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Spiritualität vs. Aktivität?

Predigt von P. Max Cappabianca OP

Liebe Geschwister im Glauben,

heute haben wir die Geschichte von Martha und Maria gehört. Zwei Frauen, die Jesus bei sich zuhause empfangen: Martha ist beschäftigt und eifrig im Dienst, während Maria sich an den Fuß Jesu setzt und zuhört. Auf den ersten Blick scheint es, als ob Jesus Maria lobt und Marta tadelt. Aber stimmt das?

In der christlichen Tradition ist daraus der Unterschied zwischen aktivem und kontemplativem Leben konstruiert worden. Die Ordensleute waren „besser“, weil sie mehr Zeit dem Gebet widmen können als Normalsterbliche. Aber stimmt das? Meister Eckhart, ein mittelalterlicher Dominikanermystiker hat diese Deutung schon im 12. Jahrhundert in Frage gestellt und darauf hingewiesen, dass es nicht um ein Besser oder Schlechter geht, sondern um das Gleichgewicht zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir in unserem Inneren erfahren. In der christlichen Spiritualität ist beides gleichermaßen wichtig. Das zeigt die Geschichte von Marta und Maria.

Schauen wir zuerst Maria an: Sie sitzt am Fuß Jesu und hört zu. Das ist kein passives Zuhören, sondern ein tiefes, inneres Lauschen auf Gottes Wort. Meister Eckhart beschreibt dieses Lauschen als das „Stillwerden des Herzens“. Wenn wir uns bewusst Zeit nehmen, um Gott zuzuhören, öffnen wir unser Herz für ihn. Unsere Kraft im Leben speist sich daraus, dass wir immer wieder still werden und in Verbindung treten mit dem Urgrund, den wir Gott nennen.

Und dann Martha: Sie ist im Einsatz, sorgt für das Wohl der Gäste und tut, was getan werden muss. Und das ist gut so! Der Dienst ist ihr Ausdruck der Liebe für Jesus. Jesus scheint Martha zu tadeln: „Maria hat das gute Teil erwählt.“ Das bedeutet aber nicht, dass Martha falsch gehandelt hätte. Es zeigt nur: Unser Tun, unser Engagement und Wirken darf nie das Innere des Herzens verdrängen. Es ist wichtig, aus einer tiefen Verbindung mit Gott zu leben, damit unsere Taten echt und fruchtbar werden.

Was heißt das für uns im Alltag? Ganz einfach: Beides braucht es – das Zuhören im Gebet und das konkrete Tun. Ich glaube, das ist es, worauf Meister Eckhart mit seiner Kritik an der traditionellen Interpretation dieser biblischen Erzählung hinweisen wollte. Die Stille des Gebets ist notwendig, aber dieses Gebet wird nur fruchtbar, wenn wir dann nicht passiv bleiben, sondern es umsetzen im Leben. Wenn du aktiv bist, dann tue es aus der Kraft und Liebe, die du aus der Verbindung mit Gott schöpfst.

Dazu möchte ich euch heutige ermutigen: Lebt beides! Nehmt euch regelmäßig Zeit, um still zu werden und die Spuren Gottes im eigenen Leben zu entdecken. Das ist ein kontemplativer Akt, und aus dieser Kontemplation strömt die Kraft für die Aktion! Das Problem ist, wenn das auseinanderfällt! Dann versinken wir entweder in weltfremdem Spiritualismus oder wir verfallen in blinden Aktionismus und verlieren unsere innere Mitte!

Nun spreche ich aus eigener Erfahrung: Das ist alles nicht so einfach! Denn es gibt Lebensphasen, da steht das eine im Mittelpunkt, dann buttert man rein arbeitet und schafft und gibt alles, was man kann; und andere Phasen, in denen man wieder entgegensteuert, und manches wieder loslässt, weil man merkt: Es bringt einen innerlich nicht weiter und man muss sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist manchmal ein ganz schönes Herumeiern, ihr kennt das vielleicht! Aber habt keine Angst: Ich bin davon überzeugt, dass dieses „Herumeiern“ ein Zeichen von Vitalität ist und kein Fehler!

Jesus selbst macht es vor: Wenn wir in den Evangelien lesen, dann gibt es Passagen, in den deutlich wird, dass er aktiv war: Dass er predigte, die Menschen heilte und das Gewühl suchte (Die Speisung der 5000!) Aber es gibt andere Zeiten, in denen er sich zum Gebet zurückzieht und sich noch mal in einer anderen Weise mit Gott verbindet!

Noch einmal: Ist Spiritualität und Aktivität ein Widerspruch? Nein in christlicher Perspektive überhaupt nicht, sondern zwei Seiten einer Medaille! Mich hat in dieser Hinsicht immer das Diktum eines Jesuitenpaters (Michael Schneider SJ) beeindruckt, der mit Bezug auf das Stundengebet eine ganz originelle Sicht uns vermittelt hat.

Ihr wisst ja, dass die Ordensleute und Priester zum Stundengebet verpflichtet sind. Er sagte: Es gibt ein kleines Gebet und ein großes Gebet! Und als wir gefragt haben, was der Unterschied ist, sagte er: Das Stundengebet, die Meditation, die Messe und alle anderen frommen Übungen sind das kleine Gebet! Und das große Gebet: Das ist das Leben! Unser Leben wird zum Gebet, wenn alles, was wir tun, in innerer Verbindung mit Gott geschieht; was nicht heißt, dass man ständig an Gott denken muss, sondern dass wir aus dieser Kraft leben: Gott du bist meine Stärke!

Von daher: Pflegt das kleine Gebet – und gönnt euch Zeiten, in denen ihr zur Ruhe kommt und in euch hineinhorcht und dieser Stimme zuhört, die zu euch spricht: Wie bei Maria im heutigen Evangelium! Aber lasst euch auch wie Martha in den Dienst nehmen und werdet mit dem, was ihr tut und wirkt, zu Werkzeugen, mit denen Gott den Menschen seine Liebe zeigt.