Bild: Element5 Digital / unsplash

Hätte ich Gott gewählt?

© Karen Siebert
Es gilt das am 20. September 2026 in St. Augustinus gesprochene Wort.

Wenn Gott heute zur Wahl gestanden hätte, ich weiß nicht, ob ich ihn gewählt hätte.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr etwas so ungerecht findet, dass ihr es im Körper spüren könnt? Denkt Euch da gerne nochmal rein.

Also bei mir ist das: Enge in der Brust. Ein komisches Rauschen in den Armen. Ein Klumpen im Bauch, ein verkrampfter Kiefer, Herzklopfen, ein beschleunigter Atem. Ein Gefühl, fast einen körperlichen Schlag bekommen zu haben. Ich kann dann auch an nichts anderes mehr denken. Und nachts werde ich keinen Schlaf finden, weil ich das so unfair finde.

Weil ich dieses Gefühl kenne, kann ich mich SOWAS von mit den Arbeitern der ersten Stunde identifizieren kann! Den ganzen Tag geschuftet und am Ende nicht einen Cent, nicht ein anerkennendes Wort nicht mal ein Dankeschön mehr bekommen als die, die nicht 12, sondern nur eine Stunde gearbeitet haben.

Ich empfinde den Weinbergbesitzer auch nicht als sonderlich empathisch. Also ich würde mich ganz schön vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ich eine Ungerechtigkeit ansprechen würde und zu hören bekäme: Das war gar nicht unfair. Stell dich nicht so an und zieh Leine.

Leider verspüren viele Menschen in Deutschland, wenn sie auf die Politik blicken, gerade dieses Gefühl: Sie fühlen sich wie Tagelöhner, wie Menschen, die gerade so über die Runden kommen angesichts steigender Energie- und Lebensmittelpreise und Mieten.

Viele haben erlebt, wie ihre Lebensanstrengungen angesichts der Wende jeden Wert verloren haben und dieses Gefühl der Deklassierung an die nächste Generation weitergegeben. Sie empfinden es als unfair, dass sie viel leisten oder geleistet haben und andere das nicht tun müssen und trotzdem vom Staat „verwöhnt“ werden.

Hinzu kommt der Eindruck: Wenn ich mich beschwere, wird das abgetan. „Euch geht’s doch gar nicht so schlecht. Immer seid ihr nur unzufrieden. Wir haben doch schon so viel Geld in den Osten gesteckt.“ Usw.

Psychologische Einordnung

Psychologisch betrachtet sind diese Gefühle ja ganz normal. Menschen erwarten instinktiv, dass derjenige, der mehr leistet oder investiert, auch mehr zurückerhält. Wird jemandem, der weniger leistet, aufgrund eines höheren Bedarfs das Gleiche oder mehr zugeteilt, wird dies als Ungleichbehandlung wahrgenommen. Dahinter steckt das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit.

Menschen empfinden eine Situation dann als gerecht, wenn das Verhältnis von Einsatz (Input) und Ertrag (Output) bei ihnen selbst dem Verhältnis bei anderen Personen entspricht. Weicht die Verteilung stark davon ab (weil nur der Bedarf zählt, nicht der Input), entsteht ein Gefühl der Benachteiligung.[1]

Das war zu Jesu Lebzeiten nicht anders als heute.

Warum regt Jesus uns absichtlich auf?

Und das wusste Jesus, denn er spielt ja mit den Erwartungen der Zuhörerschaft. Genauso wie die Arbeiter der 1. Stunde erwartet die Zuhörer, dass der Lohn entsprechend der geleisteten Arbeit ausgegeben wird. Jesus will die Empörung der Zuhörerschaft hervorrufen. Warum?

Ich denke, weil er herausfordern will. Er will herausfordern, das Gefühl der Ungerechtigkeit erst zu spüren, um dann Bamm, dazwischen zu grätschen, indem er uns mit dem Gerechtigkeitsverständnis des Weinbergsbesitzers konfrontiert.

Er will, dass wir innehalten – und raschen Impulsen widerstehen. Vom Fühlen ins Denken kommen. Warum genau fühle ich mich benachteiligt? Werde ich wirklich benachteiligt? Steht hinter dem Verhalten des Weinbergbesitzers wirklich eine Abwertung mir gegenüber? Gibt es vielleicht noch eine andere Gerechtigkeit als die der Leistungsgerechtigkeit?

Ja, sagt Jesus. Neben (nicht anstelle von) der Leistungsgerechtigkeit gibt es noch die Bedarfsgerechtigkeit.

Leistungsgerechtigkeit bleibt wichtig, denn der Weinbergbesitzer lässt niemanden faulenzen. Lohn gibt es im Gleichnis nur für Arbeit. Den Arbeitern der letzten Stunde gewährt er kein Almosen, sondern auch sie müssen zumindest noch eine Stunde ran.

Er sieht aber auch den Bedarf: jemand der den ganzen Tag über keine Arbeit gefunden hat, braucht genauso den einen Denar zum Leben wie alle anderen auch.

In Gottes Reich zählt beides. Er will das wir uns anstrengen UND er will, dass alle genug zum Leben haben. Das ist für Gott gerecht. Das ist für Gott „gut“.

Und er will auch den Arbeiter der ersten Stunde gar nicht abwerten. Erst beim mehrmaligen Lesen, als ich meinen raschen Impulsen widerstanden habe, habe ich das Wort „Freund“ entdeckt: „Freund“ sagt der Weinbergsbesitzer als Reaktion auf den Unmut des Arbeiters. Freund bedeutet ja keine Abwertung. Es bedeutet Augenhöhe, Zuneigung, Wertschätzung. Habe ich wirklich glatt überlesen.

  1. Deutschland und Wahlen

Wenn man es genau betrachtet, beruht unser Land, unsere Demokratie auf einem ähnlichen Gerechtigkeitsverständnis wie das des Weinbergsbesitzers. In der Bundesrepublik hat jede*r das Recht, durch eigene Arbeit eine Existenz aufzubauen.

Das Bedarfs- und Ausgleichsprinzip verpflichtet den Staat gleichzeitig dazu, für einen sozialen Ausgleich zu sorgen, Schwache zu schützen und allen Bürgern das Existenzminimum sowie gesellschaftliche Teilhabe zu garantieren. Gestritten wird bei uns eigentlich nur darum, welches Prinzip gerade stärker im Vordergrund steht.

Die CDU betont: Arbeit soll sich lohnen und merkt an, dass ein Bürgergeldempfänger bitte weniger bekommen muss, als ein einfacher Arbeiter verdient.

Die Linke will Wohnungsbaukonzerne enteignen, um bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. Andere Parteien schlagen die Hände über dem Kopf zusammen bei dem Gedanken, dass erwirtschaftetes Eigentum verstaatlicht wird.

Mehr Leistungsgerechtigkeit? Mehr Bedarfsgerechtigkeit? Bei jeder Wahl schwingt das Pendel mal mehr in die eine und mal mehr in die andere Richtung. Aber das Pendel bleibt immer auf dem Boden der Verfasstheit der Bundesrepublik Deutschland.

Wir sind also eigentlich dem Himmelreich ziemlich nahe, oder?

 

Das Problem der Vermittlung

Warum wählen dann trotzdem so viele Menschen AfD und damit eine Partei, die sich genau gegen unsere demokratische Verfasstheit wendet und den Ausgleich von Leistungs- und Bedarfsprinzip in Frage stellt?

Ich glaube, sowohl beim Weinberggleichnis als auch in unserer jetzigen politischen Situation liegt ein Vermittlungsproblem vor.

Weder der Weinbergbesitzer (Stichwort „Freund“) noch die demokratischen Parteien (unterstelle ich jetzt mal, kann man sicher diskutieren) wollen Menschen abwerten oder ihre Leistung aberkennen. Was aber weder der Weinbergbesitzer noch die Parteien in seiner ganzen Tragweite begreifen ist, wie stark das Gefühl der Ungerechtigkeit ist. Und wie schwer es ist, angesichts dieses starken Empfindens, die Ohren, Herzen und den Verstand für eine andere Gerechtigkeitslogik zu öffnen.

Ich finde schon, dass der Weinbergbesitzer – a.k.a. Gott – es sich hier etwas zu einfach macht. Ein bisschen mehr Empathie, ein bisschen mehr zuhören, spiegeln, sich hineinversetzen hätte dem ganzen einen weniger paternalistischen Anstrich gegeben.

Und dass die alteingesessen Parteien ein Vermittlungsproblem haben, kann man sich täglich in den Nachrichten anschauen.

Rechtspopulisten hingegen haben sehr gut erkannt, wie sehr echte oder auch nur subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeit schmerzt.

Sie hauen genau in diese Vermittlungsbresche und füttern die normale menschliche Empörung, indem sie komplexe Herausforderungen auf einfache Schwarz-Weiß-Muster reduziert.

Der Rechtspopulismus teilt die Gesellschaft in zwei Lager: das „wir“ der ehrlichen, leistenden Normalbürger gegen ein „die da oben“ (etablierte Parteien, Medien, Verfassungsschutz) und ein „die da unten“ (Zugewanderte, Bedürftige, Minderheiten). Im Gleichnis gesprochen hetzen sie die Arbeiter der ersten Stunde auf gegen den Weinbergbesitzer und gegen die Arbeiter der letzten Stunde.[2]

Was hilft das „Freund, Dir geschieht kein Unrecht“ angesichts der Lautstärke und der verführerischen Bequemlichkeit des Populismus.

 

Was folgt daraus für uns?

Oje, wenn der Weinbergbesitzer und die Politik ihrer Vermittlungsaufgabe nicht nachkommen, sind wir dann an dieser Stelle gefragt? Ist es unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, Vermittlerinnen und Vermittler zu werden?

Ich habe weder Bock auf das Gejammer der ewig Unzufriedenen noch darauf AfD-Wählern empathisch zuzuhören. Aber wahrscheinlich ist genau das, wozu wir jetzt gerufen sind. Denn die Unzufriedenen habe vielleicht wirklich noch nicht genug Empathie erfahren.

Und wir werden ihnen in Form von AfD-Wählenden in Zukunft häufiger begegnen als uns lieb ist. Und diese Menschen einfach abzutun, wie wir es bisher getan haben, wird auch schwieriger werden, denn diese Minderheit entwickelt sich immer mehr zu einer kritischen Masse, die nicht mehr auszugrenzen sein wird.

Ich habe keine Ahnung, wie das Vermitteln gehen kann. Aber vielleicht liegt das Geheimnis genau darin, dass wir – weil wir auch Menschen sind – das Gefühl der Ungerechtigkeit nachvollziehen können.

Wir müssen in der Sache nicht übereinstimmen, aber das Gefühl kennen wir gut. Und das kann uns helfen, den anderen und sein Empfinden nicht einfach abzutun. Wir können den Gefühlen Raum geben. Zeit geben. Nicht von oben herab belehren.

Und – wenn irgendwie menschenmöglich – dabei versuchen im Gegenüber einen „Freund“ oder zumindest nicht gleich einen Feind zu sehen.

Und erst dann, wenn das geschehen ist, sollten wir widersprechen. Uns für einen umfassenden Gerechtigkeitsbergriff einsetzen. Und klar machen, dass der Feind nicht die da unten und nicht die da oben sind. Sondern die, welche die Empörung der Menschen benutzen um ihren Samen der Menschenfeindlichkeit und der Verachtung zu sähen.

Damit unsere Demokratie und das Reich Gottes Zukunft haben.

 

[1] Vergleiche John Stacy Adams, 1965.

[2] Vgl. z.B. Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Rechtspopulismus.

 

Bild: Nikola Johnny Mirkovic / unsplash

Vier Augen und ein offenes Wort: Jesu Anleitung für Konflikte

© Br. Johannes OFM
Es gilt das am 6. September 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Schwestern und Brüder,

1. Konflikte gehören zum Leben
als ich Anfang 20 war, hat mich der Buddhismus sehr angezogen und ich hatte das Gefühl, die asiatische Welt ist die bessere. Als es sich dann fügte, dass ich auf die Franziskaner traf, sagte mir P. Matthias: Egal wo du hinfährst, Gemeinschaft ist überall gleich. Als ein Freund von mir nach Asien aufbrach und enttäuscht zurückkam, wusste ich, dass an dieser Weisheit von P. Matthias was dran ist.
Es gibt keine vollkommene Gemeinschaft, es hat sie nie gegeben und wird sie nie geben, das erfahren wir heute auch im Evangelium. Schon am Beginn des Christentums gab es Spannungen in den Gemeinschaften.
Wenn ich das hinnehme, dann ist im Alltag schon viel gewonnen, ich kann gelassener mit Spannungen umgehen und mir sagen, dass diese einfach dazugehören.

2. Konflikte zur Sprache bringen
Das heutige Evangelium gibt uns eine sehr detaillierte Anleitung, wie wir mit Konflikten umgehen können, die auch von heutigen psychologischen Erkenntnissen gestützt werden.
Das erste ist: Nimm Deine inneren Wahrnehmungen ernst und nimm Missstände nicht hin, weil Du vielleicht fürchtest, es könnte zu größeren Spannungen führen, wenn Du diese ansprichst.
Beim Thema Missbrauch ist das in unserer Franziskanerprovinz überdeutlich geworden, die Missbrauchsstudie sprach von Wegschauen bis hin zu Komplettversagen der Leitung und der Gemeinschaft, dadurch ist für Betroffene viel Leid verursacht worden.
Wenn man die heutige Lesung auf dem Hintergrund des Missbrauchs im Orden und Kirche liest, versteht man, dass da gesagt wird: Wenn du nicht redest, um den Schuldigen von seinem Weg abzubringen, dann mache ich dich dafür verantwortlich … Und das geschieht derzeit im Hinblick auf Missbrauch. Auch die, die nicht direkt drin involviert waren, werden zur Rechenschaft gezogen.

3. Wie kann ein Konfliktgespräch gelingen
Jesus sagt als Erstes: Rede mit dem, mit dem du Schwierigkeiten hast, und lass dich nicht dazu verleiten, hinterrücks zu reden, denn damit zerstörst du Vertrauen.
Dies kann in einem Drei-Schritt geschehen:
Versuche es zuerst unter vier Augen. Suche einen geeigneten Zeitpunkt und einen geschützten Raum, wo andere es nicht mitbekommen. Kritik vor anderen zu äußern, verletzt meistens und schafft keine gute Ausgangsbasis.
Bei einem solchen Konfliktgespräch geht es nicht darum, Frust abzulassen, sondern darum, den anderen zurückzugewinnen, die Beziehung zu erneuern und zu stärken.
„Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder/Schwester gewonnen.“
Am besten gelingt das, wenn man sachlich bleibt, Sachverhalte beschreibt und Ich-Botschaften formuliert, statt zu verallgemeinern.
Ein mir bekanntes Beispiel: Eine Gemeinde bekam einen neuen Pfarrer, der ganz konservativ ist, während sein Vorgänger sehr liberal war.
Ich kann mich überall breit darüber auslassen und meinen Frust von der Seele reden, ohne mit dem neuen Pfarrer zu reden. Das wird die Gemeinde spalten, und so ist es dort geschehen.
Ich kann aber auch das Vier-Augen-Gespräch mit ihm suchen und Argumente austauschen. Sollte das gar nichts nützen, kann ich mir Verstärkung von zwei oder drei anderen Vertretern des Pfarreirates holen. Sollte auch das nichts nutzen, kann eine Gemeindeversammlung einberufen werden.
Wichtig ist, dass der Ärger zur Sprache gebracht werden kann und man Kompromisse schließt. Ziel muss es sein, die Gemeinde zur Einigung zu führen und nicht zu spalten. Eine Gemeinde soll Gott in unserer Zeit konkret sichtbar machen, deshalb ist eine gespaltete Gemeinde das schlechteste Zeugnis für die Anwesenheit Gottes.
Nicht ohne Grund steht am Ende: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“. Wo miteinander gesprochen wird, ist auch Jesus dabei, dessen sollte sich jede:r bewusst sein. Jesus hat ein Herz für jeden Menschen, so mahnt uns Brüder der hl. Franziskus, jedem:r offen gegenüberzustehen, weil das auch Jesus tut. Und was manchmal für uns Menschen unmöglich ist, kann Gott möglich machen. Wer in diesem Glauben in den Konflikt geht, sieht im anderen auch das Gute und geht mit Hoffnung in solch ein Gespräch.
Es mag auch andere Konfliktgespräche geben, wo eine:r durch Lüge seine Fehler vertuschen will und uneinsichtig bleibt. Von dem sagt Jesus, er sei für dich wie ein Heide oder Zöllner. Fragen wir uns, wie Jesus mit Heiden und Zöllnern umgegangen ist, dann führt uns die Antwort wieder zum Dialogversuch zurück, denn er hat sie wie Zachäus aufgesucht und mit ihnen Mahl gehalten.

4. Was kann man davon in die nächste Woche mitnehmen?
– Mir auf die Zunge beißen, wenn ich vor Leuten meinen Ärger über jemand anderen verbreiten möchte
– Mut unangenehme Dinge anzusprechen
– Sachlich und ruhig bleiben
– Im Stillen mich bei einem Konfliktgespräch bewusst mit Gott verbinden
– Den Dialog immer wieder neu zu wagen

Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, ist Jesus mitten unter uns eine Zusage, die auch in Konflikten gilt.

Bild: Mario Dobelmann / unsplash

Zwischen Tradition und Neuaufbruch

© Felix Meckl
Es gilt das am 23. August 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on August 23, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

In Antiochien wurden die Jünger zum ersten Mal Christen genannt. Das geschah in den Jahren zwischen 40 und 45. Also mindestens sieben Jahre nach Tod und Auferstehung Jesu, nach Angst, Pfingsten und Neuorientierung. Mindestens sieben Jahre nach Aufbruch und Missionsbeginn. Ja, manches braucht Zeit. Besonders Veränderungen brauchen Zeit.

Wenn eine Naturkatastrophe, wie ein Erdbeben, ein Tsunami oder ein Tornado zuschlägt, dann kommt die Veränderung zu schnell. Wir werden erschüttert. Emotionen überwältigen uns. Erwartungen werden durcheinandergewirbelt.

Aber wenn Veränderungen mit Vorankündigung geschehen, dann können wir uns darauf einstellen. Wir können uns vorbereiten. Wir können Vertrauen aufbauen, zusammenkratzen was da ist an Glaube, Liebe, Hoffnung.

Von all dem erzählen uns die heutigen Lesungen.

Es beginnt mit der Ankündigung Gottes an den Palastvorsteher Schebna. Er war einer der mächtigsten Männer seiner Welt. Er trug wertvolle Kleider und viele Auszeichnungen, damit jeder seine machtvolle Stellung sehen konnte. Er verwahrte die Schlüssel, öffnete und schloss Tore und Türen der Stadt, der öffentlichen Gebäude, des Palastes. Er fühlte sich wichtig, erhaben über die Meinungen und Erwartungen der einfachen Leute. Maximal dem König war er unterstellt. Doch der war fern, oft nicht da, vertraute seinem Palastvorsteher und darauf, dass alles gut ablaufen würde.

Diese Sicherheit stört Gott!

„Ich werde dich von deinem Posten stoßen und dich aus deiner Stellung reißen.“ Ob wir hier einen gewaltvollen unfairen Gott erleben oder einen milden Vater liegt wie so oft am eigenen Gottesbild.
Die Botschaft ist jedoch klar: Fühle dich in deiner Welt nie auf ewig sicher! Hüte dich vor falscher Sicherheit! Bleibe offen für Gottes Entwicklungen!

Das Evangelium knüpft hier direkt an:

„Für wen halten die Menschen den Menschensohn? (fragt Jesus seine Jünger und) sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elíja, wieder andere für Jeremía oder sonst einen Propheten.“

Dieses rein Wiedergekäute genügt Jesus nicht. Deshalb fragt er weiter:
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“

Da diesmal nicht die Jünger als Sprechende auftreten, sondern nur Petrus, dürfen wir vermuten, dass die anderen schwiegen, verunsichert waren, überfordert von Jesu Frage nach der persönlichen Meinung. Kurzum: nicht bereit für eine Veränderung. Nur Petrus ist so weit. In ihm ist etwas gewachsen.

Petrus ist hier nicht der superkreative Inventor. Denn, ich erinnere euch daran, als Petrus von seinem Bruder Andreas berufen wird, Jesus kennenzulernen und ihm nachzufolgen, da sagt Andreas seinem Bruder genau das: „Wir haben den Messias gefunden.“

Doch in der heutigen Perikope macht Petrus etwas ganz Entscheidendes, was für das Selbstverständnis und für die Zukunft der Jüngerschaft Jesu von herausragender Bedeutung sein wird:
Er übersetzt das hebräische Wort „Messias“ und damit die gesamte jüdische Bedeutung in eine neue Sprache und noch dazu in die aktuelle Realität, in der die Jünger sich gerade befinden.
„als Jesus in das Gebiet von Cäsaréa Philíppi kam“. Dort sprach man Griechisch und Latein, lebte eine eher unjüdische Kultur.

Der einfache jüdische Fischer vom See Genezareth, Simon Bar Jona, der als Sohn seines Vaters definiert wurde, Bar Jona, Sohn des Jona, und als Berufener durch seinen Bruder auftrat, wird zum lateinischen und damit römischen Petrus, zum Felsen auf dem Jesus seine Kirche erbaut sehen will. Hier schimmert der pfingstliche Missionsauftrag durch!

Jesus will die Verwurzelung im Alten. Aber noch mehr will er den mutigen und offenen, den toleranten und selbstbewussten Aufbruch ins Neue. Worte schaffen Realität!

Liebe Mit-Suchende,

Veränderungen gehören zum Leben dazu. Sie machen unsere Welt aus und müssen auch unseren Glauben ausmachen. Das lehren uns die Texte dieses 21. Sonntages.

Was wir binden, wird gebunden sein. Was wir lösen, wird gelöst sein. Aber nur, wenn wir in Jesu und Petri Schuhen stehen: die Zeichen der Zeit lesend die Traditionen neu bewerten und für andere mutig und voller Gottvertrauen ins Neue hinübergehen.

Lasst uns in diesem Sinne miteinander Christen sein!

Bild: Rémi Walle / unsplash

Himmel im Alltag: Was Maria uns wirklich lehrt

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 16. August 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on August 16, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Brüder und Schwestern,

Für eine Himmelfahrt Marias gibt es keinen biblischen Beleg. Es ist deshalb kein gänzlich ökumenisches Fest. Denn die eher biblisch orientierten Christen, also die meisten Kirchen der Reformation, feiern es nicht. Sie lehnen die dogmatische Überhöhung der Gottesmutter ab. Auch wenn hier ein Stachel im Fleisch der von Jesus erflehten Einheit seiner Christinnen und Christen schmerzt, feiere ich dieses Fest gerne.

Vielleicht erleben wir ja noch den Tag, an dem wir Römer manche Dogmen zurückstellen, damit andere das ökumenische Potenzial dieses Festes erkennen, wertschätzen und es deshalb gerne mitfeiern können; auch wenn es keinen biblischen Beleg für die Himmelfahrt bzw. die Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel gibt.

Weil ein Beleg fehlt, greift das Evangelium der heutigen Messe auf die Heimsuchung Elisabeths durch Maria zurück. Das mag zunächst überraschen: Wir feiern Maria in der Herrlichkeit des Himmels und begegnen ihr im Evangelium beim Dienst an ihrer Verwandten Elisabeth. Doch gerade darin liegt eine zentrale Botschaft des Festes.

Papst Franziskus sagte beim Angelus-Gebet 2023: „Es ist die Liebe, die das Leben in die Höhe hebt. Wir wollen unseren Brüdern und Schwestern dienen, und gerade durch diesen Dienst werden wir aufsteigen.“
Der Weg Mariens zum Himmel führt über die Liebe im Alltag.

Dass das Leben von Maria von liebevollem Dienst geprägt und ausgefüllt war, ist biblisch deutlich belegt: Ihre Bereitschaftserklärung gegenüber dem Engel, ihr mutiges Aufbrechen, ihr sich Fügen in der Zeit von Verfolgung und Flucht bis hin zu allen Begegnungen mit ihrem Sohn.

Maria liebt ihn, liebt ihre Familie, liebt für sich und andere wider alle Zweifel, gesellschaftliche Enge und negativen Impulse.

Das heutige Fest lehrt uns also, am Beispiel Marias, der einfachen Frau aus dem Volk, dass der Weg in den Himmel ein Weg der Liebe ist. Wenn Maria für uns „nur“ – in deutlichen Anführungszeichen gesetzt – eine einfache Frau aus dem Volk ist, ist diese Haltung besonders. Wenn Maria „im ersten Augenblick ihrer eigenen Empfängnis durch ein besonderes Gnadengeschenk Gottes vor jedem Flecken der Erbsünde bewahrt blieb.“, verkommt ihr mutiger Dienst und ihr konsequenter Weg der Liebe zu einer logischen unfreien Konsequenz. Das finde ich schade! Beschädigt es doch eher Marias mutiges Agieren und ihr liebe- und vertrauensvolles Verhältnis zu Gott. Doch gerade darin – davon bin ich überzeugt – liegt der Kern ihres Vorbildseins für uns einfache Menschen aus dem Volk.

Das Evangelium zeigt noch eine zweite Besonderheit Marias, die ihr nach einem erfüllten Leben den Weg zum Himmel eröffnete, vielleicht sogar schon im Leben ermöglichte: ihre Haltung zum Lobpreis.

Kaum ist Maria bei Elisabeth angekommen, dankt sie Gott für das, was er in ihrem Leben getan hat: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. (…) Denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“

Hier greift Maria, die junge jüdische Frau, auf den Propheten Jesaja zurück. Sie zitiert ein uraltes Lobpreisgebet ihrer Tradition und bezieht es auf sich. Und das ist das besondere!

Maria repetiert nicht einfach nur alte Gebete, überlieferte Traditionen. Sie aktualisiert den alten Lobpreis, holt ihn in die Gegenwart, spricht sich selbst und anderen Mut zu, indem sie es wagt sich selbst in eine Beziehung zu bringen mit dem alten ewigen und oft so fern erscheinenden Gott.

„So ein Lobpreis ist wie eine Leiter: Er hebt die Herzen in die Höhe“, sagte Papst Franziskus. Wer dankt und Gott lobt, baut eine Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, zwischen frommer Hoffnung und nackter Lebensrealität.

Liebe Schwestern und Brüder auf dem Weg

Mit ihrem ganzen Leben und Sein möchte Maria Gott groß machen. Das zeigt sie in ganz vielen Momenten ihres Lebens, von denen uns die wichtigsten überliefert sind. Und obwohl sie sich so klein macht und fügt, wird sie dadurch selbst nicht kleiner. Im Gegenteil.

Papst Benedikt XVI. predigte anlässlich dieses Hochfestes, ganz von Augustins Gnadenlehre und Menschenbild erfüllt: „Wenn Gott groß ist, sind auch wir groß.“

Gott nimmt uns nichts von unserer Freiheit und unserem Lebensraum. Schon gar nicht, wenn er uns einlädt ihm zu dienen. Seine Gegenwart weitet unser Leben. Sein Ruf lässt uns aufblicken und lenkt uns zielstrebig dem Himmel entgegen.

Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel zeigt daher allen Menschen guten Willens einen Weg zu Gottes wunderbaren Himmeln: dienen und loben, lieben und danken.
Christus ist der Weg; Maria ist ihn uns als Vorbild vorausgegangen; Gott selbst begleitet uns auf ihm.

Bild: Alex Jackmann / unsplash

Hoffnung. Immer noch und immer wieder neu

© Nicole Oster
Es gilt das am 02. August 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on August 2, 2026 at St. Augustinus, Berlin.

Fünf sind geladen, zehn sind gekommen. Gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen.
So könnte man auch das heutige Evangelium zusammenfassen.
Das wäre eine kurze Predigt und wir kämen schneller zum Essen
Aber wäre doch ein wenig zu einfach und wird dem Evangelium nicht gerecht.
Schauen wir auf den Ausgangspunkt des Evangeliums.
Wenige Verse vorher wird von der Enthauptung Johannes des Täufers berichtet. Johannes, der für viele eine Hoffnungsfigur war und für den Messias gehalten wurde.
Das Volk braucht neue Hoffnung. Am Anfang steht Verzweiflung, Trauer und Sorge. Auch Jesus von Trauer erfüllt, sucht eigentlich die Abgschiedenheit des Berges zur Trauer, zum Beten.
Aber das Volk sucht ihn, seine Worte, neue Hoffnung.
Er hätte auch wegschicken können, sich zurückziehen, die Jünger vorschicken. Aber er widmet sich dem Volk. Hat Mitleid, heilt und hört bestimmt auch zu, erzählt. Denn er fühlt mit ihnen, fühlt, dass sie Hoffnung, Trost, Zuspruch brauchen.
Jesus merkt die Trauer der Menschen, was sie von ihm erwarten, und vielleicht merkt er bei sich innen auch, dass ihm Gemeinschaft doch gut tut.
Miteinander das Schwere aushalten, teilen und gemeinsam wieder Hoffnung schöpfen.
Das ist die Hoffnung, von der auch Paulus in der Lesung geschrieben hat. Die Gewissheit, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann.
Die Hoffnung und das Vertrauen auf Gottes Liebe. Als Christen haben Verzweiflung, Resignation, Angst nicht das letzte Wort. Das ist unsere Basis, die Grunderfahrung von Gott geliebt zu sein.
Das bedeutet nicht, dass ich schweren Momenten etwas positives abgewinnen muss.
Da wäre Beschönigen. Trauer hat ihren Platz. Auch Angst und Verzweiflung. Es gibt Momente in unseren Leben, die einfach bescheiden sind. Die wir aushalten müssen.
Wie das Attentat auf den CSD, der Verlust eines Elternteils, wenn ich die Politik und das Weltgeschehen so beobachte- Weltschmerz spüre. Diese Gefühle haben ihren Platz.
Ich darf trauern, zweifeln, Angst haben – aber diese Gefühle behalten nicht die Oberhand.
Denn da ist die Hoffnung, dass wieder Licht kommt. Die Grunderfahrung von Gott geliebt zu sein. Das ist der Anhaltspunkt für unsere Hoffnung
Dies Hoffnung gibt mir auch den Mut aufzustehen, ganz aktuell im Blick auf das letzte Wochenende, das Attentat auf den CSD. Auch da trägt mich die Hoffnung, macht mir Mut aufzustehen, gegen Instrumentalisierung von Politik und auch von katholischen Priestern, die das Attentat als Zeichen Gottes gegen die queere Communitiy auslegen. Die Hoffnung gibt mir Mut, für die Liebe und das Leben einzustehen.
Die Hoffnung, die wir Christen haben, verneint nicht die Trauer oder die Angst.
Die Hoffnung zeigt uns einen Weg, bringt Licht und macht Mut.
Wir dürfen zweifeln, trauern, Angst haben, uns auch zurückziehen- doch die Basis der Liebe Gottes, die Hoffnung auf eine gute, bessere Zukunft bleibt.
So wie Jupiter Jones in einem Lied singen „du fragst auf das Leben“ und ich sag „immer noch“. Ich habe immer noch Hoffnung, Hoffnung auf eine Welt, wie sie Gott verheißt, eine Welt, die gut ist, voll Hoffnung und Liebe.
Diese Hoffnung ist was Jesus der Menschenmenge mitgibt, zurückgibt. So wie Jesus dem Volk, Männer, Frauen und Kindern Hoffnung zurückgibt
Gemeinsam trauern sie und schöpfen wieder neue Hoffnung.
Durch Gemeinschaft, zuhören und gemeinsames Essen – sie sind eingeladen zum Bleiben, denn bei Jesus ist für alle Platz
Jede*r ist willkommen; Keine Türsteher, die Leute wegschicken; offene Türen und Herzen.
Das ist auch, was wir Sonntags feiern
Die Gemeinschaft
Wir alle, die wir zusammen kommen
Mit unseren Gefühlen – so ganz unterschiedlich bilden eine Gemeinschaft und teilen: Brot & Wein, Gefühle, Sorgen, Hoffnungen.

Komm wie du bist
Und bring alles an dir mit
Komm wie du bist
Hier ist Platz für dich
Amen.

Bild: Michael Dziedzic / unsplash

Neues und Altes aus dem Schatz des Himmelreichs

© Felix Meckl
Es gilt das am 26. Juli 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on July 26th, 2026 at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben,
das eben gehörte Evangelium war der Abschluss der sogenannten Gleichnisrede Jesu. Aus ihr hatten wir bereits die letzten beiden Sonntage als Evangelien gehört.
Darin verglich Jesus das Reich Gottes mit dem verschwenderischen Aussäen Gottes ohne dabei Rücksicht zu nehmen auf die Beschaffenheit des Bodens. Es folgte das Gleichnis vom Senfkorn, das das höchste Potenzial zum Wachsen hat. Wir erinnern auch das Gleichnis vom Sauerteig, auf das wir uns fragen konnten: was durchsäuere ich mit Hoffnung?
Im heutigen Abschnitt hörten wir drei weitere Gleichnisse vom Reich Gottes: der Schatz im Acker, die schöne Perle und der übergroße Fischfang. Alle drei mögen wieder wenig mit unserem Alltag zu tun haben, doch wirken ihre bildhaften Worte fort, lassen sich gut adaptieren auf unser aller Leben und Situation.
Beim Schatz im Acker finde ich es sehr beeindruckend, dass der Mann auf einem fremden Acker sucht und dort unverhofft sein Glück findet. Im übertragenen Sinn darf das also bedeuten, dass wir unsere Komfortzone verlassen müssen, um das Reich Gottes zu finden?
Unser Gott ist ja ein Gott der Weite und der Freiheit. Da finde ich es wenig überraschend, wenn er uns dazu einlädt, out-of-the-box zu denken und zu handeln.
Auch, dass er den Mann bedächtig sein lässt, finde ich sehr stimmig. Gott will keinen Diebstahl oder vorschnellen Aktionismus, der dann umso schneller wieder abflaut, wenn die Probleme des Alltags sich einstellen.
Unser Gott hat einen langen Atem – von Ewigkeit zu Ewigkeit – und will uns mit hineinnehmen in seine geduldige Ruhe und nachhaltige Handlungsweise. Still und gewissenhaft zu dienen, lebt Gott uns vor, immer wieder. Die lauten, schrillen Unheilspropheten entlarven sich also mit ihrem Tun selbst. Das Reich Gottes ist ein Reich der lebendigen Beschaulichkeit.
Im Gegensatz zum Ackerkäufer agiert der Kaufmann im zweiten Gleichnis ohne dabei große Freude zu erleben. Ob der Evangelist es bewusst oder unbewusst nur dem einen zugeschrieben hat, weiß ich nicht, finde ich aber spannend.
Das Reich Gottes darf also auch emotionslos gefunden werden?
Auch dass der Perlenhändler „schöne Perlen“ sucht und dabei eine „besonders wertvolle Perle“ findet, macht mich neugierig. Ist das Reich Gottes vielleicht weniger schön als wertvoll? Oder ist alles Schöne zugleich wertvoll? Gott kann doch nicht so oberflächlich sein, oder?
Und beim dritten Gleichnis fischt Jesus – im wahrsten Sinne des Wortes – in seinem Terrain. Er war zwar Zimmermann, aber die meisten seiner Freunde waren Fischer. Für sie bedeutete so ein volles Netz wirtschaftliche Sicherheit, einen guten Tag und das Aussortieren war natürliche Arbeit.
Hier macht Jesus noch einmal klar, dass nicht sie als (Menschen-)Fischer für das Aussortieren zuständig sind, sondern Gott selbst seine Engel senden wird. Im Reich Gottes richtet nur ER; nicht wir! Das sollte Kirche sich immer vor Augen halten…
Am bedeutsamsten für uns Christinnen und Christen finde ich jedoch das vierte und letzte Gleichnis, das so versteckt daherkommt. Wir überhören es vielleicht vorschnell, weil wir noch am Schreckensbild von „Heulen und Zähneknirschen“ hängen. Aber es steht da, gehört ganz klar zur Gattung der Gleichnisse und dient erstmals uns, die wir mit 2000 Jahren Kirchengeschichte auf dem Buckel am Reich Gottes mitbauen. Vers 52 lautet:
„jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.“
Die Schrift zu kennen, ist also eine Grundvoraussetzung zum Verständnis des Reiches Gottes. UND: man muss ein Jünger respektive eine Jüngerin des Himmelreiches geworden sein. Und wenn dieses zusammenfällt, dann wird man zum Hausherren respektive zur Hausdame. Aber damit noch nicht genug: man wird zu einer besonderes Führungskraft! Nämlic zu jemanden, der aus dem was er hat – Wissen über die Schrift und Verständnis vom Reich Gottes – aus diesem Schatz, holt man Neues und Altes hervor. Neues und Altes. Nicht Altes und Neues. Neues und Altes. Wow! Was für ein Schlusswort, hm?
Also, liebe Schwestern und Brüder der Hoffnung,
lasst uns lernen, was in der Schrift steht und lasst uns erkennen, wie Gottes Reich aussieht. Wie es aus der kleinsten Geste heraus wächst und gedeiht für einen selbst und andere, wie wir Hoffnung einpflanzen können als Sauerteig des Herrn und dass wir alles wachsen lassen sollen, ohne vorschnell einzugreifen.
Gott sät großzügig was sein Reich ausmacht und es wächst mitten unter uns. Nehmen wir das Neue wahr und holen wir zudem auch das Alte hervor. Nicht um es gegeneinander aufzuwiegen, sondern um bei allen Menschen die Einsicht zu wecken: Gott ist immer bei uns und hört auf die aufrichten Bitten eines weisen und hörenden Herzens. Das schenke euch Gott!
Amen.

Bild: ross tek / unsplash

Für Schwestern und Brüder in der Ungeduld

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 19. Juli 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on July 19, 2026 at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
das eben gehörte Evangelium ist die direkte Fortführung des Evangeliums vom letzten Sonntag. Darin hörten wir, dass Jesus in ein Boot gestiegen war, um zur großen Menschenmenge zu sprechen, die sich aus Neugier wegen ihm am Ufer des Sees Genezareth versammelt hatte.
Jesus arbeitete viel mit Gleichnissen, aber in dieser Passage bündelt der Evangelist eine ganze Reihe dieser Geschichten, um Jesu Hauptanliegen zu thematisieren, nämlic die Ausbreitung des Reiches Gottes oder auch des Reiches der Himmel, wie es oft übersetzt wird.
Auch wenn die von ihm vor fast 2000 Jahren verwendeten Bilder heute nur noch wenig mit unserem Alltag zu tun haben, behalten sie durch die Bildhaftigkeit ewigandauernde Bedeutung. Gehen wir daher das heutige Evangelium, versehen mit dieser hermeneutischen Brille, noch einmal durch:
Mit dem Himmel ist es, wie
– Mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.
Wer ist dieser Mann? Wer ist dieser Mann in meinem Leben? Kann es auch eine Frau sein? Oder alle dazwischen und außerhalb?
STILLE, ca. 15 Sekunden
Welche Samen werden da gesät? In MEINEM Leben? Und was bedeutet gut? Gut für MICH? Gut für mein Umfeld? Gut für die Ausbreitung des Gottesreiches? Hat das etwas mit mir zu tun? Bin ich denn ein Acker Gottes? Bzw. WILL ich das sein?
STILLE, ca. 15 Sekunden
Wer ist der Feind? Was ist dessen Unkraut in meinem Leben? Welche „Knechte“ – in Anführungszeichen – dienen welchem Gutsherrn in meinem Leben? Also wer kümmert sich um MICH? Wer spricht in meinem Namen/bringt meine Sorgen und Nöte ins Wort?
STILLE, ca. 15 Sekunden

Dann das zweite Gleichnis: der Samen ist jetzt ein Korn, ein Senfkorn? „Das kleinste von allen Samenkörnern“, wie Matthäus seinen Jesus erklärend dazusagen lässt. Das Senfkorn mag das Kleinste sein, doch hat es aber auch das höchste Potenzial. Denn der sogenannte Echte Senfbaum (Salvadora persica), der sogar in den Trockengebieten des Nahen Ostens beheimatete Baum oder große Strauch wächst typischerweise 6 bis 7 Meter hoch, kann aber in seltenen Fällen Wuchshöhen von bis zu 10 Metern erreichen. Zudem konnte nahezu alles von diesen Gewächsen verarbeitet werden: es war eine wichtige Koch- und Heilpflanze, brachte also Lebensfreude und Heilung.
Was ist MEIN kleinstes Senfkorn? Hoffnung? Was hat bei mir Potenzial? Was bringt mir Lebensfreude UND Heilung?
STILLE, ca. 15 Sekunden
Wer nistet in meinen Ästen? Wo bin ich Sauerteig? Welches Mehl nutze ich als Nährboden für noch Größeres?
STILLE, wenige Sekunden

Liebe Schwestern und Brüder in der Ungeduld,
die Gleichnisse Jesu haben ein großes Potenzial: sie sind ewiggültig und können für jede und jeden von uns unterschiedliche Bedeutung haben.
Bei unserem Denken, Reden und Tun sind sicher viel „gute Frucht“ und viel „Unkraut“ dabei. Aber selbst das lässt Gott wachsen. „Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an.“ Vermittelt, und trägt unsere „unaussprechlichen Seufzer“ direkt vor Gott. Paulus schrieb das auch der ungeduldigen Gemeinde in Rom.
Doch neben dieser inhaltlichen Beruhigung lehren uns die Gleichnisse noch drei sehr entscheidende Dinge:
1. Kraut und Unkraut dürfen gleichzeitig sein und sind bei jedem von uns unterschiedlich. Also Gleichzeitigkeit und Verschiedenheit. Beide erfordern Toleranz.

2. Beides darf, soll und muss wachsen, damit man es besser oder überhaupt erst unterscheiden kann. Wir Christinnen und Christen brauchen Geduld; und zwar eine ganze Menge davon.
Und
3. Schnitter in unserem Wildwuchs sind die Engel. Kein Freund Jesus, kein Teufel, schon gar nicht ich mir selbst oder noch schlimmer, ich einem anderen? Gott selbst wird – wenn die Zeit gekommen ist – urteilen, scheiden, verarbeiten.
Und das, liebe Freunde der Ungeduld, braucht Vertrauen.
Amen.

Bild: Susanna Marsiglia / unsplash

Verschwenderisch und locker säen!

© Karen Siebert
Es gilt das am 16. Juli 2026 in der KHSB gesprochene Wort.

Liebe Kolleg*innen, liebe Studierende,

macht es Sinn, so zu säen wie der Sämann im Gleichnis?

Ich habe mich – mithilfe von ChatGPT – schlau gemacht.

Damals in der Antike war es die übliche Sämethode. Man hat weiträumig gesät, den Boden relativ wenig bearbeitet und dann die Natur machen lassen.  Auf die Frage, ob es heute noch Sinn mache, so auszusähen wie der Sämann hat ChatGPT eine eindeutige Antwort: Es sei ineffizient und führe zu hohen Verlusten und geringen Erträgen.

Heute setzt man auf Präzision statt Breitwürfigkeit. Die Samen werden in Reihen oder mit Einzelkornsaat platziert, um Platz, Nährstoffe und Wasser optimal zu nutzen. So minimiert man Verluste und steigert den Ertrag. Vor der Aussaat wird der Boden gelockert, gedüngt und von Unkraut befreit.

Je nach Methode (z. B. Pflug, Mulchsaat, Direktsaat) wird der Boden unterschiedlich bearbeitet, um optimale Keimbedingungen zu schaffen. Bei der  Aussaattechnik kann man wählen z.B. zwischen Direktsaat, Vorkultur, Reihensaat etc.

Sämaschinen sorgen für gleichmäßige Verteilung, richtige Tiefe und Abstand. Das Saatgut und die passende Methode werden nach Boden, Klima und Pflanzenart ausgewählt.  So wird z. B. auf trockenen Böden früher gesät, um Feuchtigkeit zu nutzen, oder auf erosionsgefährdeten Flächen mit Mulch gearbeitet. Zudem wird gezielt bewässert, gedüngt und Unkraut bekämpft.

Wenn man sich das anhört, möchte man dem Sämann von damals Verschwendung und geradezu Faulheit nachsagen. Es gab sicher Gründe in der Antike so zu sähen, denn verschwenderisch konnte man mit dem Saatgut auch damals nicht umgehen.

Dennoch fragt man sich: kann er nicht ein bisschen gezielter werfen? Zumindest die Wege aussparen? Kann er nicht die Fruchtbarkeit seines Bodens erhöhen? Kuhdung und Kompost ausbringen? Die Humusschicht dort erhöhen, wo die Frucht nicht tief wachsen kann? Bewässerungsgräben anlegen. Zumindest eine Vogelscheuche aufstellen? Ist das nicht fahrlässiges Verhalten?

Jesus spricht ja gerne in Gleichnissen. Es wusste, wie Storytelling funktioniert. Wie er nicht nur den präfrontalen Kortex, sondern auch das limbische System erreicht. Emotionen erzeugt und wie seine Worte im Gedächtnis bleiben und nachwirken. Die Saat, die der Sämann aussieht, steht bei Jesus für das Wort. In diesem Fall für die frohe Botschaft von Gott. Und seine Message war: Verschwenderisch das Wort Gottes verkünden. Und erst am Ende gucken, wer es kapiert und verinnerlicht hat.

Auch Sie als Lehrkräfte – oder sie z.B. als zukünftige Religionslehrer*innen – säen das Wort aus. Das Wort ihres Wissens und ihrer Inhalte.

Da sind sie also und sähen das ganze Semester fleißig das Wort aus. Und wenn dann die Leistungsnachweise, Seminararbeiten, Prüfungen und Abschlussarbeiten zurückkommen, sehen Sie, ob die Frucht aufgegangen ist. Manches studentische Bemühen trägt Frucht, bei anderen war es ChatGPT. Bei anderen kommt gar keine Rückmeldung und sie wissen nicht, was mit ihrem vermittelten Wissen passiert ist.

Natürlich gehen auch sie zeitgemäß vor. Sie säen nicht einfach ohne Sinn und Verstand in der Gegend rum. Stattdessen: Zielgruppenanalyse, Differenzierung, Evaluation, didaktische Innovation, Studentenengagement, Supervision, Sprechstunden, individualisierte Betreung, Verlängerungen etc. Sie steigern die Erträge! Es macht wirtschaftlich, pädagogisch und menschlich ja auch nur Sinn.  Mehr Studierende legen gute Leistungen ab oder schaffen es, überhaupt das Studium abzuschließen.

Aber auch: Uff! Da muss ich an den berühmten Ausspruch des Berliner Musiker Funny van Dannen denken: „Wer rasen sät, wird Mäher ernten.“

Stellen wir uns mal vor, Sie an der KHSB (oder vielleicht auch Sie später in der Schule oder ihrem sozialpädagogischen Berufsfeld) gingen so vor wie der Sämann: Wissen haben sie genug, sie können ruhig verschwenderisch damit umgehen. Sie schütten das Wissen also aus, großzügig, weiträumig ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, ob es auf fruchtbaren Boden fällt. Ohne sich zu kümmern, dass der Boden fruchtbar wird. Das wäre erstmal ein ganz schön befremdlicher Gedanke. Es ist wirtschaftlich unsinnig, Studierende nicht dabei zu unterstützen, ihr Studium auch abzuschließen. Das hätte nichts mehr mit Chancengleichheit zu tun: was kann denn der Boden dafür, dass er nicht bearbeitet, bewässert, gedüngt wird?

Andererseits: Irgendwie beneide ich auch den Sämann um seine Leichtigkeit. Er wirft einfach drauf los. Vorurteilsfrei. Er vertraut da drauf, dass irgendwo, irgendwann schon etwas aufgehen wird. Er vertraut auf die Kraft des Samens, auf die Unzuverlässigkeit der Umweltbedingungen. Kann es nicht doch vorkommen, dass in diesem Jahr die richtige Menge Regen zur rechten Zeit fällt und auch auf dem flachen Boden etwas gedeiht? Kann es nicht sein, dass die Vögel das Samenkorn übersehen? Wächst nicht auch auf unseren asphaltierten Straßen in jedem noch so kleinen Spalt eine Pflanze?

Und auch wenn nichts aufgeht, betrachtet er das mit bewundernswertem Gleichmut.

Ich will ihnen jetzt natürlich nicht raten, die einzelnen Studierenden / Schüler*innen nicht mehr in den Blick zu nehmen. Ich rate der KHSB und der Bildungslandschaft natürlich nicht, nach dem Gießkannenprinzip zu verfahren oder sich nicht zu hinterfragen: wie kann meine Lehre noch mehr auf fruchtbaren Boden fallen. Ein Gleichnis ist immer auch eine Komplexitätsreduzierung.

Aber: dem Boden, der Umwelt, Gott und besonders den einzelnen Studierenden zu vertrauen und nicht gleich zu sagen: da wächst eh nichts. Ist das nicht auch eine Haltung, von der wir etwas übernehmen können?

Dass wir nicht alles beeinflussen können, heißt ja dann auch, dass wir nicht die Verantwortung für den Lernerfolg komplett auf unseren Schultern tragen müssen.

Es heißt Studierende / Schüler ernst zu nehmen. Den Erfolg eines jeden einzelnen erst ganz zum Schluss, am Erntetag zu bewerten. Studierende entwickeln sich, sie suchen sich Hilfe, knien sich rein, finden andere Wege oder übernehmen Verantwortung für sich und ihr Leben.

Manche brechen vielleicht auch ab, aber heißt das, dass die Saat nicht aufgegangen ist? Wer weiß, bei welcher Gelegenheit sich die eine oder andere noch an ihre Inhalte erinnern wird.

Ich möchte sie aber zu mehr Leichtigkeit und Vertrauen ermuntern. Im Coaching gibt es den Satz: arbeite nie härter als dein Klient. Studierenden so zu begegnen heißt auch, sie und ihre Selbstwirksamkeit ernst zu nehmen. Ergebnisoffen. Und: genießen Sie das säen und warten Sie – jetzt in den Semesterferien – gemütlich die Ernte ab.

Bild: Glenn Carstens-Peters / unsplash

Nichts gefunden?

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 12. Juli 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Kennt ihr das Gefühl, durch Netflix oder Spotify zu scrollen? Tausende Serien. Millionen Songs. Eigentlich müsste etwas für dich dabei sein. Und trotzdem denkst du: „Nee, heute finde ich irgendwie nichts.“

Genau so geht es mir im Angesicht dieser Fülle, die uns in den heutigen Bibeltexten entgegenkommt.

Ich glaube, so geht es vielen Menschen. Man hört Geschichten aus der Bibel und denkt: „Schön – für andere. Aber was hat das mit meinem Leben zu tun?“

Jesus erzählt heute vom Sämann. Er wirft die Samen einfach aus. Überall. Manche landen auf dem Weg. Manche auf Steinen. Manche zwischen Dornen. Und manche auf gutem Boden.

Spannend ist: Der Sämann macht keinen Unterschied. Er sagt nicht: „Du bist geeignet. Du nicht. Bei dir lohnt es sich. Bei dir nicht.“ Er sät einfach.
Manche nennen dieses Gleichnis, das Gleichnis von der Verschwendungsliebe Gottes.

Denn genau so ist Gott.

Gottes Wort ist nicht nur für Menschen, die immer alles richtig machen. Nicht nur für die, die jeden Sonntag in der Kirche sitzen, sich in der Gemeinschaft engagieren. Nicht nur für die, die schon genau wissen, woran sie glauben.

Gottes Wort ist für alle.
Und das Schöne ist: In Gottes Reich ist wirklich für jeden etwas dabei. Mal mehr, mal weniger.

Der eine hört in einer Geschichte die Einladung zur Hoffnung.
Die andere entdeckt Trost.
Jemand merkt plötzlich: Ich muss vergeben.
Ein anderer spürt zum ersten Mal: Ich bin gemeint. Ich bin geliebt.

Dasselbe Evangelium. Aber Gott spricht jeden Menschen anders an.

Das kennen wir auch aus unserem Alltag.
Nicht jeder Song trifft jeden.
Nicht jedes Buch begeistert alle.
Nicht jedes Video geht viral.

Aber manchmal kommt genau dieser eine Satz.
Dieses eine Lied.
Dieser eine Moment.

Und plötzlich denkst du:
„Das war genau das, was ich gerade gebraucht habe.“

So wirkt Gottes Wort.

Nicht immer laut.
Nicht immer sofort.
Aber oft genau im richtigen Moment.

Darum sagt der Prophet Jesaja heute etwas unglaublich Hoffnungsvolles:
Wie Regen auf die Erde fällt und sie fruchtbar macht, so kehrt Gottes Wort nicht leer zu ihm zurück.

Das heißt: Gott redet nie ins Leere und alles hat einen Sinn.

Auch wenn wir denken:
„Ich habe heute nichts verstanden.“
„Die Predigt ist langweilig.“
„Die Bibel ist kompliziert.“

Vielleicht fällt gerade in diesem Moment ein kleiner Same in dein Herz.
Und Samen brauchen Zeit.

Niemand wird ungeduldig neben einem Apfelbaum stehen und rufen:
„Los! Wachs schneller!“

Wir wissen: Das dauert.

Aber warum erwarten wir das von unserem Glauben?

Manchmal wollen wir sofort Antworten.
Sofort Klarheit.
Sofort ein Wunder.

Gott arbeitet anders.

Leise.
Geduldig.
Von innen heraus.

Paulus schreibt sogar, dass die ganze Schöpfung auf ihre Vollendung wartet.

Auch das gehört zum Glauben: Warten.

Nicht, weil Gott langsam ist. Sondern weil echtes Leben wachsen muss.

Und dafür braucht es noch etwas: Mut. Mut, überhaupt zuzuhören.

Denn ehrlich: Unser Leben ist ziemlich laut.
Handy.
Nachrichten.
Social Media.
Termine.
Stress.
Meinungen.
Konflikte.

Da geht Gottes Stimme leicht unter.

Vielleicht ist die größte Herausforderung heute gar nicht, mehr zu reden.
Sondern still genug zu werden, um zu hören.

Was möchte Gott mir heute sagen?

Nicht meinem Sitznachbarn.
Nicht meinen Eltern oder Großeltern.
Nicht den Leuten, die „das dringend mal hören müssten“.

Nein, mir. Was möchte Gott MIR heute sagen?

Denn irgendwo in diesem großen Feld von Gottes Wort liegt genau der Same, den ich heute brauche.

Vielleicht ist es Hoffnung.
Vielleicht Vergebung.
Vielleicht ein Neuanfang.
Vielleicht einfach die Zusage: „Du bist nicht allein.“

In Gottes Reich ist für jeden und jede etwas dabei.

 

Aber wir können diesen Schatz nur entdecken, wenn wir ihm eine Chance geben – mit Geduld und mit dem Mut, wirklich hinzuhören.

Vielleicht verändert ein einziger Same nicht sofort dein ganzes Leben.
Aber jeder große Baum war einmal ein kleiner Samen.
Und vielleicht beginnt Gott genau heute etwas ganz Neues in dir.

Wer Ohren hat, der höre und lass es wachsen!

Amen.

 

Bild: Brendan Church / unsplash

Ein Glas Wasser, bitte

© Felix Meckl
Es gilt das am 28. Juni 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

ein Glas Wasser bitte. Wie oft haben wir diesen Satz schon ausgesprochen, gerade auch in den letzten Tagen?! Ein Glas Wasser, aus der Leitung oder aus der Flasche? Mit oder ohne Sprudel? Kalt oder zimmerwarm? Evian aus den Quellen südlich des Genfer Sees? Oder Brandenburger Quell aus der Diedersdorfer Heide, ca. 5 Kilometer von uns hier? Oder das gehypte Fiji Water, das 16.000 Kilometer zurücklegen muss, bevor es in Berliner Spätis gekauft werden kann? Ein Glas Wasser bitte?

Ein Glas Wasser eröffnet eine ganze Welt. In Afrika entscheidet es manchmal über Leben und Tod. Am vergangenen Donnerstag, als wir uns auf das Deutschlandspiel vorbereitet haben, verbrauchten die Berlinerinnen und Berliner in der einen Stunde zwischen 20 und 21 Uhr sage und schreibe 49 Millionen Liter Trinkwasser! Das sind ca. 250 Millionen davon. Ein Glas Wasser bitte…?!

In Italien wies das oberste Gericht diese Woche die Klage einer Touristin ab, die von einem 5-Sterne-Hotel in Südtirol 2.700 Euro Schadensersatz forderte, da Wasser ein universelles Menschenrecht sei und ihrer Meinung nach zum Hotel-Standard gehören müsse. Das Hotel servierte Mineralwasser für 7 Euro die Flasche. Gute Frau, fahr nach Frankreich. Die carafe d’eau ist dort Standard in jedem Bistro!
Ein Glas Wasser bitte?!

Mit dem „Becher frischen Wasser“ im heutigen Matthäusevangelium (Mt 10,42) macht Jesus deutlich, dass jede noch so kleine, unscheinbare Tat der Nächstenliebe in den Augen Gottes einen enormen Wert hat und nicht unvergolten bleibt.

Ein Becher kaltes oder frisches Wasser war und ist im heißen Orient eine alltägliche, fast mühelose Geste der Gastfreundschaft. Jesus zeigt damit, dass Gott nicht nur spektakuläre Großtaten belohnt, sondern die aufrichtige Liebe im Alltag als Kern seiner Nachfolge sieht.

Man muss kein Holzkreuz durch Wallfahrtsorte tragen oder Echtgoldanhänger auf dem Dekolleté blinken lassen. Man muss auch nicht gleich Kranke heilen, allen Besitz veralmosen oder als Wandermissionar in gefährliche Gegenden ziehen.

Die kleinen Dinge des Alltags bauen das Reich Gottes auf!

Im durstigen Obdachlosen, dem wir eine Flasche Wasser beim Bäcker holen, begegnen wir Jesus. Der muslimischen Frau mit dem Kinderwagen an der U-Bahn-Treppe verschaffen wir Heil, wenn wir mit anpacken.

Der Becher Wasser kann so vielfältig sein. Der Lohn wird immer groß sein. Und er wird immer angemessen sein. Angemessen nicht im Sinne des Gegenwertes, denn Gottes Maßstäbe sind anders. Sondern der Lohn wird immer so aussehen, wie wir ihn uns erwünschen, ihn ersehnen, ihn wirklich brauchen, um ein Leben in Fülle zu erlangen.

Die vornehme Frau aus Schunem hatte alles: ein eigenes Haus mit sogar einem Obergemach, einen Mann und, weil sie als vornehm beschrieben wird, Ansehen und Stil. Für den Einsatz am Diener Gottes Elischa bekommt sie als Lohn einen Sohn. Sie bekommt damit Zukunft und etwas, das sie mehr lieben kann als alles andere, was sie schon hat. Weise verheißt ihr der Prophet im Vers 16a den Sohn, den sie liebkosen kann. Elischa hat erkannt, dass sie alles hat und alles liebt, nur ein eigenes Kind fehlt ihr noch zum wahren Leben in Fülle. Durch Gottes Dankerweisung wird ihr eine ganz neue Welt erschlossen. Sie bekommt durch Gottes Dankgeschenk die Chance ihre ganze Welt mit neuen Augen zu sehen: ist ein eigenes Haus, Wohlstand, Ansehen und der alternde Mann wirklich das Höchste im Leben? Sie wird ihr Kind liebkosen und wird darin nicht nur das lang ersehnte Kind, die Zukunft und die Absicherung im Alter erkennen. Sie wird im geliebten Kind Gott erkennen. Jenen Gott, der große und kleine Taten nicht gegeneinander aufrechnet, sondern großherzig Dank erweist und stets eine neue Weltsicht darin einfließen lässt.

Ein Glas Wasser, bitte?

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

Nachfolge Jesu erfordert keine großen Opfer, sondern Erkenntnis und Dienstbereitschaft. Jesus will, dass wir IHN in unseren Nächsten erkennen und wie Elischa den Menschen helfen, ihre eigene Welt mit neuen Augen zu sehen. Der einfachste Weg dies zu tun, ist dem Nächsten zu Dienen. Dienst am Nächsten beeindruckt immer und löst oft genau dieses Um- und Neu-Denken aus. Die Evangelien sind voll von Berichten, wo Jesus das getan hat.

Folgen wir ihm bereitwillig nach. Nicht indem wir unser Kreuz monstranzartig vor uns hertragen, sondern indem wir SEIN Kreuz auf uns nehmen. Das heißt, indem wir mit wachen Sinnen durch die Welt und die Begegnungen mit den Individuen gehen und jeder Seele helfen, sein respektive ihr Leben in Fülle zu finden.

Amen?