Gott im Beton-Jungle

Liebe Gemeinde,

Mir hat das Semesterthema, das die letzte Gemeindeversammlung gewählt hat, sehr gefallen: Gott im Beton-Dschungel!

Hier in Berlin ist das Thema ja auch naheliegend: Die Bundeshauptstadt ist die größte Metropole Deutschland. Fast 4 Millionen Menschen leben hier, und zusammen mit dem Umland sind das sogar 6 Millionen!

Obwohl ich mittlerweile acht Jahre hier lebe, bin ich erstaunt, wie lange man in Berlin unterwegs sein kann; und trotzdem ist man noch nicht aus der Stadt raus: Zum Beispiel: Die Frankfurter Allee: Man fährt und fährt und kilometerlang Plattenbauten, die gar kein Ende nehmen.

Ich fand auch das Bild vom Dschungel schön: Einerseits fasziniert der Dschungel: Da ist viel Leben. Da kreucht und fleucht es und ganz exotische Dinge kann man zu Gesicht bekommen: Und das trifft auf Berlin wahrlich zu! Ich finde den Unterschied schon krass zwischen dem Feeling hier in Berlin – auch wenn das von Kiez zu Kiez auch noch mal total anders sein kann! – und dem Feeling, wenn ich in Hamburg unterwegs bin oder gar im schicken München! Und die Werbung verstärkt das („Berlin, du bist so wunderbar“) und verkauft das „ExtravagantSein“ als „Unique selling Point“. Auch wenn ich ehrlich sagen muss: Viele „bunten Vögel“ hier in Berlin sehen am Ende doch irgendwie immer gleich aus! Aber das ist ein anderes Thema!

Der Dschungel – ich meine den echten Dschungel im Amazonas – beherbergt aber nicht nur bunte Vögel, sondern auch gefährliche Tiere. Im Dschungel kann am sich verlieren, und es besteht immer die Gefahr, dass man sich Gestrüpp verirrt. Auch das trifft auf Berlin zu! Und ich spreche da auch aus eigener Erfahrung! Ich habe vorher zwar auch in einer Metropole gelebt – und zwar in Rom. Aber da war es anders, vieles war doch traditioneller, und die Stadt am Tiber hat mit anderen Problemen zu kämpfen!

Hier in Berlin habe ich das Gefühl, dass es einerseits wirklich mehr Freiheit gibt, was viele inspiriert und ihnen hilft sie selbst zu sein, andererseits fehlt aber manchmal der Halt. Anything goes. Und du kannst zwar machen, was Du willst: Aber sehr wahrscheinlich interessiert das auch keinen! Viele verlieren sich im Berliner Dschungel! Und nicht wenige stürzen sogar richtig ab! Aus Gesprächen hier aus der KSG weiß ich, dass die Zugezogenen das Leben hier in Berlin oft als Herausforderung erleben!

Unser Semesterthema spricht vom Beton-Dschungel: Auch das finde ich spannend. Ich habe übrigens versucht das zu recherchieren – Berlin gehört zu den grünsten Städten Europas gehört. Allein etwa 29.000 Hektar Wald befinden sich auf dem Stadtgebiet. Und ganz ehrlich: Im Vergleich zu Rom ist Berlin wirklich viel grüner: In der Stadt stehen überall Bäume und sorgen im Sommer für Kühle, während in Rom sowohl in der Altstadt als auch in den Neubaugebieten weit und breit kein Baum zu sehen ist. Im Sommer ist das dann wie ein Ofen!

Trotzdem steht der Beton natürlich für etwas, was ich nachfühlen kann: Nämlich für eine vom Menschen künstlich veränderten Welt, die sich von der Natur entfernt hat und tendenziell lebensfeindlich ist! Grade wenn ich durch so Plattenbausiedlungen fahre, empfinde ich das sehr stark. Bestimmt habt ihr schon mal „Urban Gardening“ Projekte gesehen, wo mitten in der Stadt Menschen kleine Oasen schaffen, um einen Gegenakzent gegen den Beton zu setzen! Bei mir in der Schwedter Straße zum Beispiel, wo ich mit meiner Dominikanerkommunität wohne, kümmern sich einzelne Anwohner um diese quadratischen Inseln aus Erde, die jeweils um die Straßenbäume angelegt sind und pflanzen da Tulpen oder Gräser, oder bauen eine Sitzbank, damit man sich einfach auf der Straße hinsetzen kann!

Der Hammer im Semesterthema ist halt das erste Wort: Gott! Und in diesem Dschungel soll Gott sein? Ich musste gleich an den Filmklassiker von Wim Wender aus dem Jahre 1987 denken: Der Himmel über Berlin! Der Film handelt von unsichtbaren, unsterblichen Engeln, die Berlin bevölkern, den Gedanken der menschlichen Bewohner lauschen und den Verzweifelten Trost spenden. Obwohl die Stadt dicht besiedelt ist, sind viele Menschen nämlich isoliert oder von ihren Lieben entfremdet. Und diese Engel stellen eine verborgene Präsenz dar, die dieser Stadt ihre Brutalität nimmt und die Menschlichkeit zu ihrem Recht verhilft. Vielleicht können wir uns diesen Film in diesem Semester noch einmal anschauen. Wim Wenders wohnt übrigens hier im Kiez. Sollen wir ihn einladen?

Aber ist das wirklich so? Können wir Gott in dieser Stadt finden? Ich wäre kein katholischer Priester, wenn die Antwort auf diese Antwort nicht Ja lauten würde. Irgendwie erwartbar von einem Kirchenvertreter!

Aber so platt ist es glaube ich nicht! So wie bei Wim Wenders ist diese Gegenwart alles andere als offensichtlich. Und wir sollten uns hüten, das einfach so zu behaupten, schließlich kennen wir alle genug Leute, die uns mitleidig belächeln, wenn wir von unserm Glauben sprechen oder die im besten Fall sagen: „So einen Glauben hätte ich auch gern!

Im heutigen Evangelium wird uns die Geschichte vom sog. „Ungläubigen Thomas“ erzählt, und die passt sehr gut in unsere Situation! Wer hätte nicht auch gern Fakten wie Thomas! Dann wäre es auch mit dem Glauben nicht so schwer und die Relevanz für den Alltag offensichtlich! Aber nein: Diese Präsenz ist eben nicht so sonnenklar. Übrigens auch nicht bei Thomas im Evangelium, denn es wir nicht erzählt, ob Thomas am Ende seinen Finger in die Seite Jesu gelegt hat!

Ich freue mich jedenfalls, mich in diesem Semester zusammen mit euch auf die Suche zu begeben nach diesem Gott im Beton-Dschungel! Die Programmkommission hat spannende Veranstaltungen geplant, die dieser Frage nachgehen. Auch in unseren Gottesdiensten wird das immer wieder Thema sein, oder auch bei unseren spirituellen Angeboten, wie dem Theologie-Sofa, der rAuszeit und vielem anderem mehr! Auch im Chor und Musik spiegelt sich diese Suche wider.

Was ich uns allen wünsche, ist eine Spiritualität der Offenen Augen und des hörenden Herzens: Ich glaube nämlich, dass wir nur fündig werden, wenn wir außerhalb der ausgetretenen Pfade suchen gehen: So wie es sich in einem Dschungel gehört!

Deswegen – ganz ehrlich – liebe ich Berlin! Auch wenn diese Stadt manchmal ein Moloch ist, der den Menschen nicht gut tut. (Ich kenne übrigens einige Menschen, die deswegen diese Stadt verlassen oder verlassen werde, weil sie ihnen nicht gut tut!) Und trotzdem ist der Beton-Dschungel – wie es im Buch Exodus bei Moses heißt – für mich „Heiliger Boden“ (vgl. Exodus 3,5).

Wie eine Expedition stelle ich mir dieses Semester vor! Ein bisschen aufregend, weil wir nicht wissen, was uns erwartet, aber irgendwie auch ein tolles Abenteuer!

Und wie bei einer echten Expedition erreichen wir unsere Ziele am besten gemeinsam: Mit unseren unterschiedlichen Charakteren und Begabungen. Im Teilen von Freud und Leid. Hier in der KSG kann man Freundschaften schließen – und manchmal auch mehr! Für mich eines dieser vielen wunderbaren und oft unerwarteten Fundstücke in diesem Dschungel!

Im Johannesevangelium heißt es im Prolog: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“  (Joh 1,14).

Machen wir uns auf die Suche – nach diesem Gott, der mitten uns im Beton-Dschungel wohnt! Lasst uns aufbrechen zu unserer Großstadtexpedition! Amen.