https://pixabay.com/users/pexels-2286921Bild: https://pixabay.com/users/pexels-2286921

Ehrlich beten: Wenn Gebet mehr ist als Wunschdenken

Predigt von P. Max Cappabianca in der KSG Berlin

Liebe Gemeinde,

Ich werde oft gefragt, wie man denn beten solle! Viele denken, sie könnten es nicht richtig oder kommen sich dabei blöd dabei vor, wenn man so vor sich hinredet. Manche wenige haben es noch zu Hause gelernt: Sei es, dass die Eltern ein Gebet beim Schlafengehen gesprochen haben. Oder dass es üblich war, ein Tischgebet zu sprechen. Aber selbst in christlichen Familien ist das immer weniger üblich, so auch in meiner Familie! Bei uns wurde am Tisch nicht gebetet!

Dann gibt es das Phänomen, dass manche vielleicht das Beten gewöhnt waren, sich aber die Art des Betens über die Jahre hinweg verändert hat: Kindergebete sind anders als die Gebete von Erwachsenen. Das Evangelium heute suggeriert ja, dass man nur beten müsse, um zu kriegen, was man will. Es wird ein interessantes Gottesbild gezeichnet: Gott als ein Freund, der leicht genervt ist, weil ein Freund auf der Hilfe insistiert! Verstanden als Ermutigung, genau das zu tun: Gott nerven, damit er sozusagen in die Puschen kommt…

Manche behaupten ja, dass sei kindgerecht, wenn man ihnen weismacht, dass Gott die Macht habe, alles zu erfüllen. Ein Kind setzt dann natürlich alles auf diesen Supermann-Gott, der macht, was man will. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert: Wenn rauskommt, dass Gott nicht alle Bitten erfüllt, dann ist Gott entweder nicht allmächtig, oder er ist böse, weil er mir meine kindlichen Allmachtsphantasien nicht erfüllt.

Das hört sich durchaus manchmal süß an, wenn Kinder davon sprechen, was sie sich vom lieben Gott sich wünschen: dass das Wetter gut wird oder der Wellensittich wieder zum Leben erweckt wird…

Aber es ist gar nicht so selten, dass Erwachsenwerden sich diese Enttäuschung wegen der Nichterfüllung von Gebeten zu einem Gift für den Glauben selbst entwickelt. Ich kenne nicht wenige Menschen, die das in ihrer religiösen Biografie so erlebt haben: Was ist das für ein Gott, der mir in meinen existenziellen Nöten erst in mir die Hoffnung weckt, um sich dann doch wieder „totzustellen“. Das Gefühl schleicht sich ein, dass es keinen Unterschied macht, ob es Gott gibt oder nicht!

In der Theologie ist die Frage nach der Wirksamkeit des Bittgebets ein großer Streitpunkt. Je nach philosophischem Hintergrund gibt es unterschiedliche Meinungen. P. Thomas Eggensperger aus meiner Kommunität zum Beispiel vertritt mit guten Gründen die Meinung, dass das Bittgebet keinen Sinn mache, denn Gott handele nicht, nur weil man ihn darum bittet. Ohne in die Details dieser Diskussion einsteigen zu wollen, kann ich nur sagen, dass ich eine nicht so radikale Meinung vertrete!

Ich glaube auch nicht, dass Gott durch unser Gebet veranlasst handelt und zum Beispiel ein Unglück verhindert, weil wir dafür gebetet haben! Das würde ja bedeuten, dass Gott Unglücke zulässt, weil wir nicht gebetet haben oder gar, weil er uns für etwas strafen wolle! Eine Vorstellung, die sich auch in der Bibel findet! Aber nicht dem Kern des christlichen Gottesbildes entspricht!

Ich glaube allerdings auch nicht, dass das Gebet nur eine besondere Form der Autosuggestion ist, in der wir uns von etwas überzeugen, was eh schon da ist und existiert. Das ist mir zu verkopft und entspricht auch nicht dem biblischen Zeugnis: Wenn man sich die Psalmen anschaut, dann sind das schon existenzielle Kämpfe, die da ausgefochten werden. Daher kann ich euch versichern: wenn es in unserm Gebet ums „Eingemachte“ geht, dann kann man sicher sein, dass man spirituell auf dem richtigen Weg ist!

Handelt also Gott, wenn ich zu ihm bete? Ja ich glaube, dass das Gebet etwas bewirkt! Und das hängt mit dem christlichen Gottesbild zusammen: Wir sehen Gott als Beziehung – schon in sich selbst ist Gott Beziehung, wie die Trinitätslehre ausdrückt. In christlicher Beziehung ist das Gebet daher  vor allem eine Realisierung und Aktualisierung einer Beziehung, die zuallererst von Gott selbst ausgeht und auf die wir antworten!

Diese Beziehung nimmt ihren Anfang in der Schöpfung, in der Gott den Menschen ins Dasein ruft („Und Gott sah dass es gut war.“) und geht weiter über die Jahrtausende, in denen Gott – wie es in der Bibel heißt – durch die Prophet:innen zu den Menschen gesprochen hat! Und indem wir „beten“, treten wir mit Gott in Verbindung. Wir realisieren die Liebe Gottes, die die Grundlage alles Daseins, und letztlicher unserer Existenz ist! Mit realisieren meine ich im doppelten Sinne von wahrnehmen und Wirklichkeit werden lassen. Das ist vergleichbar, wenn Liebende einander sagen: Ich liebe dich! Das realisiert eine Beziehung. Die beiden nehmen sie wahr; und zugleich verändert sie zugleich diese Beziehung, denn sie gewinnt eine neue Tiefe!

Übrigens ein interessanter Aspekt, den wir an dieser Stelle nicht vertiefen können ist: Diese Kommunikation ist nicht nur durch Worte möglich: Im Gegenteil! Sie geschieht ganzheitlich, denn wir Menschen sind geistig und körperlich! „Ich liebe dich“ sagen, ist  das eine! Ein Kuss ist aber etwas anderes! Das ist noch einmal eine ganz andere Art wirksamer, wirkender Kommunikation. Und Sex, und zwar wohlgemerkt, wenn man die Person liebt!, ist eine Weise der Kommunikation, die meiner Meinung nach von nichts übertroffen werden kann! Es sage keiner, es verändere einen nicht, wenn man einen Menschen küsst oder anders sexuell miteinander kommuniziert!

Aber das wollen wir jetzt nicht vertiefen: Ich will nur darauf hinweisen, dass die Kommunikation mit Gott ebenso ganzheitlich sein kann und muss, und dass sie einen verändert. Das ist übrigens auch der Grund, der die Eucharistie so wertvoll macht: Seht die Eucharistie mal als Gebetsakt: Indem ihr das gewandelte Brot esst – ein wahrlich körperlicher Vorgang – vereint ihr euch mit Jesus, bzw. Jesus mit euch! Auch das verändert einen – wenn man das mit den Augen des Glaubens wahrnimmt!

Und genau auf diesen Aspekt möchte ich heute den Akzent setzen: Das Gebet ändert mich und damit auch die Wirklichkeit um mich herum. Das ist die Weise, in der Gott handelt. Ich werde zu einem Instrument, durch das Gott seine Liebe in dieser Welt realisiert: Wirklichkeit werden lässt.

Das ist etwas anderes als die kindliche Vorstellung, dass Gott „meine Gebete erfüllt“. Dieser Gott ist oft unverständlich und dunkel, weil das die andere Seite der Realität ist: die Gemeinschaft mit Gott ist unvollkommen, und wir sehen uns nach voller Gemeinschaft!

Die Frage bleibt nämlich bestehen, warum Gott das Leid zulässt, warum es Krieg, Tod und Hunger in der Welt gibt, warum er es zulässt, dass der Staat Israel wegen des Terrorangriffs im Herbst 2023 ein Vielfaches an Palästinensern umbringt und wie jetzt gerade sie brutal verhungern lässt: Ausgerechnet ein Staat, der entstanden ist aus den Trümmern der Shoah, in de unser Land Deutschland die Vernichtung von Menschen zur industriellen Perfektion geführt hat… Das ist alles dunkel und bleibt für immer unverständlich! Wie kann das sein?  Was für Sinn macht da noch Beten?

Ich glaube fest: Immer dann, wenn Menschen sich durch das Gebet in Verbindung setzen mit Gott, der die Liebe ist, bricht eine Kraft auf, durch die wir Widerstand leisten gegen alles Menschenverachtende in dieser Welt. Gebet führt ins Handeln, Gebet öffnet die Augen für das Leid, Gebet schenkt Hoffnung, dass das letzte Wort über diese Wirklichkeit noch nicht gesprochen ist! Gebet und unsere brutale Wirklichkeit stehen in einem Wechselverhältnis. Gebet also ganz sicher keine Weltflucht, sondern die Weise, in der Gott sein Reich Gottes verwirklicht!

Ein letztes Wort zu den Fürbitten: Wir haben hier die Tradition, dass die Fürbitten frei gesprochen werden! Ich finde das sehr schön. Oft sind sie sehr persönlich, man spürt genau diese existentielle Betroffenheit und das ist gut so. Es ist auch nicht schlimm, wenn mal nicht viel kommt, denn jede:r kann auch still für sich beten! Die manchmal peinliche Stille ist für mich völlig ok: Sie ist ein Raum, den wir für Gott offenhalten! Also denkt nicht darüber nach, ob sich jemand erbarmen könnte, endlich mal nach vorne zu kommen. Wenn jemand was sagen will, dann geschieht das einfach! Auch ist es völlig ok, für einfache Dinge zu beten, wie zum Beispiel, dass die Prüfungen gut gelingen! Wir verbinden uns durch diese Bitte mit Gott und allen Studierenden, die grad im Prüfungsstress und auf diese Weise realisieren wir die Solidarität, zu der uns Gottes Liebe drängt!

Was NICHT geht, sind moralinsaure Fürbitten. Wenn man implizit andere Menschen damit korrigiert oder ausdrückt, was diese tun und lassen sollen. Ein paar Beispiele – nicht aus der KSG! – seien genannt:

Lieber Gott, öffne allen Rassisten die Augen, dass sie von ihrem Tun ablassen und nicht mehr diskriminieren!

Lieber Gott, lass uns endlich aufhören, die Schöpfung zu zerstören, sondern lass uns umweltfreundlich leben!

Lieber Gott, mach dass die Bischöfe sich für mehr Demokratie in der Kirche einsetzen!

Oder aktuell bei einem Priester aus Bayern: Für alle, die den Namen Gottes entheiligen, indem sie ihn für ihre Zwecke missbrauchen!

Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine: Ich finde auch, dass Rassisten nicht mehr diskriminieren sollen, dass die Schöpfung bewahrt werden muss und dass sich die Bischöfe für mehr Demokratie einsetzen könnten! Und ich bin gegen die Entheiligung des Namens Gottes. Aber Fürbitten sind nicht dazu da, andere zu korrigieren und meine Interessen zu vertreten!

Ich möchte euch Mut machen, in den Fürbitten im Gottesdienst, aber vor allem im privaten Gebet, eure Anliegen vor Gott zu tragen, im Vertrauen darauf, dass Gott auf seine Weise antworten wird! Und dafür ist das Vaterunser ein guter Leitfaden! Es geht um unsere Bedürfnisse, um Schuld und Vergebung und um Gottes Willen, den wir Liebe nennen!

Wenn wir darauf vertrauen, sehen wir die Möglichkeiten, die Gott hat, uns zu verändern und durch uns die Welt und die Mitmenschen in ihr!

Und wir sehen dann auch, dass Gott vielleicht doch unsere Gebete „erhört“ und doch gehandelt hat. Vielleicht anders als gedacht, aber viel größer und mit noch viel mehr Liebe, als wir je hätten uns träumen lassen!