Blinder Fleck

Gedanken von Sarah Delere

zur Lesung 1 Kön 17, 10–16 und dem Evanglium Mk 12, 38-44


Schriftgelehrte mit edlen Anzügen und wichtigen Titeln setzen sich in die erste Reihe und werden da manchmal auch sehr gerne gesehen: Nun gut, Schulterzucken, in einer Hochschulgemeinde dürfen viele von uns mit dem Uni-Kontext vertraut sein und Kritik daran ist ja irgendwie auch leicht. Wir stecken zwar drin, aber ohne Prof. Dr. und erste Reihe fühlt man sich vielleicht nicht so getroffen von Jesu Warnung. Anderen Demut zu verordnen ist immer leicht.
So weit, so oberflächlich. Mir scheint, dass die Lesungen des heutigen Tages uns eine andere Aufgabe stellen. Denn sowohl das erste Königebuch wie auch das Markus-Evangelium haben zwei Witwen als Protagonistinnen. Diese beiden Witwen möchte ich heute in den Blick nehmen. Dazu braucht es zunächst einige Hinweise zu Witwen und Schriftgelehrten.

Witwen

Witwen sind ähnlich wie heute auch in der Bibel keine homogene Gruppe. Wir kennen einige reiche Witwen, die abgesichert waren und deren Lebenssituation vermutlich die der persischen Oberschicht widergespielt haben dürfte. Vor allem aber begegnet uns wie in unserem heutigen Text das Stereotyp der armen Witwe. Es ist ein Klischee, aber eines mit realistischem Hintergrund: Witwen hatten zu den Entstehungszeiten unserer Texte keinen rechtlichen Schutz und waren arm mit Blick auf ihre materielle Situation und ihre Partizipationsmöglichkeiten. Diese Situation dürfte sich dann noch einmal verschärft haben, durch die Dürre, die uns im Königebuch geschildert wird. Mehr Krise geht kaum.

Schriftgelehrte und Opfer

In was für einem Kontrast werden die Schriftgelehrten dargestellt, denen die klare Warnung Jesu gilt. Bei aller literarischen Polemik und Überzeichnung, gibt es auch hier einen historischen Kern. Schriftgelehrte waren der Schrift und der Auslegung kundig. Sie hatten studiert, in gewisser Form also das religiöse Deutungsmonopol. Das machte sie angesehen und reich. Sie verfügten über finanzielle Sicherheit, die sie zum Teil sogar noch als vermeintliche Rechtsbeistände der nicht abgesicherten Witwen aufbesserten („Sie fraßen ihre Häuser auf“). Diese Schriftgelehrten – nicht alle – saßen nach einigen Schilderungen auf eigenen, hervorgehobenen Stühlen und nicht beim Volk und beteten demonstrativ lange. Die soziale Not der Armen nutzten sie entgegen den jüdischen Geboten trotzdem aus.
Dabei geben uns der historische Kontext und der Blick in den Text auch gleich zwei Leitplanken mit:

  1. In den Auseinandersetzungen Jesu sind Schriftgelehrte nicht per se schlecht. Es gibt einige, denen er attestiert nahe am Reich Gottes zu sein. Ziel ist also keine Verdammung der jüdischen Gebote und keine Wissenschaftsfeindlichkeit – das muss die theologische Doktorandin auch hoffen…
  2. Diese armen Witwen sind keine Romantisierung von Armut! Weder intellektuell noch materiell.

Machtproduktion / Herrschaftskritik

Mir scheint, dass der gerade aufgezeigte sozialgeschichtliche Hintergrund uns in eine andere Richtung weist. Diese Spur führt zu Produktion von Machtverhältnissen und Herrschaftskritik.

Die zwei Witwen sind namenlos. Wie so viele Menschen am Rande heute noch. Dennoch werden sie zu den zentralen Akteurinnen (nicht Empfängerinnen!) von Gottes Botschaft. Man kann mit Elija hadern, ob er gerade von einer armen Frau noch einmal das letzte Brot vor ihrem Tod fordern musste. Ob das nicht anmaßend ist. Aber so paradox es klingen mag: die Herrschaftskritik, sieht man auch daran, dass Elija nicht nur die Witwe in ihrer Entscheidung bestätigt (es gibt dann ja Essen). Sondern auch sie auch ihn. Sie, die Witwe, bestätigt Elija. Elija braucht die Hilfe Gottes und die der Witwe, um die Hungersnot zu überleben. Wie der Vers vor unserem Text erzählt, schickt Gott Elija deswegen nach Sarepta zu einer Witwe. Diese
Witwe ist eigentlich diejenige, die auf die Hilfe anderer angewiesen ist und dennoch bleibt sie in ihrer eigenen Not offen für die Not eines anderen.
Elija gibt ihr dieses „Fürchte dich nicht“ und die Zusage von Essen – und sie vertraut dem. Obwohl es sich aus ihrer Sicht um einen Ausländer und einen ausländischen Gott handelt. Ihre Entscheidung, ihr Gang in ein existenzielles Risiko lassen den Plan Gottes aufgehen, den Propheten Elija nicht verhungern zu lassen. So bezeugt sie, die arme Frau in der Fremde, den Gott Elijas. Sie leiht ihm ihr Handeln.
Ähnlich ist es bei der zweiten Witwe im Markus-Evangelium. Sie, die im Gegensatz zu den Schriftgelehrten über keine formal-abstrakte Bildung und kein gesellschaftliches Ansehen verfügt, wird zum Vorbild. Auch hier kann man fragen, ob es sein muss, dass sie mehr gibt als notwendig war (das stellt der Text interessanterweise nicht in Frage). Wie dem auch sei – die arme Witwe opfert. Vermutlich nennt sie ihren vermeintlich kleinen Betrag dem Priester und er erfährt durch die Worte Jesu eine neue Bedeutung. Ihr Setzen ihres Lebensunterhaltes, ihrer Existenzgrundlage erfährt die Bestätigung – im Gegensatz zum langen Beten der Gelehrten.

Aber was würde Jesus sehen, wenn er heute in den Vor- und Innenhöfen unserer Tempel wanderte und in die Schatzkammern schaute? Sie, die stumme Namenlose, regt uns zur Frage an, wo Menschen am Rande unserer Gesellschaft Gott in einer Weise bezeugen und zur Sprache bringen, für die wir taub geworden sind. Weil

  • wir unsere eigene Machtstellung in Kirche gar nicht mehr sehen – auch wenn auch hier nicht alle gleich sind
  • wir in globalen und finanziellen Ungleichheiten leben
  • wir uns auch ohne Prof. Dr. an unsere Privilegien als Akademikerinnen gewöhnt haben
  • wir uns an eine Sprache halten, die Bilder und theologische Sprache von Gott alleinig vorgibt und nicht an der Erfahrungswelt von Menschen ansetzt. Und so auch Gott wenig zutrauen.

Ich will und werde da niemandem etwas vorgeben, aber ich vermute jeder von uns wird da irgendwo bei einem blinden Fleck fündig. Seit Markus Zeiten drohen Arme in unseren Kirchen an den Rand gedrängt zu werden. Ohne sie als vermeintlich gleichförmige Gruppe zu sehen, aber wären Sie präsent wie alle anderen, würde sich vielleicht etwas verschieben oder verändern. Nicht weil die Aufgabe von Betroffenen ist, andere auf ihre Privilegien hinzuweisen, sondern weil Lebensumstände eben prägen. Manche Rede und manche Handlung würden vielleicht irritieren wie diese Texte heute. Vielleicht würden wir uns sogar ertappt oder angegriffen fühlen. Wie alles sollten wir sie prüfen. Aber prüfen – nicht abtun. Das Gute ist schließlich, dass derartige Kontexte nie unabänderlich sind. Nicht an Universitäten und nicht in Kirchen. Gerechtigkeit erfordert das Nutzen unserer jeweiligen Handlungsmacht, dann dürfen auch wir auf Bestätigung hoffen. So wie die beiden Witwen, die ihre Handlungsmacht aktiv genutzt haben.

Literatur:

  • Gnilka, J. (1989) Das Evangelium nach Markus, Mk 8,27-16,20. 3. durchgesehene Aufl. Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 2/2. Zürich: Benziger; Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, S. 173-178.
  • Häusl, M. & König, H. (2016) ‚Eine Handvoll Mehl im Topf – Armut und Geschlecht in der Bibel und in antiken christlichen Quellen‘, in Häusl, M., Horlacher, S., Koch, S., Loster-Schneider, G. & Schötz, S. (eds) Armut. Gender-Perspek ven ihrer Bewältigung in Geschichte und Gegenwart, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 99-136. ISBN 978-3-96023-040-3
  • Schüssler Fiorenza, E. (1988) Zu ihrem Gedächtnis. Gütersloh, pp. 166 ff.
  • Thiel, W. (2019) 1. Könige 17,1-22,54. Biblischer Kommentar: Altes Testament, Bd. 9/2. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 16-62.
  • Fischer, I. (2008) Frauen in der Literatur (AT). Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet abrufbar unter http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/42334/ S. 1-37.

„Zweite Reihe ist auch nett“

Predigt von Nicole Oster


Ich brauche keine Ehrenplätze.

Ich stehe lieber in der zweiten Reihe. Da kann mensch auch in Ruhe alles beobachten. Mit meiner besten Freundin war ich im Juli beim Taylor Swift Konzert in Gelsenkirchen. Wir hatten Stehplätze und haben vorher besprochen, dass wir nicht um die Plätze ganz vorne an der Barrikade kämpfen wollen, sondern lieber gemütlich im hinteren Bereich mit Platz zum Tanzen stehen möchten.

(Im Vergleich zu anderen Konzerten lief das relativ friedlich ab, aber das Gedränge um die besten Plätze habe ich doch lieber vermieden.) Ehrenplätze brauche ich persönlich nicht.

Anders Johannes und Jakobus, die fragen Jesus nach den Ehrenplätzen rechts und links von ihm.

Jesus ist von der Frage nicht so angetan. Hat er den Jüngern doch oft erklärt, dass es bei ihm nicht um höher, schneller, weiter geht. Nachfolge bedeutet nicht Ruhm, Ehre, glänzende Auftritte, eher das Gegenteil.

Denn Nachfolge bedeutet auch Nachfolge ins Leid. Hingabe und Opfer.

Ruhm und Ehrenplätze hat Jesus nicht zu vergeben. Nachfolge ist kein roter Teppich, sondern der Weg Jesu ins Leid.

Und in der Nachfolge Jesu herrscht eine andere (Macht-)Logik. Es geht ums dienen, nicht ums herrschen.

Hier gilt nicht höher, schneller, weiter, immer der/die Beste, Klügste sein. Wer Jesus nachfolgen will, muss bereit sein, sich unterzuordnen, in die zweite Reihe zu treten und zu dienen.

„Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“

Dienen bedeutet, Verluste hinzunehmen, Familie zurückzulassen und mit wenig unterwegs zu sein, auch abgewiesen zu werden. Auch wird man herzlich aufgenommen werden, berührende Begegnungen machen. Doch muss man bereit sein, sich klein zu machen, das Wohl/Heil der anderen an erste Stelle zu setzen.

Denn darum geht es Jesu im Großen und Ganzen: um das Heil!

„Der Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“

Jesus präsentiert den Jüngern eine andere Machtlogik. Ehrenplätze hat er keine zu vergeben. Für ihn zählt nicht, wer der stärkste, mächtigste, klügste ist. Für Jesus zählt, wer ihm wirklich mit Hingabe nachfolgt und bereit ist zu dienen, in die hintere Reihe zu treten.

Das passt schon ein wenig zum Taylor Swift Konzert. Weniger drängeln um die besten Plätze, sondern das Konzert und die Gemeinschaft genießen, die Verbindung mit den anderen Konzertbesucher*innen und zu schauen, dass jede*r mal eine gute Sicht auf den Superstar hat und auch mit Wasser versorgt ist.

Ich glaube, dass ist auch im Sinne Jesus. Sich zurücknehmen für andere, auf die Mitmenschen schauen.

Nicht als Einzelkämpfer, sich den besten Platz sichern, sondern in die zweite Reihe treten und. Dort ist es auch nett.

 

Wo kann ich einen Schritt zurücktreten und dadurch anderen eine Chance geben, etwas ermöglichen?

Colors of Faith

Predigt zur Semestereröffnung am 28. Sonntag im Jk. B, KSG Edith Stein Berlin

© Prof. Dr. Ulrich Engel OP, Berlin


Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,

Liebe ist rot, Hoffnung ist grün, Trauer ist schwarz. Und aus der Werbung wissen wir: Schokolade ist lila. Aber welche Farbe hat eigentlich der Glaube, Ihr und euer ganz persönlicher Glaube?

Vielleicht klingt die Frage absurd. Allerdings haben Farben in den Religionen immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Daran dachten möglicherweise auch die KSGler*innen, die das neue Semester-Motto erdacht haben: „Colors of Faith“, so lautet es. Und die „Colors of Faith“ sollen auch dem heutigen Semestereröffnungsgottesdienst Glanz verleihen.

Da kommt es mir ganz zupass, dass in der Ersten Lesung des heutigen Sonntags schon einmal zwei Farben explizit erwähnt werden: Silber und Gold. Und implizit ist in dem kurzen Abschnitt aus dem 7. Kapitel des alt-/ersttestamentlichen Weisheitsbuches auch noch von vielen anderen Farben die Rede. Doch dazu später…

Zuerst jedoch möchte ich mich noch einmal meiner Anfangsfrage zuwenden: Welche Farbe hat mein Glaube? Ich bin nicht sicher, ob die Frage überhaupt richtig gestellt ist. Hat mein Glaube überhaupt eine Farbe? Würde eine solche Antwort – unabhängig davon, welche konkrete Farbe ich auswählen würde – nicht völlig konträr zu allen Einsichten der modernen Naturwissenschaft stehen?

In ihrer Perspektive – der der modernen Naturwissenschaft – ist ‚Farbe‘ auf jeden Fall keine physikalische Eigenschaft eines Körpers1. Insofern ‚hat‘ ein Gegenstand keine Farbe; mehr noch: er kann gar keine Farbe ‚haben‘. Stattdessen lehrt uns die Forschung, dass ‚Farbe‘ ein Sinneseindruck ist, der durch elektromagnetische Wellen unterschiedlicher Länge hervorgerufen wird. Die Struktur des Objekts, die Wahrnehmung seines Glanzes, seiner Rauigkeit und seiner Helligkeit werden bei diesem modernen Farbbegriff zunächst ausgeblendet. ‚Farbe‘ ist vor allem und zuerst ein Rezeptionsphänomen.

Dass ‚Farbe‘ ein Rezeptionsphänomen ist, lässt sich auch daran ablesen, dass Gefühlszustände in verschiedenen Kulturkreisen mit Hilfe ganz verschiedener Farben ausgedrückt werden: In Europa trauern wir in Schwarz, in China und in buddhistischen Ländern ist Weiß die bevorzugte Trauerfarbe. Und im alten Ägypten galt die Farbe gelb als Zeichen der Trauer: kulturelle Farbdifferenzen also, wohin das Auge fällt. Einerseits.

Andererseits gehen wir ebenso davon aus, dass bestimmten Farbwahrnehmungen über zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg ähnliche psychologische Wirkungen auslösen. So ist Blau die beliebteste Farbe überhaupt – kulturübergreifend!

Was bedeutet das alles für unsere „Colors of Faith“? Haben die Farben meines Glaubens dann gar kein fundamentum in re? Sind sie bloß durch elektromagnetische Wellen hervorgerufene Sinneseindrücke, die mir eine farbig-bunte Wirklichkeit vorgaukeln? Kurz und knapp: Ist die Buntheit unseres Glaubens nur fromme Einbildung? Menschengemachte Projektion? Schöngefärbter Selbstbetrug?

Andererseits sind ja auch die elektromagnetischen Wellen mehr als reine Phantasterei. Wenn die Wellen wirklich unsere Rezeption auslösen können, dann stellen sie eine eigene Realität dar, die es ernst zu nehmen gilt.

Liebe Gemeinde,

ich komme zurück zu unserer Lesung aus dem Weisheitsbuch. Das ist von Silber die Rede und auch von Gold – zwei Farben, die für Luxus und Reichtum, Macht und Ehre stehen, aber auch für Anmut und Glück. Im selben Vers ist zudem noch von einem „unschätzbaren Edelstein“ (Weish 7,9) die Rede; und im nächsten dann vom „Licht“ (Weish 7,10).

Edelsteine kommen farblos oder farbig vor. Verantwortlich für die jeweilige Farbgebung sind in den Stein eingelagerte Spurenelemente: z.B. Chrom, Eisen, Kupfer, Nickel oder Kobalt. Diese Elemente absorbieren gewisse Wellenlängen des weißen Lichts. Und dadurch entsteht für unser Auge der jeweilige Farbeindruck2.

Wenn die Farbigkeit von Edelsteinen durch Absorption – also durch eine Reduktion – hervorgerufen wird, dann verdankt sich das Weiß des Lichts einer Addition von Farben, genauer: der drei primären Lichtfarben Rot, Grün und Blau3.

Aber auch die funkelnden Edelsteine sind nicht in der Lage, die Weisheit Gottes vollwertig abzubilden, so die Einsicht der biblischen Weisheit (vgl. Weish 7,9). Und auch das Licht selbst kommt in seiner Strahlkraft nicht an den Glanz der Weisheit heran (vgl. Weish 7,10b). Verglichen mit ihr, so die These des Autors oder der Autorin des Weisheitsbuches, wirken Gold und Silber bloß wie „Lehm“ und wie „Sand“ (Weish 7,9): stumpf, unedel und grau eben.

Liebe Gemeinde,

die alt-/ersttestamentliche Weisheit bleibt den Farben gegenüber skeptisch – zumindest wenn es um ihre Fähigkeit geht, etwas vom göttlichen Glanz adäquat abbilden zu können. Wenn ich dieses Fazit unserer kurzen Relecture der Lesung ernst nehme, dann stellt sich die Frage nach den „Colors of Faith“ nochmals verschärft.

Ich schlage vor, dass wir unser Augenmerk verstärkt auf das „s“ im Wörtchen „Colors“ legen4. Das Pluralsuffix „s“ verstehe ich als einen Hinweis darauf, dass wir unsere Frage nach den Farben des Glaubens nur im Plural beantworten können. Insofern habe ich zu Beginn meiner Predigt möglicherweise die falsche Frage gestellt. Nicht dreht sich alles darum, welche Farbe mein persönlicher Glaube hat. Angebrachter wäre zu fragen: Welche Farben (im Plural!) hat ein vielgestaltiger und höchst diverser Glaube, wenn wir alle unsere je eigenen Versuche-zu-glauben zusammenlegen und teilen?

Wir bunt wird unser Glaube insgesamt, wenn wir, mit- und voneinander lernend, alle unsere Erfahrungen – Lebens-, Liebes- und Glaubenserfahrungen – kombinieren? Welche strahlende Vielfalt könnte daraus werden! Welch schöne und lebendige Diversität!

Liebe Gemeinde,

Zeichen dieser leuchtend-bunten „Colors of Faith“ gibt es viele:

  • der biblische Regenbogen, den Gott als Zeichen seines Bundes in die Wolken gesetzt hat (Gen 9,8–175),
  • die bunten Farben der „Bandiera della Pace“ als Symbol der internationalen Friedensbewegung,
  • die schillernden Farben des Regenbogens in der Flagge des „Lands der vier Teile“, das wir unter dem Namen „Inkareich“ kennen,
  • ein in der Kirchengeschichte gelegentliche anzutreffender regenbogenfarbiger Christus-Nimbus,
  • oder die sechs-streifige Regenbogenfahne der queeren Bewegung.

Wenn die KSG heute unter dem Motto „Colors of Faith“ ins Wintersemester 2024/25 startet, dann wünsche ich uns allen, dass wir mit Gottes Hilfe so weise sind, unsere in jeder Hinsicht diversen Lebens-, Liebes- und Glaubensgeschichten zu einer strahlend-bunten und glänzenden Vielfalt vereinen können: Kontroversen mit eingeschlossen…

Wie hieß es am Ende unserer Lesung: „niemals erlischt der Glanz, der von ihr [der bunt gefächerten Weisheit Gottes und unseren ebenso bunten Lebenserfahrungen] ausstrahlt. Zugleich mit ihr kam alles Gute zu mir“ (Weish 7,10c–11a).

Dieser Glanz und all das Gute, das sei mit euch im neuen Semester!

Amen.


1 Zum folgenden naturwissenschaftlich fokussierten Abschnitt vgl. Detlef Dieckmann-von Bünau, Art. „Farben (AT)“ (Mai 2008) = https://bibelwissenschaft.de/stichwort/18137/ [Aufruf: 11.10.2024].

2 Vgl. https://www.carat-online.at/edelsteinlexikon/edelsteine-farben-farbgebung.html [Aufruf: 11.10.2024].

3 Vgl. https://www.leifiphysik.de/optik/farben/grundwissen/licht-und-farben [Aufruf: 11.10.2024].

4 Vgl. Antje Dammel / Sebastian Kürschner / Damaris Nübling, Pluralallomorphie in zehn germanischen Sprachen Konvergenzen und Divergenzen in Ausdrucksverfahren und Konditionierung, in: dies. (Hrsg.), Kontrastive Germanistische Linguistik. Teilbd. 2, Hildesheim – Zürich – New York 2010, 587–642, bes. 587.

5 Vgl. dazu Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken Untersuchungen zu Komposition und Theologie der priesterschriftlichen Urgeschichte (Stuttgarter Bibelstudien Bd. 112), Stuttgart 1983.

Gerechtigkeit

Predigt am 21. Juli 2024 in der KSG Berlin
16. So im Jahreskreis (Jer 23, 1-6)

Liebe Schwestern und Brüder,

im Buch Jeremia ist die Rede von „Gerechtigkeit“. Der Prophet spricht zu den Hirten, die die Schafe hüten. Damit sind aber nicht die Hirten auf der Weide gemeint, sondern die Hirten des Volkes Israel – also die königlichen Herrscher. Die Könige werden gewarnt, dass der Untergang des Volkes bevorstehen könnte.

Wenn Jeremia aber von der Gerechtigkeit redet, meint er nicht schwierige Situation der Gegenwart, sondern er richtet seinen Blick auf die Zukunft:

„Siehe, Tage kommen […], da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und […] Gerechtigkeit üben im Land. […] Man wird ihm den Namen geben: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.“

Ein schöner Begriff, der Begriff der Gerechtigkeit, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung. 

Es wird Gerechtigkeit nicht nur angekündigt, sondern auch eingefordert. Wer sich ablöst und Unrecht tut, wird bestraft. 

Das Thema der Gerechtigkeit ist nicht nur hier in unserer Lesung wichtig. Es ist eine sehr grundsätzliche Frage der Menschheitsgeschichte. Denker wie Platon, Aristoteles, Paulus oder auch die alten Ägypter haben sich damit beschäftigt.

Im Alten/Ersten Testament findet sich das Bild von Gott als Richter. Und menschliches Verhalten und Handeln ist Folge der vorangegangenen und geschenkten Gerechtigkeit Gottes. 

Gerechtigkeit der Handelnden in der Gesellschaft ist ineinander verwoben, jeder muss seinen Anteil leisten, nicht nur eine Teilgruppe. Ohne gegenseitige Gerechtigkeit kann gemeinsames Leben, Gemeinschaft nicht gelingen.

Und selbst wenn man die Gerechtigkeit als Tugend im Blick hat, braucht es zuweilen klarer Appelle und gesellschaftlich kommunizierter Korrekturen. In unserem Beispiel ist es der Prophet Jeremia, heute sind es eher die Nachdenklichen unserer Gesellschaft, die schon mahnen, nicht ganz so hartherzig oder unfair zu sein. Sie erinnern uns daran, dass wir bei allen Irritationen und Störungen nicht vergessen sollten, gerecht im Urteil und im Handeln zu sein – und auch gerecht zu bleiben, selbst wenn es schwerfällt.

Jesus verstand Gerechtigkeit als versöhnende Gerechtigkeit, deshalb braucht es Vergebung. Vergebung stellt Gerechtigkeit wieder her. 

In der Bibel lassen sich keine unmittelbaren Handlungsanweisungen zur Realisierung finden. Gerechtigkeit steht jeweils in Kontexten (Tugend) und historischen, politischen und sozialen Bezügen. 

Das ist im Kleinen so, in der Gruppe von Freunden oder in die Familie, aber auch am Arbeitsplatz, an der Universität und auch im ganz Großen. Das sprechen wir vom Konzept der „Internationalen Gerechtigkeit“ im Horizont christlicher Gerechtigkeitsbestimmung.

Der Anspruch ist hoch, aber die Wirklichkeit ist komplexer: Wenn wir nach Gerechtigkeit rufen, dann stehen wir gut da. Wenn wir aber schauen, wie kompliziert die weltweite Verflechtung sozialer, ökonomischer, politischer Ereignisse ist, dann stehen wir etwas ratlos da.

Man kann Gerechtigkeit nicht einfach einfordern oder als gegeben hinnehmen. Gerechtigkeit ist eine Herausforderung, ein ständiger Prozess, eine andauernde Suche.

Gut, wenn es Propheten gibt, besser gesagt, wenn es Nachdenkliche gibt, die da ab und zu mal daran erinnern.

Erinnern ist schon mal was, aber letzten Endes steht es an, dass jeder selbst es in die Hand nimmt, den Blick auf Gerechtigkeit zu werfen und sie zur menschlichen Tugend zu erklären.

Amen!

 

Thomas Eggensperger OP


Literatur:

Gerald Hartung / Stefan Schaede (Hrsg.), Internationale Gerechtigkeit. Theorie und Praxis, Darmstadt 2009.

Mk 6,7-13: Visionen für eine Kirche am „toten Punkt“

Predigt am 15. So. i. Jahreskreis B, 14. Juli 2024, KSG Berlin
© Prof. Dr. Ulrich Engel OP


Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

völlig unpassend zur schweren Krise, in der sich die Kirche derzeit befindet, präsentiert uns die Leseordnung dieses Sonntags eine Kirchenvision: So sollte die Gemeinschaft der Christ*innen idealerweise sein! In der Realität allerdings haben sexueller und geistlicher Machtmissbrauch vor allem durch Kleriker wie auch die Vertuschung der Verbrechen durch Bischöfe und andere Verantwortungsträger die Kirche an einen „toten Punkt“ gebracht. 1

Und genau in dieser düsteren Situation wird uns mit dem heutigen Evangelium eine kirchliche Zukunftsvision zugemutet. Ist das angemessen? Sollte man es da nicht eher mit Ex-Kanzler Helmut Schmidt halten, der im Bundestagswahlkampf 1980 die Parole ausgab: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Kirchenvisionen – ein Fall für die Psychiatrie?

Schauen wir einmal etwas genauer in den Text des Markusevangeliums.2 Ich gehe dabei Vers für Vers vor:

Vers 7: „In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zu sich und sandte sie aus (…).“

  • Die Ausgangssituation: Jesus war zuvor in seiner Heimat Nazaret unterwegs: erfolglos. Entsprechend enttäuscht ist er.3 Auch Jesus ist mit seiner Mission an einem ‚toten Punkt‘ angekommen.Allerdings resigniert er nicht, sondern sucht sich Mitstreiter. Diese beruft er und sendet sie aus: „die Zwölf“ heißt es da, die Apostel also. Folglich ist in der Perikope die Amtskirche angesprochen, die kirchliche Hierarchie. Ihr sind die folgenden Visionen ins Stammbuch geschrieben.Das ist jedoch noch nicht alles. Denn die Zwölf repräsentieren nicht nur die kirchliche Leitungsebene, sondern stehen stellvertretend ebenso für das gesamte Gottesvolk. Wenn Jesus die Zwölf zu sich ruft, bedeutet das auch: Jede Getaufte und jeder Getauften ist von Christus berufen und von ihm gesandt – nicht nur Bischöfe, Priester oder Ordensleute.

    Und noch eins ist wichtig: Für seine Sendung wählt Jesus nicht nur Helden aus. Denn die Zahl „12“ umfasst das Ganze, alle. Nicht bloß den Teil der Menschen, die einen makellosen Lebenslauf vorweisen können. Kirche ist keine Eliteveranstaltung!

Vers 7b: „Jesus sandte sie aus, jeweils zwei zusammen.“

  • Jesus schickt die Jünger*innen zu zweit los, nicht alleine. Ob sich die Partner*innen einander aussuchen durften, wissen wir nicht. Auf jeden Fall gilt: Erst zu zweit können wir den Glauben bezeugen. Allein kann ich bloß von meiner privaten Meinung Zeugnis geben.„Glauben“ – das wird an dieser Stelle deutlich – ist nicht zuerst persönliche Meinung und auch nicht das Fürwahrhalten von Theorien, sondern Leben in Gemeinschaft: Geteiltes Leben, geteilte Hoffnung, Vertrauen und Füreinander-Dasein…

Verse 8 und 9: „[E]r gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.“

  • Hier fällt besonders auf: Jesus sendet seine Leute mittellos. Die materielle Ausstattung der Kirche ist nicht das Zentrale – auch wenn ich dankbar bin, dass wir in Deutschland für unsere pastorale Arbeit finanziell (noch) recht gut ausgestattet sind.Nun geht es dem Evangelium aber nicht um eine arme Kirche um der Armut willen. Die Aussage zielt vielmehr auf eine Umkehrung der üblichen Verhältnisse. Denn finanziell mittellos sind die Bot*innen Jesu angewiesen auf die, zu denen sie gesendet sind.Wer sich im Namen Jesu und der Kirche senden lässt, macht sich abhängig von den Menschen, mit denen er oder sie zusammentrifft. Nicht mehr Gastgeber*innen sind die Boten, sondern Gäste. In dieser Abhängigkeit mache ich zweifelsohne andere Erfahrungen als aus der Position des „Machers“ oder der gut ausgestatteten „Managerin“.

    Lebendige Kirche wird erfahrbar in den Menschen, denen ich begegne. Lebendige Kirche erfahre ich durch Frauen und Männer, die mich in ihr Haus und Leben einlassen, mir Haustür und Herz öffnen und Gastfreundschaft gewähren, die mir ihre Zeit und Aufmerksamkeit schenken, Freundschaft und Zuneigung, die ihre Fragen und ihr Suchen mit mir teilen.

Vers 12: „Und sie zogen aus und verkündeten die Umkehr.“

  • Wenn Kirche mental arm wird, sich damit den Menschen aussetzt und die anderen die Agenda bestimmen lässt, dann geschieht Umkehr. Umkehr heißt dann und zuerst: Umkehr der Kirche selbst. Und Anerkenntnis von Fehlverhalten und Schuld.
    Kirche und ihre Akteure steigen von ihren buchstäblich hohen Rössern herab und begeben sich auf Augenhöhe mit den Menschen. Die bis dato allwissenden und immer dogmatisch korrekten Kirchenleute machen sich klein und angreifbar. Sie werden von Lehrenden zu Lernenden – und damit jesuanischer.

Vers 7c und 13: „Er gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister. (…) Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“

  • Liebe Gemeinde, erst wenn sich Kirche wieder mehr als Gemeinschaft denn als Hierarchie konstituiert – also wenn sie synodal wird –, wenn sie also alle, die zu ihr gehören wollen, mit offenen Armen empfängt, dann wird ihr Wirken heilsam werden.Erst wenn ihre Verantwortungsträger umkehren, vom hohen Ross herabsteigen und sich freiwillig abhängig machen von den Menschen und ihren Erfahrungen, dann wird Kirche wieder glaubwürdig.Erst dann können – vielleicht – die Wunden, die Kirchenvertreter so vielen Menschen zugefügt haben, wieder heilen. Dann ist ihr vielleicht die Chance gegeben, den sprichwörtlich „toten Punkt“ zu überwinden. Dann kann auch die katholische Kirche eine Kirche der Freiheit werden. Ohne den Dämon des Missbrauchs. Darauf hoffe ich.

Amen.


1 Kardinal Reinhard Marx, Brief an Papst Franziskus vom 21.5.2021, unter: https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-55270120.PDF [Aufruf: 10.07.2024]; vgl. auch seine auf den selben Tag datierte begleitende „Erklärung“, unter: https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-55270220.PDF [Aufruf: 10.07.2024].

2 Mk 6,7-13. Orientiert habe ich mich in Teilen meines Textes an: Martin Löwenstein SJ, Predigt zum 15. Sonntag im Lesejahr B 2009 (Markus), unter: https://www.martin-loewenstein.de/predigt-15-sonntag-im-jahreskreis-b-2009.html [Aufruf: 10.07.2024]. Konsultiert wurden zudem: Josef Ernst, Das Evangelium nach Markus (Regensburger Neues Testament), Regensburg 1981, 173-178; Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus. 1. Teilbd. Mk 1-8,26 (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. II/1), Zürich – Düsseldorf – Neukirchen-Vluyn 51998, 238-242; Karl Kertelge, Markusevangelium (Die Neue Echter Bibel. NT Lfg. 2), Würzburg 32005, 63f.

3 Vgl. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 238.

„Ich nenne euch nicht
mehr Sklavinnen und Sklaven“

Von der Macht der Worte und der Gefahr einer einzigen Geschichte.

Eine Predigt von Juliane Link zu Apg 10, 25–26.34–35.44–48 und Joh 15, 9–17

Rund um den 17. Mai, dem Tag der Apostelin Junia, predigen Frauen aus ganz Deutschland und setzen ein Zeichen für eine geschlechter-gerechte Kirche. Bei uns predigte Juliane Link zu diesem Anlass inspiriert von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie.

Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

heute predige ich im Rahmen der Predigerinnentage. Das ist eine Initiative der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, die in den Wochen rund um den 17. Mai deutschlandweit dazu aufruft, Frauen in ihren Gemeinden predigen zu lassen. Anlass ist der Festtag der Apostelin Junia, die von Paulus in einem Brief an die Römer erwähnt und als angesehene Apostelin bezeichnet wird. 

Wie aus Junia Junius wurde und dann wieder Junia. Und warum solche Details einen Unterschied machen.

Offenbar war sie eine starke Frau, die den Glauben überzeugend gelebt und vor allem verkündet hat und eine leitende Funktion inne hatte. Heute gehen jedenfalls viele Exeget*innen davon aus, dass sie eine Frau war und in der neuen Einheitsübersetzung ist von ihr als Junia die Rede. Zuvor wurde ihr Name mit „Junius“ übersetzt und so behauptet sie sei ein Mann gewesen. Offenbar taten sich die Herausgeber von Bibelübersetzungen lange Zeit schwer mit der Vorstellung unter den Führungskräften der Urkirche könnte es auch einflussreiche Frauen gegeben haben.

Heute gibt es zwar wieder Frauen, die in der Kirche etwas zu sagen haben, aber wir sind weit weg von einer Kirche, in der weiblich gelesene Personen die gleichen Rechte haben. Und das liegt vor allem daran, dass Macht zwischen Klerikern und Laien weiterhin ungleich verteilt ist. Würde es in unserer Kirche Priesterinnen geben, die ihre Privilegien ebenso wenig zu teilen bereit sind wie die meisten ihrer männlichen Amtskollegen, wäre das keine ausreichende Reform für eine gerechtere und demokratischere Kirche. Aber es würde doch einen Unterschied machen: es würde unsere inneren Bilder davon verändern, wer hier vorne im Altarraum steht und unsere wichtigsten Rituale feiert, Raum bekommt uns Woche für Woche eine Botschaft mitzuteilen, die vielleicht tiefer in unser Herz fällt als Worte die außerhalb dieses besonderen Raums gesprochen werden. 

Dass ich hier heute stehe ist für die KSG nichts Ungewöhnliches. Karen und ich predigen öfter und auch viele von euch haben schon im Rahmen der studentischen Predigtreihe zu uns gesprochen. Ich finde das gut und wichtig und gleichzeitig glaube ich, dass es nicht genug ist. Dass die Veränderung, die die Kirche angehen müsste, viel größer, struktureller und nachhaltiger sein müsste als diese kleine Geste der Beteiligung unterschiedlicher Prediger*innen an unserem Gottesdienst.

Wenn die Vielfalt der Stimmen fehlt, oder: Die Gefahr eines einzigen Dorfpfarrers.

Dennoch bin ich froh über die Vielfalt der Stimmen und Perspektiven, die es in den Predigten in unserem KSG Gottesdienst  gibt. Mir gefallen die unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen, die sprechen und dabei oft auch von sich persönlich erzählen. Ihre unterschiedlichen Deutungen der biblische Texten, die unterschiedlichen Muttersprachen, in denen ihre Gedanken entstehen. Diese Diversität steht im Widerspruch zu dem traditionellen katholischen Gemeindegottesdienst, in dem jeden Sonntag derselbe Pfarrer spricht. Vielleicht seid ihr auch so aufgewachsen wie ich: mit diesem einen Priester in einer kleinen Dorfkirche, der Sonntag für Sonntag ähnliches Sachen sagte – in meinem Fall war es immer ein bisschen weltfremd, ein bisschen naiv und ziemlich viel erhobener moralischer Zeigefinger. Als Kind und Jugendliche dachte ich, das sei normal, außerdem war unser Pfarrer menschlich ganz nett und mit der Theologie kannte er sich eh besser aus als meine Eltern, mit denen ich manchmal noch beim Mittagessen über die seltsamen Ansprachen nachdachte oder lachte, zum Beispiel über die in seiner Predigt lange ausgeführte Vorstellung, der liebe Gott spaziere in der Fastenzeit durch unser Dorf und sähe bei allen Gemeindemitgliedern durchs Wohnzimmerfenster und kontrolliere so, ob sie auch gute Christen seien usw. oder fast wöchentlich wiederholte Schimpftiraden über all jene, die dem Sonntagsgottesdienst fern geblieben seien, aus Faulheit und mangelnder Frömmigkeit usw. 

Als Kind fand ich die Ansichten unseres Pfarrers ein bisschen übertrieben, aber ich dachte, das müsste so sein, ich kannte keine Alternative. Und genau das ist das Problem, wenn nur eine Person in ihrer Gemeinde Predigerin ist, nämlich der Kleriker. Es gibt dann in diesen Gottesdiensten nur eine Sicht auf die Welt, nur eine gültige Interpretation der Lesungstexte, es ist dieselbe Stimme, die auch die Gebete formuliert und mit ihren Worten und Gesten den Gottesdienst dominiert. Hätte ich nicht irgendwann das Dorf meiner Kindheit verlassen und Menschen getroffen, die anders über Gott gesprochen und mir auf eine Weise von ihrem Glauben erzählt haben, die mich berührt hat und meiner Suche nach Gott eine Richtung gab, dann hätte ich wahrscheinlich irgendwann das Interesse an meinem Glauben verloren.

Jesus predigte gegen die Einseitigkeit und für mehr Augenhöhe.

Sicher gibt es auch Priester, denen man stundenlang zuhören kann und auf deren Predigt man sich jede Woche freut. Aber auch sie haben ihre Lieblingsthemen und lassen anderes unter den Tisch fallen, auch sie sind begrenzt in ihren Möglichkeiten andere Perspektiven einzunehmen, auch ihre Gottesdienste werden einseitig, wenn sie sich selbst in den Mittelpunkt stellen. Eine Predigt ist ohnehin eine sehr autoritäre Angelegenheit. Eine Person spricht, die anderen hören zu. Es gibt keine Möglichkeit Fragen zu stellen, Einwände zu formulieren, in einen Dialog zu treten. Deshalb freue ich mich immer, wenn sich nach der Predigt noch Gespräche über das Thema ergeben, wenn ihr noch Feedback gebt und es dürfte ruhig auch häufiger eine Kritik oder Infragestellung sein oder einfach eure Sicht auf die Dinge. Sie ist nicht weniger wichtig als meine, auch wenn ich jetzt hier spreche und ihr nicht. Und schon durch dieses Ungleichgewicht entsteht der Eindruck, ich hätte mehr zu sagen als ihr. Im heutigen Evangelium räumt Jesus auf mit solchen Asymmetrien zwischen ihm als spirituellem Meister und denen, die ihm zuhören und nachfolgen. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte“ sagt Jesus zu ihnen, folgt man der Einheitsübersetzung – oder in der Bibel in gerechter Sprache wird die gleiche Aussage übersetzt mit:

„Ich nenne euch nicht mehr °Sklavinnen und Sklaven“

Und dann begründet Jesus, warum er das nicht mehr macht:

denn eine Sklavin weiß nicht, wie ihre °Gebieterin handelt

und ein Sklave kennt das Vorhaben seines Herrn nicht.

Euch aber habe ich Freundinnen und Freunde genannt,

denn ich habe euch alles,

was ich von °Gott, meinem Ursprung, gehört habe, mitgeteilt.

Jesus nennt seine Jünger*innen seine Freund*innen. Er teilt sein Wissen, er macht seine Absichten transparent, er will seinen Freund*innen auf Augenhöhe begegnen, er gibt seine Überlegenheit auf, sein Herrschaftswissen, er wendet sich gegen die übliche autoritäre Art zu sprechen, gegen die patriarchale Sprache, die die Angesprochenen zu Untergebenen macht. Das einzige was er als spiritueller Lehrer noch gebietet, ist, dass sich seine Freund*innen gegenseitig lieben sollen. Sie sollen nicht ihn lieben und bewundern, sondern sich gegenseitig. Sie sollen in einen gleichberechtigten Austausch treten. 

Gott ist nicht parteilich und betont nicht die Unterschiede. Und wir alle sind begabt unsere Geschichte mit Gott zu erzählen.

Das ist das Menschenbild Jesu. Und ganz Ähnliches vermittelt sich auch in der heutigen Lesung, in der Petrus begreift, dass Gott nicht parteilich ist. Dass seine Geistkraft nicht ganz bestimmten Leuten vorbehalten ist, sondern jedem Menschen zugänglich ist, egal welche Herkunft, Religionszugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung die Identität dieser Person prägen. 

Gott macht keinen Unterschied. 

Ich glaube, dass Gott die Vielfalt liebt und dass wir alle begabt und berufen sind, auf unsere Weise von ihm zu sprechen. Nicht jeder und jede muss predigen. Für manche ist das vielleicht nichts, jedenfalls nicht hier in diesem Setting in einer großen Kirche an einem Mikrofon zu stehen. Aber jede und jeder von uns hat eine Geschichte mit Gott. Und all diese Geschichten sind wertvoll. Und manche werden vielleicht ganz still erzählt, einfach indem ein Mensch etwas Besonderes ausstrahlt oder etwas tut, das uns beeindruckt oder inspiriert, ohne dass er oder sie darüber viele Worte verliert. 

Aber es braucht auch Menschen, die ihre Stimme erheben, um ihre Geschichte zu erzählen. Und damit eine Geschichte, die anderes ist als alle anderen, eine Geschichte, die noch nicht erzählt wurde und die sich behauptet gegen eine dominante Perspektive so wie ich sie als Kind immer wieder ähnliche Geschichten von demselben Priester gehört habe. 

Die Gefahr einer einzigen Geschichte.

Vor kurzem habe ich einen Text von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie gelesen, der davon erzählt, was geschieht, wenn in einer Gesellschaft – und ich glaube, das können wir auf die Kirche übertragen – nur eine Geschichte erzählt wird. Ihr Text heißt: „Die Gefahr einer einzigen Geschichte.“ Ich möchte euch einen Ausschnitt daraus vorlesen.

Der Textausschnitt kann an dieser Stelle leider nicht wiedergegeben werden. Eine Lesung des ganzen Textes findet sich unter folgendem Link:

bei YouTube ansehen

Vom patriarchalen Sprechen zur Sprache des Himmels.

Es ist diese Macht, die sich in unserer Kirche Kleriker genommen haben, die glauben, sie seien die einzigen, die predigen können. Menschen, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, ihre Perspektive sei die einzig richtige, ihr Sprechen über Gott habe Vorrang, ihre Ansicht sei die wichtigere. Aber das stimmt nicht. Gott ist nicht parteilich und Jesus will uns nicht zu Sklaven und Sklavinnen spiritueller Autoritäten machen. Vielmehr haben wir alle eine Stimme bekommen und dürfen sprechen so wie die Menschen in der heutigen Lesung, die – obwohl sie scheinbar nicht zu den erwählten gehören – von der Geistkraft beseelt werden und in der Sprache des Himmels stammeln. Unsere Geschichten und Sichtweisen sind wichtig, denn sie relativieren die Narrative, die in der Kirche zu oft und zu einseitig erzählt wurden und fügen ihr neue Geschichten und andere Perspektiven hinzu. 

Gott ist nicht parteilich und betont nicht die Unterschiede. 

Jesus will uns nicht klein halten und nennt uns nicht mehr Sklav*innen. Er betont das Verbindende: seine Liebe, das Gebot, das für alle gilt: Liebt einander wie ich euch geliebt habe.

Und die Geistkraft? Sie hat in der Bibel keine Stimme. Sie spricht nicht mit Worten zu uns. Aber sie tut das Entscheidende: sie kommt auf alle herab und verleiht uns die Fähigkeit zu sprechen. Nicht in der Sprache des Patriacharts, sondern in der Sprache des Himmels. 

Juliane Link

The Sky is the Limit?

Predigt von P. Max Cappabianca OP am 28. April 2024

english version below.

Liebe Schwestern und Brüder

Unser Semesterthema ist „Freiheit – the Sky is the Limit“. Letzen Sonntag haben wir uns in der Predigt Gedanken gemacht über den ersten Teil des Themas: die Freiheit. Das Christentum versteht Glauben als eine Bindung, zur Freiheit befreit. 

Aber über den zweiten Teil haben wir uns keine Gedanken gemacht: „The sky is the limit?“. Das ist ja erst einmal ein Paradox. Der Himmel zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Limits kennt und grenzenlos ist. Wenn das ironisch gemeint ist, dann bedeutet: Freiheit kenn keine Grenzen! Warum aber dann das skeptische Fragezeichen? 

Ich hab mir vorgenommen, eine kurze Predigt zu halten und auf zwei ganz einfache Gedanken hinzuweisen. 

Erstens: Freiheit ist tatsächlich grenzenlos und zugleich hat sie ihre Grenzen. Das hat im christlichen Weltverständnis mit der Einsicht zusammen, die wir letzte Woche bedacht haben. Meine Freiheit endet, wo die Freiheit des Nächsten beginnt. Aber das ist keine Konkurrenz, so als müssten wir uns gegenseitig die Ressource Freiheit streitig machen. Wahre Freiheit kann es ohne den andrem, das Gegenüber nicht geben. In diesem Sinne kann ich nur dann wirklich frei werden, wenn ich mich  auf den anderen einlasse, und mich – sozusagen – erst einmal einschränken lasse, um letztlich eine größere Freiheit zu gewinnen. 

Das ist alles sehr abstrakt gesagt, aber es entspricht unserer Erfahrung. Was für eine Freiheit wäre das, wenn wir dann letztlich einsam bleiben. Nur am Du werde ich zum Ich!

Und der zweite Gedanke über den Himmel und seine Grenzen ist mir persönlich sehr wichtig, Erst recht im Glauben hat der Himmel kein Limit. Es gibt ein altes deutsches Lied von Reinhard May „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos seine“ Für viele Menschen ist dieses Lied ein Anstoß geworden einmal über den eigenen engen Horizont hinaus zu blicken. Glaube heiß für mich immer: Neue Perspektiven zu entdecken, einen weiteren Horizont zu gewinnen. 

Kleingeistigkeit ist das Gegenteil der Weite, die uns der Glaube schenkt. Von daher ist für mich der zweite Teil des Semesterthema eine Ermutigung, keine Limits anzuerkennen. Wir vertrauen darauf, dass es mehr gibt, als das was wir gerade für möglich oder richtig halten. In diesem Sinne: Wirklich keine Limits für unsere Hoffnung, für unserm Glauben und für unsere Liebe. Amen.

 


Sermon by Fr. Max Cappabianca OP, 28/04/2024

Dear sisters and brothers

Our semester theme is “Freiheit – the sky is the limit?” Last Sunday in the sermon we had a reflection about the first part of the topic: freedom. Christianity sees faith as a bond which might be considered as a limitation. But the truth is: Thins bond liberates us to freedom.

But we didn’t think about the second part: “The sky is the limit?” This is, first of all, a paradox. Heaven is characterized by the fact that has no limits. If this is meant ironically, then it means: Freedom knows no limits! But if it is so why the sceptical question mark?

I decided to give a short sermon today. I would like to point out two very simple ideas.

First: Freedom is actually limitless and at the same time it has its limits. In the Christian understanding, this is related to the insight we considered last week. My freedom ends where the freedom of my neighbour begins. But this is not a competition, as if we had to compete with each other for the resource of freedom. True freedom cannot exist without the other. In this sense, I can only truly become free if I get involved with others and – so to speak – allow myself to be restricted in order to ultimately gain greater freedom.

This is all very abstract, but it corresponds to our experience. What kind of freedom would it be if we ultimately remain lonely. I only find myself when I engage with the others!

And the second thought about heaven and its limits is very important to me personally. Especially when it comes to faith, heaven has to have no limits. There is an old German song by Reinhard May “Freedom must be limitless above the clouds.” (Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein) For many people, this song has become an impetus to look beyond their own narrow horizons. For me, faith always means: discovering new perspectives, gaining a wider horizon. And ultimately: to trust, that there is “heaven”. 

Small-mindedness is the opposite of the breadth that faith gives us. Therefore, for me, the second part of the semester topic is an encouragement not to recognize any limits. We trust that there is more than what we currently think is possible or right. 

In this sense, my dear brothers and sisters: Really no limits for our hope, for our faith and for our love! Amen.

See Jesus and Follow Him

Student’s Sermon by Carlos Paz | KSG Berlin | 17.03.2024

Dear brothers and sisters in Christ,
In the middle of the challenges that encompass our lives, from the trials of a pandemic to the disturbing echoes of wars and the personal difficulties we each face, we gather here today with a common prayer: „Lord, we would like to see Jesus“.

Let us turn our hearts to the words of the Gospel, John 12:20-26, where Jesus responds to the fervent cry to see him. In a world full of complexities and uncertainties, the resonance of this cry touches each of us.

In your own reflections, consider the times when this longing to see Jesus resonated in your heart, especially in the face of challenges and uncertainties.

Jesus responds with a profound truth about the hour of glory. Like a grain of wheat falling to the ground, he speaks of sacrifice, letting go and the promise of abundant fruit. This metaphor reflects the sacrifice Jesus made for our freedom.

Let me share a personal story from the winter semester of 2021, a time of economic and emotional challenges. A desire to see Jesus led me to KSG in Erfurt, where a community of loving people embraced me, reminding me that I was not alone. Through sacrifice, I found support and connection, which led to unexpected opportunities and blessings.

Today, we express gratitude for Jesus‘ daily invitation to each of us to follow and serve Him. In my prayers, I searched for a place in Berlin to connect with the church, and the answer led me to Dominikus WG. The proximity to the church and the formation of strong friendships became a tangible expression of God’s grace.

As we consider our own willingness to strive to follow and serve Jesus, let us be inspired by the journey shared today. Even in the face of the challenges ahead, our faith, enthusiasm and commitment to following Jesus will guide us.

In closing, we will reflect on this journey: from the cry to see Jesus in difficult times to the response to follow and serve him. Our experiences, challenges and successes are testimony to the transforming power of faith.

May the cry to see Jesus guide us through uncertainties, and may the call to follow and serve him inspire positive change in our lives and communities. As challenges arise, let us face them with unwavering faith, enthusiasm and the assurance that in following Jesus we find strength and purpose.

Ich danke dir, dass ich so wunderbar gestaltet bin

Liebe Studierende, liebe Gäste der KSG Edith Stein!

Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß genau, wunderbar sind deine Werke.

So betet König David in einem Psalm.  Im Alten Testament der Bibel stehen 150 Psalme.  Es sind Gebete, in denen Schmerz, Leid und Anklage  thematisiert werden; Es sind Gebete, die Lob und Dank formulieren. Die Psalmen decken eigentlich alle Gefühlsstände  eines Menschen ab. Damals vor 3000 Jahren und auch heute. Der Vers, um den es heute in diesem Valentinsgottesdienst gehen soll, steht im Psalm 139, der von Gottes Allmacht und seiner wunderbaren Schöpfung erzählt.

Ich danke dir, Gott, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin.

Wer könnte diesen Satz so aussprechen, so laut vor anderen sagen oder still im Gebet vor Gott tragen? Habe ich so etwas schon mal gesagt, gebetet? Wir würden es heute etwas anders formulieren:  Danke, dass ich so ein toller, erfolgreicher Typ bin, danke, dass mir dies oder jenes gelungen ist….

Es gibt Menschen, die strahlen vor Selbstbewusstsein und  makelloser Schönheit, sind geschickt in Diskussionen und gehen scheinbar mühelos und schmerzlos durchs Leben. Ich denke, jeder von uns kennt Kommilitonen‘ innen an der Uni und Menschen in seinem Umfeld. Menschen, die mit Professoren und Professorinnen reden, als wäre sie befreundet, für die Prüfungen und Klausuren kein Thema sind, die immer mit anderen zusammen sitzen in der Mensa beim Essen, immer im Mittelpunkt stehen.

Als ich noch hier in der KSG gearbeitet habe, sind mir auch andere Studierenden begegnet,

Junge Menschen, die Zweifel hatten, ob das Studium das richtige ist, die sich überfordert fühlten von der Stadt Berlin, der Größe, der Hektik und den 1000 Möglichkeiten; die unsicher waren, ob sie mithalten können, ob sie hier her passten;

Junge Menschen, die verloren und einsam in dieser Stadt lebten, umgeben von Partys, Treffs und Kneipen;

Junge Menschen, die gekämpft haben mit dem Leistungsdruck in ihrem Fachbereich, mit dem Wissen um persönliches Versagen, der Unfähigkeit zu vergeben und Vergebung anzunehmen.

Junge Menschen, die mit sich selbst genug zu tun hatten, weil  sie in ihrem Körper nicht zufrieden waren, mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten  nicht zu recht kamen und sich selbst letztlich nicht so annehmen konnten wie sie waren.

Die Beobachtungen sind 10, 20 Jahre alt. Jetzt müsstest Ihr mir sagen, ob und was sich verändert hat. Was Ihr wahrnehmt in der Uni, in der KSG, in Eurem Freundeskreis.

Viele hätten diesen Vers nicht so sprechen können. Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß genau, wunderbar sind deine Werke.

Dieser Vers aus dem Psalm 139 ist eine große persönliche Herausforderung für mich. Einerseits ist es einer meiner Lieblingspsalmen. Ich mag die Bilder: Du umgibst mich von allen Seiten, egal, wo ich bin, Du Gott weißt von mir, bei dir bin ich geborgen.  Der Psalm erzählt von der Geborgenheit bei Gott, der Sorge und das  Gottes Wissen um mich! Das Bild, dass Gott mich auch am Ende der Welt aufsucht und mir nah ist, ist gewaltig und unfassbar. Das Wissen darum und letztlich das Vertrauen darauf haben mich durch einige Schwierigkeiten getragen in meinem Leben.

Aber andererseits ist dieser Vers schwierig: ich danke dafür, dass ich so bin wie ich bin –das geht mir schwer über die  Lippen, weil ich mich auch als ungenügend empfinde, nach anderen schiele rechts und links, mich vergleiche….

Was bewegt David, dem der Psalm zugeschrieben wird, so etwas zu schreiben?? In einigen Kommentaren heißt, dass David so von Bosheit, Gottlosigkeit und Treulosigkeit umgeben war, dass er einen Gegenpol dazu setzen wollte. Der Text ist  3000 Jahre alt  Die Situation damals vor 3000 Jahren war vielleicht ähnlich unserer Situation heute: Fake News, Gewalt, Suche nach anderen Göttern, Verrohung der Sprache, Grundsätze des menschlichen Umgangs und des demokratischen Miteinanders geraten ins Wanken.

David beschreibt in seinem Psalm, wie nah Gott dem Menschen ist, von Anfang an, sogar pränatal. David entwirft in seinem Psalm ein  Bild des menschlichen Körpers. Der menschliche Körper ist ein Kunstwerk, der an Komplexität, Einzigartigkeit und Kompliziertheit nicht zu überbieten ist. Jede Zelle hat ihre Bestimmung, jeder Körperteil seine Aufgabe. Wenn man sich allein vorstellt, was ein Mensch im ersten Lebensjahr alles lernt, welche Fähigkeiten entwickelt werden, was alles wie wächst und ineinandergreift. Vom hilflosen Säugling, der trinken, schlafen und kuscheln will zu einem Kleinkind, das krabbelt, sich hochzieht, greift und brabbelt, Kontakt mit anderen aufnimmt, beobachtet, sich Dinge und Vorgänge  merkt.  Die Anlagen dazu hat Gott in uns eingepflanzt. Ganz zu schweigen von dem Gehirn, das die Vorgänge im  Körper steuert, Warnsignale sendet, das denkt, Schlussfolgerungen  zieht, reflektiert, Fakten speichern und wiedergaben kann, Es ließe sich noch viel mehr zum menschlichen Körper aufzählen. Zu diesem Wunderwerk. Im Psalm heißt es: Ich weiß genau, staunenswert sind deine Werke, Ja, Gott, der Mensch ist ein Wunderwerk! Ja, so ein Wunderwerk bin ich,  ist jede und jeder einzelnen von uns. Auch wenn wir uns  manchmal  nicht so erleben und uns so bejahen können als Wunderwerk.  Die  persönliche  Herausforderung ist, dass wir uns gar nicht so fühlen oder meinen, uns nicht so fühlen zu dürfen.  Also der zweite Teil unseres Verses  ist etwas leichter zu beten: Ich weiß, staunenswert sind Deine Werke.

Aber da ist noch der erste Teil  des Verses: Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin.

Erlebe ich mich als Teil von Gottes Schöpfung, erlebe ich mich als einzigartig, erlebe ich mich als wunderbar gestaltet? Weil Gott mich ins Leben gerufen hat nicht nur meine Eltern, weil Gott mich anschaut, wie ich bin – darum bin ich wunderbar. Ich bin ein wunderbar gemachtes Geschöpf Gottes – Alter und Krankheit,  Tod und Versagen gehören zur Schöpfung und sind keine göttlichen Pannen. Dieser Psalm 139 ist eine väterliche und mütterliche Umarmung Gottes. Jeder Mensch ist wunderbar von Gott gemacht. Das ist ein Grundgedanke des christlichen Glaubens. Es spielt keine Rolle, was man glaubt, wie man aussieht, was man studiert oder arbeitet, wen man liebt, wie man lebt. Jedes Leben ist gleich wertvoll und von Gott gewollt.

Was müßte passieren , damit ich sagen kann: Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich würde gern einen Moment still werden und Euch einladen, dieser  Frage ein wenig nachzugehen

Stille

Ich glaube ein Schritt dazu ist, dass andere es mir sagen,  dass es mir gesagt wird, dass es mir zugesagt wird. Du bist ok so. Ich mag dich, weil Du du bist und du so bist, wie du bist.

Es gibt den Satz: das entscheidende Wort kann ich mir nicht selber sagen. Ich kann mir nicht selber sagen:  Ich liebe dich, ich verzeihe dir, ich vertraue dir. Das muß mir jemand anderes sagen! Martin Buber sagt:  durch das Du zum  ich! Es ist eine anstrengende Herausforderung, eine Lebensaufgabe, zu sich selbst zu stehen, sich immer wieder neu anzunehmen, die Brüche in der Biographie anzuschauen, die körperlichen und intellektuellen Einschränkungen zu akzeptieren.

Das entscheidende Wort kann ich mir nicht selber sagen. In der Vorbereitung des Gottesdienstes haben wir uns dazu Gedanken gemacht, wie das zum Ausdruck gebracht werden kann, wie es sichtbar und vielleicht  spürbar   werden kann hier heute in dieser Stunde.

Zum einen könnt Ihr einen persönlichen Segen empfangen, für Euch allein, für Euch und Euren Partner, Eure Partnerin, ob verliebt oder befreundet, toder  für ein besonders Anliegen. Segnen – benedicere – heißt etwas Gutes sagen. Wir Pater Max und ich werden im Namen Gottes Euch etwas Gutes sagen, Euch segnen, Euch  einen persönlichen Zuspruch geben.

Zum anderen laden wir ein zu einer besonderen Form des Friedensgrußes. Dazu nachher mehr.

Unser Psalmvers ist eine einerseits eine Herausforderung und andererseits eine Ermutigung, sich selbst als wertvoll und einzigartig anzunehmen, weil ich genau so bin, wie Gott mich gedacht hat.

Amen

Jonah and Cassandra

KSG Berlin 21.1.2024

Jonah and Cassandra

On Jonah 3, 1 – 5.10

 

Dear sisters and brothers,

what a tragic figure from Greek mythology is Cassandra!

A woman who constantly talks about the future and proclaims the truth, but no one believes her. To tell the truth and to be heard at the same time – that is a difficult task. With Cassandra, it doesn’t want to work at all.

Cassandra, one of the daughters of the Trojan king Priam, thus possessed the gift of foreseeing and predicting the future, but no one believed her.

One of the explanations of how this came about was a kind of relationship breakdown: the beautiful Apollo fell in love with the king’s daughter Cassandra and gave her the seer’s gift as a present. But because Cassandra didn’t want to give in to Apollo’s desires in the long run, he soured the gift a bit: The seer gift remained, but Apollo added the curse that nobody would believe her.

What a drama: You know everything and use the opportunity to predict people’s future, but you are not believed. It’s not nice to receive such a prophetic gift…

The context of my introduction about Cassandra is the Old Testament reading that we heard today. It is about a story that is at least as well known as that of Cassandra:

Jonah and the city of Nineveh. Well, Jonah is more commonly associated with the story of the fish that swallowed him and Jonah had to stay in its belly for some time until he was allowed out again.

But the fish is not at all the point of our story.

Then the Lord says to Jonah:

„Set out and go to Nineveh, to the great city, and threaten it with all that I will say to you.“

And Jonah does. He walks through the city for three days (because it had been a great city) and cries out, „Forty more days and Nineveh will be destroyed!“

And this has an effect. The people are horrified, repent, and God is pleased. It is said that God repented of his own message of doom and took it back.

Good for Nineveh that God was so inconsistent!

 

Jonah wants to flee because he is afraid of his own message. When he announces unpleasant things to the inhabitants of Nineveh, he does not know what it means for himself. After all, it was not impossible that the inhabitants would react allergically to such prophecies.

There is nothing else left for him: Either he takes over God’s order or he evades this order.

He does it like a civil servant: If he has to do something unpleasant or something he doesn’t like, he doesn’t say „No, I won’t do it,“ but he mumbles a „Yes“ and simply forwards the case to the superior. Then, in any case, you don’t do anything wrong.

Because God doesn’t go along with that: Whoever bears responsibility must also accept it and cannot evade it by running away.

In our reading, we are almost at the end of the process: In the meantime, Jonah has decided to fulfill his mission. He goes into the city and calls out the commanded threat.

And what happens?

The completely unexpected.

He is not lynched, but they people are horrified, acknowledge their guilt and atone.

And God Almighty, in his wisdom, revises his own decision and leaves the city free.

 

Cassandra would have been glad if her prophecy had been listened to as in the case of Jonah.

But Jonah was not glad! Because one has listened to his prophecy and has adjusted 100% to the problem. But this makes Jonah untrustworthy: Because nothing happens after 40 days.

Was it because of the conversion of the people or was it because the announcement of Jonah seemed only the shouts of a strange man?

The unheard truth of Cassandra left her the role: her shouts were in the truest sense of the word Cassandra shouts, but the warning which is not heard at first, but which will be fulfilled later.

The Jonah was left only the role of the fool who threatens, but nothing happens.

What the right predictions of Cassandra did not achieve, the word of Jonah brought about, which, however, unfortunately thereby becomes a wrong (!) prediction. This makes him potentially a false prophet in the eyes of the people.

 

It is not about the fact that one stands as a fool in his external presentation, that one is hurt in his vanity!

It is about the fact that you have to fulfill a mission, where you yourself are not so important, but the mission itself, that is everything decisive.

 

Because Jonah fulfilled the mission to threaten, because he announced something that did not come to pass, he saved the people of the city of Nineveh, because it was only through his appearance that they came to their senses, turned around and were thus allowed to go on living.

We see, selflessness – even at the cost of one’s good reputation – can be of benefit.

When I look at it like this, I would rather be a misunderstood Jonah who saves than a Cassandra who is not understood, but not only prophesies disaster, but this also becomes a cruel reality.

Amen!

 

Thomas Eggensperger OP