ROT – eine Frauengeschichte voller Geist und Liebe

Predigtreihe: „Colors of Hope – Hoffnung im Advent“

Predigt am 4. Advent, Lesejahr C, 22. Dezember 2024, KSG Edith Stein Berlin

© Prof Dr. Ulrich Engel OP, Berlin


Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,

„Liebe ist rot“ – so hatte ich meine Predigt zu den „Colors of Faith“ beim Semestereröffnung im Oktober begonnen: Liebe ist rot. Warum eigentlich? Zwei Antworten will ich versuchen (im Wissen darum, dass es noch viele weitere gäbe):

  • Kulturanthropologisch ist die Farbe Rot mit dem Herzen verbunden, dem Zentrum von Liebe und Leidenschaft. Das Herz wird häufig leuchtend rot dargestellt, und diese Verbindung hat dazu beigetragen, dass Rot zu einem kraftvollen Symbol der Liebe geworden ist. Hinter der Symbolik stehen Erfahrungen: uns kann das Blut zu Kopf steigen, man wird rot, weil man sich schämt, weil man zornig ist oder aufgeregt oder vor Verlegenheit. Oder ich werde rot, weil ich verliebt bin.1
  • Im Christentum ist die Symbolverbindung anders konstruiert. Hier steht das Rot zuerst für den Heiligen Geist. Aber auch die Geistkraft hat mit der Liebe zu tun. Denn die flammendrote Herabkunft des Geistes verheißt nicht weniger als die pfingstliche Umformung der Welt in allumfassende Liebe. Dementsprechend wird die rû aḥ ( ַרוּח), die Heilige Geistin, auch als das Band der Liebe bezeichnet, das Menschen und Gott und Menschen und Menschen eint: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 5,13)

Liebe Gemeinde,

von diesen beiden Aspekten der Farbe Rot erzählt auch die heutige Perikope aus dem Lukasevangelium. Es ist die alte und altbekannte Geschichte von der „Heimsuchung Mariens“. So nannte die Kirche die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth früher.2

Ich vermute, dass vielen von uns der Text wohlvertraut ist. Unzählige Male ist das Geschehen in der Bildenden Kunst dargestellt worden. Und weil die Evangelienperikope so bekannt und ikonisch omnipräsent ist, lohnt es sich, noch einmal genauer hinzuschauen.

Erzählt wird uns von Lukas eine Frauengeschichte.2 Elisabeth und Maria begegnen sich. Sie sind miteinander verwand. Elisabeth wohnt in Bethanien, Maria in Nazareth. „Der etwa 120 km lange Weg durchs Gebirge ist Maria vertraut, geht sie ihn doch mindestens einmal jährlich bis nach Jerusalem. Bethanien liegt 7 km von der Hauptstadt entfernt.“3

Die eine der beiden ist alt mit weißen Haaren und faltigem Gesicht, die andere ein Teenager. Zwei Frauen, die das Schlimmste kennen gelernt haben. Elisabeth ist kinderlos geblieben – so ungefähr das Allerschlimmste, was einer Frau passieren konnte, damals. Außerst peinlich vor den Nachbarn. Da konnte man rot werden. Und das andere Allerschlimmste, was Frauen passieren konnte, war ein uneheliches Kind zu bekommen – wie Maria. Ebenfalls zutiefst beschämend damals. Wer da nicht rot wurde, wenn Nachbar*innen sich das Maul zerrissen …

So weit, so schlimm. Und doch sagt ein Engel beiden Frauen zu: Das Allerschlimmste muss nicht das Allerschlimmste bleiben. „Denn für Gott ist nichts unmöglich.“ (Lk 1,37) Elisabeth ist bereits im sechsten Monat schwanger. Und Maria, ebenfalls in Umständen, weiß sich trotz des fehlenden biologischen Vaters selig gepriesen (vgl. Lk 1,48b).

Liebe Zuhörer:innen,

im Hintergrund der Evangelienszene ist für einen Menschen der damaligen Zeit aber noch mehr zu sehen. Denn man war zumeist gut vertraut mit den alten biblischen Schriften, den Texten der hebräischen Bibel, die wir als das „Erste“ oder „Alte Testament“ bezeichnen.

Hinter Elisabeth und Maria konnten die Menschen damals noch andere Frauen sehen:

Frauen, die ganz ähnliche schlimme Erfahrungen durchmachen mussten, Frauen aus der Geschichte Gottes mit seinen Menschen, denen ebenfalls Schlimmes und Wunderbares widerfahren war. Sie alle treten im Hintergrund der Begegnung zwischen Elisabeth und Maria aus dem Schatten der Vergangenheit hervor:

  • „Sara ist da, Abrahams Frau. Auch sie hat noch ein Kind bekommen zur Unzeit, nach endlosen Jahren ohne Hoffnung. Weiße Haare, ein faltiges Gesicht und ein schwangerer Bauch.3
  • Hanna ist da, auch sie lange kinderlos, mit ihren Tränen und inständigen Gebeten und dem Gesicht voller Schamesröte und Schmerz, die Mutter des Propheten Samuel.
  • Und ebenfalls Ruth und Naomi sind da, die junge Frau und die alte, nach Israel gekommen als Asylantinnen ohne eine Zukunft und später durch ein Kind eingeschrieben in den Stammbaum des großen Königs David.“4

So kann es zugehen bei Gott. Unmöglich ist da nichts. Das wissen Elisabeth und Maria, als sie sich begrüßen, die alte und die junge Frau.

Und alle diese Frauen – die aus dem Vordergrund und die im Hintergrund – alle sind eingeschrieben in das Lied, das Maria nach dieser Begegnung anstimmt. Maria singt es allein. Aber eigentlich ist es ein Chor. Der Chor all der Frauen, die Schlimmes und Allerschlimmstes erleiden mussten und denen Wunderbares zuteil wurde. Und dieser All-Women-Choir singt: „Unsere Seele preist die Größe des Herrn / und unser Geist jubelt über Gott, unseren Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Mägde hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen uns selig alle Geschlechter.“5

Liebe Schwestern und Brüder,

hier ist die Farbe Rot wieder da, wenn Maria und mit ihr der doppeltestamentliche geschichtsübergreifende Frauenchor jubelnd ihren „Geist“ besingen: „und unser Geist jubelt über Gott, unseren Retter“.

Und von der Geistin, griechisch: πνεῦ μα, lateinisch: spiritus, von der hier die Rede ist, heißt es fünf Verse zuvor, dass es Heiliger Geist ist, der die Frauen erfüllt (vgl. Lk 1,41c). Der Geist Gottes ist vor allem in die verliebt, denen Schlimmes und Allerschlimmstes zugestoßen ist und auch heute zustößt. Ihnen sagt die göttliche Geistkraft zu: Das Allerschlimmste wird nicht das Allerschlimmste bleiben. Denn für Gott ist nichts unmöglich.

Dass es wirklich so ist, das hoffe ich.


1 Vgl. Eva Heller, Wie Farben wirken, Reinbek bei Hamburg 2008, 53.
2 Zum Folgenden vgl. Kathrin Oxen, Angesehen. Predigt zu Lukas 1,26–38(39–45), unter: https://predigten.evangelisch.de/predigt/angesehen-predigt-zu-lukas-139-47-von-kathrin-oxen [Aufruf: 17.12.2024].
3 Herta Handschin OP, Maria besucht Elisabeth daheim [02.02.2017], unter: https://www.klosterilanz.ch/de/wortwoechentlich/archiv/maria-besucht-elisabeth/ [Aufruf: 17.12.2024].
4 Oxen, Angesehen.
5 Lk 1,46b–48. Gegen den Wortlaut des Originals und der EU/2016 ist das Zitat hier in den Plural gesetzt.

Gelb/blau – rot/grün – Goethes „Farbenlehre“ und der Jubel- Prophet Zefanja

Predigt von P. Thomas Eggensperger (OP) am 15.12.2024 in der KSG Berlin


„Wäre nicht dein Auge sonnenhaft,
wie könnt‘ es je die Sonn‘ erblicken?
Wes’te nicht in uns die eigene Gotteskraft,
Wie könnt‘ uns Göttliches entzücken?“

Liebe Schwestern und Brüder,
mit diesem etwas für heutige Verhältnisse seltsamen Spruch möchte ich meine Predigt beginnen.
Die Zeilen stammen von Johann Wolfgang von Goethe, dem deutschen Nationalheiligen der Literatur und Wissenschaft.
Der Text ist fast so pathetisch wie das Jubellied des Propheten Zefanja, das wir gerade gehört haben:

„Juble Tochter Zion! Jauchze Israel!
Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem“
(Zef 3, 14)

Die Anlässe können unterschiedlicher nicht sein.
Zefanja, der Prophet, der in der Heiligen Schrift seitenweise Unheil und Untergang ankündigt, beginnt in unserem 3. Kapitel mit einem Jubellied. Ich habe nur die ersten Zeilen zitiert, aber es ist ein Lied der Freude, dass der Herr mit dem Volk ist.

 

Goethes Verse stehen in einem ganz anderen Zusammenhang. Er hat eine große Studie verfasst über die Farbenlehre. Es hat sich auseinandergesetzt mit den Farben, die der Mensch sieht und mit den Farben, die etwas ausdrücken und damit den Menschen auch beeinflussen.
Und diese Zeilen zu Beginn meiner Predigt sind die ersten Worte in seiner Schrift „Über physiologische Farbenerscheinungen“ (1805). Da Farben gesehen werden, ist das Auge eben ein wichtiges Organ, das es zu berücksichtigen gilt. Was Goethe in seiner Theorie erkannt hat und uns präsentiert, dass ist die Bedeutung von Farben.

Und weil wir das auch wissen, beschäftigen wir uns in dieser Predigtreihe mit den Farben.
Goethe ist ehrlich genug, uns darüber zu informieren, dass er den Text nicht alleine erfunden hat, sondern dass er zurückgeht auf den antiken Philosophen Plotin. Beide – Goethe und Plotin – halten es für wichtig, sich mit der Farbtheorie zu beschäftigen, wobei es ihnen nicht so sehr um die Physiologie geht, sondern vielmehr um die innere Welt des Menschen.
Die innere Welt – ein geheimnisvoller Ort des Schauens, Fühlens, Erkennens und Verstehens.
Ein innerliches Vermögen, das eng verbunden ist mit Religion. Das Herz gilt – schon bei den alten Ägyptern, aber auch bei den Autoren der Hl. Schrift – als innerliche Mitte des Menschen.
Die Griechen dann werden nicht das Herz, sondern den Geist zur Mitte des Menschen machen.
Auch gut – wir heute denken an beides, wenn es um das Innere des Menschen geht – sowohl das Herz als auch der Verstand spielen ihre Rolle.
Und Goethe bringt jetzt Farbe ins Spiel.
Warum beschäftigt sich ein Geisteswissenschaftler und Literat, wie Goethe es war, mit der Theorie von Farben? Genau aus diesem Grund wie es Plotin getan hat – es ging Goethe am Ende um die sinnlich erfahrbaren Erscheinungen des Lebens. Die Farben an sich sind nicht nur Farben, sondern sie drücken etwas aus und sie beeinflussen das menschliche Leben, den menschlichen Geist, das Innere des Menschen.
In seinem voluminösen Werk der Farbenlehre – es ist fast 600 Seiten dick – beschäftigt sich Goethe ausführlich mit der Theorie – er befasst sich mit der Beschaffenheit des menschlichen Auges, mit den Folgen von Hell und Dunkel, mit den Farbschattierungen. Darauf möchte ich in dieser Predigt nicht weiter eingehen.
Aber er spielt mit dem Wechselverhältnis von Wirklichkeit, von Realität, einerseits und der Erscheinung, der Idee andererseits. Denn beides gehört zusammen.
Er schreibt:
„Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß ich’s Wahrheit. Und so kann Jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.“
Also: Jeder von uns hat seine Vorstellung von Wirklichkeit, seinen Blick auf Farben. Und dennoch – auch wenn jeder ganz unterschiedliche Vorstellungen hat, jeder seine Interpretation dessen hat, was er für Wirklichkeit hält – am Ende ist die Wirklichkeit immer die Gleiche für alle von uns.
Das gilt auch für die Farbe, das Farbspektrum von hell und dunkel, von gelb und blau, von rot und grün. Helligkeit und Dunkelheit gehen ineinander über, auch Farben: Wenn man sie mischt, verändern sie sich – rot wird zu orange, orange zu grün, grün zu blau und blau zu rot etc.
Goethe versucht sogar zu zeigen, wie die einzelnen Farben auf das menschliche Gemüt einwirken.
Licht erfreut die Seele, Dunkelheit macht traurig. Weiß ist die Farbe der Freude, gelb ist die Farbe des Lichtes, rotgelb wirkt aufmunternd usw.

Und so schreibt Goethe in einem Brief über seine Farbentheorie:
„Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.“

Und da haben wir es wieder: Die Freude und das Jauchzen, so wie wir es beim Propheten Zefanja gehört haben:

„Juble Tochter Zion! Jauchze Israel!
Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem“

Sowohl Goethe als auch Zefanja stellen die Sinnfrage – die Frage nach dem Sinn des Lebens des Menschen.
Goethe geht es um die Lebensfreude, Zefanja geht es um die Befreiung/Erlösung.

Eine wirklich farbenfrohe Denkweise, die beide an den Tag legen und die uns helfen, die Freude am Leben zu gewinnen.

Amen!


Literatur:

Annette Haußmann / Peter Schüz, Zur Einführung. Die (Wieder-)Entdeckung der Welt, in: Diess. (Hrsg.), Die Entdeckung der inneren Welt. Religion und Psychologie in theologischer Perspektive, Tübingen 2021, 1-10.

Philippe Laügt, Der Prophet Zephanja, in: https://www.bibelkommentare.de/get/cmt.360.pdf

Wolfgang Peter, Goethes Farbenlehre. Eine Einführung, in: https://anthrowiki.at/images/c/cd/Goethes_Farbenlehre.pdf

GELB – Hoffnung wächst im Dunkeln

Predigt von Nicole Oster

Ich liebe Kerzen und das Licht, das sie verbreiten. Zu Hause habe ich einige Kerzen, viele zu schön anzusehen und manche sogar mehrmals, weil ich sie so schön finde. Ich finde es immer wieder faszinierend, dass eine kleine Kerze einen großen Raum erhellen und gemütlich machen kann. Oft braucht es nur ein Teelicht und alles ist heller, wärmer, hoffnungsvoller.

Wie schön wäre es, wenn das auch einfach mit der Welt und den Krisen funktionieren würde. Kerze anzünden und zack, eine Krise und Sorge weniger. Denn wenn ich mich so in der Welt umschaue und die Nachrichten lese, ist das viel Schwere, Kälte und Dunkelheit. Und da frage ich mich, wo da Licht oder Hoffnung herkommen soll…

So ähnliche Fragen und Sorgen dürften auch die Menschen beschäftigt haben, die zur Zeit der Abfassung des Evangeliums gelebt haben. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels, die Christenverfolgung,…und viele weitere Sorgen. Manche glauben, dass damit die Endzeit, die Apokalypse anbricht. Im Evangelium ist von Zeichen an Sonne, Mond und Sternen die Rede, vom T oben des Meere und Kräften des Himmels, die den Erdkreis erschüttern werden. In all dem Hoffnung zu bewahren, ist nicht leicht. Verständlich, dass die menschen das reich Gottes herbei sehnen.

Doch die Welt geht nicht unter. Jesus kommt nicht in einer Wolke vom Himmel. Doch ist er da, der Menschensohn. Wir haben seine Worte, die Zusage, dass er da ist und die heilige Geisteskraft. Wir haben Gemeinschaft und Zusammenhalt. Wie wir auch in der zweiten Lesung gehört haben: “Der Herr lasse euch wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, damit eure Herzen gestärkt werden.” Es klingt ein wenig pathetisch und zu einfach, zu sagen “love is the answer” und doch glaube ich daran.

Dass Liebe helfen kann, in Krisen nicht zu verzweifeln, sondern die Hoffnung zubewahren.
Dass Liebe die Dunkelheit besiegen kann. Wenn wir von der Hoffnung reden, sie verbreiten.

Der Zusammenhalt, die Verbindung und der Austausch mit Menschen ist das, was mir Hoffnung gibt und hilft, die Krisen zu überstehen, ja vielleicht sogar sie zu bekämpfen, dass sie kleiner werden.

Hoffnung wächst im kleinen, im Dunkeln. Und doch reicht eine kleine Kerze, um einen Raum zu erhellen.

Um es mit Worte von Albus Dumbledore zu sagen:

“Aber glaubt mir, dass man Glück und Zuversicht selbst in Zeiten der Dunkelheit zu finden vermag. Man darf bloß nicht vergessen ein Licht leuchten zu lassen.”

Glauben in krisenhaften Zeiten

Predigt am 33. Sonntag im Jahreskreis B

© Prof Dr. Ulrich Engel OP, Berlin


Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,
unzweifelhaft leben wir in krisenhaften Zeiten. Ob es die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine sind, ob die Angriffe auf die liberale Demokratie in Ungarn oder den USA, ob es um Hate Speech in den Sozialen Netzwerken geht oder um ideologisch festzementierten Rechtsextremismus, um Massenentlassungen in der Automobilindustrie und ihren Zulieferbetrieben geht, ob um das Erreichen des 1,5-Grad-Kipppunkts bei der Erderwärmung, um Fluchtbewegungen hunderttausender Menschen im und aus dem Globalen Süden, um den massenhaften sexualisierten oder spirituellen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche, um zum Teil massive psychische Beeinträchtigungen, unter denen zunehmend mehr Jugendliche und Kinder leiden… – die Zahl der Krisen ist Legion. Und aufgrund ihrer medialen Allgegenwärtigkeit kann sich niemand ihrer Wirkung entziehen. Wir leben in krisenhaften Zeiten und merken das auch.

* * *

Frage: Gehen wir Christ*innen anders mit diesen großen Krisen um? Ich frage nicht, ob wir angesichts der multipolaren Konflikte bessere Lösungen zu bieten haben als andere.
Mich interessiert dabei vor allem unsere je persönliche Reaktion auf diese Krisen. Ganz konkret: Wie gehe ich als Christ*in mit Krisen um?

Sicher ist: Jeder Mensch hat andere Voraussetzungen und Muster, mit Krisen und existentiellen Bedrohungen umzugehen. Das hat mit meinem Charakter zu tun und mit meinen Lebenserfahrung. Frauen ticken oft anders als Männer – und Frauen auch anders als Frauen, und Männer anders als Männer. Ganz sicher spielt die Biographie eine entscheidende Rolle.

Aber bereits in meiner Kindheit wie auch in meinem Erwachsenenleben spielt mein Glaube dabei eine Rolle. Wobei ich „Glaube“ in diesem Zusammenhang ganz weit verstehe:
mein Glauben an das Gute im Menschen, mein Glaube an einen Sinn, der alles zusammenhält, mein Glaube an mich und meine Fähigkeiten, meine Kreativität und meine Begabungen. „Glaube“ meint hier vor allem „Vertrauen“.

Darüber hinaus kann aber auch mein Glaube an Gott und Jesus Christus Einfluss haben auf meinen Umgang mit Krisen prägen.

Liebe Gemeinde,
die heutige Perikope aus dem Markusevangelium (Mk 13,24–32) überliefert uns eine Rede, die Jesus im Tempel von Jerusalem gehalten hat. Dort, wo die prachtvolle Architektur des Tempels Unerschütterlichkeit und ewige Dauer suggeriert, spricht Jesus davon, dass sich die „Sonne verfinstert […] und der Mond […] nicht mehr scheinen [wird]; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“

In der Bildsprache der Bibel bedeutet das: Alle verlässliche Ordnung wird erschüttert werden. Auf alles, worauf sich Menschen verlassen haben – Sonne, Mond, Sterne, die Gestirne zur Orientierung und Ordnung des Tages – steht in Frage. Nichts wird bleiben, wie es war.

Dieses Gefühl der Desorientierung kannten nicht bloß die Menschen des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Im Gegenteil: das Gefühl des Orientierungsverlusts kennen viele Menschen heute genauso – und erfahren es oft als noch größere persönliche Infragestellung: z.B. wie in Spanien, wo im Raum von Valencia viele Familien Hab und Gut und Angehörige oder Freunde in den Wassermassen verloren haben – genauso wie sie in Folge davon viel von ihrer selbstverständlichen Sicherheit im Leben verloren haben. Corona hatte zuvor schon den Alltag vieler, besonders junger Menschen, verunsichert. Und anderswo auf der Welt ist es gang und gäbe, dass Menschen damit zurecht kommen müssen, dass da kein stabiler Staat existiert, der ihnen und ihren Kindern Sicherheit gibt.

Das Gefühl der Desorientierung verbindet uns Einwohner*innen Berlins im 21. Jahrhundert auf direktem Wege mit den Menschen der Bibel.

Liebe Gemeinde,
im Angesicht des Tempels in Jerusalem, der doch so viel Solidität und Sicherheit ausstrahlt, ruft Jesus solche Bilder und Erfahrungen der Orientierungslosigkeit und des Chaos
auf. Und trotzdem vertraut er auf Gott.

Was lesen wir im Evangelium über dieses Vertrauen?

  1. Jesus vertröstet nicht auf den Himmel. Statt dessen orientiert er sich am Himmel. Das macht den Unterschied aus. Vertröstung verschiebt Lösungen in eine unbekannte Zukunft – nach dem Motto: „… später mal!“ Orientierung hingegen greift jetzt. Hier und heute. Ganz konkret: in meinem Studienalltag, in meiner Partnerschaft, in meiner
    WG…
  2. Jesu lässt sich ganz auf seine Zeit und Welt ein und ist in seinen Gebeten und Gedanken doch jederzeit mit dem Himmel verbunden. Das ist doch das Zentrum unseres glaubenden Vertrauens in Gott: Gott selbst ist in dem Baby von Bethlehem Mensch geworden. In allem Chaos und aller Orientierungslosigkeit kö nnte „glauben“ dann bedeuten: an der Seite Jesu Gott, seinem und unserem Vater vertrauen.
  3. Zu keiner Zeit ist es Christ*innen leichtgefallen, diese Spannung auszuhalten. Wir leben hier, aber „unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20). So heißt es im Brief des hl. Paulus an die Gemeinde in Philippi.

Wie geht das? Vielleicht so:

  • Wir bauen an Strukturen, planen Projekte, organisieren unser Miteinander in Staat, Gesellschaft und Kirchen – und vertrauen zugleich darauf, dass Gott mehr für uns bereit hält, nicht zuletzt dann, wenn unsere tollen Pläne und unsere ehrgeizigen Projekte scheitern.
  • Wir teilen mit allen anderen Menschen auf diesem Planeten Angste und Sorgen – aber wir üben uns ein in Vertrauen, das darauf setzt, dass Gott und seine Liebe am Ende das letzte Wort behalten und eben nicht das Chaos.

Die Spannungen bleiben enorm. Trotzdem bin ich ganz tief in meinem Herzen davon überzeugt, dass Gott uns hilfreich zur Seite geht, wenn wir – wo und wie auch immer – gefordert sind, solche Spannungen auszuhalten.1

Amen.


1 Meine Predigt greift zurück auf eine Vorlage von P. Martin Löwenstein SJ aus dem Jahr 2021 und schreibt diese für den aktuellen Kontext weiter: https://martin-loewenstein.de/predigt-33-sonntag-im-jahreskreis-b-2021.html [Aufruf: 09.11.2024].

Blinder Fleck

Gedanken von Sarah Delere

zur Lesung 1 Kön 17, 10–16 und dem Evanglium Mk 12, 38-44


Schriftgelehrte mit edlen Anzügen und wichtigen Titeln setzen sich in die erste Reihe und werden da manchmal auch sehr gerne gesehen: Nun gut, Schulterzucken, in einer Hochschulgemeinde dürfen viele von uns mit dem Uni-Kontext vertraut sein und Kritik daran ist ja irgendwie auch leicht. Wir stecken zwar drin, aber ohne Prof. Dr. und erste Reihe fühlt man sich vielleicht nicht so getroffen von Jesu Warnung. Anderen Demut zu verordnen ist immer leicht.
So weit, so oberflächlich. Mir scheint, dass die Lesungen des heutigen Tages uns eine andere Aufgabe stellen. Denn sowohl das erste Königebuch wie auch das Markus-Evangelium haben zwei Witwen als Protagonistinnen. Diese beiden Witwen möchte ich heute in den Blick nehmen. Dazu braucht es zunächst einige Hinweise zu Witwen und Schriftgelehrten.

Witwen

Witwen sind ähnlich wie heute auch in der Bibel keine homogene Gruppe. Wir kennen einige reiche Witwen, die abgesichert waren und deren Lebenssituation vermutlich die der persischen Oberschicht widergespielt haben dürfte. Vor allem aber begegnet uns wie in unserem heutigen Text das Stereotyp der armen Witwe. Es ist ein Klischee, aber eines mit realistischem Hintergrund: Witwen hatten zu den Entstehungszeiten unserer Texte keinen rechtlichen Schutz und waren arm mit Blick auf ihre materielle Situation und ihre Partizipationsmöglichkeiten. Diese Situation dürfte sich dann noch einmal verschärft haben, durch die Dürre, die uns im Königebuch geschildert wird. Mehr Krise geht kaum.

Schriftgelehrte und Opfer

In was für einem Kontrast werden die Schriftgelehrten dargestellt, denen die klare Warnung Jesu gilt. Bei aller literarischen Polemik und Überzeichnung, gibt es auch hier einen historischen Kern. Schriftgelehrte waren der Schrift und der Auslegung kundig. Sie hatten studiert, in gewisser Form also das religiöse Deutungsmonopol. Das machte sie angesehen und reich. Sie verfügten über finanzielle Sicherheit, die sie zum Teil sogar noch als vermeintliche Rechtsbeistände der nicht abgesicherten Witwen aufbesserten („Sie fraßen ihre Häuser auf“). Diese Schriftgelehrten – nicht alle – saßen nach einigen Schilderungen auf eigenen, hervorgehobenen Stühlen und nicht beim Volk und beteten demonstrativ lange. Die soziale Not der Armen nutzten sie entgegen den jüdischen Geboten trotzdem aus.
Dabei geben uns der historische Kontext und der Blick in den Text auch gleich zwei Leitplanken mit:

  1. In den Auseinandersetzungen Jesu sind Schriftgelehrte nicht per se schlecht. Es gibt einige, denen er attestiert nahe am Reich Gottes zu sein. Ziel ist also keine Verdammung der jüdischen Gebote und keine Wissenschaftsfeindlichkeit – das muss die theologische Doktorandin auch hoffen…
  2. Diese armen Witwen sind keine Romantisierung von Armut! Weder intellektuell noch materiell.

Machtproduktion / Herrschaftskritik

Mir scheint, dass der gerade aufgezeigte sozialgeschichtliche Hintergrund uns in eine andere Richtung weist. Diese Spur führt zu Produktion von Machtverhältnissen und Herrschaftskritik.

Die zwei Witwen sind namenlos. Wie so viele Menschen am Rande heute noch. Dennoch werden sie zu den zentralen Akteurinnen (nicht Empfängerinnen!) von Gottes Botschaft. Man kann mit Elija hadern, ob er gerade von einer armen Frau noch einmal das letzte Brot vor ihrem Tod fordern musste. Ob das nicht anmaßend ist. Aber so paradox es klingen mag: die Herrschaftskritik, sieht man auch daran, dass Elija nicht nur die Witwe in ihrer Entscheidung bestätigt (es gibt dann ja Essen). Sondern auch sie auch ihn. Sie, die Witwe, bestätigt Elija. Elija braucht die Hilfe Gottes und die der Witwe, um die Hungersnot zu überleben. Wie der Vers vor unserem Text erzählt, schickt Gott Elija deswegen nach Sarepta zu einer Witwe. Diese
Witwe ist eigentlich diejenige, die auf die Hilfe anderer angewiesen ist und dennoch bleibt sie in ihrer eigenen Not offen für die Not eines anderen.
Elija gibt ihr dieses „Fürchte dich nicht“ und die Zusage von Essen – und sie vertraut dem. Obwohl es sich aus ihrer Sicht um einen Ausländer und einen ausländischen Gott handelt. Ihre Entscheidung, ihr Gang in ein existenzielles Risiko lassen den Plan Gottes aufgehen, den Propheten Elija nicht verhungern zu lassen. So bezeugt sie, die arme Frau in der Fremde, den Gott Elijas. Sie leiht ihm ihr Handeln.
Ähnlich ist es bei der zweiten Witwe im Markus-Evangelium. Sie, die im Gegensatz zu den Schriftgelehrten über keine formal-abstrakte Bildung und kein gesellschaftliches Ansehen verfügt, wird zum Vorbild. Auch hier kann man fragen, ob es sein muss, dass sie mehr gibt als notwendig war (das stellt der Text interessanterweise nicht in Frage). Wie dem auch sei – die arme Witwe opfert. Vermutlich nennt sie ihren vermeintlich kleinen Betrag dem Priester und er erfährt durch die Worte Jesu eine neue Bedeutung. Ihr Setzen ihres Lebensunterhaltes, ihrer Existenzgrundlage erfährt die Bestätigung – im Gegensatz zum langen Beten der Gelehrten.

Aber was würde Jesus sehen, wenn er heute in den Vor- und Innenhöfen unserer Tempel wanderte und in die Schatzkammern schaute? Sie, die stumme Namenlose, regt uns zur Frage an, wo Menschen am Rande unserer Gesellschaft Gott in einer Weise bezeugen und zur Sprache bringen, für die wir taub geworden sind. Weil

  • wir unsere eigene Machtstellung in Kirche gar nicht mehr sehen – auch wenn auch hier nicht alle gleich sind
  • wir in globalen und finanziellen Ungleichheiten leben
  • wir uns auch ohne Prof. Dr. an unsere Privilegien als Akademikerinnen gewöhnt haben
  • wir uns an eine Sprache halten, die Bilder und theologische Sprache von Gott alleinig vorgibt und nicht an der Erfahrungswelt von Menschen ansetzt. Und so auch Gott wenig zutrauen.

Ich will und werde da niemandem etwas vorgeben, aber ich vermute jeder von uns wird da irgendwo bei einem blinden Fleck fündig. Seit Markus Zeiten drohen Arme in unseren Kirchen an den Rand gedrängt zu werden. Ohne sie als vermeintlich gleichförmige Gruppe zu sehen, aber wären Sie präsent wie alle anderen, würde sich vielleicht etwas verschieben oder verändern. Nicht weil die Aufgabe von Betroffenen ist, andere auf ihre Privilegien hinzuweisen, sondern weil Lebensumstände eben prägen. Manche Rede und manche Handlung würden vielleicht irritieren wie diese Texte heute. Vielleicht würden wir uns sogar ertappt oder angegriffen fühlen. Wie alles sollten wir sie prüfen. Aber prüfen – nicht abtun. Das Gute ist schließlich, dass derartige Kontexte nie unabänderlich sind. Nicht an Universitäten und nicht in Kirchen. Gerechtigkeit erfordert das Nutzen unserer jeweiligen Handlungsmacht, dann dürfen auch wir auf Bestätigung hoffen. So wie die beiden Witwen, die ihre Handlungsmacht aktiv genutzt haben.

Literatur:

  • Gnilka, J. (1989) Das Evangelium nach Markus, Mk 8,27-16,20. 3. durchgesehene Aufl. Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 2/2. Zürich: Benziger; Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, S. 173-178.
  • Häusl, M. & König, H. (2016) ‚Eine Handvoll Mehl im Topf – Armut und Geschlecht in der Bibel und in antiken christlichen Quellen‘, in Häusl, M., Horlacher, S., Koch, S., Loster-Schneider, G. & Schötz, S. (eds) Armut. Gender-Perspek ven ihrer Bewältigung in Geschichte und Gegenwart, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 99-136. ISBN 978-3-96023-040-3
  • Schüssler Fiorenza, E. (1988) Zu ihrem Gedächtnis. Gütersloh, pp. 166 ff.
  • Thiel, W. (2019) 1. Könige 17,1-22,54. Biblischer Kommentar: Altes Testament, Bd. 9/2. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 16-62.
  • Fischer, I. (2008) Frauen in der Literatur (AT). Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet abrufbar unter http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/42334/ S. 1-37.

„Zweite Reihe ist auch nett“

Predigt von Nicole Oster


Ich brauche keine Ehrenplätze.

Ich stehe lieber in der zweiten Reihe. Da kann mensch auch in Ruhe alles beobachten. Mit meiner besten Freundin war ich im Juli beim Taylor Swift Konzert in Gelsenkirchen. Wir hatten Stehplätze und haben vorher besprochen, dass wir nicht um die Plätze ganz vorne an der Barrikade kämpfen wollen, sondern lieber gemütlich im hinteren Bereich mit Platz zum Tanzen stehen möchten.

(Im Vergleich zu anderen Konzerten lief das relativ friedlich ab, aber das Gedränge um die besten Plätze habe ich doch lieber vermieden.) Ehrenplätze brauche ich persönlich nicht.

Anders Johannes und Jakobus, die fragen Jesus nach den Ehrenplätzen rechts und links von ihm.

Jesus ist von der Frage nicht so angetan. Hat er den Jüngern doch oft erklärt, dass es bei ihm nicht um höher, schneller, weiter geht. Nachfolge bedeutet nicht Ruhm, Ehre, glänzende Auftritte, eher das Gegenteil.

Denn Nachfolge bedeutet auch Nachfolge ins Leid. Hingabe und Opfer.

Ruhm und Ehrenplätze hat Jesus nicht zu vergeben. Nachfolge ist kein roter Teppich, sondern der Weg Jesu ins Leid.

Und in der Nachfolge Jesu herrscht eine andere (Macht-)Logik. Es geht ums dienen, nicht ums herrschen.

Hier gilt nicht höher, schneller, weiter, immer der/die Beste, Klügste sein. Wer Jesus nachfolgen will, muss bereit sein, sich unterzuordnen, in die zweite Reihe zu treten und zu dienen.

„Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“

Dienen bedeutet, Verluste hinzunehmen, Familie zurückzulassen und mit wenig unterwegs zu sein, auch abgewiesen zu werden. Auch wird man herzlich aufgenommen werden, berührende Begegnungen machen. Doch muss man bereit sein, sich klein zu machen, das Wohl/Heil der anderen an erste Stelle zu setzen.

Denn darum geht es Jesu im Großen und Ganzen: um das Heil!

„Der Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“

Jesus präsentiert den Jüngern eine andere Machtlogik. Ehrenplätze hat er keine zu vergeben. Für ihn zählt nicht, wer der stärkste, mächtigste, klügste ist. Für Jesus zählt, wer ihm wirklich mit Hingabe nachfolgt und bereit ist zu dienen, in die hintere Reihe zu treten.

Das passt schon ein wenig zum Taylor Swift Konzert. Weniger drängeln um die besten Plätze, sondern das Konzert und die Gemeinschaft genießen, die Verbindung mit den anderen Konzertbesucher*innen und zu schauen, dass jede*r mal eine gute Sicht auf den Superstar hat und auch mit Wasser versorgt ist.

Ich glaube, dass ist auch im Sinne Jesus. Sich zurücknehmen für andere, auf die Mitmenschen schauen.

Nicht als Einzelkämpfer, sich den besten Platz sichern, sondern in die zweite Reihe treten und. Dort ist es auch nett.

 

Wo kann ich einen Schritt zurücktreten und dadurch anderen eine Chance geben, etwas ermöglichen?

Colors of Faith

Predigt zur Semestereröffnung am 28. Sonntag im Jk. B, KSG Edith Stein Berlin

© Prof. Dr. Ulrich Engel OP, Berlin


Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,

Liebe ist rot, Hoffnung ist grün, Trauer ist schwarz. Und aus der Werbung wissen wir: Schokolade ist lila. Aber welche Farbe hat eigentlich der Glaube, Ihr und euer ganz persönlicher Glaube?

Vielleicht klingt die Frage absurd. Allerdings haben Farben in den Religionen immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Daran dachten möglicherweise auch die KSGler*innen, die das neue Semester-Motto erdacht haben: „Colors of Faith“, so lautet es. Und die „Colors of Faith“ sollen auch dem heutigen Semestereröffnungsgottesdienst Glanz verleihen.

Da kommt es mir ganz zupass, dass in der Ersten Lesung des heutigen Sonntags schon einmal zwei Farben explizit erwähnt werden: Silber und Gold. Und implizit ist in dem kurzen Abschnitt aus dem 7. Kapitel des alt-/ersttestamentlichen Weisheitsbuches auch noch von vielen anderen Farben die Rede. Doch dazu später…

Zuerst jedoch möchte ich mich noch einmal meiner Anfangsfrage zuwenden: Welche Farbe hat mein Glaube? Ich bin nicht sicher, ob die Frage überhaupt richtig gestellt ist. Hat mein Glaube überhaupt eine Farbe? Würde eine solche Antwort – unabhängig davon, welche konkrete Farbe ich auswählen würde – nicht völlig konträr zu allen Einsichten der modernen Naturwissenschaft stehen?

In ihrer Perspektive – der der modernen Naturwissenschaft – ist ‚Farbe‘ auf jeden Fall keine physikalische Eigenschaft eines Körpers1. Insofern ‚hat‘ ein Gegenstand keine Farbe; mehr noch: er kann gar keine Farbe ‚haben‘. Stattdessen lehrt uns die Forschung, dass ‚Farbe‘ ein Sinneseindruck ist, der durch elektromagnetische Wellen unterschiedlicher Länge hervorgerufen wird. Die Struktur des Objekts, die Wahrnehmung seines Glanzes, seiner Rauigkeit und seiner Helligkeit werden bei diesem modernen Farbbegriff zunächst ausgeblendet. ‚Farbe‘ ist vor allem und zuerst ein Rezeptionsphänomen.

Dass ‚Farbe‘ ein Rezeptionsphänomen ist, lässt sich auch daran ablesen, dass Gefühlszustände in verschiedenen Kulturkreisen mit Hilfe ganz verschiedener Farben ausgedrückt werden: In Europa trauern wir in Schwarz, in China und in buddhistischen Ländern ist Weiß die bevorzugte Trauerfarbe. Und im alten Ägypten galt die Farbe gelb als Zeichen der Trauer: kulturelle Farbdifferenzen also, wohin das Auge fällt. Einerseits.

Andererseits gehen wir ebenso davon aus, dass bestimmten Farbwahrnehmungen über zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg ähnliche psychologische Wirkungen auslösen. So ist Blau die beliebteste Farbe überhaupt – kulturübergreifend!

Was bedeutet das alles für unsere „Colors of Faith“? Haben die Farben meines Glaubens dann gar kein fundamentum in re? Sind sie bloß durch elektromagnetische Wellen hervorgerufene Sinneseindrücke, die mir eine farbig-bunte Wirklichkeit vorgaukeln? Kurz und knapp: Ist die Buntheit unseres Glaubens nur fromme Einbildung? Menschengemachte Projektion? Schöngefärbter Selbstbetrug?

Andererseits sind ja auch die elektromagnetischen Wellen mehr als reine Phantasterei. Wenn die Wellen wirklich unsere Rezeption auslösen können, dann stellen sie eine eigene Realität dar, die es ernst zu nehmen gilt.

Liebe Gemeinde,

ich komme zurück zu unserer Lesung aus dem Weisheitsbuch. Das ist von Silber die Rede und auch von Gold – zwei Farben, die für Luxus und Reichtum, Macht und Ehre stehen, aber auch für Anmut und Glück. Im selben Vers ist zudem noch von einem „unschätzbaren Edelstein“ (Weish 7,9) die Rede; und im nächsten dann vom „Licht“ (Weish 7,10).

Edelsteine kommen farblos oder farbig vor. Verantwortlich für die jeweilige Farbgebung sind in den Stein eingelagerte Spurenelemente: z.B. Chrom, Eisen, Kupfer, Nickel oder Kobalt. Diese Elemente absorbieren gewisse Wellenlängen des weißen Lichts. Und dadurch entsteht für unser Auge der jeweilige Farbeindruck2.

Wenn die Farbigkeit von Edelsteinen durch Absorption – also durch eine Reduktion – hervorgerufen wird, dann verdankt sich das Weiß des Lichts einer Addition von Farben, genauer: der drei primären Lichtfarben Rot, Grün und Blau3.

Aber auch die funkelnden Edelsteine sind nicht in der Lage, die Weisheit Gottes vollwertig abzubilden, so die Einsicht der biblischen Weisheit (vgl. Weish 7,9). Und auch das Licht selbst kommt in seiner Strahlkraft nicht an den Glanz der Weisheit heran (vgl. Weish 7,10b). Verglichen mit ihr, so die These des Autors oder der Autorin des Weisheitsbuches, wirken Gold und Silber bloß wie „Lehm“ und wie „Sand“ (Weish 7,9): stumpf, unedel und grau eben.

Liebe Gemeinde,

die alt-/ersttestamentliche Weisheit bleibt den Farben gegenüber skeptisch – zumindest wenn es um ihre Fähigkeit geht, etwas vom göttlichen Glanz adäquat abbilden zu können. Wenn ich dieses Fazit unserer kurzen Relecture der Lesung ernst nehme, dann stellt sich die Frage nach den „Colors of Faith“ nochmals verschärft.

Ich schlage vor, dass wir unser Augenmerk verstärkt auf das „s“ im Wörtchen „Colors“ legen4. Das Pluralsuffix „s“ verstehe ich als einen Hinweis darauf, dass wir unsere Frage nach den Farben des Glaubens nur im Plural beantworten können. Insofern habe ich zu Beginn meiner Predigt möglicherweise die falsche Frage gestellt. Nicht dreht sich alles darum, welche Farbe mein persönlicher Glaube hat. Angebrachter wäre zu fragen: Welche Farben (im Plural!) hat ein vielgestaltiger und höchst diverser Glaube, wenn wir alle unsere je eigenen Versuche-zu-glauben zusammenlegen und teilen?

Wir bunt wird unser Glaube insgesamt, wenn wir, mit- und voneinander lernend, alle unsere Erfahrungen – Lebens-, Liebes- und Glaubenserfahrungen – kombinieren? Welche strahlende Vielfalt könnte daraus werden! Welch schöne und lebendige Diversität!

Liebe Gemeinde,

Zeichen dieser leuchtend-bunten „Colors of Faith“ gibt es viele:

  • der biblische Regenbogen, den Gott als Zeichen seines Bundes in die Wolken gesetzt hat (Gen 9,8–175),
  • die bunten Farben der „Bandiera della Pace“ als Symbol der internationalen Friedensbewegung,
  • die schillernden Farben des Regenbogens in der Flagge des „Lands der vier Teile“, das wir unter dem Namen „Inkareich“ kennen,
  • ein in der Kirchengeschichte gelegentliche anzutreffender regenbogenfarbiger Christus-Nimbus,
  • oder die sechs-streifige Regenbogenfahne der queeren Bewegung.

Wenn die KSG heute unter dem Motto „Colors of Faith“ ins Wintersemester 2024/25 startet, dann wünsche ich uns allen, dass wir mit Gottes Hilfe so weise sind, unsere in jeder Hinsicht diversen Lebens-, Liebes- und Glaubensgeschichten zu einer strahlend-bunten und glänzenden Vielfalt vereinen können: Kontroversen mit eingeschlossen…

Wie hieß es am Ende unserer Lesung: „niemals erlischt der Glanz, der von ihr [der bunt gefächerten Weisheit Gottes und unseren ebenso bunten Lebenserfahrungen] ausstrahlt. Zugleich mit ihr kam alles Gute zu mir“ (Weish 7,10c–11a).

Dieser Glanz und all das Gute, das sei mit euch im neuen Semester!

Amen.


1 Zum folgenden naturwissenschaftlich fokussierten Abschnitt vgl. Detlef Dieckmann-von Bünau, Art. „Farben (AT)“ (Mai 2008) = https://bibelwissenschaft.de/stichwort/18137/ [Aufruf: 11.10.2024].

2 Vgl. https://www.carat-online.at/edelsteinlexikon/edelsteine-farben-farbgebung.html [Aufruf: 11.10.2024].

3 Vgl. https://www.leifiphysik.de/optik/farben/grundwissen/licht-und-farben [Aufruf: 11.10.2024].

4 Vgl. Antje Dammel / Sebastian Kürschner / Damaris Nübling, Pluralallomorphie in zehn germanischen Sprachen Konvergenzen und Divergenzen in Ausdrucksverfahren und Konditionierung, in: dies. (Hrsg.), Kontrastive Germanistische Linguistik. Teilbd. 2, Hildesheim – Zürich – New York 2010, 587–642, bes. 587.

5 Vgl. dazu Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken Untersuchungen zu Komposition und Theologie der priesterschriftlichen Urgeschichte (Stuttgarter Bibelstudien Bd. 112), Stuttgart 1983.

Gerechtigkeit

Predigt am 21. Juli 2024 in der KSG Berlin
16. So im Jahreskreis (Jer 23, 1-6)

Liebe Schwestern und Brüder,

im Buch Jeremia ist die Rede von „Gerechtigkeit“. Der Prophet spricht zu den Hirten, die die Schafe hüten. Damit sind aber nicht die Hirten auf der Weide gemeint, sondern die Hirten des Volkes Israel – also die königlichen Herrscher. Die Könige werden gewarnt, dass der Untergang des Volkes bevorstehen könnte.

Wenn Jeremia aber von der Gerechtigkeit redet, meint er nicht schwierige Situation der Gegenwart, sondern er richtet seinen Blick auf die Zukunft:

„Siehe, Tage kommen […], da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und […] Gerechtigkeit üben im Land. […] Man wird ihm den Namen geben: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.“

Ein schöner Begriff, der Begriff der Gerechtigkeit, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung. 

Es wird Gerechtigkeit nicht nur angekündigt, sondern auch eingefordert. Wer sich ablöst und Unrecht tut, wird bestraft. 

Das Thema der Gerechtigkeit ist nicht nur hier in unserer Lesung wichtig. Es ist eine sehr grundsätzliche Frage der Menschheitsgeschichte. Denker wie Platon, Aristoteles, Paulus oder auch die alten Ägypter haben sich damit beschäftigt.

Im Alten/Ersten Testament findet sich das Bild von Gott als Richter. Und menschliches Verhalten und Handeln ist Folge der vorangegangenen und geschenkten Gerechtigkeit Gottes. 

Gerechtigkeit der Handelnden in der Gesellschaft ist ineinander verwoben, jeder muss seinen Anteil leisten, nicht nur eine Teilgruppe. Ohne gegenseitige Gerechtigkeit kann gemeinsames Leben, Gemeinschaft nicht gelingen.

Und selbst wenn man die Gerechtigkeit als Tugend im Blick hat, braucht es zuweilen klarer Appelle und gesellschaftlich kommunizierter Korrekturen. In unserem Beispiel ist es der Prophet Jeremia, heute sind es eher die Nachdenklichen unserer Gesellschaft, die schon mahnen, nicht ganz so hartherzig oder unfair zu sein. Sie erinnern uns daran, dass wir bei allen Irritationen und Störungen nicht vergessen sollten, gerecht im Urteil und im Handeln zu sein – und auch gerecht zu bleiben, selbst wenn es schwerfällt.

Jesus verstand Gerechtigkeit als versöhnende Gerechtigkeit, deshalb braucht es Vergebung. Vergebung stellt Gerechtigkeit wieder her. 

In der Bibel lassen sich keine unmittelbaren Handlungsanweisungen zur Realisierung finden. Gerechtigkeit steht jeweils in Kontexten (Tugend) und historischen, politischen und sozialen Bezügen. 

Das ist im Kleinen so, in der Gruppe von Freunden oder in die Familie, aber auch am Arbeitsplatz, an der Universität und auch im ganz Großen. Das sprechen wir vom Konzept der „Internationalen Gerechtigkeit“ im Horizont christlicher Gerechtigkeitsbestimmung.

Der Anspruch ist hoch, aber die Wirklichkeit ist komplexer: Wenn wir nach Gerechtigkeit rufen, dann stehen wir gut da. Wenn wir aber schauen, wie kompliziert die weltweite Verflechtung sozialer, ökonomischer, politischer Ereignisse ist, dann stehen wir etwas ratlos da.

Man kann Gerechtigkeit nicht einfach einfordern oder als gegeben hinnehmen. Gerechtigkeit ist eine Herausforderung, ein ständiger Prozess, eine andauernde Suche.

Gut, wenn es Propheten gibt, besser gesagt, wenn es Nachdenkliche gibt, die da ab und zu mal daran erinnern.

Erinnern ist schon mal was, aber letzten Endes steht es an, dass jeder selbst es in die Hand nimmt, den Blick auf Gerechtigkeit zu werfen und sie zur menschlichen Tugend zu erklären.

Amen!

 

Thomas Eggensperger OP


Literatur:

Gerald Hartung / Stefan Schaede (Hrsg.), Internationale Gerechtigkeit. Theorie und Praxis, Darmstadt 2009.

Mk 6,7-13: Visionen für eine Kirche am „toten Punkt“

Predigt am 15. So. i. Jahreskreis B, 14. Juli 2024, KSG Berlin
© Prof. Dr. Ulrich Engel OP


Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

völlig unpassend zur schweren Krise, in der sich die Kirche derzeit befindet, präsentiert uns die Leseordnung dieses Sonntags eine Kirchenvision: So sollte die Gemeinschaft der Christ*innen idealerweise sein! In der Realität allerdings haben sexueller und geistlicher Machtmissbrauch vor allem durch Kleriker wie auch die Vertuschung der Verbrechen durch Bischöfe und andere Verantwortungsträger die Kirche an einen „toten Punkt“ gebracht. 1

Und genau in dieser düsteren Situation wird uns mit dem heutigen Evangelium eine kirchliche Zukunftsvision zugemutet. Ist das angemessen? Sollte man es da nicht eher mit Ex-Kanzler Helmut Schmidt halten, der im Bundestagswahlkampf 1980 die Parole ausgab: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Kirchenvisionen – ein Fall für die Psychiatrie?

Schauen wir einmal etwas genauer in den Text des Markusevangeliums.2 Ich gehe dabei Vers für Vers vor:

Vers 7: „In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zu sich und sandte sie aus (…).“

  • Die Ausgangssituation: Jesus war zuvor in seiner Heimat Nazaret unterwegs: erfolglos. Entsprechend enttäuscht ist er.3 Auch Jesus ist mit seiner Mission an einem ‚toten Punkt‘ angekommen.Allerdings resigniert er nicht, sondern sucht sich Mitstreiter. Diese beruft er und sendet sie aus: „die Zwölf“ heißt es da, die Apostel also. Folglich ist in der Perikope die Amtskirche angesprochen, die kirchliche Hierarchie. Ihr sind die folgenden Visionen ins Stammbuch geschrieben.Das ist jedoch noch nicht alles. Denn die Zwölf repräsentieren nicht nur die kirchliche Leitungsebene, sondern stehen stellvertretend ebenso für das gesamte Gottesvolk. Wenn Jesus die Zwölf zu sich ruft, bedeutet das auch: Jede Getaufte und jeder Getauften ist von Christus berufen und von ihm gesandt – nicht nur Bischöfe, Priester oder Ordensleute.

    Und noch eins ist wichtig: Für seine Sendung wählt Jesus nicht nur Helden aus. Denn die Zahl „12“ umfasst das Ganze, alle. Nicht bloß den Teil der Menschen, die einen makellosen Lebenslauf vorweisen können. Kirche ist keine Eliteveranstaltung!

Vers 7b: „Jesus sandte sie aus, jeweils zwei zusammen.“

  • Jesus schickt die Jünger*innen zu zweit los, nicht alleine. Ob sich die Partner*innen einander aussuchen durften, wissen wir nicht. Auf jeden Fall gilt: Erst zu zweit können wir den Glauben bezeugen. Allein kann ich bloß von meiner privaten Meinung Zeugnis geben.„Glauben“ – das wird an dieser Stelle deutlich – ist nicht zuerst persönliche Meinung und auch nicht das Fürwahrhalten von Theorien, sondern Leben in Gemeinschaft: Geteiltes Leben, geteilte Hoffnung, Vertrauen und Füreinander-Dasein…

Verse 8 und 9: „[E]r gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.“

  • Hier fällt besonders auf: Jesus sendet seine Leute mittellos. Die materielle Ausstattung der Kirche ist nicht das Zentrale – auch wenn ich dankbar bin, dass wir in Deutschland für unsere pastorale Arbeit finanziell (noch) recht gut ausgestattet sind.Nun geht es dem Evangelium aber nicht um eine arme Kirche um der Armut willen. Die Aussage zielt vielmehr auf eine Umkehrung der üblichen Verhältnisse. Denn finanziell mittellos sind die Bot*innen Jesu angewiesen auf die, zu denen sie gesendet sind.Wer sich im Namen Jesu und der Kirche senden lässt, macht sich abhängig von den Menschen, mit denen er oder sie zusammentrifft. Nicht mehr Gastgeber*innen sind die Boten, sondern Gäste. In dieser Abhängigkeit mache ich zweifelsohne andere Erfahrungen als aus der Position des „Machers“ oder der gut ausgestatteten „Managerin“.

    Lebendige Kirche wird erfahrbar in den Menschen, denen ich begegne. Lebendige Kirche erfahre ich durch Frauen und Männer, die mich in ihr Haus und Leben einlassen, mir Haustür und Herz öffnen und Gastfreundschaft gewähren, die mir ihre Zeit und Aufmerksamkeit schenken, Freundschaft und Zuneigung, die ihre Fragen und ihr Suchen mit mir teilen.

Vers 12: „Und sie zogen aus und verkündeten die Umkehr.“

  • Wenn Kirche mental arm wird, sich damit den Menschen aussetzt und die anderen die Agenda bestimmen lässt, dann geschieht Umkehr. Umkehr heißt dann und zuerst: Umkehr der Kirche selbst. Und Anerkenntnis von Fehlverhalten und Schuld.
    Kirche und ihre Akteure steigen von ihren buchstäblich hohen Rössern herab und begeben sich auf Augenhöhe mit den Menschen. Die bis dato allwissenden und immer dogmatisch korrekten Kirchenleute machen sich klein und angreifbar. Sie werden von Lehrenden zu Lernenden – und damit jesuanischer.

Vers 7c und 13: „Er gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister. (…) Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“

  • Liebe Gemeinde, erst wenn sich Kirche wieder mehr als Gemeinschaft denn als Hierarchie konstituiert – also wenn sie synodal wird –, wenn sie also alle, die zu ihr gehören wollen, mit offenen Armen empfängt, dann wird ihr Wirken heilsam werden.Erst wenn ihre Verantwortungsträger umkehren, vom hohen Ross herabsteigen und sich freiwillig abhängig machen von den Menschen und ihren Erfahrungen, dann wird Kirche wieder glaubwürdig.Erst dann können – vielleicht – die Wunden, die Kirchenvertreter so vielen Menschen zugefügt haben, wieder heilen. Dann ist ihr vielleicht die Chance gegeben, den sprichwörtlich „toten Punkt“ zu überwinden. Dann kann auch die katholische Kirche eine Kirche der Freiheit werden. Ohne den Dämon des Missbrauchs. Darauf hoffe ich.

Amen.


1 Kardinal Reinhard Marx, Brief an Papst Franziskus vom 21.5.2021, unter: https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-55270120.PDF [Aufruf: 10.07.2024]; vgl. auch seine auf den selben Tag datierte begleitende „Erklärung“, unter: https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-55270220.PDF [Aufruf: 10.07.2024].

2 Mk 6,7-13. Orientiert habe ich mich in Teilen meines Textes an: Martin Löwenstein SJ, Predigt zum 15. Sonntag im Lesejahr B 2009 (Markus), unter: https://www.martin-loewenstein.de/predigt-15-sonntag-im-jahreskreis-b-2009.html [Aufruf: 10.07.2024]. Konsultiert wurden zudem: Josef Ernst, Das Evangelium nach Markus (Regensburger Neues Testament), Regensburg 1981, 173-178; Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus. 1. Teilbd. Mk 1-8,26 (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. II/1), Zürich – Düsseldorf – Neukirchen-Vluyn 51998, 238-242; Karl Kertelge, Markusevangelium (Die Neue Echter Bibel. NT Lfg. 2), Würzburg 32005, 63f.

3 Vgl. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 238.

„Ich nenne euch nicht
mehr Sklavinnen und Sklaven“

Von der Macht der Worte und der Gefahr einer einzigen Geschichte.

Eine Predigt von Juliane Link zu Apg 10, 25–26.34–35.44–48 und Joh 15, 9–17

Rund um den 17. Mai, dem Tag der Apostelin Junia, predigen Frauen aus ganz Deutschland und setzen ein Zeichen für eine geschlechter-gerechte Kirche. Bei uns predigte Juliane Link zu diesem Anlass inspiriert von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie.

Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

heute predige ich im Rahmen der Predigerinnentage. Das ist eine Initiative der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, die in den Wochen rund um den 17. Mai deutschlandweit dazu aufruft, Frauen in ihren Gemeinden predigen zu lassen. Anlass ist der Festtag der Apostelin Junia, die von Paulus in einem Brief an die Römer erwähnt und als angesehene Apostelin bezeichnet wird. 

Wie aus Junia Junius wurde und dann wieder Junia. Und warum solche Details einen Unterschied machen.

Offenbar war sie eine starke Frau, die den Glauben überzeugend gelebt und vor allem verkündet hat und eine leitende Funktion inne hatte. Heute gehen jedenfalls viele Exeget*innen davon aus, dass sie eine Frau war und in der neuen Einheitsübersetzung ist von ihr als Junia die Rede. Zuvor wurde ihr Name mit „Junius“ übersetzt und so behauptet sie sei ein Mann gewesen. Offenbar taten sich die Herausgeber von Bibelübersetzungen lange Zeit schwer mit der Vorstellung unter den Führungskräften der Urkirche könnte es auch einflussreiche Frauen gegeben haben.

Heute gibt es zwar wieder Frauen, die in der Kirche etwas zu sagen haben, aber wir sind weit weg von einer Kirche, in der weiblich gelesene Personen die gleichen Rechte haben. Und das liegt vor allem daran, dass Macht zwischen Klerikern und Laien weiterhin ungleich verteilt ist. Würde es in unserer Kirche Priesterinnen geben, die ihre Privilegien ebenso wenig zu teilen bereit sind wie die meisten ihrer männlichen Amtskollegen, wäre das keine ausreichende Reform für eine gerechtere und demokratischere Kirche. Aber es würde doch einen Unterschied machen: es würde unsere inneren Bilder davon verändern, wer hier vorne im Altarraum steht und unsere wichtigsten Rituale feiert, Raum bekommt uns Woche für Woche eine Botschaft mitzuteilen, die vielleicht tiefer in unser Herz fällt als Worte die außerhalb dieses besonderen Raums gesprochen werden. 

Dass ich hier heute stehe ist für die KSG nichts Ungewöhnliches. Karen und ich predigen öfter und auch viele von euch haben schon im Rahmen der studentischen Predigtreihe zu uns gesprochen. Ich finde das gut und wichtig und gleichzeitig glaube ich, dass es nicht genug ist. Dass die Veränderung, die die Kirche angehen müsste, viel größer, struktureller und nachhaltiger sein müsste als diese kleine Geste der Beteiligung unterschiedlicher Prediger*innen an unserem Gottesdienst.

Wenn die Vielfalt der Stimmen fehlt, oder: Die Gefahr eines einzigen Dorfpfarrers.

Dennoch bin ich froh über die Vielfalt der Stimmen und Perspektiven, die es in den Predigten in unserem KSG Gottesdienst  gibt. Mir gefallen die unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen, die sprechen und dabei oft auch von sich persönlich erzählen. Ihre unterschiedlichen Deutungen der biblische Texten, die unterschiedlichen Muttersprachen, in denen ihre Gedanken entstehen. Diese Diversität steht im Widerspruch zu dem traditionellen katholischen Gemeindegottesdienst, in dem jeden Sonntag derselbe Pfarrer spricht. Vielleicht seid ihr auch so aufgewachsen wie ich: mit diesem einen Priester in einer kleinen Dorfkirche, der Sonntag für Sonntag ähnliches Sachen sagte – in meinem Fall war es immer ein bisschen weltfremd, ein bisschen naiv und ziemlich viel erhobener moralischer Zeigefinger. Als Kind und Jugendliche dachte ich, das sei normal, außerdem war unser Pfarrer menschlich ganz nett und mit der Theologie kannte er sich eh besser aus als meine Eltern, mit denen ich manchmal noch beim Mittagessen über die seltsamen Ansprachen nachdachte oder lachte, zum Beispiel über die in seiner Predigt lange ausgeführte Vorstellung, der liebe Gott spaziere in der Fastenzeit durch unser Dorf und sähe bei allen Gemeindemitgliedern durchs Wohnzimmerfenster und kontrolliere so, ob sie auch gute Christen seien usw. oder fast wöchentlich wiederholte Schimpftiraden über all jene, die dem Sonntagsgottesdienst fern geblieben seien, aus Faulheit und mangelnder Frömmigkeit usw. 

Als Kind fand ich die Ansichten unseres Pfarrers ein bisschen übertrieben, aber ich dachte, das müsste so sein, ich kannte keine Alternative. Und genau das ist das Problem, wenn nur eine Person in ihrer Gemeinde Predigerin ist, nämlich der Kleriker. Es gibt dann in diesen Gottesdiensten nur eine Sicht auf die Welt, nur eine gültige Interpretation der Lesungstexte, es ist dieselbe Stimme, die auch die Gebete formuliert und mit ihren Worten und Gesten den Gottesdienst dominiert. Hätte ich nicht irgendwann das Dorf meiner Kindheit verlassen und Menschen getroffen, die anders über Gott gesprochen und mir auf eine Weise von ihrem Glauben erzählt haben, die mich berührt hat und meiner Suche nach Gott eine Richtung gab, dann hätte ich wahrscheinlich irgendwann das Interesse an meinem Glauben verloren.

Jesus predigte gegen die Einseitigkeit und für mehr Augenhöhe.

Sicher gibt es auch Priester, denen man stundenlang zuhören kann und auf deren Predigt man sich jede Woche freut. Aber auch sie haben ihre Lieblingsthemen und lassen anderes unter den Tisch fallen, auch sie sind begrenzt in ihren Möglichkeiten andere Perspektiven einzunehmen, auch ihre Gottesdienste werden einseitig, wenn sie sich selbst in den Mittelpunkt stellen. Eine Predigt ist ohnehin eine sehr autoritäre Angelegenheit. Eine Person spricht, die anderen hören zu. Es gibt keine Möglichkeit Fragen zu stellen, Einwände zu formulieren, in einen Dialog zu treten. Deshalb freue ich mich immer, wenn sich nach der Predigt noch Gespräche über das Thema ergeben, wenn ihr noch Feedback gebt und es dürfte ruhig auch häufiger eine Kritik oder Infragestellung sein oder einfach eure Sicht auf die Dinge. Sie ist nicht weniger wichtig als meine, auch wenn ich jetzt hier spreche und ihr nicht. Und schon durch dieses Ungleichgewicht entsteht der Eindruck, ich hätte mehr zu sagen als ihr. Im heutigen Evangelium räumt Jesus auf mit solchen Asymmetrien zwischen ihm als spirituellem Meister und denen, die ihm zuhören und nachfolgen. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte“ sagt Jesus zu ihnen, folgt man der Einheitsübersetzung – oder in der Bibel in gerechter Sprache wird die gleiche Aussage übersetzt mit:

„Ich nenne euch nicht mehr °Sklavinnen und Sklaven“

Und dann begründet Jesus, warum er das nicht mehr macht:

denn eine Sklavin weiß nicht, wie ihre °Gebieterin handelt

und ein Sklave kennt das Vorhaben seines Herrn nicht.

Euch aber habe ich Freundinnen und Freunde genannt,

denn ich habe euch alles,

was ich von °Gott, meinem Ursprung, gehört habe, mitgeteilt.

Jesus nennt seine Jünger*innen seine Freund*innen. Er teilt sein Wissen, er macht seine Absichten transparent, er will seinen Freund*innen auf Augenhöhe begegnen, er gibt seine Überlegenheit auf, sein Herrschaftswissen, er wendet sich gegen die übliche autoritäre Art zu sprechen, gegen die patriarchale Sprache, die die Angesprochenen zu Untergebenen macht. Das einzige was er als spiritueller Lehrer noch gebietet, ist, dass sich seine Freund*innen gegenseitig lieben sollen. Sie sollen nicht ihn lieben und bewundern, sondern sich gegenseitig. Sie sollen in einen gleichberechtigten Austausch treten. 

Gott ist nicht parteilich und betont nicht die Unterschiede. Und wir alle sind begabt unsere Geschichte mit Gott zu erzählen.

Das ist das Menschenbild Jesu. Und ganz Ähnliches vermittelt sich auch in der heutigen Lesung, in der Petrus begreift, dass Gott nicht parteilich ist. Dass seine Geistkraft nicht ganz bestimmten Leuten vorbehalten ist, sondern jedem Menschen zugänglich ist, egal welche Herkunft, Religionszugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung die Identität dieser Person prägen. 

Gott macht keinen Unterschied. 

Ich glaube, dass Gott die Vielfalt liebt und dass wir alle begabt und berufen sind, auf unsere Weise von ihm zu sprechen. Nicht jeder und jede muss predigen. Für manche ist das vielleicht nichts, jedenfalls nicht hier in diesem Setting in einer großen Kirche an einem Mikrofon zu stehen. Aber jede und jeder von uns hat eine Geschichte mit Gott. Und all diese Geschichten sind wertvoll. Und manche werden vielleicht ganz still erzählt, einfach indem ein Mensch etwas Besonderes ausstrahlt oder etwas tut, das uns beeindruckt oder inspiriert, ohne dass er oder sie darüber viele Worte verliert. 

Aber es braucht auch Menschen, die ihre Stimme erheben, um ihre Geschichte zu erzählen. Und damit eine Geschichte, die anderes ist als alle anderen, eine Geschichte, die noch nicht erzählt wurde und die sich behauptet gegen eine dominante Perspektive so wie ich sie als Kind immer wieder ähnliche Geschichten von demselben Priester gehört habe. 

Die Gefahr einer einzigen Geschichte.

Vor kurzem habe ich einen Text von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie gelesen, der davon erzählt, was geschieht, wenn in einer Gesellschaft – und ich glaube, das können wir auf die Kirche übertragen – nur eine Geschichte erzählt wird. Ihr Text heißt: „Die Gefahr einer einzigen Geschichte.“ Ich möchte euch einen Ausschnitt daraus vorlesen.

Der Textausschnitt kann an dieser Stelle leider nicht wiedergegeben werden. Eine Lesung des ganzen Textes findet sich unter folgendem Link:

bei YouTube ansehen

Vom patriarchalen Sprechen zur Sprache des Himmels.

Es ist diese Macht, die sich in unserer Kirche Kleriker genommen haben, die glauben, sie seien die einzigen, die predigen können. Menschen, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, ihre Perspektive sei die einzig richtige, ihr Sprechen über Gott habe Vorrang, ihre Ansicht sei die wichtigere. Aber das stimmt nicht. Gott ist nicht parteilich und Jesus will uns nicht zu Sklaven und Sklavinnen spiritueller Autoritäten machen. Vielmehr haben wir alle eine Stimme bekommen und dürfen sprechen so wie die Menschen in der heutigen Lesung, die – obwohl sie scheinbar nicht zu den erwählten gehören – von der Geistkraft beseelt werden und in der Sprache des Himmels stammeln. Unsere Geschichten und Sichtweisen sind wichtig, denn sie relativieren die Narrative, die in der Kirche zu oft und zu einseitig erzählt wurden und fügen ihr neue Geschichten und andere Perspektiven hinzu. 

Gott ist nicht parteilich und betont nicht die Unterschiede. 

Jesus will uns nicht klein halten und nennt uns nicht mehr Sklav*innen. Er betont das Verbindende: seine Liebe, das Gebot, das für alle gilt: Liebt einander wie ich euch geliebt habe.

Und die Geistkraft? Sie hat in der Bibel keine Stimme. Sie spricht nicht mit Worten zu uns. Aber sie tut das Entscheidende: sie kommt auf alle herab und verleiht uns die Fähigkeit zu sprechen. Nicht in der Sprache des Patriacharts, sondern in der Sprache des Himmels. 

Juliane Link