brüder, dieses kleine Beispiel soll nicht dazu dienen, dass ihr mich lossprecht, sondern um deutlich zu machen, wie schnell es gehen kann, dass man die falschen Prioritäten setzt ohne es zu wollen! Und dass uns allen nicht gut ansteht, mit dem Finger auf andere zu zeigen!

In diesem Evangelium steckt aber noch ein anderer Aspekt, deder sehr wichtig ist für unser Gottesbild! Wir lesen in dem Evangelium: „Ein Samaríter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.“

Ich weiß nicht, ob jemand von euch schon mal die Gelegenheit hatte, einen Verletzten zu versorgen. Wenn so ein Mensch blutverschmiert da liegt und er vielleicht vor Schmerzen stöhnt, dann hat man richtig Angst, diesen Menschen zu berühren. Zum einen vielleicht, weil man Angst hat, ihm oder ihr noch mehr weh zu tun. Vielleicht auch weil es einen ekelt oder man sich selber nicht schmutzig machen will.

Mich beeindruckt in dem Evangelium, dass der Samariter da offenbar keine Berührungsängste hatte. Er nimmt sich der Wunden des Opfers an. Er geht sogar so weit, ihn zu umarmen, denn nur so kann man einen anderen Menschen auf ein Reittier setzen. Man muss sich das ganz konkret vorstellen. Da geschieht ganz viel Nähe. Das Opfer muss es auch zulassen und sich berühren lassen, auch wenn es im ersten Moment weh tut!

Für mich ist diese Begebenheit ein Bild dafür wie Gott mit uns Menschen interagiert. Ich glaube, dass Gott uns „berührt“. Und diese Berührung ist ein komplexes Phänomen. Die Berührung kann auch wehtun. Vor allem wenn wir verletzlich sind, und doch ist die Nähe, die sich darin zeigt, etwas wonach wir uns zutiefst sehnen.

Daran musste ich denken, als ich die Frozen Roses von Ziggy in der Bibliothek am Hansaviertel gesehen habe. Sie sind aus Glas, und Ziggy hat sie in einen Teich im Innengarten dieser Stadtbücherei „gepflanzt“. Ziggy hat mir verraten, dass das mit den Rosen eigentlich einem Übersetzungsmissverständnis geschuldet ist: Jemand hatte ihr vorgeschlagen, Seerosen zu gestalten. Die sehen natürlich ganz anders aus. Sie hat Rosen verstanden und so sind nun in diesem „See“ in der Stadtbücherei im Hansaviertel diese wundervollen Glasrosen im Wasser.

Geht mal hin und schaut euch das an. Im Hansaviertel kann man zu den normalen Öffnungszeiten der Stadtbücherei hin! Man muss ein bisschen suchen: Es ist ein traumhaft schöner Ort, mitten im Großstadt-Jungle. Im Hintergrund die Betonhochhäuser und dazwischen ein Paradiesgarten, darin ein kleiner Teich und darin die Frozen Roses von Ziggy!

Die Rosen gelten als die Königinnen unter den Blumen, Sie sind wunderschön und duften, gleichzeitig sind sie aber extrem empfindlich. Es ist als dürften die zarten Blütenblätter nicht berührt werden. Dornen schützen die Pflanzen vor einem groben Begrabschen! Rosen sind für mich ein Bild dafür, wie behutsam wir mit Berührung umgehen müssen, dass Nähe auch gefährlich ist, aber zugleich unendlich kostbar.

Dass Ziggy diese Rosen in Glas gegossen hat ist für mich ein Bild, dass wir im Großstadt-Jungle vieles neu lernen müssen! Berührung und Nähe sehen im Beton-Jungle anders aus; sie sind aber trotzdem weiterhin unendlich schön und eine Einladung an uns, daran zu glauben, dass wir diese Großstadt zu einem Ort machen können, wo wir uns einander behutsam und zärtlich berühren lassen können!

Im Anschluss an die Predigt wird es anstelle des Credo die Gelegenheit zu einem individuellen Segen geben. Wir haben das schon öfters hier in der KSG gemacht. Heute möchte ich aber besonders Aufmerksamkeit dem Aspekt des Berührens widmen. Denn was ist Gottes Segen nicht anderes als eine Berührung Gottes? Vielleicht eine heilende, eine die Wärme schenkt, eine die aufrichtet oder die einfach nur eine Sehnsucht stillt.

In der christlichen Tradition waren Segnungen eigentlich immer mit Berührungen verbunden. Man kann das sehr schön bei Taufen sehen. An mehreren Stellen berühren der Priester, die Eltern und die Paten den Täufling. Diese Berührung werden mit den Augen des Glaubens gesehen alle zu einem körperlich spürbaren Ausdruck dessen, was Gott in uns wirkt!

Ich gestehe euch, dass wir Hauptamtlichen bisher dem Aspekt, welche Geste beim Segnen verwendet, wir wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Da hat eigentlich jeder gemacht, was er will… Ich bin da an sich sehr vorsichtig, denn ich will nicht übergriffig wirken. Andererseits berauben wir den Segen vielleicht eines seiner wichtigsten Aspekte, nämlich die Leiblichkeit, die Körperlichkeit. So wie beim Barmherzigen Samariter es doch darauf ankommt, dass er die Wunden berühren muss, um ihm zu helfen.

Das muss letztlich jedem selber überlassen bleiben, was er oder sie braucht und gestalten will; und so werden wir verschiedene Formen der Berührung beim Segen euch anbieten. (P. Max zeigt die verschiedenen Segegensgesten und -berührungen)

  1. Grundform – Orantenhaltung
  2. Hände ausstrecken über einem
  3. Hände auflegen auf Kopf
  4. Hand auf eine Schulter legen
  5. Hände in die Hand legen
  6. Ein Paar legen die Hände ineinander
  7. Der Segnende legt seine Hände auf das Händepaar

Ihr seid alle eingeladen euch segnen zu lassen. Lasst euch berühren von Gottes Nähe!

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Geht! Siehe, ich sende euch!

Aufbrechen, radikal sein, vertrauen und dabei erleben, wie uns das Evangelium herausfordert, unsere Komfortzone zu verlassen und im Ungewissen auf Gottes Stimme zu hören. Lea Salome Fränzle erzählt von ihrer eigenen Pilgerreise und dem Mut den es braucht, um sich auf das Wesentliche einzulassen: Wege, die auch im Alltag Spur hinterlassen. Lass dich inspirieren, auf deine eigene Reise zu gehen und Gottes Begleitung auf dem Weg zu erfahren. Studentische Predigt am 6.7.2025 in der KSG Edith Stein Berlin.

 

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Feeling unqualified? Solemnity of Saint Peter and Paul

Dear brothers and sisters in Christ, I feel deeply honoured and privileged to stand before you this morning to share this homily—especially on a day as significant as today, when we honour two of the most important saints of our Church: Saints Peter and Paul.

When Fr. Max first asked me to give this reflection, I honestly thought, “He must be a little crazy.”[1] I mean, what could I possibly offer? “I felt honored, but also completely unqualified.” I’m not a theologian, and I’ve only just begun to know this community. But here I am, standing before you—because sometimes, when God calls, all He asks is that we say “yes,” not that we feel ready.

Sometimes, when God calls, all He asks is that we say “yes,” not that we feel “ready”.

And maybe that’s a perfect starting point for today’s feast—the Solemnity of Saints Peter and Paul. Two pillars of our Church. Two very different men, from very different backgrounds. Peter, a fisherman—often impulsive, often unsure. Paul, a former persecutor of Christians—intellectual, bold, and stubborn. Neither was perfect. But both were willing.

Today’s readings invite us to reflect not on their perfection, but on their faithfulness. In the first reading from the Acts of the Apostles, Peter is in prison, chained between guards. And while the Church prays fervently for him, God sends an angel to break his chains and lead him to freedom. At first, Peter doesn’t even believe it’s real. He thinks he’s dreaming. Only afterward does he realize what God has done.

That really spoke to me: Because I’ve had moments like that too—where it’s only in looking back that I can say, “Yes, God was there.”

I remember moving from Uganda to Kenya in 2012, grieving the loss of my father. I was just 24, from a small rural town, suddenly alone in a busy city. And yet, strangers stepped in to help. When I was a student in Ethiopia and a friend and I were harassed by a group of drunk boys, it was one among them—perhaps moved by something deeper—who stood up for us and made the others walk away. Again, a stranger helped.

And when I came to the US, and now here in Germany, I’ve been welcomed into communities where people offered kindness not in grand gestures, but in simple, quiet acts—like sharing a meal, offering a listening ear, or giving their time and presence.

In all these moments, I didn’t always recognize God’s hand right away. But like Peter, I came to see: the Lord had been with me. And like Paul says in today’s second reading, “The Lord stood by me and gave me strength.”

Saint Peter and Paul remind us that we don’t need to be perfect. We just need to be open, willing and faithful. Because God can do a lot with a heart that says, “Here I am.”

I believe that’s our calling too. To live with open hearts. To recognize that we are not alone—not in our struggles, not in our faith, and not in our longing for justice and peace.

Even in the ordinary things—preparing for Mass, sharing a Sunday meal, going strawberry picking or just being present at a game night—we are already participating in God’s work. So what if we made that participation more intentional? What if we made every encounter a safe space—especially for those we disagree with, or don’t understand?

 

That’s the radical love Peter and Paul came to embody. Not a love that categorizes or excludes, but a love that dares to welcome, to forgive, to invite others to the table.

I’m grateful to be part of this KSG community in Berlin. The meals, the friendships, the laughter, and even the quiet moments of presence—they remind me that the Church is alive. That even in a world where politicians stir up fear and division, God is still working—through each of us.

So today, as we honour Saints Peter and Paul, I invite us to remember their legacy: bold, imperfect, but faithful love. And I invite us to pray—especially for all who are at the frontlines of violence and suffering, whether in Ethiopia, Germany, Israel, Iran, Kenya, Russia, South Sudan, Sudan, Ukraine, the United States, or anywhere in the world. That in their sorrow and sadness, God is there, with them. We are called to be „Saints“:  not perfect, but diverse and longing to realize our vocation to be witnesses of God’s love!

May we be people of prayer, People of presence, People of peace. And with Paul, may we say with trust: “The Lord will rescue me from every evil attack and bring me safely to His heavenly kingdom. To Him be the glory forever and ever. Amen.”