Lazarus: Ein Ruf ins Leben
Es gilt das am 22. März 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
wer von uns kennt das nicht: Das Gefühl, festzustecken. Ich saß – wie einige wissen – in Indien fest, weil kriegsbedingt meine Rückflüge gestrichen wurden. Wir alle kennen den Druck, in einer Welt voller Krisen – Klima, Kriege, soziale Ungerechtigkeit – irgendwie „funktionieren“ zu müssen. Vielleicht steckt ihr auch in einer Hausarbeit fest, die seit Wochen unvollendet auf dem Desktop liegt.
Das sind Momente, in denen sich das Leben nicht nach Weite anfühlt, sondern nach einer engen Kiste. Nach einem Tunnel ohne Licht. Nach einem Grab.
Im Evangelium hörten wir gerade eine Geschichte, die oft als reines „Wunder-Spektakel“ missverstanden wird. Jesus erweckt Lazarus von den Toten.
Aber wenn wir genauer hinschauen, besonders durch die Brille unserer heutigen Zeit und unserer allzu menschlichen Sehnsucht nach einer befreienden Spiritualität, dann entdecken wir darin etwas viel Größeres:
Wir entdecken die unendliche Weite der Liebe Gottes, die keine Mauern, keine Grabsteine und keine gesellschaftlichen Erwartungen akzeptiert.
Die Geschichte beginnt mit einer tiefen Enttäuschung. Martha und Maria, die Schwestern des Lazarus, schicken nach Jesus. Ihr Bruder liegt im Sterben. Und was macht Jesus? Er wartet. Er lässt sich Zeit. Er prokrastiniert. Als er endlich ankommt, ist Lazarus seit vier Tagen tot. Martha begegnet ihm mit einem Satz, den wir vielleicht alle schon einmal leise in Richtung Himmel geschrien haben: „Herr, wärst du hier gewesen.“
Das ist die ehrliche Klage des Menschen. Wo bist du, Gott, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Wo bist du, wenn die Einsamkeit im Wohnheimzimmer zu groß wird? Wo bist du, Gott, wenn die Prüfungen schiefgehen?
Marthas Vorwurf ist zutiefst menschlich. Und Jesus? Er reagiert nicht mit einer theologischen Vorlesung über die Notwendigkeit des Leidens, wie fromme Kirche das gerne tut. Er reagiert nicht mit dogmatischen Sätzen. Er reagiert mit seiner Präsenz.
An dieser Stelle zeigt sich die erste Dimension der unendlichen Weite der Liebe Gottes: Sie ist eine Liebe, die mitgeht.
Johannesevangelium, Kapitel 11, Vers 35: „Da weinte Jesus.“
Der Gott, an den wir glauben, ist kein unbewegter Beweger, kein distanzierter Herr, kein strenger Prof, der von oben herab Noten verteilt.
Er ist ein Gott, der mit uns im Dreck sitzt, der den Schmerz über die Gewalt in der Welt, ja sogar die Enge des Todes teilt. Diese Tränen Jesu sind das Siegel einer Liebe, die sich nicht zu fein ist für unsere menschliche Zerbrechlichkeit. Das ist progressiver Glaube: Gott findet nicht nur im Opfer oder im Weihrauch statt, sondern in der Solidarität mit den Weinenden.
Doch Jesus, wäre nicht unser Jesus bliebe er beim Weinen stehen. Jesus geht zum Grab. Er befiehlt: „Nehmt den Stein weg!“
Und hier beginnt die Provokation der Weite.
Martha zögert noch – sie sorgt sich um den Geruch, um die Realität des Verfalls. Sie will das Grab lieber geschlossen halten, weil man sich mit dem Tod arrangiert hat.
Wie oft halten wir unsere eigenen Gräber geschlossen? Wir verstecken unsere Ängste, unsere Zweifel, unsere „unperfekten“ Seiten hinter schweren Steinen aus Scham oder Anpassung. Wie oft reden wir unseren Anteil heraus, flüchten in Eskapismus?
Die Liebe Gottes aber ist grenzenlos. Sie ruft mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Das ist kein Befehl zur bloßen biologischen Wiederbelebung. Es ist auch kein effekthaschender Populismus.
Es ist der Ruf in die Freiheit! Es ist der Ruf Gottes an jede und jeden von uns: Komm heraus aus deiner Angst! Komm heraus aus dem Zwang, dich ständig optimieren zu müssen! Komm heraus aus der Grabesruhe deiner Gleichgültigkeit! Lebe für dich und für andere!
Die unendliche Weite der Liebe Gottes bedeutet, dass es keinen Ort gibt – nicht einmal den Tod oder das totale Scheitern –, an dem Gott nicht schon auf uns wartet, um uns zurück ins Leben zu rufen. Hier klingt auch die Ezechiel-Lesung nach.
An diesem Sonntag schwingt sie sich ein: Die radikale Botschaft unserer Tradition: Das Leben hat das letzte Wort, nicht das Grab.
Und dann folgt ein Satz Jesu, der besonders uns als Gemeinschaft, als Studierendengemeinde, gilt. Als Lazarus herauskommt, noch gebunden an Händen und Füßen mit Leinenbinden, da sagt Jesus zu den Umstehenden: „Löst ihm die Binden und lasst ihn gehen!“
Hier wird Glaube politisch und praktisch. Jesus tut das Wunder, aber wir Menschen müssen die Binden lösen. Wir sind gerufen, einander die Binden zu lösen. Die Binden des Leistungsdrucks, der Vorurteile, der Diskriminierung. Die Fesseln der Angst und Unsicherheit.
In einer Kirche, die oft selbst wie ein Grab wirkt, eng und verstaubt, ist dies unser Auftrag: Die Weite der Liebe Gottes dadurch sichtbar zu machen, dass wir Räume der Freiheit schaffen. Dass wir einander helfen, die Fesseln abzustreifen, die uns klein halten.
Liebe Freunde,
die unendliche Weite der Liebe Gottes ist kein abstraktes Konzept oder schönes Blabla-Kirchensprech. Die unendliche Weite der Liebe Gottes ist eine Kraft, die uns heute und hier begegnet. Sie fordert uns heraus, die Steine wegzuwälzen – bei uns selbst und in der Gesellschaft. Sie ermutigt uns, auch dann noch auf die Weite zu hoffen, wenn wir nur die Enge sehen.
Wenn ihr heute aus dieser Kirche geht, nehmt diesen Ruf mit:
Ihr seid nicht für das Grab bestimmt. Ihr seid weder die Summe eurer Fehler noch die Abbilder eurer Ängste und schon gar nicht das Sammelalbum für Credit Points.
Ihr seid geisterfüllte Wesen einer unendlichen Liebe, die keine Grenzen kennt.
Gott ist die Weite, in der wir atmen. Gott ist die Liebe, die uns ruft. Gott ist die Kraft, die uns die Binden lösen will, damit wir endlich gehen können – frei, aufrecht und voller Hoffnung.
Amen.

