Segen – Gott berührt dich!

Liebe Schwestern und Brüder,

Das Evangelium vom Barmherzigen Samariter, das wir heute gehört haben, ist DAS Evangelium schlchthin, um den Kern des christlichen Ethos klarzumachen! Die Priester und Leviten, die wegschauen und den Menschen halbtot auf der Straße liegen lassen beschämen bis heute all diejenigen die vorgeben, fromm zu sein und Gottes Wille zu tun, aber völlig versagen, wenn es um konkretes Leid geht! Und der, der es richtig macht, ist ein Samariter, einer, der in der damaligen Gesellschaft nicht „dazugehört“ und auf den „normale Leute“ herabschauen.

Was bedeutet dieses Gleichnis heute für unsern Großstadt-Jungle?Ich kann nur sagen: Es ist nicht so einfach! Ich stehe auch nicht immer auf „richtigen Seite“ – so wie der Barmherzige Samariter – was mir das Recht gäbe, mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die  wie die Priester und Leviten im Gleichnis die Nase rümpfen und wegschauen!

Ich könnte aus dem Stand einige Situationen berichten, wo ich das Gefühl habe, menschlich falsch gehandelt habe. Ganz konkret erst letzte Woche: Ein farbiger Mensch lief vor unserer KSG vorbei und frug durch das Fenster, ob er denn sein Handy bei uns aufladen könne. Eine einfache, schlichte Bitte, wo Menschen einander helfen können. Ich hab‘ ihn weggeschickt! Ich bin im Nachhinein immer noch geschockt, wie schnell mein „Nein“ geschossen kam, ohne die Situation zu bedenken. Natürlich bedeutet, einen Fremden in die KSG zu lassen, immer potentiell Gefahr, und wir haben schon ein paar Mal erlebt, dass Menschen durch das Fenster Gewalt ausfällig wurden, sodass mein erster Impuls die Verteidigung unseres Schutzraumes war, den die KSG ja darstellen soll. Aber war dieser Mann wirklich eine Gefahr?

Liebe Schwestern und Brüder, dieses kleine Beispiel soll nicht dazu dienen, dass ihr mich lossprecht, sondern um deutlich zu machen, wie schnell es gehen kann, dass man die falschen Prioritäten setzt ohne es zu wollen! Und dass uns allen nicht gut ansteht, mit dem Finger auf andere zu zeigen!

In diesem Evangelium steckt aber noch ein anderer Aspekt, deder sehr wichtig ist für unser Gottesbild! Wir lesen in dem Evangelium: „Ein Samaríter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.“

Ich weiß nicht, ob jemand von euch schon mal die Gelegenheit hatte, einen Verletzten zu versorgen. Wenn so ein Mensch blutverschmiert da liegt und er vielleicht vor Schmerzen stöhnt, dann hat man richtig Angst, diesen Menschen zu berühren. Zum einen vielleicht, weil man Angst hat, ihm oder ihr noch mehr weh zu tun. Vielleicht auch weil es einen ekelt oder man sich selber nicht schmutzig machen will.

Mich beeindruckt in dem Evangelium, dass der Samariter da offenbar keine Berührungsängste hatte. Er nimmt sich der Wunden des Opfers an. Er geht sogar so weit, ihn zu umarmen, denn nur so kann man einen anderen Menschen auf ein Reittier setzen. Man muss sich das ganz konkret vorstellen. Da geschieht ganz viel Nähe. Das Opfer muss es auch zulassen und sich berühren lassen, auch wenn es im ersten Moment weh tut!

Für mich ist diese Begebenheit ein Bild dafür wie Gott mit uns Menschen interagiert. Ich glaube, dass Gott uns „berührt“. Und diese Berührung ist ein komplexes Phänomen. Die Berührung kann auch wehtun. Vor allem wenn wir verletzlich sind, und doch ist die Nähe, die sich darin zeigt, etwas wonach wir uns zutiefst sehnen.

Daran musste ich denken, als ich die Frozen Roses von Ziggy in der Bibliothek am Hansaviertel gesehen habe. Sie sind aus Glas, und Ziggy hat sie in einen Teich im Innengarten dieser Stadtbücherei „gepflanzt“. Ziggy hat mir verraten, dass das mit den Rosen eigentlich einem Übersetzungsmissverständnis geschuldet ist: Jemand hatte ihr vorgeschlagen, Seerosen zu gestalten. Die sehen natürlich ganz anders aus. Sie hat Rosen verstanden und so sind nun in diesem „See“ in der Stadtbücherei im Hansaviertel diese wundervollen Glasrosen im Wasser.

Geht mal hin und schaut euch das an. Im Hansaviertel kann man zu den normalen Öffnungszeiten der Stadtbücherei hin! Man muss ein bisschen suchen: Es ist ein traumhaft schöner Ort, mitten im Großstadt-Jungle. Im Hintergrund die Betonhochhäuser und dazwischen ein Paradiesgarten, darin ein kleiner Teich und darin die Frozen Roses von Ziggy!

Die Rosen gelten als die Königinnen unter den Blumen, Sie sind wunderschön und duften, gleichzeitig sind sie aber extrem empfindlich. Es ist als dürften die zarten Blütenblätter nicht berührt werden. Dornen schützen die Pflanzen vor einem groben Begrabschen! Rosen sind für mich ein Bild dafür, wie behutsam wir mit Berührung umgehen müssen, dass Nähe auch gefährlich ist, aber zugleich unendlich kostbar.

Dass Ziggy diese Rosen in Glas gegossen hat ist für mich ein Bild, dass wir im Großstadt-Jungle vieles neu lernen müssen! Berührung und Nähe sehen im Beton-Jungle anders aus; sie sind aber trotzdem weiterhin unendlich schön und eine Einladung an uns, daran zu glauben, dass wir diese Großstadt zu einem Ort machen können, wo wir uns einander behutsam und zärtlich berühren lassen können!

Im Anschluss an die Predigt wird es anstelle des Credo die Gelegenheit zu einem individuellen Segen geben. Wir haben das schon öfters hier in der KSG gemacht. Heute möchte ich aber besonders Aufmerksamkeit dem Aspekt des Berührens widmen. Denn was ist Gottes Segen nicht anderes als eine Berührung Gottes? Vielleicht eine heilende, eine die Wärme schenkt, eine die aufrichtet oder die einfach nur eine Sehnsucht stillt.

In der christlichen Tradition waren Segnungen eigentlich immer mit Berührungen verbunden. Man kann das sehr schön bei Taufen sehen. An mehreren Stellen berühren der Priester, die Eltern und die Paten den Täufling. Diese Berührung werden mit den Augen des Glaubens gesehen alle zu einem körperlich spürbaren Ausdruck dessen, was Gott in uns wirkt!

Ich gestehe euch, dass wir Hauptamtlichen bisher dem Aspekt, welche Geste beim Segnen verwendet, wir wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Da hat eigentlich jeder gemacht, was er will… Ich bin da an sich sehr vorsichtig, denn ich will nicht übergriffig wirken. Andererseits berauben wir den Segen vielleicht eines seiner wichtigsten Aspekte, nämlich die Leiblichkeit, die Körperlichkeit. So wie beim Barmherzigen Samariter es doch darauf ankommt, dass er die Wunden berühren muss, um ihm zu helfen.

Das muss letztlich jedem selber überlassen bleiben, was er oder sie braucht und gestalten will; und so werden wir verschiedene Formen der Berührung beim Segen euch anbieten. (P. Max zeigt die verschiedenen Segegensgesten und -berührungen)

  1. Grundform – Orantenhaltung
  2. Hände ausstrecken über einem
  3. Hände auflegen auf Kopf
  4. Hand auf eine Schulter legen
  5. Hände in die Hand legen
  6. Ein Paar legen die Hände ineinander
  7. Der Segnende legt seine Hände auf das Händepaar

Ihr seid alle eingeladen euch segnen zu lassen. Lasst euch berühren von Gottes Nähe!