Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein
Predigt von P. Max Cappabianca OP
Die Predigt fußt zu einem großen Teil auf einer Ansprache von P. Martin Löwenstein SJ[1] aus dem Jahre 2010.
Liebe Schwestern und Brüder,
Dieses Evangelium gehört zu meinen Lieblingsevangelien, denn es berührt einen. Keiner wagt es einen Stein zu werfen, nachdem Jesus sagt „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ So eine gewisse Genugtuung schwingt bei mir mit. Ich könnte ja auch die Frau am Boden sein!
Man kann hier richtig spüren, wie Jesus mit den Fehlern der Menschen umgeht! Nicht besserwisserisch oder moralinsauer, sondern er sieht in erster Linie den Menschen! Und man spürt, dass das wichtigste nicht die Regeln und die Moral sind, sondern die Barmherzigkeit!
Trotzdem möchte ich das Evangelium ein wenig kritisch gegenbürsten und stütze mich dabei im Wesentlichen auf Gedanken von P. Martin Löwenstein SJ, einem Jesuiten, der lange Hochschulseelsorger in Frankfurt war!
Zum einen könnte die Geschichte von der Sünderin frauenfeindlich gelesen werden! Warum wird eigentlich nur die Ehebrecherin an den Pranger gestellt? Was ist mit dem Mann? Ist der nicht genauso am Ehebruch beteiligt! Tatsächlich heißt es in Dtn 2,22: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau.“ Warum wird der Mann an dieser Stelle unterschlagen?
Und dann kann man ja auch fragen, ob so eine drakonische Strafe überhaupt angemessen ist? Erinnert das nicht an sog. „Ehrenmorde“, bei denen man sich fragen kann: Was ist eigentlich wichtiger? Die moralische Regel oder das Leben eines Menschen? Und würden die Berliner Party People mit der Treue das genauso sehen?
Zur Erklärung dieser Härte im Gesetz mag helfen, sich folgendes vor Augen zu halten: In alten Stammesgesellschaften konnte Ehebruch schwerwiegende Folgen haben. Der damals wichtige soziale Zusammenhalt wurde gefährdet, und Sippen und Stämme konnten in Konflikte geraten. Bei Nomaden und ländlichen Stammesgruppen war das Überleben ohne die Unterstützung der Sippe schwierig. Ehebruch stellte eine Bedrohung für diese Strukturen dar. Das Gesetz des Mose sieht diese strenge Strafen vor, um genau das zu verhindern. Wer nie den Verlust einer sozialen Ordnung erlebt hat, kann die Bedeutung dieser Maßnahmen möglicherweise schwer nachvollziehen.
Nun war zur Zeit Jesu die Gesellschaft bereits eine modernere. Durch eheliche Untreue wurden nicht die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert. Trotzdem ist es spannend zu sehen, wie Jesus auf das Verhalten der Männer reagiert!
Die Rotte der Männer will die Frau steinigen. Er sagt nicht: Ihr Heuchler, räumt erst mal vor eurer eigenen Haustür auf, sondern er überlässt es ihnen selbst, in sich zu gehen und festzustellen, wie prekär es ist, sich moralisch über andere erheben zu wollen
Was hier geschieht, kann uns die Augen dafür öffnen, was es heißt, aus dem Glauben zu leben. Von uns aus, solange wir ohne das Vertrauen bleiben, dass Gottes Barmherzigkeit trägt, brauchen wir den natürlichen Reflex, alles zu meiden, was uns gefährdet. Dann muss man sich festhalten an äußeren Regeln, an dem was die christliche Moral sagt, oder das Lehramt, oder der Papst!
Der Glaube an Gott beginnt aber nicht mit festen Regeln, sondern mit dem Risiko, sich seiner Führung zu überlassen. Christlich zu glauben bedeutet, Gottes Unfassbarkeit anzunehmen und zu sehen, wohin er uns leitet. Der Glaube an den lebendigen Gott relativiert soziale Strukturen und Mechanismen. Das zu verstehen fällt vielen Menschen schwer, besonders den Ängstlichen!
Biblisch gesprochen: Der Glaube führt in die Einsamkeit der Wüste. Und Jesus macht deutlich, dass uns das zuerst zu den Menschen führt, die ebenso „außerhalb“ leben, weil sie ausgegrenzt werden.
Die Szene mit der Sünderin zeigt, dass es Angst macht, bei den Ausgegrenzten zu stehen, weil sie die Zielscheibe für den Hass der anderen sind: Dort fliegen die Steine. Doch der Glaube gibt Kraft, diese Angst zu ertragen. Gott hilft uns, mit diesen Menschen auszuhalten. Jesus widersteht der Gewalt des Gesetzes und schreibt in den Sand.
Deswegen ist es sozusagen die Zier eines und einer jeden Christ:in, sich mit denen zu solidarisieren, die ausgegrenzt werden. Und wir sollten uns Gedanken machen, welche Menschen das heute sind! Manche haben wir klar vor Augen, manche vergessen wir aber schon mal, oder es fällt uns schwer, uns in ihre Situation zu versetzen. Das mögen queere Menschen sein, Migrant:innen, süchtige Menschen, extremistische Menschen, Kriminelle… Manche sehen wir gerne, manche übersehen wir umso lieber!
Jesus fordert uns auf, bei bedrohten Menschen zu bleiben, zuzuhören und ihre Wertschätzung zu erkennen. So schwindet die Angst vor den Folgen des Umgangs mit Ausgegrenzten und die Sorge, dass Gesetze nicht mehr eindeutig sein könnten.
Stattdessen können wir Dankbarkeit erleben, indem wir bei einem gefährdeten Menschen sind. Und wir können die Einsamkeit Gottes fühlen, der an der Seite der Verbrecher gekreuzigt wurde.
[1] https://www.martin-loewenstein.de/predigt-zum-5-fastensonntag-c-2010.html (abgerufen am 6.4.2025)

