Alles Neu?!

 

Liebe Gemeinde,

wie würde deine perfekte Welt aussehen, wenn du sie neu schaffen könntest?

In der zweiten Lesung aus der Offenbarung ist „Alles Neu“ das Thema, könnte man sagen.

Dazu kam mir das Lied „alles neu“ von Peter Fox in den Sinn.

Dort heißt es: „Hey, alles glänzt
So schön neu (Yeah, yeah, yeah)
Hey, wenn’s dir nicht gefällt
Mach neu (Wouh)
Die Welt mit Staub bedeckt
Doch ich will seh’n, wo’s hingeht

Alles neu ist das Programm für die Lesung aus der Offenbarung.

Neuer Himmel, neue erde, eine neue Stadt Jerusalem.

„Seht ich mache alles neu.“

Ein scheint das zu der Zeile  „wenn’s dir nicht gefällt, mach neu“ zu passen. Aber schafft Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde, weil die alten nicht gut genug waren oder ihm nicht mehr gefallen haben?

Im Gegenteil. In der Schöpfungsgeschichte heißt es, „Gott sah, es war sehr gut“. 

Der neue Himmel und die neue Erde sind keine Verbesserungen, weil es nicht gut war oder Gott nicht gefallen hat.

Gott schafft etwas ganz Neues. Es wird nichts altes verbessert oder erneuert. In der Apokalyptik geht es um ein transformatives Handeln Gottes, eine grundlegende Erneuerung. Typisch für Apokalypse.Apokalypse- Schleier heben, etwas wird sichtbar. Hier ist es die neue Stadt. 

Dabei knüpft Johannes an das Schöpfungshandeln Gottes in Genesis an und wandelt es zugleich. Begann die Schöpfung mit einem Garten, so liegt hier der Fokus auf einer Stadt, dem neuen Jerusalem. Diese ganze Stadt wird zum Wohnort Gottes.  

Eine Stadt, wie sie Cassandra Steen und Adel Tawil im Lied Stadt besingen:

„Eine Stadt, in der es keine Angst gibt, nur Vertrau’n
Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbau’n
Wo das Licht nicht erlischt, das Wasser hält
Und jedes Morgenrot und der Traum sich lohnt
Und wo jeder Blick durch Zeit und Raum in unsre Herzen fließt“

Eine Stadt ohne Trauer, Tränen und Tod. Ohne Diskriminierung, und wo alle Menschen sie gleichen Rechte und die gleiche Würde haben.Wo man Gott nicht suchen muss, sondern Sie schon da ist. 

Dort stellt sich nicht mehr die Frage, wo wir Gott im Beton-Dschungel finden.

Doch das ist die Zukunft- was bedeutet das für uns im hier und jetzt, wo wir Gott suchen?

Da hilft ein Blick in das Ev weiter.

Es ist der Beginn der Abschiedsrede Jesu, eine programmatische Rede, die mit seinen Jünger*innen führt.

Zentral in diesem Abschied ist das neue Gebot, das Jesus den Seinen gibt.

„Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr auch einander lieben.“

So lautet Jesu neues Gebot. Doch so neu ist es gar nicht. Das Liebesgebot findet sich schon alten Testament

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.“

Das Neue am Gebot von Jesus ist, dass er es mit sich selbst, mit der Hingabe für die Seinen am Kreuz verbindet.

Alles neu?! Ja und nein. Ein altes Gebot, das für die die Jünger*innen damals und uns heute eine neue Bedeutung hat, da es uns mit Jesus verbindet. Es ist neu, weil es den Bezug zu Jesus hat und damit auch zu seiner Botschaft vom Reich Gottes. Das auch auf die neue Erde und Himmel verweist. Keine Trauer, keine Tränen mehr, und auch keine Diskriminierung.

Mit dem neuen Gebot lädt uns Jesus ein, an einer Welt mitzuarbeiten, die erfüllt ist von dieser Liebe.

Eine Stadt, in der es keine Angst gibt, nur Vertrau’n
Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbau’n
Wo das Licht nicht erlischt, das Wasser hält

Indem wir einander lieben und diese Liebe weitergeben. Darin zeigt sich Gott.

Solange die neue Stadt, neuer Himmel und Erde noch nicht da sind, ist es unsere Aufgabe, das Gebot Jesu zu erfüllen, einander zu lieben, Gott in der Stadt zu suchen und an der Stadt Gottes mitzubauen.

 

Amen.

Der gute Hirt zwischen Sorge und Widerstand

Liebe Gemeinde,

vom guten Hirten, der zur Not sogar sein Leben hingibt, erzählt das heutige Evangelium nach Johannes (Joh10,27–30). Und von Schafen, die den Befehlen des Hirten Folge leisten.

Drei Szenen sind mir zu diesem Text eingefallen:

  1. In der Wohnung meiner Großeltern mütterlicherseits hing ein Ölgemälde, mindestens 1,20 m in der Breite und 90 cm hoch, das Jesus als den guten Hirten zeigte: mit Hirtenstab, ein Lamm auf dem Arm und umgeben von vielen hübsch gemalten Schafen, sanft dreinblickend in einer vom Sonnenuntergang mild beleuchteten Hügellandschaft. Vielleicht handelte es sich auch nur um einen Druck …

Auf jeden Fall fand ich das Bild schon damals entschieden zu süßlich. Und viel zu kitschig. Das war nicht meine Sache. Nicht mein Jesusbild. Das war vor allem die Frömmigkeit meiner Oma.

  1. Zeit seines Lebens hat der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) Machtbeziehungen analysiert. Dabei verstand er Macht nicht nur als etwas Negatives, das es zu beseitigen gälte. Vielmehr war er überzeugt: Macht kann auch Freiräume für kreatives und verantwortungsvolles Handeln öffnen.

Eine besondere Machtform war für Foucault die „Pastoralmacht“. Sie ist, so definierte Foucault, die Macht, die Pastoren ausüben. Sie unterscheidet sich signifikant von der Macht, die Könige und Richterinnen, Politikerinnen und Propheten, Wahrsagerinnen und Mäzene ausüben.

Der Hirte – lateinisch: pastor – hat Macht über seine Schafe, weil er uneigennützig ist und treu, und weil er immer die ganze Herde und zugleich auch das einzelne Schaf im Blick hat.

Foucault hat uns aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei der Pastoralmacht um eine Beziehung „des reinen Gehorsams“[1] handelt. Mehr noch – ich zitiere ihn wörtlich – handelt es sich um die „Unterwerfungsbeziehung eines Individuums unter ein anderes“[2].

Spätestens seit der 2018 veröffentlichten Studie zum „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“[3] können wir nicht mehr die Augen verschließen, welche Missbrauchspotentiale in der kirchlichen Hirten-Macht angelegt sind – strukturell wie individuell.

  1. 1935 musste der evangelische Theologe und Hochschullehrer Karl Barth (1886–1968) vor den Nazis in die Schweiz fliehen. Der Reichskultusminister in Berlin höchstselbst hatte dem kritischen Protestanten verboten, weiterhin an deutschen Universitäten zu lehren.

In einer Predigt zu unserem heutigen Evangelientext hat Barth einmal einen Satz gesagt, der mich sehr nachdenklich macht: „Wir gehören doch nicht uns selbst, sondern wir gehören Jesus Christus unserem Herrn.“[4]

Für die meisten seiner Hörer*innen war klar, was Barth sagen wollte: Adolf Hitler ist der Wolf, der den Tod bringt. Hitler hatte sich zum Herrn aufgeschwungen und beanspruchte, über Leben und Tod zu entscheiden. Sechs Millionen Juden mussten das am Ende mit ihrem Leben bezahlen, aber auch viele andere, Menschen, die angeblich ein „unwertes Leben“ hatten, wie das die Nazis nannten: Russen und Polen, Lesben und Schwule, behinderte Menschen, Roma und Sinti, und, und, und …

Am vergangenen Donnerstag haben wir der deutschen Kapitulation und der Befreiung von den Nazis gedacht. Und vor allem haben wir uns an die Opfer des Faschismus erinnert.

Liebe Gemeinde,

die Spannung zwischen den beiden Polen, die das biblische Bild vom Hirten aufmacht, ist heftig: kirchliche Gehorsamsforderungen, die dem Machtmissbrauch Tür und Tor öffnen (können) auf der einen Seite, und Zugehörigkeit zu Christus als Kritik gegenüber jedweder totalitären Anmaßung auf der anderen Seite. Unterwerfung da und Widerstand dort.

Aber ist das heute überhaupt noch zeitgemäß: einem Herrn gehören?[5] Produziert nicht das Bild vom Hirten und den Schafen letztlich doch wieder bloß neue Unfreiheit?

Anders vielleicht als zu Karl Barths Zeiten verwahren sich viele Zeitgenoss*innen heute strikt dagegen, einen Herrn über sich zu haben. Sie möchten ihr eigener Herr, ihre eigene Herrin/Frau sein: „Keiner soll mir in mein Leben hereinreden!“ Ja, vielleicht ist das heute der wichtigste Grund, weswegen Menschen lieber nicht als Christin oder Christ leben wollen. „Ich brauche keinen Herrn!“

Ich kann das nachvollziehen. Auch ich liebe meine Unabhängigkeit – sehr sogar. Und doch stelle ich mir Fragen: Ist es wirklich so, dass wir niemanden brauchen, die oder der sich um uns sorgt oder mir auch schon einmal deutlich zurechtweist?

Was ist, wenn wir größenwahnsinnig werden? Was, wenn wir an unsere Grenzen kommen? In einer Krankheit, die mir Mut und Hoffnung nimmt? Bei einem krassen Fehler, den ich mache? In solchen Situationen kann es gut tun, eine Stimme zu hören, die mir vertraut ist und Kraft schenkt. Da kann es tröstlich sein zu spüren, dass ich nicht allein bin: Da ist eine oder einer, die oder der mich wirklich gut kennt[6], sich um mich kümmert, mich bei der Hand nimmt[7] und mir hilft, wieder nach vorne blicken zu können. „Sie [die Schafe] werden niemals zugrunde gehen“[8], heißt es im Evangelium. Einen guten Hirten, eine gute Hirtin zu haben, kann dann der Beginn von neuer Freiheit sein.

Und vielleicht ist es mit einem solchen sorgenden Menschen an meiner Seite oder gar mehreren, in einer Gemeinschaft, leichter möglich, widerständig zu leben – gegen all die Anmaßungen von Kriegstreibern und Autokraten wie Putin und Trump.

Liebe Gemeinde,

am Donnerstag Nachmittag haben die in Rom versammelten Kardinäle einen neuen Papst gewählt: Leo XIV.[9] Einer der vielen Titel des Papstes ist der des „Hirten“ – auch wenn sein Name „Leo“ eigentlich „Löwe“ bedeutet.

Papst Leo stammt aus den USA. Seine Familie hat französische, italienische, spanische und kreolische Wurzeln: Migrationshintergrund nennt man das heute. Nach seinem Eintritt in den Augustinerorden und noch vor Abschluss seiner Promotion in Rom (übrigens an der Dominikaner-Universität) wurde er von seiner Ordensgemeinschaft nach Peru geschickt. Fast 40 Jahre arbeitete er dort, zuletzt als Bischof der Diözese Chiclayo. Den Menschen in Peru, besonders den Ärmsten, ist er ein guter Hirte gewesen – das haben in den Tagen nach seiner Wahl unzählige Peruaner*innen bezeugt.

Und auch das widerständige Moment des guten Hirten bringt der neue Papst mit. Vor wenigen Wochen – noch als römischer Kardinal –widersprach er auf X dem katholischen US-Vizepräsidenten in Sachen Migrationspolitik: „JD Vance is wrong: Jesus doesn’t ask us to rank our love for others“ (@drprevost, 03.02.2025; vgl. Attach). Und schon lange sympathisiert Kardinal Prevost/Papst Leo öffentlich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Ich bin sehr froh, dass die Kardinäle in Rom einen solchen Mann zum Papst gewählt haben – auch wenn ich weiß, dass auch dieser Papst seine blinden Flecken hat, etwa in Bezug auf die Gender-Thematik.

Liebe Gemeinde,

das Bild des guten Hirten ist nicht so anheimelnd und süßlich, wie ich das goldgerahmte Gemälde in der Wohnung meiner Großeltern empfunden habe.

Der gute Hirt kümmert sich um uns, wenn wir es brauchen: uneigennützig und treu. Aus Liebe. Und zugleich stellt er sich totalitären Anmaßungen und Übergriffen entgegen – egal ob auf politischer Ebene oder innerhalb der Kirche.

In diesem doppelten Sinn wünsche ich mir: Lasst uns versuchen, füreinander und für andere gute Pastor*innen zu sein!

Amen.

[1]     Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977–1978. Aus dem Französischen von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder, Frankfurt/M. 52017, 254.

[2]     Ebd., 255.

[3]     Harald Dreßing u.a., Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz, Mannheim – Heidelberg – Gießen 2018 = https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Dossiers/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf [Aufruf: 08.05.2025].

[4]     Karl Barth, Der gute Hirte (Theologische Existenz heute Bd. 10), München 1934, 12.

[5]     Zum folgenden Abschnitt vgl. die Predigt des Greifswalder Bischofs Hans-Jürgen Abromeit, Wer ist schon gerne Schaf? Jesu Hirtenwort als Einladung neu entdecken. Predigt zu Joh 10,11–16.27–30 [28.04.2019] = https://www.kirche-mv.de/fileadmin/AAA_Relaunch/Abromeit/190428_Predigt_Joh_10_11-16.27-30_ERF-Gottesdienst.pdf [Aufruf: 10.05.2025] .

[6]     Vgl. Joh 10,27b.

[7]     Vgl. Joh 10, 28c, 29b.

[8]     Joh 10,28b. Einfügung in Klammern: U.E.

[9]     Zu Papst Leo XIV. s. den informativen Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_XIV.#cite_note-spiegel2025-05-09-51 [Aufruf: 10.05.2025].

Über Freundschaft, Liebe und Verrat

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Liebe Schwestern und Brüder,

Kennt ihr das, wenn ein Mensch einen so richtig enttäuscht? Eine Person, die einem immer das Gefühl gegeben hat für einen da zu sein, auf den man sich so richtig verlassen kann, und das auch öffentlich sagt: Und wenn es denn mal drauf ankommt…. Nichts!

So jemanden so zu vergeben ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Zerstörtes Vertrauen wiederzugewinnen ist so schwer. Solche Verletzungen heilen sehr langsam, und manchmal gar nicht! Und das ist auch nur allzu menschlich!

Ich hab es auch schon erlebt, dass Leute mir gesagt haben: Jetzt reg dich nicht so auf! Du musst auch mal über deinen Schatten springen können. Müssen Christ:innen nicht verzeihen können! Ehrlich gesagt, wenn mir jemand mit der christlichen Moralkeule kommt, dann werde ich noch saurer!  Wenn ich tief enttäuscht wurde, dann kann ich nicht darüber hinweggehen: denn das verändert was in der Beziehung zum anderen!

Auf jeden Fall ist es für denjenigen, der jemand anderen im Stich gelassen hat, ganz schrecklich, dem Verratenen unter die zu treten! Man schämt sich ja, dass man einerseits immer so getan hat, als wäre man der verlässlichste Freund, aber dann so krass gescheitert ist.

Ich glaube, um so eine „peinliche“ Situation geht es auch im heutigen Evangelium. Es wird die Geschichte erzählt, wie Jesus Petrus dreimal fragt: „Liebst du mich?“ Das ist nur verständlich auf dem Hintergrund verschiedener anderer Episoden Evangelium Jesu, in denen es um die Beziehung Jesu mit Petrus als dem ersten der Jünger geht.

Erinnern wir uns an die Fußwaschung: Jesus will Pascha-Mahl mit seinen Jüngern halten. Seinen Gästen will er die Füße waschen. Doch Petrus empört sich: Warum die Füße? In seiner Vorstellung ist Jesus einer der sich nicht so erniedrigen sollte. Also Jesus nicht lockerlässt, sagt er: „Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt!“ Er hat gar nicht verstanden, worum es geht.

An anderer Stelle hatte Petrus schon sich vordergründig stark gemacht für Jesus und dabei gar nicht verstanden, worum es eigentlich geht. Als Jesus zum Beispiel seinen Jüngern klar machte, dass sein Weg ans Kreuz führen würde, begann Petrus Jesus sogar zurecht zu weisen, wie es im Matthäusevangelium heißt: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“

Da wird Jesus aber ganz scharf uns sagt wörtlich: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ So reden Freunde miteinander…

Und im Lukasevangelium lesen wir, wie Petrus zu ihm: „Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ Und später tritt genau das ein, was Jesus vorausgesagt hatte: „Ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.“ 

Ihr erinnert euch, was in der Passionsgeschichte am Karfreitag vorgelesen wurde

„Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen.  Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht.  Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht!  Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer. Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn.“

Und nun folgen einiger erschütterndsten Zeilen des Evangeliums. Bei Johannes heißt es, nach dem dritten Verrat und dem Krähen des Hahns: „Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

Auf dem Hintergrund dieses totalen Scheiterns dieser Freundschaft müssen wir das Evangelium Tages lesen.

Würden wir nach so einem Verrat nicht auch dreimal nachfragen müssen: Petrus, liebst du mich wirklich? Jesus hätte an dieser Stelle allen Grund gehabt, alles nochmal aufzumachen, ihm vor die Nase zu halten, wie er ihn im Stich gelassen hat. Und besonders peinlich ist es, weil Petrus gewohnt war, im so großspurig aufzutreten „Ich bin der erste, der für dich da ist!“

In dem Text geht es um den Auftrag Jesu an seine Jünger:innen: Konkret ist das im Bild des Fischfangs ausgedrückt: Gemeint ist damit, dass Menschen für die Botschaft Jesu „gefangen“ werden soll. Und übrigens war auch Petrus wieder ein ganz eifriger: Als Jesus erscheint und die Fischernetze voll sind, rafft er erst gar nicht, dass es Jesus ist. In der Bibel heißt es ,dass Johannes dem Petrus erst sagen muss: „Es ist der Herr!“ Uns was macht er: Er springt gleich in den See, wahrscheinlich um das Fischernetz einzuholen, was am Ende die anderen Jünger machen!

Die Bibel ist recht sparsam damit auszudrücken, was in Jesus und was in Petrus vorgeht: Wir erfahren, dass Petrus traurig wird, dass Jesus so oft nachfragt. Aber auf dem Hintergrund der Vorgeschichte dürfen wir davon ausgehen, dass das ein extrem angespannter Moment war. Ein Augenblick, wo einem das Herz weh tut und der ganze Schmerz des Verrats und die Trauer um die verloren gegangenen Ideale wieder hochgekommen ist.

Wir werden später das Lied „Dreimal“ singen, an das mich eine besondere Erinnerung an die Corona-Zeit bindet. Aufgrund des Titels „Dreimal“ hatte ich beim ersten oberflächlichen Hören immer gedacht, dass es um den dreimaligen Verrat geht. Das stimmt auch, auch nicht nur darum. Es geht auch um die dreimalige Frage: „Liebst du mich“ Und ich lade euch ein, nachher beim Singen des Liedes einmal darauf zu achten.

Was das Lied aber wunderschön ausdrückt, und das soll die Botschaft des heutigen Evangeliums sein, ist wie trotz des Scheiterns, trotz des Schmerzes und der Scham – wo man das Gefühl hat, das kann nie wieder was werden – wie trotzdem sich eine Perspektive in die Zukunft eröffnet. Petrus wird nicht aus dem Jüngerkreis ausgeschlossen, sondern er wird trotzdem eine wichtige Rolle in der Jüngerschaft spielen.

In diesen Tagen erwarten wir ja das Konklave, und ich selber habe ja 10 Jahre für den Papst im Vatikan gearbeitet. Bevor ich nach Rom ging, habe ich in Düsseldorf gelebt, wo wir immer ökumenische Vespern gefeiert haben. Einmal hat die evangelische Pfarrerin Renate Zilian über den Hl. Petrus gepredigt, der ja nach katholischem Verständnis der erste Papst war. Sie erinnerte daran, dass Petrus ja „Der Fels“ bedeutet, auf den Jesus seine Kirche bauen will. Den Namen hatte Jesus selbst ihm gegeben. Und just dieser Fels verrät Petrus.

Das Lukasevangelium berichtet, was nach der Verleugnung passiert: „Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“ Und Pfarrerin Zilian sagte, für sie sei es tröstlich, dass die Kirche gebaut sei auf einen Felsen, der weinen kann!

Ich werde das mein Lebtag nicht vergessen. Nicht nur dass ich nun mehr Mitleid mit den Päpsten hab, sondern auch weil ich sehe wie wir alle als Personen, die Jesus nachfolgen, damit rechnen müssen, dass wir scheitern. Aber das im Glauben sich Perspektiven in die Zukunft öffnen. Weil die Freundschaft Jesu, sein Liebe, sein „Liebst du mich?“ stärker ist als jeder Tod und Verrat!

Gott im Beton-Jungle

Liebe Gemeinde,

Mir hat das Semesterthema, das die letzte Gemeindeversammlung gewählt hat, sehr gefallen: Gott im Beton-Dschungel!

Hier in Berlin ist das Thema ja auch naheliegend: Die Bundeshauptstadt ist die größte Metropole Deutschland. Fast 4 Millionen Menschen leben hier, und zusammen mit dem Umland sind das sogar 6 Millionen!

Obwohl ich mittlerweile acht Jahre hier lebe, bin ich erstaunt, wie lange man in Berlin unterwegs sein kann; und trotzdem ist man noch nicht aus der Stadt raus: Zum Beispiel: Die Frankfurter Allee: Man fährt und fährt und kilometerlang Plattenbauten, die gar kein Ende nehmen.

Ich fand auch das Bild vom Dschungel schön: Einerseits fasziniert der Dschungel: Da ist viel Leben. Da kreucht und fleucht es und ganz exotische Dinge kann man zu Gesicht bekommen: Und das trifft auf Berlin wahrlich zu! Ich finde den Unterschied schon krass zwischen dem Feeling hier in Berlin – auch wenn das von Kiez zu Kiez auch noch mal total anders sein kann! – und dem Feeling, wenn ich in Hamburg unterwegs bin oder gar im schicken München! Und die Werbung verstärkt das („Berlin, du bist so wunderbar“) und verkauft das „ExtravagantSein“ als „Unique selling Point“. Auch wenn ich ehrlich sagen muss: Viele „bunten Vögel“ hier in Berlin sehen am Ende doch irgendwie immer gleich aus! Aber das ist ein anderes Thema!

Der Dschungel – ich meine den echten Dschungel im Amazonas – beherbergt aber nicht nur bunte Vögel, sondern auch gefährliche Tiere. Im Dschungel kann am sich verlieren, und es besteht immer die Gefahr, dass man sich Gestrüpp verirrt. Auch das trifft auf Berlin zu! Und ich spreche da auch aus eigener Erfahrung! Ich habe vorher zwar auch in einer Metropole gelebt – und zwar in Rom. Aber da war es anders, vieles war doch traditioneller, und die Stadt am Tiber hat mit anderen Problemen zu kämpfen!

Hier in Berlin habe ich das Gefühl, dass es einerseits wirklich mehr Freiheit gibt, was viele inspiriert und ihnen hilft sie selbst zu sein, andererseits fehlt aber manchmal der Halt. Anything goes. Und du kannst zwar machen, was Du willst: Aber sehr wahrscheinlich interessiert das auch keinen! Viele verlieren sich im Berliner Dschungel! Und nicht wenige stürzen sogar richtig ab! Aus Gesprächen hier aus der KSG weiß ich, dass die Zugezogenen das Leben hier in Berlin oft als Herausforderung erleben!

Unser Semesterthema spricht vom Beton-Dschungel: Auch das finde ich spannend. Ich habe übrigens versucht das zu recherchieren – Berlin gehört zu den grünsten Städten Europas gehört. Allein etwa 29.000 Hektar Wald befinden sich auf dem Stadtgebiet. Und ganz ehrlich: Im Vergleich zu Rom ist Berlin wirklich viel grüner: In der Stadt stehen überall Bäume und sorgen im Sommer für Kühle, während in Rom sowohl in der Altstadt als auch in den Neubaugebieten weit und breit kein Baum zu sehen ist. Im Sommer ist das dann wie ein Ofen!

Trotzdem steht der Beton natürlich für etwas, was ich nachfühlen kann: Nämlich für eine vom Menschen künstlich veränderten Welt, die sich von der Natur entfernt hat und tendenziell lebensfeindlich ist! Grade wenn ich durch so Plattenbausiedlungen fahre, empfinde ich das sehr stark. Bestimmt habt ihr schon mal „Urban Gardening“ Projekte gesehen, wo mitten in der Stadt Menschen kleine Oasen schaffen, um einen Gegenakzent gegen den Beton zu setzen! Bei mir in der Schwedter Straße zum Beispiel, wo ich mit meiner Dominikanerkommunität wohne, kümmern sich einzelne Anwohner um diese quadratischen Inseln aus Erde, die jeweils um die Straßenbäume angelegt sind und pflanzen da Tulpen oder Gräser, oder bauen eine Sitzbank, damit man sich einfach auf der Straße hinsetzen kann!

Der Hammer im Semesterthema ist halt das erste Wort: Gott! Und in diesem Dschungel soll Gott sein? Ich musste gleich an den Filmklassiker von Wim Wender aus dem Jahre 1987 denken: Der Himmel über Berlin! Der Film handelt von unsichtbaren, unsterblichen Engeln, die Berlin bevölkern, den Gedanken der menschlichen Bewohner lauschen und den Verzweifelten Trost spenden. Obwohl die Stadt dicht besiedelt ist, sind viele Menschen nämlich isoliert oder von ihren Lieben entfremdet. Und diese Engel stellen eine verborgene Präsenz dar, die dieser Stadt ihre Brutalität nimmt und die Menschlichkeit zu ihrem Recht verhilft. Vielleicht können wir uns diesen Film in diesem Semester noch einmal anschauen. Wim Wenders wohnt übrigens hier im Kiez. Sollen wir ihn einladen?

Aber ist das wirklich so? Können wir Gott in dieser Stadt finden? Ich wäre kein katholischer Priester, wenn die Antwort auf diese Antwort nicht Ja lauten würde. Irgendwie erwartbar von einem Kirchenvertreter!

Aber so platt ist es glaube ich nicht! So wie bei Wim Wenders ist diese Gegenwart alles andere als offensichtlich. Und wir sollten uns hüten, das einfach so zu behaupten, schließlich kennen wir alle genug Leute, die uns mitleidig belächeln, wenn wir von unserm Glauben sprechen oder die im besten Fall sagen: „So einen Glauben hätte ich auch gern!

Im heutigen Evangelium wird uns die Geschichte vom sog. „Ungläubigen Thomas“ erzählt, und die passt sehr gut in unsere Situation! Wer hätte nicht auch gern Fakten wie Thomas! Dann wäre es auch mit dem Glauben nicht so schwer und die Relevanz für den Alltag offensichtlich! Aber nein: Diese Präsenz ist eben nicht so sonnenklar. Übrigens auch nicht bei Thomas im Evangelium, denn es wir nicht erzählt, ob Thomas am Ende seinen Finger in die Seite Jesu gelegt hat!

Ich freue mich jedenfalls, mich in diesem Semester zusammen mit euch auf die Suche zu begeben nach diesem Gott im Beton-Dschungel! Die Programmkommission hat spannende Veranstaltungen geplant, die dieser Frage nachgehen. Auch in unseren Gottesdiensten wird das immer wieder Thema sein, oder auch bei unseren spirituellen Angeboten, wie dem Theologie-Sofa, der rAuszeit und vielem anderem mehr! Auch im Chor und Musik spiegelt sich diese Suche wider.

Was ich uns allen wünsche, ist eine Spiritualität der Offenen Augen und des hörenden Herzens: Ich glaube nämlich, dass wir nur fündig werden, wenn wir außerhalb der ausgetretenen Pfade suchen gehen: So wie es sich in einem Dschungel gehört!

Deswegen – ganz ehrlich – liebe ich Berlin! Auch wenn diese Stadt manchmal ein Moloch ist, der den Menschen nicht gut tut. (Ich kenne übrigens einige Menschen, die deswegen diese Stadt verlassen oder verlassen werde, weil sie ihnen nicht gut tut!) Und trotzdem ist der Beton-Dschungel – wie es im Buch Exodus bei Moses heißt – für mich „Heiliger Boden“ (vgl. Exodus 3,5).

Wie eine Expedition stelle ich mir dieses Semester vor! Ein bisschen aufregend, weil wir nicht wissen, was uns erwartet, aber irgendwie auch ein tolles Abenteuer!

Und wie bei einer echten Expedition erreichen wir unsere Ziele am besten gemeinsam: Mit unseren unterschiedlichen Charakteren und Begabungen. Im Teilen von Freud und Leid. Hier in der KSG kann man Freundschaften schließen – und manchmal auch mehr! Für mich eines dieser vielen wunderbaren und oft unerwarteten Fundstücke in diesem Dschungel!

Im Johannesevangelium heißt es im Prolog: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“  (Joh 1,14).

Machen wir uns auf die Suche – nach diesem Gott, der mitten uns im Beton-Dschungel wohnt! Lasst uns aufbrechen zu unserer Großstadtexpedition! Amen.

Bild: Rod Long / unsplash

Geht und erzählt von der Hoffnung!

von Nicole Oster

Liebe Gemeinde,

können Sie sich noch daran erinnern, wer Ihnen zuerst von Gott und Jesus erzählt hat? Vermutlich Eltern, Großeltern oder jemand in der Pfarrei. Die spannendere Frage ist vielmehr: wann ist Gott, ist der Glaube für ihr Leben relevant, existentiell geworden? Wann haben sie gemerkt, dass diese Texte und Geschichten auch mit mir, meinem Leben zu tun haben? Vielleicht ist ein besonderes Ereignis, vielleicht sind es auch viele kleine Sachen.

Für mich sind das vor allem Begegnungen mit Menschen, die für mich glaubhaft den Wert des Christentums gelebt haben. Und es ist auch die Hoffnung von Ostern, die mir in Trauermomenten geholfen hat. Die Botschaft, dass es mit dem Tod nicht zu Ende ist, sondern dass es weitergeht und das Leben gewinnt.

Ich finde die Ostergeschichten sehr schön, sie berühren mich und ich habe auch viele Fragen an sie. Vielleicht habe ich deshalb meine Abschlussarbeit über „Die Frauen als Zeuginnen der Auferstehung geschrieben“.

In allen Evangelien sind es die Frauen, die bei Jesus bleiben, von Kreuzigung bis zum Ostermorgen. Sie sind es, die das leere Grab entdecken und so zu den ersten Zeuginnen der Auferstehung werden. So auch im heutigen Evangelium. Sie sind bei der Grablegung dabei und machen sich einen Tag später auf den Weg, um sich noch einmal um Jesus zu kümmern, im Respekt und Liebe zu erweisen.

Doch am Grab angekommen erfolgt der Schockmoment. Es ist leer. Erst ist ihre Hoffnung am Kreuz gestorben und dann, als sie sich verabschieden wollen, ist nicht einmal mehr das möglich. Wie groß wird die Verzweiflung und Trauer der Frauen gewesen sein. Doch dann erwarten sie im Grab junge Männer, Engel.

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist auferstanden, er ist nicht hier!“

Und dann verstehen die Frauen, sie erinnern sich, begreifen die Worte Jesus, die damals noch so unverständlich waren. Es ist wahr- Jesus ist auferstanden! Ihre Hoffnung lebt.

In ihnen wächst Hoffnung, dass nicht alles verloren ist, dass es wieder gut werden kann.  Hoffnung auf eine Welt, wie Jesus sie gepredigt hat. In der Barmherzigkeit, Liebe, Miteinander und Nächstenliebe herrschen und man einander hilft, Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben.

Doch die Jünger tun ihren Bericht als Geschwätz ab. Was wird das für eine Demütigung für die Frauen gewesen sein? Sie sind ja keine Unbekannten in der Gemeinde und schon lange mit Jesus und den Jüngern unterwegs.

Was werden die Frauen gemacht haben, nachdem die Jünger ihnen nicht geglaubt haben? Mich beschäftigt diese Leerstelle. Und ich habe mir überlegt, wie ich sie füllen würde. Ich stelle mir vor, dass die Frauen ihre Botschaft dennoch weiterverbreitet haben. Vielleicht hatten sie sogar einen Auftrag von den Männern am Grab bekommen. Sie lassen sich nicht beirren und erzählen den anderen von ihrer Begegnung und von der Hoffnung, die neu in ihnen wächst. Wie würde dann heute die Kirche aussehen, wenn die Frauen die Osterbotschaft so laut und deutlich verkündet hätten? Wenn ihre Worte nicht als Geschwätz abgetan worden wäre und eine Maria Magdalena als Osterzeugin, als Apostelin bekannt wäre statt als Sünderin. Was wäre dann gewesen. Wie sähe unsere Kirche heute aus?

Doch was feststeht ist, dass die Frauen die ersten Osterzeuginnen sind und sie als erste vom leeren Grabe und der Hoffnung, die es enthält, erzählen. Das ist es, was von der Begegnung der Frauen am Grab und ihrem Bericht bleibt, die Osterhoffnung. Es ist nicht zu Ende, sondern geht weiter. Aus dem leeren Grab entsteht, wächst etwas Neues

Für mich spannt das auch einen Bogen zur ersten Lesung. Der Schöpfungsgeschichte. Dort heißt es am Ende des 6. Tag, als Gott sein Schöpfungswerk vollendet hat „und Gott sah, es war sehr gut“.

Die ganze Schöpfung ist sehr gut geschaffen und für mich steckt darin auch eine Botschaft an uns: Gott sagt, ich bin bei euch, ich habe in euch, in die ganze Welt die Möglichkeit gelegt, sehr gut zu sein, gutes zu schaffen.

Diese Welt ist sehr gut geschaffen und wir sind aufgerufen daran mitzuarbeiten, die Welt zu gestalten, dass dieses Gutsein immer mehr zum Vorschein kommt und die Worte Jesu von Nächstenliebe und dem Reich Gottes Wahrheit werden.

Das ist für mich die Botschaft von Ostern: Gott die sagt, es ist nicht vorbei es geht weiter, denn diese Welt und ihr seid sehr gut geschaffen. Geht und erzählt von der Hoffnung!

Frohe Ostern.

Die Freude, aus seinem Leben etwas Großartiges zu machen

Predigt von P. Max Cappabianca OP zur Semestereröffnung in der KHSB

Liebe Studierenden,

Wenn man ein neues Studium beginnt, oder selbst wenn man schon weiter ist, dann ist es gut, am Anfang einen Moment innezuhalten, und grundsätzliche Fragen zu stellen. Warum mach ich das eigentlich? Welches Ziel verfolge ich? Was ist, wenn es nicht klappt? Was hat mich motiviert hierher zu kommen?

Natürlich ist so ein Gottesdienst nicht der Rahmen, um das erschöpfend zu behandeln. Vor allem ist das ja auch eine sehr individuelle Sache: Das ist für jede und jeden von anders, und jede*r muss selbst die Antwort darauf finden.

Aber was uns miteinander verbindet ist, dass wir nicht nur Lernmaschinen sind, die durch die Nudelmaschine der KHSB gejagt werden, um als gute Sozialarbeiter*innen ausgespuckt zu werden – oder Religionspädagoginnen oder welchen Studiengang auch immer ihr belegt habt. Sondern wir sind Individuen, die ganz persönlich ihren Weg suchen und gehen!

Und im Rahmen eures Studiums wird eure Persönlichkeit, eure Wünsche und Träume, Eure Befürchtungen und Ängste, eure Hoffnungen und Ideale einen ganz wichtigen, wenn nicht den entscheidenden Teil ausmachen.

Nicole und mir als Seelsorger:innen an der der KHSB ist es ein Anliegen, euch heute daran zu erinnern, dass ihr mit ganzer „Seele“ in das Semester geht. Das Wort klingt altmodisch, aber da steckt eine tiefe Wahrheit dahinter: Ihr seid nicht nur die Summe eures Wissens, das ihr euch aneignen werdet. Ihr seid noch nicht einmal die Summe eurer Lebensgeschichte, die euch zu dem gemacht hat, was ihr jetzt seid, denn ihr seid vor allem Potential, was noch zur Entfaltung gebracht werden will.

Ganz tief in euch in der Seele ist ein Raum, in dem die ganz große Fragen gestellt werden und um den ihr euch kümmern müsst – erst recht, wenn ihr ein Studium aufnehmen wollt, bei dem es Menschen geht, wie es bei euch der Fall ist.

Das besondere an diesem „Seelenraum“ ist, dass da andere Gesetze gelten als sonst. Da gelten nicht die Gesetze der Logik. Auch nicht die Gesetze der Wissenschaft. In der heutigen Lesung haben wir gehört: „Sorgt euch um nichts. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.“ Wenn es mal nicht so läuft, dann wünsche ich Ressourcen des Trostes, aber auch die Kraft wieder aufzustehen – und das ist nun mal eine Kraft, die „alles Verstehen übersteigt“.

Ich möchte euch heute für eure Studienbeginn Mut machen! Es wird nicht immer einfach sein. Manchmal werdet ihr Dinge tun müssen, die keinen Spaß machen! Studieren nervt oft. Und die Professor*innen auch. Ihr werdet hoffentlich eine tolle Zeit mit den Mitstudierenden haben. Aber auch da kann es manchmal krachen, und das ist gut so. Manche Freundschaft fürs Leben kann sich ergeben…

Eins vorweg: Soweit ich die KHSB kenne, wir man hier nicht glücklich, wenn man mit Duckmäuserei durchkommen will. Glücklich wird man hier, wenn man sich voll einbringt, wenn man mit Herzblut dabei ist! Mit Leib und Seele! Und das bedeutet, dass es aber gute und weniger gute Zeiten gibt. Und die schwierigen Zeiten sollen uns nicht mutlos machen. Das ist gemeint, wenn es heißt „Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.“

Diesen Seelenraum haben wir jetzt in den Blick genommen. Und da spielt es auch gar keine Rolle, welcher Religion man angehört, oder ob man überhaupt einen Glauben hat. Entscheidend ist, dass man diesen Raum in unserm Innern offenhält. Immer wieder hinhört – innehält und auf seine Seele achtet. Wir tun das heute, und wir werden es im Laufe des Studiums immer wieder gemeinsam tun. Macht es auch für euch individuell. Macht es mit vertrauten Menschen. Auch wir Seelsorger*innen sind für euch da.

Entscheidend ist: Seid gut zu eurer Seele. Nehmt sie heute mit auf dem Weg in das Abenteuer Studium an der KHSB! Als Christ glaube ich, dass Gott diesen Seelenraum ganz besonders schützt.

Meister Eckhart, ein Mystiker des Mittelalters, spricht vom Seelenfünklein. Religion ist die Weisheit, die um diesen heiligen Ort in uns weiß. Und wenn Nicole und ich ich am Ende einen Segen für euch sprechen, dann ist dies nichts anderes als eine Bitte, dass er euch in jedem Augenblick eurer Studiums an der KHSB zur Seite steht, vielleicht grade dann, wenn ihr es am wenigsten spürt. Dass er Kraft gibt! Dass er euch Mut schenkt! Und die Freude, aus eurem Leben etwas Großartiges zu machen. Amen.

 

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein

Predigt von P. Max Cappabianca OP 

Die Predigt fußt zu einem großen Teil auf einer Ansprache von P. Martin Löwenstein SJ[1] aus dem Jahre 2010.

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Liebe Schwestern und Brüder,

Dieses Evangelium gehört zu meinen Lieblingsevangelien, denn es berührt einen. Keiner wagt es einen Stein zu werfen, nachdem Jesus sagt „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ So eine gewisse Genugtuung schwingt bei mir mit. Ich könnte ja auch die Frau am Boden sein!

Man kann hier richtig spüren, wie Jesus mit den Fehlern der Menschen umgeht! Nicht besserwisserisch oder moralinsauer, sondern er sieht in erster Linie den Menschen! Und man spürt, dass das wichtigste nicht die Regeln und die Moral sind, sondern die Barmherzigkeit!

Trotzdem möchte ich das Evangelium ein wenig kritisch gegenbürsten und stütze mich dabei im Wesentlichen auf Gedanken von P. Martin Löwenstein SJ, einem Jesuiten, der lange Hochschulseelsorger in Frankfurt war!

Zum einen könnte die Geschichte von der Sünderin frauenfeindlich gelesen werden! Warum wird eigentlich nur die Ehebrecherin an den Pranger gestellt? Was ist mit dem Mann?  Ist der nicht genauso am Ehebruch beteiligt! Tatsächlich heißt es in Dtn 2,22: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau.“ Warum wird der Mann an dieser Stelle unterschlagen?

Und dann kann man ja auch fragen, ob so eine drakonische Strafe überhaupt angemessen ist? Erinnert das nicht an sog. „Ehrenmorde“, bei denen man sich fragen kann: Was ist eigentlich wichtiger? Die moralische Regel oder das Leben eines Menschen? Und würden die Berliner Party People mit der Treue das genauso sehen?

Zur Erklärung dieser Härte im Gesetz mag helfen, sich folgendes vor Augen zu halten:  In alten Stammesgesellschaften konnte Ehebruch schwerwiegende Folgen haben. Der damals wichtige soziale Zusammenhalt wurde gefährdet, und Sippen und Stämme konnten in Konflikte geraten. Bei Nomaden und ländlichen Stammesgruppen war das Überleben ohne die Unterstützung der Sippe schwierig. Ehebruch stellte eine Bedrohung für diese Strukturen dar. Das Gesetz des Mose sieht diese strenge Strafen vor, um genau das zu verhindern. Wer nie den Verlust einer sozialen Ordnung erlebt hat, kann die Bedeutung dieser Maßnahmen möglicherweise schwer nachvollziehen.

Nun war zur Zeit Jesu die Gesellschaft bereits eine modernere. Durch eheliche Untreue wurden nicht die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert. Trotzdem ist es spannend zu sehen, wie Jesus auf das Verhalten der Männer reagiert!

Die Rotte der Männer will die Frau steinigen. Er sagt nicht: Ihr Heuchler, räumt erst mal vor eurer eigenen Haustür auf, sondern er überlässt es ihnen selbst, in sich zu gehen und festzustellen, wie prekär es ist, sich moralisch über andere erheben zu wollen

Was hier geschieht, kann uns die Augen dafür öffnen, was es heißt, aus dem Glauben zu leben. Von uns aus, solange wir ohne das Vertrauen bleiben, dass Gottes Barmherzigkeit trägt, brauchen wir den natürlichen Reflex, alles zu meiden, was uns gefährdet. Dann muss man sich festhalten an äußeren Regeln, an dem was die christliche Moral sagt, oder das Lehramt, oder der Papst!

Der Glaube an Gott beginnt aber nicht mit festen Regeln, sondern mit dem Risiko, sich seiner Führung zu überlassen. Christlich zu glauben bedeutet, Gottes Unfassbarkeit anzunehmen und zu sehen, wohin er uns leitet. Der Glaube an den lebendigen Gott relativiert soziale Strukturen und Mechanismen. Das zu verstehen fällt vielen Menschen schwer, besonders den Ängstlichen!

Biblisch gesprochen: Der Glaube führt in die Einsamkeit der Wüste. Und Jesus macht deutlich, dass uns das zuerst zu den Menschen führt, die ebenso „außerhalb“ leben, weil sie ausgegrenzt werden.

 

Die Szene mit der Sünderin zeigt, dass es Angst macht, bei den Ausgegrenzten zu stehen, weil sie die Zielscheibe für den Hass der anderen sind: Dort fliegen die Steine. Doch der Glaube gibt Kraft, diese Angst zu ertragen. Gott hilft uns, mit diesen Menschen auszuhalten. Jesus widersteht der Gewalt des Gesetzes und schreibt in den Sand.

 

Deswegen ist es sozusagen die Zier eines und einer jeden Christ:in, sich mit denen zu solidarisieren, die ausgegrenzt werden. Und wir sollten uns Gedanken machen, welche Menschen das heute sind! Manche haben wir klar vor Augen, manche vergessen wir aber schon mal, oder es fällt uns schwer, uns in ihre Situation zu versetzen. Das mögen queere Menschen sein, Migrant:innen, süchtige Menschen, extremistische Menschen, Kriminelle… Manche sehen wir gerne, manche übersehen wir umso lieber!

Jesus fordert uns auf, bei bedrohten Menschen zu bleiben, zuzuhören und ihre Wertschätzung zu erkennen. So schwindet die Angst vor den Folgen des Umgangs mit Ausgegrenzten und die Sorge, dass Gesetze nicht mehr eindeutig sein könnten.

Stattdessen können wir Dankbarkeit erleben, indem wir bei einem gefährdeten Menschen sind. Und wir können die Einsamkeit Gottes fühlen, der an der Seite der Verbrecher gekreuzigt wurde.

 

[1] https://www.martin-loewenstein.de/predigt-zum-5-fastensonntag-c-2010.html (abgerufen am 6.4.2025)

Die Scham überwinden

Predigt von P. Max Cappabianca OP in der KSG Berlin 

Liebe Gemeinde,

Kennt ihr das eigentlich, wenn man richtig beschämt ist? Man hatte eigentlich eine Aufgabe, vielleicht gar nicht so schwer und verkackt es einfach! Vielleicht gar nicht aus Absicht, aber aus Unachtsamkeit. Das ist hochnotpeinlich. Man schämt sich dafür! Ich habe da selber ganz aktuell ein Beispiel: Heute Morgen hatte ich Joschua zugesagt, eine Gottesdienst zu feiern. 8.00h morgens in einem Hotel in Moabit. Ist keine sehr christliche Zeit, aber auch nicht unmöglich. Ok ich bin erst am Donnerstagfrüh nach einem Nachtflug in Deutschland wieder angekommen. Übermüdet bin ich – aber dass ich zwei Weckersignale nicht höre. Wach werde ich dann schließlich, als um 8.00h mein Diensthandy rappelt: In dem Moment werde ich endlich wach und mir fällt siedend heiß ein: Du hast eine Messe zugesagt!

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie Scheiße ich mich gefühlt habe. Und man kann sich vorstellen, wie blöd Joshua sich gefühlt haben muss. Ich könnte es ihm nicht verübeln, wenn er sagt: Den Pater kannste vergessen!

Scham ist ein Gefühl, das viele von uns kennen. Sich zu schämen ist etwas sehr Menschliches. Immer wieder geschieht es, weil wir Fehler machen. Weil wir denken, dass es keine Chance auf einen Neuanfang gibt. Wie aber das Beschämung herauskommen?  Es ist das Gefühl, dass wir etwas getan haben, das nicht nur gegen andere, sondern auch gegen uns selbst ist. Scham kommt oft mit der Vorstellung, dass wir nicht mehr vor unseren Mitmenschen bestehen können oder dass wir uns selbst verloren haben. Dieses Gefühl erleben wir im Gleichnis des verlorenen Sohnes in seiner reinsten Form: Dem heutigen Sonntagsevangelium

Der verlorene Sohn und seine Scham

Der jüngere Sohn ist ein junger Mann, der von zu Hause fortgeht, um sein Erbe zu verprassen. Zu Beginn seiner Reise scheint er voller Hoffnung und Entschlossenheit zu sein, sein eigenes Leben zu führen. Doch der Weg, den er wählt, endet in Scham und Armut. Als er all sein Geld verschwenderisch ausgegeben hat und mit nichts dasteht, wird er mit seiner tiefsten Scham konfrontiert. Er wird nicht nur arm, sondern auch verachtet. In einer Situation, die alles andere als ehrenvoll ist, erkennt er, wie weit er sich von seinem Vater entfernt hat.

In dieser Phase seines Lebens fühlt er sich vielleicht unsichtbar, unwert und vor allem: beschämt. Und das ist der Punkt, an dem wir uns in seiner Geschichte wiederfinden können. Wer von uns hat nicht schon einmal etwas getan, was uns beschämt hat? Wer hat nicht schon einmal Entscheidungen getroffen, die uns im Nachhinein wie ein schwerer Rucksack aus Scham und Schuld belasten?

Der Weg zur Umkehr

Doch das Gleichnis geht weiter. Der Sohn fasst schließlich den Entschluss, zu seinem Vater zurückzukehren. Er möchte ihm sagen: „Vater, ich habe gesündigt, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Wir hören hier den Moment der Umkehr – ein Moment, in dem er den mutigen Schritt macht, sich der Scham zu stellen. Anstatt sich in seiner Scham zu verkriechen, entscheidet er sich, den Schritt zurück ins Leben zu wagen. Aber es ist auch der Moment, in dem er sich eingesteht, dass er nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu retten. Der Sohn braucht den Vater. In seiner Scham geht er auf denjenigen zu, der ihm verzeihen kann.

Und was passiert dann? Der Vater sieht ihn schon von weitem, läuft ihm entgegen, nimmt ihn in die Arme und sagt: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“ Der Vater schämt sich nicht, sondern er feiert die Rückkehr des Sohnes. Er entlässt ihn nicht mit Vorwürfen und Schimpfworten, sondern mit Liebe und voller Gnade.

Die Kraft der Vergebung

Hier liegt der Kern des Gleichnisses: Scham wird durch Vergebung überwunden. Der Sohn braucht keine langen Entschuldigungen, keine Rechtfertigungen. Der Vater gibt ihm, was er braucht – nicht das Urteil, sondern die Liebe. Die Vergebung des Vaters ist der Moment, in dem die Scham des Sohnes verblasst. Die Scham verschwindet nicht durch Selbstvorwürfe oder durch das Festhalten an der eigenen Schuld, sondern durch das Annehmen der Gnade. Der Sohn kann in den Armen seines Vaters wieder als Sohn leben, ohne sich ständig für seine Taten schämen zu müssen.

Scham und die Einladung zur Gnade

Scham ist ein Teil des menschlichen Lebens, aber sie ist nicht das Ende der Geschichte. Sie ist nicht das, was unser Leben bestimmen sollte. Der Weg zur Heilung beginnt, wenn wir uns in unserer Scham nicht verkriechen, sondern uns der Gnade Gottes zuwenden. Der Vater im Gleichnis zeigt uns, dass es keinen Fehler gibt, der zu groß ist, als dass er nicht vergeben werden kann. Es gibt keine Scham, die nicht durch die Liebe Gottes aufgehoben werden kann

Wir sind eingeladen, wie der verlorene Sohn, unsere Scham anzunehmen, uns unserer eigenen Fehler bewusst zu werden, aber dann auch den Mut zu fassen, den Weg zurück nach Hause zu gehen – zu einem Gott, der uns immer mit offenen Armen empfängt. Denn dieser Gott ist der Vater und die Mutter, die uns nicht nach unserem Versagen beurteilt, sondern uns in seiner Liebe wiederherstellt.

Fazit

Liebe Gemeinde, die Scham, die der verlorene Sohn fühlt, kennen wir vielleicht alle. Sie ist ein mächtiges Gefühl, das uns davon abhalten kann, den nächsten Schritt zu tun. Doch die Geschichte des verlorenen Sohnes zeigt uns, dass Scham nicht das Ende ist. Sie ist ein Schritt auf dem Weg zur Umkehr und Vergebung. Wie der Vater im Gleichnis uns immer wieder mit offenen Armen erwartet, so erwartet uns auch Gott mit seiner / ihrer grenzenlosen Liebe.

Wird Joshua mir verzeihen? Ich hab keine andere Wahl als auf seine Vergebung zu hoffen.

Es ist leichter in seiner eigenen Scham nicht verharren. Wir wollen mutig sein und den Schritt wagen, dem Ja Gottes zu trauen, Vergebung anzunehmen und so einen Neuanfang zu wagen. Amen.

Bild: Evan Dennis / unsplash

Vom Warum zum Wozu

Liebe Gemeinde,

Umkehr, Schuld, Drohungen, …Apokalypse, Ende der Welt.

Die Lesungstexte in der Fastenzeit sind davon geprägt und wie ich finde immer herausfordernd. Auf theologische Weise und auch, was das Bild von Jesus angeht. In den Evangelien in der Fastenzeit begegnet uns nicht der liebevolle Jesus, der schöne Gleichnisse erzählt und von Gott, der die Liebe ist, redet. Hier ist ein Jesus, der Klartext redet, harte Worte benutzt und auch Drohungen ausspricht. 

Beim ersten Lesen/Hören wirkt das eher abschreckend, wirft Fragen auf.

Genauer betrachtet:

Aufhänger des Evangeliums ist die Ermordung eines Galiläers durch die Römer. Nach dem Konzept des Tun-Ergehens-Zusammenhangs, also ich tue was Gutes, mir widerfährt gutes und umgekehrt, ich handle schlecht, mir ergeht es schlecht, müssten diese Galiläer Sünder sein. Ein wenig wie Karma. 

Jesus dementiert das. 

Er bringt eine andere Logik: Von der Warum zu der Wozu Frage

Nicht „warum ist es den Galiläern so ergangen?“, sondern „was kann ich daraus für mein Handeln lernen?“

Die Wozu Frage lädt ein, zu fragen, was ich aus Situationen lernen kann.  

Das ist nicht immer leicht. Vor allem, wenn es um schwierige Situationen in meinem Leben geht. Das geht oft erst mit Abstand und mehr Reflektion. Beim Verlust von einem Familienmitglied – stelle ich mir nicht direkt die Wozu-Frage, da werfe ich Gott mein Warum an den Kopf, aber nach einer gewissen Zeit, kann ich erkennen, dass ich Thema Trauer verstehe, Wert des Lebens und der Liebe neue sehe; oder die Absage von einem Job, als Chance sehe; oder das Handel von Personen sehen und merken, so möchte ich nicht mit meinem Kollegen umgehen…

Unser Handeln, unser Tun hat Konsequenzen, aber es hat keine unmittelbaren oder unumkehrbaren Konsequenzen. Weil ich eine schlechte Tat begangen habe, werde ich nicht automatisch direkt bestraft. Das Gleichnis mit dem Feigenbaum vertieft das: der Winzer ist quasi der Fürsprecher des Baumes. Er setzt sich für den Baum ein, damit dieser eine Gnadenfrist bekommt und die Chance hat, gute Früchte zu bringen. Sprich, Jesus als unser Fürsprecher, der uns auffordert, Gutes zu tun, nach dem Evangelium, seinem Vorbild zu leben und gutes zu tun. Nicht aus Angst vor Strafe (Tun-Ergehens-Zusammenhang), sondern aus Hoffnung auf Vergebung.

 

Korintherbrief

Ein ähnliches Beispiel dafür gibt uns der Paulusbrief. Die Korinther wähnen sich in Heilssicherheit, weil sie getauft sind und durch die Abendmahlsfeier schon Anteil an JC haben. 

Paulus bringt sie auf den Boden der Tatsachen zurück und macht ihnen klar, dass man sich nicht auf der Taufe und dem Ausüben kultischer Vollzüge ausruhen kann. Der regelmäßige Messbesuch reicht nicht, um ich des Heils sicher zu sein. 

Nein, Christentum ist mehr als Gottesdienst. Den aus der Taufe erwächst auch die Aufgabe, als Christin zu leben und zu handeln. Das bezieht sich auf die Liturgie und auch auf das diakonische, soziale Handeln als Christin und auch die Weitergabe des Glaubens. 

Sich in Heilssicherheit zu wiegen wegen kultischer Vollzüge, ist ein großer Irrtum. 

„Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt.“

 

Paulus und Jesus legen den Fokus auf das Handeln als Christ. 

🡪 wie handle ich als Christ?

🡪 was kann ich auch aus dem Handeln anderer und meinen Erfahrungen lernen?

Umkehr ist immer möglich und unser Taufbewusstsein fordert uns zum Handeln heraus.

Immer wieder Handeln überdenken und prüfen, ob es dem christlichen Glauben, Liebesgebot entspricht.

 

Dabei kann ich immer auf die Treue Gottes vertrauen.

 

Predigt von Nicole Oster.

vom Abram zum Abraham

Vom Abram zum Abraham: Zu Gen 15, 5-18

Liebe Schwestern und Brüder,

zuweilen gibt es in den Texten der Heiligen Schrift denk- und merkwürdige Namensveränderungen. Bekannt ist der Wechsel des Namens Saulus zu Paulus. Dazu gibt es unterschiedliche Interpretationen und Begründungen, auf die ich aber nicht eingehen will. Weniger bekannt ist der Wechsel des Namens Abram zu Abraham. Davon wird im Buch Genesis berichtet. Der Name Abraham ist uns heute geläufig, aber die Person, die Abraham genannt wird, hieß zuvor eigentlich nur Abram. In der heutigen Lesung ist nur von dem frühen Abram die Rede. Dass er künftig Abraham heißen solle, wird zu einem späteren Zeitpunkt berichtet. „Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien der HERR dem Abram und sprach zu ihm: Ich bin Gott der Allmächtige! Geh vor mir und sei untadelig! Ich will meinen Bund stiften zwischen mir und dir und ich werde dich über alle Maßen mehren. Abram fiel nieder auf sein Angesicht. Und Gott redete mit ihm und sprach: Ich bin es. Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern. Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.“ (Gen 17, 1–5) Also wird aus Abram – übersetzt „Gott ist erhaben“ – ein Abraham – übersetzt „Vater der Menge aller Völker“. Ganz offensichtlich ist der Namenswechsel eine bedeutende Aussage. Sie sagt etwas aus über den Abraham, der schon sehr alt ist, aber zur Wurzel eines ganzen Volkes wird.

Aber so weit waren wir noch gar nicht in unserer Lesung. Die setzt etwas früher an. Und der ganze Text klingt ziemlich archaisch und nach altem Opferkult mit seltsamen Tierschlachtungen. Gott der HERR erklärt dem Abram, welche Bedeutung er als Urvater vieler Nachkommen haben würde. Und zur Bestätigung solle Abram ein Rind, eine Ziege, einen Widder und zwei Tauben schlachten und halbieren. Für unsere Augen und Ohren eine seltsame Art und Weise der Opferung, aber eigentlich gar nichts Außergewöhnliches. Ich war vor Kurzem in Mexiko, um meine Mitbrüder zu besuchen, die in Chiapas mit indigenen Gruppen arbeiten. Dabei hatte ich Gelegenheit, einen religiösen Kultort in Chamula zu besuchen: Eine ehemalige Kirche wurde von den Einwohnern übernommen und zu ihrem Gebetshaus gemacht. Die Menschen kommen in den Raum, zünden mitgebrachte Kerzen an, bringen Rauchopfer dar und beten. Aber nicht nur das – zuweilen bringen sie auch Hühner mit. Wenn jemand krank ist, bittet er darum, von dieser Krankheit geheilt zu werden, indem die Krankheit dem Huhn übertragen wird. Und am Ende wird das Huhn im Gebetshaus geschlachtet. Danach wird es mitgenommen und verbrannt. Für die Touristen ein etwas erschreckendes Spektakel, aber eigentlich nur ein sehr klassischer Opferkult, wie man ihn in Abwandlung aus vielen Kulturen der Weltgeschichte kennt.

Es ist schlicht eine bestimmte Kommunikationsform, um mit Gott zu sprechen. Es geht ja nicht um das Opfer an sich und auch nicht unbedingt um den neuen Namen, sondern: Gott redet mit Abraham und schließt mit ihm einen Bund. Gott verpflichtet sich zu einer besonderen Beziehung zu Abraham und seinen vielen Nachkommen – zu einer besonderen Beziehung zum Volk Israel. Dass Gott so unmittelbar mit dem Menschen redet, wie das hier beschrieben wird – davon können wir heute nur träumen. Leider offenbart sich Gott uns gegenüber nicht mehr so direkt oder redet gar mit uns, so wie er mit Abraham geredet hat. Wenn wir auf das Evangelium schauen, das wir gerade gehört haben, hat nicht einmal Jesus selbst das Privileg, mit Gott zu reden, ins Gespräch zu treten. Die sogenannte Verklärung Jesu, von der im Evangelium berichtet wird, ist keine Kommunikation mit Gott, sondern nur mit den bereits seit Langem nicht mehr auf der Welt lebenden Propheten Mose und Elija.
Gott redet nicht mit uns, er gibt uns nicht einmal Zeichen. Aber ich frage: Ist das eigentlich so schlimm? Brauche ich ein Zeichen Gottes, um zu handeln? Gott selbst würde uns vermutlich sagen – wenn er etwas sagen würde: Nein, ihr braucht mich nicht. Ihr habt euch selbst. Gott hat uns Verstand gegeben, Gott hat uns seine Botschaft über seinen Sohn verkündet. Und jetzt? Jetzt sind wir dran! Es ist an uns, zu entscheiden, zu handeln. Denn Gott hat uns Freiheit gegeben – die Freiheit, zu tun, was wir wollen. Das hat nichts zu tun mit Relativismus, mit einem Machen-was-wir-wollen. So einfach ist das nicht. Verstand, Vernunft und Glaube sind gegeben, damit wir selbstständig handeln, aber vor allen Dingen auch (sittlich – moralisch – ethisch) verantwortlich handeln.

Am Ende des Lebens wird abgerechnet: Was haben wir aus unserer Freiheit gemacht? Wie haben wir gehandelt? Wie sind wir mit den Mitmenschen umgegangen?

Das – und nichts anderes – hat Gott dem Abram/Abraham erklärt: Ich schließe einen Bund mit den Menschen, einen Bund mit uns allen. Darauf verpflichte ich mich. Aber wir sind jetzt gehalten, Verantwortung zu übernehmen und – im Sinne dieses Bundes mit Gott – zu handeln. Die Entscheidung kann und muss uns niemand abnehmen.
Nutzen wir die Freiheit, die Gott uns gegeben hat!
Amen!

Thomas Eggensperger OP