Bild: Privat

Spiritualität vs. Aktivität?

Predigt von P. Max Cappabianca OP

Liebe Geschwister im Glauben,

heute haben wir die Geschichte von Martha und Maria gehört. Zwei Frauen, die Jesus bei sich zuhause empfangen: Martha ist beschäftigt und eifrig im Dienst, während Maria sich an den Fuß Jesu setzt und zuhört. Auf den ersten Blick scheint es, als ob Jesus Maria lobt und Marta tadelt. Aber stimmt das?

In der christlichen Tradition ist daraus der Unterschied zwischen aktivem und kontemplativem Leben konstruiert worden. Die Ordensleute waren „besser“, weil sie mehr Zeit dem Gebet widmen können als Normalsterbliche. Aber stimmt das? Meister Eckhart, ein mittelalterlicher Dominikanermystiker hat diese Deutung schon im 12. Jahrhundert in Frage gestellt und darauf hingewiesen, dass es nicht um ein Besser oder Schlechter geht, sondern um das Gleichgewicht zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir in unserem Inneren erfahren. In der christlichen Spiritualität ist beides gleichermaßen wichtig. Das zeigt die Geschichte von Marta und Maria.

Schauen wir zuerst Maria an: Sie sitzt am Fuß Jesu und hört zu. Das ist kein passives Zuhören, sondern ein tiefes, inneres Lauschen auf Gottes Wort. Meister Eckhart beschreibt dieses Lauschen als das „Stillwerden des Herzens“. Wenn wir uns bewusst Zeit nehmen, um Gott zuzuhören, öffnen wir unser Herz für ihn. Unsere Kraft im Leben speist sich daraus, dass wir immer wieder still werden und in Verbindung treten mit dem Urgrund, den wir Gott nennen.

Und dann Martha: Sie ist im Einsatz, sorgt für das Wohl der Gäste und tut, was getan werden muss. Und das ist gut so! Der Dienst ist ihr Ausdruck der Liebe für Jesus. Jesus scheint Martha zu tadeln: „Maria hat das gute Teil erwählt.“ Das bedeutet aber nicht, dass Martha falsch gehandelt hätte. Es zeigt nur: Unser Tun, unser Engagement und Wirken darf nie das Innere des Herzens verdrängen. Es ist wichtig, aus einer tiefen Verbindung mit Gott zu leben, damit unsere Taten echt und fruchtbar werden.

Was heißt das für uns im Alltag? Ganz einfach: Beides braucht es – das Zuhören im Gebet und das konkrete Tun. Ich glaube, das ist es, worauf Meister Eckhart mit seiner Kritik an der traditionellen Interpretation dieser biblischen Erzählung hinweisen wollte. Die Stille des Gebets ist notwendig, aber dieses Gebet wird nur fruchtbar, wenn wir dann nicht passiv bleiben, sondern es umsetzen im Leben. Wenn du aktiv bist, dann tue es aus der Kraft und Liebe, die du aus der Verbindung mit Gott schöpfst.

Dazu möchte ich euch heutige ermutigen: Lebt beides! Nehmt euch regelmäßig Zeit, um still zu werden und die Spuren Gottes im eigenen Leben zu entdecken. Das ist ein kontemplativer Akt, und aus dieser Kontemplation strömt die Kraft für die Aktion! Das Problem ist, wenn das auseinanderfällt! Dann versinken wir entweder in weltfremdem Spiritualismus oder wir verfallen in blinden Aktionismus und verlieren unsere innere Mitte!

Nun spreche ich aus eigener Erfahrung: Das ist alles nicht so einfach! Denn es gibt Lebensphasen, da steht das eine im Mittelpunkt, dann buttert man rein arbeitet und schafft und gibt alles, was man kann; und andere Phasen, in denen man wieder entgegensteuert, und manches wieder loslässt, weil man merkt: Es bringt einen innerlich nicht weiter und man muss sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist manchmal ein ganz schönes Herumeiern, ihr kennt das vielleicht! Aber habt keine Angst: Ich bin davon überzeugt, dass dieses „Herumeiern“ ein Zeichen von Vitalität ist und kein Fehler!

Jesus selbst macht es vor: Wenn wir in den Evangelien lesen, dann gibt es Passagen, in den deutlich wird, dass er aktiv war: Dass er predigte, die Menschen heilte und das Gewühl suchte (Die Speisung der 5000!) Aber es gibt andere Zeiten, in denen er sich zum Gebet zurückzieht und sich noch mal in einer anderen Weise mit Gott verbindet!

Noch einmal: Ist Spiritualität und Aktivität ein Widerspruch? Nein in christlicher Perspektive überhaupt nicht, sondern zwei Seiten einer Medaille! Mich hat in dieser Hinsicht immer das Diktum eines Jesuitenpaters (Michael Schneider SJ) beeindruckt, der mit Bezug auf das Stundengebet eine ganz originelle Sicht uns vermittelt hat.

Ihr wisst ja, dass die Ordensleute und Priester zum Stundengebet verpflichtet sind. Er sagte: Es gibt ein kleines Gebet und ein großes Gebet! Und als wir gefragt haben, was der Unterschied ist, sagte er: Das Stundengebet, die Meditation, die Messe und alle anderen frommen Übungen sind das kleine Gebet! Und das große Gebet: Das ist das Leben! Unser Leben wird zum Gebet, wenn alles, was wir tun, in innerer Verbindung mit Gott geschieht; was nicht heißt, dass man ständig an Gott denken muss, sondern dass wir aus dieser Kraft leben: Gott du bist meine Stärke!

Von daher: Pflegt das kleine Gebet – und gönnt euch Zeiten, in denen ihr zur Ruhe kommt und in euch hineinhorcht und dieser Stimme zuhört, die zu euch spricht: Wie bei Maria im heutigen Evangelium! Aber lasst euch auch wie Martha in den Dienst nehmen und werdet mit dem, was ihr tut und wirkt, zu Werkzeugen, mit denen Gott den Menschen seine Liebe zeigt.

Segen – Gott berührt dich!

Liebe Schwestern und Brüder,

Das Evangelium vom Barmherzigen Samariter, das wir heute gehört haben, ist DAS Evangelium schlchthin, um den Kern des christlichen Ethos klarzumachen! Die Priester und Leviten, die wegschauen und den Menschen halbtot auf der Straße liegen lassen beschämen bis heute all diejenigen die vorgeben, fromm zu sein und Gottes Wille zu tun, aber völlig versagen, wenn es um konkretes Leid geht! Und der, der es richtig macht, ist ein Samariter, einer, der in der damaligen Gesellschaft nicht „dazugehört“ und auf den „normale Leute“ herabschauen.

Was bedeutet dieses Gleichnis heute für unsern Großstadt-Jungle?Ich kann nur sagen: Es ist nicht so einfach! Ich stehe auch nicht immer auf „richtigen Seite“ – so wie der Barmherzige Samariter – was mir das Recht gäbe, mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die  wie die Priester und Leviten im Gleichnis die Nase rümpfen und wegschauen!

Ich könnte aus dem Stand einige Situationen berichten, wo ich das Gefühl habe, menschlich falsch gehandelt habe. Ganz konkret erst letzte Woche: Ein farbiger Mensch lief vor unserer KSG vorbei und frug durch das Fenster, ob er denn sein Handy bei uns aufladen könne. Eine einfache, schlichte Bitte, wo Menschen einander helfen können. Ich hab‘ ihn weggeschickt! Ich bin im Nachhinein immer noch geschockt, wie schnell mein „Nein“ geschossen kam, ohne die Situation zu bedenken. Natürlich bedeutet, einen Fremden in die KSG zu lassen, immer potentiell Gefahr, und wir haben schon ein paar Mal erlebt, dass Menschen durch das Fenster Gewalt ausfällig wurden, sodass mein erster Impuls die Verteidigung unseres Schutzraumes war, den die KSG ja darstellen soll. Aber war dieser Mann wirklich eine Gefahr?

Liebe Schwestern und Brüder, dieses kleine Beispiel soll nicht dazu dienen, dass ihr mich lossprecht, sondern um deutlich zu machen, wie schnell es gehen kann, dass man die falschen Prioritäten setzt ohne es zu wollen! Und dass uns allen nicht gut ansteht, mit dem Finger auf andere zu zeigen!

In diesem Evangelium steckt aber noch ein anderer Aspekt, deder sehr wichtig ist für unser Gottesbild! Wir lesen in dem Evangelium: „Ein Samaríter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.“

Ich weiß nicht, ob jemand von euch schon mal die Gelegenheit hatte, einen Verletzten zu versorgen. Wenn so ein Mensch blutverschmiert da liegt und er vielleicht vor Schmerzen stöhnt, dann hat man richtig Angst, diesen Menschen zu berühren. Zum einen vielleicht, weil man Angst hat, ihm oder ihr noch mehr weh zu tun. Vielleicht auch weil es einen ekelt oder man sich selber nicht schmutzig machen will.

Mich beeindruckt in dem Evangelium, dass der Samariter da offenbar keine Berührungsängste hatte. Er nimmt sich der Wunden des Opfers an. Er geht sogar so weit, ihn zu umarmen, denn nur so kann man einen anderen Menschen auf ein Reittier setzen. Man muss sich das ganz konkret vorstellen. Da geschieht ganz viel Nähe. Das Opfer muss es auch zulassen und sich berühren lassen, auch wenn es im ersten Moment weh tut!

Für mich ist diese Begebenheit ein Bild dafür wie Gott mit uns Menschen interagiert. Ich glaube, dass Gott uns „berührt“. Und diese Berührung ist ein komplexes Phänomen. Die Berührung kann auch wehtun. Vor allem wenn wir verletzlich sind, und doch ist die Nähe, die sich darin zeigt, etwas wonach wir uns zutiefst sehnen.

Daran musste ich denken, als ich die Frozen Roses von Ziggy in der Bibliothek am Hansaviertel gesehen habe. Sie sind aus Glas, und Ziggy hat sie in einen Teich im Innengarten dieser Stadtbücherei „gepflanzt“. Ziggy hat mir verraten, dass das mit den Rosen eigentlich einem Übersetzungsmissverständnis geschuldet ist: Jemand hatte ihr vorgeschlagen, Seerosen zu gestalten. Die sehen natürlich ganz anders aus. Sie hat Rosen verstanden und so sind nun in diesem „See“ in der Stadtbücherei im Hansaviertel diese wundervollen Glasrosen im Wasser.

Geht mal hin und schaut euch das an. Im Hansaviertel kann man zu den normalen Öffnungszeiten der Stadtbücherei hin! Man muss ein bisschen suchen: Es ist ein traumhaft schöner Ort, mitten im Großstadt-Jungle. Im Hintergrund die Betonhochhäuser und dazwischen ein Paradiesgarten, darin ein kleiner Teich und darin die Frozen Roses von Ziggy!

Die Rosen gelten als die Königinnen unter den Blumen, Sie sind wunderschön und duften, gleichzeitig sind sie aber extrem empfindlich. Es ist als dürften die zarten Blütenblätter nicht berührt werden. Dornen schützen die Pflanzen vor einem groben Begrabschen! Rosen sind für mich ein Bild dafür, wie behutsam wir mit Berührung umgehen müssen, dass Nähe auch gefährlich ist, aber zugleich unendlich kostbar.

Dass Ziggy diese Rosen in Glas gegossen hat ist für mich ein Bild, dass wir im Großstadt-Jungle vieles neu lernen müssen! Berührung und Nähe sehen im Beton-Jungle anders aus; sie sind aber trotzdem weiterhin unendlich schön und eine Einladung an uns, daran zu glauben, dass wir diese Großstadt zu einem Ort machen können, wo wir uns einander behutsam und zärtlich berühren lassen können!

Im Anschluss an die Predigt wird es anstelle des Credo die Gelegenheit zu einem individuellen Segen geben. Wir haben das schon öfters hier in der KSG gemacht. Heute möchte ich aber besonders Aufmerksamkeit dem Aspekt des Berührens widmen. Denn was ist Gottes Segen nicht anderes als eine Berührung Gottes? Vielleicht eine heilende, eine die Wärme schenkt, eine die aufrichtet oder die einfach nur eine Sehnsucht stillt.

In der christlichen Tradition waren Segnungen eigentlich immer mit Berührungen verbunden. Man kann das sehr schön bei Taufen sehen. An mehreren Stellen berühren der Priester, die Eltern und die Paten den Täufling. Diese Berührung werden mit den Augen des Glaubens gesehen alle zu einem körperlich spürbaren Ausdruck dessen, was Gott in uns wirkt!

Ich gestehe euch, dass wir Hauptamtlichen bisher dem Aspekt, welche Geste beim Segnen verwendet, wir wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Da hat eigentlich jeder gemacht, was er will… Ich bin da an sich sehr vorsichtig, denn ich will nicht übergriffig wirken. Andererseits berauben wir den Segen vielleicht eines seiner wichtigsten Aspekte, nämlich die Leiblichkeit, die Körperlichkeit. So wie beim Barmherzigen Samariter es doch darauf ankommt, dass er die Wunden berühren muss, um ihm zu helfen.

Das muss letztlich jedem selber überlassen bleiben, was er oder sie braucht und gestalten will; und so werden wir verschiedene Formen der Berührung beim Segen euch anbieten. (P. Max zeigt die verschiedenen Segegensgesten und -berührungen)

  1. Grundform – Orantenhaltung
  2. Hände ausstrecken über einem
  3. Hände auflegen auf Kopf
  4. Hand auf eine Schulter legen
  5. Hände in die Hand legen
  6. Ein Paar legen die Hände ineinander
  7. Der Segnende legt seine Hände auf das Händepaar

Ihr seid alle eingeladen euch segnen zu lassen. Lasst euch berühren von Gottes Nähe!

Bild: privat

Geht! Siehe, ich sende euch!

Aufbrechen, radikal sein, vertrauen und dabei erleben, wie uns das Evangelium herausfordert, unsere Komfortzone zu verlassen und im Ungewissen auf Gottes Stimme zu hören. Lea Salome Fränzle erzählt von ihrer eigenen Pilgerreise und dem Mut den es braucht, um sich auf das Wesentliche einzulassen: Wege, die auch im Alltag Spur hinterlassen. Lass dich inspirieren, auf deine eigene Reise zu gehen und Gottes Begleitung auf dem Weg zu erfahren. Studentische Predigt am 6.7.2025 in der KSG Edith Stein Berlin.

 

Bild: privat

Feeling unqualified? Solemnity of Saint Peter and Paul

Dear brothers and sisters in Christ, I feel deeply honoured and privileged to stand before you this morning to share this homily—especially on a day as significant as today, when we honour two of the most important saints of our Church: Saints Peter and Paul.

When Fr. Max first asked me to give this reflection, I honestly thought, “He must be a little crazy.”[1] I mean, what could I possibly offer? “I felt honored, but also completely unqualified.” I’m not a theologian, and I’ve only just begun to know this community. But here I am, standing before you—because sometimes, when God calls, all He asks is that we say “yes,” not that we feel ready.

Sometimes, when God calls, all He asks is that we say “yes,” not that we feel “ready”.

And maybe that’s a perfect starting point for today’s feast—the Solemnity of Saints Peter and Paul. Two pillars of our Church. Two very different men, from very different backgrounds. Peter, a fisherman—often impulsive, often unsure. Paul, a former persecutor of Christians—intellectual, bold, and stubborn. Neither was perfect. But both were willing.

Today’s readings invite us to reflect not on their perfection, but on their faithfulness. In the first reading from the Acts of the Apostles, Peter is in prison, chained between guards. And while the Church prays fervently for him, God sends an angel to break his chains and lead him to freedom. At first, Peter doesn’t even believe it’s real. He thinks he’s dreaming. Only afterward does he realize what God has done.

That really spoke to me: Because I’ve had moments like that too—where it’s only in looking back that I can say, “Yes, God was there.”

I remember moving from Uganda to Kenya in 2012, grieving the loss of my father. I was just 24, from a small rural town, suddenly alone in a busy city. And yet, strangers stepped in to help. When I was a student in Ethiopia and a friend and I were harassed by a group of drunk boys, it was one among them—perhaps moved by something deeper—who stood up for us and made the others walk away. Again, a stranger helped.

And when I came to the US, and now here in Germany, I’ve been welcomed into communities where people offered kindness not in grand gestures, but in simple, quiet acts—like sharing a meal, offering a listening ear, or giving their time and presence.

In all these moments, I didn’t always recognize God’s hand right away. But like Peter, I came to see: the Lord had been with me. And like Paul says in today’s second reading, “The Lord stood by me and gave me strength.”

Saint Peter and Paul remind us that we don’t need to be perfect. We just need to be open, willing and faithful. Because God can do a lot with a heart that says, “Here I am.”

I believe that’s our calling too. To live with open hearts. To recognize that we are not alone—not in our struggles, not in our faith, and not in our longing for justice and peace.

Even in the ordinary things—preparing for Mass, sharing a Sunday meal, going strawberry picking or just being present at a game night—we are already participating in God’s work. So what if we made that participation more intentional? What if we made every encounter a safe space—especially for those we disagree with, or don’t understand?

 

That’s the radical love Peter and Paul came to embody. Not a love that categorizes or excludes, but a love that dares to welcome, to forgive, to invite others to the table.

I’m grateful to be part of this KSG community in Berlin. The meals, the friendships, the laughter, and even the quiet moments of presence—they remind me that the Church is alive. That even in a world where politicians stir up fear and division, God is still working—through each of us.

So today, as we honour Saints Peter and Paul, I invite us to remember their legacy: bold, imperfect, but faithful love. And I invite us to pray—especially for all who are at the frontlines of violence and suffering, whether in Ethiopia, Germany, Israel, Iran, Kenya, Russia, South Sudan, Sudan, Ukraine, the United States, or anywhere in the world. That in their sorrow and sadness, God is there, with them. We are called to be „Saints“:  not perfect, but diverse and longing to realize our vocation to be witnesses of God’s love!

May we be people of prayer, People of presence, People of peace. And with Paul, may we say with trust: “The Lord will rescue me from every evil attack and bring me safely to His heavenly kingdom. To Him be the glory forever and ever. Amen.”

Das Heilige Jahr im Beton-Dschungel

Die katholische Kirche feiert weltweit ein so genanntes Heiliges Jahr? Kriegt man etwas davon mit in Berlin? Was ist überhaupt ein Heiliges Jahr? Die Predigt von P. Max geht auf diese Frage ein und gibt Anregungen, wie man für sich persönlich ein „Heiliges Jahr“ im Beton-Dschungel gestalten kann!

 

 

Wahrheit und Hoffnung

Studentische Predigt von Joshua Kunisch am 15.6.2025

Liebe Schwester und Brüder,

ein paar Worte vorab. Einige von Euch wissen es: Meine Profession ist die „Jursiterei“ und sehr zum Leidwesen meines früheren Gemeindepfarrers nicht die Theologie. Und so naheliegend es heute am Dreifaltigkeitssonntag gewesen wäre über die Trinität zu sprechen, möchte ich mich in meiner studentischen Predigt einer Dualität zuwenden: Nämlich dem Zusammenhang von Wahrheit und Hoffnung.

Wir Juristen glauben häufig, dass wir von der Wahrheit besonders viel verstehen würden, schließlich geht es ja vor Gericht darum, die Tatsachenwahrheit zu ergründen. Meine Herangehensweise in dieser Predigt wird tatsächlich auch ein wenig juristisch sein, zumindest was den Aufbau betrifft: Juristen formulieren in Gutachten immer zunächst einen Obersatz, anschließend definieren sie abstrakt anhand des Gesetzestextes und wenden die entsprechenden Normen im nächsten Schritt konkret auf einen Fall an. So werde ich jetzt auch verfahren und mich gleich vorab entschuldigen, falls ich zwischendurch sehr abstrakt werde. Das ist dann nicht nur einer „Berufskrankheit“, sondern wahrscheinlich auch meinem philosophischen Faible geschuldet.

Ich möchte mit Euch einige Überzeugungen meines ganz persönlichen Glaubens teilen. Überzeugungen, die eng verknüpft sind mit zwei Kernbegriffen der heutigen liturgischen Texte, nämlich der „Wahrheit“ und der „Hoffnung“.

Mein – in diesem Fall nicht juristischer, sondern vielmehr spirituell-philosophischer – Obersatz lautet: Hoffnung braucht Wahrheit.

Im heutigen Evangelium haben wir gehört:

Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.

Jesus sagt uns hier: Der Bote der Wahrheit ist der Heilige Geist.

In der zweiten Lesung erinnert uns Paulus:

Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Wahrheit und Hoffnung scheinen also im Innersten miteinander verknüpft. Um zurückzukommen auf meinen Obersatz: ohne Wahrheit, keine Hoffnung! Wieso das so ist, mag sich jetzt der ein oder die andere fragen.

Dem muss jedoch in meinen Augen eine andere Frage vorangestellt werden. Es ist die Frage, die Pontius Pilatus während seines Verhörs an Jesus stellt – und die Christus unbeantwortet lässt: „Was ist Wahrheit?“

Das ist für mich eine ganz zentrale Frage, deren Antwort ich gemeinsam mit Euch nachspüren will. Und die Antwort auf diese Frage ist weitreichend, bestimmt sie doch ganz wesentlich, wie wir die Welt um uns herum sehen.

Ich halte es für die Beantwortung dieser Frage mit dem heiligen Kirchenlehrer und Dominikaner Thomas von Aquin – achtung abstrakt: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Denken und Sein.

Im Mittelpunkt steht also ein sehr grundlegender, zugleich praktisch aber schwer greifbarer Begriff: Das Sein. Um die Wahrheit zu finden, sind wir zunächst aufgerufen, das Sein zu erkennen. Und wenn das Sein mit unserem Denken und Erkennen übereinstimmt, dann ist unsere Erkenntnis wahr.

Soweit also die Definition, der zweite Schritt eines juristischen Gutachtens. Was aber bedeutet das für die Praxis? Was hier abstrakt zunächst einfach und logisch klingt, hat – ich sagte es schon – tatsächlich weitreichende Konsequenzen.

Denn diese Überzeugung – oder genauer dieser Wahrheitsbegriff – heißt doch folgendes:

Es kann verschiedene Blickwinkel, verschiedene Sichtweisen auf das Sein geben. Das eine Sein bliebt jedoch unverändert. Und wenn das Sein unverändert bleibt, dann muss sich jede Erkenntnis des Seins an dem Sein messen lassen. Dann gibt es „bessere“ und „schlechtere“ Erkenntnis des Seins. Und somit gibt es „wahre“ und „falsche“ Erkenntnis – gemessen am Übereinstimmungsgrad der Erkenntnis mit dem Sein. Ihr merkt schon jetzt: Ich bin kein Freund des heute weitverbreiteten Relativismus.

Wieso? Hierzu ein Beispiel aus der Rechtswissenschaft: Juristen sprechen oft vom „erkennenden Gericht“. Das ist im Strafprozess das Gericht der ersten oder zweiten Instanz – also der sogenannten Tatsacheninstanzen. Und die Aufgabe dieses Gerichts klingt sehr einfach, ist oft aber sehr komplex: Die Wahrheit finden. Hierfür werden Zeugenaussagen gehört, Schriftstücke verlesen, Expertengutachten eingeholt, Örtlichkeiten in Augenschein genommen. Kurz gesagt: Es wird unternommen, was der Wahrheitsfindung dient.

Und wenn Zeugen vereidigt werden, so müssen sie schwören, dass alles, was sie berichten, der Wahrheit entspräche und nichts als die Wahrheit sei. Die Eidesformel in § 64 StPO lautet: „Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben“ und wird vom Zeugen bekräftigt mit „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe“. Der Gottesbezug kann aber auch weggelassen werden. Hierauf kommt es für mich in diesem Moment nicht an – obwohl es für den Gottesbezug natürlich sehr gute Argumente gibt.

Hier zeigt sich für mich in jedem Fall aber sehr anschaulich, dass es nur eine Wahrheit geben kann. Nämlich, im Strafprozess bleibend, den tatsächlichen Tathergang. Und die Blickwinkel hierauf mögen verschieden sein: Der Zeuge beispielsweise, der ein Verbrechen nur aus weiter Entfernung beobachtet hat, mag dies anders wahrgenommen haben, als der Zeuge, der dabei war, der direkt danebenstand, als das Verbrechen verübt wurde. Die Wahrheit ihrer Zeugenaussagen bestimmt sich allein daran, ob ihre Wahrnehmung, ihr Denken vom Tathergang, der Realität desselben entspricht. In andere Worten: Ob ihre Erkenntnis vom Tathergang das Sein widerspiegelt.

Was aber bedeutet diese Einsicht über die Erkenntnis der Wahrheit nun für unseren, besser für meinen, ganz persönlichen Glauben?

Zunächst einmal sind wir alle gerufen, uns um die Erkenntnis der Wahrheit zu bemühen. Und das ist eine lebenslange Aufgabe. Wir alle kennen den Ausspruch Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zu Vater außer durch mich.“

Was aber meint dieser Satz für mich – für uns als das „pilgernde Volk Gottes“?

Christus, der ganz Gott ist, der vor Anbeginn der Zeiten war, er ist das Seiende schlechthin. So lautet auch der Name Gottes im Alten Testament, den der Herr dem Mose im brennenden Dornenbusch offenbart: „Ich bin der ‚Ich bin‘.“ In anderen Worten: Ich bin der Ursprung und der Inbegriff allen Seins; Gott ist der Seiende Schlechthin. Somit ist Gott auch der Inbegriff aller Wahrheit. Und alle Wahrheitserkenntnis mündet in ihm.

Und unser Weg zur Wahrheit liegt in Jesus Christus. Wer ihn erkennt, der erkennt den Vater. Und der erkennt die Wahrheit.

Und hier kommt jetzt – endlich – die Hoffnung ins Spiel. Als menschliche Wesen streben wir nach Wahrheit. Das Streben nach Wahrheit ist seit jeher tief in unserem Innersten angelegt.

Mein ganzes Sein richtet sich auf die Erkenntnis der Wahrheit hin. Voller Resignation könnte ich jetzt feststellen: Wenn aber Gott allein die Wahrheit ist, dann kann ich diese doch in meinem irdischen Dasein niemals voll begreifen und ergründen.

Und das ist tatsächlich wahr. Aber: Ich kann mich um Wahrheitserkenntnis bemühen. Ich sagte es schon: Mein ganzes Leben dreht sich sodann um die Erkenntnis der Wahrheit – und doch weiß ich: voll erkennen und begreifen werde ich erst, wenn mein irdisches Leben zu Ende geht und ich Gott gemäß meinem Glauben von Angesicht zu Angesicht schauen werde.

Warum dann alles? Warum alles Mühen um Erkenntnis? Warum aller Streit um den richtigen Weg, um die wahre Erkenntnis der Wahrheit? Ist das dann nicht alles müßig? Sollten wir dann nicht alle Erkenntnisse gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen – ist uns doch die Möglichkeit der letztendlichen Erkenntnis verwehrt?

Das ist heute übrigens durchaus Mode: Eine falsch verstandene Toleranz hat Einzug in unsere Gesellschaft gehalten. Wahrheit wird vielerorts nicht mehr als absolut betrachtet, sondern der Relativismus grassiert. Ich deutete es schon an: Ich halte davon nichts. Ein Satz der mich hierhingehend geprägt hat, ist der folgende: Wenn alles gleich gültig ist, dann ist alles gleichgültig.

Ich halte nichts davon, sich aus Bequemlichkeit auf die Position zurückzuziehen, dass alles eben einfach gleichermaßen wahr ist. Ich bin überzeugt, dass wir um den richtigen Weg streiten müssen, dass wir die Wahrheit suchen müssen. Aber auch, dass wir dem Gegenüber zugestehen müssen, dass er womöglich die Wahrheit besser erkannt hat, als ich selbst. Das ist manchmal hart, zugleich aber echte, wahrhafte Toleranz. Wir müssen einander auch blinde Flecken zugestehen.

Oder in den Worten des Evangelisten Lukas gesprochen: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?

Eine wahrhaft tolerante Haltung im eben beschriebenen Sinne kann uns meiner Meinung nach in vielen gesellschaftlichen Streitfeldern helfen – und trägt weiter als der vermeintlich so tolerante Relativismus. Und das gilt besonders auch in kirchenpolitischen Debatten. Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in kirchenpolitischen Streifragen häufiger besinnen würden, demütig anerkennen würden, dass auch der andere richtig und ich selbst falsch liegen könnte, dann wäre viel gewonnen.

Auf kirchenpolitische Einzelfragen will ich hierbei gar nicht näher eingehen. Nur so viel: Das Lehramt schöpft gewiss aus einer großen Tradition – und als Konservativer kann ich überzeugt sagen: hierin liegt ein Vorteil, denn Tradition ist gegorene Erkenntnis dessen, was sich als sinnvoll und gut bewiesen hat. Aber zugleich sei klar gesagt: Auch das kirchliche Lehramt hat nicht alle Wahrheit für sich gepachtet. Wie auch, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass Gott allein die letzte Wahrheit ist?

Zurück aber zu meiner Frage: Wieso nun also streben nach dieser letzten, göttlichen Wahrheit, die im Diesseits doch unerreichbar bleibt?

Für mich ist die Antwort klar: Weil mir diese Verheißung Hoffnung gibt. Wenn ich im ewigen Leben meinen Schöpfer schaue, dann werde ich die Wahrheit schauen. Dann werde ich begreifen und verstehen, was ich im Hierseits nicht begreifen kann. Dann wird er mich in die ganze Wahrheit einführen.

Und weil ich diese Überzeugung als wahr erkannt habe, darf ich hoffen. Ich darf hoffen, dass er mich voller Liebe anschauen wird. Und vielleicht wird er sagen: Mein geliebtes Kind, Dein ganzes Leben hast Du Dich bemüht und bist doch mit voller Energie in die falsche Richtung gelaufen. Dann aber weiß ich: ER sieht mich in Liebe an. ER sieht meine Bemühung, meine aufrichtige Bemühung um Erkenntnis. Und ER wird mich in seine liebenden Arme schließen.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke und mein Licht. Und ich bin überzeugt: Wer als Christ aus dieser Hoffnung heraus lebt und handelt, der lebt voller und tiefer. Das zumindest ist meine Erfahrung und meine Hoffnung.

Wenn wir aus der Gewissheit leben, dass wir nur die vorletzten Wahrheiten kennen können, dann zwingt uns das zum Respekt vor der Meinung des anderen. Nicht in einem gleichgültigen Nebeneinander, sondern in der

Und zugleich lässt mich  diese Gewissheit freudig hoffen auf den Tag, an dem ich selbst durch Christus in die ganze Wahrheit eingeführt werde, die alles Verstehen und Erkennen übersteigt.

Ich hoffe auf diesen Tag, liebe Schwestern und Brüder. Ich sehne diesen Tag herbei. Und diese Gewissheit schenkt mir Demut, mein Leben anzunehmen, mich um Erkenntnis zu bemühen und auf den Herrn zu hoffen; wahrhaftig zu hoffen.

Amen.

Bild: Gerd Altmann / pixabay

Die Sehnsucht nach intensivem Leben

In den Tagen vor Pfingsten bitten die Gläubigen um den Heiligen Geist. Aber was ist die Heilige Geistkraft? Wozu die Bilder von Feuer und Wind? Ein Ansatz zum Verstehen könnte die Sehnsucht nach intensivem Leben sein, die viele Menschen verspüren.

bei YouTube ansehen

Liebe Schwestern und Brüder,

wir befinden uns grade in der Pfingstnovene. Ihr wisst vielleicht, was das bedeutet: Novene bezeichnet die 9 Tage vor einem großen katholischen Fest. Die Pfingstnovene ist die wichtigste Novene. Nachdem sich Jesus an Christi Himmelfahrt in gewisser Weise dem „Zugriff“ der Jünger:innen entzogen hat, bitten wir nun um das Kommen des Heiligen Geistes bzw. der Heiligen Geistkraft!

Nun muss ich an Pfingsten immer an die BVG-Werbung denken, ich habe davon schon letztes Jahr davon erzählt. Und zwar heißt es auf dem Plakat: „Pfingsten ist so Berlin. Alle feiern, aber keiner weiß warum!“

Es ist aber auch nicht einfach zu erklären, worum es an Pfingsten geht. Es gibt so viele Aspekte: Geburtstag der Kirche, Gemeinschaft, Mission, Der Geist weht wo er will und so weiter!  Ich möchte mich heute einen Aspekt fokussieren, auf den man nicht gleich kommt – vor allem, weil es sozusagen die Gegenrichtung bezeichnet.

Was ist damit gemeint: Ihr habt die Bilder von Pfingsten vor Augen: Flammenzungen kommen von oben herab auf die Jünger, die zusammen mit Maria sich ängstlich im Abendmahlssaal eingeschlossen haben. Dieser Flammen verursachen richtig eine Explosion: Die Zungen lösen sich, die Menschen können in allen Sprachen sprechen, manche denken, sie sind betrunken! Die Angst weicht, und es gibt einen Impuls nach außen! Alles scheint von oben zu kommen!

Aber worauf trifft dieser Geist? Auf welchen Boden fallen sozusagen diese Flammentropfen? Die Bibel ist da sehr karg, aber ich glaube, dass sozusagen die Bewegung „von unten“ auch einen wichtigen Aspekt bezeichnet. Worauf trifft diese Heilige Geistkraft? Gibt es da etwas, was darauf vorbereitet oder was sich zumindest danach sehnt?

Das wäre meine These heute: Ein Schlüssel zum Verstehen des Pfingstfestes liegt im Wahrnehmen der Sehnsucht nach intensivem Leben!

Die Sehnsucht nach intensivem Leben! Ich behaupte mal, dass jeder sie kennt. Jedenfalls fühle ich sie sehr stark in meinem Leben. Sie ist ein sehr kraftvoller Motor für meine Existenz. Sie schenkt mir Motivation, Ziele zu erreichen. Hält mich in Bewegung auch mal was Neues zu machen!

Das Schöne ist ja, dass man in seinem Leben immer wieder mal Momente erlebt, wo man so was wie Erfüllung erlebt: Wenn ich einen atemberaubenden Sonnuntergang am Meer erlebe. Oder auch Musik höre oder gar selber spiele, die mich richtig innerlich bewegt. Kennt ihr diese Gänsehaut-Momente? Da könnte ich richtig weinen. Auch in der Begegnung mit Menschen gibt es diese Momente intensiven Lebens: Das kann mit Freunden sein, oder auch mit den Eltern und Geschwistern. Verliebtsein ist eigentlich nichts anderes als ein krasser Moment intensiven Lebens, und die Kunst in der Beziehung ist es, die Faszination zu transformieren, damit man immer wieder neu über und mit der Partner:in staunen – und sich freuen – kann!

Natürlich ist das auch ein bisschen Typ-Frage. Manche Leute mögen es etwas gemächlicher und schätzen es, wenn es nicht ständig rauf und runter geht. Ich persönlich könnte mir aber ein langweiliges, verbürgerlichtes Leben nicht auf Dauer vorstellen, wo alles absehbar vor sich hin plätschert und die größte Aufregung im Leben nur noch ist, was man abends zu Essen kocht oder ob man zum zehnten Mal an denselben Urlaubsort fährt!

Nun mag einer sagen: Ist dann nicht das Leben im Kloster eine Fehlentscheidung gewesen? Sollte man da nicht eher die Ruhe und Kontemplation suchen? Ja einerseits stimmt das! Aber nicht, um diese Sehnsucht zu ersticken sondern anders am Leben zu erhalten. Und ich kann für mich sagen: Sogar noch stärker und intensiver zu leben, weil ich so oft nah dran bin an den Menschen an den existenziellen Wendepunkten ihres Lebens! Für mich ist Religion und Spiritualität die Kunst, die Sehnsucht zu kultivieren.

Wichtig dabei ist: Sich nicht mit „kleiner Währung“ zufrieden zu geben. Nichts gegen ein bürgerliches Leben: Ich bin selber verbürgerlicht genug! Aber wenn alles absehbar ist, wenn es im Leben keine Überraschungen mehr gibt, wenn ich alles unter Kontrolle habe, und alles Unvorhergesehene und Spontane ersticke: Dann bin ich eigentlich scheintot!

Wahres Leben ist unkontrollierbar, voller Überraschung, manchmal auch anstrengend… aber immer intensiv!

Eine weitere Versuchung ist die Betäubung. Man kann diese Sehnsucht auch durch Scheinbefriedigungen ersetzen. Für die Workaholics ist das die Arbeit: Das finden sie geil! Merken aber gar nicht, dass sie das eigentliche Leben verpassen und nicht mehr in Verbindung sind mit sich selbst und dem Nächsten! Andere betäuben sich mit Substanzen, wieder andere mit Netflix oder Tictoc. Auch Religion kann dafür missbraucht werden: Karl Marx hat das angeprangert, als er die Religion als „Opium für das Volk“ bezeichnete. Aus meiner Sicht ist das die Perversion von Religion, wenn sie einen dazu bringt, die eigentlichen Bedürfnisse nicht mehr wahrzunehmen.

Für mich hält echte Religion das „Fenster“ offen für das Mehr, das wir in unserm Leben erwarten!

Ein letztes Wort zur Erfüllung dieser Sehnsucht nach intensivem Leben. Gibt es die? Ich habe es ja schon gesagt, Immer wieder erlebt man Momente im Leben, wo man  dieses Gefühl hat. Das sind so Boah-Momente. Aber sie sind irgendwann auch wieder vorbei. Manche schließen daraus, dass diese Momente gar nicht echt sind. Nur Illusion. Das ist das halbleere Glas.

Aber man kann auch das halbvolle Glas sehen: Jeder dieser Wow-Momente ruft in uns die Erinnerung wach, dass es in diesem Leben mehr gibt, als nur das Funktionieren, den Alltag, das Banale.

Und an dieser Stelle kommt für mich die Erwartung für das Pfingstfest ins Spiel. Ich glaube, dass die Momente intensiven Lebens – nach denen wir uns so sehr sehnen – erfüllt sind vom Heiligen Geist. Der Geist ist die Liebe und das Leben in Gott. Und an diesem Leben erhalten wir Anteil auf eine ganz neue und unübertreffliche Weise!

Das heißt Pfingsten können wir nur „richtig“ feiern, wenn wir in Verbindung stehen mit unserer Sehnsucht nach intensivem Leben. Diese Sehnsucht will erfüllt werden. Volle Erfüllung gibt es in dieser Welt nicht. Aber es gibt einen Vorgeschmack dessen, wozu wir eigentlich von Gott erschaffen wurden: Zu Menschen voller Leben und Leidenschaft.

Wir haben heute eine Lesung aus dem Buch der Offenbarung gehört. Da wird diese Sehnsucht umschrieben mit dem Bild des Durstes. Und die Erfüllung wird beteichnet als das Wasser des Lebens, das wir „unentgeltlich“ also ohne dass wir uns dafür anstrengen müssten empfangen sollen.

Der Geist und die Braut aber sagen: Komm!
Wer hört, der rufe: Komm!
Wer durstig ist, der komme!
Wer will, empfange unentgeltlich das Wasser des Lebens!
Er, der dies bezeugt, spricht:
Ja, ich komme bald. –
Amen. Komm, Herr Jesus! (Offb 22)

Eine großartige Verheißung! Amen

 

Bild: Vatican Media

Wozu Papst und Hierarchie?

Liebe Gemeinde,

ich muss zugeben: Ich war überrascht, wie viel Interesse der Tod von Papst Franziskus und die Wahl Leos XIV. geweckt haben. Auf allen Kanälen Papst, und die Kommentare waren eigentlich immer recht positiv: Sowohl zur Bedeutung von Papst Franziskus, als auch zum neuen Papst! Ich wusste zwar, wer Robert Prevost ist, aber gerechnet hatte ich nicht mit seiner Wahl!

So eine positive Stimmung gab es auch, als 2005 Papst Benedikt XVI. gewählt wurde, und bei Papst Franziskus im Jahr 2013. Vielleicht habt ihr gehört, dass damals die Bild-Zeitung titelte „Wir sind Papst“. Besonders bei Benedikt hat sich die Stimmung dann ziemlich gewandelt; und ich bin gespannt, wie es bei Leo werden wird. Viele projizieren ihre Hoffnungen und Erwartungen in ihn hinein, ohne zu wissen, wie er wirklich ist. Wir werden sehen: Ich persönlich habe einen guten Eindruck: Er scheint ein sehr spiritueller und zugleich vernünftiger Mensch zu sein. Und dass er als Augustiner Ordensmann ist und gewohnt, in Gemeinschaft zu leben, ist jedenfalls nicht das schlechteste Omen.

Das große Interesse am Papst hat mich persönlich natürlich gefreut. Die Übertragungen im ZDF-Stream bzw. im linearen Fernsehen hatten beste Quoten, und selbst Leute, die nichts mit Kirche am Hut haben, interessierten sich nun für die katholische Kirche. Das steht in eigenartigem Kontrast zu der sonstigen Stimmung, wenn es um die katholische Kirche geht. Was ist der Grund? Einfach nur die Faszination einer jahrhundertealten Institution? Die bunten Gewänder? Der Reiz, ganz viele alte Männer auf einem Fleck zu sehen? 😉

Im Gespräch mit vielen Menschen, die nicht kirchlich sind, habe ich jedenfalls wahrgenommen, dass der Papst als etwas Archaisches wahrgenommen wird, als irgendwie aus der Zeit gefallen. Wie viele andere wichtige Amtsträger in der Welt wird er zwar gewählt – allerdings nur von sehr wenigen Männern! -, aber er stellt etwas dar, was nicht zu vergleichen ist mit den Repräsentanten von Staaten oder anderen Religionen.

Ich möchte das zum Anlass nehmen, mit euch über das katholische Amtsverständnis nachzudenken, denn nach meinem Eindruck ist das inzwischen auch für Katholik:innen ein „Buch mit sieben Siegeln“ (wie das Buch der Apokalypse auch genannt wird, aus der wir die erste Lesung gehört haben. Wir leben in einer Demokratie; und auch wenn es nicht immer klappt: Der Anspruch in der Luft, dass alles „demokratisch“ sein müsse, liegt ja doch in der Luft.

In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist die katholische Kirche aber das Gegenteil von Demokratie. Sie steht für Hierarchie – also die Vorstellung, dass Herrschaft („Arche“) in etwas Heiligem („Hieros“) begründet liegt, und nicht im Volk („Demos“). Stimmt das oder stimmt das nicht?

Die Frage ist ziemlich wichtig für uns alle: Für euch als Gemeindemitglieder, denn ihr müsst ja wissen, in die Hände welcher Institution ihr geraten seid. Und für mich auch: Denn als Amtsträger stehe ich ja für diese Institution. Und als „geweihter“ Amtsträger, ist das Hierarchische noch mal offensichtlicher! Für zwei Wochen habe ich mein 25. Priesterjubiläum begangen, und ich kann sagen, dass ich schon viel erlebt habe als Vertreter der „Hierarchie“.

Eine wichtige These vorweg: Ja: Die katholische Kirche ist hierarchisch aufgebaut, und man kann sie sich nicht einfach als „Demokratie“ selber stricken. Aber es gibt ein Gegengewicht in ihr selbst, was dem Hierarchischen eine wenn man so will „horizontalen Perspektive“ beigesellt. Und das ist das, was Papst Franziskus versucht hat, neu ins Bewusstsein zu rufen, indem der das Thema „Synodalität“ auf die Agenda gestellt hat. Das Wort „Synode“ besteht aus zwei Teilen: „Syn“  heißt „mit“ und „odos“ bedeute der Weg. Man könnte also Synodalität übersetzen mit: Gemeinsam einen Weg gehen!

Aber woher diese eigenartige Verfassung der katholischen Kirche, die eben nicht demokratisch ist, sondern hierarchisch und synodal zugleich?

Das Zauberwort ist die „Sakramentalität“! Was ist das? Ihr wisst vielleicht, was ein Sakrament ist: Kriegen wir alle Sakramente zusammen?

Taufe – Eucharistie – Firmung – Buße – Weihe – Ehe – Krankensalbung

Was sind Sakramente? Sichtbare Heilszeichen Gottes! Die katholische Spiritualität legt sehr viel Wert drauf, dass Gottes Wirken erfahrbar und sogar berührbar ist. Das hängt damit zusammen, dass Gott Mensch geworden ist! Gott ist durch Jesus Christus nicht mehr fern und abstrakt, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut geworden. Damit ist Gottes Gegenwart nicht mehr etwas Abstraktes, sondern etwas sehr Konkretes.[1] Und die Kirche wird als „Leib Christi“ verstanden, der ebenso wenig „abstrakt“ bleibt, sondern eine spirituelle Wirklichkeit. Da wo die Botschaft verkündet wird und Menschen durch die Taufe zu neuem Leben erstehen, da werden sie eingegliedert in das Kirche ist: Leib Christi.

Die Amtsträger (und ich ergänze bewusst auch die Amtsträgerinnen, die es bisher leider noch nicht gibt), haben die Aufgabe, diese „Erfahrbarkeit“ Gottes in den Sakramenten zu ermöglichen. Und deswegen sind sie auch selber geweiht. Wie bei der Taufe und der Firmung prägt das Weihesakrament ein „unauslöschliches“ Prägemal ein: Semel catholicus, semper catholicus (genauso bei der Firmung und Weihe).

Wir ihr wisst, feiern wir an Pfingsten den Geburtstag der Kirche: Denn an dem Tag wurde der Heilige Geist ausgegossen. Und das begründet dann die besondere Spannung, in der die katholische Ekklesiologie seitdem steht: Einerseits die Vorstellung der Kirche als Leib Christi, andererseits aber Kirche auch als Gemeinschaft der vom Heiligen Geist Berufenen: Einem Geist, der weht, wo er will! Der sich nicht beschränkt auf die engen Mauern eine Institution!

Der Papst ist übrigens keine eigene Weihestufe, sondern er ist vor allem Bischof von Rom und als solcher kommt ihm die Aufgabe, den Vorsitz in der Liebe zu führen!

Ich glaube, dass in der Wahrnehmung der Menschen die hierarchische Dimension der katholischen Kirche in der Vergangenheit zu stark war und zu wenig die vom Heiligen Geist bestimmte Wirklichkeit! Synodalität ist meines Erachtens wichtig, um diese „andere Seite“ von Kirche, die vom Heiligen Geist gedachte wiederzuentdecken, die nicht so sehr die Unterschiede betont, sondern die Verbundenheit, die der Heilige Geist schafft und irgendwie auch eine anarchische Seite hat! Das wird immer in Spannung bleiben; und das wird katholische Kirche aber auch immer von Vereinen und anderen demokratischen Strukturen unterscheiden!

Noch mal zusammenfassend:

  • Die katholische Kirche hat die hierarchische Seite in der Vergangenheit zu sehr betont.
  • Wir müssen die synodale Struktur der Kirche wiederentdecken, und uns dabei vom Heiligen Geist leiten lassen.
  • Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott nicht nur zölibatäre Männer in das Amt beruft, sondern eine noch viel größere Vielfalt auch mehr von Gottes Geheimnis spür- und erfahrbar machen kann.
  • Wir müssen aber auch lernen, die katholische Kirche nicht mit einer Demokratie zu verwechseln und Maßstäbe an sie anzulegen, die ihrer geistlichen Dimension nicht gerecht wird. Dazu müssen wir alle auch sprachfähiger werden, um sagen zu können: Was ist eigentlich ein Sakrament!

Als Priester, der in diesem Jahr sein 25. Weihejubiläum feiert, erhoffe ich mir davon, auch wieder klarer zu bekommen, was eigentlich der Sinn meines Berufs und meiner Berufung ist. Wissen wir, wozu es eigentlich Priester braucht, und warum gewisse Dinge von Priestern (und ich ergänze hoffentlich auch Priester:innen) gemacht werden sollten?

Ihr merkt, ein bisschen angefressen bin ich schon von der Unklarheit, die in dieser Frage herrscht. Aber ich kann für mich persönlich sagen, dass ich nicht einen Tag seit meiner Weihe bereut habe. Ich war gerne Spender und Diener an der sakramentalen Gegenwart Gottes, Verkünder seiner Liebe und Barmherzigkeit und „synodaler“ Weggefährte der Menschen, die Gott suchen auf den Wegen ihres Lebens. Amen!

[1] Etwas, was auch im Schmutz eines Stalls erfahrbar sein kann, oder wenn ihr an Mt 25 denkt in Kontexten, wo man am wenigsten Gott erwarten würde. Jesus identifiziert sich mit den Menschen in prekären Situationen: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben“. Sie werden zum Sakrament Gottes. Der Leib Christi: Das ist der leidende Mensch!

Alles Neu?!

 

Liebe Gemeinde,

wie würde deine perfekte Welt aussehen, wenn du sie neu schaffen könntest?

In der zweiten Lesung aus der Offenbarung ist „Alles Neu“ das Thema, könnte man sagen.

Dazu kam mir das Lied „alles neu“ von Peter Fox in den Sinn.

Dort heißt es: „Hey, alles glänzt
So schön neu (Yeah, yeah, yeah)
Hey, wenn’s dir nicht gefällt
Mach neu (Wouh)
Die Welt mit Staub bedeckt
Doch ich will seh’n, wo’s hingeht

Alles neu ist das Programm für die Lesung aus der Offenbarung.

Neuer Himmel, neue erde, eine neue Stadt Jerusalem.

„Seht ich mache alles neu.“

Ein scheint das zu der Zeile  „wenn’s dir nicht gefällt, mach neu“ zu passen. Aber schafft Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde, weil die alten nicht gut genug waren oder ihm nicht mehr gefallen haben?

Im Gegenteil. In der Schöpfungsgeschichte heißt es, „Gott sah, es war sehr gut“. 

Der neue Himmel und die neue Erde sind keine Verbesserungen, weil es nicht gut war oder Gott nicht gefallen hat.

Gott schafft etwas ganz Neues. Es wird nichts altes verbessert oder erneuert. In der Apokalyptik geht es um ein transformatives Handeln Gottes, eine grundlegende Erneuerung. Typisch für Apokalypse.Apokalypse- Schleier heben, etwas wird sichtbar. Hier ist es die neue Stadt. 

Dabei knüpft Johannes an das Schöpfungshandeln Gottes in Genesis an und wandelt es zugleich. Begann die Schöpfung mit einem Garten, so liegt hier der Fokus auf einer Stadt, dem neuen Jerusalem. Diese ganze Stadt wird zum Wohnort Gottes.  

Eine Stadt, wie sie Cassandra Steen und Adel Tawil im Lied Stadt besingen:

„Eine Stadt, in der es keine Angst gibt, nur Vertrau’n
Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbau’n
Wo das Licht nicht erlischt, das Wasser hält
Und jedes Morgenrot und der Traum sich lohnt
Und wo jeder Blick durch Zeit und Raum in unsre Herzen fließt“

Eine Stadt ohne Trauer, Tränen und Tod. Ohne Diskriminierung, und wo alle Menschen sie gleichen Rechte und die gleiche Würde haben.Wo man Gott nicht suchen muss, sondern Sie schon da ist. 

Dort stellt sich nicht mehr die Frage, wo wir Gott im Beton-Dschungel finden.

Doch das ist die Zukunft- was bedeutet das für uns im hier und jetzt, wo wir Gott suchen?

Da hilft ein Blick in das Ev weiter.

Es ist der Beginn der Abschiedsrede Jesu, eine programmatische Rede, die mit seinen Jünger*innen führt.

Zentral in diesem Abschied ist das neue Gebot, das Jesus den Seinen gibt.

„Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr auch einander lieben.“

So lautet Jesu neues Gebot. Doch so neu ist es gar nicht. Das Liebesgebot findet sich schon alten Testament

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.“

Das Neue am Gebot von Jesus ist, dass er es mit sich selbst, mit der Hingabe für die Seinen am Kreuz verbindet.

Alles neu?! Ja und nein. Ein altes Gebot, das für die die Jünger*innen damals und uns heute eine neue Bedeutung hat, da es uns mit Jesus verbindet. Es ist neu, weil es den Bezug zu Jesus hat und damit auch zu seiner Botschaft vom Reich Gottes. Das auch auf die neue Erde und Himmel verweist. Keine Trauer, keine Tränen mehr, und auch keine Diskriminierung.

Mit dem neuen Gebot lädt uns Jesus ein, an einer Welt mitzuarbeiten, die erfüllt ist von dieser Liebe.

Eine Stadt, in der es keine Angst gibt, nur Vertrau’n
Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbau’n
Wo das Licht nicht erlischt, das Wasser hält

Indem wir einander lieben und diese Liebe weitergeben. Darin zeigt sich Gott.

Solange die neue Stadt, neuer Himmel und Erde noch nicht da sind, ist es unsere Aufgabe, das Gebot Jesu zu erfüllen, einander zu lieben, Gott in der Stadt zu suchen und an der Stadt Gottes mitzubauen.

 

Amen.

Der gute Hirt zwischen Sorge und Widerstand

Liebe Gemeinde,

vom guten Hirten, der zur Not sogar sein Leben hingibt, erzählt das heutige Evangelium nach Johannes (Joh10,27–30). Und von Schafen, die den Befehlen des Hirten Folge leisten.

Drei Szenen sind mir zu diesem Text eingefallen:

  1. In der Wohnung meiner Großeltern mütterlicherseits hing ein Ölgemälde, mindestens 1,20 m in der Breite und 90 cm hoch, das Jesus als den guten Hirten zeigte: mit Hirtenstab, ein Lamm auf dem Arm und umgeben von vielen hübsch gemalten Schafen, sanft dreinblickend in einer vom Sonnenuntergang mild beleuchteten Hügellandschaft. Vielleicht handelte es sich auch nur um einen Druck …

Auf jeden Fall fand ich das Bild schon damals entschieden zu süßlich. Und viel zu kitschig. Das war nicht meine Sache. Nicht mein Jesusbild. Das war vor allem die Frömmigkeit meiner Oma.

  1. Zeit seines Lebens hat der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) Machtbeziehungen analysiert. Dabei verstand er Macht nicht nur als etwas Negatives, das es zu beseitigen gälte. Vielmehr war er überzeugt: Macht kann auch Freiräume für kreatives und verantwortungsvolles Handeln öffnen.

Eine besondere Machtform war für Foucault die „Pastoralmacht“. Sie ist, so definierte Foucault, die Macht, die Pastoren ausüben. Sie unterscheidet sich signifikant von der Macht, die Könige und Richterinnen, Politikerinnen und Propheten, Wahrsagerinnen und Mäzene ausüben.

Der Hirte – lateinisch: pastor – hat Macht über seine Schafe, weil er uneigennützig ist und treu, und weil er immer die ganze Herde und zugleich auch das einzelne Schaf im Blick hat.

Foucault hat uns aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei der Pastoralmacht um eine Beziehung „des reinen Gehorsams“[1] handelt. Mehr noch – ich zitiere ihn wörtlich – handelt es sich um die „Unterwerfungsbeziehung eines Individuums unter ein anderes“[2].

Spätestens seit der 2018 veröffentlichten Studie zum „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“[3] können wir nicht mehr die Augen verschließen, welche Missbrauchspotentiale in der kirchlichen Hirten-Macht angelegt sind – strukturell wie individuell.

  1. 1935 musste der evangelische Theologe und Hochschullehrer Karl Barth (1886–1968) vor den Nazis in die Schweiz fliehen. Der Reichskultusminister in Berlin höchstselbst hatte dem kritischen Protestanten verboten, weiterhin an deutschen Universitäten zu lehren.

In einer Predigt zu unserem heutigen Evangelientext hat Barth einmal einen Satz gesagt, der mich sehr nachdenklich macht: „Wir gehören doch nicht uns selbst, sondern wir gehören Jesus Christus unserem Herrn.“[4]

Für die meisten seiner Hörer*innen war klar, was Barth sagen wollte: Adolf Hitler ist der Wolf, der den Tod bringt. Hitler hatte sich zum Herrn aufgeschwungen und beanspruchte, über Leben und Tod zu entscheiden. Sechs Millionen Juden mussten das am Ende mit ihrem Leben bezahlen, aber auch viele andere, Menschen, die angeblich ein „unwertes Leben“ hatten, wie das die Nazis nannten: Russen und Polen, Lesben und Schwule, behinderte Menschen, Roma und Sinti, und, und, und …

Am vergangenen Donnerstag haben wir der deutschen Kapitulation und der Befreiung von den Nazis gedacht. Und vor allem haben wir uns an die Opfer des Faschismus erinnert.

Liebe Gemeinde,

die Spannung zwischen den beiden Polen, die das biblische Bild vom Hirten aufmacht, ist heftig: kirchliche Gehorsamsforderungen, die dem Machtmissbrauch Tür und Tor öffnen (können) auf der einen Seite, und Zugehörigkeit zu Christus als Kritik gegenüber jedweder totalitären Anmaßung auf der anderen Seite. Unterwerfung da und Widerstand dort.

Aber ist das heute überhaupt noch zeitgemäß: einem Herrn gehören?[5] Produziert nicht das Bild vom Hirten und den Schafen letztlich doch wieder bloß neue Unfreiheit?

Anders vielleicht als zu Karl Barths Zeiten verwahren sich viele Zeitgenoss*innen heute strikt dagegen, einen Herrn über sich zu haben. Sie möchten ihr eigener Herr, ihre eigene Herrin/Frau sein: „Keiner soll mir in mein Leben hereinreden!“ Ja, vielleicht ist das heute der wichtigste Grund, weswegen Menschen lieber nicht als Christin oder Christ leben wollen. „Ich brauche keinen Herrn!“

Ich kann das nachvollziehen. Auch ich liebe meine Unabhängigkeit – sehr sogar. Und doch stelle ich mir Fragen: Ist es wirklich so, dass wir niemanden brauchen, die oder der sich um uns sorgt oder mir auch schon einmal deutlich zurechtweist?

Was ist, wenn wir größenwahnsinnig werden? Was, wenn wir an unsere Grenzen kommen? In einer Krankheit, die mir Mut und Hoffnung nimmt? Bei einem krassen Fehler, den ich mache? In solchen Situationen kann es gut tun, eine Stimme zu hören, die mir vertraut ist und Kraft schenkt. Da kann es tröstlich sein zu spüren, dass ich nicht allein bin: Da ist eine oder einer, die oder der mich wirklich gut kennt[6], sich um mich kümmert, mich bei der Hand nimmt[7] und mir hilft, wieder nach vorne blicken zu können. „Sie [die Schafe] werden niemals zugrunde gehen“[8], heißt es im Evangelium. Einen guten Hirten, eine gute Hirtin zu haben, kann dann der Beginn von neuer Freiheit sein.

Und vielleicht ist es mit einem solchen sorgenden Menschen an meiner Seite oder gar mehreren, in einer Gemeinschaft, leichter möglich, widerständig zu leben – gegen all die Anmaßungen von Kriegstreibern und Autokraten wie Putin und Trump.

Liebe Gemeinde,

am Donnerstag Nachmittag haben die in Rom versammelten Kardinäle einen neuen Papst gewählt: Leo XIV.[9] Einer der vielen Titel des Papstes ist der des „Hirten“ – auch wenn sein Name „Leo“ eigentlich „Löwe“ bedeutet.

Papst Leo stammt aus den USA. Seine Familie hat französische, italienische, spanische und kreolische Wurzeln: Migrationshintergrund nennt man das heute. Nach seinem Eintritt in den Augustinerorden und noch vor Abschluss seiner Promotion in Rom (übrigens an der Dominikaner-Universität) wurde er von seiner Ordensgemeinschaft nach Peru geschickt. Fast 40 Jahre arbeitete er dort, zuletzt als Bischof der Diözese Chiclayo. Den Menschen in Peru, besonders den Ärmsten, ist er ein guter Hirte gewesen – das haben in den Tagen nach seiner Wahl unzählige Peruaner*innen bezeugt.

Und auch das widerständige Moment des guten Hirten bringt der neue Papst mit. Vor wenigen Wochen – noch als römischer Kardinal –widersprach er auf X dem katholischen US-Vizepräsidenten in Sachen Migrationspolitik: „JD Vance is wrong: Jesus doesn’t ask us to rank our love for others“ (@drprevost, 03.02.2025; vgl. Attach). Und schon lange sympathisiert Kardinal Prevost/Papst Leo öffentlich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Ich bin sehr froh, dass die Kardinäle in Rom einen solchen Mann zum Papst gewählt haben – auch wenn ich weiß, dass auch dieser Papst seine blinden Flecken hat, etwa in Bezug auf die Gender-Thematik.

Liebe Gemeinde,

das Bild des guten Hirten ist nicht so anheimelnd und süßlich, wie ich das goldgerahmte Gemälde in der Wohnung meiner Großeltern empfunden habe.

Der gute Hirt kümmert sich um uns, wenn wir es brauchen: uneigennützig und treu. Aus Liebe. Und zugleich stellt er sich totalitären Anmaßungen und Übergriffen entgegen – egal ob auf politischer Ebene oder innerhalb der Kirche.

In diesem doppelten Sinn wünsche ich mir: Lasst uns versuchen, füreinander und für andere gute Pastor*innen zu sein!

Amen.

[1]     Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977–1978. Aus dem Französischen von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder, Frankfurt/M. 52017, 254.

[2]     Ebd., 255.

[3]     Harald Dreßing u.a., Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz, Mannheim – Heidelberg – Gießen 2018 = https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Dossiers/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf [Aufruf: 08.05.2025].

[4]     Karl Barth, Der gute Hirte (Theologische Existenz heute Bd. 10), München 1934, 12.

[5]     Zum folgenden Abschnitt vgl. die Predigt des Greifswalder Bischofs Hans-Jürgen Abromeit, Wer ist schon gerne Schaf? Jesu Hirtenwort als Einladung neu entdecken. Predigt zu Joh 10,11–16.27–30 [28.04.2019] = https://www.kirche-mv.de/fileadmin/AAA_Relaunch/Abromeit/190428_Predigt_Joh_10_11-16.27-30_ERF-Gottesdienst.pdf [Aufruf: 10.05.2025] .

[6]     Vgl. Joh 10,27b.

[7]     Vgl. Joh 10, 28c, 29b.

[8]     Joh 10,28b. Einfügung in Klammern: U.E.

[9]     Zu Papst Leo XIV. s. den informativen Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_XIV.#cite_note-spiegel2025-05-09-51 [Aufruf: 10.05.2025].