Über Freundschaft, Liebe und Verrat

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Liebe Schwestern und Brüder,

Kennt ihr das, wenn ein Mensch einen so richtig enttäuscht? Eine Person, die einem immer das Gefühl gegeben hat für einen da zu sein, auf den man sich so richtig verlassen kann, und das auch öffentlich sagt: Und wenn es denn mal drauf ankommt…. Nichts!

So jemanden so zu vergeben ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Zerstörtes Vertrauen wiederzugewinnen ist so schwer. Solche Verletzungen heilen sehr langsam, und manchmal gar nicht! Und das ist auch nur allzu menschlich!

Ich hab es auch schon erlebt, dass Leute mir gesagt haben: Jetzt reg dich nicht so auf! Du musst auch mal über deinen Schatten springen können. Müssen Christ:innen nicht verzeihen können! Ehrlich gesagt, wenn mir jemand mit der christlichen Moralkeule kommt, dann werde ich noch saurer!  Wenn ich tief enttäuscht wurde, dann kann ich nicht darüber hinweggehen: denn das verändert was in der Beziehung zum anderen!

Auf jeden Fall ist es für denjenigen, der jemand anderen im Stich gelassen hat, ganz schrecklich, dem Verratenen unter die zu treten! Man schämt sich ja, dass man einerseits immer so getan hat, als wäre man der verlässlichste Freund, aber dann so krass gescheitert ist.

Ich glaube, um so eine „peinliche“ Situation geht es auch im heutigen Evangelium. Es wird die Geschichte erzählt, wie Jesus Petrus dreimal fragt: „Liebst du mich?“ Das ist nur verständlich auf dem Hintergrund verschiedener anderer Episoden Evangelium Jesu, in denen es um die Beziehung Jesu mit Petrus als dem ersten der Jünger geht.

Erinnern wir uns an die Fußwaschung: Jesus will Pascha-Mahl mit seinen Jüngern halten. Seinen Gästen will er die Füße waschen. Doch Petrus empört sich: Warum die Füße? In seiner Vorstellung ist Jesus einer der sich nicht so erniedrigen sollte. Also Jesus nicht lockerlässt, sagt er: „Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt!“ Er hat gar nicht verstanden, worum es geht.

An anderer Stelle hatte Petrus schon sich vordergründig stark gemacht für Jesus und dabei gar nicht verstanden, worum es eigentlich geht. Als Jesus zum Beispiel seinen Jüngern klar machte, dass sein Weg ans Kreuz führen würde, begann Petrus Jesus sogar zurecht zu weisen, wie es im Matthäusevangelium heißt: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“

Da wird Jesus aber ganz scharf uns sagt wörtlich: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ So reden Freunde miteinander…

Und im Lukasevangelium lesen wir, wie Petrus zu ihm: „Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ Und später tritt genau das ein, was Jesus vorausgesagt hatte: „Ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.“ 

Ihr erinnert euch, was in der Passionsgeschichte am Karfreitag vorgelesen wurde

„Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen.  Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht.  Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht!  Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer. Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn.“

Und nun folgen einiger erschütterndsten Zeilen des Evangeliums. Bei Johannes heißt es, nach dem dritten Verrat und dem Krähen des Hahns: „Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

Auf dem Hintergrund dieses totalen Scheiterns dieser Freundschaft müssen wir das Evangelium Tages lesen.

Würden wir nach so einem Verrat nicht auch dreimal nachfragen müssen: Petrus, liebst du mich wirklich? Jesus hätte an dieser Stelle allen Grund gehabt, alles nochmal aufzumachen, ihm vor die Nase zu halten, wie er ihn im Stich gelassen hat. Und besonders peinlich ist es, weil Petrus gewohnt war, im so großspurig aufzutreten „Ich bin der erste, der für dich da ist!“

In dem Text geht es um den Auftrag Jesu an seine Jünger:innen: Konkret ist das im Bild des Fischfangs ausgedrückt: Gemeint ist damit, dass Menschen für die Botschaft Jesu „gefangen“ werden soll. Und übrigens war auch Petrus wieder ein ganz eifriger: Als Jesus erscheint und die Fischernetze voll sind, rafft er erst gar nicht, dass es Jesus ist. In der Bibel heißt es ,dass Johannes dem Petrus erst sagen muss: „Es ist der Herr!“ Uns was macht er: Er springt gleich in den See, wahrscheinlich um das Fischernetz einzuholen, was am Ende die anderen Jünger machen!

Die Bibel ist recht sparsam damit auszudrücken, was in Jesus und was in Petrus vorgeht: Wir erfahren, dass Petrus traurig wird, dass Jesus so oft nachfragt. Aber auf dem Hintergrund der Vorgeschichte dürfen wir davon ausgehen, dass das ein extrem angespannter Moment war. Ein Augenblick, wo einem das Herz weh tut und der ganze Schmerz des Verrats und die Trauer um die verloren gegangenen Ideale wieder hochgekommen ist.

Wir werden später das Lied „Dreimal“ singen, an das mich eine besondere Erinnerung an die Corona-Zeit bindet. Aufgrund des Titels „Dreimal“ hatte ich beim ersten oberflächlichen Hören immer gedacht, dass es um den dreimaligen Verrat geht. Das stimmt auch, auch nicht nur darum. Es geht auch um die dreimalige Frage: „Liebst du mich“ Und ich lade euch ein, nachher beim Singen des Liedes einmal darauf zu achten.

Was das Lied aber wunderschön ausdrückt, und das soll die Botschaft des heutigen Evangeliums sein, ist wie trotz des Scheiterns, trotz des Schmerzes und der Scham – wo man das Gefühl hat, das kann nie wieder was werden – wie trotzdem sich eine Perspektive in die Zukunft eröffnet. Petrus wird nicht aus dem Jüngerkreis ausgeschlossen, sondern er wird trotzdem eine wichtige Rolle in der Jüngerschaft spielen.

In diesen Tagen erwarten wir ja das Konklave, und ich selber habe ja 10 Jahre für den Papst im Vatikan gearbeitet. Bevor ich nach Rom ging, habe ich in Düsseldorf gelebt, wo wir immer ökumenische Vespern gefeiert haben. Einmal hat die evangelische Pfarrerin Renate Zilian über den Hl. Petrus gepredigt, der ja nach katholischem Verständnis der erste Papst war. Sie erinnerte daran, dass Petrus ja „Der Fels“ bedeutet, auf den Jesus seine Kirche bauen will. Den Namen hatte Jesus selbst ihm gegeben. Und just dieser Fels verrät Petrus.

Das Lukasevangelium berichtet, was nach der Verleugnung passiert: „Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“ Und Pfarrerin Zilian sagte, für sie sei es tröstlich, dass die Kirche gebaut sei auf einen Felsen, der weinen kann!

Ich werde das mein Lebtag nicht vergessen. Nicht nur dass ich nun mehr Mitleid mit den Päpsten hab, sondern auch weil ich sehe wie wir alle als Personen, die Jesus nachfolgen, damit rechnen müssen, dass wir scheitern. Aber das im Glauben sich Perspektiven in die Zukunft öffnen. Weil die Freundschaft Jesu, sein Liebe, sein „Liebst du mich?“ stärker ist als jeder Tod und Verrat!