Zu Thomas Manns „Mario und der Zauberer“

Predigt von P. Thomas Eggensperger OP am 19. Januar in der KSG Berlin

Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann  


„Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm. Ärger, Gereiztheit, Überspannung lagen von Anfang an in der Luft, und zum Schluss kam dann der Schock mit diesem schrecklichen Cipolla, in dessen Person sich das eigentümlich Bösartige der Stimmung auf verhängnishafte und übrigens menschlich sehr eindrucksvolle Weise zu verkörpern und bedrohlich zusammenzudrängen schien. Dass bei dem Ende mit Schrecken (…) auch noch die Kinder anwesend sein mussten, war eine traurige und auf Missverständnis beruhende Ungehörigkeit für sich, verschuldet durch die falschen Vorspiegelungen des merkwürdigen Mannes. Gottlob haben sie nicht verstanden, wo das Spektakel aufhörte, und die Katastrophe begann, und man hat sie in dem glücklichen Wahn gelassen, dass alles Theater gewesen sei.“ (311) 


Liebe Schwestern und Brüder,  

so beginnt eine Erzählung des deutschen Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahre 1930. Der Titel lautet „Mario und der Zauberer“. Die Geschichte handelt von einem Reiseerlebnis der ganz außergewöhnlichen Art. Die Familie macht Urlaub in der italienischen Stadt Torre di Venere und die ganze Beschreibung des Aufenthaltes lässt vermuten, dass es sich zunächst um den typischen Urlaub einer bessergestellten bürgerlichen Familie der 1920er Jahre handelte.  

Und dieses Typische wird auch ausführlich beschrieben. Der Erzähler, er schreibt in Ich-Form, verbringt einige Sommerwochen am Tyrrhenischen Meer – zusammen mit seiner Frau und den Kindern. Alles brav und bieder, man verlustiert sich am Wasser, promeniert am Strand, speist mehr oder weniger lukullisch. Nichts aufregendes eigentlich – eben ganz klassisch bürgerlich. Der Autor, Thomas Mann, er ist literarisch in seinem Metier.  

Dennoch zeigt der erste Abschnitt dieser Erzählung, die ich der Predigt vorangestellt  habe, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignet hat. Es ist etwas passiert. Von  einer „Katastrophe“ ist da die Rede, von einem „Ende mit Schrecken“. 

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Der Erzähler beschreibt den gemütlichen  Hotelaufenthalt und er berichtet von einem netten jungen Kerl, der in einem in der  Nähe sich befindlichen Café als Kellner sein tägliches Brot verdient. Der Junge ist 20  Jahre alt und heißt Mario. Und dieser Mario wird noch eine wichtige Rolle spielen in  dieser Erzählung. Und dazu gehört die Antipode des netten Kellnerjungen, nämlich  der bereits erwähnte „Cipolla“. Dieser „schreckliche Cipolla“, wie er genannt wurde,  ist Zauberer. Er tritt als Schausteller auf und führt dem Publikum seine Kunststücke  vor.  

Die Eintönigkeit des Sommerurlaubs der Familie wird unterbrochen durch die  Ankündigung, der berühmte Magier Cipolla würde einen Auftritt haben auf der  Terrasse des Hotels. Und damit sind wir beim Thema der Erzählung: Um diesen  Zauberer Cipolla herum ist die Katastrophe anzusiedeln, von der da die Rede ist.  

Das Spektakel nimmt seinen Lauf. Der Zauberer Cipolla tritt auf, so wie er  beschrieben wird, nicht gerade eine Erscheinung, die man als sympathisch  bezeichnen würde. Eher ist er ein wenig verkniffen, eigenartig angezogen, mit einem  stechenden Blick und einem merkwürdigen Gesichtsausdruck.  

Seine Spezialität ist die Suggestion und die Beeinflussung des Menschen. Das, was er  da auf der Bühne mit seinen Opfern macht, ist in gewisser Weise Hypnose. Er pickt  sich einzelne Zuschauer heraus, provoziert sie und dann beraubt er sie ihres Willens  und lässt sie schließlich im wahrsten Sinne Wortes tanzen, so wie er ihnen das befiehlt.  

Gleich zu Beginn der Show pickt er sich einen jungen Einheimischen heraus und er spricht ihn an:  

„Du gefällst mir, Giovanotto. … Solche Leute wie du, haben meine besondere Sympathie; ich kann sie brauchen. Offenbar bist du ein ganzer Kerl. Du tust, was du  willst. Oder hast du schon einmal nicht getan, was du wolltest? Oder gar getan, was  du nicht wolltest? Was nicht du wolltest? Höre, mein Freund, es müsste bequem und  lustig sein, nicht immer so den ganzen Kerl spielen und für beides aufkommen zu  müssen, das Wollen und das Tun. Arbeitsteilung müsste da einmal eintreten…“  (339f.)  

Cipolla will etwas mit diesem Jungen. Das merkt man. Und so fordert er sein Opfer heraus:  

„´Willst du zum Beispiel jetzt dieser gewählten und verehrungswürdigen  Gesellschaft hier die Zunge zeigen, und zwar die ganze Zunge bis zur Wurzel?´ …  ´Nein´, sagte der Bursche feindselig. ´Das will ich nicht. Es würde von wenig  Erziehung zeugen.´  

´Das würde von gar nichts zeugen´, erwiderte Cipolla, ´… (so) wirst du jetzt, ehe ich  bis drei zähle, eine Rechtswendung ausführen und der Gesellschaft die Zunge  herausstrecken, länger, als du gewusst hast, dass du sie herausstrecken könntest.´“  (340) 

Gesagt, getan. Kurz darauf streckt der Junge dem Publikum seine Zunge heraus,  ganz kurz nur, und dann steht er wieder da, als ob nichts gewesen wäre. Und das  stimmt sogar für ihn. Denn es ist offensichtlich, dass er gar nicht gemerkt hat, wie er  der Anordnung des eigenartigen Zauberers Folge leistet.  

Und damit stehen wir im Zentrum dieser Erzählung. Es ist diese auffallende  Disharmonie vom Willen des Einzelnen aus der Gruppe des Publikums und den  Befehlen dieses Magiers Cipolla, der den Willen bricht, die Menschen auf dem  Podium verbiegt und diesen Hypnotisierten seine Befehle erteilt, die sie dann  willenlos ausüben.  

Das heißt es:  

„Gewiss musste der Jüngling einfach als Belustigungsthema herhalten, wie Cipolla  sich jeden Abend eines herauszugreifen und aufs Korn zu nehmen gewohnt sein  mochte. Aber es sprach aus seinen Spitzen doch auch echte Gehässigkeit…“ (343f)  

Cipolla gehört zu der Gattung Mensch, die keinen Respekt hat vor dem Anderen, vor  deren Willen, Sehnsüchten und auch deren ganz privaten und intimen Dingen.  

Die Erzählung berichtet davon anhand vieler Beispiele. Er macht sich lustig über  zwei Bauernjungen, die nicht lesen und schreiben können und er treibt seinen Spott  mit ihnen. Einem anderen redet er Magenkrämpfe ein und der arme Hypnotisierte  steht auf der Bühne und hält sich zur Belustigung aller den Bauch.  

Und noch andere Situationen gibt es, die damit vergleichbar sind. Auf Kosten  anderer macht sich Cipolla lustig und das in aller Öffentlichkeit. Und die Zuschauer  spüren, dass da etwas nicht in Ordnung ist, aber keiner geht weg. Alle sind sie  fasziniert von diesem Grenzbereich menschlicher Existenz, von dieser schamlosen  Überschreitung der sittlichen und sozialen Normen, so wie sie dieser Cipolla demonstriert.  

In der Erzählung heißt es:  

„Unsere Gefühle für … Cipolla waren höchst gemischter Natur; aber das waren,  wenn ich nicht irre, die Gefühle des ganzen Saales, und dennoch ging niemand  weg.“ (368)  

Die Zuschauer werden mit etwas ganz Eigenartigen konfrontiert – eigentlich mit  etwas Abstoßendem und dennoch verharren sie vor der Bühne und starren gebannt  auf dieses Schauspiel, das da immer unwürdiger wird.  

Die Katastrophe rückt näher. Und sie hat etwas damit zu tun, wie der Zauberer mit  den Menschen umgeht. Mit seinen Kunststücken, die darauf hinauslaufen, Menschen  in aller Öffentlichkeit bloßzustellen, führt er das Ende herbei.  

Nicht umsonst lautet der Titel der Erzählung „Mario und der Zauberer“. Denn auch  dieser junge Kellner Mario befindet sich unter den Zuschauern. Bislang relativ unbeteiligt am Geschehen wird er mit einem Male von Cipolla aufgefordert, nach  vorne zu kommen auf die Bühne. Nun ist Mario derjenige, der von diesem Zauberer  bearbeitet wird.  

Und Cipolla beginnt ein Gespräch mit dem ahnungslosen jungen Mann. Er fragt ihn  aus, und – wie es sich für einen Magier gehört – weiß er auch schon einiges über ihn,  ohne dass er es dem Magier gesagt hatte. Ein eigenartiger Dialog beginnt und – man  kann es nicht anders ausdrücken – es ist eine regelrechte Anmache, die der 20jährige  durch den skurrilen Alten über sich ergehen lassen muss.  

Nach und nach erleben die Zuschauer die Entblößung der innersten Persönlichkeit  des jungen Mario. In aller Öffentlichkeit berichtet der Zauberer von der heimlichen  Liebe Marios zu einem jungen Mädchen aus der Stadt – eine tiefe Liebe, von der er  sich aber nicht traut, sie preiszugeben.  

Und dabei wird die Rolle des Cipolla immer befremdlicher. Für Mario hat er sich  einen Zauber der besonderen Art ausgedacht: In Hypnose verfallen, redet er dem  jungen Mario ein, er selbst – der Magier – er sei dieses Mädchen und er solle sich ihm  nähern.  

Es geschieht, was geschehen musste. Der hypnotisierte Mario sieht in Cipolla seine  große Liebe, dieses Mädchen und das nutzt der Zauberer schamlos aus, um die  Lacher auf seiner Seite zu haben.  

So sagt Cipolla zu Mario:  

„´Küsse mich!´ … ´Glaube, dass du es darfst! … Küsse mich (hier)´ und er wies mit der  Spitze des Zeigefingers … an seine Wange, …“ (390)  

Und Mario küsst – in der Meinung, seine große Liebe vor sich zu haben. Aber es  niemand anderes als der Zauberer selbst, der den Kuss empfängt.  

Weiter im Text:  

„Es war recht still im Saale geworden. Der Augenblick war grotesk, ungeheuerlich  und spannend – der Augenblick von Marios Seligkeit.“ (390f.)  

Den Zuschauern ist schlagartig bewusst geworden, dass der Magier Cipolla sein  Spiel zu weit getrieben hatte. Das war kein Spaß mehr, sondern das war die  Vergewaltigung einer menschlichen Seele.  

Kurz darauf wacht Mario wieder auf, ihm ist sofort klar, was man ihm angetan hat.  Und es folgt das – zu Beginn der Erzählung bereits angedeutete – „Ende mit  Schrecken“. Vor allen Anwesenden tötet Mario diesen Cipolla.  

Und Thomas Mann schließt seine Erzählung mit den Worten:  

„Ein Ende mit Schrecken, ein höchst fatales Ende. Und ein befreiendes Ende dennoch  – ich konnte und kann nicht umhin, es so zu empfinden.“ (392) 

Soweit ein Blick in die Erzählung „Mario und der Zauberer“.  

Leben und Tod gehören zusammen. Über Leben und Tod entscheidet am Ende Gott,  das mag sein. Aber es ist der Mensch, der zuweilen über seine Kompetenz  hinausgeht, und meint, selbstständig über Leben und Tod entscheiden zu müssen.  

Es gibt da einen Grenzbereich, der sich schlecht in Formeln ausdrücken lässt oder in  Paragraphen sich klassifizieren lässt.  

Vielleicht ist es diese Freiheit, die Gott uns Menschen zugesteht, in der wir  entscheiden können, wie weit wir gehen und wo wir eine natürliche, eine sittlich moralische Grenze sehen, vor der wir Respekt haben, und die wir nicht gewillt sind,  zu überschreiten.  

Menschen werden durch Menschen getötet. Vor einem Krieg steht die Suggestion,  die Hypnose durch eine Person oder eine Gruppierung, die von der Notwendigkeit  des Krieges redet. Und plötzlich steht man mittendrin im Geschehen, an der Front.  Und dann gibt es kein Zurück mehr, sondern nur den unweigerlichen Schritt hin zur  Katastrophe.  

Macht zu besitzen über Andere, das bedeutet auch, Macht zu besitzen über die  Persönlichkeit der Anderen. Und das bedeutet auch, Persönlichkeit zu vernichten,  geradewegs zur Katastrophe zu gelangen.  

Die Heilige Schrift ist voll von solchen Begebenheiten. Warnungen gibt es da mehr  als genug, keinesfalls die natürliche Grenze zu überschreiten. Das beginnt mit dem  Brudermord Kains an Abel, das setzt sich fort mit den Verbrechen, die in der  Geschichte des Volkes Israel begangen werden und das endet mit der labilen  Stimmungslage des Volkes, als sie den Tod Jesu forderten, den Tod desjenigen, den  sie kaum einige Wochen zuvor noch hochgepriesen haben.  

Amen!  

Thomas Eggensperger OP  

Literatur  

Thomas Mann, Mario und der Zauberer, in: Ders., Meistererzählungen, Zürich 2002,  309-392.