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Wozu Papst und Hierarchie?

Liebe Gemeinde,

ich muss zugeben: Ich war überrascht, wie viel Interesse der Tod von Papst Franziskus und die Wahl Leos XIV. geweckt haben. Auf allen Kanälen Papst, und die Kommentare waren eigentlich immer recht positiv: Sowohl zur Bedeutung von Papst Franziskus, als auch zum neuen Papst! Ich wusste zwar, wer Robert Prevost ist, aber gerechnet hatte ich nicht mit seiner Wahl!

So eine positive Stimmung gab es auch, als 2005 Papst Benedikt XVI. gewählt wurde, und bei Papst Franziskus im Jahr 2013. Vielleicht habt ihr gehört, dass damals die Bild-Zeitung titelte „Wir sind Papst“. Besonders bei Benedikt hat sich die Stimmung dann ziemlich gewandelt; und ich bin gespannt, wie es bei Leo werden wird. Viele projizieren ihre Hoffnungen und Erwartungen in ihn hinein, ohne zu wissen, wie er wirklich ist. Wir werden sehen: Ich persönlich habe einen guten Eindruck: Er scheint ein sehr spiritueller und zugleich vernünftiger Mensch zu sein. Und dass er als Augustiner Ordensmann ist und gewohnt, in Gemeinschaft zu leben, ist jedenfalls nicht das schlechteste Omen.

Das große Interesse am Papst hat mich persönlich natürlich gefreut. Die Übertragungen im ZDF-Stream bzw. im linearen Fernsehen hatten beste Quoten, und selbst Leute, die nichts mit Kirche am Hut haben, interessierten sich nun für die katholische Kirche. Das steht in eigenartigem Kontrast zu der sonstigen Stimmung, wenn es um die katholische Kirche geht. Was ist der Grund? Einfach nur die Faszination einer jahrhundertealten Institution? Die bunten Gewänder? Der Reiz, ganz viele alte Männer auf einem Fleck zu sehen? 😉

Im Gespräch mit vielen Menschen, die nicht kirchlich sind, habe ich jedenfalls wahrgenommen, dass der Papst als etwas Archaisches wahrgenommen wird, als irgendwie aus der Zeit gefallen. Wie viele andere wichtige Amtsträger in der Welt wird er zwar gewählt – allerdings nur von sehr wenigen Männern! -, aber er stellt etwas dar, was nicht zu vergleichen ist mit den Repräsentanten von Staaten oder anderen Religionen.

Ich möchte das zum Anlass nehmen, mit euch über das katholische Amtsverständnis nachzudenken, denn nach meinem Eindruck ist das inzwischen auch für Katholik:innen ein „Buch mit sieben Siegeln“ (wie das Buch der Apokalypse auch genannt wird, aus der wir die erste Lesung gehört haben. Wir leben in einer Demokratie; und auch wenn es nicht immer klappt: Der Anspruch in der Luft, dass alles „demokratisch“ sein müsse, liegt ja doch in der Luft.

In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist die katholische Kirche aber das Gegenteil von Demokratie. Sie steht für Hierarchie – also die Vorstellung, dass Herrschaft („Arche“) in etwas Heiligem („Hieros“) begründet liegt, und nicht im Volk („Demos“). Stimmt das oder stimmt das nicht?

Die Frage ist ziemlich wichtig für uns alle: Für euch als Gemeindemitglieder, denn ihr müsst ja wissen, in die Hände welcher Institution ihr geraten seid. Und für mich auch: Denn als Amtsträger stehe ich ja für diese Institution. Und als „geweihter“ Amtsträger, ist das Hierarchische noch mal offensichtlicher! Für zwei Wochen habe ich mein 25. Priesterjubiläum begangen, und ich kann sagen, dass ich schon viel erlebt habe als Vertreter der „Hierarchie“.

Eine wichtige These vorweg: Ja: Die katholische Kirche ist hierarchisch aufgebaut, und man kann sie sich nicht einfach als „Demokratie“ selber stricken. Aber es gibt ein Gegengewicht in ihr selbst, was dem Hierarchischen eine wenn man so will „horizontalen Perspektive“ beigesellt. Und das ist das, was Papst Franziskus versucht hat, neu ins Bewusstsein zu rufen, indem der das Thema „Synodalität“ auf die Agenda gestellt hat. Das Wort „Synode“ besteht aus zwei Teilen: „Syn“  heißt „mit“ und „odos“ bedeute der Weg. Man könnte also Synodalität übersetzen mit: Gemeinsam einen Weg gehen!

Aber woher diese eigenartige Verfassung der katholischen Kirche, die eben nicht demokratisch ist, sondern hierarchisch und synodal zugleich?

Das Zauberwort ist die „Sakramentalität“! Was ist das? Ihr wisst vielleicht, was ein Sakrament ist: Kriegen wir alle Sakramente zusammen?

Taufe – Eucharistie – Firmung – Buße – Weihe – Ehe – Krankensalbung

Was sind Sakramente? Sichtbare Heilszeichen Gottes! Die katholische Spiritualität legt sehr viel Wert drauf, dass Gottes Wirken erfahrbar und sogar berührbar ist. Das hängt damit zusammen, dass Gott Mensch geworden ist! Gott ist durch Jesus Christus nicht mehr fern und abstrakt, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut geworden. Damit ist Gottes Gegenwart nicht mehr etwas Abstraktes, sondern etwas sehr Konkretes.[1] Und die Kirche wird als „Leib Christi“ verstanden, der ebenso wenig „abstrakt“ bleibt, sondern eine spirituelle Wirklichkeit. Da wo die Botschaft verkündet wird und Menschen durch die Taufe zu neuem Leben erstehen, da werden sie eingegliedert in das Kirche ist: Leib Christi.

Die Amtsträger (und ich ergänze bewusst auch die Amtsträgerinnen, die es bisher leider noch nicht gibt), haben die Aufgabe, diese „Erfahrbarkeit“ Gottes in den Sakramenten zu ermöglichen. Und deswegen sind sie auch selber geweiht. Wie bei der Taufe und der Firmung prägt das Weihesakrament ein „unauslöschliches“ Prägemal ein: Semel catholicus, semper catholicus (genauso bei der Firmung und Weihe).

Wir ihr wisst, feiern wir an Pfingsten den Geburtstag der Kirche: Denn an dem Tag wurde der Heilige Geist ausgegossen. Und das begründet dann die besondere Spannung, in der die katholische Ekklesiologie seitdem steht: Einerseits die Vorstellung der Kirche als Leib Christi, andererseits aber Kirche auch als Gemeinschaft der vom Heiligen Geist Berufenen: Einem Geist, der weht, wo er will! Der sich nicht beschränkt auf die engen Mauern eine Institution!

Der Papst ist übrigens keine eigene Weihestufe, sondern er ist vor allem Bischof von Rom und als solcher kommt ihm die Aufgabe, den Vorsitz in der Liebe zu führen!

Ich glaube, dass in der Wahrnehmung der Menschen die hierarchische Dimension der katholischen Kirche in der Vergangenheit zu stark war und zu wenig die vom Heiligen Geist bestimmte Wirklichkeit! Synodalität ist meines Erachtens wichtig, um diese „andere Seite“ von Kirche, die vom Heiligen Geist gedachte wiederzuentdecken, die nicht so sehr die Unterschiede betont, sondern die Verbundenheit, die der Heilige Geist schafft und irgendwie auch eine anarchische Seite hat! Das wird immer in Spannung bleiben; und das wird katholische Kirche aber auch immer von Vereinen und anderen demokratischen Strukturen unterscheiden!

Noch mal zusammenfassend:

  • Die katholische Kirche hat die hierarchische Seite in der Vergangenheit zu sehr betont.
  • Wir müssen die synodale Struktur der Kirche wiederentdecken, und uns dabei vom Heiligen Geist leiten lassen.
  • Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott nicht nur zölibatäre Männer in das Amt beruft, sondern eine noch viel größere Vielfalt auch mehr von Gottes Geheimnis spür- und erfahrbar machen kann.
  • Wir müssen aber auch lernen, die katholische Kirche nicht mit einer Demokratie zu verwechseln und Maßstäbe an sie anzulegen, die ihrer geistlichen Dimension nicht gerecht wird. Dazu müssen wir alle auch sprachfähiger werden, um sagen zu können: Was ist eigentlich ein Sakrament!

Als Priester, der in diesem Jahr sein 25. Weihejubiläum feiert, erhoffe ich mir davon, auch wieder klarer zu bekommen, was eigentlich der Sinn meines Berufs und meiner Berufung ist. Wissen wir, wozu es eigentlich Priester braucht, und warum gewisse Dinge von Priestern (und ich ergänze hoffentlich auch Priester:innen) gemacht werden sollten?

Ihr merkt, ein bisschen angefressen bin ich schon von der Unklarheit, die in dieser Frage herrscht. Aber ich kann für mich persönlich sagen, dass ich nicht einen Tag seit meiner Weihe bereut habe. Ich war gerne Spender und Diener an der sakramentalen Gegenwart Gottes, Verkünder seiner Liebe und Barmherzigkeit und „synodaler“ Weggefährte der Menschen, die Gott suchen auf den Wegen ihres Lebens. Amen!

[1] Etwas, was auch im Schmutz eines Stalls erfahrbar sein kann, oder wenn ihr an Mt 25 denkt in Kontexten, wo man am wenigsten Gott erwarten würde. Jesus identifiziert sich mit den Menschen in prekären Situationen: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben“. Sie werden zum Sakrament Gottes. Der Leib Christi: Das ist der leidende Mensch!