Himmel im Alltag: Was Maria uns wirklich lehrt
Es gilt das am 16. August 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on August 16, 2026, at St. Augustinus, Berlin.
Liebe Brüder und Schwestern,
Für eine Himmelfahrt Marias gibt es keinen biblischen Beleg. Es ist deshalb kein gänzlich ökumenisches Fest. Denn die eher biblisch orientierten Christen, also die meisten Kirchen der Reformation, feiern es nicht. Sie lehnen die dogmatische Überhöhung der Gottesmutter ab. Auch wenn hier ein Stachel im Fleisch der von Jesus erflehten Einheit seiner Christinnen und Christen schmerzt, feiere ich dieses Fest gerne.
Vielleicht erleben wir ja noch den Tag, an dem wir Römer manche Dogmen zurückstellen, damit andere das ökumenische Potenzial dieses Festes erkennen, wertschätzen und es deshalb gerne mitfeiern können; auch wenn es keinen biblischen Beleg für die Himmelfahrt bzw. die Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel gibt.
Weil ein Beleg fehlt, greift das Evangelium der heutigen Messe auf die Heimsuchung Elisabeths durch Maria zurück. Das mag zunächst überraschen: Wir feiern Maria in der Herrlichkeit des Himmels und begegnen ihr im Evangelium beim Dienst an ihrer Verwandten Elisabeth. Doch gerade darin liegt eine zentrale Botschaft des Festes.
Papst Franziskus sagte beim Angelus-Gebet 2023: „Es ist die Liebe, die das Leben in die Höhe hebt. Wir wollen unseren Brüdern und Schwestern dienen, und gerade durch diesen Dienst werden wir aufsteigen.“
Der Weg Mariens zum Himmel führt über die Liebe im Alltag.
Dass das Leben von Maria von liebevollem Dienst geprägt und ausgefüllt war, ist biblisch deutlich belegt: Ihre Bereitschaftserklärung gegenüber dem Engel, ihr mutiges Aufbrechen, ihr sich Fügen in der Zeit von Verfolgung und Flucht bis hin zu allen Begegnungen mit ihrem Sohn.
Maria liebt ihn, liebt ihre Familie, liebt für sich und andere wider alle Zweifel, gesellschaftliche Enge und negativen Impulse.
Das heutige Fest lehrt uns also, am Beispiel Marias, der einfachen Frau aus dem Volk, dass der Weg in den Himmel ein Weg der Liebe ist. Wenn Maria für uns „nur“ – in deutlichen Anführungszeichen gesetzt – eine einfache Frau aus dem Volk ist, ist diese Haltung besonders. Wenn Maria „im ersten Augenblick ihrer eigenen Empfängnis durch ein besonderes Gnadengeschenk Gottes vor jedem Flecken der Erbsünde bewahrt blieb.“, verkommt ihr mutiger Dienst und ihr konsequenter Weg der Liebe zu einer logischen unfreien Konsequenz. Das finde ich schade! Beschädigt es doch eher Marias mutiges Agieren und ihr liebe- und vertrauensvolles Verhältnis zu Gott. Doch gerade darin – davon bin ich überzeugt – liegt der Kern ihres Vorbildseins für uns einfache Menschen aus dem Volk.
Das Evangelium zeigt noch eine zweite Besonderheit Marias, die ihr nach einem erfüllten Leben den Weg zum Himmel eröffnete, vielleicht sogar schon im Leben ermöglichte: ihre Haltung zum Lobpreis.
Kaum ist Maria bei Elisabeth angekommen, dankt sie Gott für das, was er in ihrem Leben getan hat: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. (…) Denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“
Hier greift Maria, die junge jüdische Frau, auf den Propheten Jesaja zurück. Sie zitiert ein uraltes Lobpreisgebet ihrer Tradition und bezieht es auf sich. Und das ist das besondere!
Maria repetiert nicht einfach nur alte Gebete, überlieferte Traditionen. Sie aktualisiert den alten Lobpreis, holt ihn in die Gegenwart, spricht sich selbst und anderen Mut zu, indem sie es wagt sich selbst in eine Beziehung zu bringen mit dem alten ewigen und oft so fern erscheinenden Gott.
„So ein Lobpreis ist wie eine Leiter: Er hebt die Herzen in die Höhe“, sagte Papst Franziskus. Wer dankt und Gott lobt, baut eine Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, zwischen frommer Hoffnung und nackter Lebensrealität.
Liebe Schwestern und Brüder auf dem Weg
Mit ihrem ganzen Leben und Sein möchte Maria Gott groß machen. Das zeigt sie in ganz vielen Momenten ihres Lebens, von denen uns die wichtigsten überliefert sind. Und obwohl sie sich so klein macht und fügt, wird sie dadurch selbst nicht kleiner. Im Gegenteil.
Papst Benedikt XVI. predigte anlässlich dieses Hochfestes, ganz von Augustins Gnadenlehre und Menschenbild erfüllt: „Wenn Gott groß ist, sind auch wir groß.“
Gott nimmt uns nichts von unserer Freiheit und unserem Lebensraum. Schon gar nicht, wenn er uns einlädt ihm zu dienen. Seine Gegenwart weitet unser Leben. Sein Ruf lässt uns aufblicken und lenkt uns zielstrebig dem Himmel entgegen.
Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel zeigt daher allen Menschen guten Willens einen Weg zu Gottes wunderbaren Himmeln: dienen und loben, lieben und danken.
Christus ist der Weg; Maria ist ihn uns als Vorbild vorausgegangen; Gott selbst begleitet uns auf ihm.

Rémi Walle / unsplash