Paradise – Adventspredigt II

Paradies – eine Predigt in der Predigtreihe „Wohin sonst?“ von Juliane Link

gehalten am 03.12.2023 zu Genesis 3,1-13

In dieser Predigt denkt Juliane Link darüber nach, warum wir nicht zurück ins Paradies können. Obwohl es erstmal verlockend klingt, spricht doch einiges dagegen. Aber vielleicht liegt das Paradies nicht nur hinter uns, sondern auch vor uns? Schließlich ist es Advent…

 

Wohin wenn nicht nach Berlin, nach Hamburg oder auf den Mars?

 

Liebe Gemeinde,

wohin sonst? Ist unser Semesterthema. Das hat uns bewogen in dieser Predigtreihe darüber nachzudenken, welche Orte es eigentlich geben könnte, an die wir gerne gehen würden, wenn wir hier nicht mehr bleiben wollen oder können.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Bekannten, der bald aus Berlin wegziehen muss und sich frage: wohin jetzt noch in Deutschland, wenn ich in Berlin schon war? Welche Stadt könnte sich so ähnlich anfühlen? Hamburg? Köln? München? Tja, ehrlich gesagt, ich wusste da auch nicht weiter.

Aber die Frage: wohin sonst? Ist ja noch viel größer. Wohin sonst sollen wir gehen, wenn wir diesen Planeten unbewohnbar gemacht haben? Auf den Mars? Kann man versuchen, aber ich glaube mir persönlich ist die Reise zu beschwerlich.

Wohin sonst, wenn nicht nach Hamburg, wenn nicht auf den Mars?

Bei allem, was gerade auf der Welt passiert, spüren wir vielleicht auch eine Sehnsucht, uns an einen Ort zurückzuziehen, der Ruhe, Frieden und Harmonie verspricht, ein Ort, an dem wir so leben könnten wie die ersten Menschen im Paradies.

 

Zurück ins Paradies?

Zurück ins Paradies also? keine Nachrichten und politischen Pocdasts mehr hören, keine Bilder von Krieg und Zerstörung, keine Konflikte und Ungerechtigkeiten, kein Unistress und kein Leistungsdruck mehr, einfach Friede, Freude, Plätzchenbacken und Katzenvideosgucken. Ja vielleicht sind die zeitgenössischen Bilder vom Paradies am ehesten auf Instagram zu finden, wenn ihr dem ein oder anderem Zoo mit lustigem Tiercontent folgt.

Oder woran denkt ihr, wenn ich euch vorschlage, uns gemeinsam ins Paradies zu versetzen?

Welches Bild erscheint in eurer Vorstellung bei dem Wort Paradies?

Glaubt man Google müsste es irgendein ziemlich austauschbarer Palmenstrand in der Karibik sein.

Ich persönlich denke beim Paradies eher nicht an einen Strand, sondern an eine fasznierende Landschaft mit üppigem Grün und exotischen Pflanzen. Vor allem aber erscheinen vor meinem inneren Auge dunkle Ölgemälde mit zwei nackten Menschen, einer Schlange, ein paar Blattgewächsen und einem hageren Baum im Hintergrund. Zugegeben, das klingt gar nicht sooo attraktiv, aber der Zustand, in dem Adam und Eva sich im zweiten Schöpfungsbericht befinden ist schon sehr verlockend.

 

Das Paradies im Buch Genesis

Wir haben in der heutigen Lesung nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Text gehört über den ich heute sprechen möchte. Zuvor geht es um zwei Menschen, die in einem fruchtbaren Land mit einer großen Vielfalt von Tieren und Pflanzen leben, die von der Hand in den Mund leben und dabei immer satt werden, zu denen Gott großzügig ist – denn er hat ihnen nur die Früchte eines einzigen Baumes verboten, sonst steht ihnen die Welt offen und zu allem Überfluss lieben sie sich und schämen sich nicht voreinander.

Es gibt keine Probleme und es ist für alles gesorgt und ich werde geliebt. Klingt das nicht nach einem wirklich guten Zustand? Und rührt nicht unsere Sehnsucht nach dem „Paradies“ eigentlich daher, dass wir uns nach diesem angenehmen Zustand sehnen? Ansonsten könnte ich ja auch einfach in den botanischen Garten gehen, wenn ich ein paar erstaunliche Pflanzen sehen will? Und ist dieser Zustand wirklich so unerreichbar, schließlich blitzen solche Momente in unserem Leben manchmal auf und wir können uns so fühlen: Unbeschwert, unbekümmert, einig mit uns selbst und den Menschen um uns herum, verbunden mit Gott.

 

3 Gründe, die dagegen sprechen, zurück ins Paradies zu wollen

Ok, ihr ahnt bestimmt schon was jetzt kommt: die ganze Wahrheit ist: zurück ins Paradies, das wird nicht klappen und ich glaube sogar: das ist auch gut so.

Dafür gibt es drei Gründe:

Erstens: Ölgemälde sind flach und können nicht betreten werden.

Zweitens: Die ersten Menschen sind aus dem Paradies vertrieben worden.

Und drittens: die Idylle hat ihren Preis.

Den ersten Grund brauche ich nicht weiter ausführen. Für den zweiten müssen wir nochmal einen genaueren Blick in das Buch Genesis werfen, denn man kann die Vertreibung aus dem Paradies als Strafe deuten. Oder als Entwicklungsgeschichte.

 

 

Die Vertreibung aus dem Paradies als Notwendigkeit der Menschwerdung

Alles beginnt mit der Schlange, die den Sinn des Verbotes in Frage stellt, von den Früchten des Baumes mitten im Garten zu essen. Und damit sät sie Misstrauen, zieht in Zweifel, ob Gott die Menschen schützen oder ihnen mit diesen besonderen Früchten etwas Besonderes vorenthalten will. Denn die Schlange behauptet: „Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“

Das klingt nach etwas Positivem und eigentlich gar nicht so gefährlich. Zu sein wie Gott, der durch und durch Liebe ist und zu wissen, was gut und böse ist, was soll daran schlecht sein? Aber der Wunsch wie Gott zu sein wurde häufig als Überheblichkeit interpretiert, als Anmaßung, als Machtstreben, das Gewalt und Zerstörung nach sich zieht. Und so wurde der Biss in die Frucht als Sündenfall gedeutet und ein solches Maß an Ungehorsam darf nicht ungestraft bleiben und hat schwerwiegende Konsequenzen. Aber man kann die Geschichte auch anders sehen: denn die Fähigkeit, zu erkennen, was gut und böse ist, könnte auch ein weiterer Schritt der ersten Menschen zur Menschwerdung sein, ein Entwicklungs- und Reifeschritt. Friedrich Schiller hat einmal geschrieben: „Der Abfall des Menschen von Gottes Gebot ist die glücklichste Begebenheit in der Menschheitsgeschichte.“

Erst wer die Fähigkeit hat, Gutes und Böses zu erkennen, hat damit die Fähigkeit, sich entscheiden zu können, meint er. Und das kann schief gehen. Die Fähigkeit, gut und böse zu erkennen, zieht die Möglichkeit nach sich, dass der Mensch schuldig werden kann, weil er in der Lage ist, sich bewusst oder unbewusst für das „Böse“ zu entscheiden. Und deshalb gehört es zum Menschsein mit Scham und Schuld umzugehen, Fehler zu machen, zu verletzen und verletzt zu werden. Und dann ist es aus mit dem paradiesischen Zustand. Und dann ist es nur logisch, dass Adam und Eva das Paradies verlassen und nicht mehr so unbeschwert leben können wie zuvor. Die Fähigkeit, gut und böse zu unterscheiden, ist die Fähigkeit zur Moral. Wir brauchen sie, auch wenn sie uns oft in Gewissenskonflikte bringt, Schuldgefühle, Vorwürfe und Zweifel in unser Leben bringt. Sie macht uns menschlicher und sie zwingt uns Verantwortung für unser Tun zu übernehmen.

Eine Erkenntnis, die man einmal hatte, kann man nicht ungeschehen machen. Wir können also nicht mehr zurück in den naiven Zustand der ersten Menschen so wie wir auch nicht zurück können, in eine Welt, in der man nicht weiß, wie man Atombomben baut oder eine KI programmiert.

 

Die Idylle hat ihren Preis

Man kann das bedauern, dass wir nicht leben wie Adam und Eva zu Beginn, aber ich glaube es ist gut so. Denn es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich nicht zurück ins Paradies möchte.

Etymologisch kommt das Wort aus dem Altiranischen und bedeutet „eingezäunte Fläche“. Und damit ist auch schon ein wesentliches Problem des Paradieses benannt: es ist ein exklusiver Ort, der sich von einer Welt außerhalb abgrenzt: Adam und Eva lebten zunächst in einer Art Gated Community, in einer glücklichen Welt für Privilegierte, die auf vielen Gemälden des Mittelalters und der Renaissance von hohen Mauern umgeben ist. Dabei handelt es sich um das Bildmotiv des Hortus Conlusus, des verschlossenen Gartens.

Und dieses Motiv eines wunderschönen Gartens, in dem hübsche kleine Blumen wachsen, Kaninchen über die Wiese hoppeln oder prächtige Bäume stehen, der aber von allen Seiten von hohen Mauern ohne Fenster und Türen umgeben ist, das findet sich nicht nur kombiniert mit der Darstellung von Adam und Eva, sondern auch auf vielen Mariendarstellungen, bei denen Maria mit dem Kind zwischen putzigen Erdbeerpflanzen, zwitschernden Vögeln und manchmal auch einer ganzen Entourage glücklicher Mitbewohnerinnen in ihrem abgeriegelten Garten sitzt.

Und irgendwie deckt sich die Stimmung dieser Bilder mit unseren Erwartungen an die Advents- und Weihnachtszeit, wo es harmonisch und paradiesisch zugehen soll, wo wir es uns im Kreise der Familie gemütlich machen und versuchen in unserer eigenen kleinen Welt zu bleiben und alles andere mal außen vor zu lassen. Und das hat ja auch seine Berechtigung. Aber die Idylle im Hortus Conclusus hat ihren Preis. Mir ist das einmal in einem Exerzitienkurs vor Augen geführt worden, wo der Kursleiter Clemens Blattert über ein mittelalterliches Liebesgedicht gepredigt hat. Leider habe ich trotz gründlicher Recherchen und einem Mailwechsel mit dem Prediger das Gedicht nicht wiederfinden können – wodurch euch jetzt mein Vortrag mittelhochdeutscher Lyrik entgeht – aber eigentlich reichen uns auch die Stichpunkte:  Das Gedicht dreht sich um ein Liebespaar, das sich wie Adam und Eva in einem umzäunten Paradiesgarten befindet und dort die holde Zweisamkeit genießt. Also: ein Liebespaar geschützt vom Hortus Conclusus, alles ist wunderbar, nur dann beginnen im Laufe des Gedichts Köpfe aufzutauchen, die auf den Zaun des idyllischen Gartens aufgespießt sind. Es sind die Köpfe derer, die versucht haben, die Idylle zu stören. Und dann sagte Clemens Blattert diesen donnernden Satz, der mir 4 Jahre später immer noch durch den Kopf geht, wenn ich an das Paradies denke: „Wer die Idylle bewahren will, wird gewaltbereit.“

Wer die Idylle bewahren will, wird gewaltbereit. Wer im Paradies leben und sich seiner Privilegien nicht bewusst werden will, der muss dafür sorgen, dass nichts von außen eindringt, was die Harmonie stört oder das eigene Glück in Frage stellt, der muss die Grenzen seiner Welt verteidigen und dann beginnt sie, die Geschichte der Gewalt. Und manchmal üben wir diese Gewalt auch gegen uns selbst aus, indem wir zu verdrängen versuchen, was uns schmerzt oder wütend macht. Dabei brauchen diese störenden Emotionen einen Platz in uns.

 

Ein netter Versuch: Vertröstungen aufs Jenseits

Und so komme ich am Ende meiner Predigt zu dem Schluss, dass sich die Sache mit dem Paradies als Sehnsuchtsort erledigt hat.

Ernüchterung. Wir sind wieder bei der Ausgangsfrage: Wohin sonst also, wenn nicht zurück ins Paradies?

Aber Moment mal, eine Kleinigkeit haben wir übersehen: Denn es gibt ja auch noch eine andere Vorstellung vom Paradies, nämlich die, dass das Paradies kein Ort ist, der hinter uns liegt, sondern vor uns. Diese Jenseitsvorstellung existiert nicht nur im Islam, auch Jesus hat solche Andeutungen gemacht. Zu dem reumütigen Verbrecher, der neben ihm gekreuzigt wurde, sagte er: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Das Paradies als Aussicht für unser Leben nach dem Tod. Ok, ich gebs zu. Das ist jetzt auch nicht das Ende einer zeitgenössischen Adventspredigt, das man sich gerade dringend gewünscht hat: auf das Leben nach dem Tod vertröstet zu werden. Irgendwie stecken wir immer noch im Mittelalter fest.

 

Das Paradies als Vorzimmer Gottes

Zum Glück hat das Paradies noch eine weitere Bedeutung: In manchen Kirchen gibt es hinter der Eingangstür eine Vorhalle, die man durchqueren muss, bevor man in den eigentlich Kirchenraum gelangt und dieser architektonische Raum wird in der Fachsprache als „Paradies“ bezeichnet. In diesem Sinne ist das Paradies das Vorzimmer Gottes, die Eingangshalle, die zu dem heiligen Raum führt, in dem Gott wohnt. Vielleicht kann  dieses Bild uns als Metapher dienen, um das Paradies als einen Ort in unserem Inneren zu verstehen, einen Ort, wo wir uns geliebt fühlen, wo wir ohne Sorgen einfach da sein können, wo wir über das Leben staunen, einen Ort, in den wir eintreten und ahnen können, wie es ist, ganz bei Gott zu sein. Und auch wenn wir dort nie lange bleiben können, weil uns die Realität wieder einholt mit all ihrer Schwere, tragen wir doch diesen Ort in uns. Und vielleicht können wir die Adventszeit nutzen, um uns daran zu erinnern, dass es diesen Ort in uns gibt. Die Adventszeit ist eine Zeit des wachsamen Wartens, wie wir es im heutigen Evangelium gehört haben. Eine Zeit der Hoffnung und des langsam zunehmenden Lichts. Eine Zeit der vielen kleinen Türen und der einen großen Verheißung: dass Gott uns entgegen kommt. Dass seine Liebe auf der Welt ist, so zerstört und zerrüttet sie auch sein mag.

Und wenn Gott uns entgegen kommt, dann können auch wir auf ihn zugehen und dann brauchen wir vielleicht am Ende gar kein Paradies mehr, keinen abgeschlossenen Raum des exklusiven und naiven Glücks, sondern wir können spüren: der Weg mit Gott führt in die Weite, ins Offene, in die Verantwortung und an Orte, an denen die Liebe für alle reicht.