Muss das so kompliziert sein?

Liebe Gemeinde,

in der Lesung, die wir gerade hörten, wird der junge Samuel gerufen. Er wird dreimal gerufen. Er wird dreimal geweckt. Dreimal weckt er seinen Ziehvater und dreimal bekommt er gesagt: „Ich habe Dich nicht gerufen“.

Samuel muss sich wohl mächtig veräppelt fühlen. Und sein Ziehvater Eli erst recht. Was soll das?
Gott möchte sich Samuel direkt mitteilen und Samuel versteht nicht, von wem er angesprochen wird. Selbst Eli, der ja Priester ist, brauch drei Anläufe, bis er es versteht. Warum ist das alles so wirr? Wenn Gott sich jemanden zeigen will, geht das nicht einfacher?

Diese Frage stelle ich mir auch oft im Alltag: „Geht das nicht einfacher?“ Ich kenne es aus dem Studium oder aus Beziehungen zu anderen Menschen, wenn sich alles im Kreis zu drehen scheint. Wenn sich alles wiederholt, wie in der heutigen Lesung. Dann komme ich immer wieder an den Punkt, wo ich mir denke: „Muss das so kompliziert sein?“

Das sind Momente, in denen ich beginne, zu grübeln. Momente, in denen ich das kleinste Wort meines Gegenübers interpretiere. Momente, in denen ich mir Pläne zurechtlege. Dann will ich mich richtig anstrengen, um der Kompliziertheit standzuhalten.

Ich stelle mir vor wie eifrig Samuel immer wieder zu Eli rennt und immer wieder enttäuscht wird. Warum gelingt es ihm nicht zu verstehen, wer ihn da eigentlich ruft? Hat Gott vielleicht genuschelt oder war die Verbindung einfach schlecht? Hätte Samuel genauer hinhören, sich länger umschauen und schärfer nachdenken müssen, um zu verstehen, wer mit ihm spricht?

Was wäre gewesen, wenn Samuel einfach ins Blaue gerufen hätte: „Rede, Herr“? Wenn er ganz ohne Vorannahmen geantwortet hätte, ohne den Gedanken: „Das ist wahrscheinlich wieder der Eli, der will wieder was von mir.“ Vielleicht hätte Gott, dann geantwortet und Samuel hätte ihn erkannt. Vielleicht wäre es Eli dann erspart geblieben, dreimal mitten in der Nacht geweckt zu werden?

Könnte das nicht eine von diesen Situationen sein, wo man sich an einer Aufgabe aufreibt, nur um dann zu merken: Das wäre auch viel einfacher gegangen? So eine „Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“-Situation? Vielleicht sind auch die Momente, in denen ich denke: „Muss das gerade so kompliziert sein?“, in Wahrheit einfach? Vielleicht lohnt das ganze Grübeln, Interpretieren und Planen sich nicht? Vielleicht mache ich dadurch eine Situation erst komplex und lasse mich durch sie überwältigen?

Und tatsächlich merke ich im Alltag, dass wenn ich zulasse, dass ich eine Entscheidung intuitiv treffe, das Gefühl der Überwältigung nachlässt. Wenn ich sage, was ich gerade auf dem Herzen habe, meine Beziehungen zu Menschen unkomplizierter und fruchtbarer werden. Und ich merke, dass es mir einfacher fällt zu Glauben, wenn ich Vertrauen in Gott habe und keine Vorannahmen treffe.

An dieser Stelle könnte ich schließen und sagen: „Weniger ist mehr.“ Oder: „Seien wir wie die Kinder.“ Die Antwort auf die Frage: „Warum ist das alles so komplex?“, wäre dann „Ist es gar nicht.“ Und tatsächlich wollte ich das auch so machen. Aber es fühlt sich irgendwie nicht richtig an. Irgendwie ist das zu einfach.

Die Welt ist nicht einfach. Sie ist kompliziert. Es gibt keine einfachen Antworten für den Klimawandel, die Ausbeutung und die Ungleichheit, die Kriege in der Ukraine und in Palästina.

Leben ist nicht einfach. Es ist kompliziert. Selbst wenn ich versuche, intuitiv und voller Vertrauen und Liebe in die Welt zu gehen, werde ich oft enttäuscht. Und viele Herausforderungen, die sich im Laufe eines Lebens stellen sind wirklich komplex und nicht nur von mir verkompliziert: Studienwahl, die Gründung einer Familie, Krankheiten, psychische Krankheiten, der Tod.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen, denen es so richtig schlecht geht, ein „Hakuna matata“ oder „Always look on the bright side of life“ nichts bringt. Diese Mantras werden hohl, hören sich nach Spott an und innere Ruhe wirkt dann wie Ignoranz.

Also sollte ich doch alles interpretieren, planen, alles bestmöglich bedenken? Oder ist das wieder dieses Grübeln? Was hätte Samuel machen sollen?

Wenn ich jetzt eine einfache Antwort fände, würde ich mir selbst widersprechen. In der Lesung heißt: „Samuel kannte den Herrn noch nicht.“ Wie hätte er reagieren sollen auf etwas, was er nicht kennt? Samuel ist nicht voreingenommen, wie soll er etwas Unbekanntes annehmen? Samuel ist fehlbar und ich glaube, Samuel hat alles richtig gemacht. Was heiß das für uns?

Vielleicht hilft uns die Akzeptanz unserer Fehlbarkeit, auch die Komplexität dieser Welt zu akzeptieren. Ja, die Welt ist kompliziert und ja, unsere Kräfte sind begrenzt. Aber das ist kein Grund aufzugeben. „Geht das nicht einfacher?“ Ja, oft muss es nicht so kompliziert sein. Wir sollten die Dinge immer so einfach gestalten, so dass wir sie mit unseren begrenzten Kräften bewältigen können. „Muss das so kompliziert sein?“ Ja, oft geht es nicht einfacher. Die Herausforderungen sind groß, aber deswegen ist es auch okay mit unseren begrenzten Kräften zu scheitern und mehrere Anläufe zu brauchen. Wir dürfen nur nicht daran kaputtgehen. Aber wie?

In der Lesung hilft Eli Samuel letztendlich Gott zu erkennen. Ja unsere Kräfte sind begrenzt. Aber wir können einander helfen. Wir können einander Kraft geben. Letztendlich erkennen wir Gott nur durch andere Menschen. Und nur durch andere Menschen hören wir sein Rufen.