Ich danke dir, dass ich so wunderbar gestaltet bin

Liebe Studierende, liebe Gäste der KSG Edith Stein!

Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß genau, wunderbar sind deine Werke.

So betet König David in einem Psalm.  Im Alten Testament der Bibel stehen 150 Psalme.  Es sind Gebete, in denen Schmerz, Leid und Anklage  thematisiert werden; Es sind Gebete, die Lob und Dank formulieren. Die Psalmen decken eigentlich alle Gefühlsstände  eines Menschen ab. Damals vor 3000 Jahren und auch heute. Der Vers, um den es heute in diesem Valentinsgottesdienst gehen soll, steht im Psalm 139, der von Gottes Allmacht und seiner wunderbaren Schöpfung erzählt.

Ich danke dir, Gott, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin.

Wer könnte diesen Satz so aussprechen, so laut vor anderen sagen oder still im Gebet vor Gott tragen? Habe ich so etwas schon mal gesagt, gebetet? Wir würden es heute etwas anders formulieren:  Danke, dass ich so ein toller, erfolgreicher Typ bin, danke, dass mir dies oder jenes gelungen ist….

Es gibt Menschen, die strahlen vor Selbstbewusstsein und  makelloser Schönheit, sind geschickt in Diskussionen und gehen scheinbar mühelos und schmerzlos durchs Leben. Ich denke, jeder von uns kennt Kommilitonen‘ innen an der Uni und Menschen in seinem Umfeld. Menschen, die mit Professoren und Professorinnen reden, als wäre sie befreundet, für die Prüfungen und Klausuren kein Thema sind, die immer mit anderen zusammen sitzen in der Mensa beim Essen, immer im Mittelpunkt stehen.

Als ich noch hier in der KSG gearbeitet habe, sind mir auch andere Studierenden begegnet,

Junge Menschen, die Zweifel hatten, ob das Studium das richtige ist, die sich überfordert fühlten von der Stadt Berlin, der Größe, der Hektik und den 1000 Möglichkeiten; die unsicher waren, ob sie mithalten können, ob sie hier her passten;

Junge Menschen, die verloren und einsam in dieser Stadt lebten, umgeben von Partys, Treffs und Kneipen;

Junge Menschen, die gekämpft haben mit dem Leistungsdruck in ihrem Fachbereich, mit dem Wissen um persönliches Versagen, der Unfähigkeit zu vergeben und Vergebung anzunehmen.

Junge Menschen, die mit sich selbst genug zu tun hatten, weil  sie in ihrem Körper nicht zufrieden waren, mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten  nicht zu recht kamen und sich selbst letztlich nicht so annehmen konnten wie sie waren.

Die Beobachtungen sind 10, 20 Jahre alt. Jetzt müsstest Ihr mir sagen, ob und was sich verändert hat. Was Ihr wahrnehmt in der Uni, in der KSG, in Eurem Freundeskreis.

Viele hätten diesen Vers nicht so sprechen können. Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß genau, wunderbar sind deine Werke.

Dieser Vers aus dem Psalm 139 ist eine große persönliche Herausforderung für mich. Einerseits ist es einer meiner Lieblingspsalmen. Ich mag die Bilder: Du umgibst mich von allen Seiten, egal, wo ich bin, Du Gott weißt von mir, bei dir bin ich geborgen.  Der Psalm erzählt von der Geborgenheit bei Gott, der Sorge und das  Gottes Wissen um mich! Das Bild, dass Gott mich auch am Ende der Welt aufsucht und mir nah ist, ist gewaltig und unfassbar. Das Wissen darum und letztlich das Vertrauen darauf haben mich durch einige Schwierigkeiten getragen in meinem Leben.

Aber andererseits ist dieser Vers schwierig: ich danke dafür, dass ich so bin wie ich bin –das geht mir schwer über die  Lippen, weil ich mich auch als ungenügend empfinde, nach anderen schiele rechts und links, mich vergleiche….

Was bewegt David, dem der Psalm zugeschrieben wird, so etwas zu schreiben?? In einigen Kommentaren heißt, dass David so von Bosheit, Gottlosigkeit und Treulosigkeit umgeben war, dass er einen Gegenpol dazu setzen wollte. Der Text ist  3000 Jahre alt  Die Situation damals vor 3000 Jahren war vielleicht ähnlich unserer Situation heute: Fake News, Gewalt, Suche nach anderen Göttern, Verrohung der Sprache, Grundsätze des menschlichen Umgangs und des demokratischen Miteinanders geraten ins Wanken.

David beschreibt in seinem Psalm, wie nah Gott dem Menschen ist, von Anfang an, sogar pränatal. David entwirft in seinem Psalm ein  Bild des menschlichen Körpers. Der menschliche Körper ist ein Kunstwerk, der an Komplexität, Einzigartigkeit und Kompliziertheit nicht zu überbieten ist. Jede Zelle hat ihre Bestimmung, jeder Körperteil seine Aufgabe. Wenn man sich allein vorstellt, was ein Mensch im ersten Lebensjahr alles lernt, welche Fähigkeiten entwickelt werden, was alles wie wächst und ineinandergreift. Vom hilflosen Säugling, der trinken, schlafen und kuscheln will zu einem Kleinkind, das krabbelt, sich hochzieht, greift und brabbelt, Kontakt mit anderen aufnimmt, beobachtet, sich Dinge und Vorgänge  merkt.  Die Anlagen dazu hat Gott in uns eingepflanzt. Ganz zu schweigen von dem Gehirn, das die Vorgänge im  Körper steuert, Warnsignale sendet, das denkt, Schlussfolgerungen  zieht, reflektiert, Fakten speichern und wiedergaben kann, Es ließe sich noch viel mehr zum menschlichen Körper aufzählen. Zu diesem Wunderwerk. Im Psalm heißt es: Ich weiß genau, staunenswert sind deine Werke, Ja, Gott, der Mensch ist ein Wunderwerk! Ja, so ein Wunderwerk bin ich,  ist jede und jeder einzelnen von uns. Auch wenn wir uns  manchmal  nicht so erleben und uns so bejahen können als Wunderwerk.  Die  persönliche  Herausforderung ist, dass wir uns gar nicht so fühlen oder meinen, uns nicht so fühlen zu dürfen.  Also der zweite Teil unseres Verses  ist etwas leichter zu beten: Ich weiß, staunenswert sind Deine Werke.

Aber da ist noch der erste Teil  des Verses: Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin.

Erlebe ich mich als Teil von Gottes Schöpfung, erlebe ich mich als einzigartig, erlebe ich mich als wunderbar gestaltet? Weil Gott mich ins Leben gerufen hat nicht nur meine Eltern, weil Gott mich anschaut, wie ich bin – darum bin ich wunderbar. Ich bin ein wunderbar gemachtes Geschöpf Gottes – Alter und Krankheit,  Tod und Versagen gehören zur Schöpfung und sind keine göttlichen Pannen. Dieser Psalm 139 ist eine väterliche und mütterliche Umarmung Gottes. Jeder Mensch ist wunderbar von Gott gemacht. Das ist ein Grundgedanke des christlichen Glaubens. Es spielt keine Rolle, was man glaubt, wie man aussieht, was man studiert oder arbeitet, wen man liebt, wie man lebt. Jedes Leben ist gleich wertvoll und von Gott gewollt.

Was müßte passieren , damit ich sagen kann: Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich würde gern einen Moment still werden und Euch einladen, dieser  Frage ein wenig nachzugehen

Stille

Ich glaube ein Schritt dazu ist, dass andere es mir sagen,  dass es mir gesagt wird, dass es mir zugesagt wird. Du bist ok so. Ich mag dich, weil Du du bist und du so bist, wie du bist.

Es gibt den Satz: das entscheidende Wort kann ich mir nicht selber sagen. Ich kann mir nicht selber sagen:  Ich liebe dich, ich verzeihe dir, ich vertraue dir. Das muß mir jemand anderes sagen! Martin Buber sagt:  durch das Du zum  ich! Es ist eine anstrengende Herausforderung, eine Lebensaufgabe, zu sich selbst zu stehen, sich immer wieder neu anzunehmen, die Brüche in der Biographie anzuschauen, die körperlichen und intellektuellen Einschränkungen zu akzeptieren.

Das entscheidende Wort kann ich mir nicht selber sagen. In der Vorbereitung des Gottesdienstes haben wir uns dazu Gedanken gemacht, wie das zum Ausdruck gebracht werden kann, wie es sichtbar und vielleicht  spürbar   werden kann hier heute in dieser Stunde.

Zum einen könnt Ihr einen persönlichen Segen empfangen, für Euch allein, für Euch und Euren Partner, Eure Partnerin, ob verliebt oder befreundet, toder  für ein besonders Anliegen. Segnen – benedicere – heißt etwas Gutes sagen. Wir Pater Max und ich werden im Namen Gottes Euch etwas Gutes sagen, Euch segnen, Euch  einen persönlichen Zuspruch geben.

Zum anderen laden wir ein zu einer besonderen Form des Friedensgrußes. Dazu nachher mehr.

Unser Psalmvers ist eine einerseits eine Herausforderung und andererseits eine Ermutigung, sich selbst als wertvoll und einzigartig anzunehmen, weil ich genau so bin, wie Gott mich gedacht hat.

Amen