© Erzbistum Berlin/Jörg FarysBild: © Erzbistum Berlin/Jörg Farys

Das theologische Buffet

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 14. Juni in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
als ich zur Vorbereitung auf unseren heutigen Sonntagsgottesdienst die vorgeschriebenen Texte gelesen habe, schossen mir unzählige Predigtthemen in den Kopf.
Man könnte den langen Irrweg des Volkes Israel durch die Wüste als Preis der Freiheit thematisieren und dabei herausarbeiten, dass es immer wieder einen Berg Sinai braucht, an dem man lagern und Kraft tanken kann. Einen Ort an dem Gott sich sicher zeigt, sich zuwendet und einem Mut zuspricht. Einen Ort, an dem jede und jeder sein darf, wie er respektive sie ist. Wo man zur äußerlichen Ruhe gezwungen wird, um auf die innere göttliche Stimme zu hören.
Auch wollte ich eine Spruchpredigt halten über den dritten Vers aus der heutigen Lesung: „Ihr habt gesehen, (…) wie ich euch auf Adlerflügeln getragen habe“.
Das Gottesbild als Vergleich mit dem Adler ist nämlich eines meiner liebsten:
Der Adler hegt und pflegt sein Junges. Doch dann drängt er es aus dem Nest. Er will seinem Nachwuchs Freiheit und Selbstständigkeit schenken, fernab von fauler Gemütlichkeit oder Versorgungsmentalität. Also drängt der Adler sein Junges aus dem hoch oben liegenden Nest – idealerweise an einer sicheren steilen Felsenwand. Er drängt es an den Rand, bis das Junge ins Bodenlose fällt. Das Adlerbaby fällt, struggelt, kämpft um sein Leben und müht sich es in den Griff zu bekommen. Es versucht seine gottgegebenen Flügel zu nutzen. Schafft das Junge es, gut. Dann soll es fliegen, leben, selbstständig werden für sein eigenes Leben. Schafft es das Junge nicht, stürzt der Adler im Sturzflug hinterher, packt das Junge scharf mit dem Schnabel, wirft es kurz hoch, taucht unter es und trägt es „auf Adelers Fittichen“ wieder zurück ins Nest. Schonfrist! Bis zum nächsten Versuch. Ein wirklich wunderbares Gottesbild, wie ich finde!
Auch kirchenpolitisch könnte man zu dieser kurzen Lesung predigen:
wir sind ein priesterliches Volk, alle wie wir hier sitzen. In der Taufe wurden wir sogar dazu gesalbt! Wir sind Könige und Königinnen, Propheten und Prophetinnen, Priester und Priesterinnen. Wir haben Recht und Pflicht zu leiten, in die Weite zu führen und zu beten – miteinander und füreinander!
Das Evangelium ist nicht weniger gefüllt mit tollen Predigtthemen:
gleich zu Beginn zeigt Christus Jesus eine Haltung, die wohl die wichtigste Haltung eines Christenmenschen ist: Mitleid.
Mitleid ist eine Form der Nächstenliebe und ich finde es super, dass Jesus dieses Gefühl empfindet, wenn er auf uns, sein Volk, schaut.
Doch dann frage ich mich, sind wir wirklich so mitleidsbedürftig?
Leiden WIR wirklich so sehr?
Schränkt das Gefühl Mitleid das Gegenüber nicht ein und versperrt den wahren Blick auf die gesamte Lebenssituation des „Notleidenden“?
Oder löst Mitleid sogar die falsche Reaktion aus?
Daher hätte ich zu gerne das Wort im Originaltext „esplaixvisthä peri auton“ näher analysiert, ob damit nicht vielleicht doch „Mitgefühl mit ihnen“ gemeint ist!?
Denn „Mitgefühl“ ist etwas anderes als „Mitleid“. Bei Mitleid schwingt das Wort „Leid“ mit. Dabei fühlt man den Schmerz der anderen Person so stark, dass man selbst darunter leidet. Dies kann zu emotionaler Erschöpfung (dem sogenannten empathischen Stress) führen, weil dann oft das Gefühl der Abgrenzung verloren geht.
Aber vielleicht ist es genau diese Haltung, die Gott uns in Jesus zeigen wollte: Einsatz bis zum Äußersten, keinerlei rein emotionale Antizipation.
Naja, man hätte auch wunderbar über Nachwuchsgewinnung und Berufung predigen, die lange Liste der Apostel diskutieren und ekklesiologisch einordnen können.
Wir hätten uns über die Wunder des Alltags und unser allgemeines Verständnis von Wundern austauschen können.
Auch hätte ich gern den Herrn Jesus kritisch hinterfragt, weshalb er seine Jünger nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ sendet und sie ganz bewusst „den Weg zu den Heiden“ meiden „und (…) keine Stadt der Samaríter“ betreten sollen.
Was soll das denn bitte?
Jesus als elitärer ausgrenzenden Fatzke?
Brauchen nicht die „Kranken“ den Arzt?
Ja, manchmal findet man kein Thema und heute war die Auswahl zu groß.
Deshalb belasse ich es dabei.
Möge jede und jeder von euch sich Seines heraussuchen, selbst zur Bibel greifen, um die heutigen Passagen noch einmal nachzulesen und dein Thema für diese neue Woche finden.
Zum Abschluss rufe ich euch nur noch einmal das zu, was Jesus uns am Ende des heutigen Evangeliums zugerufen hat, denn ich glaube bei der Fülle an Themen kommt es genau darauf an:
„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!
Heilt Kranke,
weckt Tote auf,
macht Aussätzige rein,
treibt Dämonen aus!
Umsonst habt ihr empfangen,
umsonst sollt ihr geben.“
Amen.