Mostafa Meraji / unsplashBild: Mostafa Meraji / unsplash

Predigt am 18. Januar

© P. Felix M. Meckl OSA
As delivered on January 18, 2026, at St. Augustinus, Berlin.
Es gilt das am 18. Januar 2026 in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Studierende, liebe Gemeinde,
Schwestern und Brüder im Glauben,

es ist die Messe vor unserer Gemeindeversammlung. Gemeindeversammlung ist ein besonderer Moment. Wir kommen nicht nur zusammen, um Entscheidungen zu treffen oder Berichte zu hören. Vielmehr versammeln wir uns als Gemeinde um uns neu zu vergewissern:

Warum sind wir eigentlich hier? Was macht mich und uns aus?
Was trägt uns – als Gemeinde, als Studierende, als Hauptamtliche, als Einzelne?

Die Texte, die uns die Leseordnung vorgab, führen uns mitten hinein in diese Fragen.

1. „Du bist mein Knecht“ – Berufung ist Geschenk (Jes 49,3–6)

Im Buch Jesaja hörten wir Worte, die zunächst sehr persönlich klingen: „Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich meine Herrlichkeit zeigen will.“ Sie zeigen uns, dass Berufung nicht mit Leistung beginnt, sondern mit Zuspruch. Gott spricht zu, zeigt sich zugewandt, bevor etwas getan wird. Und dann kommt dieser überraschende Satz: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist … ich mache dich zum Licht der Nationen.“

Ja, dieser Gott denkt größer, als wir selbst von uns denken; will uns dabei aber nicht überfordern. Trotz aller Erfahrungen von Zweifel, Überforderung, Unsicherheit, das Gefühl, nicht zu genügen. Gott will mich genau so!
Jesaja verschweigt diese Spannung nicht. Auch er kennt das Gefühl, sich scheinbar vergeblich abzumühen.

Doch Gott sagt: Dein Leben ist nicht umsonst. Deine Berufung ist größer als dein momentanes Empfinden. Du bist mir wichtig, von Anfang an.

Für uns als Gemeinde heißt das: Wir sind nicht Selbstzweck. Und für euch als Studierende heißt es: Ihr seid mehr als euer Studiengang, eure Noten, eure Zukunftspläne oder die Menge eures Engagements.
Gott hat euch im Blick – und durch euch andere.

2. „Berufen zum Heiligsein“ – Gnade trägt Gemeinschaft (1 Kor 1,1–6)

In diesem Verständnis schreibt Paulus an seine Gemeinde in Korinth, die alles andere als perfekt ist: Spannungen, Streit, moralische Konflikte, Konkurrenz – vieles, was wir auch heute kennen. Und doch beginnt Paulus nicht mit Kritik, sondern mit Dank: „Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes.“
Das ist bemerkenswert!
Und ich glaube, ich spreche für meine beiden Kolleginnen und auch für die Gemeinderatsmitglieder: „Wir danken Gott und seiner Gnade, dass wir uns und euch haben!“

Gemeinde lebt nicht davon, dass alles stimmt, funktioniert und super groß ist: Gemeinde lebt davon, dass Gottes Gnade trägt, bewusst wird und sich ausbreitet. Paulus erinnert die Korinther daran, wer sie sind, bevor er darüber spricht, was sie tun sollen.

Daher lasst euch sagen: Unsere Einheit als KSG Berlin gründet, nicht in gleichen Meinungen, in Aktionismus oder leeren Traditionen, sondern in der Gnade Gottes.
Als Suchende bringen wir alle Fragen, Sorgen, Unsicherheiten vielleicht auch Zweifel mit. Das ist kein Mangel, sondern Geschenk – aneinander zu wachsen, miteinander zu ringen, füreinander in Christus zu vertrauen.

3. „Siehe, das Lamm Gottes“ – Der Mittelpunkt unseres Glaubens (Joh 1,29–36)

Im Zentrum dieser Dynamik steht das Evangelium aus dem Johannesevangelium. Johannes der Täufer sieht Jesus und sagt: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“

Der Täufer hätte viel über sich selbst sagen können: Er war gefragt, hatte Einfluss bei Groß und Klein, wurde ernst genommen. Aber Johannes weiß: Ich bin nicht das Zentrum. Seine Aufgabe ist es, auf einen anderen hinzuweisen.

Und genau hier liegt der Kern unseres christlichen Glaubens und hoffentlich auch unserer Gemeinde: Wir sollten uns alle nicht zu wichtig nehmen!
Die Demut des Johannes macht nicht klein, nicht schwach, nicht unwichtig.
Die Demut des Johannes lehrt sich selbst wahrzunehmen, sich selbst richtig einzuordnen – niemals unterwürfig, sondern mutig, einheitsliebend, extrovertiert aber immer klar den im Blick, um den es geht: Jesus von Nazareth, unseren Christus.

Im heutigen Evangeliumsabschnitt wird nicht einmal Jesus als Lehrer, als Meister, als Übermensch vorgestellt, nicht als moralisches Vorbild, nicht als Problemlöser, nicht als verehrungswürdiger Gott sondern als Lamm Gottes.

Ein Bild, das von Hingabe spricht, von Verletzlichkeit, von Liebe, die sich schenkt. Er nimmt die Sünde der Welt hinweg – nicht nur individuelle Fehler, sondern das, was Menschen voneinander trennt, was Gemeinschaft zerstört, was Leben klein macht, was uns trennt von ihm und voneinander

4. Von der Beobachtung zur Nachfolge

Liebe Schwestern und Brüder,

Lasst diesen Abend einen Wendepunkt sein!
Lasst Glauben nicht stehen bleiben beim Zuschauen. Lasst ihn Antrieb sein zur Bewegung. Bleibe du nicht nur Beobachter, wage demütig die Nachfolge!

Lasst uns eine gesunde Gemeinde sein, die davon lebt, dass Christus im Mittelpunkt steht, nicht Programme, nicht Strukturen, nicht einzelne Personen.

Gott beruft einen jeden und eine jede von uns ganz individuell (Jesaja),
Gott beschenkt uns als Gemeinde auf dem Weg mit seiner Gnade (Paulus) und
ER ruft uns ganz unterschiedlich in die Nachfolge seines Sohnes Jesus (Johannes).

„Seht das Lamm Gottes!“ und gehen wir mit ihm. Amen.