Studium und Glaube?!

Ein Studium stellt auch den Glauben von Menschen vor neue Herausforderung. Deswegen gehört die Feier von Gottesdiensten, das gemeinsame Fragen und Suchen nach Gott und die intellektuelle Rechtfertigung unseres Glaubens zu den Kernelementen unseres Gemeindelebens.

„Ich nenne euch nicht
mehr Sklavinnen und Sklaven“

Von der Macht der Worte und der Gefahr einer einzigen Geschichte.

Eine Predigt von Juliane Link zu Apg 10, 25–26.34–35.44–48 und Joh 15, 9–17

Rund um den 17. Mai, dem Tag der Apostelin Junia, predigen Frauen aus ganz Deutschland und setzen ein Zeichen für eine geschlechter-gerechte Kirche. Bei uns predigte Juliane Link zu diesem Anlass inspiriert von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie.

Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

heute predige ich im Rahmen der Predigerinnentage. Das ist eine Initiative der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, die in den Wochen rund um den 17. Mai deutschlandweit dazu aufruft, Frauen in ihren Gemeinden predigen zu lassen. Anlass ist der Festtag der Apostelin Junia, die von Paulus in einem Brief an die Römer erwähnt und als angesehene Apostelin bezeichnet wird. 

Wie aus Junia Junius wurde und dann wieder Junia. Und warum solche Details einen Unterschied machen.

Offenbar war sie eine starke Frau, die den Glauben überzeugend gelebt und vor allem verkündet hat und eine leitende Funktion inne hatte. Heute gehen jedenfalls viele Exeget*innen davon aus, dass sie eine Frau war und in der neuen Einheitsübersetzung ist von ihr als Junia die Rede. Zuvor wurde ihr Name mit „Junius“ übersetzt und so behauptet sie sei ein Mann gewesen. Offenbar taten sich die Herausgeber von Bibelübersetzungen lange Zeit schwer mit der Vorstellung unter den Führungskräften der Urkirche könnte es auch einflussreiche Frauen gegeben haben.

Heute gibt es zwar wieder Frauen, die in der Kirche etwas zu sagen haben, aber wir sind weit weg von einer Kirche, in der weiblich gelesene Personen die gleichen Rechte haben. Und das liegt vor allem daran, dass Macht zwischen Klerikern und Laien weiterhin ungleich verteilt ist. Würde es in unserer Kirche Priesterinnen geben, die ihre Privilegien ebenso wenig zu teilen bereit sind wie die meisten ihrer männlichen Amtskollegen, wäre das keine ausreichende Reform für eine gerechtere und demokratischere Kirche. Aber es würde doch einen Unterschied machen: es würde unsere inneren Bilder davon verändern, wer hier vorne im Altarraum steht und unsere wichtigsten Rituale feiert, Raum bekommt uns Woche für Woche eine Botschaft mitzuteilen, die vielleicht tiefer in unser Herz fällt als Worte die außerhalb dieses besonderen Raums gesprochen werden. 

Dass ich hier heute stehe ist für die KSG nichts Ungewöhnliches. Karen und ich predigen öfter und auch viele von euch haben schon im Rahmen der studentischen Predigtreihe zu uns gesprochen. Ich finde das gut und wichtig und gleichzeitig glaube ich, dass es nicht genug ist. Dass die Veränderung, die die Kirche angehen müsste, viel größer, struktureller und nachhaltiger sein müsste als diese kleine Geste der Beteiligung unterschiedlicher Prediger*innen an unserem Gottesdienst.

Wenn die Vielfalt der Stimmen fehlt, oder: Die Gefahr eines einzigen Dorfpfarrers.

Dennoch bin ich froh über die Vielfalt der Stimmen und Perspektiven, die es in den Predigten in unserem KSG Gottesdienst  gibt. Mir gefallen die unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen, die sprechen und dabei oft auch von sich persönlich erzählen. Ihre unterschiedlichen Deutungen der biblische Texten, die unterschiedlichen Muttersprachen, in denen ihre Gedanken entstehen. Diese Diversität steht im Widerspruch zu dem traditionellen katholischen Gemeindegottesdienst, in dem jeden Sonntag derselbe Pfarrer spricht. Vielleicht seid ihr auch so aufgewachsen wie ich: mit diesem einen Priester in einer kleinen Dorfkirche, der Sonntag für Sonntag ähnliches Sachen sagte – in meinem Fall war es immer ein bisschen weltfremd, ein bisschen naiv und ziemlich viel erhobener moralischer Zeigefinger. Als Kind und Jugendliche dachte ich, das sei normal, außerdem war unser Pfarrer menschlich ganz nett und mit der Theologie kannte er sich eh besser aus als meine Eltern, mit denen ich manchmal noch beim Mittagessen über die seltsamen Ansprachen nachdachte oder lachte, zum Beispiel über die in seiner Predigt lange ausgeführte Vorstellung, der liebe Gott spaziere in der Fastenzeit durch unser Dorf und sähe bei allen Gemeindemitgliedern durchs Wohnzimmerfenster und kontrolliere so, ob sie auch gute Christen seien usw. oder fast wöchentlich wiederholte Schimpftiraden über all jene, die dem Sonntagsgottesdienst fern geblieben seien, aus Faulheit und mangelnder Frömmigkeit usw. 

Als Kind fand ich die Ansichten unseres Pfarrers ein bisschen übertrieben, aber ich dachte, das müsste so sein, ich kannte keine Alternative. Und genau das ist das Problem, wenn nur eine Person in ihrer Gemeinde Predigerin ist, nämlich der Kleriker. Es gibt dann in diesen Gottesdiensten nur eine Sicht auf die Welt, nur eine gültige Interpretation der Lesungstexte, es ist dieselbe Stimme, die auch die Gebete formuliert und mit ihren Worten und Gesten den Gottesdienst dominiert. Hätte ich nicht irgendwann das Dorf meiner Kindheit verlassen und Menschen getroffen, die anders über Gott gesprochen und mir auf eine Weise von ihrem Glauben erzählt haben, die mich berührt hat und meiner Suche nach Gott eine Richtung gab, dann hätte ich wahrscheinlich irgendwann das Interesse an meinem Glauben verloren.

Jesus predigte gegen die Einseitigkeit und für mehr Augenhöhe.

Sicher gibt es auch Priester, denen man stundenlang zuhören kann und auf deren Predigt man sich jede Woche freut. Aber auch sie haben ihre Lieblingsthemen und lassen anderes unter den Tisch fallen, auch sie sind begrenzt in ihren Möglichkeiten andere Perspektiven einzunehmen, auch ihre Gottesdienste werden einseitig, wenn sie sich selbst in den Mittelpunkt stellen. Eine Predigt ist ohnehin eine sehr autoritäre Angelegenheit. Eine Person spricht, die anderen hören zu. Es gibt keine Möglichkeit Fragen zu stellen, Einwände zu formulieren, in einen Dialog zu treten. Deshalb freue ich mich immer, wenn sich nach der Predigt noch Gespräche über das Thema ergeben, wenn ihr noch Feedback gebt und es dürfte ruhig auch häufiger eine Kritik oder Infragestellung sein oder einfach eure Sicht auf die Dinge. Sie ist nicht weniger wichtig als meine, auch wenn ich jetzt hier spreche und ihr nicht. Und schon durch dieses Ungleichgewicht entsteht der Eindruck, ich hätte mehr zu sagen als ihr. Im heutigen Evangelium räumt Jesus auf mit solchen Asymmetrien zwischen ihm als spirituellem Meister und denen, die ihm zuhören und nachfolgen. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte“ sagt Jesus zu ihnen, folgt man der Einheitsübersetzung – oder in der Bibel in gerechter Sprache wird die gleiche Aussage übersetzt mit:

„Ich nenne euch nicht mehr °Sklavinnen und Sklaven“

Und dann begründet Jesus, warum er das nicht mehr macht:

denn eine Sklavin weiß nicht, wie ihre °Gebieterin handelt

und ein Sklave kennt das Vorhaben seines Herrn nicht.

Euch aber habe ich Freundinnen und Freunde genannt,

denn ich habe euch alles,

was ich von °Gott, meinem Ursprung, gehört habe, mitgeteilt.

Jesus nennt seine Jünger*innen seine Freund*innen. Er teilt sein Wissen, er macht seine Absichten transparent, er will seinen Freund*innen auf Augenhöhe begegnen, er gibt seine Überlegenheit auf, sein Herrschaftswissen, er wendet sich gegen die übliche autoritäre Art zu sprechen, gegen die patriarchale Sprache, die die Angesprochenen zu Untergebenen macht. Das einzige was er als spiritueller Lehrer noch gebietet, ist, dass sich seine Freund*innen gegenseitig lieben sollen. Sie sollen nicht ihn lieben und bewundern, sondern sich gegenseitig. Sie sollen in einen gleichberechtigten Austausch treten. 

Gott ist nicht parteilich und betont nicht die Unterschiede. Und wir alle sind begabt unsere Geschichte mit Gott zu erzählen.

Das ist das Menschenbild Jesu. Und ganz Ähnliches vermittelt sich auch in der heutigen Lesung, in der Petrus begreift, dass Gott nicht parteilich ist. Dass seine Geistkraft nicht ganz bestimmten Leuten vorbehalten ist, sondern jedem Menschen zugänglich ist, egal welche Herkunft, Religionszugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung die Identität dieser Person prägen. 

Gott macht keinen Unterschied. 

Ich glaube, dass Gott die Vielfalt liebt und dass wir alle begabt und berufen sind, auf unsere Weise von ihm zu sprechen. Nicht jeder und jede muss predigen. Für manche ist das vielleicht nichts, jedenfalls nicht hier in diesem Setting in einer großen Kirche an einem Mikrofon zu stehen. Aber jede und jeder von uns hat eine Geschichte mit Gott. Und all diese Geschichten sind wertvoll. Und manche werden vielleicht ganz still erzählt, einfach indem ein Mensch etwas Besonderes ausstrahlt oder etwas tut, das uns beeindruckt oder inspiriert, ohne dass er oder sie darüber viele Worte verliert. 

Aber es braucht auch Menschen, die ihre Stimme erheben, um ihre Geschichte zu erzählen. Und damit eine Geschichte, die anderes ist als alle anderen, eine Geschichte, die noch nicht erzählt wurde und die sich behauptet gegen eine dominante Perspektive so wie ich sie als Kind immer wieder ähnliche Geschichten von demselben Priester gehört habe. 

Die Gefahr einer einzigen Geschichte.

Vor kurzem habe ich einen Text von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie gelesen, der davon erzählt, was geschieht, wenn in einer Gesellschaft – und ich glaube, das können wir auf die Kirche übertragen – nur eine Geschichte erzählt wird. Ihr Text heißt: „Die Gefahr einer einzigen Geschichte.“ Ich möchte euch einen Ausschnitt daraus vorlesen.

Der Textausschnitt kann an dieser Stelle leider nicht wiedergegeben werden. Eine Lesung des ganzen Textes findet sich unter folgendem Link:

bei YouTube ansehen

Vom patriarchalen Sprechen zur Sprache des Himmels.

Es ist diese Macht, die sich in unserer Kirche Kleriker genommen haben, die glauben, sie seien die einzigen, die predigen können. Menschen, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, ihre Perspektive sei die einzig richtige, ihr Sprechen über Gott habe Vorrang, ihre Ansicht sei die wichtigere. Aber das stimmt nicht. Gott ist nicht parteilich und Jesus will uns nicht zu Sklaven und Sklavinnen spiritueller Autoritäten machen. Vielmehr haben wir alle eine Stimme bekommen und dürfen sprechen so wie die Menschen in der heutigen Lesung, die – obwohl sie scheinbar nicht zu den erwählten gehören – von der Geistkraft beseelt werden und in der Sprache des Himmels stammeln. Unsere Geschichten und Sichtweisen sind wichtig, denn sie relativieren die Narrative, die in der Kirche zu oft und zu einseitig erzählt wurden und fügen ihr neue Geschichten und andere Perspektiven hinzu. 

Gott ist nicht parteilich und betont nicht die Unterschiede. 

Jesus will uns nicht klein halten und nennt uns nicht mehr Sklav*innen. Er betont das Verbindende: seine Liebe, das Gebot, das für alle gilt: Liebt einander wie ich euch geliebt habe.

Und die Geistkraft? Sie hat in der Bibel keine Stimme. Sie spricht nicht mit Worten zu uns. Aber sie tut das Entscheidende: sie kommt auf alle herab und verleiht uns die Fähigkeit zu sprechen. Nicht in der Sprache des Patriacharts, sondern in der Sprache des Himmels. 

Juliane Link

The Sky is the Limit?

Predigt von P. Max Cappabianca OP am 28. April 2024

english version below.

Liebe Schwestern und Brüder

Unser Semesterthema ist „Freiheit – the Sky is the Limit“. Letzen Sonntag haben wir uns in der Predigt Gedanken gemacht über den ersten Teil des Themas: die Freiheit. Das Christentum versteht Glauben als eine Bindung, zur Freiheit befreit. 

Aber über den zweiten Teil haben wir uns keine Gedanken gemacht: „The sky is the limit?“. Das ist ja erst einmal ein Paradox. Der Himmel zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Limits kennt und grenzenlos ist. Wenn das ironisch gemeint ist, dann bedeutet: Freiheit kenn keine Grenzen! Warum aber dann das skeptische Fragezeichen? 

Ich hab mir vorgenommen, eine kurze Predigt zu halten und auf zwei ganz einfache Gedanken hinzuweisen. 

Erstens: Freiheit ist tatsächlich grenzenlos und zugleich hat sie ihre Grenzen. Das hat im christlichen Weltverständnis mit der Einsicht zusammen, die wir letzte Woche bedacht haben. Meine Freiheit endet, wo die Freiheit des Nächsten beginnt. Aber das ist keine Konkurrenz, so als müssten wir uns gegenseitig die Ressource Freiheit streitig machen. Wahre Freiheit kann es ohne den andrem, das Gegenüber nicht geben. In diesem Sinne kann ich nur dann wirklich frei werden, wenn ich mich  auf den anderen einlasse, und mich – sozusagen – erst einmal einschränken lasse, um letztlich eine größere Freiheit zu gewinnen. 

Das ist alles sehr abstrakt gesagt, aber es entspricht unserer Erfahrung. Was für eine Freiheit wäre das, wenn wir dann letztlich einsam bleiben. Nur am Du werde ich zum Ich!

Und der zweite Gedanke über den Himmel und seine Grenzen ist mir persönlich sehr wichtig, Erst recht im Glauben hat der Himmel kein Limit. Es gibt ein altes deutsches Lied von Reinhard May „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos seine“ Für viele Menschen ist dieses Lied ein Anstoß geworden einmal über den eigenen engen Horizont hinaus zu blicken. Glaube heiß für mich immer: Neue Perspektiven zu entdecken, einen weiteren Horizont zu gewinnen. 

Kleingeistigkeit ist das Gegenteil der Weite, die uns der Glaube schenkt. Von daher ist für mich der zweite Teil des Semesterthema eine Ermutigung, keine Limits anzuerkennen. Wir vertrauen darauf, dass es mehr gibt, als das was wir gerade für möglich oder richtig halten. In diesem Sinne: Wirklich keine Limits für unsere Hoffnung, für unserm Glauben und für unsere Liebe. Amen.

 


Sermon by Fr. Max Cappabianca OP, 28/04/2024

Dear sisters and brothers

Our semester theme is “Freiheit – the sky is the limit?” Last Sunday in the sermon we had a reflection about the first part of the topic: freedom. Christianity sees faith as a bond which might be considered as a limitation. But the truth is: Thins bond liberates us to freedom.

But we didn’t think about the second part: “The sky is the limit?” This is, first of all, a paradox. Heaven is characterized by the fact that has no limits. If this is meant ironically, then it means: Freedom knows no limits! But if it is so why the sceptical question mark?

I decided to give a short sermon today. I would like to point out two very simple ideas.

First: Freedom is actually limitless and at the same time it has its limits. In the Christian understanding, this is related to the insight we considered last week. My freedom ends where the freedom of my neighbour begins. But this is not a competition, as if we had to compete with each other for the resource of freedom. True freedom cannot exist without the other. In this sense, I can only truly become free if I get involved with others and – so to speak – allow myself to be restricted in order to ultimately gain greater freedom.

This is all very abstract, but it corresponds to our experience. What kind of freedom would it be if we ultimately remain lonely. I only find myself when I engage with the others!

And the second thought about heaven and its limits is very important to me personally. Especially when it comes to faith, heaven has to have no limits. There is an old German song by Reinhard May “Freedom must be limitless above the clouds.” (Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein) For many people, this song has become an impetus to look beyond their own narrow horizons. For me, faith always means: discovering new perspectives, gaining a wider horizon. And ultimately: to trust, that there is “heaven”. 

Small-mindedness is the opposite of the breadth that faith gives us. Therefore, for me, the second part of the semester topic is an encouragement not to recognize any limits. We trust that there is more than what we currently think is possible or right. 

In this sense, my dear brothers and sisters: Really no limits for our hope, for our faith and for our love! Amen.

See Jesus and Follow Him

Student’s Sermon by Carlos Paz | KSG Berlin | 17.03.2024

Dear brothers and sisters in Christ,
In the middle of the challenges that encompass our lives, from the trials of a pandemic to the disturbing echoes of wars and the personal difficulties we each face, we gather here today with a common prayer: “Lord, we would like to see Jesus”.

Let us turn our hearts to the words of the Gospel, John 12:20-26, where Jesus responds to the fervent cry to see him. In a world full of complexities and uncertainties, the resonance of this cry touches each of us.

In your own reflections, consider the times when this longing to see Jesus resonated in your heart, especially in the face of challenges and uncertainties.

Jesus responds with a profound truth about the hour of glory. Like a grain of wheat falling to the ground, he speaks of sacrifice, letting go and the promise of abundant fruit. This metaphor reflects the sacrifice Jesus made for our freedom.

Let me share a personal story from the winter semester of 2021, a time of economic and emotional challenges. A desire to see Jesus led me to KSG in Erfurt, where a community of loving people embraced me, reminding me that I was not alone. Through sacrifice, I found support and connection, which led to unexpected opportunities and blessings.

Today, we express gratitude for Jesus’ daily invitation to each of us to follow and serve Him. In my prayers, I searched for a place in Berlin to connect with the church, and the answer led me to Dominikus WG. The proximity to the church and the formation of strong friendships became a tangible expression of God’s grace.

As we consider our own willingness to strive to follow and serve Jesus, let us be inspired by the journey shared today. Even in the face of the challenges ahead, our faith, enthusiasm and commitment to following Jesus will guide us.

In closing, we will reflect on this journey: from the cry to see Jesus in difficult times to the response to follow and serve him. Our experiences, challenges and successes are testimony to the transforming power of faith.

May the cry to see Jesus guide us through uncertainties, and may the call to follow and serve him inspire positive change in our lives and communities. As challenges arise, let us face them with unwavering faith, enthusiasm and the assurance that in following Jesus we find strength and purpose.

Ich danke dir, dass ich so wunderbar gestaltet bin

Liebe Studierende, liebe Gäste der KSG Edith Stein!

Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß genau, wunderbar sind deine Werke.

So betet König David in einem Psalm.  Im Alten Testament der Bibel stehen 150 Psalme.  Es sind Gebete, in denen Schmerz, Leid und Anklage  thematisiert werden; Es sind Gebete, die Lob und Dank formulieren. Die Psalmen decken eigentlich alle Gefühlsstände  eines Menschen ab. Damals vor 3000 Jahren und auch heute. Der Vers, um den es heute in diesem Valentinsgottesdienst gehen soll, steht im Psalm 139, der von Gottes Allmacht und seiner wunderbaren Schöpfung erzählt.

Ich danke dir, Gott, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin.

Wer könnte diesen Satz so aussprechen, so laut vor anderen sagen oder still im Gebet vor Gott tragen? Habe ich so etwas schon mal gesagt, gebetet? Wir würden es heute etwas anders formulieren:  Danke, dass ich so ein toller, erfolgreicher Typ bin, danke, dass mir dies oder jenes gelungen ist….

Es gibt Menschen, die strahlen vor Selbstbewusstsein und  makelloser Schönheit, sind geschickt in Diskussionen und gehen scheinbar mühelos und schmerzlos durchs Leben. Ich denke, jeder von uns kennt Kommilitonen‘ innen an der Uni und Menschen in seinem Umfeld. Menschen, die mit Professoren und Professorinnen reden, als wäre sie befreundet, für die Prüfungen und Klausuren kein Thema sind, die immer mit anderen zusammen sitzen in der Mensa beim Essen, immer im Mittelpunkt stehen.

Als ich noch hier in der KSG gearbeitet habe, sind mir auch andere Studierenden begegnet,

Junge Menschen, die Zweifel hatten, ob das Studium das richtige ist, die sich überfordert fühlten von der Stadt Berlin, der Größe, der Hektik und den 1000 Möglichkeiten; die unsicher waren, ob sie mithalten können, ob sie hier her passten;

Junge Menschen, die verloren und einsam in dieser Stadt lebten, umgeben von Partys, Treffs und Kneipen;

Junge Menschen, die gekämpft haben mit dem Leistungsdruck in ihrem Fachbereich, mit dem Wissen um persönliches Versagen, der Unfähigkeit zu vergeben und Vergebung anzunehmen.

Junge Menschen, die mit sich selbst genug zu tun hatten, weil  sie in ihrem Körper nicht zufrieden waren, mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten  nicht zu recht kamen und sich selbst letztlich nicht so annehmen konnten wie sie waren.

Die Beobachtungen sind 10, 20 Jahre alt. Jetzt müsstest Ihr mir sagen, ob und was sich verändert hat. Was Ihr wahrnehmt in der Uni, in der KSG, in Eurem Freundeskreis.

Viele hätten diesen Vers nicht so sprechen können. Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß genau, wunderbar sind deine Werke.

Dieser Vers aus dem Psalm 139 ist eine große persönliche Herausforderung für mich. Einerseits ist es einer meiner Lieblingspsalmen. Ich mag die Bilder: Du umgibst mich von allen Seiten, egal, wo ich bin, Du Gott weißt von mir, bei dir bin ich geborgen.  Der Psalm erzählt von der Geborgenheit bei Gott, der Sorge und das  Gottes Wissen um mich! Das Bild, dass Gott mich auch am Ende der Welt aufsucht und mir nah ist, ist gewaltig und unfassbar. Das Wissen darum und letztlich das Vertrauen darauf haben mich durch einige Schwierigkeiten getragen in meinem Leben.

Aber andererseits ist dieser Vers schwierig: ich danke dafür, dass ich so bin wie ich bin –das geht mir schwer über die  Lippen, weil ich mich auch als ungenügend empfinde, nach anderen schiele rechts und links, mich vergleiche….

Was bewegt David, dem der Psalm zugeschrieben wird, so etwas zu schreiben?? In einigen Kommentaren heißt, dass David so von Bosheit, Gottlosigkeit und Treulosigkeit umgeben war, dass er einen Gegenpol dazu setzen wollte. Der Text ist  3000 Jahre alt  Die Situation damals vor 3000 Jahren war vielleicht ähnlich unserer Situation heute: Fake News, Gewalt, Suche nach anderen Göttern, Verrohung der Sprache, Grundsätze des menschlichen Umgangs und des demokratischen Miteinanders geraten ins Wanken.

David beschreibt in seinem Psalm, wie nah Gott dem Menschen ist, von Anfang an, sogar pränatal. David entwirft in seinem Psalm ein  Bild des menschlichen Körpers. Der menschliche Körper ist ein Kunstwerk, der an Komplexität, Einzigartigkeit und Kompliziertheit nicht zu überbieten ist. Jede Zelle hat ihre Bestimmung, jeder Körperteil seine Aufgabe. Wenn man sich allein vorstellt, was ein Mensch im ersten Lebensjahr alles lernt, welche Fähigkeiten entwickelt werden, was alles wie wächst und ineinandergreift. Vom hilflosen Säugling, der trinken, schlafen und kuscheln will zu einem Kleinkind, das krabbelt, sich hochzieht, greift und brabbelt, Kontakt mit anderen aufnimmt, beobachtet, sich Dinge und Vorgänge  merkt.  Die Anlagen dazu hat Gott in uns eingepflanzt. Ganz zu schweigen von dem Gehirn, das die Vorgänge im  Körper steuert, Warnsignale sendet, das denkt, Schlussfolgerungen  zieht, reflektiert, Fakten speichern und wiedergaben kann, Es ließe sich noch viel mehr zum menschlichen Körper aufzählen. Zu diesem Wunderwerk. Im Psalm heißt es: Ich weiß genau, staunenswert sind deine Werke, Ja, Gott, der Mensch ist ein Wunderwerk! Ja, so ein Wunderwerk bin ich,  ist jede und jeder einzelnen von uns. Auch wenn wir uns  manchmal  nicht so erleben und uns so bejahen können als Wunderwerk.  Die  persönliche  Herausforderung ist, dass wir uns gar nicht so fühlen oder meinen, uns nicht so fühlen zu dürfen.  Also der zweite Teil unseres Verses  ist etwas leichter zu beten: Ich weiß, staunenswert sind Deine Werke.

Aber da ist noch der erste Teil  des Verses: Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin.

Erlebe ich mich als Teil von Gottes Schöpfung, erlebe ich mich als einzigartig, erlebe ich mich als wunderbar gestaltet? Weil Gott mich ins Leben gerufen hat nicht nur meine Eltern, weil Gott mich anschaut, wie ich bin – darum bin ich wunderbar. Ich bin ein wunderbar gemachtes Geschöpf Gottes – Alter und Krankheit,  Tod und Versagen gehören zur Schöpfung und sind keine göttlichen Pannen. Dieser Psalm 139 ist eine väterliche und mütterliche Umarmung Gottes. Jeder Mensch ist wunderbar von Gott gemacht. Das ist ein Grundgedanke des christlichen Glaubens. Es spielt keine Rolle, was man glaubt, wie man aussieht, was man studiert oder arbeitet, wen man liebt, wie man lebt. Jedes Leben ist gleich wertvoll und von Gott gewollt.

Was müßte passieren , damit ich sagen kann: Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich würde gern einen Moment still werden und Euch einladen, dieser  Frage ein wenig nachzugehen

Stille

Ich glaube ein Schritt dazu ist, dass andere es mir sagen,  dass es mir gesagt wird, dass es mir zugesagt wird. Du bist ok so. Ich mag dich, weil Du du bist und du so bist, wie du bist.

Es gibt den Satz: das entscheidende Wort kann ich mir nicht selber sagen. Ich kann mir nicht selber sagen:  Ich liebe dich, ich verzeihe dir, ich vertraue dir. Das muß mir jemand anderes sagen! Martin Buber sagt:  durch das Du zum  ich! Es ist eine anstrengende Herausforderung, eine Lebensaufgabe, zu sich selbst zu stehen, sich immer wieder neu anzunehmen, die Brüche in der Biographie anzuschauen, die körperlichen und intellektuellen Einschränkungen zu akzeptieren.

Das entscheidende Wort kann ich mir nicht selber sagen. In der Vorbereitung des Gottesdienstes haben wir uns dazu Gedanken gemacht, wie das zum Ausdruck gebracht werden kann, wie es sichtbar und vielleicht  spürbar   werden kann hier heute in dieser Stunde.

Zum einen könnt Ihr einen persönlichen Segen empfangen, für Euch allein, für Euch und Euren Partner, Eure Partnerin, ob verliebt oder befreundet, toder  für ein besonders Anliegen. Segnen – benedicere – heißt etwas Gutes sagen. Wir Pater Max und ich werden im Namen Gottes Euch etwas Gutes sagen, Euch segnen, Euch  einen persönlichen Zuspruch geben.

Zum anderen laden wir ein zu einer besonderen Form des Friedensgrußes. Dazu nachher mehr.

Unser Psalmvers ist eine einerseits eine Herausforderung und andererseits eine Ermutigung, sich selbst als wertvoll und einzigartig anzunehmen, weil ich genau so bin, wie Gott mich gedacht hat.

Amen

Jonah and Cassandra

KSG Berlin 21.1.2024

Jonah and Cassandra

On Jonah 3, 1 – 5.10

 

Dear sisters and brothers,

what a tragic figure from Greek mythology is Cassandra!

A woman who constantly talks about the future and proclaims the truth, but no one believes her. To tell the truth and to be heard at the same time – that is a difficult task. With Cassandra, it doesn’t want to work at all.

Cassandra, one of the daughters of the Trojan king Priam, thus possessed the gift of foreseeing and predicting the future, but no one believed her.

One of the explanations of how this came about was a kind of relationship breakdown: the beautiful Apollo fell in love with the king’s daughter Cassandra and gave her the seer’s gift as a present. But because Cassandra didn’t want to give in to Apollo’s desires in the long run, he soured the gift a bit: The seer gift remained, but Apollo added the curse that nobody would believe her.

What a drama: You know everything and use the opportunity to predict people’s future, but you are not believed. It’s not nice to receive such a prophetic gift…

The context of my introduction about Cassandra is the Old Testament reading that we heard today. It is about a story that is at least as well known as that of Cassandra:

Jonah and the city of Nineveh. Well, Jonah is more commonly associated with the story of the fish that swallowed him and Jonah had to stay in its belly for some time until he was allowed out again.

But the fish is not at all the point of our story.

Then the Lord says to Jonah:

“Set out and go to Nineveh, to the great city, and threaten it with all that I will say to you.”

And Jonah does. He walks through the city for three days (because it had been a great city) and cries out, “Forty more days and Nineveh will be destroyed!”

And this has an effect. The people are horrified, repent, and God is pleased. It is said that God repented of his own message of doom and took it back.

Good for Nineveh that God was so inconsistent!

 

Jonah wants to flee because he is afraid of his own message. When he announces unpleasant things to the inhabitants of Nineveh, he does not know what it means for himself. After all, it was not impossible that the inhabitants would react allergically to such prophecies.

There is nothing else left for him: Either he takes over God’s order or he evades this order.

He does it like a civil servant: If he has to do something unpleasant or something he doesn’t like, he doesn’t say “No, I won’t do it,” but he mumbles a “Yes” and simply forwards the case to the superior. Then, in any case, you don’t do anything wrong.

Because God doesn’t go along with that: Whoever bears responsibility must also accept it and cannot evade it by running away.

In our reading, we are almost at the end of the process: In the meantime, Jonah has decided to fulfill his mission. He goes into the city and calls out the commanded threat.

And what happens?

The completely unexpected.

He is not lynched, but they people are horrified, acknowledge their guilt and atone.

And God Almighty, in his wisdom, revises his own decision and leaves the city free.

 

Cassandra would have been glad if her prophecy had been listened to as in the case of Jonah.

But Jonah was not glad! Because one has listened to his prophecy and has adjusted 100% to the problem. But this makes Jonah untrustworthy: Because nothing happens after 40 days.

Was it because of the conversion of the people or was it because the announcement of Jonah seemed only the shouts of a strange man?

The unheard truth of Cassandra left her the role: her shouts were in the truest sense of the word Cassandra shouts, but the warning which is not heard at first, but which will be fulfilled later.

The Jonah was left only the role of the fool who threatens, but nothing happens.

What the right predictions of Cassandra did not achieve, the word of Jonah brought about, which, however, unfortunately thereby becomes a wrong (!) prediction. This makes him potentially a false prophet in the eyes of the people.

 

It is not about the fact that one stands as a fool in his external presentation, that one is hurt in his vanity!

It is about the fact that you have to fulfill a mission, where you yourself are not so important, but the mission itself, that is everything decisive.

 

Because Jonah fulfilled the mission to threaten, because he announced something that did not come to pass, he saved the people of the city of Nineveh, because it was only through his appearance that they came to their senses, turned around and were thus allowed to go on living.

We see, selflessness – even at the cost of one’s good reputation – can be of benefit.

When I look at it like this, I would rather be a misunderstood Jonah who saves than a Cassandra who is not understood, but not only prophesies disaster, but this also becomes a cruel reality.

Amen!

 

Thomas Eggensperger OP

 

Muss das so kompliziert sein?

Liebe Gemeinde,

in der Lesung, die wir gerade hörten, wird der junge Samuel gerufen. Er wird dreimal gerufen. Er wird dreimal geweckt. Dreimal weckt er seinen Ziehvater und dreimal bekommt er gesagt: „Ich habe Dich nicht gerufen“.

Samuel muss sich wohl mächtig veräppelt fühlen. Und sein Ziehvater Eli erst recht. Was soll das?
Gott möchte sich Samuel direkt mitteilen und Samuel versteht nicht, von wem er angesprochen wird. Selbst Eli, der ja Priester ist, brauch drei Anläufe, bis er es versteht. Warum ist das alles so wirr? Wenn Gott sich jemanden zeigen will, geht das nicht einfacher?

Diese Frage stelle ich mir auch oft im Alltag: „Geht das nicht einfacher?“ Ich kenne es aus dem Studium oder aus Beziehungen zu anderen Menschen, wenn sich alles im Kreis zu drehen scheint. Wenn sich alles wiederholt, wie in der heutigen Lesung. Dann komme ich immer wieder an den Punkt, wo ich mir denke: „Muss das so kompliziert sein?“

Das sind Momente, in denen ich beginne, zu grübeln. Momente, in denen ich das kleinste Wort meines Gegenübers interpretiere. Momente, in denen ich mir Pläne zurechtlege. Dann will ich mich richtig anstrengen, um der Kompliziertheit standzuhalten.

Ich stelle mir vor wie eifrig Samuel immer wieder zu Eli rennt und immer wieder enttäuscht wird. Warum gelingt es ihm nicht zu verstehen, wer ihn da eigentlich ruft? Hat Gott vielleicht genuschelt oder war die Verbindung einfach schlecht? Hätte Samuel genauer hinhören, sich länger umschauen und schärfer nachdenken müssen, um zu verstehen, wer mit ihm spricht?

Was wäre gewesen, wenn Samuel einfach ins Blaue gerufen hätte: „Rede, Herr“? Wenn er ganz ohne Vorannahmen geantwortet hätte, ohne den Gedanken: „Das ist wahrscheinlich wieder der Eli, der will wieder was von mir.“ Vielleicht hätte Gott, dann geantwortet und Samuel hätte ihn erkannt. Vielleicht wäre es Eli dann erspart geblieben, dreimal mitten in der Nacht geweckt zu werden?

Könnte das nicht eine von diesen Situationen sein, wo man sich an einer Aufgabe aufreibt, nur um dann zu merken: Das wäre auch viel einfacher gegangen? So eine „Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“-Situation? Vielleicht sind auch die Momente, in denen ich denke: „Muss das gerade so kompliziert sein?“, in Wahrheit einfach? Vielleicht lohnt das ganze Grübeln, Interpretieren und Planen sich nicht? Vielleicht mache ich dadurch eine Situation erst komplex und lasse mich durch sie überwältigen?

Und tatsächlich merke ich im Alltag, dass wenn ich zulasse, dass ich eine Entscheidung intuitiv treffe, das Gefühl der Überwältigung nachlässt. Wenn ich sage, was ich gerade auf dem Herzen habe, meine Beziehungen zu Menschen unkomplizierter und fruchtbarer werden. Und ich merke, dass es mir einfacher fällt zu Glauben, wenn ich Vertrauen in Gott habe und keine Vorannahmen treffe.

An dieser Stelle könnte ich schließen und sagen: „Weniger ist mehr.“ Oder: „Seien wir wie die Kinder.“ Die Antwort auf die Frage: „Warum ist das alles so komplex?“, wäre dann „Ist es gar nicht.“ Und tatsächlich wollte ich das auch so machen. Aber es fühlt sich irgendwie nicht richtig an. Irgendwie ist das zu einfach.

Die Welt ist nicht einfach. Sie ist kompliziert. Es gibt keine einfachen Antworten für den Klimawandel, die Ausbeutung und die Ungleichheit, die Kriege in der Ukraine und in Palästina.

Leben ist nicht einfach. Es ist kompliziert. Selbst wenn ich versuche, intuitiv und voller Vertrauen und Liebe in die Welt zu gehen, werde ich oft enttäuscht. Und viele Herausforderungen, die sich im Laufe eines Lebens stellen sind wirklich komplex und nicht nur von mir verkompliziert: Studienwahl, die Gründung einer Familie, Krankheiten, psychische Krankheiten, der Tod.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen, denen es so richtig schlecht geht, ein „Hakuna matata“ oder „Always look on the bright side of life“ nichts bringt. Diese Mantras werden hohl, hören sich nach Spott an und innere Ruhe wirkt dann wie Ignoranz.

Also sollte ich doch alles interpretieren, planen, alles bestmöglich bedenken? Oder ist das wieder dieses Grübeln? Was hätte Samuel machen sollen?

Wenn ich jetzt eine einfache Antwort fände, würde ich mir selbst widersprechen. In der Lesung heißt: „Samuel kannte den Herrn noch nicht.“ Wie hätte er reagieren sollen auf etwas, was er nicht kennt? Samuel ist nicht voreingenommen, wie soll er etwas Unbekanntes annehmen? Samuel ist fehlbar und ich glaube, Samuel hat alles richtig gemacht. Was heiß das für uns?

Vielleicht hilft uns die Akzeptanz unserer Fehlbarkeit, auch die Komplexität dieser Welt zu akzeptieren. Ja, die Welt ist kompliziert und ja, unsere Kräfte sind begrenzt. Aber das ist kein Grund aufzugeben. „Geht das nicht einfacher?“ Ja, oft muss es nicht so kompliziert sein. Wir sollten die Dinge immer so einfach gestalten, so dass wir sie mit unseren begrenzten Kräften bewältigen können. „Muss das so kompliziert sein?“ Ja, oft geht es nicht einfacher. Die Herausforderungen sind groß, aber deswegen ist es auch okay mit unseren begrenzten Kräften zu scheitern und mehrere Anläufe zu brauchen. Wir dürfen nur nicht daran kaputtgehen. Aber wie?

In der Lesung hilft Eli Samuel letztendlich Gott zu erkennen. Ja unsere Kräfte sind begrenzt. Aber wir können einander helfen. Wir können einander Kraft geben. Letztendlich erkennen wir Gott nur durch andere Menschen. Und nur durch andere Menschen hören wir sein Rufen.

Inside
Adventspredigt IV

Predigt Inside

Liebe Schwestern und Brüder,

heute schließen wir die Adventspredigtreihe zum Thema „Wohin sonst“ ab. Das Thema lautet „Inside“. Zugleich feiern wir dank des Engagements von Maria auch in diesem Jahr wieder das Fest unserer Lieben Frau von Guadalupe.

Nun habt ihr euch vielleicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat? Zurecht, denn auf den ersten Blick erschließt sich der Zusammenhang nicht. Ich habe es schon am Beginn der Messe gesagt: Maria von Guadalupe ist das Paradebeispiel für das, was man in der Theologie „Inkulturation“ nennt.

Inkulturation meint, dass Glaube nichts Äußerliches bleiben darf, sondern dass er Teil der Kultur werden muss – sozusagen „von innen“. Die Folge davon ist, dass der Glaube immer wieder ganz anders aussieht. Und je nach Kontext kann man ihn manchmal nicht wiedererkennen! Das ist aber kein Fehler, sondern volle Absicht. So muss das sein!

Viele irritiert das. Wie die Kuh oder der Ochse, der das Stalltor nicht mehr erkennt, weil der Bauer es rot statt blau gestrichen hat. Ist das denn noch unser Glaube? Ist das noch katholisch? Besonders virulent wird diese Frage, wenn es um die spirituellen Traditionen der Völker geht: Sie sind nur „heidnisch“ wie man früher sagte, oder nicht doch Ausdrucksweisen der Wahrheitssuche einer anderen Kultur?

Es ist gut, dass wir alle – und damit auch die katholische Kirche – in dieser Hinsicht viel gelernt hat. Wir diffamieren Anderssein nicht mehr einfachhin, sondern sind neugierig. Wir glauben nicht, dass wir den „wahren Glauben“ haben, sondern dass wir den Glauben überall entdecken können. Erst recht in anderen Kulturen.

Und das bringt mich zum Begriff „Inside“ (Adentro). Der Kern unseres Glaubens könnte man so umschreiben: Die Mauern zwischen Gott und den Menschen sind niedegerissen. Und deswegen sind auch die Mauern zwischen den Menschen niedergerissen. Es gibt kein Außen und kein Innen. Wir sind alle in die Gemeinschaft gerufen. Deswegen ist ein christliches Kernwort die Versöhnung. Das drückt aus, dass Grenzen überwunden werden, und dass die die die draußen waren, jetzt ganz nach innen gehören: In die Mitte! Deswegen beruft gerade die Säufer und TRinker, die Zöllner und Prostituierten, nicht die “Anständigen” sondern die, die nach unseren Maßstäben “draußen” sind.

Deswegen beruft gerade die Säufer und Trinker, die Zöllner und Prostituierten, nicht die “Anständigen” sondern die, die nach unseren Maßstäben “draußen” sind.

Das besondere christlicher Existenz ist, dass sich das alles in einer Spannung vollzieht: Einerseits ist es schon so. Wir glauben, dass wir erlöst sind: Das das JETZT der Fall ist. Andererseits wissen wir, dass die Vollendung noch auf sich warten lässt. Wir sind noch nicht im Paradies. Wir erleben alle Ausgrenzung, Exklusion. Und wir träumen alle von einer Welt, in der dieser Traum Wirklichkeit wird.

Der Advent ist eine Zeit, in der wir üben, diesen Traum zu leben und verwirklichen. Es ist eine Zeit der Erwartung, wo wir spüren, dass da jemand kommt, um diesen Traum zu verwirklichen. Dieses „Inside“ wird Wirklichkeit an Weihnachten. Unsere Aufgabe als Christ:innen ist es, Mauern niederzureißen. Gegen Diskriminierung zu kämpfen. Solidarisch zu sein mit denen, die ausgeschlossen sind. Genauso hat es Gott gemacht. Und eines der schönsten Beispiele ist Maria, ein kleines Mädchen aus Palästina, die mit tausenderlei Gesichtern zeigt, was es in den verschiedenen Kulturen der Welt heißt, Ja zu Gott zu sagen und sich gegen die Mächtigen zu wenden:

So wie sie es im Magnificat besingt:

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron

und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben

und lässt die Reichen leer ausgehen.

Bitten wir auf die Fürsprache ULF von Guadalupe für uns die Menschen in Mexiko, in Deutschland und in allen Ländern der Welt, dass wir zu Botinnen und Boten von Gottes Ja werden. Amen

***

Queridos hermanos y hermanas,

Hoy concluimos la serie de sermones de Adviento sobre el tema “¿Dónde más?” (Wohin sonst?) El tema es “Adentro”. (Inside) Al mismo tiempo, gracias al compromiso de María, este año volvemos a celebrar la fiesta de Nuestra Señora de Guadalupe.

Ahora quizás ustedes se pregunten ¿qué tiene que ver uno con el otro? “Inside” con NS de Guadalupe? Con razón, porque a primera vista la conexión no es clara. Yo creo que – y lo dije al comienzo de la Misa – : María de Guadalupe es el principal ejemplo de lo que en teología se llama “inculturación”.

Inculturación significa que la fe no debe permanecer externa, extranjera, sino que debe convertirse en parte de la cultura, “desde dentro”, por así decirlo. El resultado de esto es que la fe siempre se ve completamente diferente. Y dependiendo del contexto, ¡a veces puede ser que no lo reconozcas! Pero eso no es un error, es totalmente intencional. ¡Así tiene que ser!

Esto irrita a muchas personas, como la vaca o el buey que ya no reconoce la puerta del establo porque el granjero la pintó de rojo en lugar de azul. ¿Sigue siendo esa nuestra fe? ¿Eso sigue siendo católico? Esta pregunta se vuelve particularmente virulenta cuando se trata de las tradiciones espirituales de los pueblos indigenas: ¿son simplemente “paganas”, como solía decir la gente en el pasado, o no son expresiones de la búsqueda de la verdad por parte de otra cultura?

Es bueno que todos nosotros – y por tanto también la Iglesia católica – hayamos aprendido mucho a este respecto. Ya no difamamos simplemente por ser diferentes, sino que sentimos curiosidad. No creemos que tenemos la “fe verdadera”, sino que podemos descubrir la fe en cualquier lugar. Especialmente en otras culturas.

Y eso me lleva al término “Adentro”. El núcleo de nuestra fe podría describirse de la siguiente manera: Los muros entre Dios y los hombres han sido derribados. Y es por eso que se han derribado los muros entre las personas. No hay afuera ni adentro. Todos estamos llamados a la comunión y la comunidad. Por eso una palabra cristiana fundamental es reconciliación. Esto expresa que los límites se están superando y que quienes estaban afuera ahora pertenecen completamente adentro: ¡en el medio! Por eso llamamos a los borrachos y bebedores, a los recaudadores de impuestos y a las prostitutas, no los “decentes” sino los que están “afuera” según nuestros estándares.

Lo especial de la existencia cristiana es que todo se desarrolla en tensión: por un lado, es ya así. Creemos que ya somos salvos: que este es el caso AHORA. No mañana. Por otra parte, sabemos que todavía falta mucho para que se consiga su finalización. Aún no estamos en el paraíso. Todos experimentamos marginación y exclusión. Y todos soñamos con un mundo donde ese sueño se haga realidad.

El Adviento es un tiempo en el que practicamos vivir y realizar este sueño. Es un tiempo de expectación donde sentimos que alguien viene, Dios se hace hombre en Jesus, para que se haga realidad este sueño. Navidad es la fiesta del “Adentro” Con el estamos todos “Inside”.

Nuestra vocación  como cristianos es derribar muros. Para luchar contra la discriminación. Solidarizarse con los excluidos. Así es exactamente como Dios lo hizo. Y uno de los ejemplos más bellos es María, una niña palestina, que muestra con miles de rostros lo que significa decir sí a Dios en diferentes culturas del mundo.

Como canta en el Magnificat:

Él hace proezas con su brazo:

dispersa a los soberbios de corazón,

derriba del trono a los poderosos

y enaltece a los humildes,

a los hambrientos los colma de bienes

y a los ricos los despide vacíos.

 

Por intercesión de la NS  de Guadalupe, oremos por pueblo de México, de Alemania y de todos los países del mundo que se conviertan en mensajeros del sí de Dios y del sí del hombre, como lo ha hecho Maria . Amén

90 Jahre Kirchweihe Frankfurt Niederrad

Liebe Schwestern und Brüder,

Herzlichen Glückwunsch, liebe Mutter vom Guten Rat! 90 Jahre alt ist unsere Jubilarin geworden. Ich finde: Dafür ist sie recht rüstig und sieht immer noch ganz gut aus! Wir feiern heute, dass dieses Kirchengebäude vor 90 Jahren in den Dienst genommen wurde: Geweiht wurde, wie man im religiösen Kontext sagt.

Ich bin sicher, dass die meisten von uns ihre je eigene Geschichte mit der „Mutter vom Guten Rat“ haben. Sei es, weil sie hier einfach immer wieder in den Gottesdienst gehen, weil sie hier getauft wurden, zur Erstkommunion gegangen sind, geheiratet haben oder weil sie hier ihrer Verstorbenen gedacht haben. Ein solches Gebäude ist dann wie eine steingewordene Erinnerung: glückliche und traurige Momente, die für einen selbst eine Bedeutung haben.

So ist es auch bei mir: Ich war Jugendlicher, als ich hier in die Gemeinde zog, und bin schnell Messdiener geworden. Meist war es die Messe am Samstagabend, die ich zusammen mit Audrey Pereira „gedient“ habe. Entweder hat die Messe der feine Pfarrer Duchscherer gefeiert, bei dem ich viel gelernt habe, oder es war der liebenswürdige Pfarrer Czapka, an den ich bis heute immer noch denken muss, wenn von den sog. „Trompeten von Jericho“ die Rede ist – so laut war seine Stimme, vor allem, wenn man direkt neben ihm stand.

Ich kann mich noch an die Organistin Rosalinde Haas erinnern, von der ich manchmal den Liedzettel für den Pfarrer holte. Sie nannte alle Kinder, die ein bisschen ausländisch aussahen, „Antonio“. Und so war ich dann für sie nicht der Max, sondern Antonio, der insgeheim ihr tolles Orgelspiel bewunderte.

In dieser Kirche habe ich vor 23 Jahren Primiz gefeiert, meine erste Messe: Es war an Christi Himmelfahrt, und die Gemeinde hat ein großes Fest bereitet, so wie auch in er Corona-Zeit meine 25-jährige Profess im Dominikanerorden. Und hier wurde das Requiem für meinen vor fünf Jahren verstorbenen Vater gefeiert, ein intensiver Moment, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Und einige wissen vielleicht, dass ich hin und wieder kleine Beiträge für das Fernsehen mache. Meistens kurzfristig frage ich Ofr. Werner Portugall und das Team vom Pfarrbüro an: darf ich morgen mit einem Kamerateam kommen und drehen. Immer haben sie sofort ja gesagt (an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür), und so war ich mit meiner alten Dame “MvGR” auch schon im Fernsehen😉.

Ich nehme all diese Erinnerungen mit der alten „Mutter vom Guten Rat“ jetzt mit in diesen Gottesdienst und lade Sie ein, das genauso zu tun: Die Momente, in denen Sie hier gebetet haben, getrauert, sich gefreut, gehofft und gedankt haben.

Manchmal frage ich mich ja, ob das auch umgekehrt der Fall ist. Ob denn wohl diese Steine Erinnerungen haben? An das was sie gesehen haben, seitdem sie hier stehen? Menschen haben Opfer gebracht und Geld gespendet – oder vielleicht auch ihre Arbeitskraft –, um  den Bau errichten zu können. Nach nur einjähriger Bauzeit wurde die Kirche eingeweiht – und zwar im Jahre 1933! Bei der Jahreszahl klingelt es einem im Ohr! Im Jahr der Machtergreifung durch die Nazis wurde dieses Gotteshaus in den Dienst genommen. Nur 5 Jahre später brannten die Gotteshäuser. Und zwar die Synagogen unsrer jüdischen Schwestern und Brüder, und ich habe mich manchmal gefragt, ob angesichts der Brutalität und der Sinnlosigkeit des Tuns der Nazischergen die Kirchengebäude – vielleicht auch dieses? – damals geweint haben?

Ich bin sicher, dass es noch Menschen gibt, die die Kriegsjahre erlebt haben und das Leid, die sie mit sich gebracht haben. Wie muss das wehgetan haben, diesen Ort zerstört zu erleben: Sind Kirchen doch immer auch ein Zufluchtsort und ein Ort des Friedens.

 

Dann die Nachkriegszeit: Eine Zeit des Aufbruchs und der Zuversicht, in der auch diese Kirche in vereinfachter Form wieder aufgebaut wird. Dann die Konzilszeit und die Zeit danach, durch die sich vieles verändert hat: Nicht mehr das Latein im Gottesdienst, sondern Deutsch. Und später dann auch bauliche Veränderungen: Der Priester, der sich zur Gemeinde hinwendet und wo die Menschen nicht mehr nur Zuschauer sind, die während der Messe beten, sondern die wirklich „mitfeiern“ und deren Mittun wesentlich ist. Eigentlich müsste man sagen, dass alle Getauften den Gottesdienst nicht nur mitfeiern, sondern „konzelebrieren“.

Ein regelrechtes Lifting hat unsere alte Dame dann in den achtziger Jahren bekommen: Das große Wandgemälde, die tolle Orgel, der schöne Altar, der Ambo und der Tabernakel. Ich weiß, dass nicht alle das große Wandgemälde mögen. Ich kannte eine alte Gottesdienstbesucherin, die sagte mir sie setze sich immer so hin, dass sie möglichst wenig von dem Wandgemälde sehe. Mich selber hat das Bild immer viel zum Nachdenken angeregt: Vor allem die Frage: Was da eigentlich in das Bild (in unsere Welt? In mein Leben?) drängt – ein Bild für das Göttliche?

Sicher wird unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“ traurig sein, dass seit Jahrzehnten weniger Menschen den Weg in das Gebäude finden; weniger als früher diesen Ort als ihr spirituelles Zuhause erleben. Beschleunigt wurde diese Entwicklung in den vergangenen Jahren durch die vielen Skandale in den Reihen der Kirche selber, die die Grundfesten der Kirche erschüttert haben. Ein „Haus voll Glorie schauet“ bleibt seitdem auch diesem Kirchengebäude schon mal im Halse stecken. Dadurch treten die Vertreter:innen der Kirche weniger großspurig auf, demütiger! Und unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“ hat mir gesagt, dass sie das besser findet, evangeliumsgemäßer als früher, wo man so tat, als sei die Kirche makellos.

Toll findet die alte Dame,  dass in den letzten Jahren so viele kreative Dinge hier gemacht werden: musikalisch, künstlerisch, gottesdienstlich! Nicht dass es früher nicht auch schon so war. Aber die alte Dame ist sehr offen und liebt es, wenn neue Wege gesucht werden, den Glauben auszudrücken, und wie es Ihre Pastoralreferentin mir gerade in der Sakristei gesagt hat: Die Kirche nach vorne zu denken!

Jetzt gerade freut sie unsere alte Dame unglaublich: Weil jetzt endlich auch der Kirchplatz nach Innen schön gemacht worden ist und heute eingeweiht wird. Ein Ort, der offen ist für alle, und der dennoch von diesem Kirchengebäude umarmt wird: wie ein Baum, der zu einem Zuhause für die Vögel wird.

Wir Christ:innen sind davon überzeugt, dass Gott nicht bei toten Steinen zu finden ist, sondern bei den Lebenden! Kirchengebäude sind dazu da, zu atmen, lebendig zu sein. Orte für die „Freude und Hoffnung, Trauer und Ängste der Menschen von heute“ zu sein. Sie sollen Erinnerungsorte sein für uns Menschen, in denen unsere Seele sich öffnen kann für einen Gott, der immer wieder neu in diese Welt kommt, ja geradezu sich „drängt“.

„Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt“ haben wir im heutigen Evangelium gehört. Mitten unter uns in Niederrad steht unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“. Möge sie auch noch viele weitere Jahrzehnte ein schützender Ort sein für die Menschen auf der Suche nach Gott . Amen.

Heterotopia
Adventspredigt III

Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher,

im Dezember 1977 kam der französische Philosoph und Schwulenaktivist Michel Foucault erstmals nach Berlin. Eingeladen hatte ihn der West-Berliner Merve-Verlag, der damals bereits zwei Bücher mit Schriften des jungen, in Deutschland allerdings noch gänzlich unbekannten Denkers veröffentlicht hatte.

Ende der 1970er-Jahre – das war die Hochzeit der terroristischen „Rote Armee Fraktion“ in Deutschland, der RAF. Durch eine anonyme Anzeige gerieten Foucault und das Verlegerehepaar in Verdacht, Unterstützer der RAF zu sein. Mit großem Polizeiaufgebot wurden sie direkt aus einem Restaurant heraus verhaftet. Nach kurzer Zeit im Gefängnis von Moabit wurden sie wieder freigelassen. Wie sich herausstellte, hatte jemand die Verlegerin mit einer damals gesuchten RAF-Terroristin verwechselt.

Der Aufenthalt in der Moabiter Haftanstalt blieb eine Episode. Nach drei Stunden waren die Verwechselung aufgeklärt und alle wieder auf freiem Fuß. Die Institution „Gefängnis“ jedoch beschäftigte Foucault dauerhaft. Denn der Ort des Gefängnisses galt ihm als ein höchst interessanter „Heterotopos“, als ein „Andersort“.

Das Wort „Heterotopos“ setzt sich zusammen aus dem griechischen Teilbegriff „hetero“ – anders, fremd, ungleichartig (wir kennen das Lexem in Begriffen wie „heterosexuell“ oder „heteronormativ“) – und aus dem ebenfalls griechischen Wort „topos“ – Ort (das wir z.B. im Begriff „Topographie“ nutzen). Zeit seines Lebens hat sich der Forscher Foucault mit solchen „Heterotopoi“, mit „Andersorten“ befasst.

Liebe Gemeinde,

Foucault definiert Heterotopien als reale Orte, die zugleich jedoch auch auf eine Gegenwirklichkeit verweisen.

Der Andersort Gefängnis beispielweise erinnert uns daran, dass es in unserer Gesellschaft viele Systeme gibt, die Menschen exkludieren: eingeschlossen hinter Mauern und ausgeschlossen aus der Gesellschaft der Freien.

Zugleich stellt der Andersort Gefängnis aber auch das Freiheitspathos derjenigen in Frage, die sich ungehindert bewegen können: Bin ich wirklich frei, oder bin ich nicht doch an unzählige unsichtbare Regeln und internalisierte Vorschriften gebunden, die mich einengen, ohne das ich es merke?

  • eingeschlossen in bürgerliche Konventionen („Das macht ‚man‘ so.);
  • abhängig von einer Markwirtschaft, die mich zur bloßen Konsumentin degradiert;
  • gefesselt an die uns zumeist nicht bekannten Algorithmen des Internets;
  • ausgeliefert meinen eigenen Trieben.

Foucault hat zudem weitere Heterotopoi identifiziert:

  • So erinnert uns der Andersort „Friedhof“ an den Tod – eine Gegenwirklichkeit, die wir oftmals verdrängen.
  • Und der Heterotopos „Theater“ verweist in unserer funktional durchrationalisierten Welt auf die so wichtigen Untiefen der Gefühle Liebe, Begehren, Angst und Hass. Im Theater kommen sie auf die Bühne.
  • Im Andersort „Bordell“ wird menschliche Sexualität nicht nur in ihren bürgerlichen Praktiken gelebt, sondern auch in ihren unmoralischen und gewalttätigen Spielarten.
  • Der Andersort „Psychiatrie“ wiederum gemahnt uns an die „wahnsinnigen“ Abgründe, die auch unter unseren eigenen, ach so vernünftigen Alltagsroutinen lauern.
  • Und die Heterotopoi „Palliativstation“ und „Altenheim offenbaren nochmals andere Verdrängungsmechanismen der kapitalistischen Moderne: so die gesellschaftliche Unsichtbarmachung des gebrechlichen Endes der meisten Leben wie auch des „unproduktiven“ Sterbens.

Viele weitere Andersorte könnten wir noch anführen, auch über die Auflistungen von Foucault hinaus. Ich denke da besonders an den Heterotopos „Kirche“, der inmitten der hochdrehenden und auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Betriebsamkeit unserer Städte Orte bietet, an denen Menschen zur Ruhe und zur inneren Einkehr kommen können – kostenfrei! Allerdings sind Kirchen in den letzten Jahrzehnten auch in ganz anderem Sinne zu Heterotopoi geworden: etwas dort, wo hinter frommen Glaubensfassaden Kinder und Jugendliche in Kirchensakristeien von Priestern missbraucht worden sind.

Liebe Schwestern und Brüder,

wie gesagt: Die Liste der Heterotopoi ist lang und längst nicht zu Ende erzählt. Im heutigen Evangelium dreht sich alles um den Andersort „Wüste“.[1] Der Evangelist Markus berichtet – wir haben es eben gehört – von einem Johannes, der in der Wüste auftrat (vgl. Mk 1,4). Der Evangelientext schreibt diesem Johannes eine besondere Autorität zu. Markus stellt ihn in eine Reihe mit dem großen Propheten Jesaja aus dem Ersten/Alten Testament.

Beide Propheten treten in der Wüste auf. In der hebräischen wie auch in der griechischen Bibel wird die Wüste vielfach als „menschenfeindliche Einöde“[2] bzw. „dürres und düsteres Land“[3] charakterisiert (vgl. Jes 35,1.6; 41,18f.; 43,19f.; Ez 19,13; Hos 13,5). Jesaja beispielsweise beschreibt die Wüste als einen Ort tödlicher Gefahren durch wilde Tiere (vgl. Jes 13,21f.) oder Dämonen (vgl. Jes 34,13ff.).[4]

Umso mehr erstaunt es mich, wenn es im Evangelium weiter heißt, dass – ich zitiere – „[g]anz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zu ihm“[5] (Mk 1,5) – gemeint ist Johannes – in die Wüste „hinaus[zogen]“ (Mk 1,5). Was treibt sie in die Wüste am Jordan?[6] Schaulust? Sensationsgier? Oder doch mehr? Was haben die vielen Menschen da in der unwirtlichen Kalksteinwüste gesucht?

Die Johannes-Gestalt des Evangelisten Markus behauptet, dass aus der bedrohlichen Wüste der so lang schon ersehnte Messias kommen wird. Und zwar bald! Und Johannes verkündet dieses Nahen des Retters anscheinend mit solch einer Autorität, dass es den Menschen egal ist, ob sie sich in höchste Gefahr begeben. „Wohin sonst?“, könnte man mit dem KSG-Semestermotto fragen: Wohin sonst sollten die Menschen denn hin – angesichts der verheißenen Ankunft des Messias in der Wüste?

Die gefährliche, potentiell sogar tödliche Wüste wird zum Ort des Heils. Ganz im Sinne Michael Foucaults ist die Wüste im Markusevangelium als ein Andersort stilisiert, der auf eine radikal-gute, heilsame Gegenwirklichkeit verweist.

Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

was kann die Wüstengeschichte für uns bedeuten? Zwar leben wir in unseren Breitengraden nicht in der Nähe einer Wüste, doch sind tödliche Bedrohungen, die der Andersort „Wüste“ damals mit sich brachte, auch heute existent.

Vielleicht fühle ich mich ganz persönlich bedroht vom Scheitern meiner Beziehung, von Prüfungsversagen an der Uni, von ungewissen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, von psychischen Beeinträchtigungen oder durch Krankheiten von Menschen in meinem Freundes- oder Familienkreis.

Und auch im großen, gesellschaftlichen Kontext sind die Bedrohungen, die uns derzeit herausfordern, kaum zu übersehen:

  • Krieg in der Ukraine und in Israel/Palästina,
  • humanitäre Katastrophen im Gaza-Streifen und in Afghanistan,
  • ein ernstzunehmender Rechtsradikalismus bei uns in Deutschland,
  • die Unterminierung demokratischer Institutionen in den USA und Ungarn,
  • eine Gerechtigkeitslücke in unserem Bildungssystem, die immer größer wird und jungen Menschen Zukunftschancen raubt,
  • die Klimakrise, zu deren wirkungsvoller Bekämpfung sich die Weltgemeinschaft immer noch nicht hat wirklich durchringen können – auch jetzt wieder nicht auf der UN-Klimakonferenz in Dubai.

Und so weiter und so fort… Es ist zum Verzweifeln!

Und dennoch behauptet das Evangelium, dass sich am Heterotopos „Wüste“ eine Gegenwirklichkeit zu all dem Versagen und den Bedrohungen zeigt: Die menschenfeindliche Wüste ist der Ort, an dem die Ankunft des menschenfreundlichen Gottes offenbar wird.

Das könnte heißen: Da, wo wir in Scheitern und Versagen, in Krankheit oder Schuld zueinander stehen, nicht weglaufen, sondern bleiben, treu sind, da offenbart sich Gottes Menschenfreundlichkeit: inmitten der Wüsten unseres Alltags.

Und es könnte auch heißen: Da, wo wir für Humanität einstehen und gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von Rechts wie von Links aufstehen, wo wir den nächsten Generationen nicht alle Folgeprobleme unseres Über-Konsums aufbürden, wo wir mit den Terroropfern der Hamas wie auch mit den verzweifelten Binnenflüchtlingen im Gazastreifen mitfühlen, wo wir für die Stärkung unserer demokratischen Institutionen kämpfen, da offenbart sich Gottes Menschenfreundlichkeit: inmitten der Wüsten unserer Zeit.

Ja, es existieren reale Gegenwirklichkeiten zu den vielen Hoffnungslosigkeiten unserer Zeit. Ja, es gibt göttliche Andersorte inmitten einer oftmals unüberschaubaren Wüstenlandschaft in und um uns. Das glaube ich.

Amen.

[1][1]    Mk 1,1–8. Zur Exegese vgl. Karl Kertelge, Markusevangelium (Die neue Echter Bibel), Würzburg 32005, 16–18; Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus. 1. Teilbd.: Mk 1–8,26 (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. II/1), Zürich – Düsseldorf – Neukirchen-Vluyn 51998, 39–49; Josef Ernst, Das Evangelium nach Markus (Regensburger Neues Testament), Regensburg 1981, 31–37

[2]     Bernd Willems, Art. Wüste. I. Biblisch-theologisch, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 10, Freiburg/Br. 2001, Sp. 1335–1336, hier 1335.

[3]     Arie van den Born, Art. Wüste, in: Bibel-Lexikon, hrsg. von Herbert Haag, Zürich – Einsiedeln – Köln 1982, Sp. 1904–1905, hier 1905

[4]     Vgl. Willems, Art. Wüste. I. Biblisch-theologisch, Sp. 1335.

[5]     Kursivgesetzte Hervorhebungen: U.E.

[6]     Reisegruppen wird diese Wüste heute sowohl am Westufer des Flusses im palästinensischen Westjordanland als auch am Ostufer in Jordanien präsentiert. Zur Lokalisierung des Geschehens vgl. Hartmut Stegemann, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus. Mit einem Nachwort von Gert Jeremias (Herder Spektrum), Freiburg/Br. 2007, 294ff.

Paradise
Adventspredigt II

Paradies – eine Predigt in der Predigtreihe „Wohin sonst?“ von Juliane Link

gehalten am 03.12.2023 zu Genesis 3,1-13

In dieser Predigt denkt Juliane Link darüber nach, warum wir nicht zurück ins Paradies können. Obwohl es erstmal verlockend klingt, spricht doch einiges dagegen. Aber vielleicht liegt das Paradies nicht nur hinter uns, sondern auch vor uns? Schließlich ist es Advent…

 

Wohin wenn nicht nach Berlin, nach Hamburg oder auf den Mars?

 

Liebe Gemeinde,

wohin sonst? Ist unser Semesterthema. Das hat uns bewogen in dieser Predigtreihe darüber nachzudenken, welche Orte es eigentlich geben könnte, an die wir gerne gehen würden, wenn wir hier nicht mehr bleiben wollen oder können.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Bekannten, der bald aus Berlin wegziehen muss und sich frage: wohin jetzt noch in Deutschland, wenn ich in Berlin schon war? Welche Stadt könnte sich so ähnlich anfühlen? Hamburg? Köln? München? Tja, ehrlich gesagt, ich wusste da auch nicht weiter.

Aber die Frage: wohin sonst? Ist ja noch viel größer. Wohin sonst sollen wir gehen, wenn wir diesen Planeten unbewohnbar gemacht haben? Auf den Mars? Kann man versuchen, aber ich glaube mir persönlich ist die Reise zu beschwerlich.

Wohin sonst, wenn nicht nach Hamburg, wenn nicht auf den Mars?

Bei allem, was gerade auf der Welt passiert, spüren wir vielleicht auch eine Sehnsucht, uns an einen Ort zurückzuziehen, der Ruhe, Frieden und Harmonie verspricht, ein Ort, an dem wir so leben könnten wie die ersten Menschen im Paradies.

 

Zurück ins Paradies?

Zurück ins Paradies also? keine Nachrichten und politischen Pocdasts mehr hören, keine Bilder von Krieg und Zerstörung, keine Konflikte und Ungerechtigkeiten, kein Unistress und kein Leistungsdruck mehr, einfach Friede, Freude, Plätzchenbacken und Katzenvideosgucken. Ja vielleicht sind die zeitgenössischen Bilder vom Paradies am ehesten auf Instagram zu finden, wenn ihr dem ein oder anderem Zoo mit lustigem Tiercontent folgt.

Oder woran denkt ihr, wenn ich euch vorschlage, uns gemeinsam ins Paradies zu versetzen?

Welches Bild erscheint in eurer Vorstellung bei dem Wort Paradies?

Glaubt man Google müsste es irgendein ziemlich austauschbarer Palmenstrand in der Karibik sein.

Ich persönlich denke beim Paradies eher nicht an einen Strand, sondern an eine fasznierende Landschaft mit üppigem Grün und exotischen Pflanzen. Vor allem aber erscheinen vor meinem inneren Auge dunkle Ölgemälde mit zwei nackten Menschen, einer Schlange, ein paar Blattgewächsen und einem hageren Baum im Hintergrund. Zugegeben, das klingt gar nicht sooo attraktiv, aber der Zustand, in dem Adam und Eva sich im zweiten Schöpfungsbericht befinden ist schon sehr verlockend.

 

Das Paradies im Buch Genesis

Wir haben in der heutigen Lesung nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Text gehört über den ich heute sprechen möchte. Zuvor geht es um zwei Menschen, die in einem fruchtbaren Land mit einer großen Vielfalt von Tieren und Pflanzen leben, die von der Hand in den Mund leben und dabei immer satt werden, zu denen Gott großzügig ist – denn er hat ihnen nur die Früchte eines einzigen Baumes verboten, sonst steht ihnen die Welt offen und zu allem Überfluss lieben sie sich und schämen sich nicht voreinander.

Es gibt keine Probleme und es ist für alles gesorgt und ich werde geliebt. Klingt das nicht nach einem wirklich guten Zustand? Und rührt nicht unsere Sehnsucht nach dem „Paradies“ eigentlich daher, dass wir uns nach diesem angenehmen Zustand sehnen? Ansonsten könnte ich ja auch einfach in den botanischen Garten gehen, wenn ich ein paar erstaunliche Pflanzen sehen will? Und ist dieser Zustand wirklich so unerreichbar, schließlich blitzen solche Momente in unserem Leben manchmal auf und wir können uns so fühlen: Unbeschwert, unbekümmert, einig mit uns selbst und den Menschen um uns herum, verbunden mit Gott.

 

3 Gründe, die dagegen sprechen, zurück ins Paradies zu wollen

Ok, ihr ahnt bestimmt schon was jetzt kommt: die ganze Wahrheit ist: zurück ins Paradies, das wird nicht klappen und ich glaube sogar: das ist auch gut so.

Dafür gibt es drei Gründe:

Erstens: Ölgemälde sind flach und können nicht betreten werden.

Zweitens: Die ersten Menschen sind aus dem Paradies vertrieben worden.

Und drittens: die Idylle hat ihren Preis.

Den ersten Grund brauche ich nicht weiter ausführen. Für den zweiten müssen wir nochmal einen genaueren Blick in das Buch Genesis werfen, denn man kann die Vertreibung aus dem Paradies als Strafe deuten. Oder als Entwicklungsgeschichte.

 

 

Die Vertreibung aus dem Paradies als Notwendigkeit der Menschwerdung

Alles beginnt mit der Schlange, die den Sinn des Verbotes in Frage stellt, von den Früchten des Baumes mitten im Garten zu essen. Und damit sät sie Misstrauen, zieht in Zweifel, ob Gott die Menschen schützen oder ihnen mit diesen besonderen Früchten etwas Besonderes vorenthalten will. Denn die Schlange behauptet: „Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“

Das klingt nach etwas Positivem und eigentlich gar nicht so gefährlich. Zu sein wie Gott, der durch und durch Liebe ist und zu wissen, was gut und böse ist, was soll daran schlecht sein? Aber der Wunsch wie Gott zu sein wurde häufig als Überheblichkeit interpretiert, als Anmaßung, als Machtstreben, das Gewalt und Zerstörung nach sich zieht. Und so wurde der Biss in die Frucht als Sündenfall gedeutet und ein solches Maß an Ungehorsam darf nicht ungestraft bleiben und hat schwerwiegende Konsequenzen. Aber man kann die Geschichte auch anders sehen: denn die Fähigkeit, zu erkennen, was gut und böse ist, könnte auch ein weiterer Schritt der ersten Menschen zur Menschwerdung sein, ein Entwicklungs- und Reifeschritt. Friedrich Schiller hat einmal geschrieben: „Der Abfall des Menschen von Gottes Gebot ist die glücklichste Begebenheit in der Menschheitsgeschichte.“

Erst wer die Fähigkeit hat, Gutes und Böses zu erkennen, hat damit die Fähigkeit, sich entscheiden zu können, meint er. Und das kann schief gehen. Die Fähigkeit, gut und böse zu erkennen, zieht die Möglichkeit nach sich, dass der Mensch schuldig werden kann, weil er in der Lage ist, sich bewusst oder unbewusst für das „Böse“ zu entscheiden. Und deshalb gehört es zum Menschsein mit Scham und Schuld umzugehen, Fehler zu machen, zu verletzen und verletzt zu werden. Und dann ist es aus mit dem paradiesischen Zustand. Und dann ist es nur logisch, dass Adam und Eva das Paradies verlassen und nicht mehr so unbeschwert leben können wie zuvor. Die Fähigkeit, gut und böse zu unterscheiden, ist die Fähigkeit zur Moral. Wir brauchen sie, auch wenn sie uns oft in Gewissenskonflikte bringt, Schuldgefühle, Vorwürfe und Zweifel in unser Leben bringt. Sie macht uns menschlicher und sie zwingt uns Verantwortung für unser Tun zu übernehmen.

Eine Erkenntnis, die man einmal hatte, kann man nicht ungeschehen machen. Wir können also nicht mehr zurück in den naiven Zustand der ersten Menschen so wie wir auch nicht zurück können, in eine Welt, in der man nicht weiß, wie man Atombomben baut oder eine KI programmiert.

 

Die Idylle hat ihren Preis

Man kann das bedauern, dass wir nicht leben wie Adam und Eva zu Beginn, aber ich glaube es ist gut so. Denn es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich nicht zurück ins Paradies möchte.

Etymologisch kommt das Wort aus dem Altiranischen und bedeutet „eingezäunte Fläche“. Und damit ist auch schon ein wesentliches Problem des Paradieses benannt: es ist ein exklusiver Ort, der sich von einer Welt außerhalb abgrenzt: Adam und Eva lebten zunächst in einer Art Gated Community, in einer glücklichen Welt für Privilegierte, die auf vielen Gemälden des Mittelalters und der Renaissance von hohen Mauern umgeben ist. Dabei handelt es sich um das Bildmotiv des Hortus Conlusus, des verschlossenen Gartens.

Und dieses Motiv eines wunderschönen Gartens, in dem hübsche kleine Blumen wachsen, Kaninchen über die Wiese hoppeln oder prächtige Bäume stehen, der aber von allen Seiten von hohen Mauern ohne Fenster und Türen umgeben ist, das findet sich nicht nur kombiniert mit der Darstellung von Adam und Eva, sondern auch auf vielen Mariendarstellungen, bei denen Maria mit dem Kind zwischen putzigen Erdbeerpflanzen, zwitschernden Vögeln und manchmal auch einer ganzen Entourage glücklicher Mitbewohnerinnen in ihrem abgeriegelten Garten sitzt.

Und irgendwie deckt sich die Stimmung dieser Bilder mit unseren Erwartungen an die Advents- und Weihnachtszeit, wo es harmonisch und paradiesisch zugehen soll, wo wir es uns im Kreise der Familie gemütlich machen und versuchen in unserer eigenen kleinen Welt zu bleiben und alles andere mal außen vor zu lassen. Und das hat ja auch seine Berechtigung. Aber die Idylle im Hortus Conclusus hat ihren Preis. Mir ist das einmal in einem Exerzitienkurs vor Augen geführt worden, wo der Kursleiter Clemens Blattert über ein mittelalterliches Liebesgedicht gepredigt hat. Leider habe ich trotz gründlicher Recherchen und einem Mailwechsel mit dem Prediger das Gedicht nicht wiederfinden können – wodurch euch jetzt mein Vortrag mittelhochdeutscher Lyrik entgeht – aber eigentlich reichen uns auch die Stichpunkte:  Das Gedicht dreht sich um ein Liebespaar, das sich wie Adam und Eva in einem umzäunten Paradiesgarten befindet und dort die holde Zweisamkeit genießt. Also: ein Liebespaar geschützt vom Hortus Conclusus, alles ist wunderbar, nur dann beginnen im Laufe des Gedichts Köpfe aufzutauchen, die auf den Zaun des idyllischen Gartens aufgespießt sind. Es sind die Köpfe derer, die versucht haben, die Idylle zu stören. Und dann sagte Clemens Blattert diesen donnernden Satz, der mir 4 Jahre später immer noch durch den Kopf geht, wenn ich an das Paradies denke: „Wer die Idylle bewahren will, wird gewaltbereit.“

Wer die Idylle bewahren will, wird gewaltbereit. Wer im Paradies leben und sich seiner Privilegien nicht bewusst werden will, der muss dafür sorgen, dass nichts von außen eindringt, was die Harmonie stört oder das eigene Glück in Frage stellt, der muss die Grenzen seiner Welt verteidigen und dann beginnt sie, die Geschichte der Gewalt. Und manchmal üben wir diese Gewalt auch gegen uns selbst aus, indem wir zu verdrängen versuchen, was uns schmerzt oder wütend macht. Dabei brauchen diese störenden Emotionen einen Platz in uns.

 

Ein netter Versuch: Vertröstungen aufs Jenseits

Und so komme ich am Ende meiner Predigt zu dem Schluss, dass sich die Sache mit dem Paradies als Sehnsuchtsort erledigt hat.

Ernüchterung. Wir sind wieder bei der Ausgangsfrage: Wohin sonst also, wenn nicht zurück ins Paradies?

Aber Moment mal, eine Kleinigkeit haben wir übersehen: Denn es gibt ja auch noch eine andere Vorstellung vom Paradies, nämlich die, dass das Paradies kein Ort ist, der hinter uns liegt, sondern vor uns. Diese Jenseitsvorstellung existiert nicht nur im Islam, auch Jesus hat solche Andeutungen gemacht. Zu dem reumütigen Verbrecher, der neben ihm gekreuzigt wurde, sagte er: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Das Paradies als Aussicht für unser Leben nach dem Tod. Ok, ich gebs zu. Das ist jetzt auch nicht das Ende einer zeitgenössischen Adventspredigt, das man sich gerade dringend gewünscht hat: auf das Leben nach dem Tod vertröstet zu werden. Irgendwie stecken wir immer noch im Mittelalter fest.

 

Das Paradies als Vorzimmer Gottes

Zum Glück hat das Paradies noch eine weitere Bedeutung: In manchen Kirchen gibt es hinter der Eingangstür eine Vorhalle, die man durchqueren muss, bevor man in den eigentlich Kirchenraum gelangt und dieser architektonische Raum wird in der Fachsprache als „Paradies“ bezeichnet. In diesem Sinne ist das Paradies das Vorzimmer Gottes, die Eingangshalle, die zu dem heiligen Raum führt, in dem Gott wohnt. Vielleicht kann  dieses Bild uns als Metapher dienen, um das Paradies als einen Ort in unserem Inneren zu verstehen, einen Ort, wo wir uns geliebt fühlen, wo wir ohne Sorgen einfach da sein können, wo wir über das Leben staunen, einen Ort, in den wir eintreten und ahnen können, wie es ist, ganz bei Gott zu sein. Und auch wenn wir dort nie lange bleiben können, weil uns die Realität wieder einholt mit all ihrer Schwere, tragen wir doch diesen Ort in uns. Und vielleicht können wir die Adventszeit nutzen, um uns daran zu erinnern, dass es diesen Ort in uns gibt. Die Adventszeit ist eine Zeit des wachsamen Wartens, wie wir es im heutigen Evangelium gehört haben. Eine Zeit der Hoffnung und des langsam zunehmenden Lichts. Eine Zeit der vielen kleinen Türen und der einen großen Verheißung: dass Gott uns entgegen kommt. Dass seine Liebe auf der Welt ist, so zerstört und zerrüttet sie auch sein mag.

Und wenn Gott uns entgegen kommt, dann können auch wir auf ihn zugehen und dann brauchen wir vielleicht am Ende gar kein Paradies mehr, keinen abgeschlossenen Raum des exklusiven und naiven Glücks, sondern wir können spüren: der Weg mit Gott führt in die Weite, ins Offene, in die Verantwortung und an Orte, an denen die Liebe für alle reicht.