gott.VERTRAUEND unterwegs
Es gilt das am 25. Oktober 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on October 25, 2026, at St. Augustinus, Berlin.
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn.
Das neue Semester ist noch jung und sicherlich sind viele Eindrücke noch neu: der erste Hiwi-Job, eine neue Stadt, eine neue WG, neue Vorlesungen, Themen oder Professor*innen…
Das Neue ist da, fordert uns heraus und wir müssen uns arrangieren. Bei so manchem Neuen, was über euch hereingebrochen ist, schwingt vielleicht sogar die Frage mit: Wer will ich eigentlich sein in dieser Welt?
Alles ist in Bewegung, vieles ist im Umbruch, so einiges in der Krise. Das kann verdammt aufregend sein, aber manchmal macht es auch Angst. Es braucht Mut, sich auf Fremdes und Neues einzulassen – im Kleinen, wie im Großen.
Und mitten in diesem Chaos aus Erwartungen, Ansprüchen und Möglichkeiten fragen wir uns: Wo ist eigentlich mein moralischer Kompass? Woran halte ich mich fest, wenn die Orientierung verloren geht?
Die Texte des heutigen Sonntags geben uns drei ganz konkrete Werkzeuge für genau diese Suche an die Hand.
Die erste Lesung aus dem Buch Exodus startete gleich radikal politisch und sozial. Gott sagt da ganz direkt: „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.“
Das ist die Aufforderung Gottes zu absoluter Offenheit, welche aber die eigene Geschichte reflektiert. Es ist leicht, sich in der eigenen Komfortzone zu verschanzen, nur mit Leuten abzuhängen, die genauso ticken wie wir.
Aber echtes Wachstum passiert da, wo wir dem Fremden begegnen.
Gott erinnert uns daran: Wir alle waren schon mal irgendwo die „Neuen“. Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, unsicher zu sein. Offenheit für Neues – für andere Kulturen, andere Lebensentwürfe, neue Ideen – ist kein optionales Extra für Gutmenschen. Es ist das Fundament unseres Glaubens. Gott begegnet uns oft genau in dem Menschen, der anders ist als wir. Teils durch abgrenzende Schärfung des Eigenen, aber mehr durch bereichernde Erkenntnis.
Aber wie schaffen wir das, ohne den Halt zu verlieren und ins beliebige Taumeln zu geraten?
Paulus schreibt im Brief an die Thessalonicher voller Stolz darüber, wie diese junge Gemeinde, trotz großer Bedrängnisse, zu einem Vorbild für alle geworden ist.
Warum? Weil sie einander vertraut haben. Sie haben den Glauben nicht nur im stillen Kämmerlein gelebt, sondern als lebendige Gemeinschaft, die zusammenhält, selbst in der Krise – ohne Gezicke, Rückzüge und Erpressungen und offen ist für die Anfragen der „Neuen“.
Wir Christinnen und Christen – ganz speziell – brauchen in Zeiten der Veränderung dieses Vertrauen untereinander. Keine oberflächlichen Follower-Zahlen, sondern Menschen, bei denen wir „wie“ sein dürfen, bei denen wir die Maske fallen lassen können.
Menschen, die uns spiegeln, wenn wir uns verrennen, und die uns auffangen, wenn wir scheitern. Menschen, die uns Impulse geben und die eigene Blindheit hinterfragen. Menschen, die unsere Zweifel mittragen und Perspektiven großzügig teilen. Vertrauen wächst da, wo wir füreinander da sind und gemeinsam darauf vertrauen, dass Gott mitgeht.
Dass man trotzdem vorsichtig sein muss, erfahren wir im Evangelium. Da versuchen die religiösen Experten Jesus wieder einmal mit einer komplizierten Frage aufs Glatteis zu führen: „Was ist das wichtigste Gebot?“ Sie lebten eingeengt von Traditionen, die keiner mehr verstand und befolgten hunderte von Regeln – geschriebenen und ungeschriebenen. Man verlor leicht den Überblick. Diskussionen um den rechten Weg und die echte Wahrheit dominierten jede Begegnung, hemmten Entwicklungen und führten unweigerlich zu Verletzungen auf allen Seiten.
Jesus wusste darum. Er antwortet kurz und brennend scharf: Du sollst Gott lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst. Bäm.
Du sollst Gott lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst.
Das ist das christliche GPS.
Es geht nicht um starre Paragrafen. Unser Kompass ist die Liebe. Sie eicht unseren Blick. Wenn du vor einer schweren Entscheidung stehst und dich fragst, was richtig ist, leg dieses Raster an: Fördert meine Entscheidung das Leben und die Würde des anderen? Gehe ich gut mit mir selbst um? Und spiegelt das Gottes Liebe wider, wie ich sie erfahren habe?
Wenn ja, bist du auf dem richtigen Weg.
Daher, liebe Geschwister der Hoffnung, als Fazit:
Wenn ihr aus dieser Versöhnungsfeier hinausgeht, rüber zum Get-together oder auch morgen wieder in euren Alltag startet, in das Neue und Ungewisse:
Packt den Kompass der Liebe aus und nutzt ihn.
Macht die Augen auf für die Menschen am Rand und für das, was euch fremd ist.
Und baut an Orten des Vertrauens, an echten Gemeinschaften, mutig weiter in die Zukunft.
Gott fordert uns nicht auf, fehlerfrei zu sein. Er fordert uns auf, liebend und mutig unterwegs zu sein und zu bleiben.
Amen.

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