Hätte ich Gott gewählt?
Es gilt das am 20. September 2026 in St. Augustinus gesprochene Wort.
Wenn Gott heute zur Wahl gestanden hätte, ich weiß nicht, ob ich ihn gewählt hätte.
Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr etwas so ungerecht findet, dass ihr es im Körper spüren könnt? Denkt Euch da gerne nochmal rein.
Also bei mir ist das: Enge in der Brust. Ein komisches Rauschen in den Armen. Ein Klumpen im Bauch, ein verkrampfter Kiefer, Herzklopfen, ein beschleunigter Atem. Ein Gefühl, fast einen körperlichen Schlag bekommen zu haben. Ich kann dann auch an nichts anderes mehr denken. Und nachts werde ich keinen Schlaf finden, weil ich das so unfair finde.
Weil ich dieses Gefühl kenne, kann ich mich SOWAS von mit den Arbeitern der ersten Stunde identifizieren kann! Den ganzen Tag geschuftet und am Ende nicht einen Cent, nicht ein anerkennendes Wort nicht mal ein Dankeschön mehr bekommen als die, die nicht 12, sondern nur eine Stunde gearbeitet haben.
Ich empfinde den Weinbergbesitzer auch nicht als sonderlich empathisch. Also ich würde mich ganz schön vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ich eine Ungerechtigkeit ansprechen würde und zu hören bekäme: Das war gar nicht unfair. Stell dich nicht so an und zieh Leine.
Leider verspüren viele Menschen in Deutschland, wenn sie auf die Politik blicken, gerade dieses Gefühl: Sie fühlen sich wie Tagelöhner, wie Menschen, die gerade so über die Runden kommen angesichts steigender Energie- und Lebensmittelpreise und Mieten.
Viele haben erlebt, wie ihre Lebensanstrengungen angesichts der Wende jeden Wert verloren haben und dieses Gefühl der Deklassierung an die nächste Generation weitergegeben. Sie empfinden es als unfair, dass sie viel leisten oder geleistet haben und andere das nicht tun müssen und trotzdem vom Staat „verwöhnt“ werden.
Hinzu kommt der Eindruck: Wenn ich mich beschwere, wird das abgetan. „Euch geht’s doch gar nicht so schlecht. Immer seid ihr nur unzufrieden. Wir haben doch schon so viel Geld in den Osten gesteckt.“ Usw.
Psychologische Einordnung
Psychologisch betrachtet sind diese Gefühle ja ganz normal. Menschen erwarten instinktiv, dass derjenige, der mehr leistet oder investiert, auch mehr zurückerhält. Wird jemandem, der weniger leistet, aufgrund eines höheren Bedarfs das Gleiche oder mehr zugeteilt, wird dies als Ungleichbehandlung wahrgenommen. Dahinter steckt das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit.
Menschen empfinden eine Situation dann als gerecht, wenn das Verhältnis von Einsatz (Input) und Ertrag (Output) bei ihnen selbst dem Verhältnis bei anderen Personen entspricht. Weicht die Verteilung stark davon ab (weil nur der Bedarf zählt, nicht der Input), entsteht ein Gefühl der Benachteiligung.[1]
Das war zu Jesu Lebzeiten nicht anders als heute.
Warum regt Jesus uns absichtlich auf?
Und das wusste Jesus, denn er spielt ja mit den Erwartungen der Zuhörerschaft. Genauso wie die Arbeiter der 1. Stunde erwartet die Zuhörer, dass der Lohn entsprechend der geleisteten Arbeit ausgegeben wird. Jesus will die Empörung der Zuhörerschaft hervorrufen. Warum?
Ich denke, weil er herausfordern will. Er will herausfordern, das Gefühl der Ungerechtigkeit erst zu spüren, um dann Bamm, dazwischen zu grätschen, indem er uns mit dem Gerechtigkeitsverständnis des Weinbergsbesitzers konfrontiert.
Er will, dass wir innehalten – und raschen Impulsen widerstehen. Vom Fühlen ins Denken kommen. Warum genau fühle ich mich benachteiligt? Werde ich wirklich benachteiligt? Steht hinter dem Verhalten des Weinbergbesitzers wirklich eine Abwertung mir gegenüber? Gibt es vielleicht noch eine andere Gerechtigkeit als die der Leistungsgerechtigkeit?
Ja, sagt Jesus. Neben (nicht anstelle von) der Leistungsgerechtigkeit gibt es noch die Bedarfsgerechtigkeit.
Leistungsgerechtigkeit bleibt wichtig, denn der Weinbergbesitzer lässt niemanden faulenzen. Lohn gibt es im Gleichnis nur für Arbeit. Den Arbeitern der letzten Stunde gewährt er kein Almosen, sondern auch sie müssen zumindest noch eine Stunde ran.
Er sieht aber auch den Bedarf: jemand der den ganzen Tag über keine Arbeit gefunden hat, braucht genauso den einen Denar zum Leben wie alle anderen auch.
In Gottes Reich zählt beides. Er will das wir uns anstrengen UND er will, dass alle genug zum Leben haben. Das ist für Gott gerecht. Das ist für Gott „gut“.
Und er will auch den Arbeiter der ersten Stunde gar nicht abwerten. Erst beim mehrmaligen Lesen, als ich meinen raschen Impulsen widerstanden habe, habe ich das Wort „Freund“ entdeckt: „Freund“ sagt der Weinbergsbesitzer als Reaktion auf den Unmut des Arbeiters. Freund bedeutet ja keine Abwertung. Es bedeutet Augenhöhe, Zuneigung, Wertschätzung. Habe ich wirklich glatt überlesen.
- Deutschland und Wahlen
Wenn man es genau betrachtet, beruht unser Land, unsere Demokratie auf einem ähnlichen Gerechtigkeitsverständnis wie das des Weinbergsbesitzers. In der Bundesrepublik hat jede*r das Recht, durch eigene Arbeit eine Existenz aufzubauen.
Das Bedarfs- und Ausgleichsprinzip verpflichtet den Staat gleichzeitig dazu, für einen sozialen Ausgleich zu sorgen, Schwache zu schützen und allen Bürgern das Existenzminimum sowie gesellschaftliche Teilhabe zu garantieren. Gestritten wird bei uns eigentlich nur darum, welches Prinzip gerade stärker im Vordergrund steht.
Die CDU betont: Arbeit soll sich lohnen und merkt an, dass ein Bürgergeldempfänger bitte weniger bekommen muss, als ein einfacher Arbeiter verdient.
Die Linke will Wohnungsbaukonzerne enteignen, um bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. Andere Parteien schlagen die Hände über dem Kopf zusammen bei dem Gedanken, dass erwirtschaftetes Eigentum verstaatlicht wird.
Mehr Leistungsgerechtigkeit? Mehr Bedarfsgerechtigkeit? Bei jeder Wahl schwingt das Pendel mal mehr in die eine und mal mehr in die andere Richtung. Aber das Pendel bleibt immer auf dem Boden der Verfasstheit der Bundesrepublik Deutschland.
Wir sind also eigentlich dem Himmelreich ziemlich nahe, oder?
Das Problem der Vermittlung
Warum wählen dann trotzdem so viele Menschen AfD und damit eine Partei, die sich genau gegen unsere demokratische Verfasstheit wendet und den Ausgleich von Leistungs- und Bedarfsprinzip in Frage stellt?
Ich glaube, sowohl beim Weinberggleichnis als auch in unserer jetzigen politischen Situation liegt ein Vermittlungsproblem vor.
Weder der Weinbergbesitzer (Stichwort „Freund“) noch die demokratischen Parteien (unterstelle ich jetzt mal, kann man sicher diskutieren) wollen Menschen abwerten oder ihre Leistung aberkennen. Was aber weder der Weinbergbesitzer noch die Parteien in seiner ganzen Tragweite begreifen ist, wie stark das Gefühl der Ungerechtigkeit ist. Und wie schwer es ist, angesichts dieses starken Empfindens, die Ohren, Herzen und den Verstand für eine andere Gerechtigkeitslogik zu öffnen.
Ich finde schon, dass der Weinbergbesitzer – a.k.a. Gott – es sich hier etwas zu einfach macht. Ein bisschen mehr Empathie, ein bisschen mehr zuhören, spiegeln, sich hineinversetzen hätte dem ganzen einen weniger paternalistischen Anstrich gegeben.
Und dass die alteingesessen Parteien ein Vermittlungsproblem haben, kann man sich täglich in den Nachrichten anschauen.
Rechtspopulisten hingegen haben sehr gut erkannt, wie sehr echte oder auch nur subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeit schmerzt.
Sie hauen genau in diese Vermittlungsbresche und füttern die normale menschliche Empörung, indem sie komplexe Herausforderungen auf einfache Schwarz-Weiß-Muster reduziert.
Der Rechtspopulismus teilt die Gesellschaft in zwei Lager: das „wir“ der ehrlichen, leistenden Normalbürger gegen ein „die da oben“ (etablierte Parteien, Medien, Verfassungsschutz) und ein „die da unten“ (Zugewanderte, Bedürftige, Minderheiten). Im Gleichnis gesprochen hetzen sie die Arbeiter der ersten Stunde auf gegen den Weinbergbesitzer und gegen die Arbeiter der letzten Stunde.[2]
Was hilft das „Freund, Dir geschieht kein Unrecht“ angesichts der Lautstärke und der verführerischen Bequemlichkeit des Populismus.
Was folgt daraus für uns?
Oje, wenn der Weinbergbesitzer und die Politik ihrer Vermittlungsaufgabe nicht nachkommen, sind wir dann an dieser Stelle gefragt? Ist es unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, Vermittlerinnen und Vermittler zu werden?
Ich habe weder Bock auf das Gejammer der ewig Unzufriedenen noch darauf AfD-Wählern empathisch zuzuhören. Aber wahrscheinlich ist genau das, wozu wir jetzt gerufen sind. Denn die Unzufriedenen habe vielleicht wirklich noch nicht genug Empathie erfahren.
Und wir werden ihnen in Form von AfD-Wählenden in Zukunft häufiger begegnen als uns lieb ist. Und diese Menschen einfach abzutun, wie wir es bisher getan haben, wird auch schwieriger werden, denn diese Minderheit entwickelt sich immer mehr zu einer kritischen Masse, die nicht mehr auszugrenzen sein wird.
Ich habe keine Ahnung, wie das Vermitteln gehen kann. Aber vielleicht liegt das Geheimnis genau darin, dass wir – weil wir auch Menschen sind – das Gefühl der Ungerechtigkeit nachvollziehen können.
Wir müssen in der Sache nicht übereinstimmen, aber das Gefühl kennen wir gut. Und das kann uns helfen, den anderen und sein Empfinden nicht einfach abzutun. Wir können den Gefühlen Raum geben. Zeit geben. Nicht von oben herab belehren.
Und – wenn irgendwie menschenmöglich – dabei versuchen im Gegenüber einen „Freund“ oder zumindest nicht gleich einen Feind zu sehen.
Und erst dann, wenn das geschehen ist, sollten wir widersprechen. Uns für einen umfassenden Gerechtigkeitsbergriff einsetzen. Und klar machen, dass der Feind nicht die da unten und nicht die da oben sind. Sondern die, welche die Empörung der Menschen benutzen um ihren Samen der Menschenfeindlichkeit und der Verachtung zu sähen.
Damit unsere Demokratie und das Reich Gottes Zukunft haben.
[1] Vergleiche John Stacy Adams, 1965.
[2] Vgl. z.B. Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Rechtspopulismus.
