Dankbarkeit und Zynismus
Liebe Studierende!
1. Willkommen im Zeitalter des Zynismus
Ihr kommt aus verschiedenen Ländern, studiert unterschiedliche Fächer, habt verschiedene
Perspektiven auf die Welt. Aber vermutlich teilt Ihr alle etwas: Ihr scrollt tagtäglich durch
Social Media und seht eine Welt voller Krisen: Klimawandel. Kriege. Politische Polarisierung.
Wirtschaftliche Unsicherheit.
Die Probleme scheinen kaum lösbar, und wer konkrete Verbesserungsvorschläge macht, wird
in den Kommentaren oft zerrissen. Da können sich Enttäuschung und Resignation
breitmachen: der Eindruck, die Welt sei schlecht, die Menschen egoistisch. – Willkommen im
Zeitalter des Zynismus.
2. Eine alte Geschichte mit aktueller Relevanz
Aus dem Lukasevangelium haben wir gerade eine bemerkenswerte Geschichte gehört: Zehn
Menschen mit Aussatz begegnen Jesus. Aussatz bedeutete damals nicht nur Krankheit,
sondern den völligen Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben.
Jesus heilt alle zehn. Doch nur einer kommt zurück, um zu danken. Und dieser eine ist ein
Samariter, ein Ausländer. Von ihm können wir lernen für unsere Gegenwart.
3. Was wir vom Samariter lernen können
Der Stanford-Psychologe Jamil Zaki hat letztes Jahr ein Buch veröffentlicht: „Hope for Cynics“
– Hoffnung für zynische Menschen. Seine zentrale These: Zynismus – die Überzeugung, dass
Menschen grundsätzlich egoistisch sind – macht uns krank und unglücklich. Zynische
Menschen sind im Durchschnitt depressiver, verdienen weniger, haben schlechtere soziale
Beziehungen und sterben früher.
Und überraschend: Sie sind nicht klüger. Sie schneiden bei kognitiven Tests sogar schlechter
ab. Warum? Weil Zynismus zu einer falschen Wahrnehmung führt. Wir sehen nur noch das
Negative.
Durch diesen negativen Blick werden wir passiv. Diese Passivität verschlimmert genau die
Probleme, die wir beklagen. Und das wiederum bestärkt uns in unserem Zynismus… Ein
Teufelskreis.
Dankbarkeit, wie der Samariter sie zeigt, durchbricht diesen Teufelskreis. Auf drei Punkte will
ich besonders hinweisen.
3.1. Dankbarkeit weitet den Blick
Dem Samariter geht auf, dass ein neues Leben vor ihm liegt – voll ungeahnter Möglichkeiten.
Dankbarkeit bedeutet nicht, Probleme zu ignorieren. Sie bedeutet, ein vollständigeres Bild
der Wirklichkeit zu sehen. Ja, die Welt steht vor gewaltigen Herausforderungen. Aber:
Extreme Armut wurde in den letzten Jahrzehnten drastisch reduziert. Die Kindersterblichkeit
ist gesunken. Mehr Menschen als je zuvor haben Zugang zu Bildung.
Hans, Anna und Ola Rosling haben in ihrem Buch „Factfulness“ gezeigt: Menschen
unterschätzen systematisch, wie sehr sich die Welt verbessert hat. Nicht weil alles perfekt ist,
sondern weil Fortschritt oft langsam und unsichtbar geschieht, während Krisen häufig
plötzlich und grell auftreten.
Zynismus verengt unseren Blick auf Negatives. Dankbarkeit korrigiert diese Verzerrung. Sie
zeigt uns: Positive Veränderung ist möglich, weil sie bereits stattgefunden hat.
3.2 Dankbarkeit verbindet Menschen
Der Samariter kam zurück und trat in Beziehung zu Jesus.
Zynismus macht uns misstrauisch. Wir isolieren uns. Das Ergebnis? Einsamkeit – eine große
Krise unserer Zeit.
Dankbarkeit durchbricht Isolation. Wenn wir danken, entstehen Beziehungen. Und diese
Verbindungen können die Basis für kollektives Handeln werden.
An den Berliner Unis seid Ihr eine internationale Studierendenschaft. Ihr baut jeden Tag
Brücken zwischen Kulturen. Ihr könntet zynisch sein wegen nationaler Grenzen, kultureller
Differenzen, politischer Konflikte. Stattdessen lernt Ihr miteinander. Ihr arbeitet an der Uni
und in der KSG zusammen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist Hoffnung in Aktion.
3.3 Dankbarkeit motiviert zum Handeln
Der Samariter wurde aktiv: Er kehrte um, lobte Gott, dankte Jesus, brach in eine neue
Zukunft auf.
Zynismus lähmt uns. Dankbarkeit setzt uns in Bewegung.
Jamil Zaki schreibt: „Es ist tatsächlich Hoffnung – das Gefühl, dass sich Dinge verbessern
können – gemischt mit Empörung, die Menschen motiviert, für Fortschritt zu kämpfen.“ Nicht
Zynismus bringt Veränderung, sondern Hoffnung. Die sich wiederum speist aus Dankbarkeit.
Wenn Ihr erkennt, was bereits erreicht wurde – medizinischer Fortschritt, technologische
Innovationen, soziale Bewegungen, die Rechte erkämpft haben – dann seht Ihr: Engagement
wirkt.
Dankbarkeit für diese Errungenschaften heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Im
Gegenteil: Sie gibt uns die Kraft zu sagen: „Wenn das möglich war, dann können wir
weitermachen.“
4. „Hopeful Skepticism“
Zaki schlägt eine Alternative zu Zynismus vor: „Hopeful Skepticism“ – hoffnungsvolle Skepsis.
Das bedeutet: Kritisch denken, Fragen stellen, Evidenz prüfen. Und dann feststellen: Die
Evidenz rechtfertigt eine grundlegend positive Erwartung: Aktiv werden – besonders
gemeinsam mit anderen – bringt mehr, als manche uns weismachen wollen.
Der Samariter könnte ein „hopeful skeptic“ gewesen sein. Er kam aus einer marginalisierten
Gruppe und hatte viel Schlimmes erlebt – nicht nur seine Krankheit. Er hätte allen Grund zum
Zynismus gehabt. Durch die Heilung ermöglichte Jesus ihm Dankbarkeit, Verbundenheit,
Aktion.
5. Was das für Euch bedeuten kann
Ihr steht am Anfang Eurer Karrieren. Die Probleme der Welt können überwältigend wirken. Es
wäre leicht, zynisch zu werden, sich zurückzuziehen, zu resignieren.
Aber Ihr habt eine Wahl. Ihr könnt umkehren wie der Samariter. Innehalten. Erkennen, was
möglich ist. Verbindungen aufbauen. Aktiv werden. Aus Dankbarkeit.
Ich lade Euch zu einer konkreten Übung ein: Nehmt Euch jeden Tag ein paar Minuten und
reflektiert: „Wofür bin ich heute dankbar?“
Studien zeigen: Regelmäßige Einübung von Dankbarkeit verbessert mentale Gesundheit,
stärkt Beziehungen, erhöht Lebenszufriedenheit und fördert prosoziales Verhalten.
Macht es konkret. Schreibt es auf. Teilt es mit Freund*innen. Lasst es zu einer Grundhaltung
werden.
6. Der Weg nach vorn
Jesus sagte zum Samariter: „Steh auf und geh!“ Dankbarkeit ist kein Endpunkt. Sie ist ein
Startpunkt für Engagement.
Unsere Gesellschaft braucht nicht mehr zynische Menschen. Sie braucht „hopeful skeptics“:
Menschen, die kritisch denken und gerade deswegen hoffen, weil sie zynische
Schwarzmalerei hinterfragen; Menschen, die Probleme klar sehen und angehen. Die dankbar
sind für das Erreichte und deshalb für das Mögliche kämpfen.
Ihr könnt diese Menschen sein.
Berlin, 12. Oktober 2025 P. Jan Korditschke SJ
Flüchtlingsseelsorger des Erzbistums Berlin

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