ROT – eine Frauengeschichte voller Geist und Liebe
Predigtreihe: „Colors of Hope – Hoffnung im Advent“
Predigt am 4. Advent, Lesejahr C, 22. Dezember 2024, KSG Edith Stein Berlin
© Prof Dr. Ulrich Engel OP, Berlin
Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,
„Liebe ist rot“ – so hatte ich meine Predigt zu den „Colors of Faith“ beim Semestereröffnung im Oktober begonnen: Liebe ist rot. Warum eigentlich? Zwei Antworten will ich versuchen (im Wissen darum, dass es noch viele weitere gäbe):
- Kulturanthropologisch ist die Farbe Rot mit dem Herzen verbunden, dem Zentrum von Liebe und Leidenschaft. Das Herz wird häufig leuchtend rot dargestellt, und diese Verbindung hat dazu beigetragen, dass Rot zu einem kraftvollen Symbol der Liebe geworden ist. Hinter der Symbolik stehen Erfahrungen: uns kann das Blut zu Kopf steigen, man wird rot, weil man sich schämt, weil man zornig ist oder aufgeregt oder vor Verlegenheit. Oder ich werde rot, weil ich verliebt bin.1
- Im Christentum ist die Symbolverbindung anders konstruiert. Hier steht das Rot zuerst für den Heiligen Geist. Aber auch die Geistkraft hat mit der Liebe zu tun. Denn die flammendrote Herabkunft des Geistes verheißt nicht weniger als die pfingstliche Umformung der Welt in allumfassende Liebe. Dementsprechend wird die rû aḥ ( ַרוּח), die Heilige Geistin, auch als das Band der Liebe bezeichnet, das Menschen und Gott und Menschen und Menschen eint: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 5,13)
Liebe Gemeinde,
von diesen beiden Aspekten der Farbe Rot erzählt auch die heutige Perikope aus dem Lukasevangelium. Es ist die alte und altbekannte Geschichte von der „Heimsuchung Mariens“. So nannte die Kirche die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth früher.2
Ich vermute, dass vielen von uns der Text wohlvertraut ist. Unzählige Male ist das Geschehen in der Bildenden Kunst dargestellt worden. Und weil die Evangelienperikope so bekannt und ikonisch omnipräsent ist, lohnt es sich, noch einmal genauer hinzuschauen.
Erzählt wird uns von Lukas eine Frauengeschichte.2 Elisabeth und Maria begegnen sich. Sie sind miteinander verwand. Elisabeth wohnt in Bethanien, Maria in Nazareth. „Der etwa 120 km lange Weg durchs Gebirge ist Maria vertraut, geht sie ihn doch mindestens einmal jährlich bis nach Jerusalem. Bethanien liegt 7 km von der Hauptstadt entfernt.“3
Die eine der beiden ist alt mit weißen Haaren und faltigem Gesicht, die andere ein Teenager. Zwei Frauen, die das Schlimmste kennen gelernt haben. Elisabeth ist kinderlos geblieben – so ungefähr das Allerschlimmste, was einer Frau passieren konnte, damals. Außerst peinlich vor den Nachbarn. Da konnte man rot werden. Und das andere Allerschlimmste, was Frauen passieren konnte, war ein uneheliches Kind zu bekommen – wie Maria. Ebenfalls zutiefst beschämend damals. Wer da nicht rot wurde, wenn Nachbar*innen sich das Maul zerrissen …
So weit, so schlimm. Und doch sagt ein Engel beiden Frauen zu: Das Allerschlimmste muss nicht das Allerschlimmste bleiben. „Denn für Gott ist nichts unmöglich.“ (Lk 1,37) Elisabeth ist bereits im sechsten Monat schwanger. Und Maria, ebenfalls in Umständen, weiß sich trotz des fehlenden biologischen Vaters selig gepriesen (vgl. Lk 1,48b).
Liebe Zuhörer:innen,
im Hintergrund der Evangelienszene ist für einen Menschen der damaligen Zeit aber noch mehr zu sehen. Denn man war zumeist gut vertraut mit den alten biblischen Schriften, den Texten der hebräischen Bibel, die wir als das „Erste“ oder „Alte Testament“ bezeichnen.
Hinter Elisabeth und Maria konnten die Menschen damals noch andere Frauen sehen:
Frauen, die ganz ähnliche schlimme Erfahrungen durchmachen mussten, Frauen aus der Geschichte Gottes mit seinen Menschen, denen ebenfalls Schlimmes und Wunderbares widerfahren war. Sie alle treten im Hintergrund der Begegnung zwischen Elisabeth und Maria aus dem Schatten der Vergangenheit hervor:
- „Sara ist da, Abrahams Frau. Auch sie hat noch ein Kind bekommen zur Unzeit, nach endlosen Jahren ohne Hoffnung. Weiße Haare, ein faltiges Gesicht und ein schwangerer Bauch.3
- Hanna ist da, auch sie lange kinderlos, mit ihren Tränen und inständigen Gebeten und dem Gesicht voller Schamesröte und Schmerz, die Mutter des Propheten Samuel.
- Und ebenfalls Ruth und Naomi sind da, die junge Frau und die alte, nach Israel gekommen als Asylantinnen ohne eine Zukunft und später durch ein Kind eingeschrieben in den Stammbaum des großen Königs David.“4
So kann es zugehen bei Gott. Unmöglich ist da nichts. Das wissen Elisabeth und Maria, als sie sich begrüßen, die alte und die junge Frau.
Und alle diese Frauen – die aus dem Vordergrund und die im Hintergrund – alle sind eingeschrieben in das Lied, das Maria nach dieser Begegnung anstimmt. Maria singt es allein. Aber eigentlich ist es ein Chor. Der Chor all der Frauen, die Schlimmes und Allerschlimmstes erleiden mussten und denen Wunderbares zuteil wurde. Und dieser All-Women-Choir singt: „Unsere Seele preist die Größe des Herrn / und unser Geist jubelt über Gott, unseren Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Mägde hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen uns selig alle Geschlechter.“5
Liebe Schwestern und Brüder,
hier ist die Farbe Rot wieder da, wenn Maria und mit ihr der doppeltestamentliche geschichtsübergreifende Frauenchor jubelnd ihren „Geist“ besingen: „und unser Geist jubelt über Gott, unseren Retter“.
Und von der Geistin, griechisch: πνεῦ μα, lateinisch: spiritus, von der hier die Rede ist, heißt es fünf Verse zuvor, dass es Heiliger Geist ist, der die Frauen erfüllt (vgl. Lk 1,41c). Der Geist Gottes ist vor allem in die verliebt, denen Schlimmes und Allerschlimmstes zugestoßen ist und auch heute zustößt. Ihnen sagt die göttliche Geistkraft zu: Das Allerschlimmste wird nicht das Allerschlimmste bleiben. Denn für Gott ist nichts unmöglich.
Dass es wirklich so ist, das hoffe ich.
1 Vgl. Eva Heller, Wie Farben wirken, Reinbek bei Hamburg 2008, 53.
2 Zum Folgenden vgl. Kathrin Oxen, Angesehen. Predigt zu Lukas 1,26–38(39–45), unter: https://predigten.evangelisch.de/predigt/angesehen-predigt-zu-lukas-139-47-von-kathrin-oxen [Aufruf: 17.12.2024].
3 Herta Handschin OP, Maria besucht Elisabeth daheim [02.02.2017], unter: https://www.klosterilanz.ch/de/wortwoechentlich/archiv/maria-besucht-elisabeth/ [Aufruf: 17.12.2024].
4 Oxen, Angesehen.
5 Lk 1,46b–48. Gegen den Wortlaut des Originals und der EU/2016 ist das Zitat hier in den Plural gesetzt.

