Glaube im Spiegel der Zeit

Glaube im Spiegel der Zeit

TikTok, Instagram und co. Entführen uns zumeist in eine andere Welt. Wir können der realen Welt entfliehen, den Alltag vergessen. Doch ist daran nicht immer nur alles positiv zu sehen. Wir sind in der sog. „digitalen Welt“, genauso wie in der realen, vielen Eindrücken ausgesetzt, was wir zum Teil vielleicht gar nicht mal mehr so bemerken, hinsichtlich der Algorhythmen, welche diese Welt auf unsere ureigenen Interessen auslegen. Doch was, wenn neue Eindrücke oder besonders Trends sich den Weg in unser Bewusstsein bahnen? Das kann nicht nur der Fall sein mit Shopping Halls oder diversen Challenges, sondern auch mit christlichen Content.
Der christliche Glaube wird dort zumeist gerne instrumentalisiert, um dem Fortschritt der Gesellschaft, wie es den Anschein hat, irgendwie entgegenzuwirken oder zu verlangsamen. Fakt ist, wir leben in einer Gesellschaft, die sich rasant verändert hat und noch immer tut, unter anderem eben auch im Blick auf die Rollenbilder, die uns vielleicht noch in der Kindheit vermittelt wurden. Feminismus, Transaktivisten und co. Setzen sich für die gleichen Rechte aller Menschen ein. Doch, inwiefern hängt das mit dem zuvor angesprochenen christlichen Social Media zusammen? Ganz einfach, wie schon erwähnt wirken viele Trends in der christlichen Social Media Bubble gerne entgegen der gesellschaftlichen Entwicklung. Um ein Beispiel zu nennen: Der Trend der sogenannten Tradwifes, der momentan auf TikTok und Instagram einen großen Wirbel veranstaltet und durch die Decke geht.
Lasst mich das Phänomen kurz erklären, auch für diejenigen, die vielleicht noch nichts davon mitbekommen haben. Tradwifes, eine abgekürzte Form für „traditional wifes“ – „traditionelle Ehefrauen“, sind ein Abbild dessen, was Frauen in der westlichen Welt besonders in den 1950er und 1960er verkörpert haben. Vorweg möchte ich sagen, dass es per Se aber gar nichts schlechtes ist, wenn eine Frau sich bewusst dafür entscheidet, eine solche traditionelle Rolle einzunehmen. Das große ABER dabei ist jedoch, wenn sie aufgrund des gesellschaftlichen Zwangs dort hineingetrieben worden ist, um die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Was tragen aber nun virale Trends wie der der Tradwifes zu unserer realen Welt bei und warum kann dies gefährlich werden? Nun ja, sie vermitteln ein absolut romantisiertes Bild dieser doch zumeist harten Realität und wir als Konsumierende dieser Inhalte, dieses total romantisierten zumeist unwirklich perfekten Bildes bekommen keinen Aufschluss darüber, warum eben ein solches doch stark cliché-haftes Rollenbild heutzutage vielleicht schwieriger sein könnte, als viele vielleicht zunächst annehmen. Und da wären wir wieder im Spiegel der Gesellschaft. Viele greifen dieses Narrativ des Bildes der Tradwifes auf und wollen dieses der doch soweit emanzipierten Frau wieder überstülpen – ob diese es nun will oder eben nicht.
Warum erzähle ich jetzt aber davon? Die einfache Antwort befindet sich schon in der Einleitung dieser Predigt. Der christliche Glaube wird gerne für bestimmte Zwecke instrumentalisiert – nämlich gerne von Rechten, die sich christlicher Narrative bedienen, die zumeist nicht hinterfragt werden – wir kennen die (von Rechten stammenden) Argumente von wegen „das christliche Abendland und seine Werte müssen geschützt werden“. So schreibt die Zeit dagegen bspw. Dass es das Phänomen der Tradwifes gar nicht im politisch linken Kontext zu finden ist. Warum? Da patriarchale Strukturen dort zumeist weniger vertreten sind, als es nun einmal im rechten politischen Kontext der Fall ist. Anders gesagt, die Frau ist dem Mann weniger untergeordnet. Hinsichtlich einer solchen Einordnung, bei der man sich beim Konsum auf Tiktok und co. Gar nicht recht konzentriert, da das eigentliche Anliegen ja einfach nur abschalten sein soll. Doch immer muss der Kontext des Contents den wir verfolgen beachtet werden. Die Berliner Morgenpost spricht, um bei unserem Beispiel zu bleiben, in Bezug auf diesen Trend der „traditionellen Ehefrau“ von einer „Gefahr für die Demokratie“, denn „Das Propagieren dieses weiblichen Rollenbildes befeuert den aktuellen Rechtsruck in Deutschland. „Ich muss hier an die Gegenüberstellung einer ‚modernen, befreiten Feministin‘ gegenüber der ‚traditionellen Frau‘ der AfD Sachsen denken“, schreibt eine Userin und dies wird auch von Experten, wie Margreth Lüneburg, Professorin für Kommunikationswissenschaften, bestätigt. Solche Trends dienen der politischen Indoktrinierung. „Hinter diesen Videos verbirgt sich eine klare, strategische Kommunikation der Rechten“, sagt die Expertin. Noch weitaus verbreiteter als in Deutschland seien diese Mechanismen in den USA.
Manche von euch mögen sich dennoch die Frage stellen – Was ist denn nun so schlimm daran, wenn ich diese Videos konsumiere, sie unterhalten mich doch? Dann kann nur darauf hingewiesen werden, dass so ein Content immer ein wenig hinterfragt werden muss, auch hinsichtlich des politischen Kontextes, für welchen er ausgenutzt werden kann. Wie schon erwähnt, solche Eindrücke prägen uns, ob bewusst oder unbewusst, und es kann daher gefährlich für unsere gemeinsam geteilte reale Welt werden, in der eben nicht nur jeder für sich ist, wenn wir nicht anfangen solche Dinge zu hinterfragen. Gott gab uns allen immerhin den freien Willen, damit wir uns selbst ein Bild machen und für uns entscheiden können. Wir müssen aus unseren eigenen online aufgebauten Parallelwelt austreten können, in der wir Unterhaltung erfahren und anfangen uns die Frage zu stellen – Was machen diese Eindrücke eigentlich mit mir selbst? Meinem Umgang mit meinen Mitmenschen? Stehe ich wirklich hinter dem, was ich da gerade schaue?
Wissen wir eigentlich, wer uns da was vermitteln möchte? Die Frage ist tatsächlich wichtig, denn: oft gehören diese, zum Teil auch als Vorbilder oder Inspiration dienenden Personen, wie heute Nara Smith oder in den 80ern vllt. auch Tom Cruise, ganz bestimmten Richtungen des Christentums, oder vermeidlich des Christentums an. Doch sind gerade sie es, die in Strukturen von Freikirchen oder Sekten ihren Glauben leben, in denen es immer strikte Regeln und Rollenbilder gibt, zumeist mit einer strengen Hierarchie. Möchten wir das auch? Unsere Freiheit in Leben und Glauben so abhängig machen? Oder diesen Formen des gelebten Glaubens vielleicht auch zustimmen dabei nicht realisierend, in welche instrumentalisierte Falle man dabei vielleicht gerade tappt? Denn Fakt ist, dass viele solcher vermeidlich christlichen Glaubensausrichtungen von einer ganz bestimmten politischen Richtung ausgenutzt werden. Sie stimmen stark in ihrem gesellschaftlichen Verständnis überein, das zumeist menschenverachtend aufgebaut ist. Sie picken sich sozusagen das aus dem Christentum und seinen Werten das raus, was sie selbst gut für ihre eigenen Zwecke benutzen können. Tatsächliche christliche Werte spielen heute für viele dabei aber keine übergeordnete Rolle mehr, doch wenn man sie für seine Zwecke nutzen kann, ganz im Sinne „des Schutzes unseres Landes mit seinen Werten und Traditionen“ – dann, warum nicht darauf zurückgreifen?
Es soll aber auch gesagt sein, dass es natürlich auch anders herum geht. So gibt es auch Creator*innen, die darüber aufklären, was wirklich in der Bibel wörtlich steht oder wie es auch ausgelegt werden kann, um eben nicht nur einem ganz bestimmten Narrativ zu entsprechen. Auch gibt es viele, die darüber aufklären aus solchen fundamentalistischen Gemeinden oder zumindest doch sehr radikalen, wie den Mormonen, auszusteigen, was es für das eigene Leben bedeutet und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, immer mit dem Hintergedanken, dass sie es geschafft haben, andere aber in diesen Strukturen, die nun zumeist von der Gegenseite romantisiert werden, gefangen sind.
Anhand der Social Media Trends lässt sich erkennen, dass es gerade wieder einen Aufschwung des Glaubens und der Narrative dessen gibt, doch können sie in vielerlei Richtung ausgelegt und diskutiert werden. Doch sollte dich dein eigenes Glaubensleben nicht in deinem Alltagsleben einschränken, wie es vielleicht bei so manchen Trends den Anschein haben könnte. Man muss für sich eine klare Linie ziehen und sich von diesen, doch leicht fundamentalistisch anmutenden Trends, abgrenzen können, denn der Glaube darf und muss in Freiheit ausgelebt werden und das sollte ein jeder von uns auch tun und dürfen. Genauso kann ein jeder seinen eigenen Glauben festigen und stark machen, um nicht auf solche Strategien hineinzufallen oder gar den Erwartungen anderer zu entsprechen.
Papst Franziskus sprach mal davon, dass unsere Welt von Gurus, Hexen und Hexern – anders gesagt von „falschen Rettern, die versuchen Christus Platz einzunehmen“ bedroht sei – von Personen, die dem Christentum evtl. gar nicht mal so nahe stehen. Doch vielleicht hat sich in den fast 15 Jahren, seit Franziskus diese Worte veröffentlichte, eine Menge getan. Vielleicht hat sich das Blatt gewendet und es sind eben solche ernannten christlichen Influencer, die heute die Welt ins Wanken bringen und den Glauben, sowie die Weltsicht vieler erschüttern können. Es gibt viele Arten Christ-Sein zu leben und jeder kann dies auf seine Weise auch tun, doch sollten dabei nie die Rechte und Grenzen anderer verletzt werden. Wo meine Freiheit endet, beginnt die eines anderen. „Es werden Tage kommen, an denen von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleibt, der nicht niedergerissen wird.“ Ist das so? Bewegen wir uns gerade darauf zu? Oder bauen wir den schon halb eingerissen Tempel gerade Stein für Stein wieder auf? Dass wir nicht Acht geben und doch wieder in die Irre geführt werden?
Denn: Trends, Algorithmen und glänzende Bilder auf Social Media versprechen Identität und Richtung – doch sie können sich rasch ändern und Sicherheit nur oberflächlich geben.

 

Social Media whisk us away into another world. We can escape reality and forget our everyday lives for a while. But not everything about this is positive. In the so-called “digital world,” just as in the real one, we are exposed to countless impressions—many of which we hardly even notice anymore because algorithms tailor this world to our personal interests. But what happens when new impressions or particular trends make their way into our consciousness? This doesn’t happen only with shopping hauls or various challenges—it also happens with Christian content.
Christian faith is often instrumentalized there, seemingly to slow down or counteract societal progress. The fact is: we live in a society that has rapidly changed—and still is changing—especially regarding gender roles we may have learned in childhood. Feminism, trans activists, and others advocate for equal rights for all people. But how does this connect to Christian social media? Quite simply: as mentioned, many trends within the Christian social-media bubble seem to work against societal development. One example is the so-called “tradwife” trend that is currently causing quite a stir on TikTok and Instagram.
Let me briefly explain the phenomenon for those who haven’t encountered it yet. “Tradwives,” short for “traditional wives,” are an image of the role women in the Western world often held in the 1950s and 1960s. I want to make clear: there is nothing inherently wrong if a woman freely chooses such a traditional role. The big BUT is when she is pushed into it by social pressure, expected to fulfill the standards of others.
But what do viral trends like the tradwife movement contribute to our real world—and why can they be dangerous? They promote a highly romanticized picture of a reality that was often harsh. As consumers of these idealized, dreamy images, we usually receive no explanation of why a cliché-laden role model like this might be more difficult today than it seems. And this brings us back to society at large: many people adopt the tradwife narrative and try to impose it on women—even if the women themselves do not want it.
Why am I talking about this? The answer lies in the introduction: Christian faith is often used for specific purposes—particularly by right-wing groups that rely on Christian narratives, which are frequently accepted without question. We know the arguments claiming that “the Christian Occident and its values must be protected.” According to Die Zeit, the tradwife phenomenon does not appear in left-wing contexts. Why? Because patriarchal structures are far less present there than in right-wing politics—simply put, women are less subordinated to men. It is difficult to notice such dynamics when scrolling TikTok where the main goal is to “just switch off.” But context always matters.
Berliner Morgenpost, for instance, describes the tradwife trend as a “danger to democracy” because “promoting this female role model fuels the current shift to the right in Germany.” One user writes: “I can’t help but think of the contrast between a ‘modern, liberated feminist’ and the ‘traditional woman’ of AfD Saxony.” Experts, such as communications professor Margreth Lüneburg, confirm this. Such trends serve political indoctrination. “Behind these videos lies a clear strategic communication of the right,” she explains. These mechanisms are even more widespread in the United States than in Germany.
Some of you might still ask: “What’s so bad about watching these videos? They’re entertaining!” But it must be said: this kind of content should always be questioned—especially regarding the political context it can be used to support. As mentioned, such impressions shape us, consciously or unconsciously, and this can become dangerous for the real world we share—because no one lives in isolation. We must ask ourselves: What do these impressions do to me? To my interactions with others? Do I truly agree with what I’m watching?
Do we even know who is trying to convey what to us? This question is crucial. Many of these seemingly inspirational figures—whether today’s Nara Smith or, in the 1980s, Tom Cruise—belong to particular branches of Christianity, or claim to. Often, they are part of free churches or sect-like groups characterized by strict rules and rigid role hierarchies. Do we want that? Do we want our freedom in life and faith to depend on such structures? Or do we accidentally endorse these forms of faith without realizing that we are falling into an instrumentalized trap? The fact is: many of these supposedly Christian movements are used by specific political groups because they share a similar worldview—one that is often built on exclusion. They pick selectively from Christian values whatever suits their purposes. Genuine Christian values no longer play a major role—unless they can be weaponized “to protect our country, its values, and its traditions.”
But it should also be said: the opposite exists as well. There are creators who explain what the Bible actually says—or how it can be interpreted in ways that do not simply affirm a narrow narrative. Many speak openly about leaving fundamentalist or highly restrictive groups, such as the Mormons, and share what this means for their lives, always mindful that while they were able to free themselves, others remain trapped in structures that are now being romanticized by the opposite side.
These social-media trends show that narratives of faith are making a comeback—but they can be interpreted and discussed in many different ways. Your own spiritual life should never restrict your everyday life, as some trends might imply. We must draw clear boundaries and distance ourselves from content that seems even slightly fundamentalist—for faith must be lived in freedom. Everyone should be able to strengthen their own beliefs so as not to fall for such strategies or feel compelled to meet others’ expectations.
Pope Francis once said that our world is threatened by gurus, witches, and sorcerers—“false saviors who try to take Christ’s place”—people who may not even be close to Christianity. But perhaps, in the nearly fifteen years since he said this, things have changed. Perhaps the tide has turned, and it is now these self-appointed Christian influencers who shake the world and unsettle the faith and worldview of many. There are many ways to live as a Christian, and everyone may do so in their own way—but never at the expense of others. Where my freedom ends, another’s begins.
“There will come days when not one stone will be left upon another; all will be thrown down.” Is that what is happening? Are we moving toward that? Or are we rebuilding a half-destroyed temple stone by stone—unaware that we are being led astray again?
Because: trends, algorithms, and glossy images on social media promise identity and direction—but they can change quickly and offer only a superficial sense of security.

 

[Predigt von Marina von Brechan]