Neues und Altes aus dem Schatz des Himmelreichs
Es gilt das am 26. Juli 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on July 26th, 2026 at St. Augustinus, Berlin.
Liebe Brüder und Schwestern im Glauben,
das eben gehörte Evangelium war der Abschluss der sogenannten Gleichnisrede Jesu. Aus ihr hatten wir bereits die letzten beiden Sonntage als Evangelien gehört.
Darin verglich Jesus das Reich Gottes mit dem verschwenderischen Aussäen Gottes ohne dabei Rücksicht zu nehmen auf die Beschaffenheit des Bodens. Es folgte das Gleichnis vom Senfkorn, das das höchste Potenzial zum Wachsen hat. Wir erinnern auch das Gleichnis vom Sauerteig, auf das wir uns fragen konnten: was durchsäuere ich mit Hoffnung?
Im heutigen Abschnitt hörten wir drei weitere Gleichnisse vom Reich Gottes: der Schatz im Acker, die schöne Perle und der übergroße Fischfang. Alle drei mögen wieder wenig mit unserem Alltag zu tun haben, doch wirken ihre bildhaften Worte fort, lassen sich gut adaptieren auf unser aller Leben und Situation.
Beim Schatz im Acker finde ich es sehr beeindruckend, dass der Mann auf einem fremden Acker sucht und dort unverhofft sein Glück findet. Im übertragenen Sinn darf das also bedeuten, dass wir unsere Komfortzone verlassen müssen, um das Reich Gottes zu finden?
Unser Gott ist ja ein Gott der Weite und der Freiheit. Da finde ich es wenig überraschend, wenn er uns dazu einlädt, out-of-the-box zu denken und zu handeln.
Auch, dass er den Mann bedächtig sein lässt, finde ich sehr stimmig. Gott will keinen Diebstahl oder vorschnellen Aktionismus, der dann umso schneller wieder abflaut, wenn die Probleme des Alltags sich einstellen.
Unser Gott hat einen langen Atem – von Ewigkeit zu Ewigkeit – und will uns mit hineinnehmen in seine geduldige Ruhe und nachhaltige Handlungsweise. Still und gewissenhaft zu dienen, lebt Gott uns vor, immer wieder. Die lauten, schrillen Unheilspropheten entlarven sich also mit ihrem Tun selbst. Das Reich Gottes ist ein Reich der lebendigen Beschaulichkeit.
Im Gegensatz zum Ackerkäufer agiert der Kaufmann im zweiten Gleichnis ohne dabei große Freude zu erleben. Ob der Evangelist es bewusst oder unbewusst nur dem einen zugeschrieben hat, weiß ich nicht, finde ich aber spannend.
Das Reich Gottes darf also auch emotionslos gefunden werden?
Auch dass der Perlenhändler „schöne Perlen“ sucht und dabei eine „besonders wertvolle Perle“ findet, macht mich neugierig. Ist das Reich Gottes vielleicht weniger schön als wertvoll? Oder ist alles Schöne zugleich wertvoll? Gott kann doch nicht so oberflächlich sein, oder?
Und beim dritten Gleichnis fischt Jesus – im wahrsten Sinne des Wortes – in seinem Terrain. Er war zwar Zimmermann, aber die meisten seiner Freunde waren Fischer. Für sie bedeutete so ein volles Netz wirtschaftliche Sicherheit, einen guten Tag und das Aussortieren war natürliche Arbeit.
Hier macht Jesus noch einmal klar, dass nicht sie als (Menschen-)Fischer für das Aussortieren zuständig sind, sondern Gott selbst seine Engel senden wird. Im Reich Gottes richtet nur ER; nicht wir! Das sollte Kirche sich immer vor Augen halten…
Am bedeutsamsten für uns Christinnen und Christen finde ich jedoch das vierte und letzte Gleichnis, das so versteckt daherkommt. Wir überhören es vielleicht vorschnell, weil wir noch am Schreckensbild von „Heulen und Zähneknirschen“ hängen. Aber es steht da, gehört ganz klar zur Gattung der Gleichnisse und dient erstmals uns, die wir mit 2000 Jahren Kirchengeschichte auf dem Buckel am Reich Gottes mitbauen. Vers 52 lautet:
„jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.“
Die Schrift zu kennen, ist also eine Grundvoraussetzung zum Verständnis des Reiches Gottes. UND: man muss ein Jünger respektive eine Jüngerin des Himmelreiches geworden sein. Und wenn dieses zusammenfällt, dann wird man zum Hausherren respektive zur Hausdame. Aber damit noch nicht genug: man wird zu einer besonderes Führungskraft! Nämlic zu jemanden, der aus dem was er hat – Wissen über die Schrift und Verständnis vom Reich Gottes – aus diesem Schatz, holt man Neues und Altes hervor. Neues und Altes. Nicht Altes und Neues. Neues und Altes. Wow! Was für ein Schlusswort, hm?
Also, liebe Schwestern und Brüder der Hoffnung,
lasst uns lernen, was in der Schrift steht und lasst uns erkennen, wie Gottes Reich aussieht. Wie es aus der kleinsten Geste heraus wächst und gedeiht für einen selbst und andere, wie wir Hoffnung einpflanzen können als Sauerteig des Herrn und dass wir alles wachsen lassen sollen, ohne vorschnell einzugreifen.
Gott sät großzügig was sein Reich ausmacht und es wächst mitten unter uns. Nehmen wir das Neue wahr und holen wir zudem auch das Alte hervor. Nicht um es gegeneinander aufzuwiegen, sondern um bei allen Menschen die Einsicht zu wecken: Gott ist immer bei uns und hört auf die aufrichten Bitten eines weisen und hörenden Herzens. Das schenke euch Gott!
Amen.

Michael Dziedzic / unsplash