Pfingsten
Es gilt das am 24. Mai 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
Wenn halbwegs belesene Menschen von Pfingsten hören, dann denken sie an das Wunder der Feuerzungen. Doch hört man die Lesung aus der Apostelgeschichte, reiht sich Wunder an Wunder:
Wunder 1: alle waren an einem Ort. Das erleben wir kaum. Jede und jeder hat vielzählige Verpflichtungen, verschiedene Systeme, die sich selten überschneiden. Oft vermissen wir jemanden, er oder sie fehlt uns, als Mitfeiernde, als Ratgeber, als Begleitung. Doch am Pfingsttag waren sie alle an einem Ort.
Das 2. Wunder ist dann das bekannte, berühmte Wunder, dass der Raum erfüllt wurde mit Brausen und Sturm und dass IHNEN – das finde ich spannend – IHNEN Zungen erschienen wie von Feuer. Der Verfasser der Apostelgeschichte berichtet als Außenstehender. Er schreibt nur vom himmlischen Brausen, das wohl alle erlebt haben. Die Feuerzungen erschienen IHNEN, also ganz individuell. Vielleicht ist das schon ein drittes Wunder?
Wunder 4: alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.
Wunder 5: sie begannen zu reden
Wunder 6: in anderen Sprachen – was für ein Geschenk!
In diesen wenigen Versen reiht sich Wunder an Wunder. Kein Wunder also, dass wir Pfingsten feiern und dass Pfingsten so bekannt ist.
Die anderen beiden Texte der heutigen Leseordnung ergänzen diese Wundersammlung, holen sie aus der Berichterstattung eines einmaligen Ereignisses heraus und machen sie ewiggültig.
Vor allem der Korintherbrief, wo Paulus allen Gemeinden und Gemeinschaften ins Gewissen schreibt: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott.“
Aber in all diesen naturgegebenen und gottgewollten Vielfalt:
„ER“, also Gott in der heiligen Geistkraft, „SIE bewirkt alles in allen.“
Jede und jeder von uns darf sein, ist so gewollt, wie er oder sie ist. Jedes Wesen hat individuelle Fähigkeiten, Charismen, Stärken und Schwächen. Nur in der Summe können wir stark sein. Nur in der gebündelten Vielfalt sind wir wahre Einheit.
Schließen wir die einen aus, sind wir verstümmelter Leib.
Doch dürfen wir – wenn wir dieses Bild verwenden und mitdenken – nicht das Jesuswort vergessen, dass Matthäus uns zweimal überliefert: nach dem Rangstreit der Jünger und bei den Weherufen seiner Bergpredigt.
„Wenn dir deine Hand oder dein Fuß Ärgernis gibt, dann hau sie ab und wirf sie weg!“ oder „wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus!“ Als Beweggrund für solch gewaltsames Zuwiderhandeln gegen die Einheit in der Vielfalt benennt Jesus immer nur eins: das Verachten der Kleinen, der Schwachen, der Ausgegrenzten.
Wer also gegen die volle Einheit in der Vielfalt ist, der ist gegen Gott und kann somit nicht zu dir gehören. Das klingt hart, ist aber konsequent! Das mag uns erschrecken, ist aber notwendig. Ausgrenzung geschieht immer auf Kosten der Schwachen, gegen Minderheiten. Dagegen steht Jesus mit allem, was er ist.
Gut, dass dann das Evangelium, in diese harte Notwendigkeit und die vielleicht ausgelöste Aufwühlung hinein, die wohl wichtigste österliche Botschaft Jesu zu Gehör bringt: „Friede sei mit euch! Friede sei mit euch! Friede sei mit euch!“
Unzählige Male berichten die Evangelisten von diesem Gruß Jesu, von diesem Wunsch des alten Freundes, von dieser Zusage des Meisters. Friede sei mit euch!
Der heutige Abschnitt macht deutlich, dass die Gabe der Heiligen Geistkraft nicht mit Druck oder Angst, nicht mit Appellen oder Auflagen beginnt, sondern mit Frieden. Jesus haucht diesen Frieden zu. Einen göttlichen Frieden, der wie das Säuseln, das der Prophet Elija am Horeb bei seiner Gottesbegegnung gehört hat, daherkommt. Frieden macht keinen Lärm! Frieden ist still, schweigt. Frieden gibt dem wesentlichen Raum.
Liebe Geschwister im Glauben,
Pfingsten sagt uns: Du musst dich nicht verstellen, um von Gott geliebt zu sein. Und du musst andere nicht ändern, um ihnen mit Respekt zu begegnen.
Wer aus Gottes Geist lebt, ist nicht laut, macht andere nicht klein, redet nicht an anderen vorbei.
Wer aus Gottes Geistkraft lebt, baut Brücken, hört zu und gibt – selbst fremden – Menschen Mut ihr Leben vertrauensvoll als Geschenk zu leben.
Die Heilige Geistkraft macht aus vielen Stimmen kein Chaos, sondern eine gemeinsame Hoffnung für alle.

David Bumgardner / unsplash