Das Heilige Jahr im Beton-Dschungel

Die katholische Kirche feiert weltweit ein so genanntes Heiliges Jahr? Kriegt man etwas davon mit in Berlin? Was ist überhaupt ein Heiliges Jahr? Die Predigt von P. Max geht auf diese Frage ein und gibt Anregungen, wie man für sich persönlich ein „Heiliges Jahr“ im Beton-Dschungel gestalten kann!

 

 

Wahrheit und Hoffnung

Studentische Predigt von Joshua Kunisch am 15.6.2025

Liebe Schwester und Brüder,

ein paar Worte vorab. Einige von Euch wissen es: Meine Profession ist die „Jursiterei“ und sehr zum Leidwesen meines früheren Gemeindepfarrers nicht die Theologie. Und so naheliegend es heute am Dreifaltigkeitssonntag gewesen wäre über die Trinität zu sprechen, möchte ich mich in meiner studentischen Predigt einer Dualität zuwenden: Nämlich dem Zusammenhang von Wahrheit und Hoffnung.

Wir Juristen glauben häufig, dass wir von der Wahrheit besonders viel verstehen würden, schließlich geht es ja vor Gericht darum, die Tatsachenwahrheit zu ergründen. Meine Herangehensweise in dieser Predigt wird tatsächlich auch ein wenig juristisch sein, zumindest was den Aufbau betrifft: Juristen formulieren in Gutachten immer zunächst einen Obersatz, anschließend definieren sie abstrakt anhand des Gesetzestextes und wenden die entsprechenden Normen im nächsten Schritt konkret auf einen Fall an. So werde ich jetzt auch verfahren und mich gleich vorab entschuldigen, falls ich zwischendurch sehr abstrakt werde. Das ist dann nicht nur einer „Berufskrankheit“, sondern wahrscheinlich auch meinem philosophischen Faible geschuldet.

Ich möchte mit Euch einige Überzeugungen meines ganz persönlichen Glaubens teilen. Überzeugungen, die eng verknüpft sind mit zwei Kernbegriffen der heutigen liturgischen Texte, nämlich der „Wahrheit“ und der „Hoffnung“.

Mein – in diesem Fall nicht juristischer, sondern vielmehr spirituell-philosophischer – Obersatz lautet: Hoffnung braucht Wahrheit.

Im heutigen Evangelium haben wir gehört:

Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.

Jesus sagt uns hier: Der Bote der Wahrheit ist der Heilige Geist.

In der zweiten Lesung erinnert uns Paulus:

Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Wahrheit und Hoffnung scheinen also im Innersten miteinander verknüpft. Um zurückzukommen auf meinen Obersatz: ohne Wahrheit, keine Hoffnung! Wieso das so ist, mag sich jetzt der ein oder die andere fragen.

Dem muss jedoch in meinen Augen eine andere Frage vorangestellt werden. Es ist die Frage, die Pontius Pilatus während seines Verhörs an Jesus stellt – und die Christus unbeantwortet lässt: „Was ist Wahrheit?“

Das ist für mich eine ganz zentrale Frage, deren Antwort ich gemeinsam mit Euch nachspüren will. Und die Antwort auf diese Frage ist weitreichend, bestimmt sie doch ganz wesentlich, wie wir die Welt um uns herum sehen.

Ich halte es für die Beantwortung dieser Frage mit dem heiligen Kirchenlehrer und Dominikaner Thomas von Aquin – achtung abstrakt: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Denken und Sein.

Im Mittelpunkt steht also ein sehr grundlegender, zugleich praktisch aber schwer greifbarer Begriff: Das Sein. Um die Wahrheit zu finden, sind wir zunächst aufgerufen, das Sein zu erkennen. Und wenn das Sein mit unserem Denken und Erkennen übereinstimmt, dann ist unsere Erkenntnis wahr.

Soweit also die Definition, der zweite Schritt eines juristischen Gutachtens. Was aber bedeutet das für die Praxis? Was hier abstrakt zunächst einfach und logisch klingt, hat – ich sagte es schon – tatsächlich weitreichende Konsequenzen.

Denn diese Überzeugung – oder genauer dieser Wahrheitsbegriff – heißt doch folgendes:

Es kann verschiedene Blickwinkel, verschiedene Sichtweisen auf das Sein geben. Das eine Sein bliebt jedoch unverändert. Und wenn das Sein unverändert bleibt, dann muss sich jede Erkenntnis des Seins an dem Sein messen lassen. Dann gibt es „bessere“ und „schlechtere“ Erkenntnis des Seins. Und somit gibt es „wahre“ und „falsche“ Erkenntnis – gemessen am Übereinstimmungsgrad der Erkenntnis mit dem Sein. Ihr merkt schon jetzt: Ich bin kein Freund des heute weitverbreiteten Relativismus.

Wieso? Hierzu ein Beispiel aus der Rechtswissenschaft: Juristen sprechen oft vom „erkennenden Gericht“. Das ist im Strafprozess das Gericht der ersten oder zweiten Instanz – also der sogenannten Tatsacheninstanzen. Und die Aufgabe dieses Gerichts klingt sehr einfach, ist oft aber sehr komplex: Die Wahrheit finden. Hierfür werden Zeugenaussagen gehört, Schriftstücke verlesen, Expertengutachten eingeholt, Örtlichkeiten in Augenschein genommen. Kurz gesagt: Es wird unternommen, was der Wahrheitsfindung dient.

Und wenn Zeugen vereidigt werden, so müssen sie schwören, dass alles, was sie berichten, der Wahrheit entspräche und nichts als die Wahrheit sei. Die Eidesformel in § 64 StPO lautet: „Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben“ und wird vom Zeugen bekräftigt mit „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe“. Der Gottesbezug kann aber auch weggelassen werden. Hierauf kommt es für mich in diesem Moment nicht an – obwohl es für den Gottesbezug natürlich sehr gute Argumente gibt.

Hier zeigt sich für mich in jedem Fall aber sehr anschaulich, dass es nur eine Wahrheit geben kann. Nämlich, im Strafprozess bleibend, den tatsächlichen Tathergang. Und die Blickwinkel hierauf mögen verschieden sein: Der Zeuge beispielsweise, der ein Verbrechen nur aus weiter Entfernung beobachtet hat, mag dies anders wahrgenommen haben, als der Zeuge, der dabei war, der direkt danebenstand, als das Verbrechen verübt wurde. Die Wahrheit ihrer Zeugenaussagen bestimmt sich allein daran, ob ihre Wahrnehmung, ihr Denken vom Tathergang, der Realität desselben entspricht. In andere Worten: Ob ihre Erkenntnis vom Tathergang das Sein widerspiegelt.

Was aber bedeutet diese Einsicht über die Erkenntnis der Wahrheit nun für unseren, besser für meinen, ganz persönlichen Glauben?

Zunächst einmal sind wir alle gerufen, uns um die Erkenntnis der Wahrheit zu bemühen. Und das ist eine lebenslange Aufgabe. Wir alle kennen den Ausspruch Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zu Vater außer durch mich.“

Was aber meint dieser Satz für mich – für uns als das „pilgernde Volk Gottes“?

Christus, der ganz Gott ist, der vor Anbeginn der Zeiten war, er ist das Seiende schlechthin. So lautet auch der Name Gottes im Alten Testament, den der Herr dem Mose im brennenden Dornenbusch offenbart: „Ich bin der ‚Ich bin‘.“ In anderen Worten: Ich bin der Ursprung und der Inbegriff allen Seins; Gott ist der Seiende Schlechthin. Somit ist Gott auch der Inbegriff aller Wahrheit. Und alle Wahrheitserkenntnis mündet in ihm.

Und unser Weg zur Wahrheit liegt in Jesus Christus. Wer ihn erkennt, der erkennt den Vater. Und der erkennt die Wahrheit.

Und hier kommt jetzt – endlich – die Hoffnung ins Spiel. Als menschliche Wesen streben wir nach Wahrheit. Das Streben nach Wahrheit ist seit jeher tief in unserem Innersten angelegt.

Mein ganzes Sein richtet sich auf die Erkenntnis der Wahrheit hin. Voller Resignation könnte ich jetzt feststellen: Wenn aber Gott allein die Wahrheit ist, dann kann ich diese doch in meinem irdischen Dasein niemals voll begreifen und ergründen.

Und das ist tatsächlich wahr. Aber: Ich kann mich um Wahrheitserkenntnis bemühen. Ich sagte es schon: Mein ganzes Leben dreht sich sodann um die Erkenntnis der Wahrheit – und doch weiß ich: voll erkennen und begreifen werde ich erst, wenn mein irdisches Leben zu Ende geht und ich Gott gemäß meinem Glauben von Angesicht zu Angesicht schauen werde.

Warum dann alles? Warum alles Mühen um Erkenntnis? Warum aller Streit um den richtigen Weg, um die wahre Erkenntnis der Wahrheit? Ist das dann nicht alles müßig? Sollten wir dann nicht alle Erkenntnisse gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen – ist uns doch die Möglichkeit der letztendlichen Erkenntnis verwehrt?

Das ist heute übrigens durchaus Mode: Eine falsch verstandene Toleranz hat Einzug in unsere Gesellschaft gehalten. Wahrheit wird vielerorts nicht mehr als absolut betrachtet, sondern der Relativismus grassiert. Ich deutete es schon an: Ich halte davon nichts. Ein Satz der mich hierhingehend geprägt hat, ist der folgende: Wenn alles gleich gültig ist, dann ist alles gleichgültig.

Ich halte nichts davon, sich aus Bequemlichkeit auf die Position zurückzuziehen, dass alles eben einfach gleichermaßen wahr ist. Ich bin überzeugt, dass wir um den richtigen Weg streiten müssen, dass wir die Wahrheit suchen müssen. Aber auch, dass wir dem Gegenüber zugestehen müssen, dass er womöglich die Wahrheit besser erkannt hat, als ich selbst. Das ist manchmal hart, zugleich aber echte, wahrhafte Toleranz. Wir müssen einander auch blinde Flecken zugestehen.

Oder in den Worten des Evangelisten Lukas gesprochen: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?

Eine wahrhaft tolerante Haltung im eben beschriebenen Sinne kann uns meiner Meinung nach in vielen gesellschaftlichen Streitfeldern helfen – und trägt weiter als der vermeintlich so tolerante Relativismus. Und das gilt besonders auch in kirchenpolitischen Debatten. Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in kirchenpolitischen Streifragen häufiger besinnen würden, demütig anerkennen würden, dass auch der andere richtig und ich selbst falsch liegen könnte, dann wäre viel gewonnen.

Auf kirchenpolitische Einzelfragen will ich hierbei gar nicht näher eingehen. Nur so viel: Das Lehramt schöpft gewiss aus einer großen Tradition – und als Konservativer kann ich überzeugt sagen: hierin liegt ein Vorteil, denn Tradition ist gegorene Erkenntnis dessen, was sich als sinnvoll und gut bewiesen hat. Aber zugleich sei klar gesagt: Auch das kirchliche Lehramt hat nicht alle Wahrheit für sich gepachtet. Wie auch, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass Gott allein die letzte Wahrheit ist?

Zurück aber zu meiner Frage: Wieso nun also streben nach dieser letzten, göttlichen Wahrheit, die im Diesseits doch unerreichbar bleibt?

Für mich ist die Antwort klar: Weil mir diese Verheißung Hoffnung gibt. Wenn ich im ewigen Leben meinen Schöpfer schaue, dann werde ich die Wahrheit schauen. Dann werde ich begreifen und verstehen, was ich im Hierseits nicht begreifen kann. Dann wird er mich in die ganze Wahrheit einführen.

Und weil ich diese Überzeugung als wahr erkannt habe, darf ich hoffen. Ich darf hoffen, dass er mich voller Liebe anschauen wird. Und vielleicht wird er sagen: Mein geliebtes Kind, Dein ganzes Leben hast Du Dich bemüht und bist doch mit voller Energie in die falsche Richtung gelaufen. Dann aber weiß ich: ER sieht mich in Liebe an. ER sieht meine Bemühung, meine aufrichtige Bemühung um Erkenntnis. Und ER wird mich in seine liebenden Arme schließen.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke und mein Licht. Und ich bin überzeugt: Wer als Christ aus dieser Hoffnung heraus lebt und handelt, der lebt voller und tiefer. Das zumindest ist meine Erfahrung und meine Hoffnung.

Wenn wir aus der Gewissheit leben, dass wir nur die vorletzten Wahrheiten kennen können, dann zwingt uns das zum Respekt vor der Meinung des anderen. Nicht in einem gleichgültigen Nebeneinander, sondern in der

Und zugleich lässt mich  diese Gewissheit freudig hoffen auf den Tag, an dem ich selbst durch Christus in die ganze Wahrheit eingeführt werde, die alles Verstehen und Erkennen übersteigt.

Ich hoffe auf diesen Tag, liebe Schwestern und Brüder. Ich sehne diesen Tag herbei. Und diese Gewissheit schenkt mir Demut, mein Leben anzunehmen, mich um Erkenntnis zu bemühen und auf den Herrn zu hoffen; wahrhaftig zu hoffen.

Amen.

Bild: Gerd Altmann / pixabay

Die Sehnsucht nach intensivem Leben

In den Tagen vor Pfingsten bitten die Gläubigen um den Heiligen Geist. Aber was ist die Heilige Geistkraft? Wozu die Bilder von Feuer und Wind? Ein Ansatz zum Verstehen könnte die Sehnsucht nach intensivem Leben sein, die viele Menschen verspüren.

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Liebe Schwestern und Brüder,

wir befinden uns grade in der Pfingstnovene. Ihr wisst vielleicht, was das bedeutet: Novene bezeichnet die 9 Tage vor einem großen katholischen Fest. Die Pfingstnovene ist die wichtigste Novene. Nachdem sich Jesus an Christi Himmelfahrt in gewisser Weise dem „Zugriff“ der Jünger:innen entzogen hat, bitten wir nun um das Kommen des Heiligen Geistes bzw. der Heiligen Geistkraft!

Nun muss ich an Pfingsten immer an die BVG-Werbung denken, ich habe davon schon letztes Jahr davon erzählt. Und zwar heißt es auf dem Plakat: „Pfingsten ist so Berlin. Alle feiern, aber keiner weiß warum!“

Es ist aber auch nicht einfach zu erklären, worum es an Pfingsten geht. Es gibt so viele Aspekte: Geburtstag der Kirche, Gemeinschaft, Mission, Der Geist weht wo er will und so weiter!  Ich möchte mich heute einen Aspekt fokussieren, auf den man nicht gleich kommt – vor allem, weil es sozusagen die Gegenrichtung bezeichnet.

Was ist damit gemeint: Ihr habt die Bilder von Pfingsten vor Augen: Flammenzungen kommen von oben herab auf die Jünger, die zusammen mit Maria sich ängstlich im Abendmahlssaal eingeschlossen haben. Dieser Flammen verursachen richtig eine Explosion: Die Zungen lösen sich, die Menschen können in allen Sprachen sprechen, manche denken, sie sind betrunken! Die Angst weicht, und es gibt einen Impuls nach außen! Alles scheint von oben zu kommen!

Aber worauf trifft dieser Geist? Auf welchen Boden fallen sozusagen diese Flammentropfen? Die Bibel ist da sehr karg, aber ich glaube, dass sozusagen die Bewegung „von unten“ auch einen wichtigen Aspekt bezeichnet. Worauf trifft diese Heilige Geistkraft? Gibt es da etwas, was darauf vorbereitet oder was sich zumindest danach sehnt?

Das wäre meine These heute: Ein Schlüssel zum Verstehen des Pfingstfestes liegt im Wahrnehmen der Sehnsucht nach intensivem Leben!

Die Sehnsucht nach intensivem Leben! Ich behaupte mal, dass jeder sie kennt. Jedenfalls fühle ich sie sehr stark in meinem Leben. Sie ist ein sehr kraftvoller Motor für meine Existenz. Sie schenkt mir Motivation, Ziele zu erreichen. Hält mich in Bewegung auch mal was Neues zu machen!

Das Schöne ist ja, dass man in seinem Leben immer wieder mal Momente erlebt, wo man so was wie Erfüllung erlebt: Wenn ich einen atemberaubenden Sonnuntergang am Meer erlebe. Oder auch Musik höre oder gar selber spiele, die mich richtig innerlich bewegt. Kennt ihr diese Gänsehaut-Momente? Da könnte ich richtig weinen. Auch in der Begegnung mit Menschen gibt es diese Momente intensiven Lebens: Das kann mit Freunden sein, oder auch mit den Eltern und Geschwistern. Verliebtsein ist eigentlich nichts anderes als ein krasser Moment intensiven Lebens, und die Kunst in der Beziehung ist es, die Faszination zu transformieren, damit man immer wieder neu über und mit der Partner:in staunen – und sich freuen – kann!

Natürlich ist das auch ein bisschen Typ-Frage. Manche Leute mögen es etwas gemächlicher und schätzen es, wenn es nicht ständig rauf und runter geht. Ich persönlich könnte mir aber ein langweiliges, verbürgerlichtes Leben nicht auf Dauer vorstellen, wo alles absehbar vor sich hin plätschert und die größte Aufregung im Leben nur noch ist, was man abends zu Essen kocht oder ob man zum zehnten Mal an denselben Urlaubsort fährt!

Nun mag einer sagen: Ist dann nicht das Leben im Kloster eine Fehlentscheidung gewesen? Sollte man da nicht eher die Ruhe und Kontemplation suchen? Ja einerseits stimmt das! Aber nicht, um diese Sehnsucht zu ersticken sondern anders am Leben zu erhalten. Und ich kann für mich sagen: Sogar noch stärker und intensiver zu leben, weil ich so oft nah dran bin an den Menschen an den existenziellen Wendepunkten ihres Lebens! Für mich ist Religion und Spiritualität die Kunst, die Sehnsucht zu kultivieren.

Wichtig dabei ist: Sich nicht mit „kleiner Währung“ zufrieden zu geben. Nichts gegen ein bürgerliches Leben: Ich bin selber verbürgerlicht genug! Aber wenn alles absehbar ist, wenn es im Leben keine Überraschungen mehr gibt, wenn ich alles unter Kontrolle habe, und alles Unvorhergesehene und Spontane ersticke: Dann bin ich eigentlich scheintot!

Wahres Leben ist unkontrollierbar, voller Überraschung, manchmal auch anstrengend… aber immer intensiv!

Eine weitere Versuchung ist die Betäubung. Man kann diese Sehnsucht auch durch Scheinbefriedigungen ersetzen. Für die Workaholics ist das die Arbeit: Das finden sie geil! Merken aber gar nicht, dass sie das eigentliche Leben verpassen und nicht mehr in Verbindung sind mit sich selbst und dem Nächsten! Andere betäuben sich mit Substanzen, wieder andere mit Netflix oder Tictoc. Auch Religion kann dafür missbraucht werden: Karl Marx hat das angeprangert, als er die Religion als „Opium für das Volk“ bezeichnete. Aus meiner Sicht ist das die Perversion von Religion, wenn sie einen dazu bringt, die eigentlichen Bedürfnisse nicht mehr wahrzunehmen.

Für mich hält echte Religion das „Fenster“ offen für das Mehr, das wir in unserm Leben erwarten!

Ein letztes Wort zur Erfüllung dieser Sehnsucht nach intensivem Leben. Gibt es die? Ich habe es ja schon gesagt, Immer wieder erlebt man Momente im Leben, wo man  dieses Gefühl hat. Das sind so Boah-Momente. Aber sie sind irgendwann auch wieder vorbei. Manche schließen daraus, dass diese Momente gar nicht echt sind. Nur Illusion. Das ist das halbleere Glas.

Aber man kann auch das halbvolle Glas sehen: Jeder dieser Wow-Momente ruft in uns die Erinnerung wach, dass es in diesem Leben mehr gibt, als nur das Funktionieren, den Alltag, das Banale.

Und an dieser Stelle kommt für mich die Erwartung für das Pfingstfest ins Spiel. Ich glaube, dass die Momente intensiven Lebens – nach denen wir uns so sehr sehnen – erfüllt sind vom Heiligen Geist. Der Geist ist die Liebe und das Leben in Gott. Und an diesem Leben erhalten wir Anteil auf eine ganz neue und unübertreffliche Weise!

Das heißt Pfingsten können wir nur „richtig“ feiern, wenn wir in Verbindung stehen mit unserer Sehnsucht nach intensivem Leben. Diese Sehnsucht will erfüllt werden. Volle Erfüllung gibt es in dieser Welt nicht. Aber es gibt einen Vorgeschmack dessen, wozu wir eigentlich von Gott erschaffen wurden: Zu Menschen voller Leben und Leidenschaft.

Wir haben heute eine Lesung aus dem Buch der Offenbarung gehört. Da wird diese Sehnsucht umschrieben mit dem Bild des Durstes. Und die Erfüllung wird beteichnet als das Wasser des Lebens, das wir „unentgeltlich“ also ohne dass wir uns dafür anstrengen müssten empfangen sollen.

Der Geist und die Braut aber sagen: Komm!
Wer hört, der rufe: Komm!
Wer durstig ist, der komme!
Wer will, empfange unentgeltlich das Wasser des Lebens!
Er, der dies bezeugt, spricht:
Ja, ich komme bald. –
Amen. Komm, Herr Jesus! (Offb 22)

Eine großartige Verheißung! Amen

 

Bild: Vatican Media

Wozu Papst und Hierarchie?

Liebe Gemeinde,

ich muss zugeben: Ich war überrascht, wie viel Interesse der Tod von Papst Franziskus und die Wahl Leos XIV. geweckt haben. Auf allen Kanälen Papst, und die Kommentare waren eigentlich immer recht positiv: Sowohl zur Bedeutung von Papst Franziskus, als auch zum neuen Papst! Ich wusste zwar, wer Robert Prevost ist, aber gerechnet hatte ich nicht mit seiner Wahl!

So eine positive Stimmung gab es auch, als 2005 Papst Benedikt XVI. gewählt wurde, und bei Papst Franziskus im Jahr 2013. Vielleicht habt ihr gehört, dass damals die Bild-Zeitung titelte „Wir sind Papst“. Besonders bei Benedikt hat sich die Stimmung dann ziemlich gewandelt; und ich bin gespannt, wie es bei Leo werden wird. Viele projizieren ihre Hoffnungen und Erwartungen in ihn hinein, ohne zu wissen, wie er wirklich ist. Wir werden sehen: Ich persönlich habe einen guten Eindruck: Er scheint ein sehr spiritueller und zugleich vernünftiger Mensch zu sein. Und dass er als Augustiner Ordensmann ist und gewohnt, in Gemeinschaft zu leben, ist jedenfalls nicht das schlechteste Omen.

Das große Interesse am Papst hat mich persönlich natürlich gefreut. Die Übertragungen im ZDF-Stream bzw. im linearen Fernsehen hatten beste Quoten, und selbst Leute, die nichts mit Kirche am Hut haben, interessierten sich nun für die katholische Kirche. Das steht in eigenartigem Kontrast zu der sonstigen Stimmung, wenn es um die katholische Kirche geht. Was ist der Grund? Einfach nur die Faszination einer jahrhundertealten Institution? Die bunten Gewänder? Der Reiz, ganz viele alte Männer auf einem Fleck zu sehen? 😉

Im Gespräch mit vielen Menschen, die nicht kirchlich sind, habe ich jedenfalls wahrgenommen, dass der Papst als etwas Archaisches wahrgenommen wird, als irgendwie aus der Zeit gefallen. Wie viele andere wichtige Amtsträger in der Welt wird er zwar gewählt – allerdings nur von sehr wenigen Männern! -, aber er stellt etwas dar, was nicht zu vergleichen ist mit den Repräsentanten von Staaten oder anderen Religionen.

Ich möchte das zum Anlass nehmen, mit euch über das katholische Amtsverständnis nachzudenken, denn nach meinem Eindruck ist das inzwischen auch für Katholik:innen ein „Buch mit sieben Siegeln“ (wie das Buch der Apokalypse auch genannt wird, aus der wir die erste Lesung gehört haben. Wir leben in einer Demokratie; und auch wenn es nicht immer klappt: Der Anspruch in der Luft, dass alles „demokratisch“ sein müsse, liegt ja doch in der Luft.

In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist die katholische Kirche aber das Gegenteil von Demokratie. Sie steht für Hierarchie – also die Vorstellung, dass Herrschaft („Arche“) in etwas Heiligem („Hieros“) begründet liegt, und nicht im Volk („Demos“). Stimmt das oder stimmt das nicht?

Die Frage ist ziemlich wichtig für uns alle: Für euch als Gemeindemitglieder, denn ihr müsst ja wissen, in die Hände welcher Institution ihr geraten seid. Und für mich auch: Denn als Amtsträger stehe ich ja für diese Institution. Und als „geweihter“ Amtsträger, ist das Hierarchische noch mal offensichtlicher! Für zwei Wochen habe ich mein 25. Priesterjubiläum begangen, und ich kann sagen, dass ich schon viel erlebt habe als Vertreter der „Hierarchie“.

Eine wichtige These vorweg: Ja: Die katholische Kirche ist hierarchisch aufgebaut, und man kann sie sich nicht einfach als „Demokratie“ selber stricken. Aber es gibt ein Gegengewicht in ihr selbst, was dem Hierarchischen eine wenn man so will „horizontalen Perspektive“ beigesellt. Und das ist das, was Papst Franziskus versucht hat, neu ins Bewusstsein zu rufen, indem der das Thema „Synodalität“ auf die Agenda gestellt hat. Das Wort „Synode“ besteht aus zwei Teilen: „Syn“  heißt „mit“ und „odos“ bedeute der Weg. Man könnte also Synodalität übersetzen mit: Gemeinsam einen Weg gehen!

Aber woher diese eigenartige Verfassung der katholischen Kirche, die eben nicht demokratisch ist, sondern hierarchisch und synodal zugleich?

Das Zauberwort ist die „Sakramentalität“! Was ist das? Ihr wisst vielleicht, was ein Sakrament ist: Kriegen wir alle Sakramente zusammen?

Taufe – Eucharistie – Firmung – Buße – Weihe – Ehe – Krankensalbung

Was sind Sakramente? Sichtbare Heilszeichen Gottes! Die katholische Spiritualität legt sehr viel Wert drauf, dass Gottes Wirken erfahrbar und sogar berührbar ist. Das hängt damit zusammen, dass Gott Mensch geworden ist! Gott ist durch Jesus Christus nicht mehr fern und abstrakt, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut geworden. Damit ist Gottes Gegenwart nicht mehr etwas Abstraktes, sondern etwas sehr Konkretes.[1] Und die Kirche wird als „Leib Christi“ verstanden, der ebenso wenig „abstrakt“ bleibt, sondern eine spirituelle Wirklichkeit. Da wo die Botschaft verkündet wird und Menschen durch die Taufe zu neuem Leben erstehen, da werden sie eingegliedert in das Kirche ist: Leib Christi.

Die Amtsträger (und ich ergänze bewusst auch die Amtsträgerinnen, die es bisher leider noch nicht gibt), haben die Aufgabe, diese „Erfahrbarkeit“ Gottes in den Sakramenten zu ermöglichen. Und deswegen sind sie auch selber geweiht. Wie bei der Taufe und der Firmung prägt das Weihesakrament ein „unauslöschliches“ Prägemal ein: Semel catholicus, semper catholicus (genauso bei der Firmung und Weihe).

Wir ihr wisst, feiern wir an Pfingsten den Geburtstag der Kirche: Denn an dem Tag wurde der Heilige Geist ausgegossen. Und das begründet dann die besondere Spannung, in der die katholische Ekklesiologie seitdem steht: Einerseits die Vorstellung der Kirche als Leib Christi, andererseits aber Kirche auch als Gemeinschaft der vom Heiligen Geist Berufenen: Einem Geist, der weht, wo er will! Der sich nicht beschränkt auf die engen Mauern eine Institution!

Der Papst ist übrigens keine eigene Weihestufe, sondern er ist vor allem Bischof von Rom und als solcher kommt ihm die Aufgabe, den Vorsitz in der Liebe zu führen!

Ich glaube, dass in der Wahrnehmung der Menschen die hierarchische Dimension der katholischen Kirche in der Vergangenheit zu stark war und zu wenig die vom Heiligen Geist bestimmte Wirklichkeit! Synodalität ist meines Erachtens wichtig, um diese „andere Seite“ von Kirche, die vom Heiligen Geist gedachte wiederzuentdecken, die nicht so sehr die Unterschiede betont, sondern die Verbundenheit, die der Heilige Geist schafft und irgendwie auch eine anarchische Seite hat! Das wird immer in Spannung bleiben; und das wird katholische Kirche aber auch immer von Vereinen und anderen demokratischen Strukturen unterscheiden!

Noch mal zusammenfassend:

  • Die katholische Kirche hat die hierarchische Seite in der Vergangenheit zu sehr betont.
  • Wir müssen die synodale Struktur der Kirche wiederentdecken, und uns dabei vom Heiligen Geist leiten lassen.
  • Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott nicht nur zölibatäre Männer in das Amt beruft, sondern eine noch viel größere Vielfalt auch mehr von Gottes Geheimnis spür- und erfahrbar machen kann.
  • Wir müssen aber auch lernen, die katholische Kirche nicht mit einer Demokratie zu verwechseln und Maßstäbe an sie anzulegen, die ihrer geistlichen Dimension nicht gerecht wird. Dazu müssen wir alle auch sprachfähiger werden, um sagen zu können: Was ist eigentlich ein Sakrament!

Als Priester, der in diesem Jahr sein 25. Weihejubiläum feiert, erhoffe ich mir davon, auch wieder klarer zu bekommen, was eigentlich der Sinn meines Berufs und meiner Berufung ist. Wissen wir, wozu es eigentlich Priester braucht, und warum gewisse Dinge von Priestern (und ich ergänze hoffentlich auch Priester:innen) gemacht werden sollten?

Ihr merkt, ein bisschen angefressen bin ich schon von der Unklarheit, die in dieser Frage herrscht. Aber ich kann für mich persönlich sagen, dass ich nicht einen Tag seit meiner Weihe bereut habe. Ich war gerne Spender und Diener an der sakramentalen Gegenwart Gottes, Verkünder seiner Liebe und Barmherzigkeit und „synodaler“ Weggefährte der Menschen, die Gott suchen auf den Wegen ihres Lebens. Amen!

[1] Etwas, was auch im Schmutz eines Stalls erfahrbar sein kann, oder wenn ihr an Mt 25 denkt in Kontexten, wo man am wenigsten Gott erwarten würde. Jesus identifiziert sich mit den Menschen in prekären Situationen: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben“. Sie werden zum Sakrament Gottes. Der Leib Christi: Das ist der leidende Mensch!

Alles Neu?!

 

Liebe Gemeinde,

wie würde deine perfekte Welt aussehen, wenn du sie neu schaffen könntest?

In der zweiten Lesung aus der Offenbarung ist „Alles Neu“ das Thema, könnte man sagen.

Dazu kam mir das Lied „alles neu“ von Peter Fox in den Sinn.

Dort heißt es: „Hey, alles glänzt
So schön neu (Yeah, yeah, yeah)
Hey, wenn’s dir nicht gefällt
Mach neu (Wouh)
Die Welt mit Staub bedeckt
Doch ich will seh’n, wo’s hingeht

Alles neu ist das Programm für die Lesung aus der Offenbarung.

Neuer Himmel, neue erde, eine neue Stadt Jerusalem.

„Seht ich mache alles neu.“

Ein scheint das zu der Zeile  „wenn’s dir nicht gefällt, mach neu“ zu passen. Aber schafft Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde, weil die alten nicht gut genug waren oder ihm nicht mehr gefallen haben?

Im Gegenteil. In der Schöpfungsgeschichte heißt es, „Gott sah, es war sehr gut“. 

Der neue Himmel und die neue Erde sind keine Verbesserungen, weil es nicht gut war oder Gott nicht gefallen hat.

Gott schafft etwas ganz Neues. Es wird nichts altes verbessert oder erneuert. In der Apokalyptik geht es um ein transformatives Handeln Gottes, eine grundlegende Erneuerung. Typisch für Apokalypse.Apokalypse- Schleier heben, etwas wird sichtbar. Hier ist es die neue Stadt. 

Dabei knüpft Johannes an das Schöpfungshandeln Gottes in Genesis an und wandelt es zugleich. Begann die Schöpfung mit einem Garten, so liegt hier der Fokus auf einer Stadt, dem neuen Jerusalem. Diese ganze Stadt wird zum Wohnort Gottes.  

Eine Stadt, wie sie Cassandra Steen und Adel Tawil im Lied Stadt besingen:

„Eine Stadt, in der es keine Angst gibt, nur Vertrau’n
Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbau’n
Wo das Licht nicht erlischt, das Wasser hält
Und jedes Morgenrot und der Traum sich lohnt
Und wo jeder Blick durch Zeit und Raum in unsre Herzen fließt“

Eine Stadt ohne Trauer, Tränen und Tod. Ohne Diskriminierung, und wo alle Menschen sie gleichen Rechte und die gleiche Würde haben.Wo man Gott nicht suchen muss, sondern Sie schon da ist. 

Dort stellt sich nicht mehr die Frage, wo wir Gott im Beton-Dschungel finden.

Doch das ist die Zukunft- was bedeutet das für uns im hier und jetzt, wo wir Gott suchen?

Da hilft ein Blick in das Ev weiter.

Es ist der Beginn der Abschiedsrede Jesu, eine programmatische Rede, die mit seinen Jünger*innen führt.

Zentral in diesem Abschied ist das neue Gebot, das Jesus den Seinen gibt.

„Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr auch einander lieben.“

So lautet Jesu neues Gebot. Doch so neu ist es gar nicht. Das Liebesgebot findet sich schon alten Testament

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.“

Das Neue am Gebot von Jesus ist, dass er es mit sich selbst, mit der Hingabe für die Seinen am Kreuz verbindet.

Alles neu?! Ja und nein. Ein altes Gebot, das für die die Jünger*innen damals und uns heute eine neue Bedeutung hat, da es uns mit Jesus verbindet. Es ist neu, weil es den Bezug zu Jesus hat und damit auch zu seiner Botschaft vom Reich Gottes. Das auch auf die neue Erde und Himmel verweist. Keine Trauer, keine Tränen mehr, und auch keine Diskriminierung.

Mit dem neuen Gebot lädt uns Jesus ein, an einer Welt mitzuarbeiten, die erfüllt ist von dieser Liebe.

Eine Stadt, in der es keine Angst gibt, nur Vertrau’n
Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbau’n
Wo das Licht nicht erlischt, das Wasser hält

Indem wir einander lieben und diese Liebe weitergeben. Darin zeigt sich Gott.

Solange die neue Stadt, neuer Himmel und Erde noch nicht da sind, ist es unsere Aufgabe, das Gebot Jesu zu erfüllen, einander zu lieben, Gott in der Stadt zu suchen und an der Stadt Gottes mitzubauen.

 

Amen.

Der gute Hirt zwischen Sorge und Widerstand

Liebe Gemeinde,

vom guten Hirten, der zur Not sogar sein Leben hingibt, erzählt das heutige Evangelium nach Johannes (Joh10,27–30). Und von Schafen, die den Befehlen des Hirten Folge leisten.

Drei Szenen sind mir zu diesem Text eingefallen:

  1. In der Wohnung meiner Großeltern mütterlicherseits hing ein Ölgemälde, mindestens 1,20 m in der Breite und 90 cm hoch, das Jesus als den guten Hirten zeigte: mit Hirtenstab, ein Lamm auf dem Arm und umgeben von vielen hübsch gemalten Schafen, sanft dreinblickend in einer vom Sonnenuntergang mild beleuchteten Hügellandschaft. Vielleicht handelte es sich auch nur um einen Druck …

Auf jeden Fall fand ich das Bild schon damals entschieden zu süßlich. Und viel zu kitschig. Das war nicht meine Sache. Nicht mein Jesusbild. Das war vor allem die Frömmigkeit meiner Oma.

  1. Zeit seines Lebens hat der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) Machtbeziehungen analysiert. Dabei verstand er Macht nicht nur als etwas Negatives, das es zu beseitigen gälte. Vielmehr war er überzeugt: Macht kann auch Freiräume für kreatives und verantwortungsvolles Handeln öffnen.

Eine besondere Machtform war für Foucault die „Pastoralmacht“. Sie ist, so definierte Foucault, die Macht, die Pastoren ausüben. Sie unterscheidet sich signifikant von der Macht, die Könige und Richterinnen, Politikerinnen und Propheten, Wahrsagerinnen und Mäzene ausüben.

Der Hirte – lateinisch: pastor – hat Macht über seine Schafe, weil er uneigennützig ist und treu, und weil er immer die ganze Herde und zugleich auch das einzelne Schaf im Blick hat.

Foucault hat uns aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei der Pastoralmacht um eine Beziehung „des reinen Gehorsams“[1] handelt. Mehr noch – ich zitiere ihn wörtlich – handelt es sich um die „Unterwerfungsbeziehung eines Individuums unter ein anderes“[2].

Spätestens seit der 2018 veröffentlichten Studie zum „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“[3] können wir nicht mehr die Augen verschließen, welche Missbrauchspotentiale in der kirchlichen Hirten-Macht angelegt sind – strukturell wie individuell.

  1. 1935 musste der evangelische Theologe und Hochschullehrer Karl Barth (1886–1968) vor den Nazis in die Schweiz fliehen. Der Reichskultusminister in Berlin höchstselbst hatte dem kritischen Protestanten verboten, weiterhin an deutschen Universitäten zu lehren.

In einer Predigt zu unserem heutigen Evangelientext hat Barth einmal einen Satz gesagt, der mich sehr nachdenklich macht: „Wir gehören doch nicht uns selbst, sondern wir gehören Jesus Christus unserem Herrn.“[4]

Für die meisten seiner Hörer*innen war klar, was Barth sagen wollte: Adolf Hitler ist der Wolf, der den Tod bringt. Hitler hatte sich zum Herrn aufgeschwungen und beanspruchte, über Leben und Tod zu entscheiden. Sechs Millionen Juden mussten das am Ende mit ihrem Leben bezahlen, aber auch viele andere, Menschen, die angeblich ein „unwertes Leben“ hatten, wie das die Nazis nannten: Russen und Polen, Lesben und Schwule, behinderte Menschen, Roma und Sinti, und, und, und …

Am vergangenen Donnerstag haben wir der deutschen Kapitulation und der Befreiung von den Nazis gedacht. Und vor allem haben wir uns an die Opfer des Faschismus erinnert.

Liebe Gemeinde,

die Spannung zwischen den beiden Polen, die das biblische Bild vom Hirten aufmacht, ist heftig: kirchliche Gehorsamsforderungen, die dem Machtmissbrauch Tür und Tor öffnen (können) auf der einen Seite, und Zugehörigkeit zu Christus als Kritik gegenüber jedweder totalitären Anmaßung auf der anderen Seite. Unterwerfung da und Widerstand dort.

Aber ist das heute überhaupt noch zeitgemäß: einem Herrn gehören?[5] Produziert nicht das Bild vom Hirten und den Schafen letztlich doch wieder bloß neue Unfreiheit?

Anders vielleicht als zu Karl Barths Zeiten verwahren sich viele Zeitgenoss*innen heute strikt dagegen, einen Herrn über sich zu haben. Sie möchten ihr eigener Herr, ihre eigene Herrin/Frau sein: „Keiner soll mir in mein Leben hereinreden!“ Ja, vielleicht ist das heute der wichtigste Grund, weswegen Menschen lieber nicht als Christin oder Christ leben wollen. „Ich brauche keinen Herrn!“

Ich kann das nachvollziehen. Auch ich liebe meine Unabhängigkeit – sehr sogar. Und doch stelle ich mir Fragen: Ist es wirklich so, dass wir niemanden brauchen, die oder der sich um uns sorgt oder mir auch schon einmal deutlich zurechtweist?

Was ist, wenn wir größenwahnsinnig werden? Was, wenn wir an unsere Grenzen kommen? In einer Krankheit, die mir Mut und Hoffnung nimmt? Bei einem krassen Fehler, den ich mache? In solchen Situationen kann es gut tun, eine Stimme zu hören, die mir vertraut ist und Kraft schenkt. Da kann es tröstlich sein zu spüren, dass ich nicht allein bin: Da ist eine oder einer, die oder der mich wirklich gut kennt[6], sich um mich kümmert, mich bei der Hand nimmt[7] und mir hilft, wieder nach vorne blicken zu können. „Sie [die Schafe] werden niemals zugrunde gehen“[8], heißt es im Evangelium. Einen guten Hirten, eine gute Hirtin zu haben, kann dann der Beginn von neuer Freiheit sein.

Und vielleicht ist es mit einem solchen sorgenden Menschen an meiner Seite oder gar mehreren, in einer Gemeinschaft, leichter möglich, widerständig zu leben – gegen all die Anmaßungen von Kriegstreibern und Autokraten wie Putin und Trump.

Liebe Gemeinde,

am Donnerstag Nachmittag haben die in Rom versammelten Kardinäle einen neuen Papst gewählt: Leo XIV.[9] Einer der vielen Titel des Papstes ist der des „Hirten“ – auch wenn sein Name „Leo“ eigentlich „Löwe“ bedeutet.

Papst Leo stammt aus den USA. Seine Familie hat französische, italienische, spanische und kreolische Wurzeln: Migrationshintergrund nennt man das heute. Nach seinem Eintritt in den Augustinerorden und noch vor Abschluss seiner Promotion in Rom (übrigens an der Dominikaner-Universität) wurde er von seiner Ordensgemeinschaft nach Peru geschickt. Fast 40 Jahre arbeitete er dort, zuletzt als Bischof der Diözese Chiclayo. Den Menschen in Peru, besonders den Ärmsten, ist er ein guter Hirte gewesen – das haben in den Tagen nach seiner Wahl unzählige Peruaner*innen bezeugt.

Und auch das widerständige Moment des guten Hirten bringt der neue Papst mit. Vor wenigen Wochen – noch als römischer Kardinal –widersprach er auf X dem katholischen US-Vizepräsidenten in Sachen Migrationspolitik: „JD Vance is wrong: Jesus doesn’t ask us to rank our love for others“ (@drprevost, 03.02.2025; vgl. Attach). Und schon lange sympathisiert Kardinal Prevost/Papst Leo öffentlich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Ich bin sehr froh, dass die Kardinäle in Rom einen solchen Mann zum Papst gewählt haben – auch wenn ich weiß, dass auch dieser Papst seine blinden Flecken hat, etwa in Bezug auf die Gender-Thematik.

Liebe Gemeinde,

das Bild des guten Hirten ist nicht so anheimelnd und süßlich, wie ich das goldgerahmte Gemälde in der Wohnung meiner Großeltern empfunden habe.

Der gute Hirt kümmert sich um uns, wenn wir es brauchen: uneigennützig und treu. Aus Liebe. Und zugleich stellt er sich totalitären Anmaßungen und Übergriffen entgegen – egal ob auf politischer Ebene oder innerhalb der Kirche.

In diesem doppelten Sinn wünsche ich mir: Lasst uns versuchen, füreinander und für andere gute Pastor*innen zu sein!

Amen.

[1]     Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977–1978. Aus dem Französischen von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder, Frankfurt/M. 52017, 254.

[2]     Ebd., 255.

[3]     Harald Dreßing u.a., Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz, Mannheim – Heidelberg – Gießen 2018 = https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Dossiers/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf [Aufruf: 08.05.2025].

[4]     Karl Barth, Der gute Hirte (Theologische Existenz heute Bd. 10), München 1934, 12.

[5]     Zum folgenden Abschnitt vgl. die Predigt des Greifswalder Bischofs Hans-Jürgen Abromeit, Wer ist schon gerne Schaf? Jesu Hirtenwort als Einladung neu entdecken. Predigt zu Joh 10,11–16.27–30 [28.04.2019] = https://www.kirche-mv.de/fileadmin/AAA_Relaunch/Abromeit/190428_Predigt_Joh_10_11-16.27-30_ERF-Gottesdienst.pdf [Aufruf: 10.05.2025] .

[6]     Vgl. Joh 10,27b.

[7]     Vgl. Joh 10, 28c, 29b.

[8]     Joh 10,28b. Einfügung in Klammern: U.E.

[9]     Zu Papst Leo XIV. s. den informativen Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_XIV.#cite_note-spiegel2025-05-09-51 [Aufruf: 10.05.2025].

Über Freundschaft, Liebe und Verrat

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Liebe Schwestern und Brüder,

Kennt ihr das, wenn ein Mensch einen so richtig enttäuscht? Eine Person, die einem immer das Gefühl gegeben hat für einen da zu sein, auf den man sich so richtig verlassen kann, und das auch öffentlich sagt: Und wenn es denn mal drauf ankommt…. Nichts!

So jemanden so zu vergeben ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Zerstörtes Vertrauen wiederzugewinnen ist so schwer. Solche Verletzungen heilen sehr langsam, und manchmal gar nicht! Und das ist auch nur allzu menschlich!

Ich hab es auch schon erlebt, dass Leute mir gesagt haben: Jetzt reg dich nicht so auf! Du musst auch mal über deinen Schatten springen können. Müssen Christ:innen nicht verzeihen können! Ehrlich gesagt, wenn mir jemand mit der christlichen Moralkeule kommt, dann werde ich noch saurer!  Wenn ich tief enttäuscht wurde, dann kann ich nicht darüber hinweggehen: denn das verändert was in der Beziehung zum anderen!

Auf jeden Fall ist es für denjenigen, der jemand anderen im Stich gelassen hat, ganz schrecklich, dem Verratenen unter die zu treten! Man schämt sich ja, dass man einerseits immer so getan hat, als wäre man der verlässlichste Freund, aber dann so krass gescheitert ist.

Ich glaube, um so eine „peinliche“ Situation geht es auch im heutigen Evangelium. Es wird die Geschichte erzählt, wie Jesus Petrus dreimal fragt: „Liebst du mich?“ Das ist nur verständlich auf dem Hintergrund verschiedener anderer Episoden Evangelium Jesu, in denen es um die Beziehung Jesu mit Petrus als dem ersten der Jünger geht.

Erinnern wir uns an die Fußwaschung: Jesus will Pascha-Mahl mit seinen Jüngern halten. Seinen Gästen will er die Füße waschen. Doch Petrus empört sich: Warum die Füße? In seiner Vorstellung ist Jesus einer der sich nicht so erniedrigen sollte. Also Jesus nicht lockerlässt, sagt er: „Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt!“ Er hat gar nicht verstanden, worum es geht.

An anderer Stelle hatte Petrus schon sich vordergründig stark gemacht für Jesus und dabei gar nicht verstanden, worum es eigentlich geht. Als Jesus zum Beispiel seinen Jüngern klar machte, dass sein Weg ans Kreuz führen würde, begann Petrus Jesus sogar zurecht zu weisen, wie es im Matthäusevangelium heißt: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“

Da wird Jesus aber ganz scharf uns sagt wörtlich: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ So reden Freunde miteinander…

Und im Lukasevangelium lesen wir, wie Petrus zu ihm: „Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ Und später tritt genau das ein, was Jesus vorausgesagt hatte: „Ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.“ 

Ihr erinnert euch, was in der Passionsgeschichte am Karfreitag vorgelesen wurde

„Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen.  Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht.  Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht!  Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer. Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn.“

Und nun folgen einiger erschütterndsten Zeilen des Evangeliums. Bei Johannes heißt es, nach dem dritten Verrat und dem Krähen des Hahns: „Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

Auf dem Hintergrund dieses totalen Scheiterns dieser Freundschaft müssen wir das Evangelium Tages lesen.

Würden wir nach so einem Verrat nicht auch dreimal nachfragen müssen: Petrus, liebst du mich wirklich? Jesus hätte an dieser Stelle allen Grund gehabt, alles nochmal aufzumachen, ihm vor die Nase zu halten, wie er ihn im Stich gelassen hat. Und besonders peinlich ist es, weil Petrus gewohnt war, im so großspurig aufzutreten „Ich bin der erste, der für dich da ist!“

In dem Text geht es um den Auftrag Jesu an seine Jünger:innen: Konkret ist das im Bild des Fischfangs ausgedrückt: Gemeint ist damit, dass Menschen für die Botschaft Jesu „gefangen“ werden soll. Und übrigens war auch Petrus wieder ein ganz eifriger: Als Jesus erscheint und die Fischernetze voll sind, rafft er erst gar nicht, dass es Jesus ist. In der Bibel heißt es ,dass Johannes dem Petrus erst sagen muss: „Es ist der Herr!“ Uns was macht er: Er springt gleich in den See, wahrscheinlich um das Fischernetz einzuholen, was am Ende die anderen Jünger machen!

Die Bibel ist recht sparsam damit auszudrücken, was in Jesus und was in Petrus vorgeht: Wir erfahren, dass Petrus traurig wird, dass Jesus so oft nachfragt. Aber auf dem Hintergrund der Vorgeschichte dürfen wir davon ausgehen, dass das ein extrem angespannter Moment war. Ein Augenblick, wo einem das Herz weh tut und der ganze Schmerz des Verrats und die Trauer um die verloren gegangenen Ideale wieder hochgekommen ist.

Wir werden später das Lied „Dreimal“ singen, an das mich eine besondere Erinnerung an die Corona-Zeit bindet. Aufgrund des Titels „Dreimal“ hatte ich beim ersten oberflächlichen Hören immer gedacht, dass es um den dreimaligen Verrat geht. Das stimmt auch, auch nicht nur darum. Es geht auch um die dreimalige Frage: „Liebst du mich“ Und ich lade euch ein, nachher beim Singen des Liedes einmal darauf zu achten.

Was das Lied aber wunderschön ausdrückt, und das soll die Botschaft des heutigen Evangeliums sein, ist wie trotz des Scheiterns, trotz des Schmerzes und der Scham – wo man das Gefühl hat, das kann nie wieder was werden – wie trotzdem sich eine Perspektive in die Zukunft eröffnet. Petrus wird nicht aus dem Jüngerkreis ausgeschlossen, sondern er wird trotzdem eine wichtige Rolle in der Jüngerschaft spielen.

In diesen Tagen erwarten wir ja das Konklave, und ich selber habe ja 10 Jahre für den Papst im Vatikan gearbeitet. Bevor ich nach Rom ging, habe ich in Düsseldorf gelebt, wo wir immer ökumenische Vespern gefeiert haben. Einmal hat die evangelische Pfarrerin Renate Zilian über den Hl. Petrus gepredigt, der ja nach katholischem Verständnis der erste Papst war. Sie erinnerte daran, dass Petrus ja „Der Fels“ bedeutet, auf den Jesus seine Kirche bauen will. Den Namen hatte Jesus selbst ihm gegeben. Und just dieser Fels verrät Petrus.

Das Lukasevangelium berichtet, was nach der Verleugnung passiert: „Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“ Und Pfarrerin Zilian sagte, für sie sei es tröstlich, dass die Kirche gebaut sei auf einen Felsen, der weinen kann!

Ich werde das mein Lebtag nicht vergessen. Nicht nur dass ich nun mehr Mitleid mit den Päpsten hab, sondern auch weil ich sehe wie wir alle als Personen, die Jesus nachfolgen, damit rechnen müssen, dass wir scheitern. Aber das im Glauben sich Perspektiven in die Zukunft öffnen. Weil die Freundschaft Jesu, sein Liebe, sein „Liebst du mich?“ stärker ist als jeder Tod und Verrat!

Gott im Beton-Jungle

Liebe Gemeinde,

Mir hat das Semesterthema, das die letzte Gemeindeversammlung gewählt hat, sehr gefallen: Gott im Beton-Dschungel!

Hier in Berlin ist das Thema ja auch naheliegend: Die Bundeshauptstadt ist die größte Metropole Deutschland. Fast 4 Millionen Menschen leben hier, und zusammen mit dem Umland sind das sogar 6 Millionen!

Obwohl ich mittlerweile acht Jahre hier lebe, bin ich erstaunt, wie lange man in Berlin unterwegs sein kann; und trotzdem ist man noch nicht aus der Stadt raus: Zum Beispiel: Die Frankfurter Allee: Man fährt und fährt und kilometerlang Plattenbauten, die gar kein Ende nehmen.

Ich fand auch das Bild vom Dschungel schön: Einerseits fasziniert der Dschungel: Da ist viel Leben. Da kreucht und fleucht es und ganz exotische Dinge kann man zu Gesicht bekommen: Und das trifft auf Berlin wahrlich zu! Ich finde den Unterschied schon krass zwischen dem Feeling hier in Berlin – auch wenn das von Kiez zu Kiez auch noch mal total anders sein kann! – und dem Feeling, wenn ich in Hamburg unterwegs bin oder gar im schicken München! Und die Werbung verstärkt das („Berlin, du bist so wunderbar“) und verkauft das „ExtravagantSein“ als „Unique selling Point“. Auch wenn ich ehrlich sagen muss: Viele „bunten Vögel“ hier in Berlin sehen am Ende doch irgendwie immer gleich aus! Aber das ist ein anderes Thema!

Der Dschungel – ich meine den echten Dschungel im Amazonas – beherbergt aber nicht nur bunte Vögel, sondern auch gefährliche Tiere. Im Dschungel kann am sich verlieren, und es besteht immer die Gefahr, dass man sich Gestrüpp verirrt. Auch das trifft auf Berlin zu! Und ich spreche da auch aus eigener Erfahrung! Ich habe vorher zwar auch in einer Metropole gelebt – und zwar in Rom. Aber da war es anders, vieles war doch traditioneller, und die Stadt am Tiber hat mit anderen Problemen zu kämpfen!

Hier in Berlin habe ich das Gefühl, dass es einerseits wirklich mehr Freiheit gibt, was viele inspiriert und ihnen hilft sie selbst zu sein, andererseits fehlt aber manchmal der Halt. Anything goes. Und du kannst zwar machen, was Du willst: Aber sehr wahrscheinlich interessiert das auch keinen! Viele verlieren sich im Berliner Dschungel! Und nicht wenige stürzen sogar richtig ab! Aus Gesprächen hier aus der KSG weiß ich, dass die Zugezogenen das Leben hier in Berlin oft als Herausforderung erleben!

Unser Semesterthema spricht vom Beton-Dschungel: Auch das finde ich spannend. Ich habe übrigens versucht das zu recherchieren – Berlin gehört zu den grünsten Städten Europas gehört. Allein etwa 29.000 Hektar Wald befinden sich auf dem Stadtgebiet. Und ganz ehrlich: Im Vergleich zu Rom ist Berlin wirklich viel grüner: In der Stadt stehen überall Bäume und sorgen im Sommer für Kühle, während in Rom sowohl in der Altstadt als auch in den Neubaugebieten weit und breit kein Baum zu sehen ist. Im Sommer ist das dann wie ein Ofen!

Trotzdem steht der Beton natürlich für etwas, was ich nachfühlen kann: Nämlich für eine vom Menschen künstlich veränderten Welt, die sich von der Natur entfernt hat und tendenziell lebensfeindlich ist! Grade wenn ich durch so Plattenbausiedlungen fahre, empfinde ich das sehr stark. Bestimmt habt ihr schon mal „Urban Gardening“ Projekte gesehen, wo mitten in der Stadt Menschen kleine Oasen schaffen, um einen Gegenakzent gegen den Beton zu setzen! Bei mir in der Schwedter Straße zum Beispiel, wo ich mit meiner Dominikanerkommunität wohne, kümmern sich einzelne Anwohner um diese quadratischen Inseln aus Erde, die jeweils um die Straßenbäume angelegt sind und pflanzen da Tulpen oder Gräser, oder bauen eine Sitzbank, damit man sich einfach auf der Straße hinsetzen kann!

Der Hammer im Semesterthema ist halt das erste Wort: Gott! Und in diesem Dschungel soll Gott sein? Ich musste gleich an den Filmklassiker von Wim Wender aus dem Jahre 1987 denken: Der Himmel über Berlin! Der Film handelt von unsichtbaren, unsterblichen Engeln, die Berlin bevölkern, den Gedanken der menschlichen Bewohner lauschen und den Verzweifelten Trost spenden. Obwohl die Stadt dicht besiedelt ist, sind viele Menschen nämlich isoliert oder von ihren Lieben entfremdet. Und diese Engel stellen eine verborgene Präsenz dar, die dieser Stadt ihre Brutalität nimmt und die Menschlichkeit zu ihrem Recht verhilft. Vielleicht können wir uns diesen Film in diesem Semester noch einmal anschauen. Wim Wenders wohnt übrigens hier im Kiez. Sollen wir ihn einladen?

Aber ist das wirklich so? Können wir Gott in dieser Stadt finden? Ich wäre kein katholischer Priester, wenn die Antwort auf diese Antwort nicht Ja lauten würde. Irgendwie erwartbar von einem Kirchenvertreter!

Aber so platt ist es glaube ich nicht! So wie bei Wim Wenders ist diese Gegenwart alles andere als offensichtlich. Und wir sollten uns hüten, das einfach so zu behaupten, schließlich kennen wir alle genug Leute, die uns mitleidig belächeln, wenn wir von unserm Glauben sprechen oder die im besten Fall sagen: „So einen Glauben hätte ich auch gern!

Im heutigen Evangelium wird uns die Geschichte vom sog. „Ungläubigen Thomas“ erzählt, und die passt sehr gut in unsere Situation! Wer hätte nicht auch gern Fakten wie Thomas! Dann wäre es auch mit dem Glauben nicht so schwer und die Relevanz für den Alltag offensichtlich! Aber nein: Diese Präsenz ist eben nicht so sonnenklar. Übrigens auch nicht bei Thomas im Evangelium, denn es wir nicht erzählt, ob Thomas am Ende seinen Finger in die Seite Jesu gelegt hat!

Ich freue mich jedenfalls, mich in diesem Semester zusammen mit euch auf die Suche zu begeben nach diesem Gott im Beton-Dschungel! Die Programmkommission hat spannende Veranstaltungen geplant, die dieser Frage nachgehen. Auch in unseren Gottesdiensten wird das immer wieder Thema sein, oder auch bei unseren spirituellen Angeboten, wie dem Theologie-Sofa, der rAuszeit und vielem anderem mehr! Auch im Chor und Musik spiegelt sich diese Suche wider.

Was ich uns allen wünsche, ist eine Spiritualität der Offenen Augen und des hörenden Herzens: Ich glaube nämlich, dass wir nur fündig werden, wenn wir außerhalb der ausgetretenen Pfade suchen gehen: So wie es sich in einem Dschungel gehört!

Deswegen – ganz ehrlich – liebe ich Berlin! Auch wenn diese Stadt manchmal ein Moloch ist, der den Menschen nicht gut tut. (Ich kenne übrigens einige Menschen, die deswegen diese Stadt verlassen oder verlassen werde, weil sie ihnen nicht gut tut!) Und trotzdem ist der Beton-Dschungel – wie es im Buch Exodus bei Moses heißt – für mich „Heiliger Boden“ (vgl. Exodus 3,5).

Wie eine Expedition stelle ich mir dieses Semester vor! Ein bisschen aufregend, weil wir nicht wissen, was uns erwartet, aber irgendwie auch ein tolles Abenteuer!

Und wie bei einer echten Expedition erreichen wir unsere Ziele am besten gemeinsam: Mit unseren unterschiedlichen Charakteren und Begabungen. Im Teilen von Freud und Leid. Hier in der KSG kann man Freundschaften schließen – und manchmal auch mehr! Für mich eines dieser vielen wunderbaren und oft unerwarteten Fundstücke in diesem Dschungel!

Im Johannesevangelium heißt es im Prolog: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“  (Joh 1,14).

Machen wir uns auf die Suche – nach diesem Gott, der mitten uns im Beton-Dschungel wohnt! Lasst uns aufbrechen zu unserer Großstadtexpedition! Amen.

Bild: Rod Long / unsplash

Geht und erzählt von der Hoffnung!

von Nicole Oster

Liebe Gemeinde,

können Sie sich noch daran erinnern, wer Ihnen zuerst von Gott und Jesus erzählt hat? Vermutlich Eltern, Großeltern oder jemand in der Pfarrei. Die spannendere Frage ist vielmehr: wann ist Gott, ist der Glaube für ihr Leben relevant, existentiell geworden? Wann haben sie gemerkt, dass diese Texte und Geschichten auch mit mir, meinem Leben zu tun haben? Vielleicht ist ein besonderes Ereignis, vielleicht sind es auch viele kleine Sachen.

Für mich sind das vor allem Begegnungen mit Menschen, die für mich glaubhaft den Wert des Christentums gelebt haben. Und es ist auch die Hoffnung von Ostern, die mir in Trauermomenten geholfen hat. Die Botschaft, dass es mit dem Tod nicht zu Ende ist, sondern dass es weitergeht und das Leben gewinnt.

Ich finde die Ostergeschichten sehr schön, sie berühren mich und ich habe auch viele Fragen an sie. Vielleicht habe ich deshalb meine Abschlussarbeit über „Die Frauen als Zeuginnen der Auferstehung geschrieben“.

In allen Evangelien sind es die Frauen, die bei Jesus bleiben, von Kreuzigung bis zum Ostermorgen. Sie sind es, die das leere Grab entdecken und so zu den ersten Zeuginnen der Auferstehung werden. So auch im heutigen Evangelium. Sie sind bei der Grablegung dabei und machen sich einen Tag später auf den Weg, um sich noch einmal um Jesus zu kümmern, im Respekt und Liebe zu erweisen.

Doch am Grab angekommen erfolgt der Schockmoment. Es ist leer. Erst ist ihre Hoffnung am Kreuz gestorben und dann, als sie sich verabschieden wollen, ist nicht einmal mehr das möglich. Wie groß wird die Verzweiflung und Trauer der Frauen gewesen sein. Doch dann erwarten sie im Grab junge Männer, Engel.

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist auferstanden, er ist nicht hier!“

Und dann verstehen die Frauen, sie erinnern sich, begreifen die Worte Jesus, die damals noch so unverständlich waren. Es ist wahr- Jesus ist auferstanden! Ihre Hoffnung lebt.

In ihnen wächst Hoffnung, dass nicht alles verloren ist, dass es wieder gut werden kann.  Hoffnung auf eine Welt, wie Jesus sie gepredigt hat. In der Barmherzigkeit, Liebe, Miteinander und Nächstenliebe herrschen und man einander hilft, Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben.

Doch die Jünger tun ihren Bericht als Geschwätz ab. Was wird das für eine Demütigung für die Frauen gewesen sein? Sie sind ja keine Unbekannten in der Gemeinde und schon lange mit Jesus und den Jüngern unterwegs.

Was werden die Frauen gemacht haben, nachdem die Jünger ihnen nicht geglaubt haben? Mich beschäftigt diese Leerstelle. Und ich habe mir überlegt, wie ich sie füllen würde. Ich stelle mir vor, dass die Frauen ihre Botschaft dennoch weiterverbreitet haben. Vielleicht hatten sie sogar einen Auftrag von den Männern am Grab bekommen. Sie lassen sich nicht beirren und erzählen den anderen von ihrer Begegnung und von der Hoffnung, die neu in ihnen wächst. Wie würde dann heute die Kirche aussehen, wenn die Frauen die Osterbotschaft so laut und deutlich verkündet hätten? Wenn ihre Worte nicht als Geschwätz abgetan worden wäre und eine Maria Magdalena als Osterzeugin, als Apostelin bekannt wäre statt als Sünderin. Was wäre dann gewesen. Wie sähe unsere Kirche heute aus?

Doch was feststeht ist, dass die Frauen die ersten Osterzeuginnen sind und sie als erste vom leeren Grabe und der Hoffnung, die es enthält, erzählen. Das ist es, was von der Begegnung der Frauen am Grab und ihrem Bericht bleibt, die Osterhoffnung. Es ist nicht zu Ende, sondern geht weiter. Aus dem leeren Grab entsteht, wächst etwas Neues

Für mich spannt das auch einen Bogen zur ersten Lesung. Der Schöpfungsgeschichte. Dort heißt es am Ende des 6. Tag, als Gott sein Schöpfungswerk vollendet hat „und Gott sah, es war sehr gut“.

Die ganze Schöpfung ist sehr gut geschaffen und für mich steckt darin auch eine Botschaft an uns: Gott sagt, ich bin bei euch, ich habe in euch, in die ganze Welt die Möglichkeit gelegt, sehr gut zu sein, gutes zu schaffen.

Diese Welt ist sehr gut geschaffen und wir sind aufgerufen daran mitzuarbeiten, die Welt zu gestalten, dass dieses Gutsein immer mehr zum Vorschein kommt und die Worte Jesu von Nächstenliebe und dem Reich Gottes Wahrheit werden.

Das ist für mich die Botschaft von Ostern: Gott die sagt, es ist nicht vorbei es geht weiter, denn diese Welt und ihr seid sehr gut geschaffen. Geht und erzählt von der Hoffnung!

Frohe Ostern.

Die Freude, aus seinem Leben etwas Großartiges zu machen

Predigt von P. Max Cappabianca OP zur Semestereröffnung in der KHSB

Liebe Studierenden,

Wenn man ein neues Studium beginnt, oder selbst wenn man schon weiter ist, dann ist es gut, am Anfang einen Moment innezuhalten, und grundsätzliche Fragen zu stellen. Warum mach ich das eigentlich? Welches Ziel verfolge ich? Was ist, wenn es nicht klappt? Was hat mich motiviert hierher zu kommen?

Natürlich ist so ein Gottesdienst nicht der Rahmen, um das erschöpfend zu behandeln. Vor allem ist das ja auch eine sehr individuelle Sache: Das ist für jede und jeden von anders, und jede*r muss selbst die Antwort darauf finden.

Aber was uns miteinander verbindet ist, dass wir nicht nur Lernmaschinen sind, die durch die Nudelmaschine der KHSB gejagt werden, um als gute Sozialarbeiter*innen ausgespuckt zu werden – oder Religionspädagoginnen oder welchen Studiengang auch immer ihr belegt habt. Sondern wir sind Individuen, die ganz persönlich ihren Weg suchen und gehen!

Und im Rahmen eures Studiums wird eure Persönlichkeit, eure Wünsche und Träume, Eure Befürchtungen und Ängste, eure Hoffnungen und Ideale einen ganz wichtigen, wenn nicht den entscheidenden Teil ausmachen.

Nicole und mir als Seelsorger:innen an der der KHSB ist es ein Anliegen, euch heute daran zu erinnern, dass ihr mit ganzer „Seele“ in das Semester geht. Das Wort klingt altmodisch, aber da steckt eine tiefe Wahrheit dahinter: Ihr seid nicht nur die Summe eures Wissens, das ihr euch aneignen werdet. Ihr seid noch nicht einmal die Summe eurer Lebensgeschichte, die euch zu dem gemacht hat, was ihr jetzt seid, denn ihr seid vor allem Potential, was noch zur Entfaltung gebracht werden will.

Ganz tief in euch in der Seele ist ein Raum, in dem die ganz große Fragen gestellt werden und um den ihr euch kümmern müsst – erst recht, wenn ihr ein Studium aufnehmen wollt, bei dem es Menschen geht, wie es bei euch der Fall ist.

Das besondere an diesem „Seelenraum“ ist, dass da andere Gesetze gelten als sonst. Da gelten nicht die Gesetze der Logik. Auch nicht die Gesetze der Wissenschaft. In der heutigen Lesung haben wir gehört: „Sorgt euch um nichts. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.“ Wenn es mal nicht so läuft, dann wünsche ich Ressourcen des Trostes, aber auch die Kraft wieder aufzustehen – und das ist nun mal eine Kraft, die „alles Verstehen übersteigt“.

Ich möchte euch heute für eure Studienbeginn Mut machen! Es wird nicht immer einfach sein. Manchmal werdet ihr Dinge tun müssen, die keinen Spaß machen! Studieren nervt oft. Und die Professor*innen auch. Ihr werdet hoffentlich eine tolle Zeit mit den Mitstudierenden haben. Aber auch da kann es manchmal krachen, und das ist gut so. Manche Freundschaft fürs Leben kann sich ergeben…

Eins vorweg: Soweit ich die KHSB kenne, wir man hier nicht glücklich, wenn man mit Duckmäuserei durchkommen will. Glücklich wird man hier, wenn man sich voll einbringt, wenn man mit Herzblut dabei ist! Mit Leib und Seele! Und das bedeutet, dass es aber gute und weniger gute Zeiten gibt. Und die schwierigen Zeiten sollen uns nicht mutlos machen. Das ist gemeint, wenn es heißt „Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.“

Diesen Seelenraum haben wir jetzt in den Blick genommen. Und da spielt es auch gar keine Rolle, welcher Religion man angehört, oder ob man überhaupt einen Glauben hat. Entscheidend ist, dass man diesen Raum in unserm Innern offenhält. Immer wieder hinhört – innehält und auf seine Seele achtet. Wir tun das heute, und wir werden es im Laufe des Studiums immer wieder gemeinsam tun. Macht es auch für euch individuell. Macht es mit vertrauten Menschen. Auch wir Seelsorger*innen sind für euch da.

Entscheidend ist: Seid gut zu eurer Seele. Nehmt sie heute mit auf dem Weg in das Abenteuer Studium an der KHSB! Als Christ glaube ich, dass Gott diesen Seelenraum ganz besonders schützt.

Meister Eckhart, ein Mystiker des Mittelalters, spricht vom Seelenfünklein. Religion ist die Weisheit, die um diesen heiligen Ort in uns weiß. Und wenn Nicole und ich ich am Ende einen Segen für euch sprechen, dann ist dies nichts anderes als eine Bitte, dass er euch in jedem Augenblick eurer Studiums an der KHSB zur Seite steht, vielleicht grade dann, wenn ihr es am wenigsten spürt. Dass er Kraft gibt! Dass er euch Mut schenkt! Und die Freude, aus eurem Leben etwas Großartiges zu machen. Amen.