Wahrheit und Hoffnung

Studentische Predigt von Joshua Kunisch am 15.6.2025

Liebe Schwester und Brüder,

ein paar Worte vorab. Einige von Euch wissen es: Meine Profession ist die „Jursiterei“ und sehr zum Leidwesen meines früheren Gemeindepfarrers nicht die Theologie. Und so naheliegend es heute am Dreifaltigkeitssonntag gewesen wäre über die Trinität zu sprechen, möchte ich mich in meiner studentischen Predigt einer Dualität zuwenden: Nämlich dem Zusammenhang von Wahrheit und Hoffnung.

Wir Juristen glauben häufig, dass wir von der Wahrheit besonders viel verstehen würden, schließlich geht es ja vor Gericht darum, die Tatsachenwahrheit zu ergründen. Meine Herangehensweise in dieser Predigt wird tatsächlich auch ein wenig juristisch sein, zumindest was den Aufbau betrifft: Juristen formulieren in Gutachten immer zunächst einen Obersatz, anschließend definieren sie abstrakt anhand des Gesetzestextes und wenden die entsprechenden Normen im nächsten Schritt konkret auf einen Fall an. So werde ich jetzt auch verfahren und mich gleich vorab entschuldigen, falls ich zwischendurch sehr abstrakt werde. Das ist dann nicht nur einer „Berufskrankheit“, sondern wahrscheinlich auch meinem philosophischen Faible geschuldet.

Ich möchte mit Euch einige Überzeugungen meines ganz persönlichen Glaubens teilen. Überzeugungen, die eng verknüpft sind mit zwei Kernbegriffen der heutigen liturgischen Texte, nämlich der „Wahrheit“ und der „Hoffnung“.

Mein – in diesem Fall nicht juristischer, sondern vielmehr spirituell-philosophischer – Obersatz lautet: Hoffnung braucht Wahrheit.

Im heutigen Evangelium haben wir gehört:

Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.

Jesus sagt uns hier: Der Bote der Wahrheit ist der Heilige Geist.

In der zweiten Lesung erinnert uns Paulus:

Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Wahrheit und Hoffnung scheinen also im Innersten miteinander verknüpft. Um zurückzukommen auf meinen Obersatz: ohne Wahrheit, keine Hoffnung! Wieso das so ist, mag sich jetzt der ein oder die andere fragen.

Dem muss jedoch in meinen Augen eine andere Frage vorangestellt werden. Es ist die Frage, die Pontius Pilatus während seines Verhörs an Jesus stellt – und die Christus unbeantwortet lässt: „Was ist Wahrheit?“

Das ist für mich eine ganz zentrale Frage, deren Antwort ich gemeinsam mit Euch nachspüren will. Und die Antwort auf diese Frage ist weitreichend, bestimmt sie doch ganz wesentlich, wie wir die Welt um uns herum sehen.

Ich halte es für die Beantwortung dieser Frage mit dem heiligen Kirchenlehrer und Dominikaner Thomas von Aquin – achtung abstrakt: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Denken und Sein.

Im Mittelpunkt steht also ein sehr grundlegender, zugleich praktisch aber schwer greifbarer Begriff: Das Sein. Um die Wahrheit zu finden, sind wir zunächst aufgerufen, das Sein zu erkennen. Und wenn das Sein mit unserem Denken und Erkennen übereinstimmt, dann ist unsere Erkenntnis wahr.

Soweit also die Definition, der zweite Schritt eines juristischen Gutachtens. Was aber bedeutet das für die Praxis? Was hier abstrakt zunächst einfach und logisch klingt, hat – ich sagte es schon – tatsächlich weitreichende Konsequenzen.

Denn diese Überzeugung – oder genauer dieser Wahrheitsbegriff – heißt doch folgendes:

Es kann verschiedene Blickwinkel, verschiedene Sichtweisen auf das Sein geben. Das eine Sein bliebt jedoch unverändert. Und wenn das Sein unverändert bleibt, dann muss sich jede Erkenntnis des Seins an dem Sein messen lassen. Dann gibt es „bessere“ und „schlechtere“ Erkenntnis des Seins. Und somit gibt es „wahre“ und „falsche“ Erkenntnis – gemessen am Übereinstimmungsgrad der Erkenntnis mit dem Sein. Ihr merkt schon jetzt: Ich bin kein Freund des heute weitverbreiteten Relativismus.

Wieso? Hierzu ein Beispiel aus der Rechtswissenschaft: Juristen sprechen oft vom „erkennenden Gericht“. Das ist im Strafprozess das Gericht der ersten oder zweiten Instanz – also der sogenannten Tatsacheninstanzen. Und die Aufgabe dieses Gerichts klingt sehr einfach, ist oft aber sehr komplex: Die Wahrheit finden. Hierfür werden Zeugenaussagen gehört, Schriftstücke verlesen, Expertengutachten eingeholt, Örtlichkeiten in Augenschein genommen. Kurz gesagt: Es wird unternommen, was der Wahrheitsfindung dient.

Und wenn Zeugen vereidigt werden, so müssen sie schwören, dass alles, was sie berichten, der Wahrheit entspräche und nichts als die Wahrheit sei. Die Eidesformel in § 64 StPO lautet: „Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben“ und wird vom Zeugen bekräftigt mit „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe“. Der Gottesbezug kann aber auch weggelassen werden. Hierauf kommt es für mich in diesem Moment nicht an – obwohl es für den Gottesbezug natürlich sehr gute Argumente gibt.

Hier zeigt sich für mich in jedem Fall aber sehr anschaulich, dass es nur eine Wahrheit geben kann. Nämlich, im Strafprozess bleibend, den tatsächlichen Tathergang. Und die Blickwinkel hierauf mögen verschieden sein: Der Zeuge beispielsweise, der ein Verbrechen nur aus weiter Entfernung beobachtet hat, mag dies anders wahrgenommen haben, als der Zeuge, der dabei war, der direkt danebenstand, als das Verbrechen verübt wurde. Die Wahrheit ihrer Zeugenaussagen bestimmt sich allein daran, ob ihre Wahrnehmung, ihr Denken vom Tathergang, der Realität desselben entspricht. In andere Worten: Ob ihre Erkenntnis vom Tathergang das Sein widerspiegelt.

Was aber bedeutet diese Einsicht über die Erkenntnis der Wahrheit nun für unseren, besser für meinen, ganz persönlichen Glauben?

Zunächst einmal sind wir alle gerufen, uns um die Erkenntnis der Wahrheit zu bemühen. Und das ist eine lebenslange Aufgabe. Wir alle kennen den Ausspruch Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zu Vater außer durch mich.“

Was aber meint dieser Satz für mich – für uns als das „pilgernde Volk Gottes“?

Christus, der ganz Gott ist, der vor Anbeginn der Zeiten war, er ist das Seiende schlechthin. So lautet auch der Name Gottes im Alten Testament, den der Herr dem Mose im brennenden Dornenbusch offenbart: „Ich bin der ‚Ich bin‘.“ In anderen Worten: Ich bin der Ursprung und der Inbegriff allen Seins; Gott ist der Seiende Schlechthin. Somit ist Gott auch der Inbegriff aller Wahrheit. Und alle Wahrheitserkenntnis mündet in ihm.

Und unser Weg zur Wahrheit liegt in Jesus Christus. Wer ihn erkennt, der erkennt den Vater. Und der erkennt die Wahrheit.

Und hier kommt jetzt – endlich – die Hoffnung ins Spiel. Als menschliche Wesen streben wir nach Wahrheit. Das Streben nach Wahrheit ist seit jeher tief in unserem Innersten angelegt.

Mein ganzes Sein richtet sich auf die Erkenntnis der Wahrheit hin. Voller Resignation könnte ich jetzt feststellen: Wenn aber Gott allein die Wahrheit ist, dann kann ich diese doch in meinem irdischen Dasein niemals voll begreifen und ergründen.

Und das ist tatsächlich wahr. Aber: Ich kann mich um Wahrheitserkenntnis bemühen. Ich sagte es schon: Mein ganzes Leben dreht sich sodann um die Erkenntnis der Wahrheit – und doch weiß ich: voll erkennen und begreifen werde ich erst, wenn mein irdisches Leben zu Ende geht und ich Gott gemäß meinem Glauben von Angesicht zu Angesicht schauen werde.

Warum dann alles? Warum alles Mühen um Erkenntnis? Warum aller Streit um den richtigen Weg, um die wahre Erkenntnis der Wahrheit? Ist das dann nicht alles müßig? Sollten wir dann nicht alle Erkenntnisse gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen – ist uns doch die Möglichkeit der letztendlichen Erkenntnis verwehrt?

Das ist heute übrigens durchaus Mode: Eine falsch verstandene Toleranz hat Einzug in unsere Gesellschaft gehalten. Wahrheit wird vielerorts nicht mehr als absolut betrachtet, sondern der Relativismus grassiert. Ich deutete es schon an: Ich halte davon nichts. Ein Satz der mich hierhingehend geprägt hat, ist der folgende: Wenn alles gleich gültig ist, dann ist alles gleichgültig.

Ich halte nichts davon, sich aus Bequemlichkeit auf die Position zurückzuziehen, dass alles eben einfach gleichermaßen wahr ist. Ich bin überzeugt, dass wir um den richtigen Weg streiten müssen, dass wir die Wahrheit suchen müssen. Aber auch, dass wir dem Gegenüber zugestehen müssen, dass er womöglich die Wahrheit besser erkannt hat, als ich selbst. Das ist manchmal hart, zugleich aber echte, wahrhafte Toleranz. Wir müssen einander auch blinde Flecken zugestehen.

Oder in den Worten des Evangelisten Lukas gesprochen: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?

Eine wahrhaft tolerante Haltung im eben beschriebenen Sinne kann uns meiner Meinung nach in vielen gesellschaftlichen Streitfeldern helfen – und trägt weiter als der vermeintlich so tolerante Relativismus. Und das gilt besonders auch in kirchenpolitischen Debatten. Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in kirchenpolitischen Streifragen häufiger besinnen würden, demütig anerkennen würden, dass auch der andere richtig und ich selbst falsch liegen könnte, dann wäre viel gewonnen.

Auf kirchenpolitische Einzelfragen will ich hierbei gar nicht näher eingehen. Nur so viel: Das Lehramt schöpft gewiss aus einer großen Tradition – und als Konservativer kann ich überzeugt sagen: hierin liegt ein Vorteil, denn Tradition ist gegorene Erkenntnis dessen, was sich als sinnvoll und gut bewiesen hat. Aber zugleich sei klar gesagt: Auch das kirchliche Lehramt hat nicht alle Wahrheit für sich gepachtet. Wie auch, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass Gott allein die letzte Wahrheit ist?

Zurück aber zu meiner Frage: Wieso nun also streben nach dieser letzten, göttlichen Wahrheit, die im Diesseits doch unerreichbar bleibt?

Für mich ist die Antwort klar: Weil mir diese Verheißung Hoffnung gibt. Wenn ich im ewigen Leben meinen Schöpfer schaue, dann werde ich die Wahrheit schauen. Dann werde ich begreifen und verstehen, was ich im Hierseits nicht begreifen kann. Dann wird er mich in die ganze Wahrheit einführen.

Und weil ich diese Überzeugung als wahr erkannt habe, darf ich hoffen. Ich darf hoffen, dass er mich voller Liebe anschauen wird. Und vielleicht wird er sagen: Mein geliebtes Kind, Dein ganzes Leben hast Du Dich bemüht und bist doch mit voller Energie in die falsche Richtung gelaufen. Dann aber weiß ich: ER sieht mich in Liebe an. ER sieht meine Bemühung, meine aufrichtige Bemühung um Erkenntnis. Und ER wird mich in seine liebenden Arme schließen.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke und mein Licht. Und ich bin überzeugt: Wer als Christ aus dieser Hoffnung heraus lebt und handelt, der lebt voller und tiefer. Das zumindest ist meine Erfahrung und meine Hoffnung.

Wenn wir aus der Gewissheit leben, dass wir nur die vorletzten Wahrheiten kennen können, dann zwingt uns das zum Respekt vor der Meinung des anderen. Nicht in einem gleichgültigen Nebeneinander, sondern in der

Und zugleich lässt mich  diese Gewissheit freudig hoffen auf den Tag, an dem ich selbst durch Christus in die ganze Wahrheit eingeführt werde, die alles Verstehen und Erkennen übersteigt.

Ich hoffe auf diesen Tag, liebe Schwestern und Brüder. Ich sehne diesen Tag herbei. Und diese Gewissheit schenkt mir Demut, mein Leben anzunehmen, mich um Erkenntnis zu bemühen und auf den Herrn zu hoffen; wahrhaftig zu hoffen.

Amen.

Mitmachen in der KSG

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Queerbeauftragte

Die KSG Referentin Nicole Oster hat in diesem Semester das Amt der Queerbeauftragten für die KSG übernommen. Sie steht als Ansprechperson für dieses Themengebiet zur Verfügung und auch gerne für persönliche Gespräche.

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Zielteam für Promovierende

Du promovierst und brauchst mehr positive Energie, Rat und Austausch? Dann ist das ZielTeam für Promovierende vielleicht das richtige für dich.

Promovierenden ZielTeam 1 trifft sich alle zwei Wochen mittwochs von 10-12 Uhr online.
Promovierenden ZielTeam 2 trifft sich alle zwei Wochen donnerstags von 10-12 Uhr in der KSG.

Bei Interesse melde dich bei Karen um einen Schnuppertermin zu vereinbaren.

Ein Gruß von Nicole Oster

Hallo liebe KSG, ich bin Nicole Oster und werde ab Oktober in der KSG arbeiten. Ich bin 29 Jahre alt und stamme aus Kirchberg im Hunsrück. Nach dem Theologiestudium in Trier und Münster, wo ich auch die KSHG-Arbeit kennen- und lieben gelernt habe, bin ich im Bistum Trier in die Berufseinführung zur Pastoralreferentin gestartet mit Stationen in Saarbrücken und Neuerburg. Durch Freund*innen und großartigen Exerzitien an der Ostsee, ist der Wunsch aufgetaucht, nach Berlin zu ziehen und hier bin ich.

Ich freue mich auf die Arbeit in der KSG und die Begegnungen. Wichtig für meine Arbeit als Seelsorgerin ist der Grundsatz:#faithspacesmustbesafespaces. In meiner Freizeit bin ich gerne mit Freund*innen zusammen, lese, mache Sport, höre Musik, vor allem Taylor Swift, bastele und gehe gerne auf Konzerte.

Eure Nicole

Jonah and Cassandra

KSG Berlin 21.1.2024

Jonah and Cassandra

On Jonah 3, 1 – 5.10

 

Dear sisters and brothers,

what a tragic figure from Greek mythology is Cassandra!

A woman who constantly talks about the future and proclaims the truth, but no one believes her. To tell the truth and to be heard at the same time – that is a difficult task. With Cassandra, it doesn’t want to work at all.

Cassandra, one of the daughters of the Trojan king Priam, thus possessed the gift of foreseeing and predicting the future, but no one believed her.

One of the explanations of how this came about was a kind of relationship breakdown: the beautiful Apollo fell in love with the king’s daughter Cassandra and gave her the seer’s gift as a present. But because Cassandra didn’t want to give in to Apollo’s desires in the long run, he soured the gift a bit: The seer gift remained, but Apollo added the curse that nobody would believe her.

What a drama: You know everything and use the opportunity to predict people’s future, but you are not believed. It’s not nice to receive such a prophetic gift…

The context of my introduction about Cassandra is the Old Testament reading that we heard today. It is about a story that is at least as well known as that of Cassandra:

Jonah and the city of Nineveh. Well, Jonah is more commonly associated with the story of the fish that swallowed him and Jonah had to stay in its belly for some time until he was allowed out again.

But the fish is not at all the point of our story.

Then the Lord says to Jonah:

„Set out and go to Nineveh, to the great city, and threaten it with all that I will say to you.“

And Jonah does. He walks through the city for three days (because it had been a great city) and cries out, „Forty more days and Nineveh will be destroyed!“

And this has an effect. The people are horrified, repent, and God is pleased. It is said that God repented of his own message of doom and took it back.

Good for Nineveh that God was so inconsistent!

 

Jonah wants to flee because he is afraid of his own message. When he announces unpleasant things to the inhabitants of Nineveh, he does not know what it means for himself. After all, it was not impossible that the inhabitants would react allergically to such prophecies.

There is nothing else left for him: Either he takes over God’s order or he evades this order.

He does it like a civil servant: If he has to do something unpleasant or something he doesn’t like, he doesn’t say „No, I won’t do it,“ but he mumbles a „Yes“ and simply forwards the case to the superior. Then, in any case, you don’t do anything wrong.

Because God doesn’t go along with that: Whoever bears responsibility must also accept it and cannot evade it by running away.

In our reading, we are almost at the end of the process: In the meantime, Jonah has decided to fulfill his mission. He goes into the city and calls out the commanded threat.

And what happens?

The completely unexpected.

He is not lynched, but they people are horrified, acknowledge their guilt and atone.

And God Almighty, in his wisdom, revises his own decision and leaves the city free.

 

Cassandra would have been glad if her prophecy had been listened to as in the case of Jonah.

But Jonah was not glad! Because one has listened to his prophecy and has adjusted 100% to the problem. But this makes Jonah untrustworthy: Because nothing happens after 40 days.

Was it because of the conversion of the people or was it because the announcement of Jonah seemed only the shouts of a strange man?

The unheard truth of Cassandra left her the role: her shouts were in the truest sense of the word Cassandra shouts, but the warning which is not heard at first, but which will be fulfilled later.

The Jonah was left only the role of the fool who threatens, but nothing happens.

What the right predictions of Cassandra did not achieve, the word of Jonah brought about, which, however, unfortunately thereby becomes a wrong (!) prediction. This makes him potentially a false prophet in the eyes of the people.

 

It is not about the fact that one stands as a fool in his external presentation, that one is hurt in his vanity!

It is about the fact that you have to fulfill a mission, where you yourself are not so important, but the mission itself, that is everything decisive.

 

Because Jonah fulfilled the mission to threaten, because he announced something that did not come to pass, he saved the people of the city of Nineveh, because it was only through his appearance that they came to their senses, turned around and were thus allowed to go on living.

We see, selflessness – even at the cost of one’s good reputation – can be of benefit.

When I look at it like this, I would rather be a misunderstood Jonah who saves than a Cassandra who is not understood, but not only prophesies disaster, but this also becomes a cruel reality.

Amen!

 

Thomas Eggensperger OP

 

Muss das so kompliziert sein?

Liebe Gemeinde,

in der Lesung, die wir gerade hörten, wird der junge Samuel gerufen. Er wird dreimal gerufen. Er wird dreimal geweckt. Dreimal weckt er seinen Ziehvater und dreimal bekommt er gesagt: „Ich habe Dich nicht gerufen“.

Samuel muss sich wohl mächtig veräppelt fühlen. Und sein Ziehvater Eli erst recht. Was soll das?
Gott möchte sich Samuel direkt mitteilen und Samuel versteht nicht, von wem er angesprochen wird. Selbst Eli, der ja Priester ist, brauch drei Anläufe, bis er es versteht. Warum ist das alles so wirr? Wenn Gott sich jemanden zeigen will, geht das nicht einfacher?

Diese Frage stelle ich mir auch oft im Alltag: „Geht das nicht einfacher?“ Ich kenne es aus dem Studium oder aus Beziehungen zu anderen Menschen, wenn sich alles im Kreis zu drehen scheint. Wenn sich alles wiederholt, wie in der heutigen Lesung. Dann komme ich immer wieder an den Punkt, wo ich mir denke: „Muss das so kompliziert sein?“

Das sind Momente, in denen ich beginne, zu grübeln. Momente, in denen ich das kleinste Wort meines Gegenübers interpretiere. Momente, in denen ich mir Pläne zurechtlege. Dann will ich mich richtig anstrengen, um der Kompliziertheit standzuhalten.

Ich stelle mir vor wie eifrig Samuel immer wieder zu Eli rennt und immer wieder enttäuscht wird. Warum gelingt es ihm nicht zu verstehen, wer ihn da eigentlich ruft? Hat Gott vielleicht genuschelt oder war die Verbindung einfach schlecht? Hätte Samuel genauer hinhören, sich länger umschauen und schärfer nachdenken müssen, um zu verstehen, wer mit ihm spricht?

Was wäre gewesen, wenn Samuel einfach ins Blaue gerufen hätte: „Rede, Herr“? Wenn er ganz ohne Vorannahmen geantwortet hätte, ohne den Gedanken: „Das ist wahrscheinlich wieder der Eli, der will wieder was von mir.“ Vielleicht hätte Gott, dann geantwortet und Samuel hätte ihn erkannt. Vielleicht wäre es Eli dann erspart geblieben, dreimal mitten in der Nacht geweckt zu werden?

Könnte das nicht eine von diesen Situationen sein, wo man sich an einer Aufgabe aufreibt, nur um dann zu merken: Das wäre auch viel einfacher gegangen? So eine „Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“-Situation? Vielleicht sind auch die Momente, in denen ich denke: „Muss das gerade so kompliziert sein?“, in Wahrheit einfach? Vielleicht lohnt das ganze Grübeln, Interpretieren und Planen sich nicht? Vielleicht mache ich dadurch eine Situation erst komplex und lasse mich durch sie überwältigen?

Und tatsächlich merke ich im Alltag, dass wenn ich zulasse, dass ich eine Entscheidung intuitiv treffe, das Gefühl der Überwältigung nachlässt. Wenn ich sage, was ich gerade auf dem Herzen habe, meine Beziehungen zu Menschen unkomplizierter und fruchtbarer werden. Und ich merke, dass es mir einfacher fällt zu Glauben, wenn ich Vertrauen in Gott habe und keine Vorannahmen treffe.

An dieser Stelle könnte ich schließen und sagen: „Weniger ist mehr.“ Oder: „Seien wir wie die Kinder.“ Die Antwort auf die Frage: „Warum ist das alles so komplex?“, wäre dann „Ist es gar nicht.“ Und tatsächlich wollte ich das auch so machen. Aber es fühlt sich irgendwie nicht richtig an. Irgendwie ist das zu einfach.

Die Welt ist nicht einfach. Sie ist kompliziert. Es gibt keine einfachen Antworten für den Klimawandel, die Ausbeutung und die Ungleichheit, die Kriege in der Ukraine und in Palästina.

Leben ist nicht einfach. Es ist kompliziert. Selbst wenn ich versuche, intuitiv und voller Vertrauen und Liebe in die Welt zu gehen, werde ich oft enttäuscht. Und viele Herausforderungen, die sich im Laufe eines Lebens stellen sind wirklich komplex und nicht nur von mir verkompliziert: Studienwahl, die Gründung einer Familie, Krankheiten, psychische Krankheiten, der Tod.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen, denen es so richtig schlecht geht, ein „Hakuna matata“ oder „Always look on the bright side of life“ nichts bringt. Diese Mantras werden hohl, hören sich nach Spott an und innere Ruhe wirkt dann wie Ignoranz.

Also sollte ich doch alles interpretieren, planen, alles bestmöglich bedenken? Oder ist das wieder dieses Grübeln? Was hätte Samuel machen sollen?

Wenn ich jetzt eine einfache Antwort fände, würde ich mir selbst widersprechen. In der Lesung heißt: „Samuel kannte den Herrn noch nicht.“ Wie hätte er reagieren sollen auf etwas, was er nicht kennt? Samuel ist nicht voreingenommen, wie soll er etwas Unbekanntes annehmen? Samuel ist fehlbar und ich glaube, Samuel hat alles richtig gemacht. Was heiß das für uns?

Vielleicht hilft uns die Akzeptanz unserer Fehlbarkeit, auch die Komplexität dieser Welt zu akzeptieren. Ja, die Welt ist kompliziert und ja, unsere Kräfte sind begrenzt. Aber das ist kein Grund aufzugeben. „Geht das nicht einfacher?“ Ja, oft muss es nicht so kompliziert sein. Wir sollten die Dinge immer so einfach gestalten, so dass wir sie mit unseren begrenzten Kräften bewältigen können. „Muss das so kompliziert sein?“ Ja, oft geht es nicht einfacher. Die Herausforderungen sind groß, aber deswegen ist es auch okay mit unseren begrenzten Kräften zu scheitern und mehrere Anläufe zu brauchen. Wir dürfen nur nicht daran kaputtgehen. Aber wie?

In der Lesung hilft Eli Samuel letztendlich Gott zu erkennen. Ja unsere Kräfte sind begrenzt. Aber wir können einander helfen. Wir können einander Kraft geben. Letztendlich erkennen wir Gott nur durch andere Menschen. Und nur durch andere Menschen hören wir sein Rufen.

Inside
Adventspredigt IV

Predigt Inside

Liebe Schwestern und Brüder,

heute schließen wir die Adventspredigtreihe zum Thema „Wohin sonst“ ab. Das Thema lautet „Inside“. Zugleich feiern wir dank des Engagements von Maria auch in diesem Jahr wieder das Fest unserer Lieben Frau von Guadalupe.

Nun habt ihr euch vielleicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat? Zurecht, denn auf den ersten Blick erschließt sich der Zusammenhang nicht. Ich habe es schon am Beginn der Messe gesagt: Maria von Guadalupe ist das Paradebeispiel für das, was man in der Theologie „Inkulturation“ nennt.

Inkulturation meint, dass Glaube nichts Äußerliches bleiben darf, sondern dass er Teil der Kultur werden muss – sozusagen „von innen“. Die Folge davon ist, dass der Glaube immer wieder ganz anders aussieht. Und je nach Kontext kann man ihn manchmal nicht wiedererkennen! Das ist aber kein Fehler, sondern volle Absicht. So muss das sein!

Viele irritiert das. Wie die Kuh oder der Ochse, der das Stalltor nicht mehr erkennt, weil der Bauer es rot statt blau gestrichen hat. Ist das denn noch unser Glaube? Ist das noch katholisch? Besonders virulent wird diese Frage, wenn es um die spirituellen Traditionen der Völker geht: Sie sind nur „heidnisch“ wie man früher sagte, oder nicht doch Ausdrucksweisen der Wahrheitssuche einer anderen Kultur?

Es ist gut, dass wir alle – und damit auch die katholische Kirche – in dieser Hinsicht viel gelernt hat. Wir diffamieren Anderssein nicht mehr einfachhin, sondern sind neugierig. Wir glauben nicht, dass wir den „wahren Glauben“ haben, sondern dass wir den Glauben überall entdecken können. Erst recht in anderen Kulturen.

Und das bringt mich zum Begriff „Inside“ (Adentro). Der Kern unseres Glaubens könnte man so umschreiben: Die Mauern zwischen Gott und den Menschen sind niedegerissen. Und deswegen sind auch die Mauern zwischen den Menschen niedergerissen. Es gibt kein Außen und kein Innen. Wir sind alle in die Gemeinschaft gerufen. Deswegen ist ein christliches Kernwort die Versöhnung. Das drückt aus, dass Grenzen überwunden werden, und dass die die die draußen waren, jetzt ganz nach innen gehören: In die Mitte! Deswegen beruft gerade die Säufer und TRinker, die Zöllner und Prostituierten, nicht die „Anständigen“ sondern die, die nach unseren Maßstäben „draußen“ sind.

Deswegen beruft gerade die Säufer und Trinker, die Zöllner und Prostituierten, nicht die „Anständigen“ sondern die, die nach unseren Maßstäben „draußen“ sind.

Das besondere christlicher Existenz ist, dass sich das alles in einer Spannung vollzieht: Einerseits ist es schon so. Wir glauben, dass wir erlöst sind: Das das JETZT der Fall ist. Andererseits wissen wir, dass die Vollendung noch auf sich warten lässt. Wir sind noch nicht im Paradies. Wir erleben alle Ausgrenzung, Exklusion. Und wir träumen alle von einer Welt, in der dieser Traum Wirklichkeit wird.

Der Advent ist eine Zeit, in der wir üben, diesen Traum zu leben und verwirklichen. Es ist eine Zeit der Erwartung, wo wir spüren, dass da jemand kommt, um diesen Traum zu verwirklichen. Dieses „Inside“ wird Wirklichkeit an Weihnachten. Unsere Aufgabe als Christ:innen ist es, Mauern niederzureißen. Gegen Diskriminierung zu kämpfen. Solidarisch zu sein mit denen, die ausgeschlossen sind. Genauso hat es Gott gemacht. Und eines der schönsten Beispiele ist Maria, ein kleines Mädchen aus Palästina, die mit tausenderlei Gesichtern zeigt, was es in den verschiedenen Kulturen der Welt heißt, Ja zu Gott zu sagen und sich gegen die Mächtigen zu wenden:

So wie sie es im Magnificat besingt:

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron

und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben

und lässt die Reichen leer ausgehen.

Bitten wir auf die Fürsprache ULF von Guadalupe für uns die Menschen in Mexiko, in Deutschland und in allen Ländern der Welt, dass wir zu Botinnen und Boten von Gottes Ja werden. Amen

***

Queridos hermanos y hermanas,

Hoy concluimos la serie de sermones de Adviento sobre el tema “¿Dónde más?” (Wohin sonst?) El tema es “Adentro”. (Inside) Al mismo tiempo, gracias al compromiso de María, este año volvemos a celebrar la fiesta de Nuestra Señora de Guadalupe.

Ahora quizás ustedes se pregunten ¿qué tiene que ver uno con el otro? “Inside” con NS de Guadalupe? Con razón, porque a primera vista la conexión no es clara. Yo creo que – y lo dije al comienzo de la Misa – : María de Guadalupe es el principal ejemplo de lo que en teología se llama “inculturación”.

Inculturación significa que la fe no debe permanecer externa, extranjera, sino que debe convertirse en parte de la cultura, “desde dentro”, por así decirlo. El resultado de esto es que la fe siempre se ve completamente diferente. Y dependiendo del contexto, ¡a veces puede ser que no lo reconozcas! Pero eso no es un error, es totalmente intencional. ¡Así tiene que ser!

Esto irrita a muchas personas, como la vaca o el buey que ya no reconoce la puerta del establo porque el granjero la pintó de rojo en lugar de azul. ¿Sigue siendo esa nuestra fe? ¿Eso sigue siendo católico? Esta pregunta se vuelve particularmente virulenta cuando se trata de las tradiciones espirituales de los pueblos indigenas: ¿son simplemente “paganas”, como solía decir la gente en el pasado, o no son expresiones de la búsqueda de la verdad por parte de otra cultura?

Es bueno que todos nosotros – y por tanto también la Iglesia católica – hayamos aprendido mucho a este respecto. Ya no difamamos simplemente por ser diferentes, sino que sentimos curiosidad. No creemos que tenemos la “fe verdadera”, sino que podemos descubrir la fe en cualquier lugar. Especialmente en otras culturas.

Y eso me lleva al término “Adentro”. El núcleo de nuestra fe podría describirse de la siguiente manera: Los muros entre Dios y los hombres han sido derribados. Y es por eso que se han derribado los muros entre las personas. No hay afuera ni adentro. Todos estamos llamados a la comunión y la comunidad. Por eso una palabra cristiana fundamental es reconciliación. Esto expresa que los límites se están superando y que quienes estaban afuera ahora pertenecen completamente adentro: ¡en el medio! Por eso llamamos a los borrachos y bebedores, a los recaudadores de impuestos y a las prostitutas, no los „decentes“ sino los que están „afuera“ según nuestros estándares.

Lo especial de la existencia cristiana es que todo se desarrolla en tensión: por un lado, es ya así. Creemos que ya somos salvos: que este es el caso AHORA. No mañana. Por otra parte, sabemos que todavía falta mucho para que se consiga su finalización. Aún no estamos en el paraíso. Todos experimentamos marginación y exclusión. Y todos soñamos con un mundo donde ese sueño se haga realidad.

El Adviento es un tiempo en el que practicamos vivir y realizar este sueño. Es un tiempo de expectación donde sentimos que alguien viene, Dios se hace hombre en Jesus, para que se haga realidad este sueño. Navidad es la fiesta del “Adentro” Con el estamos todos “Inside”.

Nuestra vocación  como cristianos es derribar muros. Para luchar contra la discriminación. Solidarizarse con los excluidos. Así es exactamente como Dios lo hizo. Y uno de los ejemplos más bellos es María, una niña palestina, que muestra con miles de rostros lo que significa decir sí a Dios en diferentes culturas del mundo.

Como canta en el Magnificat:

Él hace proezas con su brazo:

dispersa a los soberbios de corazón,

derriba del trono a los poderosos

y enaltece a los humildes,

a los hambrientos los colma de bienes

y a los ricos los despide vacíos.

 

Por intercesión de la NS  de Guadalupe, oremos por pueblo de México, de Alemania y de todos los países del mundo que se conviertan en mensajeros del sí de Dios y del sí del hombre, como lo ha hecho Maria . Amén

90 Jahre Kirchweihe Frankfurt Niederrad

Liebe Schwestern und Brüder,

Herzlichen Glückwunsch, liebe Mutter vom Guten Rat! 90 Jahre alt ist unsere Jubilarin geworden. Ich finde: Dafür ist sie recht rüstig und sieht immer noch ganz gut aus! Wir feiern heute, dass dieses Kirchengebäude vor 90 Jahren in den Dienst genommen wurde: Geweiht wurde, wie man im religiösen Kontext sagt.

Ich bin sicher, dass die meisten von uns ihre je eigene Geschichte mit der „Mutter vom Guten Rat“ haben. Sei es, weil sie hier einfach immer wieder in den Gottesdienst gehen, weil sie hier getauft wurden, zur Erstkommunion gegangen sind, geheiratet haben oder weil sie hier ihrer Verstorbenen gedacht haben. Ein solches Gebäude ist dann wie eine steingewordene Erinnerung: glückliche und traurige Momente, die für einen selbst eine Bedeutung haben.

So ist es auch bei mir: Ich war Jugendlicher, als ich hier in die Gemeinde zog, und bin schnell Messdiener geworden. Meist war es die Messe am Samstagabend, die ich zusammen mit Audrey Pereira „gedient“ habe. Entweder hat die Messe der feine Pfarrer Duchscherer gefeiert, bei dem ich viel gelernt habe, oder es war der liebenswürdige Pfarrer Czapka, an den ich bis heute immer noch denken muss, wenn von den sog. „Trompeten von Jericho“ die Rede ist – so laut war seine Stimme, vor allem, wenn man direkt neben ihm stand.

Ich kann mich noch an die Organistin Rosalinde Haas erinnern, von der ich manchmal den Liedzettel für den Pfarrer holte. Sie nannte alle Kinder, die ein bisschen ausländisch aussahen, „Antonio“. Und so war ich dann für sie nicht der Max, sondern Antonio, der insgeheim ihr tolles Orgelspiel bewunderte.

In dieser Kirche habe ich vor 23 Jahren Primiz gefeiert, meine erste Messe: Es war an Christi Himmelfahrt, und die Gemeinde hat ein großes Fest bereitet, so wie auch in er Corona-Zeit meine 25-jährige Profess im Dominikanerorden. Und hier wurde das Requiem für meinen vor fünf Jahren verstorbenen Vater gefeiert, ein intensiver Moment, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Und einige wissen vielleicht, dass ich hin und wieder kleine Beiträge für das Fernsehen mache. Meistens kurzfristig frage ich Ofr. Werner Portugall und das Team vom Pfarrbüro an: darf ich morgen mit einem Kamerateam kommen und drehen. Immer haben sie sofort ja gesagt (an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür), und so war ich mit meiner alten Dame „MvGR“ auch schon im Fernsehen😉.

Ich nehme all diese Erinnerungen mit der alten „Mutter vom Guten Rat“ jetzt mit in diesen Gottesdienst und lade Sie ein, das genauso zu tun: Die Momente, in denen Sie hier gebetet haben, getrauert, sich gefreut, gehofft und gedankt haben.

Manchmal frage ich mich ja, ob das auch umgekehrt der Fall ist. Ob denn wohl diese Steine Erinnerungen haben? An das was sie gesehen haben, seitdem sie hier stehen? Menschen haben Opfer gebracht und Geld gespendet – oder vielleicht auch ihre Arbeitskraft –, um  den Bau errichten zu können. Nach nur einjähriger Bauzeit wurde die Kirche eingeweiht – und zwar im Jahre 1933! Bei der Jahreszahl klingelt es einem im Ohr! Im Jahr der Machtergreifung durch die Nazis wurde dieses Gotteshaus in den Dienst genommen. Nur 5 Jahre später brannten die Gotteshäuser. Und zwar die Synagogen unsrer jüdischen Schwestern und Brüder, und ich habe mich manchmal gefragt, ob angesichts der Brutalität und der Sinnlosigkeit des Tuns der Nazischergen die Kirchengebäude – vielleicht auch dieses? – damals geweint haben?

Ich bin sicher, dass es noch Menschen gibt, die die Kriegsjahre erlebt haben und das Leid, die sie mit sich gebracht haben. Wie muss das wehgetan haben, diesen Ort zerstört zu erleben: Sind Kirchen doch immer auch ein Zufluchtsort und ein Ort des Friedens.

 

Dann die Nachkriegszeit: Eine Zeit des Aufbruchs und der Zuversicht, in der auch diese Kirche in vereinfachter Form wieder aufgebaut wird. Dann die Konzilszeit und die Zeit danach, durch die sich vieles verändert hat: Nicht mehr das Latein im Gottesdienst, sondern Deutsch. Und später dann auch bauliche Veränderungen: Der Priester, der sich zur Gemeinde hinwendet und wo die Menschen nicht mehr nur Zuschauer sind, die während der Messe beten, sondern die wirklich „mitfeiern“ und deren Mittun wesentlich ist. Eigentlich müsste man sagen, dass alle Getauften den Gottesdienst nicht nur mitfeiern, sondern „konzelebrieren“.

Ein regelrechtes Lifting hat unsere alte Dame dann in den achtziger Jahren bekommen: Das große Wandgemälde, die tolle Orgel, der schöne Altar, der Ambo und der Tabernakel. Ich weiß, dass nicht alle das große Wandgemälde mögen. Ich kannte eine alte Gottesdienstbesucherin, die sagte mir sie setze sich immer so hin, dass sie möglichst wenig von dem Wandgemälde sehe. Mich selber hat das Bild immer viel zum Nachdenken angeregt: Vor allem die Frage: Was da eigentlich in das Bild (in unsere Welt? In mein Leben?) drängt – ein Bild für das Göttliche?

Sicher wird unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“ traurig sein, dass seit Jahrzehnten weniger Menschen den Weg in das Gebäude finden; weniger als früher diesen Ort als ihr spirituelles Zuhause erleben. Beschleunigt wurde diese Entwicklung in den vergangenen Jahren durch die vielen Skandale in den Reihen der Kirche selber, die die Grundfesten der Kirche erschüttert haben. Ein „Haus voll Glorie schauet“ bleibt seitdem auch diesem Kirchengebäude schon mal im Halse stecken. Dadurch treten die Vertreter:innen der Kirche weniger großspurig auf, demütiger! Und unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“ hat mir gesagt, dass sie das besser findet, evangeliumsgemäßer als früher, wo man so tat, als sei die Kirche makellos.

Toll findet die alte Dame,  dass in den letzten Jahren so viele kreative Dinge hier gemacht werden: musikalisch, künstlerisch, gottesdienstlich! Nicht dass es früher nicht auch schon so war. Aber die alte Dame ist sehr offen und liebt es, wenn neue Wege gesucht werden, den Glauben auszudrücken, und wie es Ihre Pastoralreferentin mir gerade in der Sakristei gesagt hat: Die Kirche nach vorne zu denken!

Jetzt gerade freut sie unsere alte Dame unglaublich: Weil jetzt endlich auch der Kirchplatz nach Innen schön gemacht worden ist und heute eingeweiht wird. Ein Ort, der offen ist für alle, und der dennoch von diesem Kirchengebäude umarmt wird: wie ein Baum, der zu einem Zuhause für die Vögel wird.

Wir Christ:innen sind davon überzeugt, dass Gott nicht bei toten Steinen zu finden ist, sondern bei den Lebenden! Kirchengebäude sind dazu da, zu atmen, lebendig zu sein. Orte für die „Freude und Hoffnung, Trauer und Ängste der Menschen von heute“ zu sein. Sie sollen Erinnerungsorte sein für uns Menschen, in denen unsere Seele sich öffnen kann für einen Gott, der immer wieder neu in diese Welt kommt, ja geradezu sich „drängt“.

„Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt“ haben wir im heutigen Evangelium gehört. Mitten unter uns in Niederrad steht unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“. Möge sie auch noch viele weitere Jahrzehnte ein schützender Ort sein für die Menschen auf der Suche nach Gott . Amen.

Heterotopia
Adventspredigt III

Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher,

im Dezember 1977 kam der französische Philosoph und Schwulenaktivist Michel Foucault erstmals nach Berlin. Eingeladen hatte ihn der West-Berliner Merve-Verlag, der damals bereits zwei Bücher mit Schriften des jungen, in Deutschland allerdings noch gänzlich unbekannten Denkers veröffentlicht hatte.

Ende der 1970er-Jahre – das war die Hochzeit der terroristischen „Rote Armee Fraktion“ in Deutschland, der RAF. Durch eine anonyme Anzeige gerieten Foucault und das Verlegerehepaar in Verdacht, Unterstützer der RAF zu sein. Mit großem Polizeiaufgebot wurden sie direkt aus einem Restaurant heraus verhaftet. Nach kurzer Zeit im Gefängnis von Moabit wurden sie wieder freigelassen. Wie sich herausstellte, hatte jemand die Verlegerin mit einer damals gesuchten RAF-Terroristin verwechselt.

Der Aufenthalt in der Moabiter Haftanstalt blieb eine Episode. Nach drei Stunden waren die Verwechselung aufgeklärt und alle wieder auf freiem Fuß. Die Institution „Gefängnis“ jedoch beschäftigte Foucault dauerhaft. Denn der Ort des Gefängnisses galt ihm als ein höchst interessanter „Heterotopos“, als ein „Andersort“.

Das Wort „Heterotopos“ setzt sich zusammen aus dem griechischen Teilbegriff „hetero“ – anders, fremd, ungleichartig (wir kennen das Lexem in Begriffen wie „heterosexuell“ oder „heteronormativ“) – und aus dem ebenfalls griechischen Wort „topos“ – Ort (das wir z.B. im Begriff „Topographie“ nutzen). Zeit seines Lebens hat sich der Forscher Foucault mit solchen „Heterotopoi“, mit „Andersorten“ befasst.

Liebe Gemeinde,

Foucault definiert Heterotopien als reale Orte, die zugleich jedoch auch auf eine Gegenwirklichkeit verweisen.

Der Andersort Gefängnis beispielweise erinnert uns daran, dass es in unserer Gesellschaft viele Systeme gibt, die Menschen exkludieren: eingeschlossen hinter Mauern und ausgeschlossen aus der Gesellschaft der Freien.

Zugleich stellt der Andersort Gefängnis aber auch das Freiheitspathos derjenigen in Frage, die sich ungehindert bewegen können: Bin ich wirklich frei, oder bin ich nicht doch an unzählige unsichtbare Regeln und internalisierte Vorschriften gebunden, die mich einengen, ohne das ich es merke?

  • eingeschlossen in bürgerliche Konventionen („Das macht ‚man‘ so.);
  • abhängig von einer Markwirtschaft, die mich zur bloßen Konsumentin degradiert;
  • gefesselt an die uns zumeist nicht bekannten Algorithmen des Internets;
  • ausgeliefert meinen eigenen Trieben.

Foucault hat zudem weitere Heterotopoi identifiziert:

  • So erinnert uns der Andersort „Friedhof“ an den Tod – eine Gegenwirklichkeit, die wir oftmals verdrängen.
  • Und der Heterotopos „Theater“ verweist in unserer funktional durchrationalisierten Welt auf die so wichtigen Untiefen der Gefühle Liebe, Begehren, Angst und Hass. Im Theater kommen sie auf die Bühne.
  • Im Andersort „Bordell“ wird menschliche Sexualität nicht nur in ihren bürgerlichen Praktiken gelebt, sondern auch in ihren unmoralischen und gewalttätigen Spielarten.
  • Der Andersort „Psychiatrie“ wiederum gemahnt uns an die „wahnsinnigen“ Abgründe, die auch unter unseren eigenen, ach so vernünftigen Alltagsroutinen lauern.
  • Und die Heterotopoi „Palliativstation“ und „Altenheim offenbaren nochmals andere Verdrängungsmechanismen der kapitalistischen Moderne: so die gesellschaftliche Unsichtbarmachung des gebrechlichen Endes der meisten Leben wie auch des „unproduktiven“ Sterbens.

Viele weitere Andersorte könnten wir noch anführen, auch über die Auflistungen von Foucault hinaus. Ich denke da besonders an den Heterotopos „Kirche“, der inmitten der hochdrehenden und auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Betriebsamkeit unserer Städte Orte bietet, an denen Menschen zur Ruhe und zur inneren Einkehr kommen können – kostenfrei! Allerdings sind Kirchen in den letzten Jahrzehnten auch in ganz anderem Sinne zu Heterotopoi geworden: etwas dort, wo hinter frommen Glaubensfassaden Kinder und Jugendliche in Kirchensakristeien von Priestern missbraucht worden sind.

Liebe Schwestern und Brüder,

wie gesagt: Die Liste der Heterotopoi ist lang und längst nicht zu Ende erzählt. Im heutigen Evangelium dreht sich alles um den Andersort „Wüste“.[1] Der Evangelist Markus berichtet – wir haben es eben gehört – von einem Johannes, der in der Wüste auftrat (vgl. Mk 1,4). Der Evangelientext schreibt diesem Johannes eine besondere Autorität zu. Markus stellt ihn in eine Reihe mit dem großen Propheten Jesaja aus dem Ersten/Alten Testament.

Beide Propheten treten in der Wüste auf. In der hebräischen wie auch in der griechischen Bibel wird die Wüste vielfach als „menschenfeindliche Einöde“[2] bzw. „dürres und düsteres Land“[3] charakterisiert (vgl. Jes 35,1.6; 41,18f.; 43,19f.; Ez 19,13; Hos 13,5). Jesaja beispielsweise beschreibt die Wüste als einen Ort tödlicher Gefahren durch wilde Tiere (vgl. Jes 13,21f.) oder Dämonen (vgl. Jes 34,13ff.).[4]

Umso mehr erstaunt es mich, wenn es im Evangelium weiter heißt, dass – ich zitiere – „[g]anz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zu ihm“[5] (Mk 1,5) – gemeint ist Johannes – in die Wüste „hinaus[zogen]“ (Mk 1,5). Was treibt sie in die Wüste am Jordan?[6] Schaulust? Sensationsgier? Oder doch mehr? Was haben die vielen Menschen da in der unwirtlichen Kalksteinwüste gesucht?

Die Johannes-Gestalt des Evangelisten Markus behauptet, dass aus der bedrohlichen Wüste der so lang schon ersehnte Messias kommen wird. Und zwar bald! Und Johannes verkündet dieses Nahen des Retters anscheinend mit solch einer Autorität, dass es den Menschen egal ist, ob sie sich in höchste Gefahr begeben. „Wohin sonst?“, könnte man mit dem KSG-Semestermotto fragen: Wohin sonst sollten die Menschen denn hin – angesichts der verheißenen Ankunft des Messias in der Wüste?

Die gefährliche, potentiell sogar tödliche Wüste wird zum Ort des Heils. Ganz im Sinne Michael Foucaults ist die Wüste im Markusevangelium als ein Andersort stilisiert, der auf eine radikal-gute, heilsame Gegenwirklichkeit verweist.

Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

was kann die Wüstengeschichte für uns bedeuten? Zwar leben wir in unseren Breitengraden nicht in der Nähe einer Wüste, doch sind tödliche Bedrohungen, die der Andersort „Wüste“ damals mit sich brachte, auch heute existent.

Vielleicht fühle ich mich ganz persönlich bedroht vom Scheitern meiner Beziehung, von Prüfungsversagen an der Uni, von ungewissen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, von psychischen Beeinträchtigungen oder durch Krankheiten von Menschen in meinem Freundes- oder Familienkreis.

Und auch im großen, gesellschaftlichen Kontext sind die Bedrohungen, die uns derzeit herausfordern, kaum zu übersehen:

  • Krieg in der Ukraine und in Israel/Palästina,
  • humanitäre Katastrophen im Gaza-Streifen und in Afghanistan,
  • ein ernstzunehmender Rechtsradikalismus bei uns in Deutschland,
  • die Unterminierung demokratischer Institutionen in den USA und Ungarn,
  • eine Gerechtigkeitslücke in unserem Bildungssystem, die immer größer wird und jungen Menschen Zukunftschancen raubt,
  • die Klimakrise, zu deren wirkungsvoller Bekämpfung sich die Weltgemeinschaft immer noch nicht hat wirklich durchringen können – auch jetzt wieder nicht auf der UN-Klimakonferenz in Dubai.

Und so weiter und so fort… Es ist zum Verzweifeln!

Und dennoch behauptet das Evangelium, dass sich am Heterotopos „Wüste“ eine Gegenwirklichkeit zu all dem Versagen und den Bedrohungen zeigt: Die menschenfeindliche Wüste ist der Ort, an dem die Ankunft des menschenfreundlichen Gottes offenbar wird.

Das könnte heißen: Da, wo wir in Scheitern und Versagen, in Krankheit oder Schuld zueinander stehen, nicht weglaufen, sondern bleiben, treu sind, da offenbart sich Gottes Menschenfreundlichkeit: inmitten der Wüsten unseres Alltags.

Und es könnte auch heißen: Da, wo wir für Humanität einstehen und gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von Rechts wie von Links aufstehen, wo wir den nächsten Generationen nicht alle Folgeprobleme unseres Über-Konsums aufbürden, wo wir mit den Terroropfern der Hamas wie auch mit den verzweifelten Binnenflüchtlingen im Gazastreifen mitfühlen, wo wir für die Stärkung unserer demokratischen Institutionen kämpfen, da offenbart sich Gottes Menschenfreundlichkeit: inmitten der Wüsten unserer Zeit.

Ja, es existieren reale Gegenwirklichkeiten zu den vielen Hoffnungslosigkeiten unserer Zeit. Ja, es gibt göttliche Andersorte inmitten einer oftmals unüberschaubaren Wüstenlandschaft in und um uns. Das glaube ich.

Amen.

[1][1]    Mk 1,1–8. Zur Exegese vgl. Karl Kertelge, Markusevangelium (Die neue Echter Bibel), Würzburg 32005, 16–18; Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus. 1. Teilbd.: Mk 1–8,26 (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. II/1), Zürich – Düsseldorf – Neukirchen-Vluyn 51998, 39–49; Josef Ernst, Das Evangelium nach Markus (Regensburger Neues Testament), Regensburg 1981, 31–37

[2]     Bernd Willems, Art. Wüste. I. Biblisch-theologisch, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 10, Freiburg/Br. 2001, Sp. 1335–1336, hier 1335.

[3]     Arie van den Born, Art. Wüste, in: Bibel-Lexikon, hrsg. von Herbert Haag, Zürich – Einsiedeln – Köln 1982, Sp. 1904–1905, hier 1905

[4]     Vgl. Willems, Art. Wüste. I. Biblisch-theologisch, Sp. 1335.

[5]     Kursivgesetzte Hervorhebungen: U.E.

[6]     Reisegruppen wird diese Wüste heute sowohl am Westufer des Flusses im palästinensischen Westjordanland als auch am Ostufer in Jordanien präsentiert. Zur Lokalisierung des Geschehens vgl. Hartmut Stegemann, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus. Mit einem Nachwort von Gert Jeremias (Herder Spektrum), Freiburg/Br. 2007, 294ff.