Gelb/blau – rot/grün – Goethes „Farbenlehre“ und der Jubel- Prophet Zefanja

Predigt von P. Thomas Eggensperger (OP) am 15.12.2024 in der KSG Berlin


„Wäre nicht dein Auge sonnenhaft,
wie könnt‘ es je die Sonn‘ erblicken?
Wes’te nicht in uns die eigene Gotteskraft,
Wie könnt‘ uns Göttliches entzücken?“

Liebe Schwestern und Brüder,
mit diesem etwas für heutige Verhältnisse seltsamen Spruch möchte ich meine Predigt beginnen.
Die Zeilen stammen von Johann Wolfgang von Goethe, dem deutschen Nationalheiligen der Literatur und Wissenschaft.
Der Text ist fast so pathetisch wie das Jubellied des Propheten Zefanja, das wir gerade gehört haben:

„Juble Tochter Zion! Jauchze Israel!
Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem“
(Zef 3, 14)

Die Anlässe können unterschiedlicher nicht sein.
Zefanja, der Prophet, der in der Heiligen Schrift seitenweise Unheil und Untergang ankündigt, beginnt in unserem 3. Kapitel mit einem Jubellied. Ich habe nur die ersten Zeilen zitiert, aber es ist ein Lied der Freude, dass der Herr mit dem Volk ist.

 

Goethes Verse stehen in einem ganz anderen Zusammenhang. Er hat eine große Studie verfasst über die Farbenlehre. Es hat sich auseinandergesetzt mit den Farben, die der Mensch sieht und mit den Farben, die etwas ausdrücken und damit den Menschen auch beeinflussen.
Und diese Zeilen zu Beginn meiner Predigt sind die ersten Worte in seiner Schrift „Über physiologische Farbenerscheinungen“ (1805). Da Farben gesehen werden, ist das Auge eben ein wichtiges Organ, das es zu berücksichtigen gilt. Was Goethe in seiner Theorie erkannt hat und uns präsentiert, dass ist die Bedeutung von Farben.

Und weil wir das auch wissen, beschäftigen wir uns in dieser Predigtreihe mit den Farben.
Goethe ist ehrlich genug, uns darüber zu informieren, dass er den Text nicht alleine erfunden hat, sondern dass er zurückgeht auf den antiken Philosophen Plotin. Beide – Goethe und Plotin – halten es für wichtig, sich mit der Farbtheorie zu beschäftigen, wobei es ihnen nicht so sehr um die Physiologie geht, sondern vielmehr um die innere Welt des Menschen.
Die innere Welt – ein geheimnisvoller Ort des Schauens, Fühlens, Erkennens und Verstehens.
Ein innerliches Vermögen, das eng verbunden ist mit Religion. Das Herz gilt – schon bei den alten Ägyptern, aber auch bei den Autoren der Hl. Schrift – als innerliche Mitte des Menschen.
Die Griechen dann werden nicht das Herz, sondern den Geist zur Mitte des Menschen machen.
Auch gut – wir heute denken an beides, wenn es um das Innere des Menschen geht – sowohl das Herz als auch der Verstand spielen ihre Rolle.
Und Goethe bringt jetzt Farbe ins Spiel.
Warum beschäftigt sich ein Geisteswissenschaftler und Literat, wie Goethe es war, mit der Theorie von Farben? Genau aus diesem Grund wie es Plotin getan hat – es ging Goethe am Ende um die sinnlich erfahrbaren Erscheinungen des Lebens. Die Farben an sich sind nicht nur Farben, sondern sie drücken etwas aus und sie beeinflussen das menschliche Leben, den menschlichen Geist, das Innere des Menschen.
In seinem voluminösen Werk der Farbenlehre – es ist fast 600 Seiten dick – beschäftigt sich Goethe ausführlich mit der Theorie – er befasst sich mit der Beschaffenheit des menschlichen Auges, mit den Folgen von Hell und Dunkel, mit den Farbschattierungen. Darauf möchte ich in dieser Predigt nicht weiter eingehen.
Aber er spielt mit dem Wechselverhältnis von Wirklichkeit, von Realität, einerseits und der Erscheinung, der Idee andererseits. Denn beides gehört zusammen.
Er schreibt:
„Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß ich’s Wahrheit. Und so kann Jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.“
Also: Jeder von uns hat seine Vorstellung von Wirklichkeit, seinen Blick auf Farben. Und dennoch – auch wenn jeder ganz unterschiedliche Vorstellungen hat, jeder seine Interpretation dessen hat, was er für Wirklichkeit hält – am Ende ist die Wirklichkeit immer die Gleiche für alle von uns.
Das gilt auch für die Farbe, das Farbspektrum von hell und dunkel, von gelb und blau, von rot und grün. Helligkeit und Dunkelheit gehen ineinander über, auch Farben: Wenn man sie mischt, verändern sie sich – rot wird zu orange, orange zu grün, grün zu blau und blau zu rot etc.
Goethe versucht sogar zu zeigen, wie die einzelnen Farben auf das menschliche Gemüt einwirken.
Licht erfreut die Seele, Dunkelheit macht traurig. Weiß ist die Farbe der Freude, gelb ist die Farbe des Lichtes, rotgelb wirkt aufmunternd usw.

Und so schreibt Goethe in einem Brief über seine Farbentheorie:
„Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.“

Und da haben wir es wieder: Die Freude und das Jauchzen, so wie wir es beim Propheten Zefanja gehört haben:

„Juble Tochter Zion! Jauchze Israel!
Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem“

Sowohl Goethe als auch Zefanja stellen die Sinnfrage – die Frage nach dem Sinn des Lebens des Menschen.
Goethe geht es um die Lebensfreude, Zefanja geht es um die Befreiung/Erlösung.

Eine wirklich farbenfrohe Denkweise, die beide an den Tag legen und die uns helfen, die Freude am Leben zu gewinnen.

Amen!


Literatur:

Annette Haußmann / Peter Schüz, Zur Einführung. Die (Wieder-)Entdeckung der Welt, in: Diess. (Hrsg.), Die Entdeckung der inneren Welt. Religion und Psychologie in theologischer Perspektive, Tübingen 2021, 1-10.

Philippe Laügt, Der Prophet Zephanja, in: https://www.bibelkommentare.de/get/cmt.360.pdf

Wolfgang Peter, Goethes Farbenlehre. Eine Einführung, in: https://anthrowiki.at/images/c/cd/Goethes_Farbenlehre.pdf