Bild: Geoffroy Hauwen / unsplash

To celebrate our loneliness. Wir sind allein! Allein, allein, allein, allein.

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 17. Mai 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Wir sind allein…

Dieses Lied hat mich berührt, ab dem Moment, als ich es zum ersten Mal gehört habe. Ich wusste nicht weshalb, habe es immer und immer wieder gehört. Es brannte sich ein, wurde zum Ohrwurm. Schließlich fand ich heraus, warum mich dieses Lied so trifft: es ist die Widersprüchlichkeit zwischen Aussageinhalt und Wirkungsmacht der Melodie.

Wir sind allein.

Damit geht es schon mal los.

Der Text ist ein Oxymoron. Ein WIR ist doch nicht allein. Klar, eine kleine Gruppe kann sich in der Wüste alleine fühlen.

Aber der Widerspruch ist virulent: WIR sind mindestens zwei und damit ist Mann respektive Frau nicht allein. Es gibt ein Gegenüber, ein Nebeneinander, ein Miteinander ist möglich. Aber es ist eben nur möglich; nicht gesetzt oder gesichert wahrnehmbar.

In Deutschland fühlen sich etwa 19 Prozent der Menschen manchmal oder häufig einsam. In Berlin berichten Umfragen zufolge sogar bis zu 50 Prozent der Großstädter von Phasen der Isolation. Bei 56 % Singlehaushalten, nicht verwunderlich.

Zwischen Einsamkeit und Alleinsein jedoch herrscht ein großer Unterschied. Einsam ist man in einer 4 Millionenstadt selten: weder im ÖPNV noch in Geschäften und Behörden, Museen oder Kneipen. Auch in den Wohnungen hört man – mal mehr mal weniger nervig – die Nachbarn trampeln, sprechen oder Musik hören.

Allein sein ist mehr ein Zustand, denn das Gefühl, das uns – und ich glaube eine jede und einen jeden von uns – immer wieder einmal quält. Gegen Einsamkeit kann ich aktiv etwas tun: ich kann rausgehen aus meiner Wohnung, kann einem Verein beitreten oder mich einer Gemeinschaft wie der KSG anschließen. Einsamkeit wird dadurch gebrochen.

Gegen das Alleinsein mag das helfen, aber nicht automatisch.
„We look into faces, wait for a sign. Wir sind allein. A prisoner behind the walls.“

Gegen das Alleinsein hilft nur seine Haltung zu ändern.
Dafür spricht Jesus seine vielen Zusagen. Genau das üben wir ein in diesen zehn Tagen zwischen seiner Himmelfahrt und dem Pfingstfest.

„Du magst einsam sein, du magst dich allein fühlen: ich aber bin immer bei dir. Ich bleibe bei dir, wie ich bei dir war. Die alte Zusage des Vaters im brennenden Dornbusch gilt – beständig in Raum und Zeit und ewig neu, besonders für dich, der du mich gerade brauchst.“

Jesu Aussage geht sogar noch weiter. ER sagt: „ich komme wieder. Ich sende euch eine Trösterin. Ich lasse euch nicht zurück. Ich gehe und bereite vor. Ich sorge für dich.“

Das hilft gegen das lähmende, schmerzende, angstmachende Gefühl des Alleinseins.

Ob die Jüngerinnen und Jünger sich allein gefühlt haben, als sie sich eingeschlossen hatten in den engen alten Raum im Obergeschoss und gebunden im Gebet ausharrten auf bessere Zeiten, wissen wir nicht. So ein Sich-Einhausen birgt jedoch immer die Gefahr über die Einsamkeit auch abzudriften ins Alleinsein.

„He’s livin‘ in a universe; a heart away. Inside of him there’s no one else; just a heart away. The time will come to be blessed; a heart away; to celebrate his loneliness“ Singt Polarkreis 18 aus Dresden gleich zum Auftakt seines bekanntesten Liedes, das sich 2008 insgesamt 49 Wochen in den Deutschen Charts hielt.

Diesen einen Herzschlag entfernt ist die Heilige Geistkraft. Sie erwarten wir in diesen Tagen; erbitten, ja erflehen sie. In so mancher Novene immer flehentlicher. „Komm, Heiliger Geist. Schaff das Leben neu. Erfülle uns und die ganze Welt.“

Und in diesem Erhoffen und Ersehnen, in diesem Herbeiwünschen und Vertrauen wird die christliche Dimension des Alleinseins klar:

Niemals sind wir allein, deshalb können wir in dieser energiegeladenen beschwingten Melodie als Chor rufen: Wir sind allein. Die Heilige Geistkraft gibt uns den Mut dazu, gibt uns die Kraft dazu, öffnet uns den Blick weder an Einsamkeit noch an manchmal gefühltem Alleinsein zu verzweifeln.

Die Geistkraft wird kommen und sie ist schon da. Seit dem ersten Atemzug in uns lebendig. Mit der Taufe geheiligt. In der Firmung bekräftigt.

Erflehen wir sie neu für dieses Jahr, in dem wir stehen und vertrauen wir als Chor, dass alles, was Gott Jesus geschenkt hat, er auch uns schenken will: die Liebe, die Gewissheit und ein Leben in Fülle. Amen.

 

Here I am – hier bin ich

© Nicole Oster
Es gilt das am 10. Mai 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on 10 May 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Here I am, Lord, is it I Lord?- hier bin ich, Gott

So haben wir beim Zwischengesang gesungen.

Here I am, hier bin ich. Send mich her, denn hier bin ich.

Hier bin ich. Mit allem, was mich ausmacht, meinen Fehlern und Schwächen, meinen Talenten und meinem Wissen, meinen Fragen und Zweifeln, Unsicherheiten, meinen Ideen und Fähigkeiten.

Hier bin ich. Auch als Pastoralreferentin, Katholikin, Frau in der Kirche, als Predigerin. Wie viele Frauen im Rahmen der Predigerinnentage.

Hier bin ich, sage ich heute und stelle mich damit in eine Reihe von Frauen in Bibel und Kirchengeschichte gesagt haben „hier bin ich, hier ist mein Platz“ und „ich gehe hier nicht weg.“

Manchmal ist ihr „hier bin ich“ laut, raumfüllend, manchmal eher leise und füllt die Zwischenräume und mal in Taten, mal in Wort und Schrift. Und oft wurde/ wird es kleingehalten, wurde versucht, es zum Verstummen zu bringen. Doch es ist weiterhin zu hören.

Alle Frauen der Bibel und Kirchengeschichte aufzuzählen, würde zu lange dauern, aber auf ein paar möchte ich doch hinweisen.

Da sind die Erzmütter, Rebekka, Lea & Rahel. Was wäre ohne Saras Lachen, ohne Rebekkas Segen für ihre Söhne?

Da sind die Frauen im Stammbaum Jesus: Rahab, Tamar, Batseba und Rut. Sie haben einen prominenten Platz im Neuen Testament gefunden. Und das als Frauen, deren Lebenswandel nicht besonders schicklich war, als Ausländerinnen und als Personen, die sich selbst für ihr Schicksal eingesetzt haben.

Und dann sind da zwei Marias.

Zum einen Maria, die Mutter Jesu. Da könnte man jetzt sagen, aber deren „hier bin ich“ ist doch laut, sie ist bekannt und hat einen Platz in der Kirche. Das stimmt, wobei meiner Meinung nach, ein paar Aspekte von ihr in den Hintergrund gerückt sind.

Vor allem im Blick auf das magnificat, ihr Loblied auf Gott- und was für ein Loblied

„Meine Seele preist die Größe des Herrn“ Diese Zeile ist bekannt und meistens bleibt es bei dieser Zeile, doch es geht noch weiter.

„Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die niedrigen, die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ spricht von Gottes umwälzender Kraft, die Machtverhältnisse auf den Kopf stellt. Maria singt: ich bin da, und vertraue auf Gott und seine umwälzende, revolutionäre Kraft. Maria ist nicht nur demütig, sondern auch kraftvoll und aktiv.

Und dann ist da noch Maria Magdalena. Apostelin, Zeugin der Auferstehung, die von Jesus persönlich einen Sendungsauftrag erhält. Doch in der Kirchengeschichte wurde ihr „hier bin ich“ (fast) zum Verstummen gebracht, wurde sie zur Sünderin gemacht, degradiert. Erst seit ein paar Jahren wird sie wieder als Apostelin der Apostel gefeiert.

Da sind noch viel mehr Frauen in Bibel und Kirchengeschichte, die in Worten, Taten oder schriftlich zeigen „Hier bin ich“.

Wie Katharina von Siena, unsere Patronin Edith sein, Mystikerinnen wie Teresa von Ávila oder auch heute: Frauen, die auf dem Synodalen Weg aktiv sind und in sozialen Medien Zeugnis von ihrem Glauben ablegen und Räume einnehmen.

Räumen, in denen wir Frauen manchmal nicht gerne gesehen sind, und doch sind wir da und bleiben da.

Here I am Lord, I will go Lord!

Ich darf mich trauen Platz einzunehmen. So wie’s zu mir passt. Laut oder leise, auf Social Media, im Schreiben, sprechen, in Taten oder Worten,…

Ich darf Raum einnehmen und Platz beanspruchen. In Kirche, Gesellschaft, in Arbeit und Studium und auch hier in der KSG. Darf meine Fragen stellen und meine Themen einbringen, mitgestalten und auch verkündigen, denn dazu ist jede und jeder von uns berufen.

Ich darf Raum einnehmen, mit allem, was mich ausmacht. Denn jede*r von uns ist gerufen.

Here I am Lord!

Das ist nicht immer leicht. Manchmal übernehmen Zweifel und Angst die Oberhand.

Doch hier kommt das Evangelium von heute in Spiel.

Es ist ein Teil von Jesu Abschiedsrede und die Jünger sind ängstlich, wissen nicht, wie sie weiter seine Botschaft verkünden sollen, sind auf der Suche nach ihrem Platz. Jesus verspricht ihnen: Ich bin da, ich werde immer da sein. Vertraut auf meine Liebe und haltet meine Gebote, dann bleibt ihr bei mir und ich stärke euch. Durch meine Liebe und durch die Heilige Geistkraft.

Diese Zusage gilt den Jünger*innen damals und gilt uns, jeder und jedem Einzelnen auch heute.

Mit dem Bewusstsein, dass da jemand ist, die mir den Rücken stärkt, mir Mut und Inspiration gibt und mir Sachen zutraut, kann ich selbstbewusst sagen

HIER BIN ICH! Amen.

Bild: Alex Beauchamp / unsplash

B-E-R-U-F-U-N-G

© P. Felix Meckl OSA
Es gilt das am 26. April 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Firmbewerber*innen, liebe Studierende, Sw und Br

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10).

Dieser Satz Jesu, den wir als Schlusswort des heutigen Evangeliums gehört haben, steht mitten im Johannesevangelium.

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10).

Er ist ein Versprechen, gerade heute, am Weltgebetstag um geistliche Berufungen.

Vielleicht klingt „geistliche Berufung“ für euch erst einmal altbacken, zugespitzt nach Kloster oder Priesteramt.
Doch Berufung ist der Ruf Gottes an jeden, an dich, dein Leben nicht einfach irgendwie ablaufen zu lassen, sondern es in Fülle zu leben – intensiv, echt, geliebt.

Lasst uns daher mal das Wort Berufung näher anschauen. Dazu brauche ich bitte acht mutige Schäflein, gerne Studis UND Firmbewerber*innen. Auch Eltern und Gäste sind mir willkommen. Denn Berufung trifft nicht nur eine Gruppe, sie trifft uns alle.

Acht Leute kommen nach vorn und bekommen DIN A3-Bögen mit den Buchstaben B E R U F U N G.

Was steckt alles drin in diesem Wort?

Beruf:
Ja, es geht um einen Job. Um etwas, das man erlernt, das man ausübt, um Geld zu verdienen. Dazu muss man lernen: in der Schule, bei der Ausbildung, an der Uni und dann ein Leben lang, um up-to-date zu bleiben. Ein Beruf ist aber auch noch für etwas anderes gut als Geldverdienen und das ist vielleicht sogar wichtiger. Na, eine Idee? Es geht um Erfüllung und Sinnhaftigkeit. Wenn ich meinen Job gern mache und Sinn darin sehe, dann ist er Berufung. Denn Sinn erfüllt mit Freude und die strahlt aus auf andere, macht die Welt dadurch besser, baut Reich Gottes auf.

Ruf:
Ruf. Da ruft einer. Es ist eine Art Schrei, manchmal ganz laut zu hören, fast schon drängend. Manchmal aber ist der Ruf sehr versteckt, man muss genau hinhören, achtsam sein. Auch muss man aufpassen WER da ruft: die Welt? Das schnöde Geld? Die Eltern? Ein Lehrer oder eine Professorin?
Beim Ruf müssen wir alle genau hinhören – auf den Ruf Gottes in unserem Leben. Sie ruft, sie hat gerufen und sie wird rufen – immer wieder – wohin ist klar: in das Leben in Fülle, so wie Jesus es uns versprochen hat.

Er:
ER ruft! Gott ruft, Jesus ruft und die Hl. Geistkraft denken wir mit. ER, der dreieine Gott ruft nach dir, in Welt und Zeit.
ER kann aber auch der Mensch zu deiner Rechten oder deiner Linken sein. Oder der, der am Boden liegt und Hilfe braucht, der in der Schule gemobbt wird und eine Unterstützung nötig hat.
In all diesen Fällen ruft ER dich.
Aber Vorsicht! Hört nie nicht auf die Wölfe! Schon gar nicht auf jene, die im strahlenden Schafspelz daherkommen.

Be:
To be. Bei der Berufung geht es um das ganze Sein. Es geht nicht nur um eine Sonntagspflicht oder ein Gebot, auch nicht um ein Versprechen oder Gelübde. Es geht um das ganze Sein. Alles was mich ausmacht, alles was ich bin, kann und habe, alles gehört hinein in diese Berufung. Da sind Talente und Schwächen, Fähigkeiten und Ängste, Kreativität und Faulheit. All das gehört zu mir, zu meinem Sein und all das hat eine Bedeutung vor Gott.
Berufung zu leben heißt all das mitzudenken.

Fun:
Ja, Fun, Spaß. Berufung darf auch Spaß machen! J

U:
U, you. Das englische Ein-Buchstaben-Wort, ein Homophon, das häufig in der Textspeak verwendet wird.
You. Das kommt gleich zweimal vor!
Es geht um dich!
Das ist so wichtig, dass es im Wort Berufung gleich zweimal vorkommt. DU bist wichtig! Dich hat Gott im Blick. Deine Berufung gehört dir!
Deine Berufung ist ganz individuell. Sie mag anderen ähneln, aber es ist dein Leben, dein Weg, deine Berufung zu einem Leben in Fülle.

So, da haben wir es: sechs Worte, sechs Dimensionen in diesem einen alten abgedroschenen Wort.
Danke und zurück auf die Plätze. Die Plakate lasst ihr einfach hier.

Berufung ist kein festgelegter Plan, sondern ein Weg, den ihr mit dem guten Hirten geht. Er traut euch zu, Leben in Fülle zu leben und diese Fülle in unsere Welt zu bringen.
Hört auf seine Stimme. Traut euch zu, Hirten eures eigenen Lebens zu sein. Der ewig-gute Hirte geht immer mit euch. Amen.

Bild: Zhuo Cheng you / unsplash

3. Ostersonntag

© Nicole Oster und Felix Meckl
Es gilt das am 19. April 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Nicole Oster: Zukunft mit Gott – ich finde das ein echt schönes Motto. Und das passt so gut zum Frühling, zu Ostern…
Zukunft mit Gott ist bunt, vielfältig, Gemeinschaft und ein freundliches, friedliches Miteinander, Lachen, Tanzen, Gesang…
Felix Meckl: Naja, also, ich weiß ja nicht. Zukunft mit Gott? Man müsste schon fast eine rosarote Brille aufhaben, wenn du da so erzählst. Ich finde, du übertreibst…
NO: Was stört dich denn so an dem Thema?
FM: Kann man wirklich so begeistert von einer Zukunft mit Gott reden in einer Welt, die voller Krieg ist? Wo sich selbst der Papst und der amerikanische Präsident öffentlich streiten? Wo Schwächen ausgenutzt, die Kleinen kleingehalten werden? Da steckt für mich nicht viel Zukunft drin. Oder schau mal in die Kirche in Deutschland, mit ihren Grabenkämpfen und fundamentalistischen Gruppen. Da ist für mich kein Gott mit Zukunft.
NO: Ich kann deine Gedankengänge verstehen. Für mich zeigen gerade diese Ereignisse in der Welt und den Kirchen, dass wir an einer Zukunft mit Gott arbeiten müssen. Zukunft mit Gott ist nicht einfach von heute auf morgen da. Wir müssen schon mitarbeiten. Und das finde ich schön, dass wir diese Zukunft mitgestalten können.
FM: Klingt nach Arbeit.
NO: Nach schöner Arbeit. Ich sehe da sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten und jede*r kann sich mit seinen Talenten und Ideen einbringen. Gemeinsam unterwegs sein. So wie wir es eben im Evangelium gehört haben. Gemeinsam unterwegs sein, durch Tiefen und Höhen. Du erinnerst mich ein wenig an die Jünger*innen aus dem Evangelium vorhin. Die hatten auch wenig bis keine Hoffnung für Zukunft. Waren mutlos und verzweifelt. Was ja auch in deren Situation verständlich war.
FM: Die hatten allen Grund dazu. Jesus war gestorben und begraben. Sie waren enttäuscht und hatten Angst. Ich kann das voll verstehen, dass die einfach weglaufen wollten von den tragischen Ereignissen. Weglaufen tun heute ja auch viele: schau dir die Kirchenaustrittszahlen an oder die Statistiken vom Kirchenbesuch. Man muss ja fast schon dankbar sein für alle, die noch nicht ausgetreten sind. So waren auch die Emmausjünger schwer beladen.

NO: Ich sage ja, verständlich. Zeit für Trauer ist wichtig und die sollte man sich nehmen: auch mal eine Pause von den Nachrichten machen. Aber dabei darf man nicht stehen bleiben. Und da frage ich mich schon, ob die beiden Jünger die Botschaft Jesu verstanden haben. Denn wäre es nicht viel schöner, wenn sie dageblieben wären in Jerusalem und geholfen hätten die Botschaft Jesu lebendig zu halten statt zu fliehen. Statt den Kopf in den Sand zu stecken und die Welt auszublenden.
Aber die Geschichte bleibt ja nicht bei deren Weglaufen stehen Das ist ja der Anfang. Und sie waren nicht alleine.
FM: Zu zweit… na ja
NO: Ja, zu zweit sein ist ein Anfang. Austausch, Verbundenheit. Da ist jemand, der mich sieht, mit dem ich meine Gefühle, Gedanken, Sorgen teilen kann. Da ist schon ein wenig Zukunft spürbar. Und sie bleiben ja nicht zu zweit. Da kommt noch jemand Drittes hinzu.
FM: Das hat jetzt wirklich kaum Bezug zu heute. Oder glaubst du wirklich, dass Jesus einfach zum Spaziergang hinzukommt?
NO: Jetzt nicht so wie bei den Jüngern, aber ich glaube schon, dass Jesus uns begleitet. Genau das sagt uns doch die Erzählung von Emmaus:
Jesus geht mit. Von Anfang an ist er dabei. Und die Jünger spüren es schon in ihren Herzen, während er mit ihnen redet. Und endgültig, als sie Mahl miteinander halten.
Und da hast du dein Beispiel, wie Jesus heute gegenwärtig ist: wenn wir Gemeinschaft feiern, hier im Gottesdienst und so vielen anderen Momenten, in denen wir im Sinne Jesu handeln. Wenn wir füreinander da sind. Wenn wir uns in Diskussionen einmischen und für Menschen einsetzen, für Gerechtigkeit laut werden (im kleinen oder großen Rahmen). Sei es Nachhaltigkeit, soziales Engagement, oder das einfache zuhören, wenn jemand uns braucht.
Es gibt so viele Möglichkeiten!
Dann gestalten wir Zukunft mit Gott.
Auch mit dem Studium, dem Beginn des neuen Semesters beginnt Zukunft. Damit gestaltet jede und jeder Zukunft, eure eigene Zukunft und vielleicht ja auch gemeinsam, vielleicht auch Zukunft mit Gott.
„Brannte nicht unser Herz“ für mich einer der schönsten Sätze der Bibel. Dieses Gefühl, wenn du erfüllt von Freude und Zuversicht bist. Wenn man merkt, hier kann ich was bewirken, hier bin ich am richtigen Ort, hier will und soll ich sein.
Klar, das Gefühl ist nicht immer da und manchmal echt schwer zu finden. Aber das schöne ist doch, dass wir eine Gemeinschaft haben. Wir sind nicht allein unterwegs. Weder im Studium, auf der Arbeit, in der Ausbildung und nicht im Privatleben. Da sind Kommiliton*innen, Kolleg*innen, Freund*innen, Familie, die KSG…
FM: Ja, du hast schon recht. Zukunft mit Gott entsteht am besten – wenn nicht sogar – NUR in Gemeinschaft. Und so unterschiedlich wir Gemeinschaft leben, so unterschiedlich sind unsere Zugänge zu Gott, unsere Gottesbilder und Vorstellungen.
NO: Zukunft mit Gott ist so vielfältig wie die Studiengänge, Interessen, wie wir alle hier in der KSG. Und das ist das schöne: diese Vielfalt – denn Zukunft ist nicht schwarz, Zukunft ist bunt.
Nur wenn wir gemeinsam Zukunft gestalten, unsere Ideen, Interessen zusammenbringen, dann entsteht Zukunft. Das geht wahrscheinlich nicht ohne Streit und Reibereien. Das habt ihr in euren Freundschaften und Familien auch schon erfahren, wir in der KSG auch, aber das zeigt ja auch Ostern: nach rabenschwarzer Nacht kommt wieder Sonne.
FM: Ja, es gibt eine Zukunft mit Gott, weil wir einen Gott mit Zukunft haben – bunt und vielfältig, zugewandt und nah.
NO: Mit ihm können wir Zukunft gestalten, gemeinsam, jede und jeder von uns.
FM: Wie schon der Hl. Augustinus uns einlädt:
Gemeinsam zur Gemeinde: Seid ein Herz und eine Seele auf dem Weg zu Gott.
Gemeinsam zueinander: Amen. 😊

Bild: Adél Grőber / unsplash

Das Senfkorn Hoffnung – Zwischen Zweifel und Osterjubel

© P. Felix M. Meckl OSA
Es gilt das am 12. April 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Ostern feiern wir, damit wir das Leben haben.
So, liebe Geschwister im Glauben, übertrage ich den letzten Satz des eben gehörten Evangeliums. Die Jüngerinnen und Jünger der ersten Stunde haben ihre Erlebnisse aufgeschrieben, damit wir „durch den Glauben Leben haben“.
Unsere aufgeklärten Gehirne rebellieren zwar eher bei den Worten und Bildern der Auferstehung Jesu, aber tief in uns ist dieses Senfkorn Hoffnung. Tief in uns schlummert die Angst vor dem Tod, die Frage nach dem Danach, die Sehnsucht nach Leben in Gottes Namen.
Ostern thematisiert all das: Jesu Tod am Karfreitag, die schwere Vorfreude des Karsamstags und schließlich der Ostermorgen. 50 Tage, pentēkonta Tage bis Pfingsten. 50 Tage dürfen wir jetzt Ostern feiern, nachspüren was in uns lebt, wohin uns unsere Sehnsucht zieht, wo wir die lebendige Gegenwart Jesu und seiner Hl. Geistkraft spüren.
Ostern feiern wir, damit wir das Leben haben.
Die Texte dieses Sonntages zeigen uns Wege, wie wir als Gemeinschaft und jede und jeder von uns als Individuum diesen befreienden und lebensspendenden Glauben leben sollen.
In der ersten Lesung begegnete uns das Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde, das auch wir Augustiner als Ideal in unserer Ordensregel vorgeschrieben haben. Es ermutigt uns großherzig zu teilen: Brot, Gebet und Furcht. Wir sollen ein stückweit in den Tag hineinleben, aber nur so weit, dass es Gottes Zuwendung nicht ausnutzt, sondern sie vertrauensvoll erwidert. Die Urgemeinde mahnt uns aber auch zur Regelmäßigkeit. Sie trafen sich täglich zum Gotteslob. Aber ich glaube, es ist legitim die Regelmäßigkeit als entscheidend hervorzuheben. 😉
Mit der zweiten Lesung ermutigt Petrus in seinem ersten Brief alle, die in Bedrängnis leben. Wenn ich diese Worte höre, erlebe ich sie Kraft spendend, tröstend und ja auch ermutigend aufzubrechen und Neues zu wagen. Petri Glaube ist kein lahmes beschaulich meditatives Schweigen; er lädt ein zu jubeln in – wie er so grandios schreibt: „unaussprechlicher und von Herrlichkeit erfüllter Freude“.
Dass nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist und sein kann, wissen wir. Dazu brauchen wir nur in unsere vollen Kalender, in die leeren Kassen oder die Nachrichtensendungen dieser Tage schauen. Auch ganz persönlich wissen wir von Krisen, negativen Erfahrungen und Ängsten. Doch das Evangelium will uns zeigen: juble dennoch und steht zusammen, Gott ist mit euch und dir, ganz persönlich.
Jede und jeder erfährt Gott anders und SIE lässt sich auf jeden und jede ganz individuell ein. Sprich ruhig aus, was du brauchst, wovon du dir Glaubensgewissheit erhoffst. Sei ein Thomas, frage kritisch nach, sei irritiert, bleibe neugierig, vertraue nicht zu schnell. Nach acht Tagen – das ist heute – kommt der Auferstandene wieder zu uns; zeigt sich, spricht, wünscht den Frieden.
Wenn du ihn jetzt nicht siehst oder spürst, ist das ok. Vertraue darauf, dass ER da ist, in deiner Nächsten, im Gegenüber, in unserer Mitte. In der geweihten Kerze der hochheiligen Nacht, in den gewohnten Zeichen von Brot und Wein, im gemeinsamen hoffnungsvollen Tasten nach Wahrheit und Bestätigung.

In diesem gemeinsamen Suchen lade ich euch jetzt ein, eure Taufe zu erneuern mit dem Osterwasser. Steht dazu bitte auf, werdet ruhig und übernehmt jene Verantwortung, die euch durch die Taufe zugetragen ist:
Ihr seid Königinnen und Könige, Propheten und Prophetinnen, Priesterinnen und Priester.

Ostersonntag: „Wie davon erzählen?“

© Nicole Oster

Liebe Gemeinde,

Ich liebe Konzerte und Musicals, man erlebt alle Emotionen, für jedes Gefühl, jede Phase des Lebens gibt es ein Lied.

Manche Lieder versetzen mich in bestimmte Zeiten, Erfahrungen meines Lebens zurück.

Ich glaube, dass auch der Evangelist Matthäus Musicals, Konzerte und Theater geliebt hätte, vielleicht sogar seinen Beruf in der Sparte gefunden hätte. Denn seine Erzählung der Auferstehung ist voll Drama, eine große Inszenierung.

Hier Erdbeben, da Blitz, der Stein, weg, die Wächter, die umfallen, und der Engel in strahlend hellem Gewand.

Inszenierung, die den Höhepunkt ankündigt, direkt zum Anfang der Geschichte.

Und mittendrin die Frauen. Da schreibt Mt nur Maria von Magdala und die andere Maria waren unterwegs zum Grab. Kein Grund warum, kein Bericht, wie sie auf diese Ereignisse reagiert haben. Überhaupt sagen die beiden kein Wort in diesem Abschnitt. Obwohl sie doch die Hauptpersonen sind, die ersten Zeuginnen des leeren Grabes, der Auferstehungsbotschaft und sie begegnen sogar dem Auferstandenen persönlich. Diskrepanz

Ich möchte Mt nichts unterstellen, vielleicht ist diese Lücke bewusst gewählt, doch sie fällt auf. Ich möchte diese füllen. Näher die Frauen betrachten und überlegen, was ihre Reaktion sein könnte, ihre Gefühle, ihre Worte.

Da ist der dramatische Anfang mit Erdbeben, Stein, ohnmächtigen Wächtern. „Was ist denn hier los“ „Das ist doch nicht normal!“ könnte Maria gesagt haben. Große Verwunderung, und auch Furcht. Sie hätten auch zurücklaufen, sich verstecken können. Doch sie gehen mutig weiter und begegnen dem Engel, der ihnen die Botschaft der Auferstehung verkündet. Die sie laut Mt einfach geglaubt haben, ohne Nachfrage und Zweifel. Ich hätte da Fragen: „wie und wann soll das geschehen sein“; „wer bist du und wo ist Jesus“

„Wie bitte sollen wir DAS den Männern erklären?“ „Die werden das für Geschwätz halten“. Ich hätte ja auch mal einen Blick in das Grab geworfen.

Schlussendlich überzeugt und voll Glauben machen sich die Frauen auf den Rückweg, beschwingt, beflügelt- und dann Höhepunkt 2. Sie begegnen dem Auferstandenen persönlich. Haben sie ihn direkt erkannt? Oder doch gefragt „Wer bist du?“

„Da hatte der Engel wirklich recht. Du bist auferstanden. Halleluja!“

„Aber wenn du doch hier bist, warum sollen wir zu den Jüngern gehen? Die werden das doch als Geschwätz abtun, wenn wir denen das alles berichten. Komm doch mit uns!“

„Also schön, dass du uns das erzählst, uns beauftragst, schließlich, waren wir da, unterm Kreuz und bei deiner Beerdigung. Aber wenn du schon da bist, dann begleite uns und erzähle es ihnen persönlich“.

Und dann stelle ich mir vor, wie Jesus die Frauen ermutigt, sie beauftragt, sendet. Apostelinnen!!!

Das ist die offene Frage es Evangeliums: was haben die Frauen den Jüngern erzählt und wie haben diese reagiert?

Es als Geschwätz abgetan, selbst zum Grab gelaufen geglaubt?

Ich möchte diese Frage an sie weitergeben- wie erzählen sie die Osterbotschaft weiter?

…Stille…

Für mich sind Lieder eine gute Möglichkeit, Botschaften zu transportieren. Wie gesagt, ich liebe Musicals und Konzerte und ein Lied, dass für mich von Ostern, Auferstehung spricht ist „I am a Mountain“ von Coldplay.

Dort heißt es

„Ich habe dieses Gefühl und nur Gott weiß, was es ist
Ich habe das Gefühl, dass ich mich in jemanden neuen verwandle
Ich habe das Gefühl, dass die Decke zum Durchbrechen da ist

Ich habe dieses Gefühl und jetzt ist nichts mehr beängstigend
Ich habe das Gefühl, ich kann Blitze heraufbeschwören
Ich hatte das Gefühl, ich würde fallen, jetzt fliege ich

Ich habe dieses Gefühl und nur Gott weiß, was es ist

Stand auf einem Meer aus Schmerz
Lass es regnen, lass es regnen, lass es regnen
Ich werde wieder auf den Beinen sein
Denn ich bin ein Berg
Meine Liebe zu dir wird bleiben
Denn ich bin ein Berg

… Lied …

Egal, wie tief das Meer, wie rabenschwarz die Nacht- es geht vorbei.

Denn Gottes Liebe bleibt, beständig wie ein Berg.

So können wir freudig und von gesendet gehen und verkünden: Er ist auferstanden Halleluja!

 

 

Bild: Lee Lawson / unsplash

Karfreitag: Rabenschwarze Nacht

© Nicole Oster

Rabenschwarze Nacht.

Liebe Gemeinde,

 

Der Vorhang ist gefallen Rabenschwarze Nacht

Es ist aus und vorbei. Da am Kreuz hängt Jesus, unsere Hoffnung. Und darunter stehen wir, mit unseren Fragen, Sorgen, Trauer.

Mit unseren eigenen Erfahrungen von Karfreitag. Den Verlusten, die erlitten haben, unseren Erfahrungen von Scheitern, den Toten, die wir beklagen, mit den Kreuzeserfahrungen in unseren Leben. Die Momente in unserem Leben, die sich wie eine rabenschwarze Nacht angefühlt haben, hängen mit Jesus am Kreuz.

Es ist rabenschwarze Nacht. Jesus stirbt am Kreuz. Es ist vollbracht.

Jesus hat das Kreuz auf sich genommen. Im Wissen/Vertrauen, dass es nicht zu Ende ist. Im Wissen, dass es schwer wird, ihn großes Leid erwartet, doch im Vertrauen, dass es weitergeht, dass er nicht alleine ist.

Mir ist der Karfreitag wichtig. Er gehört dazu. So wie die Karfreitagsmomente zu unserem Leben gehören. Heute und hier haben sie Platz. Jesu „es ist vollbracht“ steht für mich auch dafür, dass ich diesen Tag aushalten muss, aushalten kann. Diese Dunkelheit und Trauer ertrage und akzeptiere. Trauer, Tod, Verlust gehören dazu. Ich kann sie nicht aus meinen Leben ausradieren, verleugnen. Doch sie bestimmen nicht mein Leben. Ich bleibe niht bei Karfreitag stehen. Ich muss den Karfreitag aushalten, akzeptieren, dass es immer wieder Karfreitage in meinem Leben geben wird. Doch sie gehen vorbei. Ich kann sie aushalten, ertragen. Denn ich bin nicht allein am Karfreitag. Gott ist da.

Karfreitag zeigt mir, dass rabenschwärze Nächte vorbeigehen und die Sonne wiederkommt.

Denn bevor es heller wird, wird’s richtig finster. Rabenschwarze Nacht. Bevor der Frühling kommt, regiert der Winter. Rabenschwarze Nacht.

 

Bild: © Erzbistum Berlin/Jörg Farys

Impuls nach dem Evangelium des Palmsonntags

© P. Felix Meckl OSA
Es gilt das am 29. März in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Geschwister voller Hoffnung,
nicht hoch zu Ross zieht Jesus in Jerusalem ein, sondern bescheiden, demütig auf einem jungen Esel. Dennoch – oder gerade deshalb – erkennen ihn die Leute. Sie sehen ER ist es! Da kommt einer – im Namen des Herrn – von dem wir etwas Neues, etwas Gutes, etwas Ehrliches zu erwarten haben.

Zur Zeit Jesu waren viele falsche Propheten unterwegs. Wie heute war es eine Krisenzeit.
Die einen polterten mit Lügen, andere instrumentalisierten die Ängste der Leute. Manche flüchteten sich ins biedermeierliche Privatleben. Viele sehnten sich nach Aufbruch, Neustart, der Erfüllung alter Verheißungen.

Aber Jesus wurde als König empfangen, als Messias, als Retter und Erlöser, als Heiland der Welt. Hosanna riefen die Menschen ihm zu, huldigten ihm, legten ihre Kleider in den Staub der Straßen, damit der Sohn Gottes, der gesalbte Messias, sauber einziehen konnte. Hosanna!

Schon oft habe ich um Demut geworben. Nicht um das sich kleinmachen und niederducken vor einem übergroßen Gott. Sondern das sich in Dienst nehmen lassen durch Gott. Jede und jeder von uns hat eine Aufgabe, eine Berufung am Aufbau des Reiches Gottes mitzubauen.
Hier und jetzt, da wir auf der Straße stehen, dann wenn wir Gottesdienst feiern, aber genauso gut in jedem anderen Moment des Alltags: das Reich Gottes geschieht an der Uni, geschieht im Beruf, geschieht in der Begegnung mit Freunden, geschieht sogar in den flüchtigen Begegnungen auf der Straße.

Schleiche ich in mich versunken dahin, blind für die Sorgen und Nöte der Zeit, vielleicht sogar abgeschottet mit Kopfhörern?
Schreite ich überheblich – wie hoch zu Ross –, herabschauend auf die Welt um mich herum, die mich doch nicht interessiert, weil Meines das Wichtigste ist?
Hosanna? Wird da keiner rufen!

Liebe Brüder und Schwestern,
lasst uns Esel sein!
Lasst uns ein Beispiel nehmen an dem jungen Fohlen von dem wir im Evangelium gehört haben.
Lassen wir uns bereitwillig in Dienst nehmen von Gott!
Lasst uns neugierig sein auf die Welt!
Lasst uns ruhig auch mal störrisch sein, unseren Willen und unsere Bedürfnisse einfordern! Gott kann damit umgehen.
Lasst uns für Jesus und den gemeinsamen Vater Werkzeug sein, um das Reich Gottes aufzubauen – hier in Berlin und überall sonst.

Ziehen wir nun hinüber in die Kirche, mit dem Herrn, gegenwärtig im Evangeliar.
IA, wir sind die Esel, die eine wichtige Rolle spielen.
Durch uns kommt Jesus in die Welt und in seine Kirche. Hosanna!

Lazarus: Ein Ruf ins Leben

© P. Felix M. Meckl OSA
Es gilt das am 22. März 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wer von uns kennt das nicht: Das Gefühl, festzustecken. Ich saß – wie einige wissen – in Indien fest, weil kriegsbedingt meine Rückflüge gestrichen wurden. Wir alle kennen den Druck, in einer Welt voller Krisen – Klima, Kriege, soziale Ungerechtigkeit – irgendwie „funktionieren“ zu müssen. Vielleicht steckt ihr auch in einer Hausarbeit fest, die seit Wochen unvollendet auf dem Desktop liegt.
Das sind Momente, in denen sich das Leben nicht nach Weite anfühlt, sondern nach einer engen Kiste. Nach einem Tunnel ohne Licht. Nach einem Grab.

Im Evangelium hörten wir gerade eine Geschichte, die oft als reines „Wunder-Spektakel“ missverstanden wird. Jesus erweckt Lazarus von den Toten.
Aber wenn wir genauer hinschauen, besonders durch die Brille unserer heutigen Zeit und unserer allzu menschlichen Sehnsucht nach einer befreienden Spiritualität, dann entdecken wir darin etwas viel Größeres:
Wir entdecken die unendliche Weite der Liebe Gottes, die keine Mauern, keine Grabsteine und keine gesellschaftlichen Erwartungen akzeptiert.

Die Geschichte beginnt mit einer tiefen Enttäuschung. Martha und Maria, die Schwestern des Lazarus, schicken nach Jesus. Ihr Bruder liegt im Sterben. Und was macht Jesus? Er wartet. Er lässt sich Zeit. Er prokrastiniert. Als er endlich ankommt, ist Lazarus seit vier Tagen tot. Martha begegnet ihm mit einem Satz, den wir vielleicht alle schon einmal leise in Richtung Himmel geschrien haben: „Herr, wärst du hier gewesen.“

Das ist die ehrliche Klage des Menschen. Wo bist du, Gott, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Wo bist du, wenn die Einsamkeit im Wohnheimzimmer zu groß wird? Wo bist du, Gott, wenn die Prüfungen schiefgehen?
Marthas Vorwurf ist zutiefst menschlich. Und Jesus? Er reagiert nicht mit einer theologischen Vorlesung über die Notwendigkeit des Leidens, wie fromme Kirche das gerne tut. Er reagiert nicht mit dogmatischen Sätzen. Er reagiert mit seiner Präsenz.

 

An dieser Stelle zeigt sich die erste Dimension der unendlichen Weite der Liebe Gottes: Sie ist eine Liebe, die mitgeht.
Johannesevangelium, Kapitel 11, Vers 35: „Da weinte Jesus.“
Der Gott, an den wir glauben, ist kein unbewegter Beweger, kein distanzierter Herr, kein strenger Prof, der von oben herab Noten verteilt.
Er ist ein Gott, der mit uns im Dreck sitzt, der den Schmerz über die Gewalt in der Welt, ja sogar die Enge des Todes teilt. Diese Tränen Jesu sind das Siegel einer Liebe, die sich nicht zu fein ist für unsere menschliche Zerbrechlichkeit. Das ist progressiver Glaube: Gott findet nicht nur im Opfer oder im Weihrauch statt, sondern in der Solidarität mit den Weinenden.

Doch Jesus, wäre nicht unser Jesus bliebe er beim Weinen stehen. Jesus geht zum Grab. Er befiehlt: „Nehmt den Stein weg!“
Und hier beginnt die Provokation der Weite.
Martha zögert noch – sie sorgt sich um den Geruch, um die Realität des Verfalls. Sie will das Grab lieber geschlossen halten, weil man sich mit dem Tod arrangiert hat.
Wie oft halten wir unsere eigenen Gräber geschlossen? Wir verstecken unsere Ängste, unsere Zweifel, unsere „unperfekten“ Seiten hinter schweren Steinen aus Scham oder Anpassung. Wie oft reden wir unseren Anteil heraus, flüchten in Eskapismus?

Die Liebe Gottes aber ist grenzenlos. Sie ruft mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Das ist kein Befehl zur bloßen biologischen Wiederbelebung. Es ist auch kein effekthaschender Populismus.
Es ist der Ruf in die Freiheit! Es ist der Ruf Gottes an jede und jeden von uns: Komm heraus aus deiner Angst! Komm heraus aus dem Zwang, dich ständig optimieren zu müssen! Komm heraus aus der Grabesruhe deiner Gleichgültigkeit! Lebe für dich und für andere!

Die unendliche Weite der Liebe Gottes bedeutet, dass es keinen Ort gibt – nicht einmal den Tod oder das totale Scheitern –, an dem Gott nicht schon auf uns wartet, um uns zurück ins Leben zu rufen. Hier klingt auch die Ezechiel-Lesung nach.
An diesem Sonntag schwingt sie sich ein: Die radikale Botschaft unserer Tradition: Das Leben hat das letzte Wort, nicht das Grab.

 

Und dann folgt ein Satz Jesu, der besonders uns als Gemeinschaft, als Studierendengemeinde, gilt. Als Lazarus herauskommt, noch gebunden an Händen und Füßen mit Leinenbinden, da sagt Jesus zu den Umstehenden: „Löst ihm die Binden und lasst ihn gehen!“

Hier wird Glaube politisch und praktisch. Jesus tut das Wunder, aber wir Menschen müssen die Binden lösen. Wir sind gerufen, einander die Binden zu lösen. Die Binden des Leistungsdrucks, der Vorurteile, der Diskriminierung. Die Fesseln der Angst und Unsicherheit.
In einer Kirche, die oft selbst wie ein Grab wirkt, eng und verstaubt, ist dies unser Auftrag: Die Weite der Liebe Gottes dadurch sichtbar zu machen, dass wir Räume der Freiheit schaffen. Dass wir einander helfen, die Fesseln abzustreifen, die uns klein halten.

 

Liebe Freunde,
die unendliche Weite der Liebe Gottes ist kein abstraktes Konzept oder schönes Blabla-Kirchensprech. Die unendliche Weite der Liebe Gottes ist eine Kraft, die uns heute und hier begegnet. Sie fordert uns heraus, die Steine wegzuwälzen – bei uns selbst und in der Gesellschaft. Sie ermutigt uns, auch dann noch auf die Weite zu hoffen, wenn wir nur die Enge sehen.

Wenn ihr heute aus dieser Kirche geht, nehmt diesen Ruf mit:
Ihr seid nicht für das Grab bestimmt. Ihr seid weder die Summe eurer Fehler noch die Abbilder eurer Ängste und schon gar nicht das Sammelalbum für Credit Points.
Ihr seid geisterfüllte Wesen einer unendlichen Liebe, die keine Grenzen kennt.

Gott ist die Weite, in der wir atmen. Gott ist die Liebe, die uns ruft. Gott ist die Kraft, die uns die Binden lösen will, damit wir endlich gehen können – frei, aufrecht und voller Hoffnung.

Amen.

Bild: Gary Meulemans / unsplash

Treffpunkt Brunnen

© Nicole Oster
Es gilt das am 8. März 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on 8 March 2026 at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Gemeinde,

kennen Sie so Gespräche, in denen man komplett aneinander vorbeiredet?

Irgendwie spricht man schon vom selben Thema, aber auf sehr unterschiedlichen Ebenen; oder Gespräche, bei denen man einfach nicht versteht, was der Gesprächspartner einem sagen möchte. Ich hatte mal eine Prüfung in Philosophie, bei der ich einfach nicht die Fragen vom Prüfer verstanden habe und echt ein paar Mal nachfragen musste. Hat zum Glück für’s Bestehen gereicht.

So ist es auch bei dem Gespräch von Jesus und der Samariterin, von dem wir im Evangelium gehört haben. Es ist ein Gespräch voller Missverständnisse und Kommunikation auf unterschiedlichen Ebenen. Ich habe diese Geschichte schon oft gehört oder gelesen, doch bei der Vorbereitung der Predigt ist mir deutlich geworden, wie genial Johannes dieses Gespräch komponiert hat.

Da ist einmal der Ort. Brunnen waren zentrale und wichtige Orte für Dörfer. Dort traf man sich, tauschte sich aus, es waren soziale Orte. Die Frau geht in der Mittagszeit zum Brunnen, eine ungewöhnliche Zeit, die etwas über ihren Stand im Dorf aussagt. Sie steht am Rand, ist von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Dann kommt Jesus zum Brunnen und beginnt ein Gespräch mit der Frau. Das ist in mehreren Punkten besonders. Zum einen, dass auch Jesus in der Mittagszeit zum Brunnen geht, er muss bewusst die Frau treffen wollen und es ist das längste Gespräch Jesu im Johannesevangelium, und das nicht nur mit einer Frau, sondern mit einer Frau aus Samarien. Samariter und Juden waren zu der Zeit miteinander zerstritten und pflegten keinen Umgang miteinander.  Schon diese Feststellungen zu Anfang zeigen, dass dieses Gespräch besonders ist.

Dabei reden sie auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Die Frau denkt praktisch: Da kommt jemand, zum Brunnen, es ist heiß, er möchte also etwas zu trinken haben – logisch. Jesus dagegen redet metaphorisch vom Wasser, nämlich vom Wasser des Lebens. Und es ist nicht Jesus, der Durst hat, sondern er möchte den Durst der Frau nach Mehr, nach einem Leben in Fülle stillen.

Dieses Gespräch ist voller Missverständnisse und einfach grandios komponiert von Johannes. Dann kommt es zum Wendepunkt, als Jesus von sich als lebendigem Wasser spricht und die Frau nach ihrer Vergangenheit fragt. Und die Frau öffnet sich ihm, sie spürt das Vertrauen.

Die 5 Männer der Frau können wörtlich verstanden werden, dass sie mehrere Männer hatte und als verschiedene Götter, bei denen sie hoffte, ihre spirituelle Sehnsucht stillen zu können. Die Frau erzählt ohne Scham von ihrer Vergangenheit und Jesus verurteilt nicht.

Das Vertrauen Jesu, seine Offenheit, sein Nicht-Verurteilen der Frau führen zu ihrem Bekenntnis „Ich weiß, dass der Messias kommt“ und sie wird zur Glaubensbotin, zur Apostelin. Denn sie verkündet dem Dorf von Jesus, und alle kommen zu Brunnen und damit zum Glauben an Jesus.

Für mich ist das Besondere dieser Perikope, dass Jesus einfach da ist. Allein sein Dasein und zuhören, sein Nicht-Verurteilen, reicht, dass die Samariterin sich öffnet, sich ihm anvertraut und ihre Sehnsucht erkennt.

Jesus ist es egal, dass sie Samariterin ist, dass sie eine Frau ist, wie ihr Ansehen im Dorf ist und wie ihre Vergangenheit aussieht. Ihm geht es um den Menschen. Die Sehnsucht, die in einem steckt.

Darin steckt für mich Hoffnung. Hoffnung, wie wir in der Lesung gehört haben.

„Denn die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen.“

Für mich zeigt sich hier die Hoffnung, dass da jemand ist, der mich kennt und liebt, mit all meinen Ecken und Kanten, und bei dem ich sein kann, wie ich bin, mit meinen Fehlern und meiner Sehnsucht. Der mich ermutigt, mir diese Fragen zu stellen:

  • Was ist meine Sehnsucht?
  • Wo kann ich sein, als Person mit all meinen Ecken und Kanten?

Sich diese Fragen zu stellen, erfordert Mut, Ausdauer, sich selbst Fragen zu stellen, nach den Wünschen fürs Leben, im Blick auf Studium, Beruf, Beziehungen,…

Auf Social Media ist gerade „and for the Lady perhaps“ ein kleiner Trend.

So wie „and for the lady perhaps the fall of the patriarchy“ oder „for the lady perhaps an Iced latte and the next book of her favorite series“. Das ist natürlich erstmal witzig, ironisch gemeint, aber ich finde, da steckt mehr drin. Was wünsche ich mir, nach was sehne ich mich? Vielleicht ist es eine Idee, diese Fragen mit in die Woche zu nehmen und zu überlegen, was ich Jesus am Brunnen erzählen würde.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Jesus am Brunnen unserer Zeit, im Café, oder am S-Bahnhof sitzt und fragt „and for the lady/men/human perhaps?“

Was würdest du antworten?

Amen.