Heterotopia – Adventspredigt III

Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher,

im Dezember 1977 kam der französische Philosoph und Schwulenaktivist Michel Foucault erstmals nach Berlin. Eingeladen hatte ihn der West-Berliner Merve-Verlag, der damals bereits zwei Bücher mit Schriften des jungen, in Deutschland allerdings noch gänzlich unbekannten Denkers veröffentlicht hatte.

Ende der 1970er-Jahre – das war die Hochzeit der terroristischen „Rote Armee Fraktion“ in Deutschland, der RAF. Durch eine anonyme Anzeige gerieten Foucault und das Verlegerehepaar in Verdacht, Unterstützer der RAF zu sein. Mit großem Polizeiaufgebot wurden sie direkt aus einem Restaurant heraus verhaftet. Nach kurzer Zeit im Gefängnis von Moabit wurden sie wieder freigelassen. Wie sich herausstellte, hatte jemand die Verlegerin mit einer damals gesuchten RAF-Terroristin verwechselt.

Der Aufenthalt in der Moabiter Haftanstalt blieb eine Episode. Nach drei Stunden waren die Verwechselung aufgeklärt und alle wieder auf freiem Fuß. Die Institution „Gefängnis“ jedoch beschäftigte Foucault dauerhaft. Denn der Ort des Gefängnisses galt ihm als ein höchst interessanter „Heterotopos“, als ein „Andersort“.

Das Wort „Heterotopos“ setzt sich zusammen aus dem griechischen Teilbegriff „hetero“ – anders, fremd, ungleichartig (wir kennen das Lexem in Begriffen wie „heterosexuell“ oder „heteronormativ“) – und aus dem ebenfalls griechischen Wort „topos“ – Ort (das wir z.B. im Begriff „Topographie“ nutzen). Zeit seines Lebens hat sich der Forscher Foucault mit solchen „Heterotopoi“, mit „Andersorten“ befasst.

Liebe Gemeinde,

Foucault definiert Heterotopien als reale Orte, die zugleich jedoch auch auf eine Gegenwirklichkeit verweisen.

Der Andersort Gefängnis beispielweise erinnert uns daran, dass es in unserer Gesellschaft viele Systeme gibt, die Menschen exkludieren: eingeschlossen hinter Mauern und ausgeschlossen aus der Gesellschaft der Freien.

Zugleich stellt der Andersort Gefängnis aber auch das Freiheitspathos derjenigen in Frage, die sich ungehindert bewegen können: Bin ich wirklich frei, oder bin ich nicht doch an unzählige unsichtbare Regeln und internalisierte Vorschriften gebunden, die mich einengen, ohne das ich es merke?

  • eingeschlossen in bürgerliche Konventionen („Das macht ‚man‘ so.);
  • abhängig von einer Markwirtschaft, die mich zur bloßen Konsumentin degradiert;
  • gefesselt an die uns zumeist nicht bekannten Algorithmen des Internets;
  • ausgeliefert meinen eigenen Trieben.

Foucault hat zudem weitere Heterotopoi identifiziert:

  • So erinnert uns der Andersort „Friedhof“ an den Tod – eine Gegenwirklichkeit, die wir oftmals verdrängen.
  • Und der Heterotopos „Theater“ verweist in unserer funktional durchrationalisierten Welt auf die so wichtigen Untiefen der Gefühle Liebe, Begehren, Angst und Hass. Im Theater kommen sie auf die Bühne.
  • Im Andersort „Bordell“ wird menschliche Sexualität nicht nur in ihren bürgerlichen Praktiken gelebt, sondern auch in ihren unmoralischen und gewalttätigen Spielarten.
  • Der Andersort „Psychiatrie“ wiederum gemahnt uns an die „wahnsinnigen“ Abgründe, die auch unter unseren eigenen, ach so vernünftigen Alltagsroutinen lauern.
  • Und die Heterotopoi „Palliativstation“ und „Altenheim offenbaren nochmals andere Verdrängungsmechanismen der kapitalistischen Moderne: so die gesellschaftliche Unsichtbarmachung des gebrechlichen Endes der meisten Leben wie auch des „unproduktiven“ Sterbens.

Viele weitere Andersorte könnten wir noch anführen, auch über die Auflistungen von Foucault hinaus. Ich denke da besonders an den Heterotopos „Kirche“, der inmitten der hochdrehenden und auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Betriebsamkeit unserer Städte Orte bietet, an denen Menschen zur Ruhe und zur inneren Einkehr kommen können – kostenfrei! Allerdings sind Kirchen in den letzten Jahrzehnten auch in ganz anderem Sinne zu Heterotopoi geworden: etwas dort, wo hinter frommen Glaubensfassaden Kinder und Jugendliche in Kirchensakristeien von Priestern missbraucht worden sind.

Liebe Schwestern und Brüder,

wie gesagt: Die Liste der Heterotopoi ist lang und längst nicht zu Ende erzählt. Im heutigen Evangelium dreht sich alles um den Andersort „Wüste“.[1] Der Evangelist Markus berichtet – wir haben es eben gehört – von einem Johannes, der in der Wüste auftrat (vgl. Mk 1,4). Der Evangelientext schreibt diesem Johannes eine besondere Autorität zu. Markus stellt ihn in eine Reihe mit dem großen Propheten Jesaja aus dem Ersten/Alten Testament.

Beide Propheten treten in der Wüste auf. In der hebräischen wie auch in der griechischen Bibel wird die Wüste vielfach als „menschenfeindliche Einöde“[2] bzw. „dürres und düsteres Land“[3] charakterisiert (vgl. Jes 35,1.6; 41,18f.; 43,19f.; Ez 19,13; Hos 13,5). Jesaja beispielsweise beschreibt die Wüste als einen Ort tödlicher Gefahren durch wilde Tiere (vgl. Jes 13,21f.) oder Dämonen (vgl. Jes 34,13ff.).[4]

Umso mehr erstaunt es mich, wenn es im Evangelium weiter heißt, dass – ich zitiere – „[g]anz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zu ihm“[5] (Mk 1,5) – gemeint ist Johannes – in die Wüste „hinaus[zogen]“ (Mk 1,5). Was treibt sie in die Wüste am Jordan?[6] Schaulust? Sensationsgier? Oder doch mehr? Was haben die vielen Menschen da in der unwirtlichen Kalksteinwüste gesucht?

Die Johannes-Gestalt des Evangelisten Markus behauptet, dass aus der bedrohlichen Wüste der so lang schon ersehnte Messias kommen wird. Und zwar bald! Und Johannes verkündet dieses Nahen des Retters anscheinend mit solch einer Autorität, dass es den Menschen egal ist, ob sie sich in höchste Gefahr begeben. „Wohin sonst?“, könnte man mit dem KSG-Semestermotto fragen: Wohin sonst sollten die Menschen denn hin – angesichts der verheißenen Ankunft des Messias in der Wüste?

Die gefährliche, potentiell sogar tödliche Wüste wird zum Ort des Heils. Ganz im Sinne Michael Foucaults ist die Wüste im Markusevangelium als ein Andersort stilisiert, der auf eine radikal-gute, heilsame Gegenwirklichkeit verweist.

Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

was kann die Wüstengeschichte für uns bedeuten? Zwar leben wir in unseren Breitengraden nicht in der Nähe einer Wüste, doch sind tödliche Bedrohungen, die der Andersort „Wüste“ damals mit sich brachte, auch heute existent.

Vielleicht fühle ich mich ganz persönlich bedroht vom Scheitern meiner Beziehung, von Prüfungsversagen an der Uni, von ungewissen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, von psychischen Beeinträchtigungen oder durch Krankheiten von Menschen in meinem Freundes- oder Familienkreis.

Und auch im großen, gesellschaftlichen Kontext sind die Bedrohungen, die uns derzeit herausfordern, kaum zu übersehen:

  • Krieg in der Ukraine und in Israel/Palästina,
  • humanitäre Katastrophen im Gaza-Streifen und in Afghanistan,
  • ein ernstzunehmender Rechtsradikalismus bei uns in Deutschland,
  • die Unterminierung demokratischer Institutionen in den USA und Ungarn,
  • eine Gerechtigkeitslücke in unserem Bildungssystem, die immer größer wird und jungen Menschen Zukunftschancen raubt,
  • die Klimakrise, zu deren wirkungsvoller Bekämpfung sich die Weltgemeinschaft immer noch nicht hat wirklich durchringen können – auch jetzt wieder nicht auf der UN-Klimakonferenz in Dubai.

Und so weiter und so fort… Es ist zum Verzweifeln!

Und dennoch behauptet das Evangelium, dass sich am Heterotopos „Wüste“ eine Gegenwirklichkeit zu all dem Versagen und den Bedrohungen zeigt: Die menschenfeindliche Wüste ist der Ort, an dem die Ankunft des menschenfreundlichen Gottes offenbar wird.

Das könnte heißen: Da, wo wir in Scheitern und Versagen, in Krankheit oder Schuld zueinander stehen, nicht weglaufen, sondern bleiben, treu sind, da offenbart sich Gottes Menschenfreundlichkeit: inmitten der Wüsten unseres Alltags.

Und es könnte auch heißen: Da, wo wir für Humanität einstehen und gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von Rechts wie von Links aufstehen, wo wir den nächsten Generationen nicht alle Folgeprobleme unseres Über-Konsums aufbürden, wo wir mit den Terroropfern der Hamas wie auch mit den verzweifelten Binnenflüchtlingen im Gazastreifen mitfühlen, wo wir für die Stärkung unserer demokratischen Institutionen kämpfen, da offenbart sich Gottes Menschenfreundlichkeit: inmitten der Wüsten unserer Zeit.

Ja, es existieren reale Gegenwirklichkeiten zu den vielen Hoffnungslosigkeiten unserer Zeit. Ja, es gibt göttliche Andersorte inmitten einer oftmals unüberschaubaren Wüstenlandschaft in und um uns. Das glaube ich.

Amen.

[1][1]    Mk 1,1–8. Zur Exegese vgl. Karl Kertelge, Markusevangelium (Die neue Echter Bibel), Würzburg 32005, 16–18; Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus. 1. Teilbd.: Mk 1–8,26 (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. II/1), Zürich – Düsseldorf – Neukirchen-Vluyn 51998, 39–49; Josef Ernst, Das Evangelium nach Markus (Regensburger Neues Testament), Regensburg 1981, 31–37

[2]     Bernd Willems, Art. Wüste. I. Biblisch-theologisch, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 10, Freiburg/Br. 2001, Sp. 1335–1336, hier 1335.

[3]     Arie van den Born, Art. Wüste, in: Bibel-Lexikon, hrsg. von Herbert Haag, Zürich – Einsiedeln – Köln 1982, Sp. 1904–1905, hier 1905

[4]     Vgl. Willems, Art. Wüste. I. Biblisch-theologisch, Sp. 1335.

[5]     Kursivgesetzte Hervorhebungen: U.E.

[6]     Reisegruppen wird diese Wüste heute sowohl am Westufer des Flusses im palästinensischen Westjordanland als auch am Ostufer in Jordanien präsentiert. Zur Lokalisierung des Geschehens vgl. Hartmut Stegemann, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus. Mit einem Nachwort von Gert Jeremias (Herder Spektrum), Freiburg/Br. 2007, 294ff.