Die Scham überwinden

Predigt von P. Max Cappabianca OP in der KSG Berlin 

Liebe Gemeinde,

Kennt ihr das eigentlich, wenn man richtig beschämt ist? Man hatte eigentlich eine Aufgabe, vielleicht gar nicht so schwer und verkackt es einfach! Vielleicht gar nicht aus Absicht, aber aus Unachtsamkeit. Das ist hochnotpeinlich. Man schämt sich dafür! Ich habe da selber ganz aktuell ein Beispiel: Heute Morgen hatte ich Joschua zugesagt, eine Gottesdienst zu feiern. 8.00h morgens in einem Hotel in Moabit. Ist keine sehr christliche Zeit, aber auch nicht unmöglich. Ok ich bin erst am Donnerstagfrüh nach einem Nachtflug in Deutschland wieder angekommen. Übermüdet bin ich – aber dass ich zwei Weckersignale nicht höre. Wach werde ich dann schließlich, als um 8.00h mein Diensthandy rappelt: In dem Moment werde ich endlich wach und mir fällt siedend heiß ein: Du hast eine Messe zugesagt!

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie Scheiße ich mich gefühlt habe. Und man kann sich vorstellen, wie blöd Joshua sich gefühlt haben muss. Ich könnte es ihm nicht verübeln, wenn er sagt: Den Pater kannste vergessen!

Scham ist ein Gefühl, das viele von uns kennen. Sich zu schämen ist etwas sehr Menschliches. Immer wieder geschieht es, weil wir Fehler machen. Weil wir denken, dass es keine Chance auf einen Neuanfang gibt. Wie aber das Beschämung herauskommen?  Es ist das Gefühl, dass wir etwas getan haben, das nicht nur gegen andere, sondern auch gegen uns selbst ist. Scham kommt oft mit der Vorstellung, dass wir nicht mehr vor unseren Mitmenschen bestehen können oder dass wir uns selbst verloren haben. Dieses Gefühl erleben wir im Gleichnis des verlorenen Sohnes in seiner reinsten Form: Dem heutigen Sonntagsevangelium

Der verlorene Sohn und seine Scham

Der jüngere Sohn ist ein junger Mann, der von zu Hause fortgeht, um sein Erbe zu verprassen. Zu Beginn seiner Reise scheint er voller Hoffnung und Entschlossenheit zu sein, sein eigenes Leben zu führen. Doch der Weg, den er wählt, endet in Scham und Armut. Als er all sein Geld verschwenderisch ausgegeben hat und mit nichts dasteht, wird er mit seiner tiefsten Scham konfrontiert. Er wird nicht nur arm, sondern auch verachtet. In einer Situation, die alles andere als ehrenvoll ist, erkennt er, wie weit er sich von seinem Vater entfernt hat.

In dieser Phase seines Lebens fühlt er sich vielleicht unsichtbar, unwert und vor allem: beschämt. Und das ist der Punkt, an dem wir uns in seiner Geschichte wiederfinden können. Wer von uns hat nicht schon einmal etwas getan, was uns beschämt hat? Wer hat nicht schon einmal Entscheidungen getroffen, die uns im Nachhinein wie ein schwerer Rucksack aus Scham und Schuld belasten?

Der Weg zur Umkehr

Doch das Gleichnis geht weiter. Der Sohn fasst schließlich den Entschluss, zu seinem Vater zurückzukehren. Er möchte ihm sagen: „Vater, ich habe gesündigt, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Wir hören hier den Moment der Umkehr – ein Moment, in dem er den mutigen Schritt macht, sich der Scham zu stellen. Anstatt sich in seiner Scham zu verkriechen, entscheidet er sich, den Schritt zurück ins Leben zu wagen. Aber es ist auch der Moment, in dem er sich eingesteht, dass er nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu retten. Der Sohn braucht den Vater. In seiner Scham geht er auf denjenigen zu, der ihm verzeihen kann.

Und was passiert dann? Der Vater sieht ihn schon von weitem, läuft ihm entgegen, nimmt ihn in die Arme und sagt: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“ Der Vater schämt sich nicht, sondern er feiert die Rückkehr des Sohnes. Er entlässt ihn nicht mit Vorwürfen und Schimpfworten, sondern mit Liebe und voller Gnade.

Die Kraft der Vergebung

Hier liegt der Kern des Gleichnisses: Scham wird durch Vergebung überwunden. Der Sohn braucht keine langen Entschuldigungen, keine Rechtfertigungen. Der Vater gibt ihm, was er braucht – nicht das Urteil, sondern die Liebe. Die Vergebung des Vaters ist der Moment, in dem die Scham des Sohnes verblasst. Die Scham verschwindet nicht durch Selbstvorwürfe oder durch das Festhalten an der eigenen Schuld, sondern durch das Annehmen der Gnade. Der Sohn kann in den Armen seines Vaters wieder als Sohn leben, ohne sich ständig für seine Taten schämen zu müssen.

Scham und die Einladung zur Gnade

Scham ist ein Teil des menschlichen Lebens, aber sie ist nicht das Ende der Geschichte. Sie ist nicht das, was unser Leben bestimmen sollte. Der Weg zur Heilung beginnt, wenn wir uns in unserer Scham nicht verkriechen, sondern uns der Gnade Gottes zuwenden. Der Vater im Gleichnis zeigt uns, dass es keinen Fehler gibt, der zu groß ist, als dass er nicht vergeben werden kann. Es gibt keine Scham, die nicht durch die Liebe Gottes aufgehoben werden kann

Wir sind eingeladen, wie der verlorene Sohn, unsere Scham anzunehmen, uns unserer eigenen Fehler bewusst zu werden, aber dann auch den Mut zu fassen, den Weg zurück nach Hause zu gehen – zu einem Gott, der uns immer mit offenen Armen empfängt. Denn dieser Gott ist der Vater und die Mutter, die uns nicht nach unserem Versagen beurteilt, sondern uns in seiner Liebe wiederherstellt.

Fazit

Liebe Gemeinde, die Scham, die der verlorene Sohn fühlt, kennen wir vielleicht alle. Sie ist ein mächtiges Gefühl, das uns davon abhalten kann, den nächsten Schritt zu tun. Doch die Geschichte des verlorenen Sohnes zeigt uns, dass Scham nicht das Ende ist. Sie ist ein Schritt auf dem Weg zur Umkehr und Vergebung. Wie der Vater im Gleichnis uns immer wieder mit offenen Armen erwartet, so erwartet uns auch Gott mit seiner / ihrer grenzenlosen Liebe.

Wird Joshua mir verzeihen? Ich hab keine andere Wahl als auf seine Vergebung zu hoffen.

Es ist leichter in seiner eigenen Scham nicht verharren. Wir wollen mutig sein und den Schritt wagen, dem Ja Gottes zu trauen, Vergebung anzunehmen und so einen Neuanfang zu wagen. Amen.