Gerd Altmann / pixabayBild: Gerd Altmann / pixabay

Die Sehnsucht nach intensivem Leben

In den Tagen vor Pfingsten bitten die Gläubigen um den Heiligen Geist. Aber was ist die Heilige Geistkraft? Wozu die Bilder von Feuer und Wind? Ein Ansatz zum Verstehen könnte die Sehnsucht nach intensivem Leben sein, die viele Menschen verspüren.

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Liebe Schwestern und Brüder,

wir befinden uns grade in der Pfingstnovene. Ihr wisst vielleicht, was das bedeutet: Novene bezeichnet die 9 Tage vor einem großen katholischen Fest. Die Pfingstnovene ist die wichtigste Novene. Nachdem sich Jesus an Christi Himmelfahrt in gewisser Weise dem „Zugriff“ der Jünger:innen entzogen hat, bitten wir nun um das Kommen des Heiligen Geistes bzw. der Heiligen Geistkraft!

Nun muss ich an Pfingsten immer an die BVG-Werbung denken, ich habe davon schon letztes Jahr davon erzählt. Und zwar heißt es auf dem Plakat: „Pfingsten ist so Berlin. Alle feiern, aber keiner weiß warum!“

Es ist aber auch nicht einfach zu erklären, worum es an Pfingsten geht. Es gibt so viele Aspekte: Geburtstag der Kirche, Gemeinschaft, Mission, Der Geist weht wo er will und so weiter!  Ich möchte mich heute einen Aspekt fokussieren, auf den man nicht gleich kommt – vor allem, weil es sozusagen die Gegenrichtung bezeichnet.

Was ist damit gemeint: Ihr habt die Bilder von Pfingsten vor Augen: Flammenzungen kommen von oben herab auf die Jünger, die zusammen mit Maria sich ängstlich im Abendmahlssaal eingeschlossen haben. Dieser Flammen verursachen richtig eine Explosion: Die Zungen lösen sich, die Menschen können in allen Sprachen sprechen, manche denken, sie sind betrunken! Die Angst weicht, und es gibt einen Impuls nach außen! Alles scheint von oben zu kommen!

Aber worauf trifft dieser Geist? Auf welchen Boden fallen sozusagen diese Flammentropfen? Die Bibel ist da sehr karg, aber ich glaube, dass sozusagen die Bewegung „von unten“ auch einen wichtigen Aspekt bezeichnet. Worauf trifft diese Heilige Geistkraft? Gibt es da etwas, was darauf vorbereitet oder was sich zumindest danach sehnt?

Das wäre meine These heute: Ein Schlüssel zum Verstehen des Pfingstfestes liegt im Wahrnehmen der Sehnsucht nach intensivem Leben!

Die Sehnsucht nach intensivem Leben! Ich behaupte mal, dass jeder sie kennt. Jedenfalls fühle ich sie sehr stark in meinem Leben. Sie ist ein sehr kraftvoller Motor für meine Existenz. Sie schenkt mir Motivation, Ziele zu erreichen. Hält mich in Bewegung auch mal was Neues zu machen!

Das Schöne ist ja, dass man in seinem Leben immer wieder mal Momente erlebt, wo man so was wie Erfüllung erlebt: Wenn ich einen atemberaubenden Sonnuntergang am Meer erlebe. Oder auch Musik höre oder gar selber spiele, die mich richtig innerlich bewegt. Kennt ihr diese Gänsehaut-Momente? Da könnte ich richtig weinen. Auch in der Begegnung mit Menschen gibt es diese Momente intensiven Lebens: Das kann mit Freunden sein, oder auch mit den Eltern und Geschwistern. Verliebtsein ist eigentlich nichts anderes als ein krasser Moment intensiven Lebens, und die Kunst in der Beziehung ist es, die Faszination zu transformieren, damit man immer wieder neu über und mit der Partner:in staunen – und sich freuen – kann!

Natürlich ist das auch ein bisschen Typ-Frage. Manche Leute mögen es etwas gemächlicher und schätzen es, wenn es nicht ständig rauf und runter geht. Ich persönlich könnte mir aber ein langweiliges, verbürgerlichtes Leben nicht auf Dauer vorstellen, wo alles absehbar vor sich hin plätschert und die größte Aufregung im Leben nur noch ist, was man abends zu Essen kocht oder ob man zum zehnten Mal an denselben Urlaubsort fährt!

Nun mag einer sagen: Ist dann nicht das Leben im Kloster eine Fehlentscheidung gewesen? Sollte man da nicht eher die Ruhe und Kontemplation suchen? Ja einerseits stimmt das! Aber nicht, um diese Sehnsucht zu ersticken sondern anders am Leben zu erhalten. Und ich kann für mich sagen: Sogar noch stärker und intensiver zu leben, weil ich so oft nah dran bin an den Menschen an den existenziellen Wendepunkten ihres Lebens! Für mich ist Religion und Spiritualität die Kunst, die Sehnsucht zu kultivieren.

Wichtig dabei ist: Sich nicht mit „kleiner Währung“ zufrieden zu geben. Nichts gegen ein bürgerliches Leben: Ich bin selber verbürgerlicht genug! Aber wenn alles absehbar ist, wenn es im Leben keine Überraschungen mehr gibt, wenn ich alles unter Kontrolle habe, und alles Unvorhergesehene und Spontane ersticke: Dann bin ich eigentlich scheintot!

Wahres Leben ist unkontrollierbar, voller Überraschung, manchmal auch anstrengend… aber immer intensiv!

Eine weitere Versuchung ist die Betäubung. Man kann diese Sehnsucht auch durch Scheinbefriedigungen ersetzen. Für die Workaholics ist das die Arbeit: Das finden sie geil! Merken aber gar nicht, dass sie das eigentliche Leben verpassen und nicht mehr in Verbindung sind mit sich selbst und dem Nächsten! Andere betäuben sich mit Substanzen, wieder andere mit Netflix oder Tictoc. Auch Religion kann dafür missbraucht werden: Karl Marx hat das angeprangert, als er die Religion als „Opium für das Volk“ bezeichnete. Aus meiner Sicht ist das die Perversion von Religion, wenn sie einen dazu bringt, die eigentlichen Bedürfnisse nicht mehr wahrzunehmen.

Für mich hält echte Religion das „Fenster“ offen für das Mehr, das wir in unserm Leben erwarten!

Ein letztes Wort zur Erfüllung dieser Sehnsucht nach intensivem Leben. Gibt es die? Ich habe es ja schon gesagt, Immer wieder erlebt man Momente im Leben, wo man  dieses Gefühl hat. Das sind so Boah-Momente. Aber sie sind irgendwann auch wieder vorbei. Manche schließen daraus, dass diese Momente gar nicht echt sind. Nur Illusion. Das ist das halbleere Glas.

Aber man kann auch das halbvolle Glas sehen: Jeder dieser Wow-Momente ruft in uns die Erinnerung wach, dass es in diesem Leben mehr gibt, als nur das Funktionieren, den Alltag, das Banale.

Und an dieser Stelle kommt für mich die Erwartung für das Pfingstfest ins Spiel. Ich glaube, dass die Momente intensiven Lebens – nach denen wir uns so sehr sehnen – erfüllt sind vom Heiligen Geist. Der Geist ist die Liebe und das Leben in Gott. Und an diesem Leben erhalten wir Anteil auf eine ganz neue und unübertreffliche Weise!

Das heißt Pfingsten können wir nur „richtig“ feiern, wenn wir in Verbindung stehen mit unserer Sehnsucht nach intensivem Leben. Diese Sehnsucht will erfüllt werden. Volle Erfüllung gibt es in dieser Welt nicht. Aber es gibt einen Vorgeschmack dessen, wozu wir eigentlich von Gott erschaffen wurden: Zu Menschen voller Leben und Leidenschaft.

Wir haben heute eine Lesung aus dem Buch der Offenbarung gehört. Da wird diese Sehnsucht umschrieben mit dem Bild des Durstes. Und die Erfüllung wird beteichnet als das Wasser des Lebens, das wir „unentgeltlich“ also ohne dass wir uns dafür anstrengen müssten empfangen sollen.

Der Geist und die Braut aber sagen: Komm!
Wer hört, der rufe: Komm!
Wer durstig ist, der komme!
Wer will, empfange unentgeltlich das Wasser des Lebens!
Er, der dies bezeugt, spricht:
Ja, ich komme bald. –
Amen. Komm, Herr Jesus! (Offb 22)

Eine großartige Verheißung! Amen