Blinder Fleck
Gedanken von Sarah Delere
zur Lesung 1 Kön 17, 10–16 und dem Evanglium Mk 12, 38-44
Schriftgelehrte mit edlen Anzügen und wichtigen Titeln setzen sich in die erste Reihe und werden da manchmal auch sehr gerne gesehen: Nun gut, Schulterzucken, in einer Hochschulgemeinde dürfen viele von uns mit dem Uni-Kontext vertraut sein und Kritik daran ist ja irgendwie auch leicht. Wir stecken zwar drin, aber ohne Prof. Dr. und erste Reihe fühlt man sich vielleicht nicht so getroffen von Jesu Warnung. Anderen Demut zu verordnen ist immer leicht.
So weit, so oberflächlich. Mir scheint, dass die Lesungen des heutigen Tages uns eine andere Aufgabe stellen. Denn sowohl das erste Königebuch wie auch das Markus-Evangelium haben zwei Witwen als Protagonistinnen. Diese beiden Witwen möchte ich heute in den Blick nehmen. Dazu braucht es zunächst einige Hinweise zu Witwen und Schriftgelehrten.
Witwen
Witwen sind ähnlich wie heute auch in der Bibel keine homogene Gruppe. Wir kennen einige reiche Witwen, die abgesichert waren und deren Lebenssituation vermutlich die der persischen Oberschicht widergespielt haben dürfte. Vor allem aber begegnet uns wie in unserem heutigen Text das Stereotyp der armen Witwe. Es ist ein Klischee, aber eines mit realistischem Hintergrund: Witwen hatten zu den Entstehungszeiten unserer Texte keinen rechtlichen Schutz und waren arm mit Blick auf ihre materielle Situation und ihre Partizipationsmöglichkeiten. Diese Situation dürfte sich dann noch einmal verschärft haben, durch die Dürre, die uns im Königebuch geschildert wird. Mehr Krise geht kaum.
Schriftgelehrte und Opfer
In was für einem Kontrast werden die Schriftgelehrten dargestellt, denen die klare Warnung Jesu gilt. Bei aller literarischen Polemik und Überzeichnung, gibt es auch hier einen historischen Kern. Schriftgelehrte waren der Schrift und der Auslegung kundig. Sie hatten studiert, in gewisser Form also das religiöse Deutungsmonopol. Das machte sie angesehen und reich. Sie verfügten über finanzielle Sicherheit, die sie zum Teil sogar noch als vermeintliche Rechtsbeistände der nicht abgesicherten Witwen aufbesserten („Sie fraßen ihre Häuser auf“). Diese Schriftgelehrten – nicht alle – saßen nach einigen Schilderungen auf eigenen, hervorgehobenen Stühlen und nicht beim Volk und beteten demonstrativ lange. Die soziale Not der Armen nutzten sie entgegen den jüdischen Geboten trotzdem aus.
Dabei geben uns der historische Kontext und der Blick in den Text auch gleich zwei Leitplanken mit:
- In den Auseinandersetzungen Jesu sind Schriftgelehrte nicht per se schlecht. Es gibt einige, denen er attestiert nahe am Reich Gottes zu sein. Ziel ist also keine Verdammung der jüdischen Gebote und keine Wissenschaftsfeindlichkeit – das muss die theologische Doktorandin auch hoffen…
- Diese armen Witwen sind keine Romantisierung von Armut! Weder intellektuell noch materiell.
Machtproduktion / Herrschaftskritik
Mir scheint, dass der gerade aufgezeigte sozialgeschichtliche Hintergrund uns in eine andere Richtung weist. Diese Spur führt zu Produktion von Machtverhältnissen und Herrschaftskritik.
Die zwei Witwen sind namenlos. Wie so viele Menschen am Rande heute noch. Dennoch werden sie zu den zentralen Akteurinnen (nicht Empfängerinnen!) von Gottes Botschaft. Man kann mit Elija hadern, ob er gerade von einer armen Frau noch einmal das letzte Brot vor ihrem Tod fordern musste. Ob das nicht anmaßend ist. Aber so paradox es klingen mag: die Herrschaftskritik, sieht man auch daran, dass Elija nicht nur die Witwe in ihrer Entscheidung bestätigt (es gibt dann ja Essen). Sondern auch sie auch ihn. Sie, die Witwe, bestätigt Elija. Elija braucht die Hilfe Gottes und die der Witwe, um die Hungersnot zu überleben. Wie der Vers vor unserem Text erzählt, schickt Gott Elija deswegen nach Sarepta zu einer Witwe. Diese
Witwe ist eigentlich diejenige, die auf die Hilfe anderer angewiesen ist und dennoch bleibt sie in ihrer eigenen Not offen für die Not eines anderen.
Elija gibt ihr dieses „Fürchte dich nicht“ und die Zusage von Essen – und sie vertraut dem. Obwohl es sich aus ihrer Sicht um einen Ausländer und einen ausländischen Gott handelt. Ihre Entscheidung, ihr Gang in ein existenzielles Risiko lassen den Plan Gottes aufgehen, den Propheten Elija nicht verhungern zu lassen. So bezeugt sie, die arme Frau in der Fremde, den Gott Elijas. Sie leiht ihm ihr Handeln.
Ähnlich ist es bei der zweiten Witwe im Markus-Evangelium. Sie, die im Gegensatz zu den Schriftgelehrten über keine formal-abstrakte Bildung und kein gesellschaftliches Ansehen verfügt, wird zum Vorbild. Auch hier kann man fragen, ob es sein muss, dass sie mehr gibt als notwendig war (das stellt der Text interessanterweise nicht in Frage). Wie dem auch sei – die arme Witwe opfert. Vermutlich nennt sie ihren vermeintlich kleinen Betrag dem Priester und er erfährt durch die Worte Jesu eine neue Bedeutung. Ihr Setzen ihres Lebensunterhaltes, ihrer Existenzgrundlage erfährt die Bestätigung – im Gegensatz zum langen Beten der Gelehrten.
Aber was würde Jesus sehen, wenn er heute in den Vor- und Innenhöfen unserer Tempel wanderte und in die Schatzkammern schaute? Sie, die stumme Namenlose, regt uns zur Frage an, wo Menschen am Rande unserer Gesellschaft Gott in einer Weise bezeugen und zur Sprache bringen, für die wir taub geworden sind. Weil
- wir unsere eigene Machtstellung in Kirche gar nicht mehr sehen – auch wenn auch hier nicht alle gleich sind
- wir in globalen und finanziellen Ungleichheiten leben
- wir uns auch ohne Prof. Dr. an unsere Privilegien als Akademikerinnen gewöhnt haben
- wir uns an eine Sprache halten, die Bilder und theologische Sprache von Gott alleinig vorgibt und nicht an der Erfahrungswelt von Menschen ansetzt. Und so auch Gott wenig zutrauen.
Ich will und werde da niemandem etwas vorgeben, aber ich vermute jeder von uns wird da irgendwo bei einem blinden Fleck fündig. Seit Markus Zeiten drohen Arme in unseren Kirchen an den Rand gedrängt zu werden. Ohne sie als vermeintlich gleichförmige Gruppe zu sehen, aber wären Sie präsent wie alle anderen, würde sich vielleicht etwas verschieben oder verändern. Nicht weil die Aufgabe von Betroffenen ist, andere auf ihre Privilegien hinzuweisen, sondern weil Lebensumstände eben prägen. Manche Rede und manche Handlung würden vielleicht irritieren wie diese Texte heute. Vielleicht würden wir uns sogar ertappt oder angegriffen fühlen. Wie alles sollten wir sie prüfen. Aber prüfen – nicht abtun. Das Gute ist schließlich, dass derartige Kontexte nie unabänderlich sind. Nicht an Universitäten und nicht in Kirchen. Gerechtigkeit erfordert das Nutzen unserer jeweiligen Handlungsmacht, dann dürfen auch wir auf Bestätigung hoffen. So wie die beiden Witwen, die ihre Handlungsmacht aktiv genutzt haben.
Literatur:
- Gnilka, J. (1989) Das Evangelium nach Markus, Mk 8,27-16,20. 3. durchgesehene Aufl. Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 2/2. Zürich: Benziger; Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, S. 173-178.
- Häusl, M. & König, H. (2016) ‚Eine Handvoll Mehl im Topf – Armut und Geschlecht in der Bibel und in antiken christlichen Quellen‘, in Häusl, M., Horlacher, S., Koch, S., Loster-Schneider, G. & Schötz, S. (eds) Armut. Gender-Perspek ven ihrer Bewältigung in Geschichte und Gegenwart, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 99-136. ISBN 978-3-96023-040-3
- Schüssler Fiorenza, E. (1988) Zu ihrem Gedächtnis. Gütersloh, pp. 166 ff.
- Thiel, W. (2019) 1. Könige 17,1-22,54. Biblischer Kommentar: Altes Testament, Bd. 9/2. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 16-62.
- Fischer, I. (2008) Frauen in der Literatur (AT). Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet abrufbar unter http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/42334/ S. 1-37.

