vom Abram zum Abraham
Vom Abram zum Abraham: Zu Gen 15, 5-18
Liebe Schwestern und Brüder,
zuweilen gibt es in den Texten der Heiligen Schrift denk- und merkwürdige Namensveränderungen. Bekannt ist der Wechsel des Namens Saulus zu Paulus. Dazu gibt es unterschiedliche Interpretationen und Begründungen, auf die ich aber nicht eingehen will. Weniger bekannt ist der Wechsel des Namens Abram zu Abraham. Davon wird im Buch Genesis berichtet. Der Name Abraham ist uns heute geläufig, aber die Person, die Abraham genannt wird, hieß zuvor eigentlich nur Abram. In der heutigen Lesung ist nur von dem frühen Abram die Rede. Dass er künftig Abraham heißen solle, wird zu einem späteren Zeitpunkt berichtet. „Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien der HERR dem Abram und sprach zu ihm: Ich bin Gott der Allmächtige! Geh vor mir und sei untadelig! Ich will meinen Bund stiften zwischen mir und dir und ich werde dich über alle Maßen mehren. Abram fiel nieder auf sein Angesicht. Und Gott redete mit ihm und sprach: Ich bin es. Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern. Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.“ (Gen 17, 1–5) Also wird aus Abram – übersetzt „Gott ist erhaben“ – ein Abraham – übersetzt „Vater der Menge aller Völker“. Ganz offensichtlich ist der Namenswechsel eine bedeutende Aussage. Sie sagt etwas aus über den Abraham, der schon sehr alt ist, aber zur Wurzel eines ganzen Volkes wird.
Aber so weit waren wir noch gar nicht in unserer Lesung. Die setzt etwas früher an. Und der ganze Text klingt ziemlich archaisch und nach altem Opferkult mit seltsamen Tierschlachtungen. Gott der HERR erklärt dem Abram, welche Bedeutung er als Urvater vieler Nachkommen haben würde. Und zur Bestätigung solle Abram ein Rind, eine Ziege, einen Widder und zwei Tauben schlachten und halbieren. Für unsere Augen und Ohren eine seltsame Art und Weise der Opferung, aber eigentlich gar nichts Außergewöhnliches. Ich war vor Kurzem in Mexiko, um meine Mitbrüder zu besuchen, die in Chiapas mit indigenen Gruppen arbeiten. Dabei hatte ich Gelegenheit, einen religiösen Kultort in Chamula zu besuchen: Eine ehemalige Kirche wurde von den Einwohnern übernommen und zu ihrem Gebetshaus gemacht. Die Menschen kommen in den Raum, zünden mitgebrachte Kerzen an, bringen Rauchopfer dar und beten. Aber nicht nur das – zuweilen bringen sie auch Hühner mit. Wenn jemand krank ist, bittet er darum, von dieser Krankheit geheilt zu werden, indem die Krankheit dem Huhn übertragen wird. Und am Ende wird das Huhn im Gebetshaus geschlachtet. Danach wird es mitgenommen und verbrannt. Für die Touristen ein etwas erschreckendes Spektakel, aber eigentlich nur ein sehr klassischer Opferkult, wie man ihn in Abwandlung aus vielen Kulturen der Weltgeschichte kennt.
Es ist schlicht eine bestimmte Kommunikationsform, um mit Gott zu sprechen. Es geht ja nicht um das Opfer an sich und auch nicht unbedingt um den neuen Namen, sondern: Gott redet mit Abraham und schließt mit ihm einen Bund. Gott verpflichtet sich zu einer besonderen Beziehung zu Abraham und seinen vielen Nachkommen – zu einer besonderen Beziehung zum Volk Israel. Dass Gott so unmittelbar mit dem Menschen redet, wie das hier beschrieben wird – davon können wir heute nur träumen. Leider offenbart sich Gott uns gegenüber nicht mehr so direkt oder redet gar mit uns, so wie er mit Abraham geredet hat. Wenn wir auf das Evangelium schauen, das wir gerade gehört haben, hat nicht einmal Jesus selbst das Privileg, mit Gott zu reden, ins Gespräch zu treten. Die sogenannte Verklärung Jesu, von der im Evangelium berichtet wird, ist keine Kommunikation mit Gott, sondern nur mit den bereits seit Langem nicht mehr auf der Welt lebenden Propheten Mose und Elija.
Gott redet nicht mit uns, er gibt uns nicht einmal Zeichen. Aber ich frage: Ist das eigentlich so schlimm? Brauche ich ein Zeichen Gottes, um zu handeln? Gott selbst würde uns vermutlich sagen – wenn er etwas sagen würde: Nein, ihr braucht mich nicht. Ihr habt euch selbst. Gott hat uns Verstand gegeben, Gott hat uns seine Botschaft über seinen Sohn verkündet. Und jetzt? Jetzt sind wir dran! Es ist an uns, zu entscheiden, zu handeln. Denn Gott hat uns Freiheit gegeben – die Freiheit, zu tun, was wir wollen. Das hat nichts zu tun mit Relativismus, mit einem Machen-was-wir-wollen. So einfach ist das nicht. Verstand, Vernunft und Glaube sind gegeben, damit wir selbstständig handeln, aber vor allen Dingen auch (sittlich – moralisch – ethisch) verantwortlich handeln.
Am Ende des Lebens wird abgerechnet: Was haben wir aus unserer Freiheit gemacht? Wie haben wir gehandelt? Wie sind wir mit den Mitmenschen umgegangen?
Das – und nichts anderes – hat Gott dem Abram/Abraham erklärt: Ich schließe einen Bund mit den Menschen, einen Bund mit uns allen. Darauf verpflichte ich mich. Aber wir sind jetzt gehalten, Verantwortung zu übernehmen und – im Sinne dieses Bundes mit Gott – zu handeln. Die Entscheidung kann und muss uns niemand abnehmen.
Nutzen wir die Freiheit, die Gott uns gegeben hat!
Amen!
Thomas Eggensperger OP

