90 Jahre Kirchweihe Frankfurt Niederrad

Liebe Schwestern und Brüder,

Herzlichen Glückwunsch, liebe Mutter vom Guten Rat! 90 Jahre alt ist unsere Jubilarin geworden. Ich finde: Dafür ist sie recht rüstig und sieht immer noch ganz gut aus! Wir feiern heute, dass dieses Kirchengebäude vor 90 Jahren in den Dienst genommen wurde: Geweiht wurde, wie man im religiösen Kontext sagt.

Ich bin sicher, dass die meisten von uns ihre je eigene Geschichte mit der „Mutter vom Guten Rat“ haben. Sei es, weil sie hier einfach immer wieder in den Gottesdienst gehen, weil sie hier getauft wurden, zur Erstkommunion gegangen sind, geheiratet haben oder weil sie hier ihrer Verstorbenen gedacht haben. Ein solches Gebäude ist dann wie eine steingewordene Erinnerung: glückliche und traurige Momente, die für einen selbst eine Bedeutung haben.

So ist es auch bei mir: Ich war Jugendlicher, als ich hier in die Gemeinde zog, und bin schnell Messdiener geworden. Meist war es die Messe am Samstagabend, die ich zusammen mit Audrey Pereira „gedient“ habe. Entweder hat die Messe der feine Pfarrer Duchscherer gefeiert, bei dem ich viel gelernt habe, oder es war der liebenswürdige Pfarrer Czapka, an den ich bis heute immer noch denken muss, wenn von den sog. „Trompeten von Jericho“ die Rede ist – so laut war seine Stimme, vor allem, wenn man direkt neben ihm stand.

Ich kann mich noch an die Organistin Rosalinde Haas erinnern, von der ich manchmal den Liedzettel für den Pfarrer holte. Sie nannte alle Kinder, die ein bisschen ausländisch aussahen, „Antonio“. Und so war ich dann für sie nicht der Max, sondern Antonio, der insgeheim ihr tolles Orgelspiel bewunderte.

In dieser Kirche habe ich vor 23 Jahren Primiz gefeiert, meine erste Messe: Es war an Christi Himmelfahrt, und die Gemeinde hat ein großes Fest bereitet, so wie auch in er Corona-Zeit meine 25-jährige Profess im Dominikanerorden. Und hier wurde das Requiem für meinen vor fünf Jahren verstorbenen Vater gefeiert, ein intensiver Moment, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Und einige wissen vielleicht, dass ich hin und wieder kleine Beiträge für das Fernsehen mache. Meistens kurzfristig frage ich Ofr. Werner Portugall und das Team vom Pfarrbüro an: darf ich morgen mit einem Kamerateam kommen und drehen. Immer haben sie sofort ja gesagt (an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür), und so war ich mit meiner alten Dame “MvGR” auch schon im Fernsehen😉.

Ich nehme all diese Erinnerungen mit der alten „Mutter vom Guten Rat“ jetzt mit in diesen Gottesdienst und lade Sie ein, das genauso zu tun: Die Momente, in denen Sie hier gebetet haben, getrauert, sich gefreut, gehofft und gedankt haben.

Manchmal frage ich mich ja, ob das auch umgekehrt der Fall ist. Ob denn wohl diese Steine Erinnerungen haben? An das was sie gesehen haben, seitdem sie hier stehen? Menschen haben Opfer gebracht und Geld gespendet – oder vielleicht auch ihre Arbeitskraft –, um  den Bau errichten zu können. Nach nur einjähriger Bauzeit wurde die Kirche eingeweiht – und zwar im Jahre 1933! Bei der Jahreszahl klingelt es einem im Ohr! Im Jahr der Machtergreifung durch die Nazis wurde dieses Gotteshaus in den Dienst genommen. Nur 5 Jahre später brannten die Gotteshäuser. Und zwar die Synagogen unsrer jüdischen Schwestern und Brüder, und ich habe mich manchmal gefragt, ob angesichts der Brutalität und der Sinnlosigkeit des Tuns der Nazischergen die Kirchengebäude – vielleicht auch dieses? – damals geweint haben?

Ich bin sicher, dass es noch Menschen gibt, die die Kriegsjahre erlebt haben und das Leid, die sie mit sich gebracht haben. Wie muss das wehgetan haben, diesen Ort zerstört zu erleben: Sind Kirchen doch immer auch ein Zufluchtsort und ein Ort des Friedens.

 

Dann die Nachkriegszeit: Eine Zeit des Aufbruchs und der Zuversicht, in der auch diese Kirche in vereinfachter Form wieder aufgebaut wird. Dann die Konzilszeit und die Zeit danach, durch die sich vieles verändert hat: Nicht mehr das Latein im Gottesdienst, sondern Deutsch. Und später dann auch bauliche Veränderungen: Der Priester, der sich zur Gemeinde hinwendet und wo die Menschen nicht mehr nur Zuschauer sind, die während der Messe beten, sondern die wirklich „mitfeiern“ und deren Mittun wesentlich ist. Eigentlich müsste man sagen, dass alle Getauften den Gottesdienst nicht nur mitfeiern, sondern „konzelebrieren“.

Ein regelrechtes Lifting hat unsere alte Dame dann in den achtziger Jahren bekommen: Das große Wandgemälde, die tolle Orgel, der schöne Altar, der Ambo und der Tabernakel. Ich weiß, dass nicht alle das große Wandgemälde mögen. Ich kannte eine alte Gottesdienstbesucherin, die sagte mir sie setze sich immer so hin, dass sie möglichst wenig von dem Wandgemälde sehe. Mich selber hat das Bild immer viel zum Nachdenken angeregt: Vor allem die Frage: Was da eigentlich in das Bild (in unsere Welt? In mein Leben?) drängt – ein Bild für das Göttliche?

Sicher wird unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“ traurig sein, dass seit Jahrzehnten weniger Menschen den Weg in das Gebäude finden; weniger als früher diesen Ort als ihr spirituelles Zuhause erleben. Beschleunigt wurde diese Entwicklung in den vergangenen Jahren durch die vielen Skandale in den Reihen der Kirche selber, die die Grundfesten der Kirche erschüttert haben. Ein „Haus voll Glorie schauet“ bleibt seitdem auch diesem Kirchengebäude schon mal im Halse stecken. Dadurch treten die Vertreter:innen der Kirche weniger großspurig auf, demütiger! Und unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“ hat mir gesagt, dass sie das besser findet, evangeliumsgemäßer als früher, wo man so tat, als sei die Kirche makellos.

Toll findet die alte Dame,  dass in den letzten Jahren so viele kreative Dinge hier gemacht werden: musikalisch, künstlerisch, gottesdienstlich! Nicht dass es früher nicht auch schon so war. Aber die alte Dame ist sehr offen und liebt es, wenn neue Wege gesucht werden, den Glauben auszudrücken, und wie es Ihre Pastoralreferentin mir gerade in der Sakristei gesagt hat: Die Kirche nach vorne zu denken!

Jetzt gerade freut sie unsere alte Dame unglaublich: Weil jetzt endlich auch der Kirchplatz nach Innen schön gemacht worden ist und heute eingeweiht wird. Ein Ort, der offen ist für alle, und der dennoch von diesem Kirchengebäude umarmt wird: wie ein Baum, der zu einem Zuhause für die Vögel wird.

Wir Christ:innen sind davon überzeugt, dass Gott nicht bei toten Steinen zu finden ist, sondern bei den Lebenden! Kirchengebäude sind dazu da, zu atmen, lebendig zu sein. Orte für die „Freude und Hoffnung, Trauer und Ängste der Menschen von heute“ zu sein. Sie sollen Erinnerungsorte sein für uns Menschen, in denen unsere Seele sich öffnen kann für einen Gott, der immer wieder neu in diese Welt kommt, ja geradezu sich „drängt“.

„Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt“ haben wir im heutigen Evangelium gehört. Mitten unter uns in Niederrad steht unsere alte Dame „Mutter vom Guten Rat“. Möge sie auch noch viele weitere Jahrzehnte ein schützender Ort sein für die Menschen auf der Suche nach Gott . Amen.