Stimme, die Stein zerbricht
Predigt zu Aschermitttwoch 2025 von P. Max Cappabianca OP
Liebe Schwestern und Brüder,
Wir werden gleich während der Austeilung der Asche eines der klassischen Lieder zu Fastenzeit singen GL 266: „Bekehre uns vergib die Sünde, schenke Herr uns neu dein Erbarmen“ Ich mochte schon immer die Melodie. Sie ist so hoffnungsvoll und positiv – zugleich aber ernsthaft und würdig.
Aber auch der Text ist wunderschön.[1] Die Strophen drücken in einfachen Worten die wesentlichen Anliegen der Österlichen Bußzeit aus. So heißt es in der zweiten Strophe: „Bekehrt euch alle, denn das Reich ist nahe; in rechter Buße wandelt eure Herzen. Seid neue Menschen, die dem Herrn gefallen.“ Oder in der sechsten Strophe: „Tut Gutes allen, helft den Unterdrückten und stiftet Frieden: liebet euren Nächsten. Dies ist ein Fasten in den Augen Gottes.“
Fasten ist nicht Selbstzweck, sondern muss eingebettet sein in Taten der Liebe. Und so kennt die christliche drei Säulen des Fastens: „Fasten, Beten, Almosengeben.“ Die erste bezeichnet gleichsam die „körperliche“ Dimension der Umkehr, in einer ganzheitlichen Sicht des Menschen. Das Gebet bezeichnet die zweite, spirituelle Dimension der Fastenzeit und das Almosengeben die dritte, soziale Dimension des Fastens.
Ich möchte mit Ihnen heute einen Aspekt genauer anschauen, von dem in der dritten Strophe die Rede ist: „Hört seine Stimme, ändert euer Leben; suchet das Gute und lasst ab vom Bösen; als Gottes Kinder wirket seinen Frieden.“ Hört seine Stimme! Das greift eine Formulierung aus Psalm 95 auf, die jeden Tag im Stundengebet gebetet wird: „Ach würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!“ Es geht um das Volk Israel, das nach vierzig Jahren der Wüstenwanderung die Zuversicht verliert! Ein Volk, das doch aus der Gefangenschaft in die Freiheit geführt werden sollte!
Neu auf die Stimme Gottes hören: das kann man im Gebet[2] – und tatsächlich ist das Gebet ja eine der Säulen der Fastenzeit! Aber was heißt das? Was ist für Sie Gebet? Wie erleben Sie das Beten? Für viele Menschen ist Beten ein Gespräch mit Gott: Wir rufen zu ihm. danken und bitten und vertrauen darauf, dass unsere Gebete auch erhört werden! Erst aber einmal ein Gespräch in eine Richtung!
Aber offenbar gibt es auch eine andere Richtung. Hört seine Stimme! Gebet ist also mehr als nur ein Anrufen Gottes, sondern auch das Vernehmen seiner Antwort!
Nun kann man natürlich sagen: Wann hört man schon mal Gottes Stimme? Wann hören Sie sie? Man kann sich ja vieles einbilden… Warum nicht auch, dass Gott zu einem spricht? Haben Sie das schon mal erlebt? Und wenn ja: Wenn Sie das Freund:innen oder Verwandten erzählen, dass Sie die Stimme Gottes gehört haben: würden die nicht eher an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln?
Keine Sorge: Ich mach mich nicht darüber lustig. Aber es ist natürlich nicht so einfach, von Gottes Stimme zu sprechen, und von seiner vermeintlichen Antwort auf unser Gebet. Auch wenn ich zutiefst davon überzeugt bin, dass es diese Stimme gibt, dass Gott zu mir spricht und dass ich auch in meinem Leben immer wieder an Punkte geführt wurde, wo ich diese Stimme vernehmen konnte – vielleicht nur in einem Windhauch, manchmal aber auch in einem großen und lauten Sturm, der mich fast umgehauen hätte. Was sind das für Erfahrungen, von denen ich spreche?
Ganz ehrlich: Ich fürchte es wird banal, wenn ich in Worten auszudrücken versuchte, wo ich die Stimme Gottes in meinem Leben gehört habe. Oft sind es so einfache kleine Dinge, die aber doch eine riesige Bedeutung für mich haben, weil sie so intim sind und das Innerste meiner Persönlichkeit berühren. Ich zögere daher, ihnen solche scheinbaren Banalitäten vorzutragen.
Wichtig ist vielleicht noch ein weiterer Aspekt: Die Stimme ist ja nicht nur etwas, was man hören kann. Es ist eine Stimme, die zielgerichtet ist: Ich bin angesprochen! Gott labert nicht vor sich hin oder hält Sermone, so wie ich jetzt, sondern seine Stimme spricht mich an! Er flüstert mir zu, setzt mich zu mir in Beziehung, zieht mich in seinen Bann, weil er mich bei meinem Namen ruft. (vgl. Jer 7,14) Gott spricht mich an!
Die Fastenzeit ist eine Zeit, in der wir eingeladen sind, uns neu in Beziehung zu Gott zu setzen und uns ansprechen zu lassen. Wir werden nach der Kommunion ein Lied singen, dass genau das ausdrückt und ich bin der Band der KSG dankbar, dass sie es zusammen mit Herrn Habel ausgesucht haben. Wenn Sie möchten, können Sie das Gotteslob aufschlagen, und sich den Text vor Augen führen. Es geht um das Lied 417. Es heißt „Stimme, die Stein zerbricht“.[3]
Mit keinem Wort wird in diesem Lied Gott erwähnt, und tatsächlich könnten diese Worte auch von einem liebenden Menschen gesprochen werden. Aus dem Kontext wird aber deutlich, dass hier – auch! – Erfahrungen mit Gott gemeint sind!
Gott als eine Stimme, die Stein zerbricht. Mit einer sanften Gewalt. Und die sagt „Hab keine Angst, ich bin da!“ Eine Stimme, die dein ist und sagt „Ich bin’s!“ (Ex 3,14)
Ein ehrliches Lied – vor allem in der letzten Strophe. „Wird es dann wieder leer, teilen die Leere wir. Seh‘ dich nicht, hör nichts mehr“ Wer kennte diese Erfahrung nicht? Wo ist dieser Gott? Grade wenn ich ihn brauche? Warum hilft er nicht?
Und doch gibt es zugleich auch diese andere Erfahrung, die in er letzten Zeile der vierten Strophe formuliert wird: „Und ich bin nicht bang: Du bist hier.“ Trotz aller Leere, Stille und Dunkelheit: Du bist hier!
Liebe Schwestern und Brüdern,
nutzen wir die Fastenzeit, um Gottes Stimme neu zu entdecken. Und machen Sie sich bitte nichts vor! Vielleicht hören Sie nichts und Sie bleiben im Dunkel. Nichts schlimmer als Predigten mit leeren Versprechungen! Aber vielleicht vernehmen Sie doch ein Flüstern, einen Klang, eine Stimme die zu Ihnen spricht. Eine Antwort vielleicht?
STIMME, DIE STEIN ZERBRICHT
Stimme, die Stein zerbricht,
kommt mir im Finstern nah,
jemand, der leise spricht:
Hab keine Angst, ich bin da.
Sprach schon vor Nacht und Tag,
vor meinem Nein und Ja.
Stimme, die alles trägt:
Hab keine Angst, ich bin da.
Bringt mir, wo ich auch sei,
Botschaft des Neubeginns,
nimmt mir die Furcht, macht frei,
Stimme, die dein ist: Ich bin’s!
Wird es dann wieder leer,
teilen die Leere wir.
Seh dich nicht, hör nichts mehr –
und bin nicht bang: Du bist hier.
Amen.
Anmerkungen:
[1] Es sei nicht verschwiegen, dass die Übersetzung „Bekehre uns, Herr “ nicht genau die Bedeutung des Wortes „Attende, Domine“ wiedergibt. Achte auf uns Herr ist eine Bitte um Zuwendung, um Aufmerksamkeit. In Kontext dieser Predigt, in der es um den Beziehungsaspekt und die Reziprozität im Gebet geht, ein weiterer interessanter Aspekt, den wir aber an dieser Stelle beiseite lassen müssen.
[2] Und im Lesen der Heiligen Schrift!
[3] Im Original stammt das Lied aus Schweden. Den Text dichtete 1971 Anders Frostenson (1906–2006).
