Nikola Johnny Mirkovic / unsplashBild: Nikola Johnny Mirkovic / unsplash

Vier Augen und ein offenes Wort: Jesu Anleitung für Konflikte

© Br. Johannes OFM
Es gilt das am 6. September 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Schwestern und Brüder,

1. Konflikte gehören zum Leben
als ich Anfang 20 war, hat mich der Buddhismus sehr angezogen und ich hatte das Gefühl, die asiatische Welt ist die bessere. Als es sich dann fügte, dass ich auf die Franziskaner traf, sagte mir P. Matthias: Egal wo du hinfährst, Gemeinschaft ist überall gleich. Als ein Freund von mir nach Asien aufbrach und enttäuscht zurückkam, wusste ich, dass an dieser Weisheit von P. Matthias was dran ist.
Es gibt keine vollkommene Gemeinschaft, es hat sie nie gegeben und wird sie nie geben, das erfahren wir heute auch im Evangelium. Schon am Beginn des Christentums gab es Spannungen in den Gemeinschaften.
Wenn ich das hinnehme, dann ist im Alltag schon viel gewonnen, ich kann gelassener mit Spannungen umgehen und mir sagen, dass diese einfach dazugehören.

2. Konflikte zur Sprache bringen
Das heutige Evangelium gibt uns eine sehr detaillierte Anleitung, wie wir mit Konflikten umgehen können, die auch von heutigen psychologischen Erkenntnissen gestützt werden.
Das erste ist: Nimm Deine inneren Wahrnehmungen ernst und nimm Missstände nicht hin, weil Du vielleicht fürchtest, es könnte zu größeren Spannungen führen, wenn Du diese ansprichst.
Beim Thema Missbrauch ist das in unserer Franziskanerprovinz überdeutlich geworden, die Missbrauchsstudie sprach von Wegschauen bis hin zu Komplettversagen der Leitung und der Gemeinschaft, dadurch ist für Betroffene viel Leid verursacht worden.
Wenn man die heutige Lesung auf dem Hintergrund des Missbrauchs im Orden und Kirche liest, versteht man, dass da gesagt wird: Wenn du nicht redest, um den Schuldigen von seinem Weg abzubringen, dann mache ich dich dafür verantwortlich … Und das geschieht derzeit im Hinblick auf Missbrauch. Auch die, die nicht direkt drin involviert waren, werden zur Rechenschaft gezogen.

3. Wie kann ein Konfliktgespräch gelingen
Jesus sagt als Erstes: Rede mit dem, mit dem du Schwierigkeiten hast, und lass dich nicht dazu verleiten, hinterrücks zu reden, denn damit zerstörst du Vertrauen.
Dies kann in einem Drei-Schritt geschehen:
Versuche es zuerst unter vier Augen. Suche einen geeigneten Zeitpunkt und einen geschützten Raum, wo andere es nicht mitbekommen. Kritik vor anderen zu äußern, verletzt meistens und schafft keine gute Ausgangsbasis.
Bei einem solchen Konfliktgespräch geht es nicht darum, Frust abzulassen, sondern darum, den anderen zurückzugewinnen, die Beziehung zu erneuern und zu stärken.
„Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder/Schwester gewonnen.“
Am besten gelingt das, wenn man sachlich bleibt, Sachverhalte beschreibt und Ich-Botschaften formuliert, statt zu verallgemeinern.
Ein mir bekanntes Beispiel: Eine Gemeinde bekam einen neuen Pfarrer, der ganz konservativ ist, während sein Vorgänger sehr liberal war.
Ich kann mich überall breit darüber auslassen und meinen Frust von der Seele reden, ohne mit dem neuen Pfarrer zu reden. Das wird die Gemeinde spalten, und so ist es dort geschehen.
Ich kann aber auch das Vier-Augen-Gespräch mit ihm suchen und Argumente austauschen. Sollte das gar nichts nützen, kann ich mir Verstärkung von zwei oder drei anderen Vertretern des Pfarreirates holen. Sollte auch das nichts nutzen, kann eine Gemeindeversammlung einberufen werden.
Wichtig ist, dass der Ärger zur Sprache gebracht werden kann und man Kompromisse schließt. Ziel muss es sein, die Gemeinde zur Einigung zu führen und nicht zu spalten. Eine Gemeinde soll Gott in unserer Zeit konkret sichtbar machen, deshalb ist eine gespaltete Gemeinde das schlechteste Zeugnis für die Anwesenheit Gottes.
Nicht ohne Grund steht am Ende: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“. Wo miteinander gesprochen wird, ist auch Jesus dabei, dessen sollte sich jede:r bewusst sein. Jesus hat ein Herz für jeden Menschen, so mahnt uns Brüder der hl. Franziskus, jedem:r offen gegenüberzustehen, weil das auch Jesus tut. Und was manchmal für uns Menschen unmöglich ist, kann Gott möglich machen. Wer in diesem Glauben in den Konflikt geht, sieht im anderen auch das Gute und geht mit Hoffnung in solch ein Gespräch.
Es mag auch andere Konfliktgespräche geben, wo eine:r durch Lüge seine Fehler vertuschen will und uneinsichtig bleibt. Von dem sagt Jesus, er sei für dich wie ein Heide oder Zöllner. Fragen wir uns, wie Jesus mit Heiden und Zöllnern umgegangen ist, dann führt uns die Antwort wieder zum Dialogversuch zurück, denn er hat sie wie Zachäus aufgesucht und mit ihnen Mahl gehalten.

4. Was kann man davon in die nächste Woche mitnehmen?
– Mir auf die Zunge beißen, wenn ich vor Leuten meinen Ärger über jemand anderen verbreiten möchte
– Mut unangenehme Dinge anzusprechen
– Sachlich und ruhig bleiben
– Im Stillen mich bei einem Konfliktgespräch bewusst mit Gott verbinden
– Den Dialog immer wieder neu zu wagen

Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, ist Jesus mitten unter uns eine Zusage, die auch in Konflikten gilt.