Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein

Predigt von P. Max Cappabianca OP 

Die Predigt fußt zu einem großen Teil auf einer Ansprache von P. Martin Löwenstein SJ[1] aus dem Jahre 2010.

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Liebe Schwestern und Brüder,

Dieses Evangelium gehört zu meinen Lieblingsevangelien, denn es berührt einen. Keiner wagt es einen Stein zu werfen, nachdem Jesus sagt „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ So eine gewisse Genugtuung schwingt bei mir mit. Ich könnte ja auch die Frau am Boden sein!

Man kann hier richtig spüren, wie Jesus mit den Fehlern der Menschen umgeht! Nicht besserwisserisch oder moralinsauer, sondern er sieht in erster Linie den Menschen! Und man spürt, dass das wichtigste nicht die Regeln und die Moral sind, sondern die Barmherzigkeit!

Trotzdem möchte ich das Evangelium ein wenig kritisch gegenbürsten und stütze mich dabei im Wesentlichen auf Gedanken von P. Martin Löwenstein SJ, einem Jesuiten, der lange Hochschulseelsorger in Frankfurt war!

Zum einen könnte die Geschichte von der Sünderin frauenfeindlich gelesen werden! Warum wird eigentlich nur die Ehebrecherin an den Pranger gestellt? Was ist mit dem Mann?  Ist der nicht genauso am Ehebruch beteiligt! Tatsächlich heißt es in Dtn 2,22: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau.“ Warum wird der Mann an dieser Stelle unterschlagen?

Und dann kann man ja auch fragen, ob so eine drakonische Strafe überhaupt angemessen ist? Erinnert das nicht an sog. „Ehrenmorde“, bei denen man sich fragen kann: Was ist eigentlich wichtiger? Die moralische Regel oder das Leben eines Menschen? Und würden die Berliner Party People mit der Treue das genauso sehen?

Zur Erklärung dieser Härte im Gesetz mag helfen, sich folgendes vor Augen zu halten:  In alten Stammesgesellschaften konnte Ehebruch schwerwiegende Folgen haben. Der damals wichtige soziale Zusammenhalt wurde gefährdet, und Sippen und Stämme konnten in Konflikte geraten. Bei Nomaden und ländlichen Stammesgruppen war das Überleben ohne die Unterstützung der Sippe schwierig. Ehebruch stellte eine Bedrohung für diese Strukturen dar. Das Gesetz des Mose sieht diese strenge Strafen vor, um genau das zu verhindern. Wer nie den Verlust einer sozialen Ordnung erlebt hat, kann die Bedeutung dieser Maßnahmen möglicherweise schwer nachvollziehen.

Nun war zur Zeit Jesu die Gesellschaft bereits eine modernere. Durch eheliche Untreue wurden nicht die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert. Trotzdem ist es spannend zu sehen, wie Jesus auf das Verhalten der Männer reagiert!

Die Rotte der Männer will die Frau steinigen. Er sagt nicht: Ihr Heuchler, räumt erst mal vor eurer eigenen Haustür auf, sondern er überlässt es ihnen selbst, in sich zu gehen und festzustellen, wie prekär es ist, sich moralisch über andere erheben zu wollen

Was hier geschieht, kann uns die Augen dafür öffnen, was es heißt, aus dem Glauben zu leben. Von uns aus, solange wir ohne das Vertrauen bleiben, dass Gottes Barmherzigkeit trägt, brauchen wir den natürlichen Reflex, alles zu meiden, was uns gefährdet. Dann muss man sich festhalten an äußeren Regeln, an dem was die christliche Moral sagt, oder das Lehramt, oder der Papst!

Der Glaube an Gott beginnt aber nicht mit festen Regeln, sondern mit dem Risiko, sich seiner Führung zu überlassen. Christlich zu glauben bedeutet, Gottes Unfassbarkeit anzunehmen und zu sehen, wohin er uns leitet. Der Glaube an den lebendigen Gott relativiert soziale Strukturen und Mechanismen. Das zu verstehen fällt vielen Menschen schwer, besonders den Ängstlichen!

Biblisch gesprochen: Der Glaube führt in die Einsamkeit der Wüste. Und Jesus macht deutlich, dass uns das zuerst zu den Menschen führt, die ebenso „außerhalb“ leben, weil sie ausgegrenzt werden.

 

Die Szene mit der Sünderin zeigt, dass es Angst macht, bei den Ausgegrenzten zu stehen, weil sie die Zielscheibe für den Hass der anderen sind: Dort fliegen die Steine. Doch der Glaube gibt Kraft, diese Angst zu ertragen. Gott hilft uns, mit diesen Menschen auszuhalten. Jesus widersteht der Gewalt des Gesetzes und schreibt in den Sand.

 

Deswegen ist es sozusagen die Zier eines und einer jeden Christ:in, sich mit denen zu solidarisieren, die ausgegrenzt werden. Und wir sollten uns Gedanken machen, welche Menschen das heute sind! Manche haben wir klar vor Augen, manche vergessen wir aber schon mal, oder es fällt uns schwer, uns in ihre Situation zu versetzen. Das mögen queere Menschen sein, Migrant:innen, süchtige Menschen, extremistische Menschen, Kriminelle… Manche sehen wir gerne, manche übersehen wir umso lieber!

Jesus fordert uns auf, bei bedrohten Menschen zu bleiben, zuzuhören und ihre Wertschätzung zu erkennen. So schwindet die Angst vor den Folgen des Umgangs mit Ausgegrenzten und die Sorge, dass Gesetze nicht mehr eindeutig sein könnten.

Stattdessen können wir Dankbarkeit erleben, indem wir bei einem gefährdeten Menschen sind. Und wir können die Einsamkeit Gottes fühlen, der an der Seite der Verbrecher gekreuzigt wurde.

 

[1] https://www.martin-loewenstein.de/predigt-zum-5-fastensonntag-c-2010.html (abgerufen am 6.4.2025)

Die Scham überwinden

Predigt von P. Max Cappabianca OP in der KSG Berlin 

Liebe Gemeinde,

Kennt ihr das eigentlich, wenn man richtig beschämt ist? Man hatte eigentlich eine Aufgabe, vielleicht gar nicht so schwer und verkackt es einfach! Vielleicht gar nicht aus Absicht, aber aus Unachtsamkeit. Das ist hochnotpeinlich. Man schämt sich dafür! Ich habe da selber ganz aktuell ein Beispiel: Heute Morgen hatte ich Joschua zugesagt, eine Gottesdienst zu feiern. 8.00h morgens in einem Hotel in Moabit. Ist keine sehr christliche Zeit, aber auch nicht unmöglich. Ok ich bin erst am Donnerstagfrüh nach einem Nachtflug in Deutschland wieder angekommen. Übermüdet bin ich – aber dass ich zwei Weckersignale nicht höre. Wach werde ich dann schließlich, als um 8.00h mein Diensthandy rappelt: In dem Moment werde ich endlich wach und mir fällt siedend heiß ein: Du hast eine Messe zugesagt!

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie Scheiße ich mich gefühlt habe. Und man kann sich vorstellen, wie blöd Joshua sich gefühlt haben muss. Ich könnte es ihm nicht verübeln, wenn er sagt: Den Pater kannste vergessen!

Scham ist ein Gefühl, das viele von uns kennen. Sich zu schämen ist etwas sehr Menschliches. Immer wieder geschieht es, weil wir Fehler machen. Weil wir denken, dass es keine Chance auf einen Neuanfang gibt. Wie aber das Beschämung herauskommen?  Es ist das Gefühl, dass wir etwas getan haben, das nicht nur gegen andere, sondern auch gegen uns selbst ist. Scham kommt oft mit der Vorstellung, dass wir nicht mehr vor unseren Mitmenschen bestehen können oder dass wir uns selbst verloren haben. Dieses Gefühl erleben wir im Gleichnis des verlorenen Sohnes in seiner reinsten Form: Dem heutigen Sonntagsevangelium

Der verlorene Sohn und seine Scham

Der jüngere Sohn ist ein junger Mann, der von zu Hause fortgeht, um sein Erbe zu verprassen. Zu Beginn seiner Reise scheint er voller Hoffnung und Entschlossenheit zu sein, sein eigenes Leben zu führen. Doch der Weg, den er wählt, endet in Scham und Armut. Als er all sein Geld verschwenderisch ausgegeben hat und mit nichts dasteht, wird er mit seiner tiefsten Scham konfrontiert. Er wird nicht nur arm, sondern auch verachtet. In einer Situation, die alles andere als ehrenvoll ist, erkennt er, wie weit er sich von seinem Vater entfernt hat.

In dieser Phase seines Lebens fühlt er sich vielleicht unsichtbar, unwert und vor allem: beschämt. Und das ist der Punkt, an dem wir uns in seiner Geschichte wiederfinden können. Wer von uns hat nicht schon einmal etwas getan, was uns beschämt hat? Wer hat nicht schon einmal Entscheidungen getroffen, die uns im Nachhinein wie ein schwerer Rucksack aus Scham und Schuld belasten?

Der Weg zur Umkehr

Doch das Gleichnis geht weiter. Der Sohn fasst schließlich den Entschluss, zu seinem Vater zurückzukehren. Er möchte ihm sagen: „Vater, ich habe gesündigt, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Wir hören hier den Moment der Umkehr – ein Moment, in dem er den mutigen Schritt macht, sich der Scham zu stellen. Anstatt sich in seiner Scham zu verkriechen, entscheidet er sich, den Schritt zurück ins Leben zu wagen. Aber es ist auch der Moment, in dem er sich eingesteht, dass er nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu retten. Der Sohn braucht den Vater. In seiner Scham geht er auf denjenigen zu, der ihm verzeihen kann.

Und was passiert dann? Der Vater sieht ihn schon von weitem, läuft ihm entgegen, nimmt ihn in die Arme und sagt: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“ Der Vater schämt sich nicht, sondern er feiert die Rückkehr des Sohnes. Er entlässt ihn nicht mit Vorwürfen und Schimpfworten, sondern mit Liebe und voller Gnade.

Die Kraft der Vergebung

Hier liegt der Kern des Gleichnisses: Scham wird durch Vergebung überwunden. Der Sohn braucht keine langen Entschuldigungen, keine Rechtfertigungen. Der Vater gibt ihm, was er braucht – nicht das Urteil, sondern die Liebe. Die Vergebung des Vaters ist der Moment, in dem die Scham des Sohnes verblasst. Die Scham verschwindet nicht durch Selbstvorwürfe oder durch das Festhalten an der eigenen Schuld, sondern durch das Annehmen der Gnade. Der Sohn kann in den Armen seines Vaters wieder als Sohn leben, ohne sich ständig für seine Taten schämen zu müssen.

Scham und die Einladung zur Gnade

Scham ist ein Teil des menschlichen Lebens, aber sie ist nicht das Ende der Geschichte. Sie ist nicht das, was unser Leben bestimmen sollte. Der Weg zur Heilung beginnt, wenn wir uns in unserer Scham nicht verkriechen, sondern uns der Gnade Gottes zuwenden. Der Vater im Gleichnis zeigt uns, dass es keinen Fehler gibt, der zu groß ist, als dass er nicht vergeben werden kann. Es gibt keine Scham, die nicht durch die Liebe Gottes aufgehoben werden kann

Wir sind eingeladen, wie der verlorene Sohn, unsere Scham anzunehmen, uns unserer eigenen Fehler bewusst zu werden, aber dann auch den Mut zu fassen, den Weg zurück nach Hause zu gehen – zu einem Gott, der uns immer mit offenen Armen empfängt. Denn dieser Gott ist der Vater und die Mutter, die uns nicht nach unserem Versagen beurteilt, sondern uns in seiner Liebe wiederherstellt.

Fazit

Liebe Gemeinde, die Scham, die der verlorene Sohn fühlt, kennen wir vielleicht alle. Sie ist ein mächtiges Gefühl, das uns davon abhalten kann, den nächsten Schritt zu tun. Doch die Geschichte des verlorenen Sohnes zeigt uns, dass Scham nicht das Ende ist. Sie ist ein Schritt auf dem Weg zur Umkehr und Vergebung. Wie der Vater im Gleichnis uns immer wieder mit offenen Armen erwartet, so erwartet uns auch Gott mit seiner / ihrer grenzenlosen Liebe.

Wird Joshua mir verzeihen? Ich hab keine andere Wahl als auf seine Vergebung zu hoffen.

Es ist leichter in seiner eigenen Scham nicht verharren. Wir wollen mutig sein und den Schritt wagen, dem Ja Gottes zu trauen, Vergebung anzunehmen und so einen Neuanfang zu wagen. Amen.

Bild: Evan Dennis / unsplash

Vom Warum zum Wozu

Liebe Gemeinde,

Umkehr, Schuld, Drohungen, …Apokalypse, Ende der Welt.

Die Lesungstexte in der Fastenzeit sind davon geprägt und wie ich finde immer herausfordernd. Auf theologische Weise und auch, was das Bild von Jesus angeht. In den Evangelien in der Fastenzeit begegnet uns nicht der liebevolle Jesus, der schöne Gleichnisse erzählt und von Gott, der die Liebe ist, redet. Hier ist ein Jesus, der Klartext redet, harte Worte benutzt und auch Drohungen ausspricht. 

Beim ersten Lesen/Hören wirkt das eher abschreckend, wirft Fragen auf.

Genauer betrachtet:

Aufhänger des Evangeliums ist die Ermordung eines Galiläers durch die Römer. Nach dem Konzept des Tun-Ergehens-Zusammenhangs, also ich tue was Gutes, mir widerfährt gutes und umgekehrt, ich handle schlecht, mir ergeht es schlecht, müssten diese Galiläer Sünder sein. Ein wenig wie Karma. 

Jesus dementiert das. 

Er bringt eine andere Logik: Von der Warum zu der Wozu Frage

Nicht „warum ist es den Galiläern so ergangen?“, sondern „was kann ich daraus für mein Handeln lernen?“

Die Wozu Frage lädt ein, zu fragen, was ich aus Situationen lernen kann.  

Das ist nicht immer leicht. Vor allem, wenn es um schwierige Situationen in meinem Leben geht. Das geht oft erst mit Abstand und mehr Reflektion. Beim Verlust von einem Familienmitglied – stelle ich mir nicht direkt die Wozu-Frage, da werfe ich Gott mein Warum an den Kopf, aber nach einer gewissen Zeit, kann ich erkennen, dass ich Thema Trauer verstehe, Wert des Lebens und der Liebe neue sehe; oder die Absage von einem Job, als Chance sehe; oder das Handel von Personen sehen und merken, so möchte ich nicht mit meinem Kollegen umgehen…

Unser Handeln, unser Tun hat Konsequenzen, aber es hat keine unmittelbaren oder unumkehrbaren Konsequenzen. Weil ich eine schlechte Tat begangen habe, werde ich nicht automatisch direkt bestraft. Das Gleichnis mit dem Feigenbaum vertieft das: der Winzer ist quasi der Fürsprecher des Baumes. Er setzt sich für den Baum ein, damit dieser eine Gnadenfrist bekommt und die Chance hat, gute Früchte zu bringen. Sprich, Jesus als unser Fürsprecher, der uns auffordert, Gutes zu tun, nach dem Evangelium, seinem Vorbild zu leben und gutes zu tun. Nicht aus Angst vor Strafe (Tun-Ergehens-Zusammenhang), sondern aus Hoffnung auf Vergebung.

 

Korintherbrief

Ein ähnliches Beispiel dafür gibt uns der Paulusbrief. Die Korinther wähnen sich in Heilssicherheit, weil sie getauft sind und durch die Abendmahlsfeier schon Anteil an JC haben. 

Paulus bringt sie auf den Boden der Tatsachen zurück und macht ihnen klar, dass man sich nicht auf der Taufe und dem Ausüben kultischer Vollzüge ausruhen kann. Der regelmäßige Messbesuch reicht nicht, um ich des Heils sicher zu sein. 

Nein, Christentum ist mehr als Gottesdienst. Den aus der Taufe erwächst auch die Aufgabe, als Christin zu leben und zu handeln. Das bezieht sich auf die Liturgie und auch auf das diakonische, soziale Handeln als Christin und auch die Weitergabe des Glaubens. 

Sich in Heilssicherheit zu wiegen wegen kultischer Vollzüge, ist ein großer Irrtum. 

„Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt.“

 

Paulus und Jesus legen den Fokus auf das Handeln als Christ. 

🡪 wie handle ich als Christ?

🡪 was kann ich auch aus dem Handeln anderer und meinen Erfahrungen lernen?

Umkehr ist immer möglich und unser Taufbewusstsein fordert uns zum Handeln heraus.

Immer wieder Handeln überdenken und prüfen, ob es dem christlichen Glauben, Liebesgebot entspricht.

 

Dabei kann ich immer auf die Treue Gottes vertrauen.

 

Predigt von Nicole Oster.

vom Abram zum Abraham

Vom Abram zum Abraham: Zu Gen 15, 5-18

Liebe Schwestern und Brüder,

zuweilen gibt es in den Texten der Heiligen Schrift denk- und merkwürdige Namensveränderungen. Bekannt ist der Wechsel des Namens Saulus zu Paulus. Dazu gibt es unterschiedliche Interpretationen und Begründungen, auf die ich aber nicht eingehen will. Weniger bekannt ist der Wechsel des Namens Abram zu Abraham. Davon wird im Buch Genesis berichtet. Der Name Abraham ist uns heute geläufig, aber die Person, die Abraham genannt wird, hieß zuvor eigentlich nur Abram. In der heutigen Lesung ist nur von dem frühen Abram die Rede. Dass er künftig Abraham heißen solle, wird zu einem späteren Zeitpunkt berichtet. „Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien der HERR dem Abram und sprach zu ihm: Ich bin Gott der Allmächtige! Geh vor mir und sei untadelig! Ich will meinen Bund stiften zwischen mir und dir und ich werde dich über alle Maßen mehren. Abram fiel nieder auf sein Angesicht. Und Gott redete mit ihm und sprach: Ich bin es. Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern. Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.“ (Gen 17, 1–5) Also wird aus Abram – übersetzt „Gott ist erhaben“ – ein Abraham – übersetzt „Vater der Menge aller Völker“. Ganz offensichtlich ist der Namenswechsel eine bedeutende Aussage. Sie sagt etwas aus über den Abraham, der schon sehr alt ist, aber zur Wurzel eines ganzen Volkes wird.

Aber so weit waren wir noch gar nicht in unserer Lesung. Die setzt etwas früher an. Und der ganze Text klingt ziemlich archaisch und nach altem Opferkult mit seltsamen Tierschlachtungen. Gott der HERR erklärt dem Abram, welche Bedeutung er als Urvater vieler Nachkommen haben würde. Und zur Bestätigung solle Abram ein Rind, eine Ziege, einen Widder und zwei Tauben schlachten und halbieren. Für unsere Augen und Ohren eine seltsame Art und Weise der Opferung, aber eigentlich gar nichts Außergewöhnliches. Ich war vor Kurzem in Mexiko, um meine Mitbrüder zu besuchen, die in Chiapas mit indigenen Gruppen arbeiten. Dabei hatte ich Gelegenheit, einen religiösen Kultort in Chamula zu besuchen: Eine ehemalige Kirche wurde von den Einwohnern übernommen und zu ihrem Gebetshaus gemacht. Die Menschen kommen in den Raum, zünden mitgebrachte Kerzen an, bringen Rauchopfer dar und beten. Aber nicht nur das – zuweilen bringen sie auch Hühner mit. Wenn jemand krank ist, bittet er darum, von dieser Krankheit geheilt zu werden, indem die Krankheit dem Huhn übertragen wird. Und am Ende wird das Huhn im Gebetshaus geschlachtet. Danach wird es mitgenommen und verbrannt. Für die Touristen ein etwas erschreckendes Spektakel, aber eigentlich nur ein sehr klassischer Opferkult, wie man ihn in Abwandlung aus vielen Kulturen der Weltgeschichte kennt.

Es ist schlicht eine bestimmte Kommunikationsform, um mit Gott zu sprechen. Es geht ja nicht um das Opfer an sich und auch nicht unbedingt um den neuen Namen, sondern: Gott redet mit Abraham und schließt mit ihm einen Bund. Gott verpflichtet sich zu einer besonderen Beziehung zu Abraham und seinen vielen Nachkommen – zu einer besonderen Beziehung zum Volk Israel. Dass Gott so unmittelbar mit dem Menschen redet, wie das hier beschrieben wird – davon können wir heute nur träumen. Leider offenbart sich Gott uns gegenüber nicht mehr so direkt oder redet gar mit uns, so wie er mit Abraham geredet hat. Wenn wir auf das Evangelium schauen, das wir gerade gehört haben, hat nicht einmal Jesus selbst das Privileg, mit Gott zu reden, ins Gespräch zu treten. Die sogenannte Verklärung Jesu, von der im Evangelium berichtet wird, ist keine Kommunikation mit Gott, sondern nur mit den bereits seit Langem nicht mehr auf der Welt lebenden Propheten Mose und Elija.
Gott redet nicht mit uns, er gibt uns nicht einmal Zeichen. Aber ich frage: Ist das eigentlich so schlimm? Brauche ich ein Zeichen Gottes, um zu handeln? Gott selbst würde uns vermutlich sagen – wenn er etwas sagen würde: Nein, ihr braucht mich nicht. Ihr habt euch selbst. Gott hat uns Verstand gegeben, Gott hat uns seine Botschaft über seinen Sohn verkündet. Und jetzt? Jetzt sind wir dran! Es ist an uns, zu entscheiden, zu handeln. Denn Gott hat uns Freiheit gegeben – die Freiheit, zu tun, was wir wollen. Das hat nichts zu tun mit Relativismus, mit einem Machen-was-wir-wollen. So einfach ist das nicht. Verstand, Vernunft und Glaube sind gegeben, damit wir selbstständig handeln, aber vor allen Dingen auch (sittlich – moralisch – ethisch) verantwortlich handeln.

Am Ende des Lebens wird abgerechnet: Was haben wir aus unserer Freiheit gemacht? Wie haben wir gehandelt? Wie sind wir mit den Mitmenschen umgegangen?

Das – und nichts anderes – hat Gott dem Abram/Abraham erklärt: Ich schließe einen Bund mit den Menschen, einen Bund mit uns allen. Darauf verpflichte ich mich. Aber wir sind jetzt gehalten, Verantwortung zu übernehmen und – im Sinne dieses Bundes mit Gott – zu handeln. Die Entscheidung kann und muss uns niemand abnehmen.
Nutzen wir die Freiheit, die Gott uns gegeben hat!
Amen!

Thomas Eggensperger OP

Stimme, die Stein zerbricht

Predigt zu Aschermitttwoch 2025 von P. Max Cappabianca OP

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir werden gleich während der Austeilung der Asche eines der klassischen Lieder zu Fastenzeit singen GL 266: „Bekehre uns vergib die Sünde, schenke Herr uns neu dein Erbarmen“ Ich mochte schon immer die Melodie. Sie ist so hoffnungsvoll und positiv – zugleich aber ernsthaft und würdig.

Aber auch der Text ist wunderschön.[1] Die Strophen drücken in einfachen Worten die wesentlichen Anliegen der Österlichen Bußzeit aus. So heißt es in der zweiten Strophe: „Bekehrt euch alle, denn das Reich ist nahe; in rechter Buße wandelt eure Herzen. Seid neue Menschen, die dem Herrn gefallen.“ Oder in der sechsten Strophe: „Tut Gutes allen, helft den Unterdrückten und stiftet Frieden: liebet euren Nächsten. Dies ist ein Fasten in den Augen Gottes.“

Fasten ist nicht Selbstzweck, sondern muss eingebettet sein in Taten der Liebe. Und so kennt die christliche drei Säulen des Fastens: „Fasten, Beten, Almosengeben.“ Die erste bezeichnet gleichsam die „körperliche“ Dimension der Umkehr, in einer ganzheitlichen Sicht des Menschen. Das Gebet bezeichnet die zweite, spirituelle Dimension der Fastenzeit und das Almosengeben die dritte, soziale Dimension des Fastens.

Ich möchte mit Ihnen heute einen Aspekt genauer anschauen, von dem in der dritten Strophe die Rede ist: „Hört seine Stimme, ändert euer Leben; suchet das Gute und lasst ab vom Bösen; als Gottes Kinder wirket seinen Frieden.“ Hört seine Stimme! Das greift eine Formulierung aus Psalm 95 auf, die jeden Tag im Stundengebet gebetet wird: „Ach würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!“ Es geht um das Volk Israel, das nach vierzig Jahren der Wüstenwanderung die Zuversicht verliert! Ein Volk, das doch aus der Gefangenschaft in die Freiheit geführt werden sollte!

Neu auf die Stimme Gottes hören: das kann man im Gebet[2] – und tatsächlich ist das Gebet ja eine der Säulen der Fastenzeit! Aber was heißt das? Was ist für Sie Gebet? Wie erleben Sie das Beten? Für viele Menschen ist Beten ein Gespräch mit Gott: Wir rufen zu ihm. danken und bitten und vertrauen darauf, dass unsere Gebete auch erhört werden! Erst aber einmal ein Gespräch in eine Richtung!

Aber offenbar gibt es auch eine andere Richtung. Hört seine Stimme! Gebet ist also mehr als nur ein Anrufen Gottes, sondern auch das Vernehmen seiner Antwort!

Nun kann man natürlich sagen: Wann hört man schon mal Gottes Stimme? Wann hören Sie sie? Man kann sich ja vieles einbilden… Warum nicht auch, dass Gott zu einem spricht? Haben Sie das schon mal erlebt? Und wenn ja: Wenn Sie das Freund:innen oder Verwandten erzählen, dass Sie die Stimme Gottes gehört haben: würden die nicht eher an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln?

Keine Sorge: Ich mach mich nicht darüber lustig. Aber es ist natürlich nicht so einfach, von Gottes Stimme zu sprechen, und von seiner vermeintlichen Antwort auf unser Gebet. Auch wenn ich zutiefst davon überzeugt bin, dass es diese Stimme gibt, dass Gott zu mir spricht und dass ich auch in meinem Leben immer wieder an Punkte geführt wurde, wo ich diese Stimme vernehmen konnte – vielleicht nur in einem Windhauch, manchmal aber auch in einem großen und lauten Sturm, der mich fast umgehauen hätte. Was sind das für Erfahrungen, von denen ich spreche?

Ganz ehrlich: Ich fürchte es wird banal, wenn ich in Worten auszudrücken versuchte, wo ich die Stimme Gottes in meinem Leben gehört habe. Oft sind es so einfache kleine Dinge, die aber doch eine riesige Bedeutung für mich haben, weil sie so intim sind und das Innerste meiner Persönlichkeit berühren. Ich zögere daher, ihnen solche scheinbaren Banalitäten vorzutragen.

Wichtig ist vielleicht noch ein weiterer Aspekt: Die Stimme ist ja nicht nur etwas, was man hören kann. Es ist eine Stimme, die zielgerichtet ist: Ich bin angesprochen! Gott labert nicht vor sich hin oder hält Sermone, so wie ich jetzt, sondern seine Stimme spricht mich an! Er flüstert mir zu, setzt mich zu mir in Beziehung, zieht mich in seinen Bann, weil er mich bei meinem Namen ruft. (vgl. Jer 7,14) Gott spricht mich an!

Die Fastenzeit ist eine Zeit, in der wir eingeladen sind, uns neu in Beziehung zu Gott zu setzen und uns ansprechen zu lassen. Wir werden nach der Kommunion ein Lied singen, dass genau das ausdrückt und ich bin der Band der KSG dankbar, dass sie es zusammen mit Herrn Habel ausgesucht haben. Wenn Sie möchten, können Sie das Gotteslob aufschlagen, und sich den Text vor Augen führen. Es geht um das Lied 417. Es heißt „Stimme, die Stein zerbricht“.[3]

Mit keinem Wort wird in diesem Lied Gott erwähnt, und tatsächlich könnten diese Worte auch von einem liebenden Menschen gesprochen werden. Aus dem Kontext wird aber deutlich, dass hier – auch! – Erfahrungen mit Gott gemeint sind!

Gott als eine Stimme, die Stein zerbricht. Mit einer sanften Gewalt. Und die sagt „Hab keine Angst, ich bin da!“ Eine Stimme, die dein ist und sagt „Ich bin’s!“ (Ex 3,14)

Ein ehrliches Lied – vor allem in der letzten Strophe. „Wird es dann wieder leer, teilen die Leere wir. Seh‘ dich nicht, hör nichts mehr“ Wer kennte diese Erfahrung nicht? Wo ist dieser Gott? Grade wenn ich ihn brauche? Warum hilft er nicht?

Und doch gibt es zugleich auch diese andere Erfahrung, die in er letzten Zeile der vierten Strophe formuliert wird: „Und ich bin nicht bang: Du bist hier.“ Trotz aller Leere, Stille und Dunkelheit: Du bist hier!

Liebe Schwestern und Brüdern,

nutzen wir die Fastenzeit, um Gottes Stimme neu zu entdecken. Und machen Sie sich bitte nichts vor! Vielleicht hören Sie nichts und Sie bleiben im Dunkel. Nichts schlimmer als Predigten mit leeren Versprechungen! Aber vielleicht vernehmen Sie doch ein Flüstern, einen Klang, eine Stimme die zu Ihnen spricht. Eine Antwort vielleicht?

STIMME, DIE STEIN ZERBRICHT

Stimme, die Stein zerbricht,
kommt mir im Finstern nah,
jemand, der leise spricht:
Hab keine Angst, ich bin da.

Sprach schon vor Nacht und Tag,
vor meinem Nein und Ja.
Stimme, die alles trägt:
Hab keine Angst, ich bin da.

Bringt mir, wo ich auch sei,
Botschaft des Neubeginns,
nimmt mir die Furcht, macht frei,
Stimme, die dein ist: Ich bin’s!

Wird es dann wieder leer,
teilen die Leere wir.
Seh dich nicht, hör nichts mehr –
und bin nicht bang: Du bist hier.

Amen.

Anmerkungen:

[1] Es sei nicht verschwiegen, dass die Übersetzung „Bekehre uns, Herr “ nicht genau die Bedeutung des Wortes „Attende, Domine“ wiedergibt. Achte auf uns Herr ist eine Bitte um Zuwendung, um Aufmerksamkeit. In Kontext dieser Predigt, in der es um den Beziehungsaspekt und die Reziprozität im Gebet geht, ein weiterer interessanter Aspekt, den wir aber an dieser Stelle beiseite lassen müssen.

[2] Und im Lesen der Heiligen Schrift!

[3] Im Original stammt das Lied aus Schweden. Den Text dichtete 1971 Anders Frostenson (1906–2006).

Mut zum Urteil – aber vergiss den Splitter im Auge nicht!

Predigt von P. Pascal Meyer SJ

Liebe Schwestern und Brüder,

die Worte aus dem heutigen Evangelium nach Lukas kann man nur verstehen, wenn man sie im Gesamtkontext liest. Nämlich als Teil der sogenannten Feldrede, wie wir sie in dieser Form nur bei Lukas finden. Letzten Sonntag endete die Lesung mit einer Art «Gebot» von Jesus, barmherzig zu sein, wie auch der Vater barmherzig ist. Und dann fügte Jesus die Worte hinzu: Richtet nicht, auf dass ihr nicht selbst gerichtet werdet. Urteilt nicht, auf dass ihr nicht verurteilt werdet. Das ist der Aufhänger für unser heutiges Evangelium. Dazu möchte ich gerne drei Gedanken mit Ihnen teilen.

Erster Gedanke: Die Wichtigkeit der Selbstprüfung

Das Gleichnis von den Blinden einerseits. andererseits das Bild vom Splitter im Auge meines Bruders, beziehen sich im Grunde auf denselben Sachverhalt. Jesus will damit aufzeigen, warum es schwierig ist, über andere zu richten oder zu urteilen. Im Gleichnis ist das Kernproblem die Blindheit; Jesus bezieht sich hier nicht in erster Linie auf die Sehkraft der Menschen, sondern es ist Blindheit im übertragenen Sinne: Menschen, die blind sind für ihre Mitmenschen, für Probleme in der Welt, für praktikable Lösungen usw. Das Grundproblem geht aber noch weiter: Es ist unglaublich menschlich, Blindheit jeweils bei den anderen zu vermuten, nur nicht bei sich selber. Deswegen sagte ich zu Beginn: Das Gleichnis von den Blinden und das Bild vom Splitter im Auge meines Bruders beziehen sich auf denselben Sachverhalt. Auch wenn eine Bewertung oder Beurteilung meiner Mitmenschen einen wahren Kern enthält und womöglich auch meine Kritik an den anderen berechtigt sein mag, so gibt mir das nicht automatisch ein Recht, die anderen zu leiten, geschweige denn, es besser zu machen. Der Grund: Auch wir haben unsere «Blindheiten». Selbst bei sehr engagierten und talentierten Menschen kommt es vor, dass sie glauben, der Nation, der Welt oder Gott einen großen Dienst zu erweisen, indem sie anderen vorschreiben, was zu tun ist, weil sie ja den Durchblick haben. Dabei sind sie aber völlig blind für gewisse Aspekte im Leben. So nebenbei: Wenn Ihnen das Bild von der Blindheit nicht gefällt, können Sie es auch mit Ignoranz, Nonchalance, Rücksichtslosigkeit oder schlicht Unwissen bezeichnen. Gerade hier kommt die Lehre von Jesus zum Tragen, dass wir gut überlegen, ob es recht ist, andere zu leiten und zu führen, solange unser eigener Blick selber noch verstellt oder getrübt ist. Es ist eine Ermahnung, bescheiden, selbstkritisch und demütig zu bleiben, bevor wir anderen Menschen vorschreiben, was sie zu tun haben. Darin liegt gleichzeitig eine Einladung, über die Balken in meinem Auge nachzudenken. Als Jesuit würde ich sogar empfehlen: Machen Sie das täglich. Nehmen wir uns die Zeit, über die eigenen «Blindheiten» im Alltag zu reflektieren, bevor wir anderen sagen, wo es lang geht. Mir scheint es bedeutungsvoll, diese Ermahnung unter den Kernpunkten der Lehre Jesu zu finden, neigen doch gerade Menschen mit religiösem Eifer dazu, anderen vorschreiben zu wollen, wie der Weg zu Gott richtig verläuft. Und erlauben Sie mir den Kommentar: Religiöser Eifer ist nicht einfach ein Problem von Ordensleuten oder kirchlichen Amtsträgern. Daher die Ermahnung: Achten wir auf die Balken in unseren Augen.

Zweiter Gedanke: Der Mut zum Urteil

Möchte nun Jesus, dass wir gar keine Urteile über andere fällen sollen? Kann es sein, dass es sich bei den Worten «richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet» (Lukas 6,37) um ein allgemeines Verbot handelt? Das glaube ich nicht. Denn wäre dem so, wie kann es sein, dass Jesus immer wieder die Aussagen und Handlungen von religiösen Eiferern kommentiert und kritisiert? Wie könnte es sein, dass Jesus die Händler aus dem Jerusalemer Tempel jagt (und das erfolgt alles andere als sanft und friedfertig)? Wir sehen: Jesus urteilt sehr wohl in gewissen Situationen. Das Gebot ist somit kein Verbot. Es geht hingegen darum, nicht selbstgerecht bei jeder Gelegenheit auf die vermeintlichen Fehler oder Schwächen unserer Mitmenschen zu reagieren. Oder noch schlimmer: Anderen Menschen einfach mal so ihr «Christsein» oder «Menschsein» abzusprechen. Umso weniger, als dass wir selber eine ganze Liste von Schwachpunkten und Sünden vorzuweisen haben. Es ist also ein Gebot, klug zu überlegen, wann und wie wir Urteile fällen, stets im Klaren über unsere eigenen Schwächen.

Jedoch ist es kein Verbot, über andere zu urteilen. Ich teile hier mit ihnen meine ganz persönliche Meinung: Niemals zu urteilen klingt zwar für einige ganz fromm im Sinne von: «Alles läuft katastrophal, die Gesellschaft geht den Bach runter und die Gewalttätigen triumphieren… aber Jesus sagte bereits: Urteile nicht, auf dass du nicht verurteilt wirst.» – Da werden die Worte Jesu zum Feigenblatt der eigenen Feigheit! Wie könnte man schweigen angesichts der Bereicherung einiger Weniger, während andere trotz vieler Arbeitsstunden ihren Lebensunterhalt nicht finanzieren können? Wie könnte man schweigen angesichts der Gewalt, die von einigen ausgeübt oder befohlen wird? Wie könnte man schweigen angesichts des Verrats, der sich jenseits des atlantischen Ozeans in diesen Tagen zeigte? Wie könnte man schweigen, wenn mit einer simplen Unterschrift auf einem Dekret die Lebensgrundlage hunderttausender Menschen weltweit entzogen wird, orchestriert vom reichsten Mann der Welt? Jesus würde sagen: «Wehe euch, ihr Reichen!» (Lukas 6,24)

Dritter Gedanke: Prüft die Früchte, so erkennt ihr den Baum

Es gibt somit Momente, wo wir als Christinnen und Christen ein Urteil fällen müssen. Und da kommen uns die letzten Sätze des heutigen Evangeliums zu Hilfe: «Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte hervorbringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte hervorbringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten.» (Lukas 6, 43-44) Hier geht es nicht um eine Frage des Geschmacks zwischen Zitronen, Orangen und Grapefruits. Alles sind Zitrusfrüchte, sie haben unterschiedlichen Geschmack, sie alle sind schmackhaft und voller Vitamine. Es sind gute Früchte, auch wenn ich womöglich Zitronen zu sauer, Grapefruits zu bitter oder Orangen zu süß finde. Wir, als Christinnen und Christen, müssen nicht uniform sein bei der Art unserer Früchte, die wir hervorbringen. Die Frage ist: Bringen wir Früchte hervor? Und wenn ja: Sind sie genießbar? Sind sie faul? Sind sie womöglich giftig? Und das können wir auf Menschen übertragen: Ist jemand eine integrierende Persönlichkeit, welche Differenzen überwinden und die Menschen an einen Tisch bringen kann? Oder handelt jemand rein nach egoistischen Zielen? Geht es um Hilfe für die Schwächeren? Oder geht es um Ausbeutung der Schwächeren? Geht es um die Wahrheit? Oder um Likes und Klicks? Kann jemand Frieden garantieren? Oder handelt es sich um einen faulen Frieden, der im Grunde das Recht des Stärkeren durchsetzt? Geht es in einer Beziehung um wahre Wertschätzung und Anerkennung? Oder ist es eine vergiftete Liebe, welche das Gegenüber kaputt macht? Geht es um Gott? Oder um Bigotterie?

Die Worte des heutigen Evangeliums sind eine Einladung, wachsam zu bleiben. In erster Linie gegenüber uns selber. Wir dürfen nie vergessen, dass wir selber unsere blinden Flecken, Fehler und Schwächen haben. Vor jedem Urteil und jeder Bewertung müssen wir uns dessen bewusst sein. Das bedeutet aber nicht, im Alltag einfach zu schweigen. Schauen wir stets wachsam auf diesen Planeten und prüfen dabei insbesondere die Menschen, ihre Worte und die damit verbundenen Handlungen.

Ich schließe mit den heutigen Worten aus dem Alten Testament: „Lobe keinen Menschen, ehe du nachgedacht hast, denn das ist die Prüfung für jede und jeden von uns.“ (Jesus Sirach, 27,7)

Selig, die Gottes Segen weitergeben ohne Grenzen

Predigt von Nicole Oster

Liebe Geschwister,

ich finde Segen ist etwas Wunderbares, Besonderes. Ich mag es zu segnen, Menschen Gutes zusprechen, ihnen Gottes Zusage und Dasein mitzugeben. Ich durfte schon in verschieden Gottesdiensten segnen und immer hat es mich sehr berührt. Denn ich segne nicht nur, ich empfange auch Segen. Jemanden/ etwas segnen, heißt ja, jemandem etwas Gutes zusprechen.

Segen gehört für mich elementar zum Christinssein dazu. Das Gute, die Hoffnung weitergeben, heißt für mich auch, den Segen weiterzugeben. Vielleicht finde ich es gerade deshalb so unverständlich, dass Segen eingeschränkt wird. Dass manche Menschen beschließen, diese Beziehungen dürfen gesegnet werden, diese aber nicht. Kann man Segen einschränken?

Und wenn ich segne, dann ist es mir egal, wer da vor mir steht, und um Segen bittet. Ob Frau, Mann, Nicht-binäre, Trans oder Queer. Wer bin ich, dir Segen zu verweigern?

Menschen, Beziehungen den Segen zu verweigern, zeugt meiner Meinung nach von einem engen Gottesbild. Ich bin schließlich nur die Person, die den Segen spendet. Ob und wie der Segen wirkt, das können nur Gott und die gesegnete Person wissen. Letztlich kommt der Segen von Gott und ich fühle mich nicht in der Lage zu sagen, wem Gott Segen schenkt und wem verweigert. Falls Gott überhaupt Segen verweigert.

Vielmehr glaube ich, dass Gott jeder Person Segen schenken, ihr etwas Gutes wünschen möchte. So wie auch Jesus in den Seligpreisungen verschiedenen Personengruppen Glück verheißt:

Die Armen, die Hungernden, die Ausgegrenzten. Ihnen verspricht Jesus Glück und Heil. Und er stellt die gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf. Nicht erst im Himmel, sondern hier, soll die neue Ordnung herrschen, ein solidarisches Miteinander, eine wirkliche Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die nicht ausgrenzt, in der man sich gegenseitig hilft und jede*r sein darf, wie er und sie ist.

Selig, die Gottes Segen weitergeben ohne Grenzen.

Selig, die sich für eine bunte Gesellschaft einsetzen und aufstehen gegen Hass.

Selig die, die Liebe leben, in allen Formen und Farben.

Bitte kein Schwarzweiß! Colours of faith

Predigt zum Semesterschluss am 9.2.2025 von P. Max Cappabianca OP

Liebe Schwestern und Brüder,

heute darf ich noch einmal über das Semesterthema „Colours of faith“ predigen – ein schönes Thema, das angesichts dessen, was derzeit in den USA passiert, ungeahnt aktuell ist! Die Farben stehen für Vielfalt, für Diversität, gegen Einheitsbrei und – noch viel wichtiger! – sie stehen gegen ein Simples Schwarzweiß!

Ihr habt euch in unterschiedlicher Weise in den letzten Monaten mit dem Thema auseinandergesetzt und ich habe den Eindruck, dass diese KSG wirklich eine bunte, eine vielfältige ist, die keinen Anstoß nimmt, wenn jemand anders ist, sondern die sich an der Vielfalt der Schöpfung Gottes freut!

Leider ist dies aber nicht selbstverständlich! Heute Morgen habe ich den Film „Gotteskinder“ gesehen – ein deutscher Film, in dem es um eine evangelikale Sekte geht. Ich finde es großartig, dass die KSG gemeinsam sich den Film angeschaut, auch wenn krankheitsbedingt wenig da waren. Ich glaube, das war Deine Idee Nicole! Danke dafür und auch danke für das Filmplakat, dass ihr euch von der Filmregisseurin habt unterschreiben lassen und das nun in der KSG hängt.

Der Film erzählt die Geschichte der Geschwister Hannah und Timotheus, die zwischen Glauben und Selbstfindung stehen. Hannah hat ein Keuschheitsgelübde abgelegt, doch als sie sich in den neuen Nachbarsjungen Max verliebt, gerät ihre Überzeugung ins Wanken. Ihr Bruder Timotheus ringt mit seiner sexuellen Identität und sucht verzweifelt nach „Heilung“, weil er glaubt, dass seine Homosexualität eine Sünde ist. Beide stehen vor der Entscheidung, den Erwartungen ihrer gläubigen Eltern zu folgen oder ihren eigenen Gefühlen zu vertrauen. Leider hat der Film kein Happyend!

Nun könnte man sagen: Naja das sind bekloppten Evangelikalen! Aber leider ist das nur die halbe Wahrheit. Auch in der katholischen Kirche gibt es sektenartige Tendenzen, und ich erlebe auch immer wieder in der KSG, dass Leute hier nicht Freiheit suchen, sondern die klare Ansage, was denn „die katholische Kirche“ sagt und die dann ganz enttäuscht sind, wenn ich sage: Die katholische Kirche, das sind erst einmal wir alle!

Und als ich das heutige Evangelium von den Menschenfischern las, dachte ich mir: Mein Gott! Wie sehr kann das missverstanden werden als Aufruf zur Sektiererei! Menschendfischen? Wo bleibt die Freiheit? Das Bild stimmt vorne und hinten nicht! Aber in dem Film und auch in manchen fundamentalistischen katholischen Gemeinschaften kann man sehen, was es heißt, wenn man Menschen ihnen letztlich (!) den freien Willen abspricht und glaubt zu wissen, was für sie richtig ist – vor allem in Moralfragen!

Ich muss sagen: Da bin ich ziemlich stolz auf unsere KSG, dass die meisten hier diesem Missverständnis nicht aufsitzen! Ich sehe Studierende die Freude haben an den vielfältigen Lebensmodellen, die Menschen gleich welchen Geschlechts miteinander leben – getreu dem Motto: Allein die Liebe zählt!

Ich freue mich, wenn Studierende skeptisch werden, wenn ihnen jemand die Welt in Schwarzweiß zeichnet und die Vielfalt dazwischen platt macht!

Ich finde es großartig, wenn unsere Studierenden sich gegen alle Kräfte in unserer Gesellschaft stellen, die diese Vielfalt kaputt machen wollen. Interessanterweise stehen sie dabei Seit an Seite mit anderen, die nicht gläubig sind, die aber unsere Werte teilen! Davor haben wir keine Angst. Es ist gleich, warum Menschen Gutes tun wollen! Hauptsache sie tun es!

„Colours of faith“ – ich freue mich, dass wir die Vielfalt als ein Geschenk Gottes ansehen und uns nicht einreden lassen, wenn Leute uns weismachen wollen, Gott wolle dies oder wolle jenes! Wir sind alle auf der Suche und wir geben uns auch damit zufrieden, wenn wir mal keine Antwort haben. Ein suchender Glaube ist uns hundertmal lieber als ein eingebildeter Glauben!

Am Ende dieses Semester wollen wir diese Freiheit feiern, die der Glaube uns schenkt und seine Segen in die vorlesungsfreie Zeit mitnehmen, um diesen Grundimpuls unseres Glaubens in unsere Lebenswelten zu tragen: Zur Freiheit hat uns Jesus Christus befreit. Amen.

Widerstand aus Glauben – 80 Jahre Alfred Delp SJ

Predigt von P. Max Cappabianca in der KSG Berlin

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich vermute, dass einige von euch ähnlich schockiert waren über die vergangenen Tage im Deutschen Parlament. Am Mittwoch wurde vom Deutschen Bundestag mit den Stimmen der AfD ein Entschließungsantrag verabschiedet, und am Freitag wäre sogar fast ein Gesetz mit den Stimmen der in Teilen rechtsextremen Partei durchgekommen, wenige Stimmen fehlten nur – Gott sei Dank!

Die Empörung war groß – nicht zu Unrecht, hatte doch der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz zuvor gesagt, dass er so etwas niemals zulassen würde. Ihr erinnert euch: die berühmte Brandmauer! Ich gebe zu, ich war fassungslos und auch wütend über die Partei mit dem C im Namen, das ja für „christlich“ steht. Ist das nicht eine Perversion, wenn man als „christliche“ Partei gemeinsame Sache macht mit Populisten, die unsere Gesellschaft spalten wollen?

Allerdings überkommt mich persönlich immer ein mulmiges Gefühl, wenn die Dinge so eindeutig zu sein scheinen. Ich mag es nicht, wenn man die Welt in Gut und Böse einteilt. Es muss doch Gründe geben, dass vernünftige Menschen wie Merz und andre Unionspolitiker sich so verhalten… Und tatsächlich war ich in den letzten Tagen für jeden kritischen Kommentar dankbar, der mich hat verstehen lassen, warum der CDU-Vorsitzende so gehandelt haben und warum die meisten CDU-Politiker seiner Initiative gefolgt sein könnten.

Zum Beispiel dass zwei Drittel der Deutschen Wähler für eine Verschärfung des Migrationsrechts sind. Das dürfen wir nicht ignorieren! Wenn wir mit dem Finger auf eine Partei zeigen, überzeugt das keinen einzigen migrationskritischen Wähler oder Wählerin. Dass eine so große Mehrheit diese migrationskritische Meinung vertritt, macht sie allerdings auch nicht richtiger. Denn es gibt unverhandelbare Werte, wie zum Beispiel der Respekt der Menschenwürde, die man nicht durch Mehrheitsbeschluss abschaffen kann!

Ein anderes Argument ist, dass Merz Alternativen aufgezeigt habe, die nun klar machten, wofür seine Partei steht. Das stimmt – auch wenn im Detail deutlich wird: Schon die Rot-Grün-Gelbe Koalition hat krasse Verschärfungen im Migrationsrecht beschlossen! Und tatsächlich ist die Migration ja schon deutlich zurückgegangen. Warum sieht das keiner? Das geht im Lärm des Populismus leider einfach unter!

Ich persönlich habe mir vorgenommen, mich nicht moralisch über diejenigen zu erheben, die eine andre Meinung vertreten als ich. Pharisäertum überzeugt keinen!

Ich habe mir außerdem vorgenommen, die Diskussion in der Sache zu suchen, in die Niederungen des Details hinabzusteigen, bevor ich eine andere Meinung verurteile. Dann werden wir alle automatisch leiser! Ich bin auch gegen unkontrollierten Zuzug und ich bin auch der Meinung, dass die Fähigkeit unsere Gesellschaft, Migrant*innen zu integrieren eine Grenze hat. Die Realität ist halt immer komplexer als eine populistische Parole! Wenn wir das alle beherzigen, dann werden wir alle auch etwas leiser!

Und wie stehe ich als Christ dazu? Gehört das überhaupt in eine Predigt, wo ich ja als offizieller Vertreter der katholischen Kirche spreche? Ja und Nein zugleich!

Kirche ist keine politische Organisation, die Wahlempfehlungen oder Warnungen aussprechen sollte! Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen die gläubig sind; und wenn dieser Glaube eine Relevanz für das Leben der Menschen hat, dann gehen von ihm Impulse und Orientierungen aus für den Wertekanon, der unsere Gesellschaft leitet!

Aus diesem Grund haben die Bischöfe vor ziemlich genau einem Jahr vor der AfD gewarnt: Völkischer Nationalismus und Christentum schließen einander aus, und da müssen wir Christ*innen auch den Mut haben, Flagge zu zeigen und für unsere Positionen einzustehen!

Dass man hierfür ganz schön viel Rückgrat braucht, beweisen die Menschen, die in einem Umfeld für die Grundrechte der Menschen sich eingesetzt haben, wo man dieses Bekenntnis manchmal mit dem Leben bezahlen musste.

Alfred Delp ist so einer, der für seine Überzeugungen von den Nazis mit dem Tod bestraft wurde. „Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen.“ Als Pater Alfred Delp diese Worte im Advent 1944 niederschreibt, saß er mit gefesselten Händen im Gefängnis Berlin-Tegel. Angeklagt von den Nazis wegen Hoch- und Landesverrats. Auf Bitten seines Provinzials hatte er sich in München im Kreisauer Kreis um Graf Moltke engagiert, einer Widerstandsgruppe, die Pläne für ein demokratisches Deutschland nach Hitler entwarf. Am 28. Juli 1944 wurde er verhaftet und vom berüchtigten Richter Roland Freisler zum „Tod durch den Strang“ verurteilt.

Ich möchte diese Predigt beenden mit einem längeren Auszug aus dem Tagebuch von Alfred Delp. Die Zeilen schrieb er nieder, als er schon zum Tode verurteilt war. Darin berichtet er, wie niederträchtige der Richter Freisler und die anderen Nazi-Schergen.  Er schreibt, dass er nicht sterben wollte, dass sein starker Glaube ihm die Kraft gab, vor der Unmenschlichkeit nicht einzuknicken. Er glaubte an eine Gesellschaft, die die Menschenwürde respektiert und dass das Christentum diametral entgegengesetzt ist gegen jeden Totalitarismus.

Ich finde diese Zeilen – heute am 80. Jahrestag seines Todes durch den Strick – nicht weit von hier 25 Minuten mit dem Fahrrad! – ein starker Impuls für uns heute ist, wenn immer die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.

„Eigentlich hatten wir damit gerechnet, gleich am Donnerstagabend nach Plötzensee gefahren zu werden. Wir sind anscheinend die ersten, bei denen wieder Fristen eingehalten werden. Oder ob es die Gnaden­gesuche schon waren? Ich glaube nicht: Frank kam gestern zurück, ob­wohl für ihn noch kein Gesuch lief. Dass Frank auch verurteilt würde, hätte niemand gedacht. Aber dort ist alles Subjektivität, nicht einmal amtliche, sondern ganz persönliche Subjektivität. Der Mann [Freisler] ist gescheit, nervös, eitel und anmaßend. Er spielt Theater, und der Ge­genspieler muss unterlegen sein.

Ich kam mir bei der ganzen Sache eigentlich recht unbeteiligt vor. Es war wie eine schlechte Pullacher Disputation, nur dass der Defendens dauernd wechselte und der Dauerobjicient auch zugleich ent­schied, wer recht hat. Die Mitrichter, das «Volk» am Volksgerichtshof waren gewöhnliche, dienstbeflissene Durchschnittsgesichter, die sich in ihrem blauen Anzug sehr feierlich vorkamen und sehr wichtig neben der roten Robe des Herrn Vorsitzenden. Gute, biedere SA-Männer, die die Funktion des Volkes, ja zu sagen, ausüben.

 

Es ist alles da, es fehlt nichts: feierlicher Einzug, großes Aufgebot der Polizei, jeder hat zwei Mann neben sich: hinter uns das «Publi­kum»; meist Gestapo usw. Die Gesichter der Schupos gutmütig-ge­wohnt-gewöhnlich. Das Publikum hat durchschnittlich den Typ des «einen» Deutschland. Das «andere» Deutschland ist nicht vertreten oder wird zum Tode verurteilt. Eigentlich fehlte noch eine Ouvertüre zu Beginn und ein Finale zu Ende oder mindestens Fanfaren. …

Die Beschimpfungen von Kirche, Orden, kirchengeschichtlichen Überlieferungen usw. waren schlimm. Ich musste eigentlich an mich halten, um nicht loszuplatzen. Aber dann wäre die Atmosphäre für alle verdorben gewesen. Diese herrliche Gelegenheit für den großen Schau­spieler, den Gegenspieler für einen gescheiten, überragenden, ver­schlagenen Menschen zu erklären und sich dann so unendlich überle­gen zu zeigen. Es war alles fertig, als er anfing. … Man ist dort kein Mensch, sondern «Objekt». Und dabei alles unter einem inflationistischen Verschleiß juristischer Formen und Phrasen. Kurz zuvor las ich Plato: Das ist das höchste Unrecht, das sich in der Form des Rechts vollzieht.

Ich bitte auch die Freunde, nicht zu trauern, sondern für mich zu beten und mir zu helfen, solange ich der Hilfe bedarf. Und sich nach­her darauf zu verlassen, dass ich geopfert wurde, nicht erschlagen. Ich hatte nicht daran gedacht, dass dies mein Weg sein könnte. Alte meine Segel wollten steif vor dem Wind stehen; mein Schiff wollte auf eine große Ausfahrt, die Fahnen und Wimpel sollten stolz und hoch in alten Stürmen gehisst bleiben. Aber vielleicht wären es die falschen Fahnen geworden oder die falsche Richtung oder für das Schiff die falsche Fracht und unechte Beute. Ich weiß es nicht. Ich will mich auch nicht trösten mit einer billigen Herabminderung des Irdischen und des Le­bens. Ehrlich und gerade: ich würde gerne noch weiterleben und gern und jetzt erst recht weiterschaffen und viele neue Worte und Werte verkün­den, die ich jetzt erst entdeckt habe. Es ist anders gekommen. Gott halte mich in der Kraft, ihm und seiner Fügung und Zulassung gewachsen zu sein. …

So lebt denn wohl. Mein Verbrechen ist, dass ich an Deutschland glaubte auch über eine mögliche Not- und Nachtstunde hinaus. Dass ich an jene simple und anmaßende Drei-Einigkeit des Stolzes und der Gewalt nicht glaubte. Und dass ich dies tat als katholischer Christ und als Jesuit. Das sind die Werte, für die ich hier stehe am äußersten Rande und auf den

warten muss, der mich hinunterstößt. Deutschland über das Heute hinaus als immer neu sich gestaltende Wirklichkeit, Christentum und Kirche als die geheime Sehnsucht und die stärkende und heilende Kraft dieses Landes und Volkes – der Orden als die Heimat geprägter Männer, die man hasst, weil man sie nicht versteht und kennt in ihrer freien Gebundenheit oder weil man sie fürchtet als Vorwurf und Frage in der eigenen anmaßenden, pathetischen Unfreiheit.

Ich aber will ehrlich warten auf des Herrgotts Fügung und Führung. Ich werde auf ihn vertrauen, bis ich abgeholt werde. Und ich werde mich mühen, dass mich auch diese Lösung und Losung nicht klein und verzagt findet.

Das ist ein eigenartiges Leben jetzt. Man gewöhnt sich so schnell wieder an das Dasein und muss sich das Todesurteil ab und zu gewaltsam in das Bewusstsein zurückrufen. Das ist ja das Besondere bei diesem Tod, dass der Lebenswille ungebrochen und jeder Nerv lebendig ist, bis die feindliche Gewalt alles überwältigt. So dass die gewöhnlichen Vorzeichen und Mahnboten des Todes hier ausbleiben. Eines Tages wird eben die Tür aufgehen, und der gute Wachtmeister wird sagen: einpacken, in einer halben Stunde kommt das Auto. Wie wir es so oft gehört und erlebt haben.“ (Alfred Delp S.J.)

Quelle: Günther Weisenborn, Der lautlose Aufstand. Bericht über die Widerstandsbewegung des deutschen Volkes 1933-1945, Reinbek: Rowohlt, 1962, S. 284-287.

Zu Thomas Manns „Mario und der Zauberer“

Predigt von P. Thomas Eggensperger OP am 19. Januar in der KSG Berlin

Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann  


„Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm. Ärger, Gereiztheit, Überspannung lagen von Anfang an in der Luft, und zum Schluss kam dann der Schock mit diesem schrecklichen Cipolla, in dessen Person sich das eigentümlich Bösartige der Stimmung auf verhängnishafte und übrigens menschlich sehr eindrucksvolle Weise zu verkörpern und bedrohlich zusammenzudrängen schien. Dass bei dem Ende mit Schrecken (…) auch noch die Kinder anwesend sein mussten, war eine traurige und auf Missverständnis beruhende Ungehörigkeit für sich, verschuldet durch die falschen Vorspiegelungen des merkwürdigen Mannes. Gottlob haben sie nicht verstanden, wo das Spektakel aufhörte, und die Katastrophe begann, und man hat sie in dem glücklichen Wahn gelassen, dass alles Theater gewesen sei.“ (311) 


Liebe Schwestern und Brüder,  

so beginnt eine Erzählung des deutschen Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahre 1930. Der Titel lautet „Mario und der Zauberer“. Die Geschichte handelt von einem Reiseerlebnis der ganz außergewöhnlichen Art. Die Familie macht Urlaub in der italienischen Stadt Torre di Venere und die ganze Beschreibung des Aufenthaltes lässt vermuten, dass es sich zunächst um den typischen Urlaub einer bessergestellten bürgerlichen Familie der 1920er Jahre handelte.  

Und dieses Typische wird auch ausführlich beschrieben. Der Erzähler, er schreibt in Ich-Form, verbringt einige Sommerwochen am Tyrrhenischen Meer – zusammen mit seiner Frau und den Kindern. Alles brav und bieder, man verlustiert sich am Wasser, promeniert am Strand, speist mehr oder weniger lukullisch. Nichts aufregendes eigentlich – eben ganz klassisch bürgerlich. Der Autor, Thomas Mann, er ist literarisch in seinem Metier.  

Dennoch zeigt der erste Abschnitt dieser Erzählung, die ich der Predigt vorangestellt  habe, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignet hat. Es ist etwas passiert. Von  einer „Katastrophe“ ist da die Rede, von einem „Ende mit Schrecken“. 

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Der Erzähler beschreibt den gemütlichen  Hotelaufenthalt und er berichtet von einem netten jungen Kerl, der in einem in der  Nähe sich befindlichen Café als Kellner sein tägliches Brot verdient. Der Junge ist 20  Jahre alt und heißt Mario. Und dieser Mario wird noch eine wichtige Rolle spielen in  dieser Erzählung. Und dazu gehört die Antipode des netten Kellnerjungen, nämlich  der bereits erwähnte „Cipolla“. Dieser „schreckliche Cipolla“, wie er genannt wurde,  ist Zauberer. Er tritt als Schausteller auf und führt dem Publikum seine Kunststücke  vor.  

Die Eintönigkeit des Sommerurlaubs der Familie wird unterbrochen durch die  Ankündigung, der berühmte Magier Cipolla würde einen Auftritt haben auf der  Terrasse des Hotels. Und damit sind wir beim Thema der Erzählung: Um diesen  Zauberer Cipolla herum ist die Katastrophe anzusiedeln, von der da die Rede ist.  

Das Spektakel nimmt seinen Lauf. Der Zauberer Cipolla tritt auf, so wie er  beschrieben wird, nicht gerade eine Erscheinung, die man als sympathisch  bezeichnen würde. Eher ist er ein wenig verkniffen, eigenartig angezogen, mit einem  stechenden Blick und einem merkwürdigen Gesichtsausdruck.  

Seine Spezialität ist die Suggestion und die Beeinflussung des Menschen. Das, was er  da auf der Bühne mit seinen Opfern macht, ist in gewisser Weise Hypnose. Er pickt  sich einzelne Zuschauer heraus, provoziert sie und dann beraubt er sie ihres Willens  und lässt sie schließlich im wahrsten Sinne Wortes tanzen, so wie er ihnen das befiehlt.  

Gleich zu Beginn der Show pickt er sich einen jungen Einheimischen heraus und er spricht ihn an:  

„Du gefällst mir, Giovanotto. … Solche Leute wie du, haben meine besondere Sympathie; ich kann sie brauchen. Offenbar bist du ein ganzer Kerl. Du tust, was du  willst. Oder hast du schon einmal nicht getan, was du wolltest? Oder gar getan, was  du nicht wolltest? Was nicht du wolltest? Höre, mein Freund, es müsste bequem und  lustig sein, nicht immer so den ganzen Kerl spielen und für beides aufkommen zu  müssen, das Wollen und das Tun. Arbeitsteilung müsste da einmal eintreten…“  (339f.)  

Cipolla will etwas mit diesem Jungen. Das merkt man. Und so fordert er sein Opfer heraus:  

„´Willst du zum Beispiel jetzt dieser gewählten und verehrungswürdigen  Gesellschaft hier die Zunge zeigen, und zwar die ganze Zunge bis zur Wurzel?´ …  ´Nein´, sagte der Bursche feindselig. ´Das will ich nicht. Es würde von wenig  Erziehung zeugen.´  

´Das würde von gar nichts zeugen´, erwiderte Cipolla, ´… (so) wirst du jetzt, ehe ich  bis drei zähle, eine Rechtswendung ausführen und der Gesellschaft die Zunge  herausstrecken, länger, als du gewusst hast, dass du sie herausstrecken könntest.´“  (340) 

Gesagt, getan. Kurz darauf streckt der Junge dem Publikum seine Zunge heraus,  ganz kurz nur, und dann steht er wieder da, als ob nichts gewesen wäre. Und das  stimmt sogar für ihn. Denn es ist offensichtlich, dass er gar nicht gemerkt hat, wie er  der Anordnung des eigenartigen Zauberers Folge leistet.  

Und damit stehen wir im Zentrum dieser Erzählung. Es ist diese auffallende  Disharmonie vom Willen des Einzelnen aus der Gruppe des Publikums und den  Befehlen dieses Magiers Cipolla, der den Willen bricht, die Menschen auf dem  Podium verbiegt und diesen Hypnotisierten seine Befehle erteilt, die sie dann  willenlos ausüben.  

Das heißt es:  

„Gewiss musste der Jüngling einfach als Belustigungsthema herhalten, wie Cipolla  sich jeden Abend eines herauszugreifen und aufs Korn zu nehmen gewohnt sein  mochte. Aber es sprach aus seinen Spitzen doch auch echte Gehässigkeit…“ (343f)  

Cipolla gehört zu der Gattung Mensch, die keinen Respekt hat vor dem Anderen, vor  deren Willen, Sehnsüchten und auch deren ganz privaten und intimen Dingen.  

Die Erzählung berichtet davon anhand vieler Beispiele. Er macht sich lustig über  zwei Bauernjungen, die nicht lesen und schreiben können und er treibt seinen Spott  mit ihnen. Einem anderen redet er Magenkrämpfe ein und der arme Hypnotisierte  steht auf der Bühne und hält sich zur Belustigung aller den Bauch.  

Und noch andere Situationen gibt es, die damit vergleichbar sind. Auf Kosten  anderer macht sich Cipolla lustig und das in aller Öffentlichkeit. Und die Zuschauer  spüren, dass da etwas nicht in Ordnung ist, aber keiner geht weg. Alle sind sie  fasziniert von diesem Grenzbereich menschlicher Existenz, von dieser schamlosen  Überschreitung der sittlichen und sozialen Normen, so wie sie dieser Cipolla demonstriert.  

In der Erzählung heißt es:  

„Unsere Gefühle für … Cipolla waren höchst gemischter Natur; aber das waren,  wenn ich nicht irre, die Gefühle des ganzen Saales, und dennoch ging niemand  weg.“ (368)  

Die Zuschauer werden mit etwas ganz Eigenartigen konfrontiert – eigentlich mit  etwas Abstoßendem und dennoch verharren sie vor der Bühne und starren gebannt  auf dieses Schauspiel, das da immer unwürdiger wird.  

Die Katastrophe rückt näher. Und sie hat etwas damit zu tun, wie der Zauberer mit  den Menschen umgeht. Mit seinen Kunststücken, die darauf hinauslaufen, Menschen  in aller Öffentlichkeit bloßzustellen, führt er das Ende herbei.  

Nicht umsonst lautet der Titel der Erzählung „Mario und der Zauberer“. Denn auch  dieser junge Kellner Mario befindet sich unter den Zuschauern. Bislang relativ unbeteiligt am Geschehen wird er mit einem Male von Cipolla aufgefordert, nach  vorne zu kommen auf die Bühne. Nun ist Mario derjenige, der von diesem Zauberer  bearbeitet wird.  

Und Cipolla beginnt ein Gespräch mit dem ahnungslosen jungen Mann. Er fragt ihn  aus, und – wie es sich für einen Magier gehört – weiß er auch schon einiges über ihn,  ohne dass er es dem Magier gesagt hatte. Ein eigenartiger Dialog beginnt und – man  kann es nicht anders ausdrücken – es ist eine regelrechte Anmache, die der 20jährige  durch den skurrilen Alten über sich ergehen lassen muss.  

Nach und nach erleben die Zuschauer die Entblößung der innersten Persönlichkeit  des jungen Mario. In aller Öffentlichkeit berichtet der Zauberer von der heimlichen  Liebe Marios zu einem jungen Mädchen aus der Stadt – eine tiefe Liebe, von der er  sich aber nicht traut, sie preiszugeben.  

Und dabei wird die Rolle des Cipolla immer befremdlicher. Für Mario hat er sich  einen Zauber der besonderen Art ausgedacht: In Hypnose verfallen, redet er dem  jungen Mario ein, er selbst – der Magier – er sei dieses Mädchen und er solle sich ihm  nähern.  

Es geschieht, was geschehen musste. Der hypnotisierte Mario sieht in Cipolla seine  große Liebe, dieses Mädchen und das nutzt der Zauberer schamlos aus, um die  Lacher auf seiner Seite zu haben.  

So sagt Cipolla zu Mario:  

„´Küsse mich!´ … ´Glaube, dass du es darfst! … Küsse mich (hier)´ und er wies mit der  Spitze des Zeigefingers … an seine Wange, …“ (390)  

Und Mario küsst – in der Meinung, seine große Liebe vor sich zu haben. Aber es  niemand anderes als der Zauberer selbst, der den Kuss empfängt.  

Weiter im Text:  

„Es war recht still im Saale geworden. Der Augenblick war grotesk, ungeheuerlich  und spannend – der Augenblick von Marios Seligkeit.“ (390f.)  

Den Zuschauern ist schlagartig bewusst geworden, dass der Magier Cipolla sein  Spiel zu weit getrieben hatte. Das war kein Spaß mehr, sondern das war die  Vergewaltigung einer menschlichen Seele.  

Kurz darauf wacht Mario wieder auf, ihm ist sofort klar, was man ihm angetan hat.  Und es folgt das – zu Beginn der Erzählung bereits angedeutete – „Ende mit  Schrecken“. Vor allen Anwesenden tötet Mario diesen Cipolla.  

Und Thomas Mann schließt seine Erzählung mit den Worten:  

„Ein Ende mit Schrecken, ein höchst fatales Ende. Und ein befreiendes Ende dennoch  – ich konnte und kann nicht umhin, es so zu empfinden.“ (392) 

Soweit ein Blick in die Erzählung „Mario und der Zauberer“.  

Leben und Tod gehören zusammen. Über Leben und Tod entscheidet am Ende Gott,  das mag sein. Aber es ist der Mensch, der zuweilen über seine Kompetenz  hinausgeht, und meint, selbstständig über Leben und Tod entscheiden zu müssen.  

Es gibt da einen Grenzbereich, der sich schlecht in Formeln ausdrücken lässt oder in  Paragraphen sich klassifizieren lässt.  

Vielleicht ist es diese Freiheit, die Gott uns Menschen zugesteht, in der wir  entscheiden können, wie weit wir gehen und wo wir eine natürliche, eine sittlich moralische Grenze sehen, vor der wir Respekt haben, und die wir nicht gewillt sind,  zu überschreiten.  

Menschen werden durch Menschen getötet. Vor einem Krieg steht die Suggestion,  die Hypnose durch eine Person oder eine Gruppierung, die von der Notwendigkeit  des Krieges redet. Und plötzlich steht man mittendrin im Geschehen, an der Front.  Und dann gibt es kein Zurück mehr, sondern nur den unweigerlichen Schritt hin zur  Katastrophe.  

Macht zu besitzen über Andere, das bedeutet auch, Macht zu besitzen über die  Persönlichkeit der Anderen. Und das bedeutet auch, Persönlichkeit zu vernichten,  geradewegs zur Katastrophe zu gelangen.  

Die Heilige Schrift ist voll von solchen Begebenheiten. Warnungen gibt es da mehr  als genug, keinesfalls die natürliche Grenze zu überschreiten. Das beginnt mit dem  Brudermord Kains an Abel, das setzt sich fort mit den Verbrechen, die in der  Geschichte des Volkes Israel begangen werden und das endet mit der labilen  Stimmungslage des Volkes, als sie den Tod Jesu forderten, den Tod desjenigen, den  sie kaum einige Wochen zuvor noch hochgepriesen haben.  

Amen!  

Thomas Eggensperger OP  

Literatur  

Thomas Mann, Mario und der Zauberer, in: Ders., Meistererzählungen, Zürich 2002,  309-392.