Für Schwestern und Brüder in der Ungeduld
Es gilt das am 19. Juli 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on July 19, 2026 at St. Augustinus, Berlin.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
das eben gehörte Evangelium ist die direkte Fortführung des Evangeliums vom letzten Sonntag. Darin hörten wir, dass Jesus in ein Boot gestiegen war, um zur großen Menschenmenge zu sprechen, die sich aus Neugier wegen ihm am Ufer des Sees Genezareth versammelt hatte.
Jesus arbeitete viel mit Gleichnissen, aber in dieser Passage bündelt der Evangelist eine ganze Reihe dieser Geschichten, um Jesu Hauptanliegen zu thematisieren, nämlic die Ausbreitung des Reiches Gottes oder auch des Reiches der Himmel, wie es oft übersetzt wird.
Auch wenn die von ihm vor fast 2000 Jahren verwendeten Bilder heute nur noch wenig mit unserem Alltag zu tun haben, behalten sie durch die Bildhaftigkeit ewigandauernde Bedeutung. Gehen wir daher das heutige Evangelium, versehen mit dieser hermeneutischen Brille, noch einmal durch:
Mit dem Himmel ist es, wie
– Mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.
Wer ist dieser Mann? Wer ist dieser Mann in meinem Leben? Kann es auch eine Frau sein? Oder alle dazwischen und außerhalb?
STILLE, ca. 15 Sekunden
Welche Samen werden da gesät? In MEINEM Leben? Und was bedeutet gut? Gut für MICH? Gut für mein Umfeld? Gut für die Ausbreitung des Gottesreiches? Hat das etwas mit mir zu tun? Bin ich denn ein Acker Gottes? Bzw. WILL ich das sein?
STILLE, ca. 15 Sekunden
Wer ist der Feind? Was ist dessen Unkraut in meinem Leben? Welche „Knechte“ – in Anführungszeichen – dienen welchem Gutsherrn in meinem Leben? Also wer kümmert sich um MICH? Wer spricht in meinem Namen/bringt meine Sorgen und Nöte ins Wort?
STILLE, ca. 15 Sekunden
Dann das zweite Gleichnis: der Samen ist jetzt ein Korn, ein Senfkorn? „Das kleinste von allen Samenkörnern“, wie Matthäus seinen Jesus erklärend dazusagen lässt. Das Senfkorn mag das Kleinste sein, doch hat es aber auch das höchste Potenzial. Denn der sogenannte Echte Senfbaum (Salvadora persica), der sogar in den Trockengebieten des Nahen Ostens beheimatete Baum oder große Strauch wächst typischerweise 6 bis 7 Meter hoch, kann aber in seltenen Fällen Wuchshöhen von bis zu 10 Metern erreichen. Zudem konnte nahezu alles von diesen Gewächsen verarbeitet werden: es war eine wichtige Koch- und Heilpflanze, brachte also Lebensfreude und Heilung.
Was ist MEIN kleinstes Senfkorn? Hoffnung? Was hat bei mir Potenzial? Was bringt mir Lebensfreude UND Heilung?
STILLE, ca. 15 Sekunden
Wer nistet in meinen Ästen? Wo bin ich Sauerteig? Welches Mehl nutze ich als Nährboden für noch Größeres?
STILLE, wenige Sekunden
Liebe Schwestern und Brüder in der Ungeduld,
die Gleichnisse Jesu haben ein großes Potenzial: sie sind ewiggültig und können für jede und jeden von uns unterschiedliche Bedeutung haben.
Bei unserem Denken, Reden und Tun sind sicher viel „gute Frucht“ und viel „Unkraut“ dabei. Aber selbst das lässt Gott wachsen. „Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an.“ Vermittelt, und trägt unsere „unaussprechlichen Seufzer“ direkt vor Gott. Paulus schrieb das auch der ungeduldigen Gemeinde in Rom.
Doch neben dieser inhaltlichen Beruhigung lehren uns die Gleichnisse noch drei sehr entscheidende Dinge:
1. Kraut und Unkraut dürfen gleichzeitig sein und sind bei jedem von uns unterschiedlich. Also Gleichzeitigkeit und Verschiedenheit. Beide erfordern Toleranz.
2. Beides darf, soll und muss wachsen, damit man es besser oder überhaupt erst unterscheiden kann. Wir Christinnen und Christen brauchen Geduld; und zwar eine ganze Menge davon.
Und
3. Schnitter in unserem Wildwuchs sind die Engel. Kein Freund Jesus, kein Teufel, schon gar nicht ich mir selbst oder noch schlimmer, ich einem anderen? Gott selbst wird – wenn die Zeit gekommen ist – urteilen, scheiden, verarbeiten.
Und das, liebe Freunde der Ungeduld, braucht Vertrauen.
Amen.

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