Mut zum Urteil – aber vergiss den Splitter im Auge nicht!

Predigt von P. Pascal Meyer SJ

Liebe Schwestern und Brüder,

die Worte aus dem heutigen Evangelium nach Lukas kann man nur verstehen, wenn man sie im Gesamtkontext liest. Nämlich als Teil der sogenannten Feldrede, wie wir sie in dieser Form nur bei Lukas finden. Letzten Sonntag endete die Lesung mit einer Art «Gebot» von Jesus, barmherzig zu sein, wie auch der Vater barmherzig ist. Und dann fügte Jesus die Worte hinzu: Richtet nicht, auf dass ihr nicht selbst gerichtet werdet. Urteilt nicht, auf dass ihr nicht verurteilt werdet. Das ist der Aufhänger für unser heutiges Evangelium. Dazu möchte ich gerne drei Gedanken mit Ihnen teilen.

Erster Gedanke: Die Wichtigkeit der Selbstprüfung

Das Gleichnis von den Blinden einerseits. andererseits das Bild vom Splitter im Auge meines Bruders, beziehen sich im Grunde auf denselben Sachverhalt. Jesus will damit aufzeigen, warum es schwierig ist, über andere zu richten oder zu urteilen. Im Gleichnis ist das Kernproblem die Blindheit; Jesus bezieht sich hier nicht in erster Linie auf die Sehkraft der Menschen, sondern es ist Blindheit im übertragenen Sinne: Menschen, die blind sind für ihre Mitmenschen, für Probleme in der Welt, für praktikable Lösungen usw. Das Grundproblem geht aber noch weiter: Es ist unglaublich menschlich, Blindheit jeweils bei den anderen zu vermuten, nur nicht bei sich selber. Deswegen sagte ich zu Beginn: Das Gleichnis von den Blinden und das Bild vom Splitter im Auge meines Bruders beziehen sich auf denselben Sachverhalt. Auch wenn eine Bewertung oder Beurteilung meiner Mitmenschen einen wahren Kern enthält und womöglich auch meine Kritik an den anderen berechtigt sein mag, so gibt mir das nicht automatisch ein Recht, die anderen zu leiten, geschweige denn, es besser zu machen. Der Grund: Auch wir haben unsere «Blindheiten». Selbst bei sehr engagierten und talentierten Menschen kommt es vor, dass sie glauben, der Nation, der Welt oder Gott einen großen Dienst zu erweisen, indem sie anderen vorschreiben, was zu tun ist, weil sie ja den Durchblick haben. Dabei sind sie aber völlig blind für gewisse Aspekte im Leben. So nebenbei: Wenn Ihnen das Bild von der Blindheit nicht gefällt, können Sie es auch mit Ignoranz, Nonchalance, Rücksichtslosigkeit oder schlicht Unwissen bezeichnen. Gerade hier kommt die Lehre von Jesus zum Tragen, dass wir gut überlegen, ob es recht ist, andere zu leiten und zu führen, solange unser eigener Blick selber noch verstellt oder getrübt ist. Es ist eine Ermahnung, bescheiden, selbstkritisch und demütig zu bleiben, bevor wir anderen Menschen vorschreiben, was sie zu tun haben. Darin liegt gleichzeitig eine Einladung, über die Balken in meinem Auge nachzudenken. Als Jesuit würde ich sogar empfehlen: Machen Sie das täglich. Nehmen wir uns die Zeit, über die eigenen «Blindheiten» im Alltag zu reflektieren, bevor wir anderen sagen, wo es lang geht. Mir scheint es bedeutungsvoll, diese Ermahnung unter den Kernpunkten der Lehre Jesu zu finden, neigen doch gerade Menschen mit religiösem Eifer dazu, anderen vorschreiben zu wollen, wie der Weg zu Gott richtig verläuft. Und erlauben Sie mir den Kommentar: Religiöser Eifer ist nicht einfach ein Problem von Ordensleuten oder kirchlichen Amtsträgern. Daher die Ermahnung: Achten wir auf die Balken in unseren Augen.

Zweiter Gedanke: Der Mut zum Urteil

Möchte nun Jesus, dass wir gar keine Urteile über andere fällen sollen? Kann es sein, dass es sich bei den Worten «richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet» (Lukas 6,37) um ein allgemeines Verbot handelt? Das glaube ich nicht. Denn wäre dem so, wie kann es sein, dass Jesus immer wieder die Aussagen und Handlungen von religiösen Eiferern kommentiert und kritisiert? Wie könnte es sein, dass Jesus die Händler aus dem Jerusalemer Tempel jagt (und das erfolgt alles andere als sanft und friedfertig)? Wir sehen: Jesus urteilt sehr wohl in gewissen Situationen. Das Gebot ist somit kein Verbot. Es geht hingegen darum, nicht selbstgerecht bei jeder Gelegenheit auf die vermeintlichen Fehler oder Schwächen unserer Mitmenschen zu reagieren. Oder noch schlimmer: Anderen Menschen einfach mal so ihr «Christsein» oder «Menschsein» abzusprechen. Umso weniger, als dass wir selber eine ganze Liste von Schwachpunkten und Sünden vorzuweisen haben. Es ist also ein Gebot, klug zu überlegen, wann und wie wir Urteile fällen, stets im Klaren über unsere eigenen Schwächen.

Jedoch ist es kein Verbot, über andere zu urteilen. Ich teile hier mit ihnen meine ganz persönliche Meinung: Niemals zu urteilen klingt zwar für einige ganz fromm im Sinne von: «Alles läuft katastrophal, die Gesellschaft geht den Bach runter und die Gewalttätigen triumphieren… aber Jesus sagte bereits: Urteile nicht, auf dass du nicht verurteilt wirst.» – Da werden die Worte Jesu zum Feigenblatt der eigenen Feigheit! Wie könnte man schweigen angesichts der Bereicherung einiger Weniger, während andere trotz vieler Arbeitsstunden ihren Lebensunterhalt nicht finanzieren können? Wie könnte man schweigen angesichts der Gewalt, die von einigen ausgeübt oder befohlen wird? Wie könnte man schweigen angesichts des Verrats, der sich jenseits des atlantischen Ozeans in diesen Tagen zeigte? Wie könnte man schweigen, wenn mit einer simplen Unterschrift auf einem Dekret die Lebensgrundlage hunderttausender Menschen weltweit entzogen wird, orchestriert vom reichsten Mann der Welt? Jesus würde sagen: «Wehe euch, ihr Reichen!» (Lukas 6,24)

Dritter Gedanke: Prüft die Früchte, so erkennt ihr den Baum

Es gibt somit Momente, wo wir als Christinnen und Christen ein Urteil fällen müssen. Und da kommen uns die letzten Sätze des heutigen Evangeliums zu Hilfe: «Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte hervorbringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte hervorbringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten.» (Lukas 6, 43-44) Hier geht es nicht um eine Frage des Geschmacks zwischen Zitronen, Orangen und Grapefruits. Alles sind Zitrusfrüchte, sie haben unterschiedlichen Geschmack, sie alle sind schmackhaft und voller Vitamine. Es sind gute Früchte, auch wenn ich womöglich Zitronen zu sauer, Grapefruits zu bitter oder Orangen zu süß finde. Wir, als Christinnen und Christen, müssen nicht uniform sein bei der Art unserer Früchte, die wir hervorbringen. Die Frage ist: Bringen wir Früchte hervor? Und wenn ja: Sind sie genießbar? Sind sie faul? Sind sie womöglich giftig? Und das können wir auf Menschen übertragen: Ist jemand eine integrierende Persönlichkeit, welche Differenzen überwinden und die Menschen an einen Tisch bringen kann? Oder handelt jemand rein nach egoistischen Zielen? Geht es um Hilfe für die Schwächeren? Oder geht es um Ausbeutung der Schwächeren? Geht es um die Wahrheit? Oder um Likes und Klicks? Kann jemand Frieden garantieren? Oder handelt es sich um einen faulen Frieden, der im Grunde das Recht des Stärkeren durchsetzt? Geht es in einer Beziehung um wahre Wertschätzung und Anerkennung? Oder ist es eine vergiftete Liebe, welche das Gegenüber kaputt macht? Geht es um Gott? Oder um Bigotterie?

Die Worte des heutigen Evangeliums sind eine Einladung, wachsam zu bleiben. In erster Linie gegenüber uns selber. Wir dürfen nie vergessen, dass wir selber unsere blinden Flecken, Fehler und Schwächen haben. Vor jedem Urteil und jeder Bewertung müssen wir uns dessen bewusst sein. Das bedeutet aber nicht, im Alltag einfach zu schweigen. Schauen wir stets wachsam auf diesen Planeten und prüfen dabei insbesondere die Menschen, ihre Worte und die damit verbundenen Handlungen.

Ich schließe mit den heutigen Worten aus dem Alten Testament: „Lobe keinen Menschen, ehe du nachgedacht hast, denn das ist die Prüfung für jede und jeden von uns.“ (Jesus Sirach, 27,7)