Into the Unknown – 2. Unruhe

Predigt von René Pachmann in der KSG Berlin am 11.6.2023

 Der Hochschulseelsorger der Viadrina (Frankfurt/Oder) setzt die Predigtreihe zum Semesterthema “Into the Unknown” fort mit Gedanken zur Unruhe und der kreativen Kraft, die in ihr liegt.

 

Was würde besser zum Semesterthema „into the unknown“ passen als Unruhe – Unruhe als Unsicherheit vor dem Unbekannten, in das wir unterwegs sind.

Als ich mich mit dem Thema Unruhe zur heutigen Predigt gemeldet habe, wusste ich nicht, was genau für eine Unruhe mich noch packen wird. Denn es gibt ja die verschiedensten Formen von Unruhe. Ich erzähle euch von einer.

Gerade arbeite ich an der Umsetzung eines größeren Projektes, bei dem wir eine sehr große Betonskulptur der polnischen Künstlerin Joanna Rajkowska aus Warschau nach Frankfurt an die Oder holen wollen. Dann soll mit verschiedenen Veranstaltungen ein breites Feld an Themen rund um die Skulptur aufgerissen werden, zusammen mit studentischen Initiativen, Lehrpersonen und anderen.

Weil die Skulptur schon ab morgen in Warschau abgebaut wird und wir bis Mitte dieser Woche noch keinen offiziellen Leihvertrag hatten und sich mit Versicherungen, Genehmigungen und Transportfirmen noch eine ganze Reihe unserer Probleme türmten, waren meine Tage bis Fronleichnam sehr unruhig.

Es war eine Unruhe, die aus den sehr vielen offenen Fragen und ungelösten Problemen bei gleichzeitig sehr hohem Einsatz finanzieller und organisatorischer Art resultierte. Es war nicht absehbar, ob eins der nicht gelösten Dinge vielleicht das ganze Projekt lahmlegt. Warten auf die richtigen Antworten, keine Kontrolle, Unsicherheit. Vielleicht ein ganz klein wenig vergleichbar mit entscheidenden Prüfungen, die nicht wiederholt werden können und ohne die die Fortsetzung des Studiums nicht möglich ist.

Das bedeutet viel Stress, der sich ganz unterschiedlich zeigt – ich wache in solchen Zeiten morgens sehr sehr früh auf und wälze im Kopf mögliche Probleme.

In meinem Fall ist die Unruhe inzwischen gewichen – Montagmorgen fahre ich nach Warschau und protokolliere den Zustand der Skulptur beim Abbau. Aber nicht immer lassen sich offene Fragen einfach lösen. Im Angesicht der Klimakatastrophe oder bei weiteren grundsätzlichen Konflikten werden wir noch lange mit ungelösten Problemen und neu auftauchenden Klippen zu tun haben.

Eine Unruhe, die bleibt – Unruhe, die da ist.

Die Frage ist nun, wie wir zu der Unruhe stehen – und was die Unruhe mit unserer Beziehung zu Gott macht.

Darauf gibt es naturgemäß mehrere mögliche Antworten. Ich möchte das in einen etwas weiteren Kontext stellen und zunächst nicht auf uns, sondern auf Religiosität allgemein schauen. Denn auch hier stellt sich die Frage, ob Religionen eher Trost oder eher Unruhe befördern.

Anders formuliert: Handelt es sich bei Religiosität um eine Kontingenzbewältigungspraxis oder um eine Kontingenzeröffnungspraxis?

Natürlich, ihr werdet es ahnen, ist beides möglich.

Zunächst: Was ist Kontingenzbewältigung?

Kurz gesagt geht es bei diesem Konzept (in Anknüpfung an Niklas Luhmann) darum, dass wir als Menschen Strategien brauchen, um die Zufälligkeiten und Unsicherheiten des Lebens aushalten. Neben anderen Möglichkeiten, diese Kontingenzen zu integrieren, ist die Religion ein Weg – um zum Beispiel den Tod auszuhalten oder die sinnlose Tragödie eines großen Unglücks. Für religiöse Menschen bietet der Glaube einen Halt und einen Sinn in diesem Leiden, wir verstehen Gott als einen, der Trost und Sinn schenkt.

Daran wurde oft kritisiert, dass religiöse Menschen manchmal zu schnell Antworten haben, wo doch die Fragen schon so unheimlich kompliziert sind. Du muss plötzlich eine einzige große Antwort wie „Gott liebt dich trotzdem“ für alle Zumutungen des Lebens herhalten.

Politisch haben die Sozialisten besonders die christliche Religion so verstanden. Im Sinne von: Auf gesellschaftliche Probleme finden sich religiöse Antworten, die die Menschen ruhigstellen und von der Revolte abhalten.

Unsere Religiosität hätte dann also das Ziel, die Unruhe zu beruhigen.

Das Gegenteil dieser Sicht wäre Religion als Kontingenzeröffnungspraxis.

Das bedeutet ganz grob gesprochen, dass Religionen dazu beitragen, die Unverständlichkeit der Welt offen zu halten. Oder anders: So verstanden kleistert Religion die Konflikte und offenen Brüche der Welt nicht zu, sondern zeigt gerade erst auf die Unzulänglichkeiten und unsere Grenzen.

Damit legt Religion den Finger in die Wunden, weil sie zeigt, wie wenig berechenbar unsere Welt ist. Religiöse Menschen wissen um das große Geheimnis Gottes und sind angesichts des Glaubens an einen guten und gerechten Gott von seiner Unverständlichkeit noch einmal besonders herausgefordert.

Politisch kann dieses Verständnis von Religion das Aufrütteln zur Tat bedeuten und damit auch einen starken sozialen Einsatz in der Welt rechtfertigen.

Nach diesem Verständnis ist Religion Unruhestifterin.

Aber wann ist Religion, wann ist unsere Glaubenspraxis wichtig, um Unruhe zu beruhigen und einzuhegen – und wann wiederum muss sie uns wachmachen und die Unruhe gerade erst wecken?

Im Evangelium hatten wir von Jesus gehört, der sagt, dass er Feuer auf die Erde bringen wolle und auch darüber hinaus Spaltung und alle mögliche Unruhe verursachen werde (Lk 12,49ff)

Jesus hat in sich beträchtliche Spannung gespürt und war selbst voller Unruhe und in Erwartung der Herrschaft Gottes (des „Himmelreiches“), von der er so oft sprach. Dafür erschien ihm auch die Spaltung legitim. Das Feuer soll wachrütteln.

Ich bin überzeugt: Es gibt auch heute Zeiten und Situationen, da braucht die Welt einen Weckruf – sei es in der Klimakatastrophe, sei es im Krieg Russlands gegen die Ukraine und besonders bei der aktuellen Sprengung des Kachovka-Staudamms mit seinen fürchterlichen Folgen, sei es bei Fragen wie Erziehung und Pflege. Christinnen und Christen können mit ihrer spezifischen Motivation auf verborgene oder versteckte Probleme hinweisen. Und Unruhe schaffen.

Das ist eine mögliche notwendige Unruhe. Aber auch in konkreten religiösen Fragen kann Unruhe etwas Gutes bedeuten: Augustinus beginnt seine religiöse Autobiographie mit dem Gebet zu Gott: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“

Es gibt also auch eine heilsame Unruhe, die uns Menschen überhaupt erst bewegt, uns auf den Weg zu Gott zu machen, eine Sehnsucht und einen Wunsch nach Mehr, von dem der Kirchenvater spricht. Wir sollen nicht bei uns selbst sitzen bleiben, sondern aufbrechen zu ihm hin.

Das sind sie also, die wichtigen, die notwendigen Unruhen – sie wollen uns wachrütteln zum Einsatz für das Gottesreich, für die Krisen in der Welt, aber auch wach machen für Gott selbst.

Daneben stehen die Unruhen, die uns ängstigen oder sogar krank machen können. Vielleicht ähnlich der Unruhe, die ich am Anfang beschrieben habe – diese Unruhen gehen einher mit Angst vor Kontrollverlust, mit Zukunftssorgen, mit Panik oder Hilflosigkeit.

Das sind Unruhen, von denen ich glaube, dass Gott uns mittelfristig von ihnen befreien möchte – hier wird Religion als Kontingenzbewältigungspraxis wichtig.

Denn es gibt natürlich auch Zeiten und Situationen, in denen wir Trost brauchen. Dann sehnen wir uns nach Frieden und Ruhe, hoffen auf Gottes Güte und liebevolle Nähe.

Das ist der andere Jesus, den wir auch kennen, der Jesus, der sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28)

Nicht der Jesus, der unter dem kommenden Gottesreich das Gericht sieht, an dem sich alle scheiden, sondern der, der aufrichten und trösten will. Auch vom Kirchbesuch erwarten sich ja viele einen Abstand von den Zumutungen der Welt mit einer schönen frommen Predigt – und nicht, dass sie schon wieder mit Problemen konfrontiert werden. Und ist das nicht auch legitim?

Es tut gut, dass Jesus nicht nur einer ist, der unser Leben in Unruhe bringen will, sondern uns auch Ruhe und Atem gönnt.

Aber das stellt auch an uns die Frage:

Wir sind aufgefordert, die Zeiten richtig zu lesen, die Situationen richtig einzuschätzen, wenn es darum geht, unsere Mitmenschen in eine gute Unruhe zu versetzen, sie herauszufordern und ihnen vielleicht eine neue  Bewegung zu geben.

Anderen hilft dagegen vielleicht unser Trost, ein gemeinsames Gebet, ein Wort der Hoffnung.

Ich habe fünf Jahre im Gefängnis als Seelsorger gearbeitet und dort stand ich mit den KollegInnen immer wieder im Austausch über diese Frage: Sollten wir die Inhaftierten zur Umkehr aufrütteln und unruhig machen, wenn sie sich einrichten in ihrem Selbstverständnis als Kriminelle – oder sollen wir sie in der Krisensituation Knast nicht lieber trösten und ihnen gut zusprechen?

Je nach Situation wird man sicher anders entscheiden zu haben – und das holzschnittartige Entweder-Oder ist ja auch nicht unbedingt realistisch, oft sind es Grauzonen, in denen wir uns bewegen.

Ich wünsche euch jedoch, dass ihr das gut unterscheiden könnt, wem wann und wie mit Kontingenzeröffnung oder Kontingenzbewältigung zu helfen ist.

Und ich wünsche euch auch, dass Gott euch mit heilsamer Unruhe zur rechten Zeit beschenkt.

Aber auch mit heilsamer Tröstung, wenn ihr euch in unheilvoller Unruhe verstrickt habt.

Gott segne unsere Unruhe und unsere Ruhe!