Wir sind alle Heilige!
Es gilt das am 1. November 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on November 1, 2026, at St. Augustinus, Berlin.
Liebe Heilige,
Wir alle haben einen Namen. Diesen bekamen wir von unseren Eltern. Unmittelbar nach der Geburt, oft noch im Kreißsaal, mussten sie ihn nennen. Sie hatten sich mehr oder weniger Gedanken gemacht:
knüpfen wir mit unserem Neugeborenen an einer Familientradition an? Welcher Name ist gerade modern? Passt der Vorname zum Nachnamen? Welchen Wunsch will ich meinem Kind mitgeben?
Ab dieser Eintragung und Meldung an das Standesamt ist das dann unser Name. Er steht im Ausweis, im Pass, wird mit der Sozialversicherungsnummer Teil unseres Menschseins als Bürgerin und Bürger unseres Landes. Auch wenn durch das Selbstbestimmungsgesetz von 2024 eine Namensänderung vereinfacht wurde, ist es ein immenser Vorgang, der nicht von jedem ohne Weiteres grundlos vorgenommen werden kann.
Das war aber nur der erste Schritt. Bei den meisten von uns hier folgte ein zweiter, überwiegend unmittelbar darauf: die Taufe. Ein religiöses, Jahrtausende altes Ritual mit vielschichtiger Bedeutung. Wir wurden von Dämonen freigesprochen, gewaschen, in reines Weiß gehüllt und mit Öl konserviert. Das österliche Licht wurde uns vorgehalten und wir haben es durch unsere Augen aufgenommen; in der Hoffnung, dass es sich tief einbrennt, um uns ein Leben lang Mund und Ohren offen zu halten für das Gute. Laut Kirchenrecht erhielten wir ein untilgbares Prägemal, das uns auf ewig ausweisen soll vor Gott. Wir bekamen einen standesamtlichen Eintrag zugesprochen, der die meisten sehr viel Geld kosten wird – in Deutschland. Vor allem aber, erscholl über uns die Zusage Gottes: „Du bist mein geliebtes Kind. An dir habe ich Gefallen gefunden. Du gehörst mir.“
Mit dieser Zuordnung eröffnete sich uns eine neue große weite Welt, eine wahrhaft globale Sicht in Zeit und Raum, eine universelle Mitgliedschaft voller Rechte und Pflichten, die uns multidimensional zu Prophetinnen und Propheten, zu Priesterinnen und Priestern, zu Königinnen und Königen machte.
Ja, wir sind geadelt und Adel verpflichtet!
Hier setzt das heutige Evangelium an, mit den Seligpreisungen der matthäischen Bergpredigt.
Darin formuliert Jesus kein „wenn – dann“, sondern ein „ist – tut“ Prinzip.
Selig seid ihr, weil ihr arm seid vor Gott – gesteht euch eure Bedürfnisse ein. Aber akzeptiert auch, dass euch das Himmelreich schon gehört.
ODER:
Selig, weil ihr im tiefsten Inneren barmherzig seid.
Zeigt Erbarmen und ihr werdet es spätestens im Widerhall selbst erfahren.
Alle neun Zusprüche Jesu lassen sich so durchdeklinieren. Oft wurden sie als moralische Keulen verkauft, als Köder für ein besseres Leben verwendet und verkamen dabei zu einem – für viele Menschen – unerreichbaren Ideal. Wunderbar einfach lässt sich die Mitarbeit am Aufbau des Reiches Gottes so outsourcen auf wenige kanonisch heiliggesprochene Männer und Frauen einer fernen oder selten einmal jüngeren, aber ganz sicher vergangenen Geschichte.
Verstehen wir die Seligpreisungen hingegen als motivierende Beschreibung des Ist-Zustandes, dann haben wir alle das Potenzial und die Chance selbst selige und sogar heilige Mitbauende am Reich Gottes zu sein. Geradeso wie Paulus es uns zugesprochen hat.
Liebe Heilige,
wir brauchen keine angsteinflößenden Visionen eines Weltenendes, um die Macht und Gewalt Gottes zu erahnen oder ihm erfurchtsvoll zu dienen. Auch müssen wir uns nicht auf 144.000 Seelen beschränken, sondern dürfen an diesem Doppelfest alle Heiligen und alle Seelen mit einbeziehen in Gottes laufendes Großprojekt vom Himmelreich.
Wir können, dürfen und sollen, ja wir müssen es sogar, gerade in diesen Zeiten, laut aussprechen, wie es in der Offenbarung geschrieben steht: „Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen“
Amen. Amen. Liebe Heilige!
Ihr seid wahrlich selig zu preisen. Ihr seid kein heiliger Rest, kein elitäres Grüppchen, kein historischer Verein.
Ihr seid Sauerteig und Salz, Licht und Trauben für feinsten Wein.
Werdet euch dessen bewusst, Recht und Pflicht, Potenzial und Berufung.
Heute feiern wir die unzähligen Seligen und Heiligen, die uns Vorbilder sein können in den verschiedensten Lebenslagen.
Morgen gedenken wir aller Seelen, die nicht zu Altären erhoben oder gar von der Welt vergessen wurden.
Doch schauen wir an beiden Tagen auf uns und unser Leben, das Gott zu einem Leben in Fülle machen will im Hier und Jetzt.
Geliebte Kinder Gottes,
es mag im Alltag – weder uns oder anderen – noch nicht offenbar geworden sein. Aber wir werden IHN sehen, wie ER ist und IHM ähnlich sein.
Jeder und jede, die diese Hoffnung auf IHN setzt, heiligt sich, so wie ER heilig ist.
Wenn du das glaubst und darauf vertraust, dann steh jetzt auf und bekenne hier deinen Glauben.

