„Ich nenne euch nicht
mehr Sklavinnen und Sklaven“

Von der Macht der Worte und der Gefahr einer einzigen Geschichte.

Eine Predigt von Juliane Link zu Apg 10, 25–26.34–35.44–48 und Joh 15, 9–17

Rund um den 17. Mai, dem Tag der Apostelin Junia, predigen Frauen aus ganz Deutschland und setzen ein Zeichen für eine geschlechter-gerechte Kirche. Bei uns predigte Juliane Link zu diesem Anlass inspiriert von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie.

Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

heute predige ich im Rahmen der Predigerinnentage. Das ist eine Initiative der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, die in den Wochen rund um den 17. Mai deutschlandweit dazu aufruft, Frauen in ihren Gemeinden predigen zu lassen. Anlass ist der Festtag der Apostelin Junia, die von Paulus in einem Brief an die Römer erwähnt und als angesehene Apostelin bezeichnet wird. 

Wie aus Junia Junius wurde und dann wieder Junia. Und warum solche Details einen Unterschied machen.

Offenbar war sie eine starke Frau, die den Glauben überzeugend gelebt und vor allem verkündet hat und eine leitende Funktion inne hatte. Heute gehen jedenfalls viele Exeget*innen davon aus, dass sie eine Frau war und in der neuen Einheitsübersetzung ist von ihr als Junia die Rede. Zuvor wurde ihr Name mit „Junius“ übersetzt und so behauptet sie sei ein Mann gewesen. Offenbar taten sich die Herausgeber von Bibelübersetzungen lange Zeit schwer mit der Vorstellung unter den Führungskräften der Urkirche könnte es auch einflussreiche Frauen gegeben haben.

Heute gibt es zwar wieder Frauen, die in der Kirche etwas zu sagen haben, aber wir sind weit weg von einer Kirche, in der weiblich gelesene Personen die gleichen Rechte haben. Und das liegt vor allem daran, dass Macht zwischen Klerikern und Laien weiterhin ungleich verteilt ist. Würde es in unserer Kirche Priesterinnen geben, die ihre Privilegien ebenso wenig zu teilen bereit sind wie die meisten ihrer männlichen Amtskollegen, wäre das keine ausreichende Reform für eine gerechtere und demokratischere Kirche. Aber es würde doch einen Unterschied machen: es würde unsere inneren Bilder davon verändern, wer hier vorne im Altarraum steht und unsere wichtigsten Rituale feiert, Raum bekommt uns Woche für Woche eine Botschaft mitzuteilen, die vielleicht tiefer in unser Herz fällt als Worte die außerhalb dieses besonderen Raums gesprochen werden. 

Dass ich hier heute stehe ist für die KSG nichts Ungewöhnliches. Karen und ich predigen öfter und auch viele von euch haben schon im Rahmen der studentischen Predigtreihe zu uns gesprochen. Ich finde das gut und wichtig und gleichzeitig glaube ich, dass es nicht genug ist. Dass die Veränderung, die die Kirche angehen müsste, viel größer, struktureller und nachhaltiger sein müsste als diese kleine Geste der Beteiligung unterschiedlicher Prediger*innen an unserem Gottesdienst.

Wenn die Vielfalt der Stimmen fehlt, oder: Die Gefahr eines einzigen Dorfpfarrers.

Dennoch bin ich froh über die Vielfalt der Stimmen und Perspektiven, die es in den Predigten in unserem KSG Gottesdienst  gibt. Mir gefallen die unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen, die sprechen und dabei oft auch von sich persönlich erzählen. Ihre unterschiedlichen Deutungen der biblische Texten, die unterschiedlichen Muttersprachen, in denen ihre Gedanken entstehen. Diese Diversität steht im Widerspruch zu dem traditionellen katholischen Gemeindegottesdienst, in dem jeden Sonntag derselbe Pfarrer spricht. Vielleicht seid ihr auch so aufgewachsen wie ich: mit diesem einen Priester in einer kleinen Dorfkirche, der Sonntag für Sonntag ähnliches Sachen sagte – in meinem Fall war es immer ein bisschen weltfremd, ein bisschen naiv und ziemlich viel erhobener moralischer Zeigefinger. Als Kind und Jugendliche dachte ich, das sei normal, außerdem war unser Pfarrer menschlich ganz nett und mit der Theologie kannte er sich eh besser aus als meine Eltern, mit denen ich manchmal noch beim Mittagessen über die seltsamen Ansprachen nachdachte oder lachte, zum Beispiel über die in seiner Predigt lange ausgeführte Vorstellung, der liebe Gott spaziere in der Fastenzeit durch unser Dorf und sähe bei allen Gemeindemitgliedern durchs Wohnzimmerfenster und kontrolliere so, ob sie auch gute Christen seien usw. oder fast wöchentlich wiederholte Schimpftiraden über all jene, die dem Sonntagsgottesdienst fern geblieben seien, aus Faulheit und mangelnder Frömmigkeit usw. 

Als Kind fand ich die Ansichten unseres Pfarrers ein bisschen übertrieben, aber ich dachte, das müsste so sein, ich kannte keine Alternative. Und genau das ist das Problem, wenn nur eine Person in ihrer Gemeinde Predigerin ist, nämlich der Kleriker. Es gibt dann in diesen Gottesdiensten nur eine Sicht auf die Welt, nur eine gültige Interpretation der Lesungstexte, es ist dieselbe Stimme, die auch die Gebete formuliert und mit ihren Worten und Gesten den Gottesdienst dominiert. Hätte ich nicht irgendwann das Dorf meiner Kindheit verlassen und Menschen getroffen, die anders über Gott gesprochen und mir auf eine Weise von ihrem Glauben erzählt haben, die mich berührt hat und meiner Suche nach Gott eine Richtung gab, dann hätte ich wahrscheinlich irgendwann das Interesse an meinem Glauben verloren.

Jesus predigte gegen die Einseitigkeit und für mehr Augenhöhe.

Sicher gibt es auch Priester, denen man stundenlang zuhören kann und auf deren Predigt man sich jede Woche freut. Aber auch sie haben ihre Lieblingsthemen und lassen anderes unter den Tisch fallen, auch sie sind begrenzt in ihren Möglichkeiten andere Perspektiven einzunehmen, auch ihre Gottesdienste werden einseitig, wenn sie sich selbst in den Mittelpunkt stellen. Eine Predigt ist ohnehin eine sehr autoritäre Angelegenheit. Eine Person spricht, die anderen hören zu. Es gibt keine Möglichkeit Fragen zu stellen, Einwände zu formulieren, in einen Dialog zu treten. Deshalb freue ich mich immer, wenn sich nach der Predigt noch Gespräche über das Thema ergeben, wenn ihr noch Feedback gebt und es dürfte ruhig auch häufiger eine Kritik oder Infragestellung sein oder einfach eure Sicht auf die Dinge. Sie ist nicht weniger wichtig als meine, auch wenn ich jetzt hier spreche und ihr nicht. Und schon durch dieses Ungleichgewicht entsteht der Eindruck, ich hätte mehr zu sagen als ihr. Im heutigen Evangelium räumt Jesus auf mit solchen Asymmetrien zwischen ihm als spirituellem Meister und denen, die ihm zuhören und nachfolgen. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte“ sagt Jesus zu ihnen, folgt man der Einheitsübersetzung – oder in der Bibel in gerechter Sprache wird die gleiche Aussage übersetzt mit:

„Ich nenne euch nicht mehr °Sklavinnen und Sklaven“

Und dann begründet Jesus, warum er das nicht mehr macht:

denn eine Sklavin weiß nicht, wie ihre °Gebieterin handelt

und ein Sklave kennt das Vorhaben seines Herrn nicht.

Euch aber habe ich Freundinnen und Freunde genannt,

denn ich habe euch alles,

was ich von °Gott, meinem Ursprung, gehört habe, mitgeteilt.

Jesus nennt seine Jünger*innen seine Freund*innen. Er teilt sein Wissen, er macht seine Absichten transparent, er will seinen Freund*innen auf Augenhöhe begegnen, er gibt seine Überlegenheit auf, sein Herrschaftswissen, er wendet sich gegen die übliche autoritäre Art zu sprechen, gegen die patriarchale Sprache, die die Angesprochenen zu Untergebenen macht. Das einzige was er als spiritueller Lehrer noch gebietet, ist, dass sich seine Freund*innen gegenseitig lieben sollen. Sie sollen nicht ihn lieben und bewundern, sondern sich gegenseitig. Sie sollen in einen gleichberechtigten Austausch treten. 

Gott ist nicht parteilich und betont nicht die Unterschiede. Und wir alle sind begabt unsere Geschichte mit Gott zu erzählen.

Das ist das Menschenbild Jesu. Und ganz Ähnliches vermittelt sich auch in der heutigen Lesung, in der Petrus begreift, dass Gott nicht parteilich ist. Dass seine Geistkraft nicht ganz bestimmten Leuten vorbehalten ist, sondern jedem Menschen zugänglich ist, egal welche Herkunft, Religionszugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung die Identität dieser Person prägen. 

Gott macht keinen Unterschied. 

Ich glaube, dass Gott die Vielfalt liebt und dass wir alle begabt und berufen sind, auf unsere Weise von ihm zu sprechen. Nicht jeder und jede muss predigen. Für manche ist das vielleicht nichts, jedenfalls nicht hier in diesem Setting in einer großen Kirche an einem Mikrofon zu stehen. Aber jede und jeder von uns hat eine Geschichte mit Gott. Und all diese Geschichten sind wertvoll. Und manche werden vielleicht ganz still erzählt, einfach indem ein Mensch etwas Besonderes ausstrahlt oder etwas tut, das uns beeindruckt oder inspiriert, ohne dass er oder sie darüber viele Worte verliert. 

Aber es braucht auch Menschen, die ihre Stimme erheben, um ihre Geschichte zu erzählen. Und damit eine Geschichte, die anderes ist als alle anderen, eine Geschichte, die noch nicht erzählt wurde und die sich behauptet gegen eine dominante Perspektive so wie ich sie als Kind immer wieder ähnliche Geschichten von demselben Priester gehört habe. 

Die Gefahr einer einzigen Geschichte.

Vor kurzem habe ich einen Text von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie gelesen, der davon erzählt, was geschieht, wenn in einer Gesellschaft – und ich glaube, das können wir auf die Kirche übertragen – nur eine Geschichte erzählt wird. Ihr Text heißt: „Die Gefahr einer einzigen Geschichte.“ Ich möchte euch einen Ausschnitt daraus vorlesen.

Der Textausschnitt kann an dieser Stelle leider nicht wiedergegeben werden. Eine Lesung des ganzen Textes findet sich unter folgendem Link:

bei YouTube ansehen

Vom patriarchalen Sprechen zur Sprache des Himmels.

Es ist diese Macht, die sich in unserer Kirche Kleriker genommen haben, die glauben, sie seien die einzigen, die predigen können. Menschen, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, ihre Perspektive sei die einzig richtige, ihr Sprechen über Gott habe Vorrang, ihre Ansicht sei die wichtigere. Aber das stimmt nicht. Gott ist nicht parteilich und Jesus will uns nicht zu Sklaven und Sklavinnen spiritueller Autoritäten machen. Vielmehr haben wir alle eine Stimme bekommen und dürfen sprechen so wie die Menschen in der heutigen Lesung, die – obwohl sie scheinbar nicht zu den erwählten gehören – von der Geistkraft beseelt werden und in der Sprache des Himmels stammeln. Unsere Geschichten und Sichtweisen sind wichtig, denn sie relativieren die Narrative, die in der Kirche zu oft und zu einseitig erzählt wurden und fügen ihr neue Geschichten und andere Perspektiven hinzu. 

Gott ist nicht parteilich und betont nicht die Unterschiede. 

Jesus will uns nicht klein halten und nennt uns nicht mehr Sklav*innen. Er betont das Verbindende: seine Liebe, das Gebot, das für alle gilt: Liebt einander wie ich euch geliebt habe.

Und die Geistkraft? Sie hat in der Bibel keine Stimme. Sie spricht nicht mit Worten zu uns. Aber sie tut das Entscheidende: sie kommt auf alle herab und verleiht uns die Fähigkeit zu sprechen. Nicht in der Sprache des Patriacharts, sondern in der Sprache des Himmels. 

Juliane Link