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P. Max verlässt die KSG

Die Hochschulgemeinde KSG Edith Stein Berlin am Standort St. Augustinus hat sich in den vergangenen Jahren, trotz der Herausforderungen durch die Corona-Pandemie und dem daraus resultierenden Neustart, weiterentwickelt. Ein herzlicher Dank gilt Pater Maximiliano Cappabianca OP, der zusammen mit seinem Team maßgeblich zur Entwicklung der Hochschulpastoral im Erzbistum Berlin beigetragen hat. Zum 30. September 2025 wird Pater Max Cappabianca die KSG Berlin verlassen und nicht mehr in der Hochschulpastoral im Erzbistum Berlin tätig sein. Für die Zukunft und neuen Aufgaben wünschen wir ihm Gottes reichen Segen!

 

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Ehrlich beten: Wenn Gebet mehr ist als Wunschdenken

Predigt von P. Max Cappabianca in der KSG Berlin

Liebe Gemeinde,

Ich werde oft gefragt, wie man denn beten solle! Viele denken, sie könnten es nicht richtig oder kommen sich dabei blöd dabei vor, wenn man so vor sich hinredet. Manche wenige haben es noch zu Hause gelernt: Sei es, dass die Eltern ein Gebet beim Schlafengehen gesprochen haben. Oder dass es üblich war, ein Tischgebet zu sprechen. Aber selbst in christlichen Familien ist das immer weniger üblich, so auch in meiner Familie! Bei uns wurde am Tisch nicht gebetet!

Dann gibt es das Phänomen, dass manche vielleicht das Beten gewöhnt waren, sich aber die Art des Betens über die Jahre hinweg verändert hat: Kindergebete sind anders als die Gebete von Erwachsenen. Das Evangelium heute suggeriert ja, dass man nur beten müsse, um zu kriegen, was man will. Es wird ein interessantes Gottesbild gezeichnet: Gott als ein Freund, der leicht genervt ist, weil ein Freund auf der Hilfe insistiert! Verstanden als Ermutigung, genau das zu tun: Gott nerven, damit er sozusagen in die Puschen kommt…

Manche behaupten ja, dass sei kindgerecht, wenn man ihnen weismacht, dass Gott die Macht habe, alles zu erfüllen. Ein Kind setzt dann natürlich alles auf diesen Supermann-Gott, der macht, was man will. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert: Wenn rauskommt, dass Gott nicht alle Bitten erfüllt, dann ist Gott entweder nicht allmächtig, oder er ist böse, weil er mir meine kindlichen Allmachtsphantasien nicht erfüllt.

Das hört sich durchaus manchmal süß an, wenn Kinder davon sprechen, was sie sich vom lieben Gott sich wünschen: dass das Wetter gut wird oder der Wellensittich wieder zum Leben erweckt wird…

Aber es ist gar nicht so selten, dass Erwachsenwerden sich diese Enttäuschung wegen der Nichterfüllung von Gebeten zu einem Gift für den Glauben selbst entwickelt. Ich kenne nicht wenige Menschen, die das in ihrer religiösen Biografie so erlebt haben: Was ist das für ein Gott, der mir in meinen existenziellen Nöten erst in mir die Hoffnung weckt, um sich dann doch wieder „totzustellen“. Das Gefühl schleicht sich ein, dass es keinen Unterschied macht, ob es Gott gibt oder nicht!

In der Theologie ist die Frage nach der Wirksamkeit des Bittgebets ein großer Streitpunkt. Je nach philosophischem Hintergrund gibt es unterschiedliche Meinungen. P. Thomas Eggensperger aus meiner Kommunität zum Beispiel vertritt mit guten Gründen die Meinung, dass das Bittgebet keinen Sinn mache, denn Gott handele nicht, nur weil man ihn darum bittet. Ohne in die Details dieser Diskussion einsteigen zu wollen, kann ich nur sagen, dass ich eine nicht so radikale Meinung vertrete!

Ich glaube auch nicht, dass Gott durch unser Gebet veranlasst handelt und zum Beispiel ein Unglück verhindert, weil wir dafür gebetet haben! Das würde ja bedeuten, dass Gott Unglücke zulässt, weil wir nicht gebetet haben oder gar, weil er uns für etwas strafen wolle! Eine Vorstellung, die sich auch in der Bibel findet! Aber nicht dem Kern des christlichen Gottesbildes entspricht!

Ich glaube allerdings auch nicht, dass das Gebet nur eine besondere Form der Autosuggestion ist, in der wir uns von etwas überzeugen, was eh schon da ist und existiert. Das ist mir zu verkopft und entspricht auch nicht dem biblischen Zeugnis: Wenn man sich die Psalmen anschaut, dann sind das schon existenzielle Kämpfe, die da ausgefochten werden. Daher kann ich euch versichern: wenn es in unserm Gebet ums „Eingemachte“ geht, dann kann man sicher sein, dass man spirituell auf dem richtigen Weg ist!

Handelt also Gott, wenn ich zu ihm bete? Ja ich glaube, dass das Gebet etwas bewirkt! Und das hängt mit dem christlichen Gottesbild zusammen: Wir sehen Gott als Beziehung – schon in sich selbst ist Gott Beziehung, wie die Trinitätslehre ausdrückt. In christlicher Beziehung ist das Gebet daher  vor allem eine Realisierung und Aktualisierung einer Beziehung, die zuallererst von Gott selbst ausgeht und auf die wir antworten!

Diese Beziehung nimmt ihren Anfang in der Schöpfung, in der Gott den Menschen ins Dasein ruft („Und Gott sah dass es gut war.“) und geht weiter über die Jahrtausende, in denen Gott – wie es in der Bibel heißt – durch die Prophet:innen zu den Menschen gesprochen hat! Und indem wir „beten“, treten wir mit Gott in Verbindung. Wir realisieren die Liebe Gottes, die die Grundlage alles Daseins, und letztlicher unserer Existenz ist! Mit realisieren meine ich im doppelten Sinne von wahrnehmen und Wirklichkeit werden lassen. Das ist vergleichbar, wenn Liebende einander sagen: Ich liebe dich! Das realisiert eine Beziehung. Die beiden nehmen sie wahr; und zugleich verändert sie zugleich diese Beziehung, denn sie gewinnt eine neue Tiefe!

Übrigens ein interessanter Aspekt, den wir an dieser Stelle nicht vertiefen können ist: Diese Kommunikation ist nicht nur durch Worte möglich: Im Gegenteil! Sie geschieht ganzheitlich, denn wir Menschen sind geistig und körperlich! „Ich liebe dich“ sagen, ist  das eine! Ein Kuss ist aber etwas anderes! Das ist noch einmal eine ganz andere Art wirksamer, wirkender Kommunikation. Und Sex, und zwar wohlgemerkt, wenn man die Person liebt!, ist eine Weise der Kommunikation, die meiner Meinung nach von nichts übertroffen werden kann! Es sage keiner, es verändere einen nicht, wenn man einen Menschen küsst oder anders sexuell miteinander kommuniziert!

Aber das wollen wir jetzt nicht vertiefen: Ich will nur darauf hinweisen, dass die Kommunikation mit Gott ebenso ganzheitlich sein kann und muss, und dass sie einen verändert. Das ist übrigens auch der Grund, der die Eucharistie so wertvoll macht: Seht die Eucharistie mal als Gebetsakt: Indem ihr das gewandelte Brot esst – ein wahrlich körperlicher Vorgang – vereint ihr euch mit Jesus, bzw. Jesus mit euch! Auch das verändert einen – wenn man das mit den Augen des Glaubens wahrnimmt!

Und genau auf diesen Aspekt möchte ich heute den Akzent setzen: Das Gebet ändert mich und damit auch die Wirklichkeit um mich herum. Das ist die Weise, in der Gott handelt. Ich werde zu einem Instrument, durch das Gott seine Liebe in dieser Welt realisiert: Wirklichkeit werden lässt.

Das ist etwas anderes als die kindliche Vorstellung, dass Gott „meine Gebete erfüllt“. Dieser Gott ist oft unverständlich und dunkel, weil das die andere Seite der Realität ist: die Gemeinschaft mit Gott ist unvollkommen, und wir sehen uns nach voller Gemeinschaft!

Die Frage bleibt nämlich bestehen, warum Gott das Leid zulässt, warum es Krieg, Tod und Hunger in der Welt gibt, warum er es zulässt, dass der Staat Israel wegen des Terrorangriffs im Herbst 2023 ein Vielfaches an Palästinensern umbringt und wie jetzt gerade sie brutal verhungern lässt: Ausgerechnet ein Staat, der entstanden ist aus den Trümmern der Shoah, in de unser Land Deutschland die Vernichtung von Menschen zur industriellen Perfektion geführt hat… Das ist alles dunkel und bleibt für immer unverständlich! Wie kann das sein?  Was für Sinn macht da noch Beten?

Ich glaube fest: Immer dann, wenn Menschen sich durch das Gebet in Verbindung setzen mit Gott, der die Liebe ist, bricht eine Kraft auf, durch die wir Widerstand leisten gegen alles Menschenverachtende in dieser Welt. Gebet führt ins Handeln, Gebet öffnet die Augen für das Leid, Gebet schenkt Hoffnung, dass das letzte Wort über diese Wirklichkeit noch nicht gesprochen ist! Gebet und unsere brutale Wirklichkeit stehen in einem Wechselverhältnis. Gebet also ganz sicher keine Weltflucht, sondern die Weise, in der Gott sein Reich Gottes verwirklicht!

Ein letztes Wort zu den Fürbitten: Wir haben hier die Tradition, dass die Fürbitten frei gesprochen werden! Ich finde das sehr schön. Oft sind sie sehr persönlich, man spürt genau diese existentielle Betroffenheit und das ist gut so. Es ist auch nicht schlimm, wenn mal nicht viel kommt, denn jede:r kann auch still für sich beten! Die manchmal peinliche Stille ist für mich völlig ok: Sie ist ein Raum, den wir für Gott offenhalten! Also denkt nicht darüber nach, ob sich jemand erbarmen könnte, endlich mal nach vorne zu kommen. Wenn jemand was sagen will, dann geschieht das einfach! Auch ist es völlig ok, für einfache Dinge zu beten, wie zum Beispiel, dass die Prüfungen gut gelingen! Wir verbinden uns durch diese Bitte mit Gott und allen Studierenden, die grad im Prüfungsstress und auf diese Weise realisieren wir die Solidarität, zu der uns Gottes Liebe drängt!

Was NICHT geht, sind moralinsaure Fürbitten. Wenn man implizit andere Menschen damit korrigiert oder ausdrückt, was diese tun und lassen sollen. Ein paar Beispiele – nicht aus der KSG! – seien genannt:

Lieber Gott, öffne allen Rassisten die Augen, dass sie von ihrem Tun ablassen und nicht mehr diskriminieren!

Lieber Gott, lass uns endlich aufhören, die Schöpfung zu zerstören, sondern lass uns umweltfreundlich leben!

Lieber Gott, mach dass die Bischöfe sich für mehr Demokratie in der Kirche einsetzen!

Oder aktuell bei einem Priester aus Bayern: Für alle, die den Namen Gottes entheiligen, indem sie ihn für ihre Zwecke missbrauchen!

Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine: Ich finde auch, dass Rassisten nicht mehr diskriminieren sollen, dass die Schöpfung bewahrt werden muss und dass sich die Bischöfe für mehr Demokratie einsetzen könnten! Und ich bin gegen die Entheiligung des Namens Gottes. Aber Fürbitten sind nicht dazu da, andere zu korrigieren und meine Interessen zu vertreten!

Ich möchte euch Mut machen, in den Fürbitten im Gottesdienst, aber vor allem im privaten Gebet, eure Anliegen vor Gott zu tragen, im Vertrauen darauf, dass Gott auf seine Weise antworten wird! Und dafür ist das Vaterunser ein guter Leitfaden! Es geht um unsere Bedürfnisse, um Schuld und Vergebung und um Gottes Willen, den wir Liebe nennen!

Wenn wir darauf vertrauen, sehen wir die Möglichkeiten, die Gott hat, uns zu verändern und durch uns die Welt und die Mitmenschen in ihr!

Und wir sehen dann auch, dass Gott vielleicht doch unsere Gebete „erhört“ und doch gehandelt hat. Vielleicht anders als gedacht, aber viel größer und mit noch viel mehr Liebe, als wir je hätten uns träumen lassen!

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Von Wüstenmomenten und faulen Maden: Die Kunst der Semesterferien

Predigt von Karen Siebert in der KHSB 

Liebe Studierende, lieber Mitarbeiter*innen der KHSB,

Herzlich Willkommen zu dieser Andacht, mit dem wir den Abschluss der Vorlesungszeit feiern.

Mein Name ist Karen Siebert und ich bin Referentin an der KSG, der Katholischen Studierendengemeinde in Berlin. Ich freue mich, dass ich diese kleine Feier zusammen mit Ihnen und mit Roman Akuratnov an der Orgel mit begehen darf.

Wir tun das in interreligiöser Aufgeschlossenheit. Die KHSB ist eine katholische Hochschule, aber in ihr studieren viele, die nicht an Gott glauben oder einer anderen Religion angehören und auch bei den Mitarbeitenden sieht das sicher vielfältiger aus als man denkt.

Jede*r möge auf seine Weise diese Andacht nutzen, um das vergangene Semester mit all seinen Erfolgen, Herausforderungen und Schwierigkeiten zu verabschieden und die Semesterferien oder besser die vorlesungsfreie Zeit und die hoffentlich damit einhergehende Pause zu begrüßen.

„Pause – nicht nur eine biblische Erfindung“, so habe ich diese kleine Feier überschrieben. Und anstelle einer langen Lesung, habe ich mich in der Bibel mal umgesehen, was diese zum Thema Pause so sagt:

Gen: Gott sah auf alles was er gemacht hatte und siehe es war gut. Das war der sechste Tag. Am siebten Tag aber ruhte Gott von seiner Arbeit aus. Er hatte sein Schöpfungswerk vollendet. Er segnete diesen Tag und sagte: „An diesem Tag sollen wir uns von der Arbeit ausruhen!“ Das war der siebte Tag.

Ex: „Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; am siebten Tag sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ruhen und der Sohn deiner Magd und der Fremdling sich erholen.“

Psalm 127,2: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät niedersetzt und euer Brot mit Sorgen esst; denn seinen Geliebten gibt er es im Schlaf.“

1, Könige 19: Er (Elija) streckte sich unter dem Ginsterstrauch aus und schlief ein. Plötzlich wurde er von einer Berührung geweckt. Ein Engel stand bei ihm und forderte ihn auf: »Elia, steh auf und iss!« 6 Als Elia sich umblickte, entdeckte er neben seinem Kopf ein Fladenbrot, das auf heißen Steinen gebacken war, und einen Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder schlafen. 7 Doch der Engel des HERRN kam wieder und weckte ihn zum zweiten Mal auf.

»Steh auf, Elia, und iss!«, befahl er ihm noch einmal. »Sonst schaffst du den langen Weg nicht, der vor dir liegt.« 8 Da stand Elia auf, aß und trank. Die Speise gab ihm so viel Kraft, dass er vierzig Tage und Nächte hindurch wandern konnte, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb, kam.

Lukas 5,16: In Scharen strömten sie zusammen. Sie wollten ihn hören und von ihren Krankheiten geheilt werden.  Jesus aber zog sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, um zu beten. 

Markus 6,31: Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

In der Bibel ist also alles zu finden.

Ein strenger Wechsel von Arbeiten und Ruhen / von Schaffen und Pause. Aber auch der Aufruf zur Sorglosigkeit, zum Ausschlafen und zum ausreichend essen.

Vor allem das Neue Testament zeugt auch von kleinen Fluchten, kleinen Rückzügen aus dem stressigen Alltag. Jesus empfiehlt das seinen Jüngern und nutzt das selbst auch ganz explizit. Auch vom Propheten Mohammed wird berichtet, dass er sich regelmäßig in eine Höhle zurückzog oder die ruhigen Stunden der Nacht nutzte, um allein zu sein und zu beten.

In der katholischen Studierendengemeinde veranstalten wir seit 2 Wochen „Ora et Labora“. Bete und Arbeite. Co-Working für Studierende gerahmt von Impulsen und natürlich leckerem Essen.

Die Benediktiner Klöster haben sich Ora et labora zum Leitspruch gemacht. Deswegen zitiere ich hier auch Benediktiner Pater Albert Altenähr OSB:

„Das benediktinische Motto-Wort „Ora et labora – Bete und arbeite“ kündet von einem Rhythmus, aus dem heraus Leben gelingen kann. Es spricht von einem Spannungsbogen, der beides kennt: Die Anspannung und die Entspannung. Zugleich lädt das Motto ein, den Spannungsrythmus als wirklichen Rhythmus zu leben. Es ist nicht gut, bis zum Geht-nicht- Mehr der Erschöpfung die Anspannung zu praktizieren, um dann – weil nichts mehr geht – die Entspannung zu suchen. Wer erschöpft ist, wird sich nicht entspannen können. Er ist erschlafft, – hängt durch und herum. Erschöpfung ist nicht schöpferisch, – Entspannung dagegen sehr.“ (Albert Altenähr OSB)

Ich finde es spannend, diese Idee, nicht bis zur Erschöpfung zu arbeiten, sondern vorher aufzuhören. Die Pause rechtzeitig einzulegen. Jeden Tag so zu gestalten wie das Ora et Labora in der KSG: Morgens ein gemeinsames Frühstück mit Croissants und frischer Marmelade. Einen geistlichen Impuls, dann 2-3 Stündchen arbeiten. Ein Mittagessen vorgesetzt bekommen und eine schöne Mittagspause genießen, um dann mit einem Impuls in die nächste Arbeitseinheit geschickt zu werden. Um 16 Uhr ist dann Feierabend und ich kann den Rest des Tages genießen.

Ich finde die Idee so schön, mein Leben so zu gestalten, um damit auch zu verhindern, dass mich am 1. Urlaubstag die typische Erkältung oder der befürchtete Migräneanfall einholt.

Bei Ihnen und mir stehen nun die Semesterferien vor der Tür. Und auch wenn diese Ferien für Sie als Studierende und als Mitarbeitende hier an der Hochschule sicher keine komplett freie

Zeit bedeuten, so steht doch eine große Pause an. Eine Pause vom Lehrbetrieb und von den Anfragen der Studierenden. Eine Pause von Vorlesungen und Seminaren, von Pflichtveranstaltungen und Referaten, vom häufigen Pendeln zur Hochschule, vom eng getakteten Hochschulalltag. Vielleicht auch vom Kampf mit ihren Kindern, um diese rechtzeitig zur Schule, zum Fußballverein oder zum Ballett zu bringen.

Wie haben Sie es denn diesmal gehalten? Ich jedenfalls habe es dieses Semester natürlich geschafft, einen wunderbaren Rhythmus aus Spannung und Entspannung zu leben – nicht.

Ich habe es natürlich geschafft, mir in diesem Semester meine Kraft so einzuteilen, dass ich nun nicht erschöpft in die Ferien gehe – nicht.

Ehrlich gesagt, pfeife ich aus dem letzten Loch. Morgen Nachmittag (nachdem ich gegen 13 Uhr mit der Arbeit fertig bin) fahren wir für 3 Wochen in den Urlaub und ich habe noch nicht mal eine Packliste geschrieben.

Jetzt könnte ich mich deswegen ärgern – oder nicht.

Denn ich bin schließlich weder Jesus noch der Prophet noch ein Mönch. Ich weiß jetzt schon, dass ich das auch nächstes Jahr nicht schaffen werde, auch wenn ich es mir wieder vornehme.

Mein Plan ist ein anderer: Ich habe vor, nach Ankunft am Urlaubsort die Kinder in den Pool zu schicken oder auf den Fußballplatz und zum Abendbrot maximal die Sandwichmaschine anzuschmeißen. Ich werde mich dann nicht erschöpft unter einen Ginsterstrauch legen, aber ich werde mich auszuruhen und überhaupt nicht schöpferisch sein, sondern darauf vertrauen, dass Gott oder mein Mann oder der Kiosk auf dem Campingplatz mich schon mit Eiscreme und Frappé füttern wird. Ich werde leben, wie eine Made im Speck, bis es mir zu den Ohren rauskommt.

Meiner Erfahrung nach tut es dies spätestens an Tag 3.

Denn, das ist auch meine Erfahrung: wenn ich mich nicht ärgere über meine Erschöpfung, sondern diese zelebriere (etwas, was ich früher Blinner-Tage nannte =Breakfast-Lunch-Dinner verschwimmen zu einer Einheit, während ich im Schlafanzug Tour de France schaue). Dann stehe ich spätestens am Tag drei wieder auf der Matte. Und dann kann es schöpferisch werden und mir sehr sehr gut tun.

Jetzt ist es so, dass sich weder Jesus noch der Prophet Mohammed in ein schickes Urlaubsresort  zurückgezogen  haben.  Sie  haben  auch  nicht  geblinnert  oder  den

Campingplatzkiosk heimgesucht, sondern gefastet. Sie gehen in die Wüste oder in die Berge oder eine Höhle. Mit seinen Jüngern fährt Jesus an einen einsamen (in manchen Übersetzungen heißt es öden) Ort. Ich werde jetzt meinen Urlaub nicht auf Askese umbuchen oder in ein Yoga-Ashram verschieben. Aber ich denke, es ist wichtig, mir kleine Wüstenmomente zu schaffen. Warum? Damit ich den Bogen entspannen kann, damit ich mit mir – und wenn ich will – auch mit Gott in Kontakt kommen kann. Damit ich zur Ruhe komme, Abstand schaffen kann, den Überblick bekomme. Damit ich mir überlegen kann – wenn ich den Bogen wieder Spanne – welches Ziel ich anvisieren werde.

Ich brauche Wüstenmomente, damit meine Pause weder schlaffes Herumhängen wird noch sich schon wieder wie Arbeit anfühlt vor lauter Sport- und Besichtigungsprogramm und Familienspaß.

Ich brauche Wüstenmomente, damit die Pause schöpferisch bleibt. Ein kurzer Allein- Spaziergang im Park oder am Strand, einen Kaffee nur mit mir in einem Bistro genießen. Auf dem Balkon sitzen und den Vögeln lauschen, vielleicht eine Halbtageswanderung für mich, wenn es hochkommt. Ein gutes Buch lesen. Lachen sie mich nicht aus, für diese Momente habe eine Liste! Denn ohne, auch das lehrt mich die Erfahrung, zücke ich in den kleinen Pausen, die sich bieten, einfach nur mein Handy.

Ich weiß nicht, ob Gott da seine Finger im Spiel hatte, aber wer auch immer die Semesterferien geschaffen hat, so sind sie doch recht lang. Lang genug, um von allem etwas unterzubringen, wenn ich nur will.

Und so werde ich die Semesterferien gestalten: arbeitsam, faul, sportelnd, feiernd, in Gemeinschaft aber auf jeden Fall auch mit ein paar Wüstenmomenten.

Denn, so sagt die Bibel ebenfalls: Alles hat seine Zeit. Willkommen in der großen Pause.

Segen – Gott berührt dich!

Liebe Schwestern und Brüder,

Das Evangelium vom Barmherzigen Samariter, das wir heute gehört haben, ist DAS Evangelium schlchthin, um den Kern des christlichen Ethos klarzumachen! Die Priester und Leviten, die wegschauen und den Menschen halbtot auf der Straße liegen lassen beschämen bis heute all diejenigen die vorgeben, fromm zu sein und Gottes Wille zu tun, aber völlig versagen, wenn es um konkretes Leid geht! Und der, der es richtig macht, ist ein Samariter, einer, der in der damaligen Gesellschaft nicht „dazugehört“ und auf den „normale Leute“ herabschauen.

Was bedeutet dieses Gleichnis heute für unsern Großstadt-Jungle?Ich kann nur sagen: Es ist nicht so einfach! Ich stehe auch nicht immer auf „richtigen Seite“ – so wie der Barmherzige Samariter – was mir das Recht gäbe, mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die  wie die Priester und Leviten im Gleichnis die Nase rümpfen und wegschauen!

Ich könnte aus dem Stand einige Situationen berichten, wo ich das Gefühl habe, menschlich falsch gehandelt habe. Ganz konkret erst letzte Woche: Ein farbiger Mensch lief vor unserer KSG vorbei und frug durch das Fenster, ob er denn sein Handy bei uns aufladen könne. Eine einfache, schlichte Bitte, wo Menschen einander helfen können. Ich hab‘ ihn weggeschickt! Ich bin im Nachhinein immer noch geschockt, wie schnell mein „Nein“ geschossen kam, ohne die Situation zu bedenken. Natürlich bedeutet, einen Fremden in die KSG zu lassen, immer potentiell Gefahr, und wir haben schon ein paar Mal erlebt, dass Menschen durch das Fenster Gewalt ausfällig wurden, sodass mein erster Impuls die Verteidigung unseres Schutzraumes war, den die KSG ja darstellen soll. Aber war dieser Mann wirklich eine Gefahr?

Liebe Schwestern und Brüder, dieses kleine Beispiel soll nicht dazu dienen, dass ihr mich lossprecht, sondern um deutlich zu machen, wie schnell es gehen kann, dass man die falschen Prioritäten setzt ohne es zu wollen! Und dass uns allen nicht gut ansteht, mit dem Finger auf andere zu zeigen!

In diesem Evangelium steckt aber noch ein anderer Aspekt, deder sehr wichtig ist für unser Gottesbild! Wir lesen in dem Evangelium: „Ein Samaríter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.“

Ich weiß nicht, ob jemand von euch schon mal die Gelegenheit hatte, einen Verletzten zu versorgen. Wenn so ein Mensch blutverschmiert da liegt und er vielleicht vor Schmerzen stöhnt, dann hat man richtig Angst, diesen Menschen zu berühren. Zum einen vielleicht, weil man Angst hat, ihm oder ihr noch mehr weh zu tun. Vielleicht auch weil es einen ekelt oder man sich selber nicht schmutzig machen will.

Mich beeindruckt in dem Evangelium, dass der Samariter da offenbar keine Berührungsängste hatte. Er nimmt sich der Wunden des Opfers an. Er geht sogar so weit, ihn zu umarmen, denn nur so kann man einen anderen Menschen auf ein Reittier setzen. Man muss sich das ganz konkret vorstellen. Da geschieht ganz viel Nähe. Das Opfer muss es auch zulassen und sich berühren lassen, auch wenn es im ersten Moment weh tut!

Für mich ist diese Begebenheit ein Bild dafür wie Gott mit uns Menschen interagiert. Ich glaube, dass Gott uns „berührt“. Und diese Berührung ist ein komplexes Phänomen. Die Berührung kann auch wehtun. Vor allem wenn wir verletzlich sind, und doch ist die Nähe, die sich darin zeigt, etwas wonach wir uns zutiefst sehnen.

Daran musste ich denken, als ich die Frozen Roses von Ziggy in der Bibliothek am Hansaviertel gesehen habe. Sie sind aus Glas, und Ziggy hat sie in einen Teich im Innengarten dieser Stadtbücherei „gepflanzt“. Ziggy hat mir verraten, dass das mit den Rosen eigentlich einem Übersetzungsmissverständnis geschuldet ist: Jemand hatte ihr vorgeschlagen, Seerosen zu gestalten. Die sehen natürlich ganz anders aus. Sie hat Rosen verstanden und so sind nun in diesem „See“ in der Stadtbücherei im Hansaviertel diese wundervollen Glasrosen im Wasser.

Geht mal hin und schaut euch das an. Im Hansaviertel kann man zu den normalen Öffnungszeiten der Stadtbücherei hin! Man muss ein bisschen suchen: Es ist ein traumhaft schöner Ort, mitten im Großstadt-Jungle. Im Hintergrund die Betonhochhäuser und dazwischen ein Paradiesgarten, darin ein kleiner Teich und darin die Frozen Roses von Ziggy!

Die Rosen gelten als die Königinnen unter den Blumen, Sie sind wunderschön und duften, gleichzeitig sind sie aber extrem empfindlich. Es ist als dürften die zarten Blütenblätter nicht berührt werden. Dornen schützen die Pflanzen vor einem groben Begrabschen! Rosen sind für mich ein Bild dafür, wie behutsam wir mit Berührung umgehen müssen, dass Nähe auch gefährlich ist, aber zugleich unendlich kostbar.

Dass Ziggy diese Rosen in Glas gegossen hat ist für mich ein Bild, dass wir im Großstadt-Jungle vieles neu lernen müssen! Berührung und Nähe sehen im Beton-Jungle anders aus; sie sind aber trotzdem weiterhin unendlich schön und eine Einladung an uns, daran zu glauben, dass wir diese Großstadt zu einem Ort machen können, wo wir uns einander behutsam und zärtlich berühren lassen können!

Im Anschluss an die Predigt wird es anstelle des Credo die Gelegenheit zu einem individuellen Segen geben. Wir haben das schon öfters hier in der KSG gemacht. Heute möchte ich aber besonders Aufmerksamkeit dem Aspekt des Berührens widmen. Denn was ist Gottes Segen nicht anderes als eine Berührung Gottes? Vielleicht eine heilende, eine die Wärme schenkt, eine die aufrichtet oder die einfach nur eine Sehnsucht stillt.

In der christlichen Tradition waren Segnungen eigentlich immer mit Berührungen verbunden. Man kann das sehr schön bei Taufen sehen. An mehreren Stellen berühren der Priester, die Eltern und die Paten den Täufling. Diese Berührung werden mit den Augen des Glaubens gesehen alle zu einem körperlich spürbaren Ausdruck dessen, was Gott in uns wirkt!

Ich gestehe euch, dass wir Hauptamtlichen bisher dem Aspekt, welche Geste beim Segnen verwendet, wir wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Da hat eigentlich jeder gemacht, was er will… Ich bin da an sich sehr vorsichtig, denn ich will nicht übergriffig wirken. Andererseits berauben wir den Segen vielleicht eines seiner wichtigsten Aspekte, nämlich die Leiblichkeit, die Körperlichkeit. So wie beim Barmherzigen Samariter es doch darauf ankommt, dass er die Wunden berühren muss, um ihm zu helfen.

Das muss letztlich jedem selber überlassen bleiben, was er oder sie braucht und gestalten will; und so werden wir verschiedene Formen der Berührung beim Segen euch anbieten. (P. Max zeigt die verschiedenen Segegensgesten und -berührungen)

  1. Grundform – Orantenhaltung
  2. Hände ausstrecken über einem
  3. Hände auflegen auf Kopf
  4. Hand auf eine Schulter legen
  5. Hände in die Hand legen
  6. Ein Paar legen die Hände ineinander
  7. Der Segnende legt seine Hände auf das Händepaar

Ihr seid alle eingeladen euch segnen zu lassen. Lasst euch berühren von Gottes Nähe!

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Geht! Siehe, ich sende euch!

Aufbrechen, radikal sein, vertrauen und dabei erleben, wie uns das Evangelium herausfordert, unsere Komfortzone zu verlassen und im Ungewissen auf Gottes Stimme zu hören. Lea Salome Fränzle erzählt von ihrer eigenen Pilgerreise und dem Mut den es braucht, um sich auf das Wesentliche einzulassen: Wege, die auch im Alltag Spur hinterlassen. Lass dich inspirieren, auf deine eigene Reise zu gehen und Gottes Begleitung auf dem Weg zu erfahren. Studentische Predigt am 6.7.2025 in der KSG Edith Stein Berlin.

 

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Feeling unqualified? Solemnity of Saint Peter and Paul

Dear brothers and sisters in Christ, I feel deeply honoured and privileged to stand before you this morning to share this homily—especially on a day as significant as today, when we honour two of the most important saints of our Church: Saints Peter and Paul.

When Fr. Max first asked me to give this reflection, I honestly thought, “He must be a little crazy.”[1] I mean, what could I possibly offer? “I felt honored, but also completely unqualified.” I’m not a theologian, and I’ve only just begun to know this community. But here I am, standing before you—because sometimes, when God calls, all He asks is that we say “yes,” not that we feel ready.

Sometimes, when God calls, all He asks is that we say “yes,” not that we feel “ready”.

And maybe that’s a perfect starting point for today’s feast—the Solemnity of Saints Peter and Paul. Two pillars of our Church. Two very different men, from very different backgrounds. Peter, a fisherman—often impulsive, often unsure. Paul, a former persecutor of Christians—intellectual, bold, and stubborn. Neither was perfect. But both were willing.

Today’s readings invite us to reflect not on their perfection, but on their faithfulness. In the first reading from the Acts of the Apostles, Peter is in prison, chained between guards. And while the Church prays fervently for him, God sends an angel to break his chains and lead him to freedom. At first, Peter doesn’t even believe it’s real. He thinks he’s dreaming. Only afterward does he realize what God has done.

That really spoke to me: Because I’ve had moments like that too—where it’s only in looking back that I can say, “Yes, God was there.”

I remember moving from Uganda to Kenya in 2012, grieving the loss of my father. I was just 24, from a small rural town, suddenly alone in a busy city. And yet, strangers stepped in to help. When I was a student in Ethiopia and a friend and I were harassed by a group of drunk boys, it was one among them—perhaps moved by something deeper—who stood up for us and made the others walk away. Again, a stranger helped.

And when I came to the US, and now here in Germany, I’ve been welcomed into communities where people offered kindness not in grand gestures, but in simple, quiet acts—like sharing a meal, offering a listening ear, or giving their time and presence.

In all these moments, I didn’t always recognize God’s hand right away. But like Peter, I came to see: the Lord had been with me. And like Paul says in today’s second reading, “The Lord stood by me and gave me strength.”

Saint Peter and Paul remind us that we don’t need to be perfect. We just need to be open, willing and faithful. Because God can do a lot with a heart that says, “Here I am.”

I believe that’s our calling too. To live with open hearts. To recognize that we are not alone—not in our struggles, not in our faith, and not in our longing for justice and peace.

Even in the ordinary things—preparing for Mass, sharing a Sunday meal, going strawberry picking or just being present at a game night—we are already participating in God’s work. So what if we made that participation more intentional? What if we made every encounter a safe space—especially for those we disagree with, or don’t understand?

 

That’s the radical love Peter and Paul came to embody. Not a love that categorizes or excludes, but a love that dares to welcome, to forgive, to invite others to the table.

I’m grateful to be part of this KSG community in Berlin. The meals, the friendships, the laughter, and even the quiet moments of presence—they remind me that the Church is alive. That even in a world where politicians stir up fear and division, God is still working—through each of us.

So today, as we honour Saints Peter and Paul, I invite us to remember their legacy: bold, imperfect, but faithful love. And I invite us to pray—especially for all who are at the frontlines of violence and suffering, whether in Ethiopia, Germany, Israel, Iran, Kenya, Russia, South Sudan, Sudan, Ukraine, the United States, or anywhere in the world. That in their sorrow and sadness, God is there, with them. We are called to be „Saints“:  not perfect, but diverse and longing to realize our vocation to be witnesses of God’s love!

May we be people of prayer, People of presence, People of peace. And with Paul, may we say with trust: “The Lord will rescue me from every evil attack and bring me safely to His heavenly kingdom. To Him be the glory forever and ever. Amen.”

Das Heilige Jahr im Beton-Dschungel

Die katholische Kirche feiert weltweit ein so genanntes Heiliges Jahr? Kriegt man etwas davon mit in Berlin? Was ist überhaupt ein Heiliges Jahr? Die Predigt von P. Max geht auf diese Frage ein und gibt Anregungen, wie man für sich persönlich ein „Heiliges Jahr“ im Beton-Dschungel gestalten kann!

 

 

Wahrheit und Hoffnung

Studentische Predigt von Joshua Kunisch am 15.6.2025

Liebe Schwester und Brüder,

ein paar Worte vorab. Einige von Euch wissen es: Meine Profession ist die „Jursiterei“ und sehr zum Leidwesen meines früheren Gemeindepfarrers nicht die Theologie. Und so naheliegend es heute am Dreifaltigkeitssonntag gewesen wäre über die Trinität zu sprechen, möchte ich mich in meiner studentischen Predigt einer Dualität zuwenden: Nämlich dem Zusammenhang von Wahrheit und Hoffnung.

Wir Juristen glauben häufig, dass wir von der Wahrheit besonders viel verstehen würden, schließlich geht es ja vor Gericht darum, die Tatsachenwahrheit zu ergründen. Meine Herangehensweise in dieser Predigt wird tatsächlich auch ein wenig juristisch sein, zumindest was den Aufbau betrifft: Juristen formulieren in Gutachten immer zunächst einen Obersatz, anschließend definieren sie abstrakt anhand des Gesetzestextes und wenden die entsprechenden Normen im nächsten Schritt konkret auf einen Fall an. So werde ich jetzt auch verfahren und mich gleich vorab entschuldigen, falls ich zwischendurch sehr abstrakt werde. Das ist dann nicht nur einer „Berufskrankheit“, sondern wahrscheinlich auch meinem philosophischen Faible geschuldet.

Ich möchte mit Euch einige Überzeugungen meines ganz persönlichen Glaubens teilen. Überzeugungen, die eng verknüpft sind mit zwei Kernbegriffen der heutigen liturgischen Texte, nämlich der „Wahrheit“ und der „Hoffnung“.

Mein – in diesem Fall nicht juristischer, sondern vielmehr spirituell-philosophischer – Obersatz lautet: Hoffnung braucht Wahrheit.

Im heutigen Evangelium haben wir gehört:

Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.

Jesus sagt uns hier: Der Bote der Wahrheit ist der Heilige Geist.

In der zweiten Lesung erinnert uns Paulus:

Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Wahrheit und Hoffnung scheinen also im Innersten miteinander verknüpft. Um zurückzukommen auf meinen Obersatz: ohne Wahrheit, keine Hoffnung! Wieso das so ist, mag sich jetzt der ein oder die andere fragen.

Dem muss jedoch in meinen Augen eine andere Frage vorangestellt werden. Es ist die Frage, die Pontius Pilatus während seines Verhörs an Jesus stellt – und die Christus unbeantwortet lässt: „Was ist Wahrheit?“

Das ist für mich eine ganz zentrale Frage, deren Antwort ich gemeinsam mit Euch nachspüren will. Und die Antwort auf diese Frage ist weitreichend, bestimmt sie doch ganz wesentlich, wie wir die Welt um uns herum sehen.

Ich halte es für die Beantwortung dieser Frage mit dem heiligen Kirchenlehrer und Dominikaner Thomas von Aquin – achtung abstrakt: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Denken und Sein.

Im Mittelpunkt steht also ein sehr grundlegender, zugleich praktisch aber schwer greifbarer Begriff: Das Sein. Um die Wahrheit zu finden, sind wir zunächst aufgerufen, das Sein zu erkennen. Und wenn das Sein mit unserem Denken und Erkennen übereinstimmt, dann ist unsere Erkenntnis wahr.

Soweit also die Definition, der zweite Schritt eines juristischen Gutachtens. Was aber bedeutet das für die Praxis? Was hier abstrakt zunächst einfach und logisch klingt, hat – ich sagte es schon – tatsächlich weitreichende Konsequenzen.

Denn diese Überzeugung – oder genauer dieser Wahrheitsbegriff – heißt doch folgendes:

Es kann verschiedene Blickwinkel, verschiedene Sichtweisen auf das Sein geben. Das eine Sein bliebt jedoch unverändert. Und wenn das Sein unverändert bleibt, dann muss sich jede Erkenntnis des Seins an dem Sein messen lassen. Dann gibt es „bessere“ und „schlechtere“ Erkenntnis des Seins. Und somit gibt es „wahre“ und „falsche“ Erkenntnis – gemessen am Übereinstimmungsgrad der Erkenntnis mit dem Sein. Ihr merkt schon jetzt: Ich bin kein Freund des heute weitverbreiteten Relativismus.

Wieso? Hierzu ein Beispiel aus der Rechtswissenschaft: Juristen sprechen oft vom „erkennenden Gericht“. Das ist im Strafprozess das Gericht der ersten oder zweiten Instanz – also der sogenannten Tatsacheninstanzen. Und die Aufgabe dieses Gerichts klingt sehr einfach, ist oft aber sehr komplex: Die Wahrheit finden. Hierfür werden Zeugenaussagen gehört, Schriftstücke verlesen, Expertengutachten eingeholt, Örtlichkeiten in Augenschein genommen. Kurz gesagt: Es wird unternommen, was der Wahrheitsfindung dient.

Und wenn Zeugen vereidigt werden, so müssen sie schwören, dass alles, was sie berichten, der Wahrheit entspräche und nichts als die Wahrheit sei. Die Eidesformel in § 64 StPO lautet: „Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben“ und wird vom Zeugen bekräftigt mit „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe“. Der Gottesbezug kann aber auch weggelassen werden. Hierauf kommt es für mich in diesem Moment nicht an – obwohl es für den Gottesbezug natürlich sehr gute Argumente gibt.

Hier zeigt sich für mich in jedem Fall aber sehr anschaulich, dass es nur eine Wahrheit geben kann. Nämlich, im Strafprozess bleibend, den tatsächlichen Tathergang. Und die Blickwinkel hierauf mögen verschieden sein: Der Zeuge beispielsweise, der ein Verbrechen nur aus weiter Entfernung beobachtet hat, mag dies anders wahrgenommen haben, als der Zeuge, der dabei war, der direkt danebenstand, als das Verbrechen verübt wurde. Die Wahrheit ihrer Zeugenaussagen bestimmt sich allein daran, ob ihre Wahrnehmung, ihr Denken vom Tathergang, der Realität desselben entspricht. In andere Worten: Ob ihre Erkenntnis vom Tathergang das Sein widerspiegelt.

Was aber bedeutet diese Einsicht über die Erkenntnis der Wahrheit nun für unseren, besser für meinen, ganz persönlichen Glauben?

Zunächst einmal sind wir alle gerufen, uns um die Erkenntnis der Wahrheit zu bemühen. Und das ist eine lebenslange Aufgabe. Wir alle kennen den Ausspruch Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zu Vater außer durch mich.“

Was aber meint dieser Satz für mich – für uns als das „pilgernde Volk Gottes“?

Christus, der ganz Gott ist, der vor Anbeginn der Zeiten war, er ist das Seiende schlechthin. So lautet auch der Name Gottes im Alten Testament, den der Herr dem Mose im brennenden Dornenbusch offenbart: „Ich bin der ‚Ich bin‘.“ In anderen Worten: Ich bin der Ursprung und der Inbegriff allen Seins; Gott ist der Seiende Schlechthin. Somit ist Gott auch der Inbegriff aller Wahrheit. Und alle Wahrheitserkenntnis mündet in ihm.

Und unser Weg zur Wahrheit liegt in Jesus Christus. Wer ihn erkennt, der erkennt den Vater. Und der erkennt die Wahrheit.

Und hier kommt jetzt – endlich – die Hoffnung ins Spiel. Als menschliche Wesen streben wir nach Wahrheit. Das Streben nach Wahrheit ist seit jeher tief in unserem Innersten angelegt.

Mein ganzes Sein richtet sich auf die Erkenntnis der Wahrheit hin. Voller Resignation könnte ich jetzt feststellen: Wenn aber Gott allein die Wahrheit ist, dann kann ich diese doch in meinem irdischen Dasein niemals voll begreifen und ergründen.

Und das ist tatsächlich wahr. Aber: Ich kann mich um Wahrheitserkenntnis bemühen. Ich sagte es schon: Mein ganzes Leben dreht sich sodann um die Erkenntnis der Wahrheit – und doch weiß ich: voll erkennen und begreifen werde ich erst, wenn mein irdisches Leben zu Ende geht und ich Gott gemäß meinem Glauben von Angesicht zu Angesicht schauen werde.

Warum dann alles? Warum alles Mühen um Erkenntnis? Warum aller Streit um den richtigen Weg, um die wahre Erkenntnis der Wahrheit? Ist das dann nicht alles müßig? Sollten wir dann nicht alle Erkenntnisse gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen – ist uns doch die Möglichkeit der letztendlichen Erkenntnis verwehrt?

Das ist heute übrigens durchaus Mode: Eine falsch verstandene Toleranz hat Einzug in unsere Gesellschaft gehalten. Wahrheit wird vielerorts nicht mehr als absolut betrachtet, sondern der Relativismus grassiert. Ich deutete es schon an: Ich halte davon nichts. Ein Satz der mich hierhingehend geprägt hat, ist der folgende: Wenn alles gleich gültig ist, dann ist alles gleichgültig.

Ich halte nichts davon, sich aus Bequemlichkeit auf die Position zurückzuziehen, dass alles eben einfach gleichermaßen wahr ist. Ich bin überzeugt, dass wir um den richtigen Weg streiten müssen, dass wir die Wahrheit suchen müssen. Aber auch, dass wir dem Gegenüber zugestehen müssen, dass er womöglich die Wahrheit besser erkannt hat, als ich selbst. Das ist manchmal hart, zugleich aber echte, wahrhafte Toleranz. Wir müssen einander auch blinde Flecken zugestehen.

Oder in den Worten des Evangelisten Lukas gesprochen: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?

Eine wahrhaft tolerante Haltung im eben beschriebenen Sinne kann uns meiner Meinung nach in vielen gesellschaftlichen Streitfeldern helfen – und trägt weiter als der vermeintlich so tolerante Relativismus. Und das gilt besonders auch in kirchenpolitischen Debatten. Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in kirchenpolitischen Streifragen häufiger besinnen würden, demütig anerkennen würden, dass auch der andere richtig und ich selbst falsch liegen könnte, dann wäre viel gewonnen.

Auf kirchenpolitische Einzelfragen will ich hierbei gar nicht näher eingehen. Nur so viel: Das Lehramt schöpft gewiss aus einer großen Tradition – und als Konservativer kann ich überzeugt sagen: hierin liegt ein Vorteil, denn Tradition ist gegorene Erkenntnis dessen, was sich als sinnvoll und gut bewiesen hat. Aber zugleich sei klar gesagt: Auch das kirchliche Lehramt hat nicht alle Wahrheit für sich gepachtet. Wie auch, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass Gott allein die letzte Wahrheit ist?

Zurück aber zu meiner Frage: Wieso nun also streben nach dieser letzten, göttlichen Wahrheit, die im Diesseits doch unerreichbar bleibt?

Für mich ist die Antwort klar: Weil mir diese Verheißung Hoffnung gibt. Wenn ich im ewigen Leben meinen Schöpfer schaue, dann werde ich die Wahrheit schauen. Dann werde ich begreifen und verstehen, was ich im Hierseits nicht begreifen kann. Dann wird er mich in die ganze Wahrheit einführen.

Und weil ich diese Überzeugung als wahr erkannt habe, darf ich hoffen. Ich darf hoffen, dass er mich voller Liebe anschauen wird. Und vielleicht wird er sagen: Mein geliebtes Kind, Dein ganzes Leben hast Du Dich bemüht und bist doch mit voller Energie in die falsche Richtung gelaufen. Dann aber weiß ich: ER sieht mich in Liebe an. ER sieht meine Bemühung, meine aufrichtige Bemühung um Erkenntnis. Und ER wird mich in seine liebenden Arme schließen.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke und mein Licht. Und ich bin überzeugt: Wer als Christ aus dieser Hoffnung heraus lebt und handelt, der lebt voller und tiefer. Das zumindest ist meine Erfahrung und meine Hoffnung.

Wenn wir aus der Gewissheit leben, dass wir nur die vorletzten Wahrheiten kennen können, dann zwingt uns das zum Respekt vor der Meinung des anderen. Nicht in einem gleichgültigen Nebeneinander, sondern in der

Und zugleich lässt mich  diese Gewissheit freudig hoffen auf den Tag, an dem ich selbst durch Christus in die ganze Wahrheit eingeführt werde, die alles Verstehen und Erkennen übersteigt.

Ich hoffe auf diesen Tag, liebe Schwestern und Brüder. Ich sehne diesen Tag herbei. Und diese Gewissheit schenkt mir Demut, mein Leben anzunehmen, mich um Erkenntnis zu bemühen und auf den Herrn zu hoffen; wahrhaftig zu hoffen.

Amen.

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Bild: Miles Burke / unsplash

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