© Erzbistum Berlin/Jörg FarysBild: © Erzbistum Berlin/Jörg Farys

Kein Sündenbock gesucht

© P. Felix Meckl
Es gilt das am 7. Juni in St. Augustinus, Berlin gesprochene Wort.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
ganz unerwartet werfen die Texte dieses 10. Sonntages im Jahreskreis ein Thema auf, dass mich seit Wochen, ja Monaten, umtreibt. Mein spirituelles Ringen kreist dabei um den Begriff „Opfer“.
Was feiern wir eigentlich, wenn wir das „Opfer Christi“ feiern?
Was tun wir, wenn wir das „heilige Messopfer darbringen“?
Was hat das zu tun mit den unzähligen „Opfern von Krieg und Gewalt, von Mobbing, Betrug und Missbrauch“, die auch in dieser Woche zu beklagen sind?
Kurzum: was meint der christliche Begriff „Opfer“, wenn der Ausruf eines dickhosigen Berliner Jugendlichen erstaunlich lange in einem nachhallt: „Ey, du Opfer!“
Aus den Erfahrungen meines Ringens heraus, kann ich Ihnen und Euch sagen: den Opferbegriff zu diskutieren, sprengt den Rahmen einer Predigt, gar eines Gottesdienstes.
Dennoch will ich es versuchen; auch, weil es mich eben umtreibt. Und es sind die Schlussverse unserer drei Lesungstexte, die dieses schwierige Thema heute aufrufen:
Es begann mit der Selbstaussage Gottes, die uns der Prophet Hosea überliefert hat. Im Vers 6, seines 6. Kapitels spricht Gott durch Hosea zu seinem Volk und damit auch zu uns: „an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“
Gott will Liebe und Gotteserkenntnis und keinen leeren oberflächlichen Opferkult. Als guter Prophet hält Hosea so dem Volk den Spiegel vor und vermittelt lebendiges Wissen um den hier und jetzt anwesenden, schenkenden und fordernden Gott.
„Feiert nicht einfach nur stumpf irgendwelche alten Rituale und lehnt euch dann beruhigt (wenn auch weiterhin unsicher) zurück!“ Gott will Liebe erleben, teilen, zu Teil werden lassen und er möchte als guter Gott mit einem Anspruch erkannt und nicht als erbsenzählender Bürokrat abgestempelt werden.

Dass uns Gläubigen ein solch gnädiger, milder und barmherziger Gott schwer zu vermitteln ist, wird im Evangelium klar. Hier argumentiert Jesus, der Sohn Gottes, der neue Mittler des ewigen Bundes, unser Christus als großer Weisheitslehrer im Streit mit den unverständigen Gesetzestreuen:
„Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“
Dieser Ausruf Jesu klingt schon fast resignierend: „Oh Mann! Leute, ey! Habt ihr es immer noch nicht kapiert? Papa will Liebe und keine Härte!“
So spannt sich also der Bogen eines nicht final ausdiskutierten Opferbegriffes vom antiken jüdischen Opferkult über die bei den Römern verbreitete Opferpraxis bis hinein in die postmoderne Werktagsmesse, wo mit abgezählten Hostien und exklusiven Beschwörungsworten ein unverstandenes Wunder geopfert wird. „Zur Opferung singen wir: Beim letzten Abendmahle“
Damals wie heute ist es Paulus, der versucht zu vermitteln, der sich müht Jesu Rolle und seine Sicht der Dinge klarzustellen gegenüber dem, was schon immer so wahr, was einfach zu glauben und leicht zu verstehen ist:
Der antike Feldherr zog in den guten Krieg und opferte einen Stier damit alles gut ausgehen würde. War er erfolgreich, opferte er zum Dank den besiegten Herrscher. Hat er die Schlacht verloren, opferte er beim parfümierten Festmahl einen Becher Wein für seine getöteten Landsleute.
Wenn der blöde katholische Mopp, wie in fast jeder mittelalterlichen Stadt in Europa, mal wieder Ruhe im Bankkonto haben wollte, massakrierten die Gottgläubigen einfach alle Juden, raubten deren Besitz und bauten als demütigenden Finalschlag ein ach so demütiges Sühneopfer in Form einer gotischen Marienkirche: „Bitt Gott für uns Maria!“
Paulus wirbt um Jesu Verständnis bis heute, wenn er schreibt: „Er wurde stark im Glauben, indem er Gott die Ehre erwies.“ Jesus kannte Gott, daher nannte er ihn Papa. Und Papa ist kein trockener Bürokrat, der seit Jahrtausenden Excellisten befüllt, um irgendwann Schuld und Sühne aufzuwiegen mit bis zur Unkenntlichkeit ritualisierten Opfern.
Weil Jesus Papa kannte, wagte er – wie Abraham – aus Vertrauen in den Gott der Liebe, den Schritt ins Unbekannte. Das ist kein Opfer! Das ist Mut! Das ist Liebe! Das ist Hingabe!
Im Englischen gibt es wenigstens den Unterschied zwischen „victim“ und „sacrifice“: dabei ist victim das Opfer DER blöden Menschheit und sacrifice das Opfer FÜR die blöde Menschheit!
Jesus hat das freiwillig getan! Unser Gott ist nicht so blutrünstig, wie manche ihn sich wünschen. Er schickt seinen geliebten Sohn nicht in den brutalen Tod, nur um seine Liebe zu beweisen.
Viele in der Kirche, gerade auch die charismatischen Neugläubigen, die ach so gern die Hl. Schrift, das wahre Wort Gottes zitieren und einen mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelversen versuchen in ihre eigene Enge zu treiben, poltern immer nur: Römerbrief, Kapitel 4, Vers 25: „Wegen UNSERER Verfehlungen wurde er hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde ER auferweckt.“
Die Abrahamgeschichte, die zu diesem Schlussvers elementar dazugehört, lassen sie großzügig weg. Es ist doch viiiiiel besser, wenn ich anderen Schuld einreden, sie schwach und gefügig halten kann, indem ich sie mit psychischem Druck in eine kleinhaltende Heilsangst zwinge.
Liebe Geschwister der Hoffnung, noch einmal:
„Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“
Jesus war, ist und wird kein Opfer vor Gott! Gott forderte keinen Sündenbock. Im Lamm Gottes, das sich freiwillig zur Schlachtbank auf Golgotha begab und sich zu jeder Messfeier freiwillig auf den Altar legt, schenkt Gott sich hin: weniger, um uns von unseren peinlichen Verfehlungen reinzuwaschen, als vielmehr um uns die Erkenntnis seiner Liebe zu vermitteln.
Jeus Kreuz ist kein Ort der Sühne für einen zornigen Gott, der nur durch Opfergaben zu besänftigen ist. Jesu Handeln ist der absolute Höhepunkt einer bedingungslosen Hingabe aus vertrauender Liebe. Das lasst uns glauben und leben! Amen.