Ein Glas Wasser, bitte
Es gilt das am 28. Juni 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
ein Glas Wasser bitte. Wie oft haben wir diesen Satz schon ausgesprochen, gerade auch in den letzten Tagen?! Ein Glas Wasser, aus der Leitung oder aus der Flasche? Mit oder ohne Sprudel? Kalt oder zimmerwarm? Evian aus den Quellen südlich des Genfer Sees? Oder Brandenburger Quell aus der Diedersdorfer Heide, ca. 5 Kilometer von uns hier? Oder das gehypte Fiji Water, das 16.000 Kilometer zurücklegen muss, bevor es in Berliner Spätis gekauft werden kann? Ein Glas Wasser bitte?
Ein Glas Wasser eröffnet eine ganze Welt. In Afrika entscheidet es manchmal über Leben und Tod. Am vergangenen Donnerstag, als wir uns auf das Deutschlandspiel vorbereitet haben, verbrauchten die Berlinerinnen und Berliner in der einen Stunde zwischen 20 und 21 Uhr sage und schreibe 49 Millionen Liter Trinkwasser! Das sind ca. 250 Millionen davon. Ein Glas Wasser bitte…?!
In Italien wies das oberste Gericht diese Woche die Klage einer Touristin ab, die von einem 5-Sterne-Hotel in Südtirol 2.700 Euro Schadensersatz forderte, da Wasser ein universelles Menschenrecht sei und ihrer Meinung nach zum Hotel-Standard gehören müsse. Das Hotel servierte Mineralwasser für 7 Euro die Flasche. Gute Frau, fahr nach Frankreich. Die carafe d’eau ist dort Standard in jedem Bistro!
Ein Glas Wasser bitte?!
Mit dem „Becher frischen Wasser“ im heutigen Matthäusevangelium (Mt 10,42) macht Jesus deutlich, dass jede noch so kleine, unscheinbare Tat der Nächstenliebe in den Augen Gottes einen enormen Wert hat und nicht unvergolten bleibt.
Ein Becher kaltes oder frisches Wasser war und ist im heißen Orient eine alltägliche, fast mühelose Geste der Gastfreundschaft. Jesus zeigt damit, dass Gott nicht nur spektakuläre Großtaten belohnt, sondern die aufrichtige Liebe im Alltag als Kern seiner Nachfolge sieht.
Man muss kein Holzkreuz durch Wallfahrtsorte tragen oder Echtgoldanhänger auf dem Dekolleté blinken lassen. Man muss auch nicht gleich Kranke heilen, allen Besitz veralmosen oder als Wandermissionar in gefährliche Gegenden ziehen.
Die kleinen Dinge des Alltags bauen das Reich Gottes auf!
Im durstigen Obdachlosen, dem wir eine Flasche Wasser beim Bäcker holen, begegnen wir Jesus. Der muslimischen Frau mit dem Kinderwagen an der U-Bahn-Treppe verschaffen wir Heil, wenn wir mit anpacken.
Der Becher Wasser kann so vielfältig sein. Der Lohn wird immer groß sein. Und er wird immer angemessen sein. Angemessen nicht im Sinne des Gegenwertes, denn Gottes Maßstäbe sind anders. Sondern der Lohn wird immer so aussehen, wie wir ihn uns erwünschen, ihn ersehnen, ihn wirklich brauchen, um ein Leben in Fülle zu erlangen.
Die vornehme Frau aus Schunem hatte alles: ein eigenes Haus mit sogar einem Obergemach, einen Mann und, weil sie als vornehm beschrieben wird, Ansehen und Stil. Für den Einsatz am Diener Gottes Elischa bekommt sie als Lohn einen Sohn. Sie bekommt damit Zukunft und etwas, das sie mehr lieben kann als alles andere, was sie schon hat. Weise verheißt ihr der Prophet im Vers 16a den Sohn, den sie liebkosen kann. Elischa hat erkannt, dass sie alles hat und alles liebt, nur ein eigenes Kind fehlt ihr noch zum wahren Leben in Fülle. Durch Gottes Dankerweisung wird ihr eine ganz neue Welt erschlossen. Sie bekommt durch Gottes Dankgeschenk die Chance ihre ganze Welt mit neuen Augen zu sehen: ist ein eigenes Haus, Wohlstand, Ansehen und der alternde Mann wirklich das Höchste im Leben? Sie wird ihr Kind liebkosen und wird darin nicht nur das lang ersehnte Kind, die Zukunft und die Absicherung im Alter erkennen. Sie wird im geliebten Kind Gott erkennen. Jenen Gott, der große und kleine Taten nicht gegeneinander aufrechnet, sondern großherzig Dank erweist und stets eine neue Weltsicht darin einfließen lässt.
Ein Glas Wasser, bitte?
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
Nachfolge Jesu erfordert keine großen Opfer, sondern Erkenntnis und Dienstbereitschaft. Jesus will, dass wir IHN in unseren Nächsten erkennen und wie Elischa den Menschen helfen, ihre eigene Welt mit neuen Augen zu sehen. Der einfachste Weg dies zu tun, ist dem Nächsten zu Dienen. Dienst am Nächsten beeindruckt immer und löst oft genau dieses Um- und Neu-Denken aus. Die Evangelien sind voll von Berichten, wo Jesus das getan hat.
Folgen wir ihm bereitwillig nach. Nicht indem wir unser Kreuz monstranzartig vor uns hertragen, sondern indem wir SEIN Kreuz auf uns nehmen. Das heißt, indem wir mit wachen Sinnen durch die Welt und die Begegnungen mit den Individuen gehen und jeder Seele helfen, sein respektive ihr Leben in Fülle zu finden.
Amen?

Brendan Church / unsplash