Liebe Gemeinde,
vom guten Hirten, der zur Not sogar sein Leben hingibt, erzählt das heutige Evangelium nach Johannes (Joh10,27–30). Und von Schafen, die den Befehlen des Hirten Folge leisten.
Drei Szenen sind mir zu diesem Text eingefallen:
- In der Wohnung meiner Großeltern mütterlicherseits hing ein Ölgemälde, mindestens 1,20 m in der Breite und 90 cm hoch, das Jesus als den guten Hirten zeigte: mit Hirtenstab, ein Lamm auf dem Arm und umgeben von vielen hübsch gemalten Schafen, sanft dreinblickend in einer vom Sonnenuntergang mild beleuchteten Hügellandschaft. Vielleicht handelte es sich auch nur um einen Druck …
Auf jeden Fall fand ich das Bild schon damals entschieden zu süßlich. Und viel zu kitschig. Das war nicht meine Sache. Nicht mein Jesusbild. Das war vor allem die Frömmigkeit meiner Oma.
- Zeit seines Lebens hat der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) Machtbeziehungen analysiert. Dabei verstand er Macht nicht nur als etwas Negatives, das es zu beseitigen gälte. Vielmehr war er überzeugt: Macht kann auch Freiräume für kreatives und verantwortungsvolles Handeln öffnen.
Eine besondere Machtform war für Foucault die „Pastoralmacht“. Sie ist, so definierte Foucault, die Macht, die Pastoren ausüben. Sie unterscheidet sich signifikant von der Macht, die Könige und Richterinnen, Politikerinnen und Propheten, Wahrsagerinnen und Mäzene ausüben.
Der Hirte – lateinisch: pastor – hat Macht über seine Schafe, weil er uneigennützig ist und treu, und weil er immer die ganze Herde und zugleich auch das einzelne Schaf im Blick hat.
Foucault hat uns aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei der Pastoralmacht um eine Beziehung „des reinen Gehorsams“[1] handelt. Mehr noch – ich zitiere ihn wörtlich – handelt es sich um die „Unterwerfungsbeziehung eines Individuums unter ein anderes“[2].
Spätestens seit der 2018 veröffentlichten Studie zum „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“[3] können wir nicht mehr die Augen verschließen, welche Missbrauchspotentiale in der kirchlichen Hirten-Macht angelegt sind – strukturell wie individuell.
- 1935 musste der evangelische Theologe und Hochschullehrer Karl Barth (1886–1968) vor den Nazis in die Schweiz fliehen. Der Reichskultusminister in Berlin höchstselbst hatte dem kritischen Protestanten verboten, weiterhin an deutschen Universitäten zu lehren.
In einer Predigt zu unserem heutigen Evangelientext hat Barth einmal einen Satz gesagt, der mich sehr nachdenklich macht: „Wir gehören doch nicht uns selbst, sondern wir gehören Jesus Christus unserem Herrn.“[4]
Für die meisten seiner Hörer*innen war klar, was Barth sagen wollte: Adolf Hitler ist der Wolf, der den Tod bringt. Hitler hatte sich zum Herrn aufgeschwungen und beanspruchte, über Leben und Tod zu entscheiden. Sechs Millionen Juden mussten das am Ende mit ihrem Leben bezahlen, aber auch viele andere, Menschen, die angeblich ein „unwertes Leben“ hatten, wie das die Nazis nannten: Russen und Polen, Lesben und Schwule, behinderte Menschen, Roma und Sinti, und, und, und …
Am vergangenen Donnerstag haben wir der deutschen Kapitulation und der Befreiung von den Nazis gedacht. Und vor allem haben wir uns an die Opfer des Faschismus erinnert.
Liebe Gemeinde,
die Spannung zwischen den beiden Polen, die das biblische Bild vom Hirten aufmacht, ist heftig: kirchliche Gehorsamsforderungen, die dem Machtmissbrauch Tür und Tor öffnen (können) auf der einen Seite, und Zugehörigkeit zu Christus als Kritik gegenüber jedweder totalitären Anmaßung auf der anderen Seite. Unterwerfung da und Widerstand dort.
Aber ist das heute überhaupt noch zeitgemäß: einem Herrn gehören?[5] Produziert nicht das Bild vom Hirten und den Schafen letztlich doch wieder bloß neue Unfreiheit?
Anders vielleicht als zu Karl Barths Zeiten verwahren sich viele Zeitgenoss*innen heute strikt dagegen, einen Herrn über sich zu haben. Sie möchten ihr eigener Herr, ihre eigene Herrin/Frau sein: „Keiner soll mir in mein Leben hereinreden!“ Ja, vielleicht ist das heute der wichtigste Grund, weswegen Menschen lieber nicht als Christin oder Christ leben wollen. „Ich brauche keinen Herrn!“
Ich kann das nachvollziehen. Auch ich liebe meine Unabhängigkeit – sehr sogar. Und doch stelle ich mir Fragen: Ist es wirklich so, dass wir niemanden brauchen, die oder der sich um uns sorgt oder mir auch schon einmal deutlich zurechtweist?
Was ist, wenn wir größenwahnsinnig werden? Was, wenn wir an unsere Grenzen kommen? In einer Krankheit, die mir Mut und Hoffnung nimmt? Bei einem krassen Fehler, den ich mache? In solchen Situationen kann es gut tun, eine Stimme zu hören, die mir vertraut ist und Kraft schenkt. Da kann es tröstlich sein zu spüren, dass ich nicht allein bin: Da ist eine oder einer, die oder der mich wirklich gut kennt[6], sich um mich kümmert, mich bei der Hand nimmt[7] und mir hilft, wieder nach vorne blicken zu können. „Sie [die Schafe] werden niemals zugrunde gehen“[8], heißt es im Evangelium. Einen guten Hirten, eine gute Hirtin zu haben, kann dann der Beginn von neuer Freiheit sein.
Und vielleicht ist es mit einem solchen sorgenden Menschen an meiner Seite oder gar mehreren, in einer Gemeinschaft, leichter möglich, widerständig zu leben – gegen all die Anmaßungen von Kriegstreibern und Autokraten wie Putin und Trump.
Liebe Gemeinde,
am Donnerstag Nachmittag haben die in Rom versammelten Kardinäle einen neuen Papst gewählt: Leo XIV.[9] Einer der vielen Titel des Papstes ist der des „Hirten“ – auch wenn sein Name „Leo“ eigentlich „Löwe“ bedeutet.
Papst Leo stammt aus den USA. Seine Familie hat französische, italienische, spanische und kreolische Wurzeln: Migrationshintergrund nennt man das heute. Nach seinem Eintritt in den Augustinerorden und noch vor Abschluss seiner Promotion in Rom (übrigens an der Dominikaner-Universität) wurde er von seiner Ordensgemeinschaft nach Peru geschickt. Fast 40 Jahre arbeitete er dort, zuletzt als Bischof der Diözese Chiclayo. Den Menschen in Peru, besonders den Ärmsten, ist er ein guter Hirte gewesen – das haben in den Tagen nach seiner Wahl unzählige Peruaner*innen bezeugt.
Und auch das widerständige Moment des guten Hirten bringt der neue Papst mit. Vor wenigen Wochen – noch als römischer Kardinal –widersprach er auf X dem katholischen US-Vizepräsidenten in Sachen Migrationspolitik: „JD Vance is wrong: Jesus doesn’t ask us to rank our love for others“ (@drprevost, 03.02.2025; vgl. Attach). Und schon lange sympathisiert Kardinal Prevost/Papst Leo öffentlich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung.
Ich bin sehr froh, dass die Kardinäle in Rom einen solchen Mann zum Papst gewählt haben – auch wenn ich weiß, dass auch dieser Papst seine blinden Flecken hat, etwa in Bezug auf die Gender-Thematik.
Liebe Gemeinde,
das Bild des guten Hirten ist nicht so anheimelnd und süßlich, wie ich das goldgerahmte Gemälde in der Wohnung meiner Großeltern empfunden habe.
Der gute Hirt kümmert sich um uns, wenn wir es brauchen: uneigennützig und treu. Aus Liebe. Und zugleich stellt er sich totalitären Anmaßungen und Übergriffen entgegen – egal ob auf politischer Ebene oder innerhalb der Kirche.
In diesem doppelten Sinn wünsche ich mir: Lasst uns versuchen, füreinander und für andere gute Pastor*innen zu sein!
Amen.
[1] Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977–1978. Aus dem Französischen von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder, Frankfurt/M. 52017, 254.
[2] Ebd., 255.
[3] Harald Dreßing u.a., Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz, Mannheim – Heidelberg – Gießen 2018 = https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Dossiers/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf [Aufruf: 08.05.2025].
[4] Karl Barth, Der gute Hirte (Theologische Existenz heute Bd. 10), München 1934, 12.
[5] Zum folgenden Abschnitt vgl. die Predigt des Greifswalder Bischofs Hans-Jürgen Abromeit, Wer ist schon gerne Schaf? Jesu Hirtenwort als Einladung neu entdecken. Predigt zu Joh 10,11–16.27–30 [28.04.2019] = https://www.kirche-mv.de/fileadmin/AAA_Relaunch/Abromeit/190428_Predigt_Joh_10_11-16.27-30_ERF-Gottesdienst.pdf [Aufruf: 10.05.2025] .
[6] Vgl. Joh 10,27b.
[7] Vgl. Joh 10, 28c, 29b.
[8] Joh 10,28b. Einfügung in Klammern: U.E.
[9] Zu Papst Leo XIV. s. den informativen Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_XIV.#cite_note-spiegel2025-05-09-51 [Aufruf: 10.05.2025].