Verschwenderisch und locker säen!
Es gilt das am 16. Juli 2026 in der KHSB gesprochene Wort.
Liebe Kolleg*innen, liebe Studierende,
macht es Sinn, so zu säen wie der Sämann im Gleichnis?
Ich habe mich – mithilfe von ChatGPT – schlau gemacht.
Damals in der Antike war es die übliche Sämethode. Man hat weiträumig gesät, den Boden relativ wenig bearbeitet und dann die Natur machen lassen. Auf die Frage, ob es heute noch Sinn mache, so auszusähen wie der Sämann hat ChatGPT eine eindeutige Antwort: Es sei ineffizient und führe zu hohen Verlusten und geringen Erträgen.
Heute setzt man auf Präzision statt Breitwürfigkeit. Die Samen werden in Reihen oder mit Einzelkornsaat platziert, um Platz, Nährstoffe und Wasser optimal zu nutzen. So minimiert man Verluste und steigert den Ertrag. Vor der Aussaat wird der Boden gelockert, gedüngt und von Unkraut befreit.
Je nach Methode (z. B. Pflug, Mulchsaat, Direktsaat) wird der Boden unterschiedlich bearbeitet, um optimale Keimbedingungen zu schaffen. Bei der Aussaattechnik kann man wählen z.B. zwischen Direktsaat, Vorkultur, Reihensaat etc.
Sämaschinen sorgen für gleichmäßige Verteilung, richtige Tiefe und Abstand. Das Saatgut und die passende Methode werden nach Boden, Klima und Pflanzenart ausgewählt. So wird z. B. auf trockenen Böden früher gesät, um Feuchtigkeit zu nutzen, oder auf erosionsgefährdeten Flächen mit Mulch gearbeitet. Zudem wird gezielt bewässert, gedüngt und Unkraut bekämpft.
Wenn man sich das anhört, möchte man dem Sämann von damals Verschwendung und geradezu Faulheit nachsagen. Es gab sicher Gründe in der Antike so zu sähen, denn verschwenderisch konnte man mit dem Saatgut auch damals nicht umgehen.
Dennoch fragt man sich: kann er nicht ein bisschen gezielter werfen? Zumindest die Wege aussparen? Kann er nicht die Fruchtbarkeit seines Bodens erhöhen? Kuhdung und Kompost ausbringen? Die Humusschicht dort erhöhen, wo die Frucht nicht tief wachsen kann? Bewässerungsgräben anlegen. Zumindest eine Vogelscheuche aufstellen? Ist das nicht fahrlässiges Verhalten?
Jesus spricht ja gerne in Gleichnissen. Es wusste, wie Storytelling funktioniert. Wie er nicht nur den präfrontalen Kortex, sondern auch das limbische System erreicht. Emotionen erzeugt und wie seine Worte im Gedächtnis bleiben und nachwirken. Die Saat, die der Sämann aussieht, steht bei Jesus für das Wort. In diesem Fall für die frohe Botschaft von Gott. Und seine Message war: Verschwenderisch das Wort Gottes verkünden. Und erst am Ende gucken, wer es kapiert und verinnerlicht hat.
Auch Sie als Lehrkräfte – oder sie z.B. als zukünftige Religionslehrer*innen – säen das Wort aus. Das Wort ihres Wissens und ihrer Inhalte.
Da sind sie also und sähen das ganze Semester fleißig das Wort aus. Und wenn dann die Leistungsnachweise, Seminararbeiten, Prüfungen und Abschlussarbeiten zurückkommen, sehen Sie, ob die Frucht aufgegangen ist. Manches studentische Bemühen trägt Frucht, bei anderen war es ChatGPT. Bei anderen kommt gar keine Rückmeldung und sie wissen nicht, was mit ihrem vermittelten Wissen passiert ist.
Natürlich gehen auch sie zeitgemäß vor. Sie säen nicht einfach ohne Sinn und Verstand in der Gegend rum. Stattdessen: Zielgruppenanalyse, Differenzierung, Evaluation, didaktische Innovation, Studentenengagement, Supervision, Sprechstunden, individualisierte Betreung, Verlängerungen etc. Sie steigern die Erträge! Es macht wirtschaftlich, pädagogisch und menschlich ja auch nur Sinn. Mehr Studierende legen gute Leistungen ab oder schaffen es, überhaupt das Studium abzuschließen.
Aber auch: Uff! Da muss ich an den berühmten Ausspruch des Berliner Musiker Funny van Dannen denken: „Wer rasen sät, wird Mäher ernten.“
Stellen wir uns mal vor, Sie an der KHSB (oder vielleicht auch Sie später in der Schule oder ihrem sozialpädagogischen Berufsfeld) gingen so vor wie der Sämann: Wissen haben sie genug, sie können ruhig verschwenderisch damit umgehen. Sie schütten das Wissen also aus, großzügig, weiträumig ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, ob es auf fruchtbaren Boden fällt. Ohne sich zu kümmern, dass der Boden fruchtbar wird. Das wäre erstmal ein ganz schön befremdlicher Gedanke. Es ist wirtschaftlich unsinnig, Studierende nicht dabei zu unterstützen, ihr Studium auch abzuschließen. Das hätte nichts mehr mit Chancengleichheit zu tun: was kann denn der Boden dafür, dass er nicht bearbeitet, bewässert, gedüngt wird?
Andererseits: Irgendwie beneide ich auch den Sämann um seine Leichtigkeit. Er wirft einfach drauf los. Vorurteilsfrei. Er vertraut da drauf, dass irgendwo, irgendwann schon etwas aufgehen wird. Er vertraut auf die Kraft des Samens, auf die Unzuverlässigkeit der Umweltbedingungen. Kann es nicht doch vorkommen, dass in diesem Jahr die richtige Menge Regen zur rechten Zeit fällt und auch auf dem flachen Boden etwas gedeiht? Kann es nicht sein, dass die Vögel das Samenkorn übersehen? Wächst nicht auch auf unseren asphaltierten Straßen in jedem noch so kleinen Spalt eine Pflanze?
Und auch wenn nichts aufgeht, betrachtet er das mit bewundernswertem Gleichmut.
Ich will ihnen jetzt natürlich nicht raten, die einzelnen Studierenden / Schüler*innen nicht mehr in den Blick zu nehmen. Ich rate der KHSB und der Bildungslandschaft natürlich nicht, nach dem Gießkannenprinzip zu verfahren oder sich nicht zu hinterfragen: wie kann meine Lehre noch mehr auf fruchtbaren Boden fallen. Ein Gleichnis ist immer auch eine Komplexitätsreduzierung.
Aber: dem Boden, der Umwelt, Gott und besonders den einzelnen Studierenden zu vertrauen und nicht gleich zu sagen: da wächst eh nichts. Ist das nicht auch eine Haltung, von der wir etwas übernehmen können?
Dass wir nicht alles beeinflussen können, heißt ja dann auch, dass wir nicht die Verantwortung für den Lernerfolg komplett auf unseren Schultern tragen müssen.
Es heißt Studierende / Schüler ernst zu nehmen. Den Erfolg eines jeden einzelnen erst ganz zum Schluss, am Erntetag zu bewerten. Studierende entwickeln sich, sie suchen sich Hilfe, knien sich rein, finden andere Wege oder übernehmen Verantwortung für sich und ihr Leben.
Manche brechen vielleicht auch ab, aber heißt das, dass die Saat nicht aufgegangen ist? Wer weiß, bei welcher Gelegenheit sich die eine oder andere noch an ihre Inhalte erinnern wird.
Ich möchte sie aber zu mehr Leichtigkeit und Vertrauen ermuntern. Im Coaching gibt es den Satz: arbeite nie härter als dein Klient. Studierenden so zu begegnen heißt auch, sie und ihre Selbstwirksamkeit ernst zu nehmen. Ergebnisoffen. Und: genießen Sie das säen und warten Sie – jetzt in den Semesterferien – gemütlich die Ernte ab.

Susanna Marsiglia / unsplash