Wir sind alle Heilige!

© Felix Meckl
Es gilt das am 1. November 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on November 1, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Heilige,

Wir alle haben einen Namen. Diesen bekamen wir von unseren Eltern. Unmittelbar nach der Geburt, oft noch im Kreißsaal, mussten sie ihn nennen. Sie hatten sich mehr oder weniger Gedanken gemacht:
knüpfen wir mit unserem Neugeborenen an einer Familientradition an? Welcher Name ist gerade modern? Passt der Vorname zum Nachnamen? Welchen Wunsch will ich meinem Kind mitgeben?

Ab dieser Eintragung und Meldung an das Standesamt ist das dann unser Name. Er steht im Ausweis, im Pass, wird mit der Sozialversicherungsnummer Teil unseres Menschseins als Bürgerin und Bürger unseres Landes. Auch wenn durch das Selbstbestimmungsgesetz von 2024 eine Namensänderung vereinfacht wurde, ist es ein immenser Vorgang, der nicht von jedem ohne Weiteres grundlos vorgenommen werden kann.

Das war aber nur der erste Schritt. Bei den meisten von uns hier folgte ein zweiter, überwiegend unmittelbar darauf: die Taufe. Ein religiöses, Jahrtausende altes Ritual mit vielschichtiger Bedeutung. Wir wurden von Dämonen freigesprochen, gewaschen, in reines Weiß gehüllt und mit Öl konserviert. Das österliche Licht wurde uns vorgehalten und wir haben es durch unsere Augen aufgenommen; in der Hoffnung, dass es sich tief einbrennt, um uns ein Leben lang Mund und Ohren offen zu halten für das Gute. Laut Kirchenrecht erhielten wir ein untilgbares Prägemal, das uns auf ewig ausweisen soll vor Gott. Wir bekamen einen standesamtlichen Eintrag zugesprochen, der die meisten sehr viel Geld kosten wird – in Deutschland. Vor allem aber, erscholl über uns die Zusage Gottes: „Du bist mein geliebtes Kind. An dir habe ich Gefallen gefunden. Du gehörst mir.“

Mit dieser Zuordnung eröffnete sich uns eine neue große weite Welt, eine wahrhaft globale Sicht in Zeit und Raum, eine universelle Mitgliedschaft voller Rechte und Pflichten, die uns multidimensional zu Prophetinnen und Propheten, zu Priesterinnen und Priestern, zu Königinnen und Königen machte.
Ja, wir sind geadelt und Adel verpflichtet!
Hier setzt das heutige Evangelium an, mit den Seligpreisungen der matthäischen Bergpredigt.

Darin formuliert Jesus kein „wenn – dann“, sondern ein „ist – tut“ Prinzip.

Selig seid ihr, weil ihr arm seid vor Gott – gesteht euch eure Bedürfnisse ein. Aber akzeptiert auch, dass euch das Himmelreich schon gehört.

ODER:

Selig, weil ihr im tiefsten Inneren barmherzig seid.
Zeigt Erbarmen und ihr werdet es spätestens im Widerhall selbst erfahren.

Alle neun Zusprüche Jesu lassen sich so durchdeklinieren. Oft wurden sie als moralische Keulen verkauft, als Köder für ein besseres Leben verwendet und verkamen dabei zu einem – für viele Menschen – unerreichbaren Ideal. Wunderbar einfach lässt sich die Mitarbeit am Aufbau des Reiches Gottes so outsourcen auf wenige kanonisch heiliggesprochene Männer und Frauen einer fernen oder selten einmal jüngeren, aber ganz sicher vergangenen Geschichte.

Verstehen wir die Seligpreisungen hingegen als motivierende Beschreibung des Ist-Zustandes, dann haben wir alle das Potenzial und die Chance selbst selige und sogar heilige Mitbauende am Reich Gottes zu sein. Geradeso wie Paulus es uns zugesprochen hat.

Liebe Heilige,

wir brauchen keine angsteinflößenden Visionen eines Weltenendes, um die Macht und Gewalt Gottes zu erahnen oder ihm erfurchtsvoll zu dienen. Auch müssen wir uns nicht auf 144.000 Seelen beschränken, sondern dürfen an diesem Doppelfest alle Heiligen und alle Seelen mit einbeziehen in Gottes laufendes Großprojekt vom Himmelreich.

Wir können, dürfen und sollen, ja wir müssen es sogar, gerade in diesen Zeiten, laut aussprechen, wie es in der Offenbarung geschrieben steht: „Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen“

Amen. Amen. Liebe Heilige!
Ihr seid wahrlich selig zu preisen. Ihr seid kein heiliger Rest, kein elitäres Grüppchen, kein historischer Verein.
Ihr seid Sauerteig und Salz, Licht und Trauben für feinsten Wein.

Werdet euch dessen bewusst, Recht und Pflicht, Potenzial und Berufung.

Heute feiern wir die unzähligen Seligen und Heiligen, die uns Vorbilder sein können in den verschiedensten Lebenslagen.
Morgen gedenken wir aller Seelen, die nicht zu Altären erhoben oder gar von der Welt vergessen wurden.
Doch schauen wir an beiden Tagen auf uns und unser Leben, das Gott zu einem Leben in Fülle machen will im Hier und Jetzt.

Geliebte Kinder Gottes,

es mag im Alltag – weder uns oder anderen – noch nicht offenbar geworden sein. Aber wir werden IHN sehen, wie ER ist und IHM ähnlich sein.

Jeder und jede, die diese Hoffnung auf IHN setzt, heiligt sich, so wie ER heilig ist.

Wenn du das glaubst und darauf vertraust, dann steh jetzt auf und bekenne hier deinen Glauben.

Bild: Coasteering / unsplash

gott.VERTRAUEND unterwegs

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 25. Oktober 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on October 25, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn.
Das neue Semester ist noch jung und sicherlich sind viele Eindrücke noch neu: der erste Hiwi-Job, eine neue Stadt, eine neue WG, neue Vorlesungen, Themen oder Professor*innen…
Das Neue ist da, fordert uns heraus und wir müssen uns arrangieren. Bei so manchem Neuen, was über euch hereingebrochen ist, schwingt vielleicht sogar die Frage mit: Wer will ich eigentlich sein in dieser Welt?
Alles ist in Bewegung, vieles ist im Umbruch, so einiges in der Krise. Das kann verdammt aufregend sein, aber manchmal macht es auch Angst. Es braucht Mut, sich auf Fremdes und Neues einzulassen – im Kleinen, wie im Großen.
Und mitten in diesem Chaos aus Erwartungen, Ansprüchen und Möglichkeiten fragen wir uns: Wo ist eigentlich mein moralischer Kompass? Woran halte ich mich fest, wenn die Orientierung verloren geht?
Die Texte des heutigen Sonntags geben uns drei ganz konkrete Werkzeuge für genau diese Suche an die Hand.
Die erste Lesung aus dem Buch Exodus startete gleich radikal politisch und sozial. Gott sagt da ganz direkt: „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.“
Das ist die Aufforderung Gottes zu absoluter Offenheit, welche aber die eigene Geschichte reflektiert. Es ist leicht, sich in der eigenen Komfortzone zu verschanzen, nur mit Leuten abzuhängen, die genauso ticken wie wir.
Aber echtes Wachstum passiert da, wo wir dem Fremden begegnen.
Gott erinnert uns daran: Wir alle waren schon mal irgendwo die „Neuen“. Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, unsicher zu sein. Offenheit für Neues – für andere Kulturen, andere Lebensentwürfe, neue Ideen – ist kein optionales Extra für Gutmenschen. Es ist das Fundament unseres Glaubens. Gott begegnet uns oft genau in dem Menschen, der anders ist als wir. Teils durch abgrenzende Schärfung des Eigenen, aber mehr durch bereichernde Erkenntnis.
Aber wie schaffen wir das, ohne den Halt zu verlieren und ins beliebige Taumeln zu geraten?
Paulus schreibt im Brief an die Thessalonicher voller Stolz darüber, wie diese junge Gemeinde, trotz großer Bedrängnisse, zu einem Vorbild für alle geworden ist.
Warum? Weil sie einander vertraut haben. Sie haben den Glauben nicht nur im stillen Kämmerlein gelebt, sondern als lebendige Gemeinschaft, die zusammenhält, selbst in der Krise – ohne Gezicke, Rückzüge und Erpressungen und offen ist für die Anfragen der „Neuen“.
Wir Christinnen und Christen – ganz speziell – brauchen in Zeiten der Veränderung dieses Vertrauen untereinander. Keine oberflächlichen Follower-Zahlen, sondern Menschen, bei denen wir „wie“ sein dürfen, bei denen wir die Maske fallen lassen können.
Menschen, die uns spiegeln, wenn wir uns verrennen, und die uns auffangen, wenn wir scheitern. Menschen, die uns Impulse geben und die eigene Blindheit hinterfragen. Menschen, die unsere Zweifel mittragen und Perspektiven großzügig teilen. Vertrauen wächst da, wo wir füreinander da sind und gemeinsam darauf vertrauen, dass Gott mitgeht.
Dass man trotzdem vorsichtig sein muss, erfahren wir im Evangelium. Da versuchen die religiösen Experten Jesus wieder einmal mit einer komplizierten Frage aufs Glatteis zu führen: „Was ist das wichtigste Gebot?“ Sie lebten eingeengt von Traditionen, die keiner mehr verstand und befolgten hunderte von Regeln – geschriebenen und ungeschriebenen. Man verlor leicht den Überblick. Diskussionen um den rechten Weg und die echte Wahrheit dominierten jede Begegnung, hemmten Entwicklungen und führten unweigerlich zu Verletzungen auf allen Seiten.
Jesus wusste darum. Er antwortet kurz und brennend scharf: Du sollst Gott lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst. Bäm.
Du sollst Gott lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst.
Das ist das christliche GPS.
Es geht nicht um starre Paragrafen. Unser Kompass ist die Liebe. Sie eicht unseren Blick. Wenn du vor einer schweren Entscheidung stehst und dich fragst, was richtig ist, leg dieses Raster an: Fördert meine Entscheidung das Leben und die Würde des anderen? Gehe ich gut mit mir selbst um? Und spiegelt das Gottes Liebe wider, wie ich sie erfahren habe?
Wenn ja, bist du auf dem richtigen Weg.
Daher, liebe Geschwister der Hoffnung, als Fazit:
Wenn ihr aus dieser Versöhnungsfeier hinausgeht, rüber zum Get-together oder auch morgen wieder in euren Alltag startet, in das Neue und Ungewisse:
Packt den Kompass der Liebe aus und nutzt ihn.
Macht die Augen auf für die Menschen am Rand und für das, was euch fremd ist.
Und baut an Orten des Vertrauens, an echten Gemeinschaften, mutig weiter in die Zukunft.
Gott fordert uns nicht auf, fehlerfrei zu sein. Er fordert uns auf, liebend und mutig unterwegs zu sein und zu bleiben.
Amen.

Bild: Young-Kyung Kim / unsplash

Keine Sorge, Gott geht mit.

© Nicole Oster
Es gilt das am 18. Oktober 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on October 18, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Keine Sorge- Gott geht mit
Unter diesem Motto steht das Wintersemester in der KSG
Eine Zusage zum Start ins Studium, ins neue Semester, in die Ausbildung und auch für den Arbeitsalltag
Zusage, dass Gott da ist, mich begleitet und ich nicht alleine bin, wenn ich mich mit Anfragen vom Bafög-Amt ärgere, planlos auf das VL-Verzeichnis schaue oder so gar keine Lust auf die Aufgabe habe, die mein Chef mir zugeteilt hat.
 Auf diese Zusage Gottes darf ich mich verlassen
Und ich darf sie auch weitergeben, ausstrahlen- auch wenn es nicht immer einfach ist, frei von meinem Glauben, meinem Christin-Sein zu erzählen und ich oft angefragt werde, mit Vorurteilen konfrontiert werde. Das erfordert Mut und Durchhaltevermögen.
Vor allem in Berlin. Als ich vor 2 Jahren hergezogen bin, war ich total fasziniert von Berlin, so viele Angebote, so viele Möglichkeiten und habe schnell gemerkt, dass diese Vielfalt auch überfordert. So/Zu viele Angebote und Möglichkeiten.
„Willkommen im Erwachsensein“ heißt ein Lied aus dem Musical Kudamm 59.
„Willkommen im Erwachsensein, keiner lügt so schön wie wir.
Willkommen in der Einsamkeit, keiner lügt so schön wie wir.
Gestern Nacht hab ich geträumt ich wäre ein Kind,
und ich war glücklich ohne Angst und alles stimmt.“
Ich kann das Gefühl des Liedes verstehen, als Kind, im Kindergarten war vieles einfacher, schöner. Keine Steuererklärung, ich musste nicht versuchen, irgendwie noch in die Vorlesung reinzukommen und mich nicht mit Anträgen und Wohnungssuche rumschlagen.
Es braucht Mut und Durchhaltevermögen, in Berlin anzukommen und auch mit Anfragen, was mein Christ-sein angeht, umzugehen.
Da hilft auch ein Blick ins Evangelium. Jesus stand in seinem Leben vielen Anfragen gegenüber. Meistens von den Pharisäern, der religiösen Elite, die ihn mit ihren Fragen auf die Probe stellten und überführen wollten. Auch in der Stelle von heute stellen ihn die Pharisäer mal wieder auf die Probe und wollen ihn mit ihrer Frage in eine Falle locken. Dürfen/Sollen Christen Steuern zahlen? -> Fangfrage
Jesus ist klar, dass die Pharisäer ihn vorführen wollen und antwortet ziemlich geschickt, indem er einfach nicht antwortet bzw. sehr offen.
„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört!“
Schöne offene Antwort für die Pharisäer, ich hätte heute gerne eine klare Antwort, was Jesus damit gemeint hat.
Holt gerne mal eine Münze heraus und schaut sie euch an. Auf der einen Seite ist der Zahlwert und auf der anderen Seite an Abbild von etwas landestypischen, in manchen Ländern ein König oder ein Gebäude, der Adler,…
Auf der Münze im röm. Reich war der Kaiser, der pontifex maximus, abgedruckt -> Religion und Politik verbunden. Das ist die spannende Frage für die Jünger*innen und Jesus und der Punkt, womit die Pharisäer ihn auf die Probe stellen wollen. Erkennen Sie den vom Kaiser auch als rel. Herrscher an?
-> Jesus antwortet: gebt dem Kaiser (zurück), was dem Kaiser. Es ist klarr, die Jünger*innen sind Teil des Staates und damit auch normale Bürger mit allen Rechten und Pflichten. So wie auch wir als Christ*innen alle Rechten und Pflichten als Bürger*innen des Staates haben und nutzen, wie wählen, tw. auch Steuern zahlen, Religionsfreiheit usw.
Dem Kaiser gehört die Münze. Gebt dem Kaiser zurück, was dem Kaiser gehört -> Steuer zahlen geht also klar.
Wichtiger/Spannender ist der zweite Teil: gebt Gott, was Gott gehört.
Jede Münze hat eine Prägung und auch wir Menschen haben eine Prägung. Gott hat uns als sein Ebenbild geschaffen. Wir sind geprägt von/durch ihn. Haben Würde und Wert, einen unmessbaren, unbezahlbaren Wert -> denn Gott hat uns als sein Ebenbild, ihm ähnlich geschaffen und zwar gut! Das ist eine Zusage an uns.
Eine Zusage von Gott, dass jede*r von uns wertvoll ist, und eine Würde hat, einfach weil wir sind, dafür müssen wir nichts leisten, keine Qualifikationen oder Punkte vorweisen. Ich bin wertvoll, ganz unabhängig von meine Leistung- einfach, weil ich bin.
Und das darf ich mir zusagen lassen, mir bewusst machen, vor allem in Situationen, in denen ich gefordert, angefragt bin. Wo das Prüfungsamt, der Chef, …, Sachen von mir wollen, Leistungen, Nachweise, … Wenn da viele über mich, meinen Wert, meine Leistung verfügen wollen, mir sagen- ich gehöre nicht euch- Ermutigung/Entlastung, dass ich wertvoll bin und meinen Wert nicht beweisen muss.
Und das auch zu zeigen, im Reden und Tun. Gebt Gott, was Gott gehört, stellt uns vor die Frage, ob wir das auch in unserem Leben, in unsere, Reden und Handeln verkörpern?
Es ist ein Auftrag, vom Christsein zu erzählen, wenn ich gefragt werden. Das ist nicht immer leicht in Berlin. Da bekommt man schon mal schräge Blicke oder auch nicht so freundliche Kommentare, wenn ich erzähle, dass ich glaube oder sogar bei der katholischen Kirche arbeite und doch ergeben sich auch immer wieder schöne Gespräche.
Gebt Gott, was Gott gehört -> Ich kann und darf mir immer wieder bewusst machen, dass ich Gottes Ebenbild bin, wenn ich in meinen Geldbeutel schaue und eine Münze mit ihrer Prägung betrachte.
Ich bin Gottes Ebenbild, geliebt und gewollt, mit Würde ausgestattet und frei meine Entscheidungen zu treffen, meinen Weg zu gehen. Keine Sorge, Gott geht mit. Amen.

Bild: Valentina Ivanova / unsplash

Erntedank

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 4. Oktober 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on October 4, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

Das Gleichnis im heutigen Evangelium – gerade auch in Kombination mit den anderen beiden Lesungen – ist eine harte Botschaft für ein Erntedankfest, aber sie trifft den Kern.

Gott ist der Gutsherr, und diese Welt ist sein Weinberg. Er hat uns das Leben, die Natur und alle Güter anvertraut – nicht als unser unumschränktes Eigentum, sondern als Pacht. Er hat viel investiert und ging bis zum Äußersten. Er gab weitaus mehr als wir alle zusammen.

Erntedank erinnert uns: Wir sind nicht die Besitzer der Schöpfung, wir sind nur ihre Verwalter.

Die Weingärtner im Gleichnis vergaßen den Geber. Sie dachten, alles gehöre ihnen allein. Das ist die Gefahr, vor der Jesus uns warnt: die Früchte des Lebens zu konsumieren, ohne nach dem zu fragen, der sie wachsen lässt. Und er mahnt uns, nicht immer nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Wir sind berufen, als Kinder Gottes, ihm immer ähnlicher zu werden.

Deshalb sagt Jesus am Ende des Gleichnisses: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.“ – Für uns heißt das: Lass dich nicht entmutigen, lass dich nicht klein machen. Schau auf mich!

Und er zieht die Konsequenz: „Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt.“ – Gehöre zu mir, zu meinem Volk. Folge mir nach und bringe gute Frucht.

Geben und nehmen, erhalten und weiterschenken. Nicht aus moralischer Verpflichtung oder eschatologischer Berechnung, sondern aus dankbarer Liebe und weiser Erkenntnis.

Erntedank heißt: Gott seine Früchte zurückzugeben.

Nicht, weil er hungrig wäre, sondern weil Früchte wie Gerechtigkeit, Dankbarkeit und das Teilen mit den Schwachen die Ernte sind, die er von uns erwartet.

Lasst uns gute Weingärtner sein, die die Schöpfung bewahren und Gott voller Freude den Ertrag eines dankbaren Glaubens bringen.

Amen.

Bild: Jessica Da Rosa / unsplash

Reden ist Silber, Handeln ist Gold!

© Nicole Oster
Es gilt das am 27. September 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on September 27, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Man lässt keinen Menschen ertrinken! Punkt.
Diese Aussage fiel auf dem ev. Kirchentag 2019 in Dortmund und passt gut zu diesem Sonntag. Denn heute begeht die kath. Kirche den Welttag der Migranten und Flüchtlinge. Dieser Tag erinnert uns daran, dass keiner von ihnen eine Nummer ist, sondern eine Person mit einem Namen, einer Geschichte und einer unantastbaren Würde. Und dass wir als Christ*innen aufgerufen sind zu handeln, uns im Sinne der Nächstenliebe für einen würdigen Umgang mit Migranten und Flüchtlingen einzusetzen.
Denn Reden ist Silber und Handeln ist Gold!
Und das passt meiner Meinung nach auch ganz gut zum Evangelium von heute.
Jesus erzählt das Gleichnis von den zwei Söhnen im Weinberg. Einer sagt ja und geht doch nicht arbeiten, der andere sagt nein, bereut und geht doch in den Weinberg. Der eine Sohn überwindet sein Nein, was Mut kostet, während der anderen sein Nein hinter einem empathisch gesprochenen Ja versteckt.
Und über allem steht die Frage, wer den Willen des Vaters erfüllt hat.
Ziemlich klar: Weinbergsbesitzer -> Gott. Was Gottes Wille ist, ist schon unklarer, aber mit Nächstenliebe, Reich Gottes auf Erden mehr verwirklichen, und im Blick auf den heutigen Tag, Menschen in Not helfen, liegt man ganz gut.
Schauen wir genauer auf die beiden Söhne.
Das ist der Sohn, der zum Vater sagt, ja Herr und sein Wort nicht hält.
Ich kann große Reden schwingen und toll von Ideen für Nächstenliebe, sozialen Projekten erzählen, aber wenn es nur beim Erzählen bleibt oder meine Taten sogar in die andere Richtung gehen, dann bringt das gar nichts und geht am Willen Gottes vorbei. Und Beispiele dafür gibt es genug. Ich denke an christliche Influencer, die ihr christliches Leben teilen und viel erzählen, was für sie wichtig am Christentum ist und vor allem, was das richtige Christentum ist, und das Ergebnis ist meistens nichts, zumindest keine konkrete Tat, und zur Nächstenliebe trägt das herzlich wenig bei, vielmehr zur Spaltung. Oder Organisationen, Personen, die betonen, dass sie christlich sind und deren Aktionen das Gegenteil von Nächstenliebe zeigen. Wenn Migrationspolitik sich gegen Menschen richtet, Grenzen geschlossen werden und Abschiebungen in unsichere Herkunftsländer durchgesetzt werden. Da setze ich hinter das christlich ein großes Fragezeichen. das C als Deko.
Der andere Sohn dagegen sagt: „Ich will nicht“, bereut und geht doch in den Weinberg. Er erfüllt den Willen des Vaters. Und es kostet Mut, sich seinen Fehler einzugestehen, zu bereuen.
Mir ist dieser Sohn sehr sympathisch, nicht nur, weil er handelt, sondern weil er Größe zeigt und seinen Fehler erkennt. Er merkt, dass es besser wäre, wenn er doch in den Weinberg geht. Und er macht darum nicht viele Worte, keine große Entschuldigung oder so, sondern geht einfach arbeiten.
-> Am Ende zählt das Ergebnis – nicht, wer am lautesten über seine guten Taten spricht, seinen großen Vorhaben berichtet- sondern wer handelt und damit am Himmelreich mitbaut.
Und Jesus sieht den zweiten Sohn. Mit seinem anfänglichen Nein, seinem Bereuen und seiner Reaktion darauf, nämlich in den Weinberg zu gehen. Jesus sieht uns, mit unserer Unperfektheit und er sieht, wo wir uns umentscheiden. Aus unserem Nein doch ein Ja, ein Handeln wird. Dass da jemand ist, der mich sieht und die Fragen, die ich mir stelle, der mich nicht nach dem ersten Sehen beurteilt, sondern weiter, tiefer schaut.
Denn im Himmelreich ist Platz für alle – nicht nur für die Perfekten, die alles richtig machen oder meinen, dass sie es durch ihr Reden, ihren Status verdient hätten. Dort ist Platz für alle: die erst Nein sagen und sich dann doch entscheiden zu handeln; die sich nicht trauen zu handeln, aber mit Worten von Nächstenliebe erzählen; und die, bei denen das Hand in Hand geht. Bei Gott ist für alle Platz, die in seinem Willen handeln und auch bereit sind, umzukehren.
Klar, am besten ist es natürlich, wenn Wort und Tat übereinstimmen. Wenn es auf eine produktive Sitzung eine direkte Umsetzung der Beschlüsse folgt, oder Menschen, Organisationen, die sich christlich nennen auch so handeln, sich für Nächstenliebe einsetzen. So wie die Resolution „Wir schicken ein Schiff“ vom Kirchentag 2019. Daraus ist UnitedforRescue entstanden. Ein breites Bündnis von christlichen Gemeinden, Pfarreien, Einzelpersonen, das sich für Seenotrettung einsetzt. Hier stimmen Wort und Tat überein. Und was mich auch an dem Sohn positiv anspricht, ist das Handeln allgemein. Denn ein wichtiger Teil ,(mindestens genauso wichtiger Teil wie Verkündigung und Liturgie) der Kirche ist die diakonia, also die das Handeln im Sinne der Nächstenliebe. Klar, man weiß nicht, wie genau die Arbeit im Weinberg aussieht, aber für mich spricht daraus, dass für Jesus das Handeln im Sinne des Reiches Gottes, das Handeln aus Nächstenliebe wichtiger ist, als fromm reden. Und das sehe ich auch in den vielen Begegnungen Jesus mit den Menschen.
Es ist nicht immer einfach, dass Wort und Tat übereinstimmen. Aber ich kann es immer wieder neu versuchen, mich fragen, stimmen meine Handlungen und Wort überein- erfülle ich damit den Willen Gottes? Kommt dadurch mehr Nächstenliebe in die Welt?
Diese Frage müssen wir uns alle stellen, ob Papst oder Gemeindereferentin, Bischof oder Ehrenamtlicher im Pfarreirat, Priester oder Pastoralreferentin. Egal ob mit bischöflicher Sendung oder ehrenamtlich unterwegs. Damit wir im Optimalfall, wie der dritte Sohn sind, den ich einfach mal hinzufüge, bei dem Wort und Tat übereinstimmen.
Eine Hilfe, wie wir als Christen handeln sollen, gibt uns Paulus im Brief an die Gemeinde in Philippi.
„Dass ihr einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig seid“. Ermahnung und Zuspruch an die Gemeinde in Philippi damals und an uns heute.
„Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der Anderen.“.
Den anderen Menschen sehen und erkennen, dass deren Wohl ebenso zählt wie meines. Jeder Mensch ist gleich an Würde und jeder verdient Wertschätzung.
Und wir sicher sind, hier ist jede*r willkommen.
Paulus ermahnt uns, offen zu sein, uns und unsere Handlungen als Gemeinde und einzelne Gemeindemitglieder zu hinterfragen. Handeln wir nach unserem eigenen Interesse, finden fremde Menschen einen Platz bei uns und ist unsere Gemeinde in Liebe verbunden?
Wir sind nicht immer einer Meinung- das ist voll normal.
Streiten gehört dazu und ist auch wichtig für Beziehungen. Das wussten Jesus und Paulus sehr gut.
Aber wir stehen auf dem gleichen Fundament. Das ist das Wichtigere. Zu wissen, dass es uns um die gleiche Sache geht! Das Evangelium zu verkünden, in Wort und Tat, Gemeinschaft zu sein und uns für Menschenwürde einzusetzen. Ich musste da auch an ein Zitat von Fr. Roger, dem Gründer von Taizé, denken:
„Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast- und wenn es noch so wenig ist, lebe es!“
Vor Gott zählt jede Tat, die von Nächstenliebe erzählt, die Gemeinschaft stiftet und Menschen in ihrer Würde stärkt, alles, was das Himmelreich sichtbar macht, ganz egal, wie groß oder klein unsere Handlung sein mag.
Für mich zeigt sich das auch in dem Ende der Lesung, die mit dem, wie ich finde, wunderschönen Philipperhymnus endet.
„Sei untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesu entspricht:
„Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“.
Jesus macht sich klein, erniedrigt sich und wird uns Menschen gleich, um uns ganz nahe zu sein, damit wir mit ihm groß werden. Ich finde das eine krasse Wertschätzung des Menschseins. Für Gott, für Jesus sind wir so wertvoll, dass er uns ganz nahe sein will, sich klein macht und zeigt: Ich bin euch nahe und mache euch frei. Denn durch seinen Tod und seine Auferstehung sind wir mit ihm erhöht und frei.
In dieser Freiheit sind wir gesandt, den Willen Gottes zu erfüllen, in Wort und vor allem Tat und das zu leben, was wir vom Evangelium verstanden haben.
Amen!

Bild: Element5 Digital / unsplash

Hätte ich Gott gewählt?

© Karen Siebert
Es gilt das am 20. September 2026 in St. Augustinus gesprochene Wort.

Wenn Gott heute zur Wahl gestanden hätte, ich weiß nicht, ob ich ihn gewählt hätte.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr etwas so ungerecht findet, dass ihr es im Körper spüren könnt? Denkt Euch da gerne nochmal rein.

Also bei mir ist das: Enge in der Brust. Ein komisches Rauschen in den Armen. Ein Klumpen im Bauch, ein verkrampfter Kiefer, Herzklopfen, ein beschleunigter Atem. Ein Gefühl, fast einen körperlichen Schlag bekommen zu haben. Ich kann dann auch an nichts anderes mehr denken. Und nachts werde ich keinen Schlaf finden, weil ich das so unfair finde.

Weil ich dieses Gefühl kenne, kann ich mich SOWAS von mit den Arbeitern der ersten Stunde identifizieren kann! Den ganzen Tag geschuftet und am Ende nicht einen Cent, nicht ein anerkennendes Wort nicht mal ein Dankeschön mehr bekommen als die, die nicht 12, sondern nur eine Stunde gearbeitet haben.

Ich empfinde den Weinbergbesitzer auch nicht als sonderlich empathisch. Also ich würde mich ganz schön vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ich eine Ungerechtigkeit ansprechen würde und zu hören bekäme: Das war gar nicht unfair. Stell dich nicht so an und zieh Leine.

Leider verspüren viele Menschen in Deutschland, wenn sie auf die Politik blicken, gerade dieses Gefühl: Sie fühlen sich wie Tagelöhner, wie Menschen, die gerade so über die Runden kommen angesichts steigender Energie- und Lebensmittelpreise und Mieten.

Viele haben erlebt, wie ihre Lebensanstrengungen angesichts der Wende jeden Wert verloren haben und dieses Gefühl der Deklassierung an die nächste Generation weitergegeben. Sie empfinden es als unfair, dass sie viel leisten oder geleistet haben und andere das nicht tun müssen und trotzdem vom Staat „verwöhnt“ werden.

Hinzu kommt der Eindruck: Wenn ich mich beschwere, wird das abgetan. „Euch geht’s doch gar nicht so schlecht. Immer seid ihr nur unzufrieden. Wir haben doch schon so viel Geld in den Osten gesteckt.“ Usw.

Psychologische Einordnung

Psychologisch betrachtet sind diese Gefühle ja ganz normal. Menschen erwarten instinktiv, dass derjenige, der mehr leistet oder investiert, auch mehr zurückerhält. Wird jemandem, der weniger leistet, aufgrund eines höheren Bedarfs das Gleiche oder mehr zugeteilt, wird dies als Ungleichbehandlung wahrgenommen. Dahinter steckt das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit.

Menschen empfinden eine Situation dann als gerecht, wenn das Verhältnis von Einsatz (Input) und Ertrag (Output) bei ihnen selbst dem Verhältnis bei anderen Personen entspricht. Weicht die Verteilung stark davon ab (weil nur der Bedarf zählt, nicht der Input), entsteht ein Gefühl der Benachteiligung.[1]

Das war zu Jesu Lebzeiten nicht anders als heute.

Warum regt Jesus uns absichtlich auf?

Und das wusste Jesus, denn er spielt ja mit den Erwartungen der Zuhörerschaft. Genauso wie die Arbeiter der 1. Stunde erwartet die Zuhörer, dass der Lohn entsprechend der geleisteten Arbeit ausgegeben wird. Jesus will die Empörung der Zuhörerschaft hervorrufen. Warum?

Ich denke, weil er herausfordern will. Er will herausfordern, das Gefühl der Ungerechtigkeit erst zu spüren, um dann Bamm, dazwischen zu grätschen, indem er uns mit dem Gerechtigkeitsverständnis des Weinbergsbesitzers konfrontiert.

Er will, dass wir innehalten – und raschen Impulsen widerstehen. Vom Fühlen ins Denken kommen. Warum genau fühle ich mich benachteiligt? Werde ich wirklich benachteiligt? Steht hinter dem Verhalten des Weinbergbesitzers wirklich eine Abwertung mir gegenüber? Gibt es vielleicht noch eine andere Gerechtigkeit als die der Leistungsgerechtigkeit?

Ja, sagt Jesus. Neben (nicht anstelle von) der Leistungsgerechtigkeit gibt es noch die Bedarfsgerechtigkeit.

Leistungsgerechtigkeit bleibt wichtig, denn der Weinbergbesitzer lässt niemanden faulenzen. Lohn gibt es im Gleichnis nur für Arbeit. Den Arbeitern der letzten Stunde gewährt er kein Almosen, sondern auch sie müssen zumindest noch eine Stunde ran.

Er sieht aber auch den Bedarf: jemand der den ganzen Tag über keine Arbeit gefunden hat, braucht genauso den einen Denar zum Leben wie alle anderen auch.

In Gottes Reich zählt beides. Er will das wir uns anstrengen UND er will, dass alle genug zum Leben haben. Das ist für Gott gerecht. Das ist für Gott „gut“.

Und er will auch den Arbeiter der ersten Stunde gar nicht abwerten. Erst beim mehrmaligen Lesen, als ich meinen raschen Impulsen widerstanden habe, habe ich das Wort „Freund“ entdeckt: „Freund“ sagt der Weinbergsbesitzer als Reaktion auf den Unmut des Arbeiters. Freund bedeutet ja keine Abwertung. Es bedeutet Augenhöhe, Zuneigung, Wertschätzung. Habe ich wirklich glatt überlesen.

  1. Deutschland und Wahlen

Wenn man es genau betrachtet, beruht unser Land, unsere Demokratie auf einem ähnlichen Gerechtigkeitsverständnis wie das des Weinbergsbesitzers. In der Bundesrepublik hat jede*r das Recht, durch eigene Arbeit eine Existenz aufzubauen.

Das Bedarfs- und Ausgleichsprinzip verpflichtet den Staat gleichzeitig dazu, für einen sozialen Ausgleich zu sorgen, Schwache zu schützen und allen Bürgern das Existenzminimum sowie gesellschaftliche Teilhabe zu garantieren. Gestritten wird bei uns eigentlich nur darum, welches Prinzip gerade stärker im Vordergrund steht.

Die CDU betont: Arbeit soll sich lohnen und merkt an, dass ein Bürgergeldempfänger bitte weniger bekommen muss, als ein einfacher Arbeiter verdient.

Die Linke will Wohnungsbaukonzerne enteignen, um bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. Andere Parteien schlagen die Hände über dem Kopf zusammen bei dem Gedanken, dass erwirtschaftetes Eigentum verstaatlicht wird.

Mehr Leistungsgerechtigkeit? Mehr Bedarfsgerechtigkeit? Bei jeder Wahl schwingt das Pendel mal mehr in die eine und mal mehr in die andere Richtung. Aber das Pendel bleibt immer auf dem Boden der Verfasstheit der Bundesrepublik Deutschland.

Wir sind also eigentlich dem Himmelreich ziemlich nahe, oder?

 

Das Problem der Vermittlung

Warum wählen dann trotzdem so viele Menschen AfD und damit eine Partei, die sich genau gegen unsere demokratische Verfasstheit wendet und den Ausgleich von Leistungs- und Bedarfsprinzip in Frage stellt?

Ich glaube, sowohl beim Weinberggleichnis als auch in unserer jetzigen politischen Situation liegt ein Vermittlungsproblem vor.

Weder der Weinbergbesitzer (Stichwort „Freund“) noch die demokratischen Parteien (unterstelle ich jetzt mal, kann man sicher diskutieren) wollen Menschen abwerten oder ihre Leistung aberkennen. Was aber weder der Weinbergbesitzer noch die Parteien in seiner ganzen Tragweite begreifen ist, wie stark das Gefühl der Ungerechtigkeit ist. Und wie schwer es ist, angesichts dieses starken Empfindens, die Ohren, Herzen und den Verstand für eine andere Gerechtigkeitslogik zu öffnen.

Ich finde schon, dass der Weinbergbesitzer – a.k.a. Gott – es sich hier etwas zu einfach macht. Ein bisschen mehr Empathie, ein bisschen mehr zuhören, spiegeln, sich hineinversetzen hätte dem ganzen einen weniger paternalistischen Anstrich gegeben.

Und dass die alteingesessen Parteien ein Vermittlungsproblem haben, kann man sich täglich in den Nachrichten anschauen.

Rechtspopulisten hingegen haben sehr gut erkannt, wie sehr echte oder auch nur subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeit schmerzt.

Sie hauen genau in diese Vermittlungsbresche und füttern die normale menschliche Empörung, indem sie komplexe Herausforderungen auf einfache Schwarz-Weiß-Muster reduziert.

Der Rechtspopulismus teilt die Gesellschaft in zwei Lager: das „wir“ der ehrlichen, leistenden Normalbürger gegen ein „die da oben“ (etablierte Parteien, Medien, Verfassungsschutz) und ein „die da unten“ (Zugewanderte, Bedürftige, Minderheiten). Im Gleichnis gesprochen hetzen sie die Arbeiter der ersten Stunde auf gegen den Weinbergbesitzer und gegen die Arbeiter der letzten Stunde.[2]

Was hilft das „Freund, Dir geschieht kein Unrecht“ angesichts der Lautstärke und der verführerischen Bequemlichkeit des Populismus.

 

Was folgt daraus für uns?

Oje, wenn der Weinbergbesitzer und die Politik ihrer Vermittlungsaufgabe nicht nachkommen, sind wir dann an dieser Stelle gefragt? Ist es unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, Vermittlerinnen und Vermittler zu werden?

Ich habe weder Bock auf das Gejammer der ewig Unzufriedenen noch darauf AfD-Wählern empathisch zuzuhören. Aber wahrscheinlich ist genau das, wozu wir jetzt gerufen sind. Denn die Unzufriedenen habe vielleicht wirklich noch nicht genug Empathie erfahren.

Und wir werden ihnen in Form von AfD-Wählenden in Zukunft häufiger begegnen als uns lieb ist. Und diese Menschen einfach abzutun, wie wir es bisher getan haben, wird auch schwieriger werden, denn diese Minderheit entwickelt sich immer mehr zu einer kritischen Masse, die nicht mehr auszugrenzen sein wird.

Ich habe keine Ahnung, wie das Vermitteln gehen kann. Aber vielleicht liegt das Geheimnis genau darin, dass wir – weil wir auch Menschen sind – das Gefühl der Ungerechtigkeit nachvollziehen können.

Wir müssen in der Sache nicht übereinstimmen, aber das Gefühl kennen wir gut. Und das kann uns helfen, den anderen und sein Empfinden nicht einfach abzutun. Wir können den Gefühlen Raum geben. Zeit geben. Nicht von oben herab belehren.

Und – wenn irgendwie menschenmöglich – dabei versuchen im Gegenüber einen „Freund“ oder zumindest nicht gleich einen Feind zu sehen.

Und erst dann, wenn das geschehen ist, sollten wir widersprechen. Uns für einen umfassenden Gerechtigkeitsbergriff einsetzen. Und klar machen, dass der Feind nicht die da unten und nicht die da oben sind. Sondern die, welche die Empörung der Menschen benutzen um ihren Samen der Menschenfeindlichkeit und der Verachtung zu sähen.

Damit unsere Demokratie und das Reich Gottes Zukunft haben.

 

[1] Vergleiche John Stacy Adams, 1965.

[2] Vgl. z.B. Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Rechtspopulismus.

 

Bild: Nikola Johnny Mirkovic / unsplash

Vier Augen und ein offenes Wort: Jesu Anleitung für Konflikte

© Br. Johannes OFM
Es gilt das am 6. September 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Schwestern und Brüder,

1. Konflikte gehören zum Leben
als ich Anfang 20 war, hat mich der Buddhismus sehr angezogen und ich hatte das Gefühl, die asiatische Welt ist die bessere. Als es sich dann fügte, dass ich auf die Franziskaner traf, sagte mir P. Matthias: Egal wo du hinfährst, Gemeinschaft ist überall gleich. Als ein Freund von mir nach Asien aufbrach und enttäuscht zurückkam, wusste ich, dass an dieser Weisheit von P. Matthias was dran ist.
Es gibt keine vollkommene Gemeinschaft, es hat sie nie gegeben und wird sie nie geben, das erfahren wir heute auch im Evangelium. Schon am Beginn des Christentums gab es Spannungen in den Gemeinschaften.
Wenn ich das hinnehme, dann ist im Alltag schon viel gewonnen, ich kann gelassener mit Spannungen umgehen und mir sagen, dass diese einfach dazugehören.

2. Konflikte zur Sprache bringen
Das heutige Evangelium gibt uns eine sehr detaillierte Anleitung, wie wir mit Konflikten umgehen können, die auch von heutigen psychologischen Erkenntnissen gestützt werden.
Das erste ist: Nimm Deine inneren Wahrnehmungen ernst und nimm Missstände nicht hin, weil Du vielleicht fürchtest, es könnte zu größeren Spannungen führen, wenn Du diese ansprichst.
Beim Thema Missbrauch ist das in unserer Franziskanerprovinz überdeutlich geworden, die Missbrauchsstudie sprach von Wegschauen bis hin zu Komplettversagen der Leitung und der Gemeinschaft, dadurch ist für Betroffene viel Leid verursacht worden.
Wenn man die heutige Lesung auf dem Hintergrund des Missbrauchs im Orden und Kirche liest, versteht man, dass da gesagt wird: Wenn du nicht redest, um den Schuldigen von seinem Weg abzubringen, dann mache ich dich dafür verantwortlich … Und das geschieht derzeit im Hinblick auf Missbrauch. Auch die, die nicht direkt drin involviert waren, werden zur Rechenschaft gezogen.

3. Wie kann ein Konfliktgespräch gelingen
Jesus sagt als Erstes: Rede mit dem, mit dem du Schwierigkeiten hast, und lass dich nicht dazu verleiten, hinterrücks zu reden, denn damit zerstörst du Vertrauen.
Dies kann in einem Drei-Schritt geschehen:
Versuche es zuerst unter vier Augen. Suche einen geeigneten Zeitpunkt und einen geschützten Raum, wo andere es nicht mitbekommen. Kritik vor anderen zu äußern, verletzt meistens und schafft keine gute Ausgangsbasis.
Bei einem solchen Konfliktgespräch geht es nicht darum, Frust abzulassen, sondern darum, den anderen zurückzugewinnen, die Beziehung zu erneuern und zu stärken.
„Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder/Schwester gewonnen.“
Am besten gelingt das, wenn man sachlich bleibt, Sachverhalte beschreibt und Ich-Botschaften formuliert, statt zu verallgemeinern.
Ein mir bekanntes Beispiel: Eine Gemeinde bekam einen neuen Pfarrer, der ganz konservativ ist, während sein Vorgänger sehr liberal war.
Ich kann mich überall breit darüber auslassen und meinen Frust von der Seele reden, ohne mit dem neuen Pfarrer zu reden. Das wird die Gemeinde spalten, und so ist es dort geschehen.
Ich kann aber auch das Vier-Augen-Gespräch mit ihm suchen und Argumente austauschen. Sollte das gar nichts nützen, kann ich mir Verstärkung von zwei oder drei anderen Vertretern des Pfarreirates holen. Sollte auch das nichts nutzen, kann eine Gemeindeversammlung einberufen werden.
Wichtig ist, dass der Ärger zur Sprache gebracht werden kann und man Kompromisse schließt. Ziel muss es sein, die Gemeinde zur Einigung zu führen und nicht zu spalten. Eine Gemeinde soll Gott in unserer Zeit konkret sichtbar machen, deshalb ist eine gespaltete Gemeinde das schlechteste Zeugnis für die Anwesenheit Gottes.
Nicht ohne Grund steht am Ende: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“. Wo miteinander gesprochen wird, ist auch Jesus dabei, dessen sollte sich jede:r bewusst sein. Jesus hat ein Herz für jeden Menschen, so mahnt uns Brüder der hl. Franziskus, jedem:r offen gegenüberzustehen, weil das auch Jesus tut. Und was manchmal für uns Menschen unmöglich ist, kann Gott möglich machen. Wer in diesem Glauben in den Konflikt geht, sieht im anderen auch das Gute und geht mit Hoffnung in solch ein Gespräch.
Es mag auch andere Konfliktgespräche geben, wo eine:r durch Lüge seine Fehler vertuschen will und uneinsichtig bleibt. Von dem sagt Jesus, er sei für dich wie ein Heide oder Zöllner. Fragen wir uns, wie Jesus mit Heiden und Zöllnern umgegangen ist, dann führt uns die Antwort wieder zum Dialogversuch zurück, denn er hat sie wie Zachäus aufgesucht und mit ihnen Mahl gehalten.

4. Was kann man davon in die nächste Woche mitnehmen?
– Mir auf die Zunge beißen, wenn ich vor Leuten meinen Ärger über jemand anderen verbreiten möchte
– Mut unangenehme Dinge anzusprechen
– Sachlich und ruhig bleiben
– Im Stillen mich bei einem Konfliktgespräch bewusst mit Gott verbinden
– Den Dialog immer wieder neu zu wagen

Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, ist Jesus mitten unter uns eine Zusage, die auch in Konflikten gilt.

Bild: Mario Dobelmann / unsplash

Zwischen Tradition und Neuaufbruch

© Felix Meckl
Es gilt das am 23. August 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on August 23, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

In Antiochien wurden die Jünger zum ersten Mal Christen genannt. Das geschah in den Jahren zwischen 40 und 45. Also mindestens sieben Jahre nach Tod und Auferstehung Jesu, nach Angst, Pfingsten und Neuorientierung. Mindestens sieben Jahre nach Aufbruch und Missionsbeginn. Ja, manches braucht Zeit. Besonders Veränderungen brauchen Zeit.

Wenn eine Naturkatastrophe, wie ein Erdbeben, ein Tsunami oder ein Tornado zuschlägt, dann kommt die Veränderung zu schnell. Wir werden erschüttert. Emotionen überwältigen uns. Erwartungen werden durcheinandergewirbelt.

Aber wenn Veränderungen mit Vorankündigung geschehen, dann können wir uns darauf einstellen. Wir können uns vorbereiten. Wir können Vertrauen aufbauen, zusammenkratzen was da ist an Glaube, Liebe, Hoffnung.

Von all dem erzählen uns die heutigen Lesungen.

Es beginnt mit der Ankündigung Gottes an den Palastvorsteher Schebna. Er war einer der mächtigsten Männer seiner Welt. Er trug wertvolle Kleider und viele Auszeichnungen, damit jeder seine machtvolle Stellung sehen konnte. Er verwahrte die Schlüssel, öffnete und schloss Tore und Türen der Stadt, der öffentlichen Gebäude, des Palastes. Er fühlte sich wichtig, erhaben über die Meinungen und Erwartungen der einfachen Leute. Maximal dem König war er unterstellt. Doch der war fern, oft nicht da, vertraute seinem Palastvorsteher und darauf, dass alles gut ablaufen würde.

Diese Sicherheit stört Gott!

„Ich werde dich von deinem Posten stoßen und dich aus deiner Stellung reißen.“ Ob wir hier einen gewaltvollen unfairen Gott erleben oder einen milden Vater liegt wie so oft am eigenen Gottesbild.
Die Botschaft ist jedoch klar: Fühle dich in deiner Welt nie auf ewig sicher! Hüte dich vor falscher Sicherheit! Bleibe offen für Gottes Entwicklungen!

Das Evangelium knüpft hier direkt an:

„Für wen halten die Menschen den Menschensohn? (fragt Jesus seine Jünger und) sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elíja, wieder andere für Jeremía oder sonst einen Propheten.“

Dieses rein Wiedergekäute genügt Jesus nicht. Deshalb fragt er weiter:
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“

Da diesmal nicht die Jünger als Sprechende auftreten, sondern nur Petrus, dürfen wir vermuten, dass die anderen schwiegen, verunsichert waren, überfordert von Jesu Frage nach der persönlichen Meinung. Kurzum: nicht bereit für eine Veränderung. Nur Petrus ist so weit. In ihm ist etwas gewachsen.

Petrus ist hier nicht der superkreative Inventor. Denn, ich erinnere euch daran, als Petrus von seinem Bruder Andreas berufen wird, Jesus kennenzulernen und ihm nachzufolgen, da sagt Andreas seinem Bruder genau das: „Wir haben den Messias gefunden.“

Doch in der heutigen Perikope macht Petrus etwas ganz Entscheidendes, was für das Selbstverständnis und für die Zukunft der Jüngerschaft Jesu von herausragender Bedeutung sein wird:
Er übersetzt das hebräische Wort „Messias“ und damit die gesamte jüdische Bedeutung in eine neue Sprache und noch dazu in die aktuelle Realität, in der die Jünger sich gerade befinden.
„als Jesus in das Gebiet von Cäsaréa Philíppi kam“. Dort sprach man Griechisch und Latein, lebte eine eher unjüdische Kultur.

Der einfache jüdische Fischer vom See Genezareth, Simon Bar Jona, der als Sohn seines Vaters definiert wurde, Bar Jona, Sohn des Jona, und als Berufener durch seinen Bruder auftrat, wird zum lateinischen und damit römischen Petrus, zum Felsen auf dem Jesus seine Kirche erbaut sehen will. Hier schimmert der pfingstliche Missionsauftrag durch!

Jesus will die Verwurzelung im Alten. Aber noch mehr will er den mutigen und offenen, den toleranten und selbstbewussten Aufbruch ins Neue. Worte schaffen Realität!

Liebe Mit-Suchende,

Veränderungen gehören zum Leben dazu. Sie machen unsere Welt aus und müssen auch unseren Glauben ausmachen. Das lehren uns die Texte dieses 21. Sonntages.

Was wir binden, wird gebunden sein. Was wir lösen, wird gelöst sein. Aber nur, wenn wir in Jesu und Petri Schuhen stehen: die Zeichen der Zeit lesend die Traditionen neu bewerten und für andere mutig und voller Gottvertrauen ins Neue hinübergehen.

Lasst uns in diesem Sinne miteinander Christen sein!

Bild: Rémi Walle / unsplash

Himmel im Alltag: Was Maria uns wirklich lehrt

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 16. August 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on August 16, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Brüder und Schwestern,

Für eine Himmelfahrt Marias gibt es keinen biblischen Beleg. Es ist deshalb kein gänzlich ökumenisches Fest. Denn die eher biblisch orientierten Christen, also die meisten Kirchen der Reformation, feiern es nicht. Sie lehnen die dogmatische Überhöhung der Gottesmutter ab. Auch wenn hier ein Stachel im Fleisch der von Jesus erflehten Einheit seiner Christinnen und Christen schmerzt, feiere ich dieses Fest gerne.

Vielleicht erleben wir ja noch den Tag, an dem wir Römer manche Dogmen zurückstellen, damit andere das ökumenische Potenzial dieses Festes erkennen, wertschätzen und es deshalb gerne mitfeiern können; auch wenn es keinen biblischen Beleg für die Himmelfahrt bzw. die Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel gibt.

Weil ein Beleg fehlt, greift das Evangelium der heutigen Messe auf die Heimsuchung Elisabeths durch Maria zurück. Das mag zunächst überraschen: Wir feiern Maria in der Herrlichkeit des Himmels und begegnen ihr im Evangelium beim Dienst an ihrer Verwandten Elisabeth. Doch gerade darin liegt eine zentrale Botschaft des Festes.

Papst Franziskus sagte beim Angelus-Gebet 2023: „Es ist die Liebe, die das Leben in die Höhe hebt. Wir wollen unseren Brüdern und Schwestern dienen, und gerade durch diesen Dienst werden wir aufsteigen.“
Der Weg Mariens zum Himmel führt über die Liebe im Alltag.

Dass das Leben von Maria von liebevollem Dienst geprägt und ausgefüllt war, ist biblisch deutlich belegt: Ihre Bereitschaftserklärung gegenüber dem Engel, ihr mutiges Aufbrechen, ihr sich Fügen in der Zeit von Verfolgung und Flucht bis hin zu allen Begegnungen mit ihrem Sohn.

Maria liebt ihn, liebt ihre Familie, liebt für sich und andere wider alle Zweifel, gesellschaftliche Enge und negativen Impulse.

Das heutige Fest lehrt uns also, am Beispiel Marias, der einfachen Frau aus dem Volk, dass der Weg in den Himmel ein Weg der Liebe ist. Wenn Maria für uns „nur“ – in deutlichen Anführungszeichen gesetzt – eine einfache Frau aus dem Volk ist, ist diese Haltung besonders. Wenn Maria „im ersten Augenblick ihrer eigenen Empfängnis durch ein besonderes Gnadengeschenk Gottes vor jedem Flecken der Erbsünde bewahrt blieb.“, verkommt ihr mutiger Dienst und ihr konsequenter Weg der Liebe zu einer logischen unfreien Konsequenz. Das finde ich schade! Beschädigt es doch eher Marias mutiges Agieren und ihr liebe- und vertrauensvolles Verhältnis zu Gott. Doch gerade darin – davon bin ich überzeugt – liegt der Kern ihres Vorbildseins für uns einfache Menschen aus dem Volk.

Das Evangelium zeigt noch eine zweite Besonderheit Marias, die ihr nach einem erfüllten Leben den Weg zum Himmel eröffnete, vielleicht sogar schon im Leben ermöglichte: ihre Haltung zum Lobpreis.

Kaum ist Maria bei Elisabeth angekommen, dankt sie Gott für das, was er in ihrem Leben getan hat: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. (…) Denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“

Hier greift Maria, die junge jüdische Frau, auf den Propheten Jesaja zurück. Sie zitiert ein uraltes Lobpreisgebet ihrer Tradition und bezieht es auf sich. Und das ist das besondere!

Maria repetiert nicht einfach nur alte Gebete, überlieferte Traditionen. Sie aktualisiert den alten Lobpreis, holt ihn in die Gegenwart, spricht sich selbst und anderen Mut zu, indem sie es wagt sich selbst in eine Beziehung zu bringen mit dem alten ewigen und oft so fern erscheinenden Gott.

„So ein Lobpreis ist wie eine Leiter: Er hebt die Herzen in die Höhe“, sagte Papst Franziskus. Wer dankt und Gott lobt, baut eine Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, zwischen frommer Hoffnung und nackter Lebensrealität.

Liebe Schwestern und Brüder auf dem Weg

Mit ihrem ganzen Leben und Sein möchte Maria Gott groß machen. Das zeigt sie in ganz vielen Momenten ihres Lebens, von denen uns die wichtigsten überliefert sind. Und obwohl sie sich so klein macht und fügt, wird sie dadurch selbst nicht kleiner. Im Gegenteil.

Papst Benedikt XVI. predigte anlässlich dieses Hochfestes, ganz von Augustins Gnadenlehre und Menschenbild erfüllt: „Wenn Gott groß ist, sind auch wir groß.“

Gott nimmt uns nichts von unserer Freiheit und unserem Lebensraum. Schon gar nicht, wenn er uns einlädt ihm zu dienen. Seine Gegenwart weitet unser Leben. Sein Ruf lässt uns aufblicken und lenkt uns zielstrebig dem Himmel entgegen.

Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel zeigt daher allen Menschen guten Willens einen Weg zu Gottes wunderbaren Himmeln: dienen und loben, lieben und danken.
Christus ist der Weg; Maria ist ihn uns als Vorbild vorausgegangen; Gott selbst begleitet uns auf ihm.

Bild: Alex Jackmann / unsplash

Hoffnung. Immer noch und immer wieder neu

© Nicole Oster
Es gilt das am 02. August 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on August 2, 2026 at St. Augustinus, Berlin.

Fünf sind geladen, zehn sind gekommen. Gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen.
So könnte man auch das heutige Evangelium zusammenfassen.
Das wäre eine kurze Predigt und wir kämen schneller zum Essen
Aber wäre doch ein wenig zu einfach und wird dem Evangelium nicht gerecht.
Schauen wir auf den Ausgangspunkt des Evangeliums.
Wenige Verse vorher wird von der Enthauptung Johannes des Täufers berichtet. Johannes, der für viele eine Hoffnungsfigur war und für den Messias gehalten wurde.
Das Volk braucht neue Hoffnung. Am Anfang steht Verzweiflung, Trauer und Sorge. Auch Jesus von Trauer erfüllt, sucht eigentlich die Abgschiedenheit des Berges zur Trauer, zum Beten.
Aber das Volk sucht ihn, seine Worte, neue Hoffnung.
Er hätte auch wegschicken können, sich zurückziehen, die Jünger vorschicken. Aber er widmet sich dem Volk. Hat Mitleid, heilt und hört bestimmt auch zu, erzählt. Denn er fühlt mit ihnen, fühlt, dass sie Hoffnung, Trost, Zuspruch brauchen.
Jesus merkt die Trauer der Menschen, was sie von ihm erwarten, und vielleicht merkt er bei sich innen auch, dass ihm Gemeinschaft doch gut tut.
Miteinander das Schwere aushalten, teilen und gemeinsam wieder Hoffnung schöpfen.
Das ist die Hoffnung, von der auch Paulus in der Lesung geschrieben hat. Die Gewissheit, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann.
Die Hoffnung und das Vertrauen auf Gottes Liebe. Als Christen haben Verzweiflung, Resignation, Angst nicht das letzte Wort. Das ist unsere Basis, die Grunderfahrung von Gott geliebt zu sein.
Das bedeutet nicht, dass ich schweren Momenten etwas positives abgewinnen muss.
Da wäre Beschönigen. Trauer hat ihren Platz. Auch Angst und Verzweiflung. Es gibt Momente in unseren Leben, die einfach bescheiden sind. Die wir aushalten müssen.
Wie das Attentat auf den CSD, der Verlust eines Elternteils, wenn ich die Politik und das Weltgeschehen so beobachte- Weltschmerz spüre. Diese Gefühle haben ihren Platz.
Ich darf trauern, zweifeln, Angst haben – aber diese Gefühle behalten nicht die Oberhand.
Denn da ist die Hoffnung, dass wieder Licht kommt. Die Grunderfahrung von Gott geliebt zu sein. Das ist der Anhaltspunkt für unsere Hoffnung
Dies Hoffnung gibt mir auch den Mut aufzustehen, ganz aktuell im Blick auf das letzte Wochenende, das Attentat auf den CSD. Auch da trägt mich die Hoffnung, macht mir Mut aufzustehen, gegen Instrumentalisierung von Politik und auch von katholischen Priestern, die das Attentat als Zeichen Gottes gegen die queere Communitiy auslegen. Die Hoffnung gibt mir Mut, für die Liebe und das Leben einzustehen.
Die Hoffnung, die wir Christen haben, verneint nicht die Trauer oder die Angst.
Die Hoffnung zeigt uns einen Weg, bringt Licht und macht Mut.
Wir dürfen zweifeln, trauern, Angst haben, uns auch zurückziehen- doch die Basis der Liebe Gottes, die Hoffnung auf eine gute, bessere Zukunft bleibt.
So wie Jupiter Jones in einem Lied singen „du fragst auf das Leben“ und ich sag „immer noch“. Ich habe immer noch Hoffnung, Hoffnung auf eine Welt, wie sie Gott verheißt, eine Welt, die gut ist, voll Hoffnung und Liebe.
Diese Hoffnung ist was Jesus der Menschenmenge mitgibt, zurückgibt. So wie Jesus dem Volk, Männer, Frauen und Kindern Hoffnung zurückgibt
Gemeinsam trauern sie und schöpfen wieder neue Hoffnung.
Durch Gemeinschaft, zuhören und gemeinsames Essen – sie sind eingeladen zum Bleiben, denn bei Jesus ist für alle Platz
Jede*r ist willkommen; Keine Türsteher, die Leute wegschicken; offene Türen und Herzen.
Das ist auch, was wir Sonntags feiern
Die Gemeinschaft
Wir alle, die wir zusammen kommen
Mit unseren Gefühlen – so ganz unterschiedlich bilden eine Gemeinschaft und teilen: Brot & Wein, Gefühle, Sorgen, Hoffnungen.

Komm wie du bist
Und bring alles an dir mit
Komm wie du bist
Hier ist Platz für dich
Amen.