Gary Meulemans / unsplashBild: Gary Meulemans / unsplash

Treffpunkt Brunnen

© Nicole Oster
Es gilt das am 8. März 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.
As delivered on 8 March 2026 at St. Augustinus, Berlin.

Liebe Gemeinde,

kennen Sie so Gespräche, in denen man komplett aneinander vorbeiredet?

Irgendwie spricht man schon vom selben Thema, aber auf sehr unterschiedlichen Ebenen; oder Gespräche, bei denen man einfach nicht versteht, was der Gesprächspartner einem sagen möchte. Ich hatte mal eine Prüfung in Philosophie, bei der ich einfach nicht die Fragen vom Prüfer verstanden habe und echt ein paar Mal nachfragen musste. Hat zum Glück für’s Bestehen gereicht.

So ist es auch bei dem Gespräch von Jesus und der Samariterin, von dem wir im Evangelium gehört haben. Es ist ein Gespräch voller Missverständnisse und Kommunikation auf unterschiedlichen Ebenen. Ich habe diese Geschichte schon oft gehört oder gelesen, doch bei der Vorbereitung der Predigt ist mir deutlich geworden, wie genial Johannes dieses Gespräch komponiert hat.

Da ist einmal der Ort. Brunnen waren zentrale und wichtige Orte für Dörfer. Dort traf man sich, tauschte sich aus, es waren soziale Orte. Die Frau geht in der Mittagszeit zum Brunnen, eine ungewöhnliche Zeit, die etwas über ihren Stand im Dorf aussagt. Sie steht am Rand, ist von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Dann kommt Jesus zum Brunnen und beginnt ein Gespräch mit der Frau. Das ist in mehreren Punkten besonders. Zum einen, dass auch Jesus in der Mittagszeit zum Brunnen geht, er muss bewusst die Frau treffen wollen und es ist das längste Gespräch Jesu im Johannesevangelium, und das nicht nur mit einer Frau, sondern mit einer Frau aus Samarien. Samariter und Juden waren zu der Zeit miteinander zerstritten und pflegten keinen Umgang miteinander.  Schon diese Feststellungen zu Anfang zeigen, dass dieses Gespräch besonders ist.

Dabei reden sie auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Die Frau denkt praktisch: Da kommt jemand, zum Brunnen, es ist heiß, er möchte also etwas zu trinken haben – logisch. Jesus dagegen redet metaphorisch vom Wasser, nämlich vom Wasser des Lebens. Und es ist nicht Jesus, der Durst hat, sondern er möchte den Durst der Frau nach Mehr, nach einem Leben in Fülle stillen.

Dieses Gespräch ist voller Missverständnisse und einfach grandios komponiert von Johannes. Dann kommt es zum Wendepunkt, als Jesus von sich als lebendigem Wasser spricht und die Frau nach ihrer Vergangenheit fragt. Und die Frau öffnet sich ihm, sie spürt das Vertrauen.

Die 5 Männer der Frau können wörtlich verstanden werden, dass sie mehrere Männer hatte und als verschiedene Götter, bei denen sie hoffte, ihre spirituelle Sehnsucht stillen zu können. Die Frau erzählt ohne Scham von ihrer Vergangenheit und Jesus verurteilt nicht.

Das Vertrauen Jesu, seine Offenheit, sein Nicht-Verurteilen der Frau führen zu ihrem Bekenntnis „Ich weiß, dass der Messias kommt“ und sie wird zur Glaubensbotin, zur Apostelin. Denn sie verkündet dem Dorf von Jesus, und alle kommen zu Brunnen und damit zum Glauben an Jesus.

Für mich ist das Besondere dieser Perikope, dass Jesus einfach da ist. Allein sein Dasein und zuhören, sein Nicht-Verurteilen, reicht, dass die Samariterin sich öffnet, sich ihm anvertraut und ihre Sehnsucht erkennt.

Jesus ist es egal, dass sie Samariterin ist, dass sie eine Frau ist, wie ihr Ansehen im Dorf ist und wie ihre Vergangenheit aussieht. Ihm geht es um den Menschen. Die Sehnsucht, die in einem steckt.

Darin steckt für mich Hoffnung. Hoffnung, wie wir in der Lesung gehört haben.

„Denn die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen.“

Für mich zeigt sich hier die Hoffnung, dass da jemand ist, der mich kennt und liebt, mit all meinen Ecken und Kanten, und bei dem ich sein kann, wie ich bin, mit meinen Fehlern und meiner Sehnsucht. Der mich ermutigt, mir diese Fragen zu stellen:

  • Was ist meine Sehnsucht?
  • Wo kann ich sein, als Person mit all meinen Ecken und Kanten?

Sich diese Fragen zu stellen, erfordert Mut, Ausdauer, sich selbst Fragen zu stellen, nach den Wünschen fürs Leben, im Blick auf Studium, Beruf, Beziehungen,…

Auf Social Media ist gerade „and for the Lady perhaps“ ein kleiner Trend.

So wie „and for the lady perhaps the fall of the patriarchy“ oder „for the lady perhaps an Iced latte and the next book of her favorite series“. Das ist natürlich erstmal witzig, ironisch gemeint, aber ich finde, da steckt mehr drin. Was wünsche ich mir, nach was sehne ich mich? Vielleicht ist es eine Idee, diese Fragen mit in die Woche zu nehmen und zu überlegen, was ich Jesus am Brunnen erzählen würde.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Jesus am Brunnen unserer Zeit, im Café, oder am S-Bahnhof sitzt und fragt „and for the lady/men/human perhaps?“

Was würdest du antworten?

Amen.