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Von Wüstenmomenten und faulen Maden: Die Kunst der Semesterferien

Predigt von Karen Siebert in der KHSB 

Liebe Studierende, lieber Mitarbeiter*innen der KHSB,

Herzlich Willkommen zu dieser Andacht, mit dem wir den Abschluss der Vorlesungszeit feiern.

Mein Name ist Karen Siebert und ich bin Referentin an der KSG, der Katholischen Studierendengemeinde in Berlin. Ich freue mich, dass ich diese kleine Feier zusammen mit Ihnen und mit Roman Akuratnov an der Orgel mit begehen darf.

Wir tun das in interreligiöser Aufgeschlossenheit. Die KHSB ist eine katholische Hochschule, aber in ihr studieren viele, die nicht an Gott glauben oder einer anderen Religion angehören und auch bei den Mitarbeitenden sieht das sicher vielfältiger aus als man denkt.

Jede*r möge auf seine Weise diese Andacht nutzen, um das vergangene Semester mit all seinen Erfolgen, Herausforderungen und Schwierigkeiten zu verabschieden und die Semesterferien oder besser die vorlesungsfreie Zeit und die hoffentlich damit einhergehende Pause zu begrüßen.

„Pause – nicht nur eine biblische Erfindung“, so habe ich diese kleine Feier überschrieben. Und anstelle einer langen Lesung, habe ich mich in der Bibel mal umgesehen, was diese zum Thema Pause so sagt:

Gen: Gott sah auf alles was er gemacht hatte und siehe es war gut. Das war der sechste Tag. Am siebten Tag aber ruhte Gott von seiner Arbeit aus. Er hatte sein Schöpfungswerk vollendet. Er segnete diesen Tag und sagte: „An diesem Tag sollen wir uns von der Arbeit ausruhen!“ Das war der siebte Tag.

Ex: „Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; am siebten Tag sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ruhen und der Sohn deiner Magd und der Fremdling sich erholen.“

Psalm 127,2: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät niedersetzt und euer Brot mit Sorgen esst; denn seinen Geliebten gibt er es im Schlaf.“

1, Könige 19: Er (Elija) streckte sich unter dem Ginsterstrauch aus und schlief ein. Plötzlich wurde er von einer Berührung geweckt. Ein Engel stand bei ihm und forderte ihn auf: »Elia, steh auf und iss!« 6 Als Elia sich umblickte, entdeckte er neben seinem Kopf ein Fladenbrot, das auf heißen Steinen gebacken war, und einen Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder schlafen. 7 Doch der Engel des HERRN kam wieder und weckte ihn zum zweiten Mal auf.

»Steh auf, Elia, und iss!«, befahl er ihm noch einmal. »Sonst schaffst du den langen Weg nicht, der vor dir liegt.« 8 Da stand Elia auf, aß und trank. Die Speise gab ihm so viel Kraft, dass er vierzig Tage und Nächte hindurch wandern konnte, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb, kam.

Lukas 5,16: In Scharen strömten sie zusammen. Sie wollten ihn hören und von ihren Krankheiten geheilt werden.  Jesus aber zog sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, um zu beten. 

Markus 6,31: Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

In der Bibel ist also alles zu finden.

Ein strenger Wechsel von Arbeiten und Ruhen / von Schaffen und Pause. Aber auch der Aufruf zur Sorglosigkeit, zum Ausschlafen und zum ausreichend essen.

Vor allem das Neue Testament zeugt auch von kleinen Fluchten, kleinen Rückzügen aus dem stressigen Alltag. Jesus empfiehlt das seinen Jüngern und nutzt das selbst auch ganz explizit. Auch vom Propheten Mohammed wird berichtet, dass er sich regelmäßig in eine Höhle zurückzog oder die ruhigen Stunden der Nacht nutzte, um allein zu sein und zu beten.

In der katholischen Studierendengemeinde veranstalten wir seit 2 Wochen „Ora et Labora“. Bete und Arbeite. Co-Working für Studierende gerahmt von Impulsen und natürlich leckerem Essen.

Die Benediktiner Klöster haben sich Ora et labora zum Leitspruch gemacht. Deswegen zitiere ich hier auch Benediktiner Pater Albert Altenähr OSB:

„Das benediktinische Motto-Wort „Ora et labora – Bete und arbeite“ kündet von einem Rhythmus, aus dem heraus Leben gelingen kann. Es spricht von einem Spannungsbogen, der beides kennt: Die Anspannung und die Entspannung. Zugleich lädt das Motto ein, den Spannungsrythmus als wirklichen Rhythmus zu leben. Es ist nicht gut, bis zum Geht-nicht- Mehr der Erschöpfung die Anspannung zu praktizieren, um dann – weil nichts mehr geht – die Entspannung zu suchen. Wer erschöpft ist, wird sich nicht entspannen können. Er ist erschlafft, – hängt durch und herum. Erschöpfung ist nicht schöpferisch, – Entspannung dagegen sehr.“ (Albert Altenähr OSB)

Ich finde es spannend, diese Idee, nicht bis zur Erschöpfung zu arbeiten, sondern vorher aufzuhören. Die Pause rechtzeitig einzulegen. Jeden Tag so zu gestalten wie das Ora et Labora in der KSG: Morgens ein gemeinsames Frühstück mit Croissants und frischer Marmelade. Einen geistlichen Impuls, dann 2-3 Stündchen arbeiten. Ein Mittagessen vorgesetzt bekommen und eine schöne Mittagspause genießen, um dann mit einem Impuls in die nächste Arbeitseinheit geschickt zu werden. Um 16 Uhr ist dann Feierabend und ich kann den Rest des Tages genießen.

Ich finde die Idee so schön, mein Leben so zu gestalten, um damit auch zu verhindern, dass mich am 1. Urlaubstag die typische Erkältung oder der befürchtete Migräneanfall einholt.

Bei Ihnen und mir stehen nun die Semesterferien vor der Tür. Und auch wenn diese Ferien für Sie als Studierende und als Mitarbeitende hier an der Hochschule sicher keine komplett freie

Zeit bedeuten, so steht doch eine große Pause an. Eine Pause vom Lehrbetrieb und von den Anfragen der Studierenden. Eine Pause von Vorlesungen und Seminaren, von Pflichtveranstaltungen und Referaten, vom häufigen Pendeln zur Hochschule, vom eng getakteten Hochschulalltag. Vielleicht auch vom Kampf mit ihren Kindern, um diese rechtzeitig zur Schule, zum Fußballverein oder zum Ballett zu bringen.

Wie haben Sie es denn diesmal gehalten? Ich jedenfalls habe es dieses Semester natürlich geschafft, einen wunderbaren Rhythmus aus Spannung und Entspannung zu leben – nicht.

Ich habe es natürlich geschafft, mir in diesem Semester meine Kraft so einzuteilen, dass ich nun nicht erschöpft in die Ferien gehe – nicht.

Ehrlich gesagt, pfeife ich aus dem letzten Loch. Morgen Nachmittag (nachdem ich gegen 13 Uhr mit der Arbeit fertig bin) fahren wir für 3 Wochen in den Urlaub und ich habe noch nicht mal eine Packliste geschrieben.

Jetzt könnte ich mich deswegen ärgern – oder nicht.

Denn ich bin schließlich weder Jesus noch der Prophet noch ein Mönch. Ich weiß jetzt schon, dass ich das auch nächstes Jahr nicht schaffen werde, auch wenn ich es mir wieder vornehme.

Mein Plan ist ein anderer: Ich habe vor, nach Ankunft am Urlaubsort die Kinder in den Pool zu schicken oder auf den Fußballplatz und zum Abendbrot maximal die Sandwichmaschine anzuschmeißen. Ich werde mich dann nicht erschöpft unter einen Ginsterstrauch legen, aber ich werde mich auszuruhen und überhaupt nicht schöpferisch sein, sondern darauf vertrauen, dass Gott oder mein Mann oder der Kiosk auf dem Campingplatz mich schon mit Eiscreme und Frappé füttern wird. Ich werde leben, wie eine Made im Speck, bis es mir zu den Ohren rauskommt.

Meiner Erfahrung nach tut es dies spätestens an Tag 3.

Denn, das ist auch meine Erfahrung: wenn ich mich nicht ärgere über meine Erschöpfung, sondern diese zelebriere (etwas, was ich früher Blinner-Tage nannte =Breakfast-Lunch-Dinner verschwimmen zu einer Einheit, während ich im Schlafanzug Tour de France schaue). Dann stehe ich spätestens am Tag drei wieder auf der Matte. Und dann kann es schöpferisch werden und mir sehr sehr gut tun.

Jetzt ist es so, dass sich weder Jesus noch der Prophet Mohammed in ein schickes Urlaubsresort  zurückgezogen  haben.  Sie  haben  auch  nicht  geblinnert  oder  den

Campingplatzkiosk heimgesucht, sondern gefastet. Sie gehen in die Wüste oder in die Berge oder eine Höhle. Mit seinen Jüngern fährt Jesus an einen einsamen (in manchen Übersetzungen heißt es öden) Ort. Ich werde jetzt meinen Urlaub nicht auf Askese umbuchen oder in ein Yoga-Ashram verschieben. Aber ich denke, es ist wichtig, mir kleine Wüstenmomente zu schaffen. Warum? Damit ich den Bogen entspannen kann, damit ich mit mir – und wenn ich will – auch mit Gott in Kontakt kommen kann. Damit ich zur Ruhe komme, Abstand schaffen kann, den Überblick bekomme. Damit ich mir überlegen kann – wenn ich den Bogen wieder Spanne – welches Ziel ich anvisieren werde.

Ich brauche Wüstenmomente, damit meine Pause weder schlaffes Herumhängen wird noch sich schon wieder wie Arbeit anfühlt vor lauter Sport- und Besichtigungsprogramm und Familienspaß.

Ich brauche Wüstenmomente, damit die Pause schöpferisch bleibt. Ein kurzer Allein- Spaziergang im Park oder am Strand, einen Kaffee nur mit mir in einem Bistro genießen. Auf dem Balkon sitzen und den Vögeln lauschen, vielleicht eine Halbtageswanderung für mich, wenn es hochkommt. Ein gutes Buch lesen. Lachen sie mich nicht aus, für diese Momente habe eine Liste! Denn ohne, auch das lehrt mich die Erfahrung, zücke ich in den kleinen Pausen, die sich bieten, einfach nur mein Handy.

Ich weiß nicht, ob Gott da seine Finger im Spiel hatte, aber wer auch immer die Semesterferien geschaffen hat, so sind sie doch recht lang. Lang genug, um von allem etwas unterzubringen, wenn ich nur will.

Und so werde ich die Semesterferien gestalten: arbeitsam, faul, sportelnd, feiernd, in Gemeinschaft aber auf jeden Fall auch mit ein paar Wüstenmomenten.

Denn, so sagt die Bibel ebenfalls: Alles hat seine Zeit. Willkommen in der großen Pause.