Jessica Da Rosa / unsplashBild: Jessica Da Rosa / unsplash

Reden ist Silber, Handeln ist Gold!

© Nicole Oster
Es gilt das am 27. September 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on September 27, 2026, at St. Augustinus, Berlin.

Man lässt keinen Menschen ertrinken! Punkt.
Diese Aussage fiel auf dem ev. Kirchentag 2019 in Dortmund und passt gut zu diesem Sonntag. Denn heute begeht die kath. Kirche den Welttag der Migranten und Flüchtlinge. Dieser Tag erinnert uns daran, dass keiner von ihnen eine Nummer ist, sondern eine Person mit einem Namen, einer Geschichte und einer unantastbaren Würde. Und dass wir als Christ*innen aufgerufen sind zu handeln, uns im Sinne der Nächstenliebe für einen würdigen Umgang mit Migranten und Flüchtlingen einzusetzen.
Denn Reden ist Silber und Handeln ist Gold!
Und das passt meiner Meinung nach auch ganz gut zum Evangelium von heute.
Jesus erzählt das Gleichnis von den zwei Söhnen im Weinberg. Einer sagt ja und geht doch nicht arbeiten, der andere sagt nein, bereut und geht doch in den Weinberg. Der eine Sohn überwindet sein Nein, was Mut kostet, während der anderen sein Nein hinter einem empathisch gesprochenen Ja versteckt.
Und über allem steht die Frage, wer den Willen des Vaters erfüllt hat.
Ziemlich klar: Weinbergsbesitzer -> Gott. Was Gottes Wille ist, ist schon unklarer, aber mit Nächstenliebe, Reich Gottes auf Erden mehr verwirklichen, und im Blick auf den heutigen Tag, Menschen in Not helfen, liegt man ganz gut.
Schauen wir genauer auf die beiden Söhne.
Das ist der Sohn, der zum Vater sagt, ja Herr und sein Wort nicht hält.
Ich kann große Reden schwingen und toll von Ideen für Nächstenliebe, sozialen Projekten erzählen, aber wenn es nur beim Erzählen bleibt oder meine Taten sogar in die andere Richtung gehen, dann bringt das gar nichts und geht am Willen Gottes vorbei. Und Beispiele dafür gibt es genug. Ich denke an christliche Influencer, die ihr christliches Leben teilen und viel erzählen, was für sie wichtig am Christentum ist und vor allem, was das richtige Christentum ist, und das Ergebnis ist meistens nichts, zumindest keine konkrete Tat, und zur Nächstenliebe trägt das herzlich wenig bei, vielmehr zur Spaltung. Oder Organisationen, Personen, die betonen, dass sie christlich sind und deren Aktionen das Gegenteil von Nächstenliebe zeigen. Wenn Migrationspolitik sich gegen Menschen richtet, Grenzen geschlossen werden und Abschiebungen in unsichere Herkunftsländer durchgesetzt werden. Da setze ich hinter das christlich ein großes Fragezeichen. das C als Deko.
Der andere Sohn dagegen sagt: „Ich will nicht“, bereut und geht doch in den Weinberg. Er erfüllt den Willen des Vaters. Und es kostet Mut, sich seinen Fehler einzugestehen, zu bereuen.
Mir ist dieser Sohn sehr sympathisch, nicht nur, weil er handelt, sondern weil er Größe zeigt und seinen Fehler erkennt. Er merkt, dass es besser wäre, wenn er doch in den Weinberg geht. Und er macht darum nicht viele Worte, keine große Entschuldigung oder so, sondern geht einfach arbeiten.
-> Am Ende zählt das Ergebnis – nicht, wer am lautesten über seine guten Taten spricht, seinen großen Vorhaben berichtet- sondern wer handelt und damit am Himmelreich mitbaut.
Und Jesus sieht den zweiten Sohn. Mit seinem anfänglichen Nein, seinem Bereuen und seiner Reaktion darauf, nämlich in den Weinberg zu gehen. Jesus sieht uns, mit unserer Unperfektheit und er sieht, wo wir uns umentscheiden. Aus unserem Nein doch ein Ja, ein Handeln wird. Dass da jemand ist, der mich sieht und die Fragen, die ich mir stelle, der mich nicht nach dem ersten Sehen beurteilt, sondern weiter, tiefer schaut.
Denn im Himmelreich ist Platz für alle – nicht nur für die Perfekten, die alles richtig machen oder meinen, dass sie es durch ihr Reden, ihren Status verdient hätten. Dort ist Platz für alle: die erst Nein sagen und sich dann doch entscheiden zu handeln; die sich nicht trauen zu handeln, aber mit Worten von Nächstenliebe erzählen; und die, bei denen das Hand in Hand geht. Bei Gott ist für alle Platz, die in seinem Willen handeln und auch bereit sind, umzukehren.
Klar, am besten ist es natürlich, wenn Wort und Tat übereinstimmen. Wenn es auf eine produktive Sitzung eine direkte Umsetzung der Beschlüsse folgt, oder Menschen, Organisationen, die sich christlich nennen auch so handeln, sich für Nächstenliebe einsetzen. So wie die Resolution „Wir schicken ein Schiff“ vom Kirchentag 2019. Daraus ist UnitedforRescue entstanden. Ein breites Bündnis von christlichen Gemeinden, Pfarreien, Einzelpersonen, das sich für Seenotrettung einsetzt. Hier stimmen Wort und Tat überein. Und was mich auch an dem Sohn positiv anspricht, ist das Handeln allgemein. Denn ein wichtiger Teil ,(mindestens genauso wichtiger Teil wie Verkündigung und Liturgie) der Kirche ist die diakonia, also die das Handeln im Sinne der Nächstenliebe. Klar, man weiß nicht, wie genau die Arbeit im Weinberg aussieht, aber für mich spricht daraus, dass für Jesus das Handeln im Sinne des Reiches Gottes, das Handeln aus Nächstenliebe wichtiger ist, als fromm reden. Und das sehe ich auch in den vielen Begegnungen Jesus mit den Menschen.
Es ist nicht immer einfach, dass Wort und Tat übereinstimmen. Aber ich kann es immer wieder neu versuchen, mich fragen, stimmen meine Handlungen und Wort überein- erfülle ich damit den Willen Gottes? Kommt dadurch mehr Nächstenliebe in die Welt?
Diese Frage müssen wir uns alle stellen, ob Papst oder Gemeindereferentin, Bischof oder Ehrenamtlicher im Pfarreirat, Priester oder Pastoralreferentin. Egal ob mit bischöflicher Sendung oder ehrenamtlich unterwegs. Damit wir im Optimalfall, wie der dritte Sohn sind, den ich einfach mal hinzufüge, bei dem Wort und Tat übereinstimmen.
Eine Hilfe, wie wir als Christen handeln sollen, gibt uns Paulus im Brief an die Gemeinde in Philippi.
„Dass ihr einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig seid“. Ermahnung und Zuspruch an die Gemeinde in Philippi damals und an uns heute.
„Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der Anderen.“.
Den anderen Menschen sehen und erkennen, dass deren Wohl ebenso zählt wie meines. Jeder Mensch ist gleich an Würde und jeder verdient Wertschätzung.
Und wir sicher sind, hier ist jede*r willkommen.
Paulus ermahnt uns, offen zu sein, uns und unsere Handlungen als Gemeinde und einzelne Gemeindemitglieder zu hinterfragen. Handeln wir nach unserem eigenen Interesse, finden fremde Menschen einen Platz bei uns und ist unsere Gemeinde in Liebe verbunden?
Wir sind nicht immer einer Meinung- das ist voll normal.
Streiten gehört dazu und ist auch wichtig für Beziehungen. Das wussten Jesus und Paulus sehr gut.
Aber wir stehen auf dem gleichen Fundament. Das ist das Wichtigere. Zu wissen, dass es uns um die gleiche Sache geht! Das Evangelium zu verkünden, in Wort und Tat, Gemeinschaft zu sein und uns für Menschenwürde einzusetzen. Ich musste da auch an ein Zitat von Fr. Roger, dem Gründer von Taizé, denken:
„Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast- und wenn es noch so wenig ist, lebe es!“
Vor Gott zählt jede Tat, die von Nächstenliebe erzählt, die Gemeinschaft stiftet und Menschen in ihrer Würde stärkt, alles, was das Himmelreich sichtbar macht, ganz egal, wie groß oder klein unsere Handlung sein mag.
Für mich zeigt sich das auch in dem Ende der Lesung, die mit dem, wie ich finde, wunderschönen Philipperhymnus endet.
„Sei untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesu entspricht:
„Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“.
Jesus macht sich klein, erniedrigt sich und wird uns Menschen gleich, um uns ganz nahe zu sein, damit wir mit ihm groß werden. Ich finde das eine krasse Wertschätzung des Menschseins. Für Gott, für Jesus sind wir so wertvoll, dass er uns ganz nahe sein will, sich klein macht und zeigt: Ich bin euch nahe und mache euch frei. Denn durch seinen Tod und seine Auferstehung sind wir mit ihm erhöht und frei.
In dieser Freiheit sind wir gesandt, den Willen Gottes zu erfüllen, in Wort und vor allem Tat und das zu leben, was wir vom Evangelium verstanden haben.
Amen!