Studentische Predigt von Joshua Kunisch am 15.6.2025
Liebe Schwester und Brüder,
ein paar Worte vorab. Einige von Euch wissen es: Meine Profession ist die „Jursiterei“ und sehr zum Leidwesen meines früheren Gemeindepfarrers nicht die Theologie. Und so naheliegend es heute am Dreifaltigkeitssonntag gewesen wäre über die Trinität zu sprechen, möchte ich mich in meiner studentischen Predigt einer Dualität zuwenden: Nämlich dem Zusammenhang von Wahrheit und Hoffnung.
Wir Juristen glauben häufig, dass wir von der Wahrheit besonders viel verstehen würden, schließlich geht es ja vor Gericht darum, die Tatsachenwahrheit zu ergründen. Meine Herangehensweise in dieser Predigt wird tatsächlich auch ein wenig juristisch sein, zumindest was den Aufbau betrifft: Juristen formulieren in Gutachten immer zunächst einen Obersatz, anschließend definieren sie abstrakt anhand des Gesetzestextes und wenden die entsprechenden Normen im nächsten Schritt konkret auf einen Fall an. So werde ich jetzt auch verfahren und mich gleich vorab entschuldigen, falls ich zwischendurch sehr abstrakt werde. Das ist dann nicht nur einer „Berufskrankheit“, sondern wahrscheinlich auch meinem philosophischen Faible geschuldet.
Ich möchte mit Euch einige Überzeugungen meines ganz persönlichen Glaubens teilen. Überzeugungen, die eng verknüpft sind mit zwei Kernbegriffen der heutigen liturgischen Texte, nämlich der „Wahrheit“ und der „Hoffnung“.
Mein – in diesem Fall nicht juristischer, sondern vielmehr spirituell-philosophischer – Obersatz lautet: Hoffnung braucht Wahrheit.
Im heutigen Evangelium haben wir gehört:
Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.
Jesus sagt uns hier: Der Bote der Wahrheit ist der Heilige Geist.
In der zweiten Lesung erinnert uns Paulus:
Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Wahrheit und Hoffnung scheinen also im Innersten miteinander verknüpft. Um zurückzukommen auf meinen Obersatz: ohne Wahrheit, keine Hoffnung! Wieso das so ist, mag sich jetzt der ein oder die andere fragen.
Dem muss jedoch in meinen Augen eine andere Frage vorangestellt werden. Es ist die Frage, die Pontius Pilatus während seines Verhörs an Jesus stellt – und die Christus unbeantwortet lässt: „Was ist Wahrheit?“
Das ist für mich eine ganz zentrale Frage, deren Antwort ich gemeinsam mit Euch nachspüren will. Und die Antwort auf diese Frage ist weitreichend, bestimmt sie doch ganz wesentlich, wie wir die Welt um uns herum sehen.
Ich halte es für die Beantwortung dieser Frage mit dem heiligen Kirchenlehrer und Dominikaner Thomas von Aquin – achtung abstrakt: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Denken und Sein.
Im Mittelpunkt steht also ein sehr grundlegender, zugleich praktisch aber schwer greifbarer Begriff: Das Sein. Um die Wahrheit zu finden, sind wir zunächst aufgerufen, das Sein zu erkennen. Und wenn das Sein mit unserem Denken und Erkennen übereinstimmt, dann ist unsere Erkenntnis wahr.
Soweit also die Definition, der zweite Schritt eines juristischen Gutachtens. Was aber bedeutet das für die Praxis? Was hier abstrakt zunächst einfach und logisch klingt, hat – ich sagte es schon – tatsächlich weitreichende Konsequenzen.
Denn diese Überzeugung – oder genauer dieser Wahrheitsbegriff – heißt doch folgendes:
Es kann verschiedene Blickwinkel, verschiedene Sichtweisen auf das Sein geben. Das eine Sein bliebt jedoch unverändert. Und wenn das Sein unverändert bleibt, dann muss sich jede Erkenntnis des Seins an dem Sein messen lassen. Dann gibt es „bessere“ und „schlechtere“ Erkenntnis des Seins. Und somit gibt es „wahre“ und „falsche“ Erkenntnis – gemessen am Übereinstimmungsgrad der Erkenntnis mit dem Sein. Ihr merkt schon jetzt: Ich bin kein Freund des heute weitverbreiteten Relativismus.
Wieso? Hierzu ein Beispiel aus der Rechtswissenschaft: Juristen sprechen oft vom „erkennenden Gericht“. Das ist im Strafprozess das Gericht der ersten oder zweiten Instanz – also der sogenannten Tatsacheninstanzen. Und die Aufgabe dieses Gerichts klingt sehr einfach, ist oft aber sehr komplex: Die Wahrheit finden. Hierfür werden Zeugenaussagen gehört, Schriftstücke verlesen, Expertengutachten eingeholt, Örtlichkeiten in Augenschein genommen. Kurz gesagt: Es wird unternommen, was der Wahrheitsfindung dient.
Und wenn Zeugen vereidigt werden, so müssen sie schwören, dass alles, was sie berichten, der Wahrheit entspräche und nichts als die Wahrheit sei. Die Eidesformel in § 64 StPO lautet: „Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben“ und wird vom Zeugen bekräftigt mit „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe“. Der Gottesbezug kann aber auch weggelassen werden. Hierauf kommt es für mich in diesem Moment nicht an – obwohl es für den Gottesbezug natürlich sehr gute Argumente gibt.
Hier zeigt sich für mich in jedem Fall aber sehr anschaulich, dass es nur eine Wahrheit geben kann. Nämlich, im Strafprozess bleibend, den tatsächlichen Tathergang. Und die Blickwinkel hierauf mögen verschieden sein: Der Zeuge beispielsweise, der ein Verbrechen nur aus weiter Entfernung beobachtet hat, mag dies anders wahrgenommen haben, als der Zeuge, der dabei war, der direkt danebenstand, als das Verbrechen verübt wurde. Die Wahrheit ihrer Zeugenaussagen bestimmt sich allein daran, ob ihre Wahrnehmung, ihr Denken vom Tathergang, der Realität desselben entspricht. In andere Worten: Ob ihre Erkenntnis vom Tathergang das Sein widerspiegelt.
Was aber bedeutet diese Einsicht über die Erkenntnis der Wahrheit nun für unseren, besser für meinen, ganz persönlichen Glauben?
Zunächst einmal sind wir alle gerufen, uns um die Erkenntnis der Wahrheit zu bemühen. Und das ist eine lebenslange Aufgabe. Wir alle kennen den Ausspruch Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zu Vater außer durch mich.“
Was aber meint dieser Satz für mich – für uns als das „pilgernde Volk Gottes“?
Christus, der ganz Gott ist, der vor Anbeginn der Zeiten war, er ist das Seiende schlechthin. So lautet auch der Name Gottes im Alten Testament, den der Herr dem Mose im brennenden Dornenbusch offenbart: „Ich bin der ‚Ich bin‘.“ In anderen Worten: Ich bin der Ursprung und der Inbegriff allen Seins; Gott ist der Seiende Schlechthin. Somit ist Gott auch der Inbegriff aller Wahrheit. Und alle Wahrheitserkenntnis mündet in ihm.
Und unser Weg zur Wahrheit liegt in Jesus Christus. Wer ihn erkennt, der erkennt den Vater. Und der erkennt die Wahrheit.
Und hier kommt jetzt – endlich – die Hoffnung ins Spiel. Als menschliche Wesen streben wir nach Wahrheit. Das Streben nach Wahrheit ist seit jeher tief in unserem Innersten angelegt.
Mein ganzes Sein richtet sich auf die Erkenntnis der Wahrheit hin. Voller Resignation könnte ich jetzt feststellen: Wenn aber Gott allein die Wahrheit ist, dann kann ich diese doch in meinem irdischen Dasein niemals voll begreifen und ergründen.
Und das ist tatsächlich wahr. Aber: Ich kann mich um Wahrheitserkenntnis bemühen. Ich sagte es schon: Mein ganzes Leben dreht sich sodann um die Erkenntnis der Wahrheit – und doch weiß ich: voll erkennen und begreifen werde ich erst, wenn mein irdisches Leben zu Ende geht und ich Gott gemäß meinem Glauben von Angesicht zu Angesicht schauen werde.
Warum dann alles? Warum alles Mühen um Erkenntnis? Warum aller Streit um den richtigen Weg, um die wahre Erkenntnis der Wahrheit? Ist das dann nicht alles müßig? Sollten wir dann nicht alle Erkenntnisse gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen – ist uns doch die Möglichkeit der letztendlichen Erkenntnis verwehrt?
Das ist heute übrigens durchaus Mode: Eine falsch verstandene Toleranz hat Einzug in unsere Gesellschaft gehalten. Wahrheit wird vielerorts nicht mehr als absolut betrachtet, sondern der Relativismus grassiert. Ich deutete es schon an: Ich halte davon nichts. Ein Satz der mich hierhingehend geprägt hat, ist der folgende: Wenn alles gleich gültig ist, dann ist alles gleichgültig.
Ich halte nichts davon, sich aus Bequemlichkeit auf die Position zurückzuziehen, dass alles eben einfach gleichermaßen wahr ist. Ich bin überzeugt, dass wir um den richtigen Weg streiten müssen, dass wir die Wahrheit suchen müssen. Aber auch, dass wir dem Gegenüber zugestehen müssen, dass er womöglich die Wahrheit besser erkannt hat, als ich selbst. Das ist manchmal hart, zugleich aber echte, wahrhafte Toleranz. Wir müssen einander auch blinde Flecken zugestehen.
Oder in den Worten des Evangelisten Lukas gesprochen: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?
Eine wahrhaft tolerante Haltung im eben beschriebenen Sinne kann uns meiner Meinung nach in vielen gesellschaftlichen Streitfeldern helfen – und trägt weiter als der vermeintlich so tolerante Relativismus. Und das gilt besonders auch in kirchenpolitischen Debatten. Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in kirchenpolitischen Streifragen häufiger besinnen würden, demütig anerkennen würden, dass auch der andere richtig und ich selbst falsch liegen könnte, dann wäre viel gewonnen.
Auf kirchenpolitische Einzelfragen will ich hierbei gar nicht näher eingehen. Nur so viel: Das Lehramt schöpft gewiss aus einer großen Tradition – und als Konservativer kann ich überzeugt sagen: hierin liegt ein Vorteil, denn Tradition ist gegorene Erkenntnis dessen, was sich als sinnvoll und gut bewiesen hat. Aber zugleich sei klar gesagt: Auch das kirchliche Lehramt hat nicht alle Wahrheit für sich gepachtet. Wie auch, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass Gott allein die letzte Wahrheit ist?
Zurück aber zu meiner Frage: Wieso nun also streben nach dieser letzten, göttlichen Wahrheit, die im Diesseits doch unerreichbar bleibt?
Für mich ist die Antwort klar: Weil mir diese Verheißung Hoffnung gibt. Wenn ich im ewigen Leben meinen Schöpfer schaue, dann werde ich die Wahrheit schauen. Dann werde ich begreifen und verstehen, was ich im Hierseits nicht begreifen kann. Dann wird er mich in die ganze Wahrheit einführen.
Und weil ich diese Überzeugung als wahr erkannt habe, darf ich hoffen. Ich darf hoffen, dass er mich voller Liebe anschauen wird. Und vielleicht wird er sagen: Mein geliebtes Kind, Dein ganzes Leben hast Du Dich bemüht und bist doch mit voller Energie in die falsche Richtung gelaufen. Dann aber weiß ich: ER sieht mich in Liebe an. ER sieht meine Bemühung, meine aufrichtige Bemühung um Erkenntnis. Und ER wird mich in seine liebenden Arme schließen.
Liebe Schwestern und Brüder, das ist meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke und mein Licht. Und ich bin überzeugt: Wer als Christ aus dieser Hoffnung heraus lebt und handelt, der lebt voller und tiefer. Das zumindest ist meine Erfahrung und meine Hoffnung.
Wenn wir aus der Gewissheit leben, dass wir nur die vorletzten Wahrheiten kennen können, dann zwingt uns das zum Respekt vor der Meinung des anderen. Nicht in einem gleichgültigen Nebeneinander, sondern in der
Und zugleich lässt mich diese Gewissheit freudig hoffen auf den Tag, an dem ich selbst durch Christus in die ganze Wahrheit eingeführt werde, die alles Verstehen und Erkennen übersteigt.
Ich hoffe auf diesen Tag, liebe Schwestern und Brüder. Ich sehne diesen Tag herbei. Und diese Gewissheit schenkt mir Demut, mein Leben anzunehmen, mich um Erkenntnis zu bemühen und auf den Herrn zu hoffen; wahrhaftig zu hoffen.
Amen.