Widerstand aus Glauben – 80 Jahre Alfred Delp SJ

Predigt von P. Max Cappabianca in der KSG Berlin

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich vermute, dass einige von euch ähnlich schockiert waren über die vergangenen Tage im Deutschen Parlament. Am Mittwoch wurde vom Deutschen Bundestag mit den Stimmen der AfD ein Entschließungsantrag verabschiedet, und am Freitag wäre sogar fast ein Gesetz mit den Stimmen der in Teilen rechtsextremen Partei durchgekommen, wenige Stimmen fehlten nur – Gott sei Dank!

Die Empörung war groß – nicht zu Unrecht, hatte doch der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz zuvor gesagt, dass er so etwas niemals zulassen würde. Ihr erinnert euch: die berühmte Brandmauer! Ich gebe zu, ich war fassungslos und auch wütend über die Partei mit dem C im Namen, das ja für „christlich“ steht. Ist das nicht eine Perversion, wenn man als „christliche“ Partei gemeinsame Sache macht mit Populisten, die unsere Gesellschaft spalten wollen?

Allerdings überkommt mich persönlich immer ein mulmiges Gefühl, wenn die Dinge so eindeutig zu sein scheinen. Ich mag es nicht, wenn man die Welt in Gut und Böse einteilt. Es muss doch Gründe geben, dass vernünftige Menschen wie Merz und andre Unionspolitiker sich so verhalten… Und tatsächlich war ich in den letzten Tagen für jeden kritischen Kommentar dankbar, der mich hat verstehen lassen, warum der CDU-Vorsitzende so gehandelt haben und warum die meisten CDU-Politiker seiner Initiative gefolgt sein könnten.

Zum Beispiel dass zwei Drittel der Deutschen Wähler für eine Verschärfung des Migrationsrechts sind. Das dürfen wir nicht ignorieren! Wenn wir mit dem Finger auf eine Partei zeigen, überzeugt das keinen einzigen migrationskritischen Wähler oder Wählerin. Dass eine so große Mehrheit diese migrationskritische Meinung vertritt, macht sie allerdings auch nicht richtiger. Denn es gibt unverhandelbare Werte, wie zum Beispiel der Respekt der Menschenwürde, die man nicht durch Mehrheitsbeschluss abschaffen kann!

Ein anderes Argument ist, dass Merz Alternativen aufgezeigt habe, die nun klar machten, wofür seine Partei steht. Das stimmt – auch wenn im Detail deutlich wird: Schon die Rot-Grün-Gelbe Koalition hat krasse Verschärfungen im Migrationsrecht beschlossen! Und tatsächlich ist die Migration ja schon deutlich zurückgegangen. Warum sieht das keiner? Das geht im Lärm des Populismus leider einfach unter!

Ich persönlich habe mir vorgenommen, mich nicht moralisch über diejenigen zu erheben, die eine andre Meinung vertreten als ich. Pharisäertum überzeugt keinen!

Ich habe mir außerdem vorgenommen, die Diskussion in der Sache zu suchen, in die Niederungen des Details hinabzusteigen, bevor ich eine andere Meinung verurteile. Dann werden wir alle automatisch leiser! Ich bin auch gegen unkontrollierten Zuzug und ich bin auch der Meinung, dass die Fähigkeit unsere Gesellschaft, Migrant*innen zu integrieren eine Grenze hat. Die Realität ist halt immer komplexer als eine populistische Parole! Wenn wir das alle beherzigen, dann werden wir alle auch etwas leiser!

Und wie stehe ich als Christ dazu? Gehört das überhaupt in eine Predigt, wo ich ja als offizieller Vertreter der katholischen Kirche spreche? Ja und Nein zugleich!

Kirche ist keine politische Organisation, die Wahlempfehlungen oder Warnungen aussprechen sollte! Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen die gläubig sind; und wenn dieser Glaube eine Relevanz für das Leben der Menschen hat, dann gehen von ihm Impulse und Orientierungen aus für den Wertekanon, der unsere Gesellschaft leitet!

Aus diesem Grund haben die Bischöfe vor ziemlich genau einem Jahr vor der AfD gewarnt: Völkischer Nationalismus und Christentum schließen einander aus, und da müssen wir Christ*innen auch den Mut haben, Flagge zu zeigen und für unsere Positionen einzustehen!

Dass man hierfür ganz schön viel Rückgrat braucht, beweisen die Menschen, die in einem Umfeld für die Grundrechte der Menschen sich eingesetzt haben, wo man dieses Bekenntnis manchmal mit dem Leben bezahlen musste.

Alfred Delp ist so einer, der für seine Überzeugungen von den Nazis mit dem Tod bestraft wurde. „Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen.“ Als Pater Alfred Delp diese Worte im Advent 1944 niederschreibt, saß er mit gefesselten Händen im Gefängnis Berlin-Tegel. Angeklagt von den Nazis wegen Hoch- und Landesverrats. Auf Bitten seines Provinzials hatte er sich in München im Kreisauer Kreis um Graf Moltke engagiert, einer Widerstandsgruppe, die Pläne für ein demokratisches Deutschland nach Hitler entwarf. Am 28. Juli 1944 wurde er verhaftet und vom berüchtigten Richter Roland Freisler zum „Tod durch den Strang“ verurteilt.

Ich möchte diese Predigt beenden mit einem längeren Auszug aus dem Tagebuch von Alfred Delp. Die Zeilen schrieb er nieder, als er schon zum Tode verurteilt war. Darin berichtet er, wie niederträchtige der Richter Freisler und die anderen Nazi-Schergen.  Er schreibt, dass er nicht sterben wollte, dass sein starker Glaube ihm die Kraft gab, vor der Unmenschlichkeit nicht einzuknicken. Er glaubte an eine Gesellschaft, die die Menschenwürde respektiert und dass das Christentum diametral entgegengesetzt ist gegen jeden Totalitarismus.

Ich finde diese Zeilen – heute am 80. Jahrestag seines Todes durch den Strick – nicht weit von hier 25 Minuten mit dem Fahrrad! – ein starker Impuls für uns heute ist, wenn immer die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.

„Eigentlich hatten wir damit gerechnet, gleich am Donnerstagabend nach Plötzensee gefahren zu werden. Wir sind anscheinend die ersten, bei denen wieder Fristen eingehalten werden. Oder ob es die Gnaden­gesuche schon waren? Ich glaube nicht: Frank kam gestern zurück, ob­wohl für ihn noch kein Gesuch lief. Dass Frank auch verurteilt würde, hätte niemand gedacht. Aber dort ist alles Subjektivität, nicht einmal amtliche, sondern ganz persönliche Subjektivität. Der Mann [Freisler] ist gescheit, nervös, eitel und anmaßend. Er spielt Theater, und der Ge­genspieler muss unterlegen sein.

Ich kam mir bei der ganzen Sache eigentlich recht unbeteiligt vor. Es war wie eine schlechte Pullacher Disputation, nur dass der Defendens dauernd wechselte und der Dauerobjicient auch zugleich ent­schied, wer recht hat. Die Mitrichter, das «Volk» am Volksgerichtshof waren gewöhnliche, dienstbeflissene Durchschnittsgesichter, die sich in ihrem blauen Anzug sehr feierlich vorkamen und sehr wichtig neben der roten Robe des Herrn Vorsitzenden. Gute, biedere SA-Männer, die die Funktion des Volkes, ja zu sagen, ausüben.

 

Es ist alles da, es fehlt nichts: feierlicher Einzug, großes Aufgebot der Polizei, jeder hat zwei Mann neben sich: hinter uns das «Publi­kum»; meist Gestapo usw. Die Gesichter der Schupos gutmütig-ge­wohnt-gewöhnlich. Das Publikum hat durchschnittlich den Typ des «einen» Deutschland. Das «andere» Deutschland ist nicht vertreten oder wird zum Tode verurteilt. Eigentlich fehlte noch eine Ouvertüre zu Beginn und ein Finale zu Ende oder mindestens Fanfaren. …

Die Beschimpfungen von Kirche, Orden, kirchengeschichtlichen Überlieferungen usw. waren schlimm. Ich musste eigentlich an mich halten, um nicht loszuplatzen. Aber dann wäre die Atmosphäre für alle verdorben gewesen. Diese herrliche Gelegenheit für den großen Schau­spieler, den Gegenspieler für einen gescheiten, überragenden, ver­schlagenen Menschen zu erklären und sich dann so unendlich überle­gen zu zeigen. Es war alles fertig, als er anfing. … Man ist dort kein Mensch, sondern «Objekt». Und dabei alles unter einem inflationistischen Verschleiß juristischer Formen und Phrasen. Kurz zuvor las ich Plato: Das ist das höchste Unrecht, das sich in der Form des Rechts vollzieht.

Ich bitte auch die Freunde, nicht zu trauern, sondern für mich zu beten und mir zu helfen, solange ich der Hilfe bedarf. Und sich nach­her darauf zu verlassen, dass ich geopfert wurde, nicht erschlagen. Ich hatte nicht daran gedacht, dass dies mein Weg sein könnte. Alte meine Segel wollten steif vor dem Wind stehen; mein Schiff wollte auf eine große Ausfahrt, die Fahnen und Wimpel sollten stolz und hoch in alten Stürmen gehisst bleiben. Aber vielleicht wären es die falschen Fahnen geworden oder die falsche Richtung oder für das Schiff die falsche Fracht und unechte Beute. Ich weiß es nicht. Ich will mich auch nicht trösten mit einer billigen Herabminderung des Irdischen und des Le­bens. Ehrlich und gerade: ich würde gerne noch weiterleben und gern und jetzt erst recht weiterschaffen und viele neue Worte und Werte verkün­den, die ich jetzt erst entdeckt habe. Es ist anders gekommen. Gott halte mich in der Kraft, ihm und seiner Fügung und Zulassung gewachsen zu sein. …

So lebt denn wohl. Mein Verbrechen ist, dass ich an Deutschland glaubte auch über eine mögliche Not- und Nachtstunde hinaus. Dass ich an jene simple und anmaßende Drei-Einigkeit des Stolzes und der Gewalt nicht glaubte. Und dass ich dies tat als katholischer Christ und als Jesuit. Das sind die Werte, für die ich hier stehe am äußersten Rande und auf den

warten muss, der mich hinunterstößt. Deutschland über das Heute hinaus als immer neu sich gestaltende Wirklichkeit, Christentum und Kirche als die geheime Sehnsucht und die stärkende und heilende Kraft dieses Landes und Volkes – der Orden als die Heimat geprägter Männer, die man hasst, weil man sie nicht versteht und kennt in ihrer freien Gebundenheit oder weil man sie fürchtet als Vorwurf und Frage in der eigenen anmaßenden, pathetischen Unfreiheit.

Ich aber will ehrlich warten auf des Herrgotts Fügung und Führung. Ich werde auf ihn vertrauen, bis ich abgeholt werde. Und ich werde mich mühen, dass mich auch diese Lösung und Losung nicht klein und verzagt findet.

Das ist ein eigenartiges Leben jetzt. Man gewöhnt sich so schnell wieder an das Dasein und muss sich das Todesurteil ab und zu gewaltsam in das Bewusstsein zurückrufen. Das ist ja das Besondere bei diesem Tod, dass der Lebenswille ungebrochen und jeder Nerv lebendig ist, bis die feindliche Gewalt alles überwältigt. So dass die gewöhnlichen Vorzeichen und Mahnboten des Todes hier ausbleiben. Eines Tages wird eben die Tür aufgehen, und der gute Wachtmeister wird sagen: einpacken, in einer halben Stunde kommt das Auto. Wie wir es so oft gehört und erlebt haben.“ (Alfred Delp S.J.)

Quelle: Günther Weisenborn, Der lautlose Aufstand. Bericht über die Widerstandsbewegung des deutschen Volkes 1933-1945, Reinbek: Rowohlt, 1962, S. 284-287.

Zu Thomas Manns „Mario und der Zauberer“

Predigt von P. Thomas Eggensperger OP am 19. Januar in der KSG Berlin

Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann  


„Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm. Ärger, Gereiztheit, Überspannung lagen von Anfang an in der Luft, und zum Schluss kam dann der Schock mit diesem schrecklichen Cipolla, in dessen Person sich das eigentümlich Bösartige der Stimmung auf verhängnishafte und übrigens menschlich sehr eindrucksvolle Weise zu verkörpern und bedrohlich zusammenzudrängen schien. Dass bei dem Ende mit Schrecken (…) auch noch die Kinder anwesend sein mussten, war eine traurige und auf Missverständnis beruhende Ungehörigkeit für sich, verschuldet durch die falschen Vorspiegelungen des merkwürdigen Mannes. Gottlob haben sie nicht verstanden, wo das Spektakel aufhörte, und die Katastrophe begann, und man hat sie in dem glücklichen Wahn gelassen, dass alles Theater gewesen sei.“ (311) 


Liebe Schwestern und Brüder,  

so beginnt eine Erzählung des deutschen Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahre 1930. Der Titel lautet „Mario und der Zauberer“. Die Geschichte handelt von einem Reiseerlebnis der ganz außergewöhnlichen Art. Die Familie macht Urlaub in der italienischen Stadt Torre di Venere und die ganze Beschreibung des Aufenthaltes lässt vermuten, dass es sich zunächst um den typischen Urlaub einer bessergestellten bürgerlichen Familie der 1920er Jahre handelte.  

Und dieses Typische wird auch ausführlich beschrieben. Der Erzähler, er schreibt in Ich-Form, verbringt einige Sommerwochen am Tyrrhenischen Meer – zusammen mit seiner Frau und den Kindern. Alles brav und bieder, man verlustiert sich am Wasser, promeniert am Strand, speist mehr oder weniger lukullisch. Nichts aufregendes eigentlich – eben ganz klassisch bürgerlich. Der Autor, Thomas Mann, er ist literarisch in seinem Metier.  

Dennoch zeigt der erste Abschnitt dieser Erzählung, die ich der Predigt vorangestellt  habe, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignet hat. Es ist etwas passiert. Von  einer „Katastrophe“ ist da die Rede, von einem „Ende mit Schrecken“. 

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Der Erzähler beschreibt den gemütlichen  Hotelaufenthalt und er berichtet von einem netten jungen Kerl, der in einem in der  Nähe sich befindlichen Café als Kellner sein tägliches Brot verdient. Der Junge ist 20  Jahre alt und heißt Mario. Und dieser Mario wird noch eine wichtige Rolle spielen in  dieser Erzählung. Und dazu gehört die Antipode des netten Kellnerjungen, nämlich  der bereits erwähnte „Cipolla“. Dieser „schreckliche Cipolla“, wie er genannt wurde,  ist Zauberer. Er tritt als Schausteller auf und führt dem Publikum seine Kunststücke  vor.  

Die Eintönigkeit des Sommerurlaubs der Familie wird unterbrochen durch die  Ankündigung, der berühmte Magier Cipolla würde einen Auftritt haben auf der  Terrasse des Hotels. Und damit sind wir beim Thema der Erzählung: Um diesen  Zauberer Cipolla herum ist die Katastrophe anzusiedeln, von der da die Rede ist.  

Das Spektakel nimmt seinen Lauf. Der Zauberer Cipolla tritt auf, so wie er  beschrieben wird, nicht gerade eine Erscheinung, die man als sympathisch  bezeichnen würde. Eher ist er ein wenig verkniffen, eigenartig angezogen, mit einem  stechenden Blick und einem merkwürdigen Gesichtsausdruck.  

Seine Spezialität ist die Suggestion und die Beeinflussung des Menschen. Das, was er  da auf der Bühne mit seinen Opfern macht, ist in gewisser Weise Hypnose. Er pickt  sich einzelne Zuschauer heraus, provoziert sie und dann beraubt er sie ihres Willens  und lässt sie schließlich im wahrsten Sinne Wortes tanzen, so wie er ihnen das befiehlt.  

Gleich zu Beginn der Show pickt er sich einen jungen Einheimischen heraus und er spricht ihn an:  

„Du gefällst mir, Giovanotto. … Solche Leute wie du, haben meine besondere Sympathie; ich kann sie brauchen. Offenbar bist du ein ganzer Kerl. Du tust, was du  willst. Oder hast du schon einmal nicht getan, was du wolltest? Oder gar getan, was  du nicht wolltest? Was nicht du wolltest? Höre, mein Freund, es müsste bequem und  lustig sein, nicht immer so den ganzen Kerl spielen und für beides aufkommen zu  müssen, das Wollen und das Tun. Arbeitsteilung müsste da einmal eintreten…“  (339f.)  

Cipolla will etwas mit diesem Jungen. Das merkt man. Und so fordert er sein Opfer heraus:  

„´Willst du zum Beispiel jetzt dieser gewählten und verehrungswürdigen  Gesellschaft hier die Zunge zeigen, und zwar die ganze Zunge bis zur Wurzel?´ …  ´Nein´, sagte der Bursche feindselig. ´Das will ich nicht. Es würde von wenig  Erziehung zeugen.´  

´Das würde von gar nichts zeugen´, erwiderte Cipolla, ´… (so) wirst du jetzt, ehe ich  bis drei zähle, eine Rechtswendung ausführen und der Gesellschaft die Zunge  herausstrecken, länger, als du gewusst hast, dass du sie herausstrecken könntest.´“  (340) 

Gesagt, getan. Kurz darauf streckt der Junge dem Publikum seine Zunge heraus,  ganz kurz nur, und dann steht er wieder da, als ob nichts gewesen wäre. Und das  stimmt sogar für ihn. Denn es ist offensichtlich, dass er gar nicht gemerkt hat, wie er  der Anordnung des eigenartigen Zauberers Folge leistet.  

Und damit stehen wir im Zentrum dieser Erzählung. Es ist diese auffallende  Disharmonie vom Willen des Einzelnen aus der Gruppe des Publikums und den  Befehlen dieses Magiers Cipolla, der den Willen bricht, die Menschen auf dem  Podium verbiegt und diesen Hypnotisierten seine Befehle erteilt, die sie dann  willenlos ausüben.  

Das heißt es:  

„Gewiss musste der Jüngling einfach als Belustigungsthema herhalten, wie Cipolla  sich jeden Abend eines herauszugreifen und aufs Korn zu nehmen gewohnt sein  mochte. Aber es sprach aus seinen Spitzen doch auch echte Gehässigkeit…“ (343f)  

Cipolla gehört zu der Gattung Mensch, die keinen Respekt hat vor dem Anderen, vor  deren Willen, Sehnsüchten und auch deren ganz privaten und intimen Dingen.  

Die Erzählung berichtet davon anhand vieler Beispiele. Er macht sich lustig über  zwei Bauernjungen, die nicht lesen und schreiben können und er treibt seinen Spott  mit ihnen. Einem anderen redet er Magenkrämpfe ein und der arme Hypnotisierte  steht auf der Bühne und hält sich zur Belustigung aller den Bauch.  

Und noch andere Situationen gibt es, die damit vergleichbar sind. Auf Kosten  anderer macht sich Cipolla lustig und das in aller Öffentlichkeit. Und die Zuschauer  spüren, dass da etwas nicht in Ordnung ist, aber keiner geht weg. Alle sind sie  fasziniert von diesem Grenzbereich menschlicher Existenz, von dieser schamlosen  Überschreitung der sittlichen und sozialen Normen, so wie sie dieser Cipolla demonstriert.  

In der Erzählung heißt es:  

„Unsere Gefühle für … Cipolla waren höchst gemischter Natur; aber das waren,  wenn ich nicht irre, die Gefühle des ganzen Saales, und dennoch ging niemand  weg.“ (368)  

Die Zuschauer werden mit etwas ganz Eigenartigen konfrontiert – eigentlich mit  etwas Abstoßendem und dennoch verharren sie vor der Bühne und starren gebannt  auf dieses Schauspiel, das da immer unwürdiger wird.  

Die Katastrophe rückt näher. Und sie hat etwas damit zu tun, wie der Zauberer mit  den Menschen umgeht. Mit seinen Kunststücken, die darauf hinauslaufen, Menschen  in aller Öffentlichkeit bloßzustellen, führt er das Ende herbei.  

Nicht umsonst lautet der Titel der Erzählung „Mario und der Zauberer“. Denn auch  dieser junge Kellner Mario befindet sich unter den Zuschauern. Bislang relativ unbeteiligt am Geschehen wird er mit einem Male von Cipolla aufgefordert, nach  vorne zu kommen auf die Bühne. Nun ist Mario derjenige, der von diesem Zauberer  bearbeitet wird.  

Und Cipolla beginnt ein Gespräch mit dem ahnungslosen jungen Mann. Er fragt ihn  aus, und – wie es sich für einen Magier gehört – weiß er auch schon einiges über ihn,  ohne dass er es dem Magier gesagt hatte. Ein eigenartiger Dialog beginnt und – man  kann es nicht anders ausdrücken – es ist eine regelrechte Anmache, die der 20jährige  durch den skurrilen Alten über sich ergehen lassen muss.  

Nach und nach erleben die Zuschauer die Entblößung der innersten Persönlichkeit  des jungen Mario. In aller Öffentlichkeit berichtet der Zauberer von der heimlichen  Liebe Marios zu einem jungen Mädchen aus der Stadt – eine tiefe Liebe, von der er  sich aber nicht traut, sie preiszugeben.  

Und dabei wird die Rolle des Cipolla immer befremdlicher. Für Mario hat er sich  einen Zauber der besonderen Art ausgedacht: In Hypnose verfallen, redet er dem  jungen Mario ein, er selbst – der Magier – er sei dieses Mädchen und er solle sich ihm  nähern.  

Es geschieht, was geschehen musste. Der hypnotisierte Mario sieht in Cipolla seine  große Liebe, dieses Mädchen und das nutzt der Zauberer schamlos aus, um die  Lacher auf seiner Seite zu haben.  

So sagt Cipolla zu Mario:  

„´Küsse mich!´ … ´Glaube, dass du es darfst! … Küsse mich (hier)´ und er wies mit der  Spitze des Zeigefingers … an seine Wange, …“ (390)  

Und Mario küsst – in der Meinung, seine große Liebe vor sich zu haben. Aber es  niemand anderes als der Zauberer selbst, der den Kuss empfängt.  

Weiter im Text:  

„Es war recht still im Saale geworden. Der Augenblick war grotesk, ungeheuerlich  und spannend – der Augenblick von Marios Seligkeit.“ (390f.)  

Den Zuschauern ist schlagartig bewusst geworden, dass der Magier Cipolla sein  Spiel zu weit getrieben hatte. Das war kein Spaß mehr, sondern das war die  Vergewaltigung einer menschlichen Seele.  

Kurz darauf wacht Mario wieder auf, ihm ist sofort klar, was man ihm angetan hat.  Und es folgt das – zu Beginn der Erzählung bereits angedeutete – „Ende mit  Schrecken“. Vor allen Anwesenden tötet Mario diesen Cipolla.  

Und Thomas Mann schließt seine Erzählung mit den Worten:  

„Ein Ende mit Schrecken, ein höchst fatales Ende. Und ein befreiendes Ende dennoch  – ich konnte und kann nicht umhin, es so zu empfinden.“ (392) 

Soweit ein Blick in die Erzählung „Mario und der Zauberer“.  

Leben und Tod gehören zusammen. Über Leben und Tod entscheidet am Ende Gott,  das mag sein. Aber es ist der Mensch, der zuweilen über seine Kompetenz  hinausgeht, und meint, selbstständig über Leben und Tod entscheiden zu müssen.  

Es gibt da einen Grenzbereich, der sich schlecht in Formeln ausdrücken lässt oder in  Paragraphen sich klassifizieren lässt.  

Vielleicht ist es diese Freiheit, die Gott uns Menschen zugesteht, in der wir  entscheiden können, wie weit wir gehen und wo wir eine natürliche, eine sittlich moralische Grenze sehen, vor der wir Respekt haben, und die wir nicht gewillt sind,  zu überschreiten.  

Menschen werden durch Menschen getötet. Vor einem Krieg steht die Suggestion,  die Hypnose durch eine Person oder eine Gruppierung, die von der Notwendigkeit  des Krieges redet. Und plötzlich steht man mittendrin im Geschehen, an der Front.  Und dann gibt es kein Zurück mehr, sondern nur den unweigerlichen Schritt hin zur  Katastrophe.  

Macht zu besitzen über Andere, das bedeutet auch, Macht zu besitzen über die  Persönlichkeit der Anderen. Und das bedeutet auch, Persönlichkeit zu vernichten,  geradewegs zur Katastrophe zu gelangen.  

Die Heilige Schrift ist voll von solchen Begebenheiten. Warnungen gibt es da mehr  als genug, keinesfalls die natürliche Grenze zu überschreiten. Das beginnt mit dem  Brudermord Kains an Abel, das setzt sich fort mit den Verbrechen, die in der  Geschichte des Volkes Israel begangen werden und das endet mit der labilen  Stimmungslage des Volkes, als sie den Tod Jesu forderten, den Tod desjenigen, den  sie kaum einige Wochen zuvor noch hochgepriesen haben.  

Amen!  

Thomas Eggensperger OP  

Literatur  

Thomas Mann, Mario und der Zauberer, in: Ders., Meistererzählungen, Zürich 2002,  309-392. 

ROT – eine Frauengeschichte voller Geist und Liebe

Predigtreihe: „Colors of Hope – Hoffnung im Advent“

Predigt am 4. Advent, Lesejahr C, 22. Dezember 2024, KSG Edith Stein Berlin

© Prof Dr. Ulrich Engel OP, Berlin


Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,

„Liebe ist rot“ – so hatte ich meine Predigt zu den „Colors of Faith“ beim Semestereröffnung im Oktober begonnen: Liebe ist rot. Warum eigentlich? Zwei Antworten will ich versuchen (im Wissen darum, dass es noch viele weitere gäbe):

  • Kulturanthropologisch ist die Farbe Rot mit dem Herzen verbunden, dem Zentrum von Liebe und Leidenschaft. Das Herz wird häufig leuchtend rot dargestellt, und diese Verbindung hat dazu beigetragen, dass Rot zu einem kraftvollen Symbol der Liebe geworden ist. Hinter der Symbolik stehen Erfahrungen: uns kann das Blut zu Kopf steigen, man wird rot, weil man sich schämt, weil man zornig ist oder aufgeregt oder vor Verlegenheit. Oder ich werde rot, weil ich verliebt bin.1
  • Im Christentum ist die Symbolverbindung anders konstruiert. Hier steht das Rot zuerst für den Heiligen Geist. Aber auch die Geistkraft hat mit der Liebe zu tun. Denn die flammendrote Herabkunft des Geistes verheißt nicht weniger als die pfingstliche Umformung der Welt in allumfassende Liebe. Dementsprechend wird die rû aḥ ( ַרוּח), die Heilige Geistin, auch als das Band der Liebe bezeichnet, das Menschen und Gott und Menschen und Menschen eint: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 5,13)

Liebe Gemeinde,

von diesen beiden Aspekten der Farbe Rot erzählt auch die heutige Perikope aus dem Lukasevangelium. Es ist die alte und altbekannte Geschichte von der „Heimsuchung Mariens“. So nannte die Kirche die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth früher.2

Ich vermute, dass vielen von uns der Text wohlvertraut ist. Unzählige Male ist das Geschehen in der Bildenden Kunst dargestellt worden. Und weil die Evangelienperikope so bekannt und ikonisch omnipräsent ist, lohnt es sich, noch einmal genauer hinzuschauen.

Erzählt wird uns von Lukas eine Frauengeschichte.2 Elisabeth und Maria begegnen sich. Sie sind miteinander verwand. Elisabeth wohnt in Bethanien, Maria in Nazareth. „Der etwa 120 km lange Weg durchs Gebirge ist Maria vertraut, geht sie ihn doch mindestens einmal jährlich bis nach Jerusalem. Bethanien liegt 7 km von der Hauptstadt entfernt.“3

Die eine der beiden ist alt mit weißen Haaren und faltigem Gesicht, die andere ein Teenager. Zwei Frauen, die das Schlimmste kennen gelernt haben. Elisabeth ist kinderlos geblieben – so ungefähr das Allerschlimmste, was einer Frau passieren konnte, damals. Außerst peinlich vor den Nachbarn. Da konnte man rot werden. Und das andere Allerschlimmste, was Frauen passieren konnte, war ein uneheliches Kind zu bekommen – wie Maria. Ebenfalls zutiefst beschämend damals. Wer da nicht rot wurde, wenn Nachbar*innen sich das Maul zerrissen …

So weit, so schlimm. Und doch sagt ein Engel beiden Frauen zu: Das Allerschlimmste muss nicht das Allerschlimmste bleiben. „Denn für Gott ist nichts unmöglich.“ (Lk 1,37) Elisabeth ist bereits im sechsten Monat schwanger. Und Maria, ebenfalls in Umständen, weiß sich trotz des fehlenden biologischen Vaters selig gepriesen (vgl. Lk 1,48b).

Liebe Zuhörer:innen,

im Hintergrund der Evangelienszene ist für einen Menschen der damaligen Zeit aber noch mehr zu sehen. Denn man war zumeist gut vertraut mit den alten biblischen Schriften, den Texten der hebräischen Bibel, die wir als das „Erste“ oder „Alte Testament“ bezeichnen.

Hinter Elisabeth und Maria konnten die Menschen damals noch andere Frauen sehen:

Frauen, die ganz ähnliche schlimme Erfahrungen durchmachen mussten, Frauen aus der Geschichte Gottes mit seinen Menschen, denen ebenfalls Schlimmes und Wunderbares widerfahren war. Sie alle treten im Hintergrund der Begegnung zwischen Elisabeth und Maria aus dem Schatten der Vergangenheit hervor:

  • „Sara ist da, Abrahams Frau. Auch sie hat noch ein Kind bekommen zur Unzeit, nach endlosen Jahren ohne Hoffnung. Weiße Haare, ein faltiges Gesicht und ein schwangerer Bauch.3
  • Hanna ist da, auch sie lange kinderlos, mit ihren Tränen und inständigen Gebeten und dem Gesicht voller Schamesröte und Schmerz, die Mutter des Propheten Samuel.
  • Und ebenfalls Ruth und Naomi sind da, die junge Frau und die alte, nach Israel gekommen als Asylantinnen ohne eine Zukunft und später durch ein Kind eingeschrieben in den Stammbaum des großen Königs David.“4

So kann es zugehen bei Gott. Unmöglich ist da nichts. Das wissen Elisabeth und Maria, als sie sich begrüßen, die alte und die junge Frau.

Und alle diese Frauen – die aus dem Vordergrund und die im Hintergrund – alle sind eingeschrieben in das Lied, das Maria nach dieser Begegnung anstimmt. Maria singt es allein. Aber eigentlich ist es ein Chor. Der Chor all der Frauen, die Schlimmes und Allerschlimmstes erleiden mussten und denen Wunderbares zuteil wurde. Und dieser All-Women-Choir singt: „Unsere Seele preist die Größe des Herrn / und unser Geist jubelt über Gott, unseren Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Mägde hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen uns selig alle Geschlechter.“5

Liebe Schwestern und Brüder,

hier ist die Farbe Rot wieder da, wenn Maria und mit ihr der doppeltestamentliche geschichtsübergreifende Frauenchor jubelnd ihren „Geist“ besingen: „und unser Geist jubelt über Gott, unseren Retter“.

Und von der Geistin, griechisch: πνεῦ μα, lateinisch: spiritus, von der hier die Rede ist, heißt es fünf Verse zuvor, dass es Heiliger Geist ist, der die Frauen erfüllt (vgl. Lk 1,41c). Der Geist Gottes ist vor allem in die verliebt, denen Schlimmes und Allerschlimmstes zugestoßen ist und auch heute zustößt. Ihnen sagt die göttliche Geistkraft zu: Das Allerschlimmste wird nicht das Allerschlimmste bleiben. Denn für Gott ist nichts unmöglich.

Dass es wirklich so ist, das hoffe ich.


1 Vgl. Eva Heller, Wie Farben wirken, Reinbek bei Hamburg 2008, 53.
2 Zum Folgenden vgl. Kathrin Oxen, Angesehen. Predigt zu Lukas 1,26–38(39–45), unter: https://predigten.evangelisch.de/predigt/angesehen-predigt-zu-lukas-139-47-von-kathrin-oxen [Aufruf: 17.12.2024].
3 Herta Handschin OP, Maria besucht Elisabeth daheim [02.02.2017], unter: https://www.klosterilanz.ch/de/wortwoechentlich/archiv/maria-besucht-elisabeth/ [Aufruf: 17.12.2024].
4 Oxen, Angesehen.
5 Lk 1,46b–48. Gegen den Wortlaut des Originals und der EU/2016 ist das Zitat hier in den Plural gesetzt.

Gelb/blau – rot/grün – Goethes „Farbenlehre“ und der Jubel- Prophet Zefanja

Predigt von P. Thomas Eggensperger (OP) am 15.12.2024 in der KSG Berlin


„Wäre nicht dein Auge sonnenhaft,
wie könnt‘ es je die Sonn‘ erblicken?
Wes’te nicht in uns die eigene Gotteskraft,
Wie könnt‘ uns Göttliches entzücken?“

Liebe Schwestern und Brüder,
mit diesem etwas für heutige Verhältnisse seltsamen Spruch möchte ich meine Predigt beginnen.
Die Zeilen stammen von Johann Wolfgang von Goethe, dem deutschen Nationalheiligen der Literatur und Wissenschaft.
Der Text ist fast so pathetisch wie das Jubellied des Propheten Zefanja, das wir gerade gehört haben:

„Juble Tochter Zion! Jauchze Israel!
Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem“
(Zef 3, 14)

Die Anlässe können unterschiedlicher nicht sein.
Zefanja, der Prophet, der in der Heiligen Schrift seitenweise Unheil und Untergang ankündigt, beginnt in unserem 3. Kapitel mit einem Jubellied. Ich habe nur die ersten Zeilen zitiert, aber es ist ein Lied der Freude, dass der Herr mit dem Volk ist.

 

Goethes Verse stehen in einem ganz anderen Zusammenhang. Er hat eine große Studie verfasst über die Farbenlehre. Es hat sich auseinandergesetzt mit den Farben, die der Mensch sieht und mit den Farben, die etwas ausdrücken und damit den Menschen auch beeinflussen.
Und diese Zeilen zu Beginn meiner Predigt sind die ersten Worte in seiner Schrift „Über physiologische Farbenerscheinungen“ (1805). Da Farben gesehen werden, ist das Auge eben ein wichtiges Organ, das es zu berücksichtigen gilt. Was Goethe in seiner Theorie erkannt hat und uns präsentiert, dass ist die Bedeutung von Farben.

Und weil wir das auch wissen, beschäftigen wir uns in dieser Predigtreihe mit den Farben.
Goethe ist ehrlich genug, uns darüber zu informieren, dass er den Text nicht alleine erfunden hat, sondern dass er zurückgeht auf den antiken Philosophen Plotin. Beide – Goethe und Plotin – halten es für wichtig, sich mit der Farbtheorie zu beschäftigen, wobei es ihnen nicht so sehr um die Physiologie geht, sondern vielmehr um die innere Welt des Menschen.
Die innere Welt – ein geheimnisvoller Ort des Schauens, Fühlens, Erkennens und Verstehens.
Ein innerliches Vermögen, das eng verbunden ist mit Religion. Das Herz gilt – schon bei den alten Ägyptern, aber auch bei den Autoren der Hl. Schrift – als innerliche Mitte des Menschen.
Die Griechen dann werden nicht das Herz, sondern den Geist zur Mitte des Menschen machen.
Auch gut – wir heute denken an beides, wenn es um das Innere des Menschen geht – sowohl das Herz als auch der Verstand spielen ihre Rolle.
Und Goethe bringt jetzt Farbe ins Spiel.
Warum beschäftigt sich ein Geisteswissenschaftler und Literat, wie Goethe es war, mit der Theorie von Farben? Genau aus diesem Grund wie es Plotin getan hat – es ging Goethe am Ende um die sinnlich erfahrbaren Erscheinungen des Lebens. Die Farben an sich sind nicht nur Farben, sondern sie drücken etwas aus und sie beeinflussen das menschliche Leben, den menschlichen Geist, das Innere des Menschen.
In seinem voluminösen Werk der Farbenlehre – es ist fast 600 Seiten dick – beschäftigt sich Goethe ausführlich mit der Theorie – er befasst sich mit der Beschaffenheit des menschlichen Auges, mit den Folgen von Hell und Dunkel, mit den Farbschattierungen. Darauf möchte ich in dieser Predigt nicht weiter eingehen.
Aber er spielt mit dem Wechselverhältnis von Wirklichkeit, von Realität, einerseits und der Erscheinung, der Idee andererseits. Denn beides gehört zusammen.
Er schreibt:
„Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß ich’s Wahrheit. Und so kann Jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.“
Also: Jeder von uns hat seine Vorstellung von Wirklichkeit, seinen Blick auf Farben. Und dennoch – auch wenn jeder ganz unterschiedliche Vorstellungen hat, jeder seine Interpretation dessen hat, was er für Wirklichkeit hält – am Ende ist die Wirklichkeit immer die Gleiche für alle von uns.
Das gilt auch für die Farbe, das Farbspektrum von hell und dunkel, von gelb und blau, von rot und grün. Helligkeit und Dunkelheit gehen ineinander über, auch Farben: Wenn man sie mischt, verändern sie sich – rot wird zu orange, orange zu grün, grün zu blau und blau zu rot etc.
Goethe versucht sogar zu zeigen, wie die einzelnen Farben auf das menschliche Gemüt einwirken.
Licht erfreut die Seele, Dunkelheit macht traurig. Weiß ist die Farbe der Freude, gelb ist die Farbe des Lichtes, rotgelb wirkt aufmunternd usw.

Und so schreibt Goethe in einem Brief über seine Farbentheorie:
„Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.“

Und da haben wir es wieder: Die Freude und das Jauchzen, so wie wir es beim Propheten Zefanja gehört haben:

„Juble Tochter Zion! Jauchze Israel!
Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem“

Sowohl Goethe als auch Zefanja stellen die Sinnfrage – die Frage nach dem Sinn des Lebens des Menschen.
Goethe geht es um die Lebensfreude, Zefanja geht es um die Befreiung/Erlösung.

Eine wirklich farbenfrohe Denkweise, die beide an den Tag legen und die uns helfen, die Freude am Leben zu gewinnen.

Amen!


Literatur:

Annette Haußmann / Peter Schüz, Zur Einführung. Die (Wieder-)Entdeckung der Welt, in: Diess. (Hrsg.), Die Entdeckung der inneren Welt. Religion und Psychologie in theologischer Perspektive, Tübingen 2021, 1-10.

Philippe Laügt, Der Prophet Zephanja, in: https://www.bibelkommentare.de/get/cmt.360.pdf

Wolfgang Peter, Goethes Farbenlehre. Eine Einführung, in: https://anthrowiki.at/images/c/cd/Goethes_Farbenlehre.pdf

GELB – Hoffnung wächst im Dunkeln

Predigt von Nicole Oster

Ich liebe Kerzen und das Licht, das sie verbreiten. Zu Hause habe ich einige Kerzen, viele zu schön anzusehen und manche sogar mehrmals, weil ich sie so schön finde. Ich finde es immer wieder faszinierend, dass eine kleine Kerze einen großen Raum erhellen und gemütlich machen kann. Oft braucht es nur ein Teelicht und alles ist heller, wärmer, hoffnungsvoller.

Wie schön wäre es, wenn das auch einfach mit der Welt und den Krisen funktionieren würde. Kerze anzünden und zack, eine Krise und Sorge weniger. Denn wenn ich mich so in der Welt umschaue und die Nachrichten lese, ist das viel Schwere, Kälte und Dunkelheit. Und da frage ich mich, wo da Licht oder Hoffnung herkommen soll…

So ähnliche Fragen und Sorgen dürften auch die Menschen beschäftigt haben, die zur Zeit der Abfassung des Evangeliums gelebt haben. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels, die Christenverfolgung,…und viele weitere Sorgen. Manche glauben, dass damit die Endzeit, die Apokalypse anbricht. Im Evangelium ist von Zeichen an Sonne, Mond und Sternen die Rede, vom T oben des Meere und Kräften des Himmels, die den Erdkreis erschüttern werden. In all dem Hoffnung zu bewahren, ist nicht leicht. Verständlich, dass die menschen das reich Gottes herbei sehnen.

Doch die Welt geht nicht unter. Jesus kommt nicht in einer Wolke vom Himmel. Doch ist er da, der Menschensohn. Wir haben seine Worte, die Zusage, dass er da ist und die heilige Geisteskraft. Wir haben Gemeinschaft und Zusammenhalt. Wie wir auch in der zweiten Lesung gehört haben: “Der Herr lasse euch wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, damit eure Herzen gestärkt werden.” Es klingt ein wenig pathetisch und zu einfach, zu sagen “love is the answer” und doch glaube ich daran.

Dass Liebe helfen kann, in Krisen nicht zu verzweifeln, sondern die Hoffnung zubewahren.
Dass Liebe die Dunkelheit besiegen kann. Wenn wir von der Hoffnung reden, sie verbreiten.

Der Zusammenhalt, die Verbindung und der Austausch mit Menschen ist das, was mir Hoffnung gibt und hilft, die Krisen zu überstehen, ja vielleicht sogar sie zu bekämpfen, dass sie kleiner werden.

Hoffnung wächst im kleinen, im Dunkeln. Und doch reicht eine kleine Kerze, um einen Raum zu erhellen.

Um es mit Worte von Albus Dumbledore zu sagen:

“Aber glaubt mir, dass man Glück und Zuversicht selbst in Zeiten der Dunkelheit zu finden vermag. Man darf bloß nicht vergessen ein Licht leuchten zu lassen.”

Glauben in krisenhaften Zeiten

Predigt am 33. Sonntag im Jahreskreis B

© Prof Dr. Ulrich Engel OP, Berlin


Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,
unzweifelhaft leben wir in krisenhaften Zeiten. Ob es die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine sind, ob die Angriffe auf die liberale Demokratie in Ungarn oder den USA, ob es um Hate Speech in den Sozialen Netzwerken geht oder um ideologisch festzementierten Rechtsextremismus, um Massenentlassungen in der Automobilindustrie und ihren Zulieferbetrieben geht, ob um das Erreichen des 1,5-Grad-Kipppunkts bei der Erderwärmung, um Fluchtbewegungen hunderttausender Menschen im und aus dem Globalen Süden, um den massenhaften sexualisierten oder spirituellen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche, um zum Teil massive psychische Beeinträchtigungen, unter denen zunehmend mehr Jugendliche und Kinder leiden… – die Zahl der Krisen ist Legion. Und aufgrund ihrer medialen Allgegenwärtigkeit kann sich niemand ihrer Wirkung entziehen. Wir leben in krisenhaften Zeiten und merken das auch.

* * *

Frage: Gehen wir Christ*innen anders mit diesen großen Krisen um? Ich frage nicht, ob wir angesichts der multipolaren Konflikte bessere Lösungen zu bieten haben als andere.
Mich interessiert dabei vor allem unsere je persönliche Reaktion auf diese Krisen. Ganz konkret: Wie gehe ich als Christ*in mit Krisen um?

Sicher ist: Jeder Mensch hat andere Voraussetzungen und Muster, mit Krisen und existentiellen Bedrohungen umzugehen. Das hat mit meinem Charakter zu tun und mit meinen Lebenserfahrung. Frauen ticken oft anders als Männer – und Frauen auch anders als Frauen, und Männer anders als Männer. Ganz sicher spielt die Biographie eine entscheidende Rolle.

Aber bereits in meiner Kindheit wie auch in meinem Erwachsenenleben spielt mein Glaube dabei eine Rolle. Wobei ich „Glaube“ in diesem Zusammenhang ganz weit verstehe:
mein Glauben an das Gute im Menschen, mein Glaube an einen Sinn, der alles zusammenhält, mein Glaube an mich und meine Fähigkeiten, meine Kreativität und meine Begabungen. „Glaube“ meint hier vor allem „Vertrauen“.

Darüber hinaus kann aber auch mein Glaube an Gott und Jesus Christus Einfluss haben auf meinen Umgang mit Krisen prägen.

Liebe Gemeinde,
die heutige Perikope aus dem Markusevangelium (Mk 13,24–32) überliefert uns eine Rede, die Jesus im Tempel von Jerusalem gehalten hat. Dort, wo die prachtvolle Architektur des Tempels Unerschütterlichkeit und ewige Dauer suggeriert, spricht Jesus davon, dass sich die „Sonne verfinstert […] und der Mond […] nicht mehr scheinen [wird]; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“

In der Bildsprache der Bibel bedeutet das: Alle verlässliche Ordnung wird erschüttert werden. Auf alles, worauf sich Menschen verlassen haben – Sonne, Mond, Sterne, die Gestirne zur Orientierung und Ordnung des Tages – steht in Frage. Nichts wird bleiben, wie es war.

Dieses Gefühl der Desorientierung kannten nicht bloß die Menschen des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Im Gegenteil: das Gefühl des Orientierungsverlusts kennen viele Menschen heute genauso – und erfahren es oft als noch größere persönliche Infragestellung: z.B. wie in Spanien, wo im Raum von Valencia viele Familien Hab und Gut und Angehörige oder Freunde in den Wassermassen verloren haben – genauso wie sie in Folge davon viel von ihrer selbstverständlichen Sicherheit im Leben verloren haben. Corona hatte zuvor schon den Alltag vieler, besonders junger Menschen, verunsichert. Und anderswo auf der Welt ist es gang und gäbe, dass Menschen damit zurecht kommen müssen, dass da kein stabiler Staat existiert, der ihnen und ihren Kindern Sicherheit gibt.

Das Gefühl der Desorientierung verbindet uns Einwohner*innen Berlins im 21. Jahrhundert auf direktem Wege mit den Menschen der Bibel.

Liebe Gemeinde,
im Angesicht des Tempels in Jerusalem, der doch so viel Solidität und Sicherheit ausstrahlt, ruft Jesus solche Bilder und Erfahrungen der Orientierungslosigkeit und des Chaos
auf. Und trotzdem vertraut er auf Gott.

Was lesen wir im Evangelium über dieses Vertrauen?

  1. Jesus vertröstet nicht auf den Himmel. Statt dessen orientiert er sich am Himmel. Das macht den Unterschied aus. Vertröstung verschiebt Lösungen in eine unbekannte Zukunft – nach dem Motto: „… später mal!“ Orientierung hingegen greift jetzt. Hier und heute. Ganz konkret: in meinem Studienalltag, in meiner Partnerschaft, in meiner
    WG…
  2. Jesu lässt sich ganz auf seine Zeit und Welt ein und ist in seinen Gebeten und Gedanken doch jederzeit mit dem Himmel verbunden. Das ist doch das Zentrum unseres glaubenden Vertrauens in Gott: Gott selbst ist in dem Baby von Bethlehem Mensch geworden. In allem Chaos und aller Orientierungslosigkeit kö nnte „glauben“ dann bedeuten: an der Seite Jesu Gott, seinem und unserem Vater vertrauen.
  3. Zu keiner Zeit ist es Christ*innen leichtgefallen, diese Spannung auszuhalten. Wir leben hier, aber „unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20). So heißt es im Brief des hl. Paulus an die Gemeinde in Philippi.

Wie geht das? Vielleicht so:

  • Wir bauen an Strukturen, planen Projekte, organisieren unser Miteinander in Staat, Gesellschaft und Kirchen – und vertrauen zugleich darauf, dass Gott mehr für uns bereit hält, nicht zuletzt dann, wenn unsere tollen Pläne und unsere ehrgeizigen Projekte scheitern.
  • Wir teilen mit allen anderen Menschen auf diesem Planeten Angste und Sorgen – aber wir üben uns ein in Vertrauen, das darauf setzt, dass Gott und seine Liebe am Ende das letzte Wort behalten und eben nicht das Chaos.

Die Spannungen bleiben enorm. Trotzdem bin ich ganz tief in meinem Herzen davon überzeugt, dass Gott uns hilfreich zur Seite geht, wenn wir – wo und wie auch immer – gefordert sind, solche Spannungen auszuhalten.1

Amen.


1 Meine Predigt greift zurück auf eine Vorlage von P. Martin Löwenstein SJ aus dem Jahr 2021 und schreibt diese für den aktuellen Kontext weiter: https://martin-loewenstein.de/predigt-33-sonntag-im-jahreskreis-b-2021.html [Aufruf: 09.11.2024].

Blinder Fleck

Gedanken von Sarah Delere

zur Lesung 1 Kön 17, 10–16 und dem Evanglium Mk 12, 38-44


Schriftgelehrte mit edlen Anzügen und wichtigen Titeln setzen sich in die erste Reihe und werden da manchmal auch sehr gerne gesehen: Nun gut, Schulterzucken, in einer Hochschulgemeinde dürfen viele von uns mit dem Uni-Kontext vertraut sein und Kritik daran ist ja irgendwie auch leicht. Wir stecken zwar drin, aber ohne Prof. Dr. und erste Reihe fühlt man sich vielleicht nicht so getroffen von Jesu Warnung. Anderen Demut zu verordnen ist immer leicht.
So weit, so oberflächlich. Mir scheint, dass die Lesungen des heutigen Tages uns eine andere Aufgabe stellen. Denn sowohl das erste Königebuch wie auch das Markus-Evangelium haben zwei Witwen als Protagonistinnen. Diese beiden Witwen möchte ich heute in den Blick nehmen. Dazu braucht es zunächst einige Hinweise zu Witwen und Schriftgelehrten.

Witwen

Witwen sind ähnlich wie heute auch in der Bibel keine homogene Gruppe. Wir kennen einige reiche Witwen, die abgesichert waren und deren Lebenssituation vermutlich die der persischen Oberschicht widergespielt haben dürfte. Vor allem aber begegnet uns wie in unserem heutigen Text das Stereotyp der armen Witwe. Es ist ein Klischee, aber eines mit realistischem Hintergrund: Witwen hatten zu den Entstehungszeiten unserer Texte keinen rechtlichen Schutz und waren arm mit Blick auf ihre materielle Situation und ihre Partizipationsmöglichkeiten. Diese Situation dürfte sich dann noch einmal verschärft haben, durch die Dürre, die uns im Königebuch geschildert wird. Mehr Krise geht kaum.

Schriftgelehrte und Opfer

In was für einem Kontrast werden die Schriftgelehrten dargestellt, denen die klare Warnung Jesu gilt. Bei aller literarischen Polemik und Überzeichnung, gibt es auch hier einen historischen Kern. Schriftgelehrte waren der Schrift und der Auslegung kundig. Sie hatten studiert, in gewisser Form also das religiöse Deutungsmonopol. Das machte sie angesehen und reich. Sie verfügten über finanzielle Sicherheit, die sie zum Teil sogar noch als vermeintliche Rechtsbeistände der nicht abgesicherten Witwen aufbesserten („Sie fraßen ihre Häuser auf“). Diese Schriftgelehrten – nicht alle – saßen nach einigen Schilderungen auf eigenen, hervorgehobenen Stühlen und nicht beim Volk und beteten demonstrativ lange. Die soziale Not der Armen nutzten sie entgegen den jüdischen Geboten trotzdem aus.
Dabei geben uns der historische Kontext und der Blick in den Text auch gleich zwei Leitplanken mit:

  1. In den Auseinandersetzungen Jesu sind Schriftgelehrte nicht per se schlecht. Es gibt einige, denen er attestiert nahe am Reich Gottes zu sein. Ziel ist also keine Verdammung der jüdischen Gebote und keine Wissenschaftsfeindlichkeit – das muss die theologische Doktorandin auch hoffen…
  2. Diese armen Witwen sind keine Romantisierung von Armut! Weder intellektuell noch materiell.

Machtproduktion / Herrschaftskritik

Mir scheint, dass der gerade aufgezeigte sozialgeschichtliche Hintergrund uns in eine andere Richtung weist. Diese Spur führt zu Produktion von Machtverhältnissen und Herrschaftskritik.

Die zwei Witwen sind namenlos. Wie so viele Menschen am Rande heute noch. Dennoch werden sie zu den zentralen Akteurinnen (nicht Empfängerinnen!) von Gottes Botschaft. Man kann mit Elija hadern, ob er gerade von einer armen Frau noch einmal das letzte Brot vor ihrem Tod fordern musste. Ob das nicht anmaßend ist. Aber so paradox es klingen mag: die Herrschaftskritik, sieht man auch daran, dass Elija nicht nur die Witwe in ihrer Entscheidung bestätigt (es gibt dann ja Essen). Sondern auch sie auch ihn. Sie, die Witwe, bestätigt Elija. Elija braucht die Hilfe Gottes und die der Witwe, um die Hungersnot zu überleben. Wie der Vers vor unserem Text erzählt, schickt Gott Elija deswegen nach Sarepta zu einer Witwe. Diese
Witwe ist eigentlich diejenige, die auf die Hilfe anderer angewiesen ist und dennoch bleibt sie in ihrer eigenen Not offen für die Not eines anderen.
Elija gibt ihr dieses „Fürchte dich nicht“ und die Zusage von Essen – und sie vertraut dem. Obwohl es sich aus ihrer Sicht um einen Ausländer und einen ausländischen Gott handelt. Ihre Entscheidung, ihr Gang in ein existenzielles Risiko lassen den Plan Gottes aufgehen, den Propheten Elija nicht verhungern zu lassen. So bezeugt sie, die arme Frau in der Fremde, den Gott Elijas. Sie leiht ihm ihr Handeln.
Ähnlich ist es bei der zweiten Witwe im Markus-Evangelium. Sie, die im Gegensatz zu den Schriftgelehrten über keine formal-abstrakte Bildung und kein gesellschaftliches Ansehen verfügt, wird zum Vorbild. Auch hier kann man fragen, ob es sein muss, dass sie mehr gibt als notwendig war (das stellt der Text interessanterweise nicht in Frage). Wie dem auch sei – die arme Witwe opfert. Vermutlich nennt sie ihren vermeintlich kleinen Betrag dem Priester und er erfährt durch die Worte Jesu eine neue Bedeutung. Ihr Setzen ihres Lebensunterhaltes, ihrer Existenzgrundlage erfährt die Bestätigung – im Gegensatz zum langen Beten der Gelehrten.

Aber was würde Jesus sehen, wenn er heute in den Vor- und Innenhöfen unserer Tempel wanderte und in die Schatzkammern schaute? Sie, die stumme Namenlose, regt uns zur Frage an, wo Menschen am Rande unserer Gesellschaft Gott in einer Weise bezeugen und zur Sprache bringen, für die wir taub geworden sind. Weil

  • wir unsere eigene Machtstellung in Kirche gar nicht mehr sehen – auch wenn auch hier nicht alle gleich sind
  • wir in globalen und finanziellen Ungleichheiten leben
  • wir uns auch ohne Prof. Dr. an unsere Privilegien als Akademikerinnen gewöhnt haben
  • wir uns an eine Sprache halten, die Bilder und theologische Sprache von Gott alleinig vorgibt und nicht an der Erfahrungswelt von Menschen ansetzt. Und so auch Gott wenig zutrauen.

Ich will und werde da niemandem etwas vorgeben, aber ich vermute jeder von uns wird da irgendwo bei einem blinden Fleck fündig. Seit Markus Zeiten drohen Arme in unseren Kirchen an den Rand gedrängt zu werden. Ohne sie als vermeintlich gleichförmige Gruppe zu sehen, aber wären Sie präsent wie alle anderen, würde sich vielleicht etwas verschieben oder verändern. Nicht weil die Aufgabe von Betroffenen ist, andere auf ihre Privilegien hinzuweisen, sondern weil Lebensumstände eben prägen. Manche Rede und manche Handlung würden vielleicht irritieren wie diese Texte heute. Vielleicht würden wir uns sogar ertappt oder angegriffen fühlen. Wie alles sollten wir sie prüfen. Aber prüfen – nicht abtun. Das Gute ist schließlich, dass derartige Kontexte nie unabänderlich sind. Nicht an Universitäten und nicht in Kirchen. Gerechtigkeit erfordert das Nutzen unserer jeweiligen Handlungsmacht, dann dürfen auch wir auf Bestätigung hoffen. So wie die beiden Witwen, die ihre Handlungsmacht aktiv genutzt haben.

Literatur:

  • Gnilka, J. (1989) Das Evangelium nach Markus, Mk 8,27-16,20. 3. durchgesehene Aufl. Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 2/2. Zürich: Benziger; Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, S. 173-178.
  • Häusl, M. & König, H. (2016) ‚Eine Handvoll Mehl im Topf – Armut und Geschlecht in der Bibel und in antiken christlichen Quellen‘, in Häusl, M., Horlacher, S., Koch, S., Loster-Schneider, G. & Schötz, S. (eds) Armut. Gender-Perspek ven ihrer Bewältigung in Geschichte und Gegenwart, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 99-136. ISBN 978-3-96023-040-3
  • Schüssler Fiorenza, E. (1988) Zu ihrem Gedächtnis. Gütersloh, pp. 166 ff.
  • Thiel, W. (2019) 1. Könige 17,1-22,54. Biblischer Kommentar: Altes Testament, Bd. 9/2. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 16-62.
  • Fischer, I. (2008) Frauen in der Literatur (AT). Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet abrufbar unter http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/42334/ S. 1-37.

„Zweite Reihe ist auch nett“

Predigt von Nicole Oster


Ich brauche keine Ehrenplätze.

Ich stehe lieber in der zweiten Reihe. Da kann mensch auch in Ruhe alles beobachten. Mit meiner besten Freundin war ich im Juli beim Taylor Swift Konzert in Gelsenkirchen. Wir hatten Stehplätze und haben vorher besprochen, dass wir nicht um die Plätze ganz vorne an der Barrikade kämpfen wollen, sondern lieber gemütlich im hinteren Bereich mit Platz zum Tanzen stehen möchten.

(Im Vergleich zu anderen Konzerten lief das relativ friedlich ab, aber das Gedränge um die besten Plätze habe ich doch lieber vermieden.) Ehrenplätze brauche ich persönlich nicht.

Anders Johannes und Jakobus, die fragen Jesus nach den Ehrenplätzen rechts und links von ihm.

Jesus ist von der Frage nicht so angetan. Hat er den Jüngern doch oft erklärt, dass es bei ihm nicht um höher, schneller, weiter geht. Nachfolge bedeutet nicht Ruhm, Ehre, glänzende Auftritte, eher das Gegenteil.

Denn Nachfolge bedeutet auch Nachfolge ins Leid. Hingabe und Opfer.

Ruhm und Ehrenplätze hat Jesus nicht zu vergeben. Nachfolge ist kein roter Teppich, sondern der Weg Jesu ins Leid.

Und in der Nachfolge Jesu herrscht eine andere (Macht-)Logik. Es geht ums dienen, nicht ums herrschen.

Hier gilt nicht höher, schneller, weiter, immer der/die Beste, Klügste sein. Wer Jesus nachfolgen will, muss bereit sein, sich unterzuordnen, in die zweite Reihe zu treten und zu dienen.

„Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“

Dienen bedeutet, Verluste hinzunehmen, Familie zurückzulassen und mit wenig unterwegs zu sein, auch abgewiesen zu werden. Auch wird man herzlich aufgenommen werden, berührende Begegnungen machen. Doch muss man bereit sein, sich klein zu machen, das Wohl/Heil der anderen an erste Stelle zu setzen.

Denn darum geht es Jesu im Großen und Ganzen: um das Heil!

„Der Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“

Jesus präsentiert den Jüngern eine andere Machtlogik. Ehrenplätze hat er keine zu vergeben. Für ihn zählt nicht, wer der stärkste, mächtigste, klügste ist. Für Jesus zählt, wer ihm wirklich mit Hingabe nachfolgt und bereit ist zu dienen, in die hintere Reihe zu treten.

Das passt schon ein wenig zum Taylor Swift Konzert. Weniger drängeln um die besten Plätze, sondern das Konzert und die Gemeinschaft genießen, die Verbindung mit den anderen Konzertbesucher*innen und zu schauen, dass jede*r mal eine gute Sicht auf den Superstar hat und auch mit Wasser versorgt ist.

Ich glaube, dass ist auch im Sinne Jesus. Sich zurücknehmen für andere, auf die Mitmenschen schauen.

Nicht als Einzelkämpfer, sich den besten Platz sichern, sondern in die zweite Reihe treten und. Dort ist es auch nett.

 

Wo kann ich einen Schritt zurücktreten und dadurch anderen eine Chance geben, etwas ermöglichen?

Colors of Faith

Predigt zur Semestereröffnung am 28. Sonntag im Jk. B, KSG Edith Stein Berlin

© Prof. Dr. Ulrich Engel OP, Berlin


Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,

Liebe ist rot, Hoffnung ist grün, Trauer ist schwarz. Und aus der Werbung wissen wir: Schokolade ist lila. Aber welche Farbe hat eigentlich der Glaube, Ihr und euer ganz persönlicher Glaube?

Vielleicht klingt die Frage absurd. Allerdings haben Farben in den Religionen immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Daran dachten möglicherweise auch die KSGler*innen, die das neue Semester-Motto erdacht haben: „Colors of Faith“, so lautet es. Und die „Colors of Faith“ sollen auch dem heutigen Semestereröffnungsgottesdienst Glanz verleihen.

Da kommt es mir ganz zupass, dass in der Ersten Lesung des heutigen Sonntags schon einmal zwei Farben explizit erwähnt werden: Silber und Gold. Und implizit ist in dem kurzen Abschnitt aus dem 7. Kapitel des alt-/ersttestamentlichen Weisheitsbuches auch noch von vielen anderen Farben die Rede. Doch dazu später…

Zuerst jedoch möchte ich mich noch einmal meiner Anfangsfrage zuwenden: Welche Farbe hat mein Glaube? Ich bin nicht sicher, ob die Frage überhaupt richtig gestellt ist. Hat mein Glaube überhaupt eine Farbe? Würde eine solche Antwort – unabhängig davon, welche konkrete Farbe ich auswählen würde – nicht völlig konträr zu allen Einsichten der modernen Naturwissenschaft stehen?

In ihrer Perspektive – der der modernen Naturwissenschaft – ist ‚Farbe‘ auf jeden Fall keine physikalische Eigenschaft eines Körpers1. Insofern ‚hat‘ ein Gegenstand keine Farbe; mehr noch: er kann gar keine Farbe ‚haben‘. Stattdessen lehrt uns die Forschung, dass ‚Farbe‘ ein Sinneseindruck ist, der durch elektromagnetische Wellen unterschiedlicher Länge hervorgerufen wird. Die Struktur des Objekts, die Wahrnehmung seines Glanzes, seiner Rauigkeit und seiner Helligkeit werden bei diesem modernen Farbbegriff zunächst ausgeblendet. ‚Farbe‘ ist vor allem und zuerst ein Rezeptionsphänomen.

Dass ‚Farbe‘ ein Rezeptionsphänomen ist, lässt sich auch daran ablesen, dass Gefühlszustände in verschiedenen Kulturkreisen mit Hilfe ganz verschiedener Farben ausgedrückt werden: In Europa trauern wir in Schwarz, in China und in buddhistischen Ländern ist Weiß die bevorzugte Trauerfarbe. Und im alten Ägypten galt die Farbe gelb als Zeichen der Trauer: kulturelle Farbdifferenzen also, wohin das Auge fällt. Einerseits.

Andererseits gehen wir ebenso davon aus, dass bestimmten Farbwahrnehmungen über zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg ähnliche psychologische Wirkungen auslösen. So ist Blau die beliebteste Farbe überhaupt – kulturübergreifend!

Was bedeutet das alles für unsere „Colors of Faith“? Haben die Farben meines Glaubens dann gar kein fundamentum in re? Sind sie bloß durch elektromagnetische Wellen hervorgerufene Sinneseindrücke, die mir eine farbig-bunte Wirklichkeit vorgaukeln? Kurz und knapp: Ist die Buntheit unseres Glaubens nur fromme Einbildung? Menschengemachte Projektion? Schöngefärbter Selbstbetrug?

Andererseits sind ja auch die elektromagnetischen Wellen mehr als reine Phantasterei. Wenn die Wellen wirklich unsere Rezeption auslösen können, dann stellen sie eine eigene Realität dar, die es ernst zu nehmen gilt.

Liebe Gemeinde,

ich komme zurück zu unserer Lesung aus dem Weisheitsbuch. Das ist von Silber die Rede und auch von Gold – zwei Farben, die für Luxus und Reichtum, Macht und Ehre stehen, aber auch für Anmut und Glück. Im selben Vers ist zudem noch von einem „unschätzbaren Edelstein“ (Weish 7,9) die Rede; und im nächsten dann vom „Licht“ (Weish 7,10).

Edelsteine kommen farblos oder farbig vor. Verantwortlich für die jeweilige Farbgebung sind in den Stein eingelagerte Spurenelemente: z.B. Chrom, Eisen, Kupfer, Nickel oder Kobalt. Diese Elemente absorbieren gewisse Wellenlängen des weißen Lichts. Und dadurch entsteht für unser Auge der jeweilige Farbeindruck2.

Wenn die Farbigkeit von Edelsteinen durch Absorption – also durch eine Reduktion – hervorgerufen wird, dann verdankt sich das Weiß des Lichts einer Addition von Farben, genauer: der drei primären Lichtfarben Rot, Grün und Blau3.

Aber auch die funkelnden Edelsteine sind nicht in der Lage, die Weisheit Gottes vollwertig abzubilden, so die Einsicht der biblischen Weisheit (vgl. Weish 7,9). Und auch das Licht selbst kommt in seiner Strahlkraft nicht an den Glanz der Weisheit heran (vgl. Weish 7,10b). Verglichen mit ihr, so die These des Autors oder der Autorin des Weisheitsbuches, wirken Gold und Silber bloß wie „Lehm“ und wie „Sand“ (Weish 7,9): stumpf, unedel und grau eben.

Liebe Gemeinde,

die alt-/ersttestamentliche Weisheit bleibt den Farben gegenüber skeptisch – zumindest wenn es um ihre Fähigkeit geht, etwas vom göttlichen Glanz adäquat abbilden zu können. Wenn ich dieses Fazit unserer kurzen Relecture der Lesung ernst nehme, dann stellt sich die Frage nach den „Colors of Faith“ nochmals verschärft.

Ich schlage vor, dass wir unser Augenmerk verstärkt auf das „s“ im Wörtchen „Colors“ legen4. Das Pluralsuffix „s“ verstehe ich als einen Hinweis darauf, dass wir unsere Frage nach den Farben des Glaubens nur im Plural beantworten können. Insofern habe ich zu Beginn meiner Predigt möglicherweise die falsche Frage gestellt. Nicht dreht sich alles darum, welche Farbe mein persönlicher Glaube hat. Angebrachter wäre zu fragen: Welche Farben (im Plural!) hat ein vielgestaltiger und höchst diverser Glaube, wenn wir alle unsere je eigenen Versuche-zu-glauben zusammenlegen und teilen?

Wir bunt wird unser Glaube insgesamt, wenn wir, mit- und voneinander lernend, alle unsere Erfahrungen – Lebens-, Liebes- und Glaubenserfahrungen – kombinieren? Welche strahlende Vielfalt könnte daraus werden! Welch schöne und lebendige Diversität!

Liebe Gemeinde,

Zeichen dieser leuchtend-bunten „Colors of Faith“ gibt es viele:

  • der biblische Regenbogen, den Gott als Zeichen seines Bundes in die Wolken gesetzt hat (Gen 9,8–175),
  • die bunten Farben der „Bandiera della Pace“ als Symbol der internationalen Friedensbewegung,
  • die schillernden Farben des Regenbogens in der Flagge des „Lands der vier Teile“, das wir unter dem Namen „Inkareich“ kennen,
  • ein in der Kirchengeschichte gelegentliche anzutreffender regenbogenfarbiger Christus-Nimbus,
  • oder die sechs-streifige Regenbogenfahne der queeren Bewegung.

Wenn die KSG heute unter dem Motto „Colors of Faith“ ins Wintersemester 2024/25 startet, dann wünsche ich uns allen, dass wir mit Gottes Hilfe so weise sind, unsere in jeder Hinsicht diversen Lebens-, Liebes- und Glaubensgeschichten zu einer strahlend-bunten und glänzenden Vielfalt vereinen können: Kontroversen mit eingeschlossen…

Wie hieß es am Ende unserer Lesung: „niemals erlischt der Glanz, der von ihr [der bunt gefächerten Weisheit Gottes und unseren ebenso bunten Lebenserfahrungen] ausstrahlt. Zugleich mit ihr kam alles Gute zu mir“ (Weish 7,10c–11a).

Dieser Glanz und all das Gute, das sei mit euch im neuen Semester!

Amen.


1 Zum folgenden naturwissenschaftlich fokussierten Abschnitt vgl. Detlef Dieckmann-von Bünau, Art. „Farben (AT)“ (Mai 2008) = https://bibelwissenschaft.de/stichwort/18137/ [Aufruf: 11.10.2024].

2 Vgl. https://www.carat-online.at/edelsteinlexikon/edelsteine-farben-farbgebung.html [Aufruf: 11.10.2024].

3 Vgl. https://www.leifiphysik.de/optik/farben/grundwissen/licht-und-farben [Aufruf: 11.10.2024].

4 Vgl. Antje Dammel / Sebastian Kürschner / Damaris Nübling, Pluralallomorphie in zehn germanischen Sprachen Konvergenzen und Divergenzen in Ausdrucksverfahren und Konditionierung, in: dies. (Hrsg.), Kontrastive Germanistische Linguistik. Teilbd. 2, Hildesheim – Zürich – New York 2010, 587–642, bes. 587.

5 Vgl. dazu Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken Untersuchungen zu Komposition und Theologie der priesterschriftlichen Urgeschichte (Stuttgarter Bibelstudien Bd. 112), Stuttgart 1983.

Gerechtigkeit

Predigt am 21. Juli 2024 in der KSG Berlin
16. So im Jahreskreis (Jer 23, 1-6)

Liebe Schwestern und Brüder,

im Buch Jeremia ist die Rede von „Gerechtigkeit“. Der Prophet spricht zu den Hirten, die die Schafe hüten. Damit sind aber nicht die Hirten auf der Weide gemeint, sondern die Hirten des Volkes Israel – also die königlichen Herrscher. Die Könige werden gewarnt, dass der Untergang des Volkes bevorstehen könnte.

Wenn Jeremia aber von der Gerechtigkeit redet, meint er nicht schwierige Situation der Gegenwart, sondern er richtet seinen Blick auf die Zukunft:

„Siehe, Tage kommen […], da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und […] Gerechtigkeit üben im Land. […] Man wird ihm den Namen geben: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.“

Ein schöner Begriff, der Begriff der Gerechtigkeit, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung. 

Es wird Gerechtigkeit nicht nur angekündigt, sondern auch eingefordert. Wer sich ablöst und Unrecht tut, wird bestraft. 

Das Thema der Gerechtigkeit ist nicht nur hier in unserer Lesung wichtig. Es ist eine sehr grundsätzliche Frage der Menschheitsgeschichte. Denker wie Platon, Aristoteles, Paulus oder auch die alten Ägypter haben sich damit beschäftigt.

Im Alten/Ersten Testament findet sich das Bild von Gott als Richter. Und menschliches Verhalten und Handeln ist Folge der vorangegangenen und geschenkten Gerechtigkeit Gottes. 

Gerechtigkeit der Handelnden in der Gesellschaft ist ineinander verwoben, jeder muss seinen Anteil leisten, nicht nur eine Teilgruppe. Ohne gegenseitige Gerechtigkeit kann gemeinsames Leben, Gemeinschaft nicht gelingen.

Und selbst wenn man die Gerechtigkeit als Tugend im Blick hat, braucht es zuweilen klarer Appelle und gesellschaftlich kommunizierter Korrekturen. In unserem Beispiel ist es der Prophet Jeremia, heute sind es eher die Nachdenklichen unserer Gesellschaft, die schon mahnen, nicht ganz so hartherzig oder unfair zu sein. Sie erinnern uns daran, dass wir bei allen Irritationen und Störungen nicht vergessen sollten, gerecht im Urteil und im Handeln zu sein – und auch gerecht zu bleiben, selbst wenn es schwerfällt.

Jesus verstand Gerechtigkeit als versöhnende Gerechtigkeit, deshalb braucht es Vergebung. Vergebung stellt Gerechtigkeit wieder her. 

In der Bibel lassen sich keine unmittelbaren Handlungsanweisungen zur Realisierung finden. Gerechtigkeit steht jeweils in Kontexten (Tugend) und historischen, politischen und sozialen Bezügen. 

Das ist im Kleinen so, in der Gruppe von Freunden oder in die Familie, aber auch am Arbeitsplatz, an der Universität und auch im ganz Großen. Das sprechen wir vom Konzept der „Internationalen Gerechtigkeit“ im Horizont christlicher Gerechtigkeitsbestimmung.

Der Anspruch ist hoch, aber die Wirklichkeit ist komplexer: Wenn wir nach Gerechtigkeit rufen, dann stehen wir gut da. Wenn wir aber schauen, wie kompliziert die weltweite Verflechtung sozialer, ökonomischer, politischer Ereignisse ist, dann stehen wir etwas ratlos da.

Man kann Gerechtigkeit nicht einfach einfordern oder als gegeben hinnehmen. Gerechtigkeit ist eine Herausforderung, ein ständiger Prozess, eine andauernde Suche.

Gut, wenn es Propheten gibt, besser gesagt, wenn es Nachdenkliche gibt, die da ab und zu mal daran erinnern.

Erinnern ist schon mal was, aber letzten Endes steht es an, dass jeder selbst es in die Hand nimmt, den Blick auf Gerechtigkeit zu werfen und sie zur menschlichen Tugend zu erklären.

Amen!

 

Thomas Eggensperger OP


Literatur:

Gerald Hartung / Stefan Schaede (Hrsg.), Internationale Gerechtigkeit. Theorie und Praxis, Darmstadt 2009.