Zwischen Tradition und Neuaufbruch
Es gilt das am 23. August 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on August 23, 2026, at St. Augustinus, Berlin.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
In Antiochien wurden die Jünger zum ersten Mal Christen genannt. Das geschah in den Jahren zwischen 40 und 45. Also mindestens sieben Jahre nach Tod und Auferstehung Jesu, nach Angst, Pfingsten und Neuorientierung. Mindestens sieben Jahre nach Aufbruch und Missionsbeginn. Ja, manches braucht Zeit. Besonders Veränderungen brauchen Zeit.
Wenn eine Naturkatastrophe, wie ein Erdbeben, ein Tsunami oder ein Tornado zuschlägt, dann kommt die Veränderung zu schnell. Wir werden erschüttert. Emotionen überwältigen uns. Erwartungen werden durcheinandergewirbelt.
Aber wenn Veränderungen mit Vorankündigung geschehen, dann können wir uns darauf einstellen. Wir können uns vorbereiten. Wir können Vertrauen aufbauen, zusammenkratzen was da ist an Glaube, Liebe, Hoffnung.
Von all dem erzählen uns die heutigen Lesungen.
Es beginnt mit der Ankündigung Gottes an den Palastvorsteher Schebna. Er war einer der mächtigsten Männer seiner Welt. Er trug wertvolle Kleider und viele Auszeichnungen, damit jeder seine machtvolle Stellung sehen konnte. Er verwahrte die Schlüssel, öffnete und schloss Tore und Türen der Stadt, der öffentlichen Gebäude, des Palastes. Er fühlte sich wichtig, erhaben über die Meinungen und Erwartungen der einfachen Leute. Maximal dem König war er unterstellt. Doch der war fern, oft nicht da, vertraute seinem Palastvorsteher und darauf, dass alles gut ablaufen würde.
Diese Sicherheit stört Gott!
„Ich werde dich von deinem Posten stoßen und dich aus deiner Stellung reißen.“ Ob wir hier einen gewaltvollen unfairen Gott erleben oder einen milden Vater liegt wie so oft am eigenen Gottesbild.
Die Botschaft ist jedoch klar: Fühle dich in deiner Welt nie auf ewig sicher! Hüte dich vor falscher Sicherheit! Bleibe offen für Gottes Entwicklungen!
Das Evangelium knüpft hier direkt an:
„Für wen halten die Menschen den Menschensohn? (fragt Jesus seine Jünger und) sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elíja, wieder andere für Jeremía oder sonst einen Propheten.“
Dieses rein Wiedergekäute genügt Jesus nicht. Deshalb fragt er weiter:
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“
Da diesmal nicht die Jünger als Sprechende auftreten, sondern nur Petrus, dürfen wir vermuten, dass die anderen schwiegen, verunsichert waren, überfordert von Jesu Frage nach der persönlichen Meinung. Kurzum: nicht bereit für eine Veränderung. Nur Petrus ist so weit. In ihm ist etwas gewachsen.
Petrus ist hier nicht der superkreative Inventor. Denn, ich erinnere euch daran, als Petrus von seinem Bruder Andreas berufen wird, Jesus kennenzulernen und ihm nachzufolgen, da sagt Andreas seinem Bruder genau das: „Wir haben den Messias gefunden.“
Doch in der heutigen Perikope macht Petrus etwas ganz Entscheidendes, was für das Selbstverständnis und für die Zukunft der Jüngerschaft Jesu von herausragender Bedeutung sein wird:
Er übersetzt das hebräische Wort „Messias“ und damit die gesamte jüdische Bedeutung in eine neue Sprache und noch dazu in die aktuelle Realität, in der die Jünger sich gerade befinden.
„als Jesus in das Gebiet von Cäsaréa Philíppi kam“. Dort sprach man Griechisch und Latein, lebte eine eher unjüdische Kultur.
Der einfache jüdische Fischer vom See Genezareth, Simon Bar Jona, der als Sohn seines Vaters definiert wurde, Bar Jona, Sohn des Jona, und als Berufener durch seinen Bruder auftrat, wird zum lateinischen und damit römischen Petrus, zum Felsen auf dem Jesus seine Kirche erbaut sehen will. Hier schimmert der pfingstliche Missionsauftrag durch!
Jesus will die Verwurzelung im Alten. Aber noch mehr will er den mutigen und offenen, den toleranten und selbstbewussten Aufbruch ins Neue. Worte schaffen Realität!
Liebe Mit-Suchende,
Veränderungen gehören zum Leben dazu. Sie machen unsere Welt aus und müssen auch unseren Glauben ausmachen. Das lehren uns die Texte dieses 21. Sonntages.
Was wir binden, wird gebunden sein. Was wir lösen, wird gelöst sein. Aber nur, wenn wir in Jesu und Petri Schuhen stehen: die Zeichen der Zeit lesend die Traditionen neu bewerten und für andere mutig und voller Gottvertrauen ins Neue hinübergehen.
Lasst uns in diesem Sinne miteinander Christen sein!

Mario Dobelmann / unsplash