Gesehen werden – eine Begegnung, die alles verändert
Predigt beim KSG-Queergottesdienst zu Lk, 19,1-10
Liebe Freund*innen,
gerade haben wir im Lukasevangelium von einem Mann gehört, der sich versteckt. Nicht in einem Wandschrank („closet“), sondern auf einem Maulbeerfeigenbaum. Mitten in der Stadt Jericho, am helllichten Tag. Zachäus, ein erwachsener Mann, oberster Zollpächter, reich und mächtig – und zugleich sozial ausgegrenzt. Er klettert auf einen Baum wie ein Kind, das beim Versteckspiel unentdeckt bleiben will.
Die Kunst, unsichtbar zu sein
Kennt ihr das? Die Kunst, anwesend zu sein, ohne sich offen zu zeigen? Zachäus beherrscht diese Kunst. Er ist von geringer Statur, sagt die Bibel. Doch seine wahre Kleinheit liegt nicht in seiner Körpergröße, sondern darin, sich klein machen zu müssen, um in einer Welt zu überleben, die ihn als „falsch“ oder „schlecht“ abstempelt.
Wann habt ihr – bildlich gesprochen – auf einem Maulbeerfeigenbaum gesessen? Vielleicht bei einem Familienessen, als ihr versucht habt, so aufzutreten, dass ihr hetero- oder cisnormativen Erwartungen entsprecht. Als ihr geschwiegen habt, während Kommiliton*innen über „die da“ lästerten – und ihr wusstet, dass ihr selbst auch gemeint wart. Als ihr bei der Frage „Hast du einen Freund?“ nicht das Gesicht verzogen habt, obwohl die ehrliche Antwort gelautet hätte: „Ich habe eine Freundin“ oder „Weder noch“ oder „Es ist kompliziert“.
Zachäus hält Balance. Er ist nah genug, um dabei zu sein, und weit genug weg, um sich sicher zu fühlen. Er will Jesus sehen – aber nicht gesehen werden. Neugier und Selbstschutz lenken sein Handeln.
Der Moment, der alles ändert
Und dann geschieht es. Jesus bleibt stehen. Genau unter dem Baum, auf dem Zachäus sitzt. Er schaut nach oben. Nicht zufällig, nicht beiläufig. Gezielt. „Zachäus“, ruft er. Er sagt nicht: „Hey, du da oben!“ oder „Hey, du Zöllner!“ Er nennt ihn beim Namen.
Stellt euch diesen Moment vor. Zachäus‘ Herz setzt einen Schlag aus. Seine Panik: „Bin ich entdeckt? Was denkt Jesus jetzt von mir? Soll ich so tun, als hätte ich ihn nicht gehört?“
„Komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus bleiben.“ – Keine Verurteilung. Keine peinlichen Fragen. Keine gut gemeinten Ratschläge. Nur: „Ich will bei dir sein. An deinem Tisch. Mit dir.“
Eure Jesus-Momente
Wann hat euch jemand so direkt angesprochen? Wann hat jemand euch gesehen – nicht eure Rolle oder Maske, sondern euch selbst? Vielleicht war es der Kumpel, der sagte: „Egal, wen du liebst, du bleibst mein bester Freund.“ Eine Freundin, die versicherte: „Ich mag dich genau so, wie du bist.“ Der Therapeut, der euch dabei half, euch selbst anzunehmen, statt euch „heilen“ zu wollen. Eure Oma, die euch nicht vollständig verstand, aber euch Glück wünschte.
Vielleicht war es in einem queeren Buchladen, in dem ihr zum ersten Mal Geschichten fandet, in denen Menschen wie ihr die Held*innen waren. Oder beim ersten CSD, als ihr erkannt habt: „Wir sind viele.“ Oder in der WG-Küche um drei Uhr morgens, als ihr endlich die Maske fallen lassen konntet.
Es gibt Menschen, die euch sehen. Sie geben euch Raum, euch zu zeigen. Ihre Präsenz ermöglicht euch aufzublühen.
Die Wut der Menge
Zurück zur biblischen Geschichte. Die Menge ist wütend auf Jesus. „Er ist bei einem Sünder eingekehrt“, murren sie. Die Empörung ist greifbar. Wie konnte Jesus nur? Bei diesem?
Diese Stimmen kennt ihr. Sie flüstern in Kommentarspalten, predigen von Kanzeln, sitzen manchmal am Familientisch. „Das ist nicht normal“, behaupten sie. „Das ist nur eine Phase.“ „Was werden die Leute denken?“ „Das ist gegen Gottes Plan.“
Doch wisst ihr, was Jesus zu den murrenden Stimmen sagt? Nichts. Gar nichts. Er diskutiert nicht, rechtfertigt sich nicht, lässt sich nicht beirren. Er geht zu Zachäus nach Hause.
Die Macht der Präsenz
Jesus setzt sich an Zachäus‘ Tisch. Mehr nicht. Keine moralische Abwertung. Keine große Bußpredigt. Kein 10-Punkte-Plan, um das Leben zu verbessern. Jesus ist da. Diese Präsenz verändert alles; denn durch die Mahlgemeinschaft schenkt Jesus Zachäus Anerkennung.
Und Zachäus? Er kann und will seine Freude nicht verbergen. Er, der sich eben noch versteckt hat, springt auf und verkündet, sodass alle es hören: „Die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen!“ Zachäus ist großzügig. Nicht, weil Jesus es verlangt, sondern weil Zachäus endlich wieder atmen kann. Weil jemand ihn wirklich sieht und bei ihm bleibt.
Wie Zachäus sein, wie Jesus sein
Vielleicht identifiziert ihr euch zunächst mit Zachäus in dieser Geschichte. Doch ihr könnt beides sein: wie Zachäus, der vom Baum heruntersteigt. Und wie Jesus, der Zachäus sieht und ihn beim Namen ruft.
Jedes Mal, wenn ihr einer Person Raum gebt, um aus ihrem Versteck zu kommen. Wenn ihr deren Pronomen respektiert und keine früheren Namen verwendet. Jedes Mal, wenn ihr in der Mensa zu dem Menschen geht, der allein sitzt, weil ihr selbst das Alleinsein kennt. Wenn ihr signalisiert: „Deine Geschichte ist wichtig. Erzähl sie mir.“ Jedes Mal, wenn ihr sagt: „Du gehörst dazu, genau so wie du bist.“ Dann gebt ihr weiter, was euch selbst trägt.
Das Heil, das heute kommt
„Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden“, bekräftigt Jesus. „Heil“ bedeutet nicht Vollkommenheit, sondern eine heile Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu anderen. Heute erfährt Zachäus Heil. Nicht irgendwann, wenn er perfekt ist. Nicht morgen, wenn sich die Gesellschaft ändert. Heute.
Dieses „Heute“ gilt auch euch. Heute schenkt Gott euch Heil. Nicht erst übermorgen, wenn queere Menschen in der Kirche endlich ohne Angst offen leben und arbeiten können. Heute, auch wenn viele euch noch nicht akzeptieren. Auch wenn ihr selbst noch auf der Suche seid, mit all euren Unsicherheiten, mit eurer wunderbaren Unvollkommenheit, mit euren Narben und Kämpfen.
Dieses Heil ist kein Zaubertrick. Es macht die Welt nicht plötzlich sicher. Es löscht auch keine schmerzhaften Erinnerungen. Doch es sagt: „Du gehörst dazu. Du bist ein Kind Gottes. Teil dieser bunten, queeren Menschheitsfamilie.“
Steigt vom Baum herunter
Also, liebe Menschen: Wo versteckt ihr euch noch? Auf welchem Baum sitzt ihr? Was würde passieren, wenn ihr heute herunterkämt? Wenn ihr anderen zeigt, wer und wie ihr wirklich seid?
Ja, es ist riskant. Manche werden Anstoß nehmen. Deshalb: Sucht sichere Räume. Sucht Verbündete, z.B. hier in der KSG. Wählt euer eigenes Tempo.
Denkt dabei daran: Es warten auch Menschen wie Jesus auf euch. Menschen, die sagen: „Komm, ich will deine Geschichte hören.“ Die mit euch feiern, wer ihr wirklich seid.
Und vergesst nicht: Für andere könnt IHR solche Menschen sein. Ihr selbst könnt wie Jesus handeln. Deshalb geht und werdet für andere zum rettenden Blick. Zur Stimme, die versichert: „Ich sehe dich“ und die einlädt: „Komm runter, lass uns zusammen sein.“
Zachäus ist vom Baum gestiegen. Nicht perfekt, mit Zittern, aber auch mit der Gewissheit: „Ich werde gesehen, und ich bin es wert, mich zu zeigen.“ Ihr seid es auch wert.